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Bertarido

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  • »Bertarido« ist männlich
  • »Bertarido« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 707

Registrierungsdatum: 24. April 2014

1

Donnerstag, 21. Juli 2016, 18:01

Die vor-gregorianische Einstimmigkeit

Dank Alfreds unermüdlicher Bestrebungen, der Musik des Mittelalters mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, habe ich mich in der letzten Zeit etwas mit der Kirchenmusik der Prä-Gregorianik befasst, die zum Teil schon in der Spätantike entstand. Vor der Vereinheitlichung der Liturgie in der Karolingerzeit gab es große regionale Unterschiede in der liturgischen Praxis. Das Lateinische setze sich erst vom 4. Jahrhundert an nach und nach durch, vorher war das Griechische ebenso häufig anzutreffen. Es ist üblich, fünf regional ausgeprägte musikalische Praktiken zu unterscheiden:
  • Der ambrosianische Gesang der Mailänder Kirche Norditaliens (nach dem Heiligen Ambrosius benannt), der als die älteste Kirchenmusik des Abendlandes gilt;
  • der beneventanische Gesang Süditaliens (nach der bedeutendsten Stadt in diesem Teil des langobardischen Herzogtums);
  • die Gesänge der römischen Kirche (noch byzantinisch geprägt und „altrömisch“ genannt in Abgrenzung zum späteren gregorianischen Gesang);
  • der mozarabische Gesang der Christen in Spanien und
  • der gallikanische Ritus in Gallien, der weitgehend in der Gregorianik aufgegangen zu sein scheint und daher schwer abgrenzbar ist.

Ich habe die Einspielungen dieser prä-gregorianischen Gesänge durch das Ensemble Organum unter Marcel Pérès und bin tief ergriffen von dieser Musik.




Gibt es andere Liebhaber und (im Gegensatz zu mir) vielleicht auch Kenner dieser Musik? Wie sind die Aufnahmen von Pérès zu beurteilen? Existieren Alternativen dazu? Ich freue mich über Beiträge. :hello:

Caruso41

Prägender Forenuser

  • »Caruso41« ist männlich

Beiträge: 3 394

Registrierungsdatum: 19. November 2010

2

Freitag, 22. Juli 2016, 16:21

habe ich mich in der letzten Zeit etwas mit der Kirchenmusik der Prä-Gregorianik befasst, die zum Teil schon in der Spätantike entstand. Vor der Vereinheitlichung der Liturgie in der Karolingerzeit gab es große regionale Unterschiede in der liturgischen Praxis......


Viel, lieber Bertarido, kann ich zur Beantwortung Deiner Frage nicht beitragen. Ich versuch mal, stichpunktartig das zu sagen, was ich weiß.

Man muss grundsätzlich bedenken, dass in den frühchristlichen Gemeinden die Musik zunächst eher nicht heimisch war, ja eigentlich sogar als heidnisch galt. Mit rituellen Tänzen, einer Erregung und Ekstase, mit magischen Beschwörungen und dem Rausch der Sinne wollte man nichts zu tun haben. Maßstab war - wie Ratzinger das ausdrückte - der Logos. Gläubige sollten von Wahrheit erfasst werden. Dionysisches galt als zerstörerisch.
Clemens von Alexandrien (≈150 -215) schrieb so schön:
"Die Etrusker benutzen im Gottesdienst wie beim Krieg die Trompete,
die Arkadier die Panflöte, die Sizilianer die Harfe, die Kreter die Leier,
die Lakedämonier die Flöte, die Ägypter die Posaune, die Araber die Zimbel.
Wir dagegen verwenden nur ein Instrument,
das Wort des Friedens, mit dem wir Gott ehren!"

Trotzdem war Musik im 1. u. 2. Jh. vereinzelt in gottesdienstlichen Versammlungen gebräuchlich.
Dabei spielten verschiedene Einflüsse eine Rolle:
Anknüpfung an die Tradition jüdischer Tempelgesänge
Aufnahme von melodischen Formeln aus verschiedenen Regionen (Syrien, Antiochia u. a.)
Orientierung an griechischen Hymnen (== Orientierung an Musiktheorie der Griechen).
Du hast ja einige regional ausgeprägte musikalische Praktiken genannt, die allerdins so erst im 5. Jahrhundert ausgebildet waren (Und die Unterschiedung íst etwas akademisch-formaler als es in der Praxis anzutreffen gewesen sein dürfte) .

Aber was war denn nun "Musik"?

Die Gemeinde dürfte an verschiedenen Stellen mit Gesang beigetragen haben.
Akklamationen wie „Jesus ist der Herr“
Rufe wie „Amen“ oder „Maranatha“ (Erwartung auf die Widerkehr) oder „Halleluja“
Doxologien (Rühmen der Herrlichkeit Gottes) „Unserem Gott und Vater sei die Ehre in Ewigkeit“
Hymnen und hymnische Stücke (metrische Dichtungen).

Teile der Liturgie dürften solistisch oder zwischen Solist und Gemeinde aufgeteilt gesungen worden sein.
Texte wurden wohl vielfach in Kantillationsform deklamiert.
Psalmen wurden wohl auch solistisch oder zwischen Solist und Gemeinde aufgeteilt gesungen

Allerdings: In Antike wurde zwischen Sprechen und Singen kaum scharf unterschieden.
Charakter: Der Gesang war mit Sicherheit einstimmig, modal – d. h. in den von den Griechen übernommenen tonalen Ordnungsprinzipien - allerdings melismatisch durchaus reich.
Aber: Kein Instrumentalmusik.
Kein Tanz.

Im 3. und verstärkt dann 4. und 5. Jahrhundert wurde die Offenheit und Vielfalt der gottesdientlichen Paxis zunehmend eingeschränkt. Es kam zu einer institutionelle Festigung des Gottesdienst, zur Herausbildung spezieller christlicher Liturgien und ihre Kanonisierung.

In dem Prozeß Musik gewinnt die Musik einen festen Stellenwert.
Dafür gab es verschiedene Gründe und damit waren unterschiedliche Erwartungen verbunden:
• Akustik – in größeren Räumen trägt die Singstimme besser
• Disziplinierung (Zitat Ambrosius von Mailand (333-397): "Was hat man nicht für Arbeit, in der Kirche das Volk zum Schweigen zu bringen. Sobald aber der Psalm ertönt, wir alles still.")
• Gemeindebildung – Förderung der Gemeinschaft durch gemeinsames Singen
• Emotionales Erleben steuern und religiöse Erfahrung vermitteln. (→ zahllose Äusserungen)
• Musik wurde ordnende und heilende Kraft zugetraut ( Zitat Johannes Chrysostomus (†407): "Nichts erhebt die Seele auf ähnliche Weise, nichts beflügelt sie so, befreit sie vom Irdischen, löst sie von den Körperfesseln, gibt ihr Liebe zur Weisheit ein und lässt sie alle dem irdischen Sein gehörigen Dinge spöttisch missachten, wie der melodische Gesang und der auf der Zahl beruhende Bau heiliger Hymnen".)

Musik hat damit ab dem 4. oder 5. Jahrhundert eine funktionale Relevanz in der religiösen Praxis.
Ihr letzter Bezugspunkt ist nicht die Idee des Schönen (wie in der Antike) sondern die Gottesidee!
Anders gesagt:
In der Antike war
Kunst der Idee des Schönen verpflichtet (Frage der Ästhetik)
Im christlichen Mittelalter hingegen war
→ Kunst der Idee des Guten verpflichtet (Frage der Moral)
→ Kunst der Gottesidee untergeordnet (Frage der Religion)

Zentrale Bestimmung der Musik →→→ "Soli Deo Gratia" →→→ d.h. Gott loben und preisen.

Wie das nun, und das wolltest Du ja wissen, geklungen hat, vermag ich nicht zu sagen.
Da fehlen mir einfach Quellen.
Sicher scheint mir, dass in der Tradition der griechischen Antike eine mathematisch-rationale Musikauffassung leitend war. Das deutet ja auch schon das Zitat von Johannes Chrysostomus an!
Musik war eine der vier freien Künste
(neben Arithmetik, Geometrie und Astronomie)
• die mit Zahlen zu tun haben und
• die harmonische Ordnung von Gottes Schöpfung darstellen.
Schon Pythagoras verdanken wir ja die Entdeckung der Intervallproportionen. Und bei Boethius (≈ 480 – 524) werden Töne und Intervalle als Zahlenrelation begriffen. Hinter den sinnlich wahrnehmbaren Phänomenen steht unkörperliche Realität.....
Aber das führt jetzt in die Gefilde der Musiktheorie und Theologie. Ein spannendes Feld. Aber das läßt sich nicht mit einem kurzen Forumsbeitrag erschließen.
Dieser ist ohnehin schon zu lang geworden. Hoffentlich hat er Dir geholfen - wenn er auch keine Antwort auf Deine Frage gibt.


Mit besten Grüßen

Caruso41

.
;) - ;) - ;)

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

Bertarido

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3

Freitag, 22. Juli 2016, 16:38

Sehr interessant, vielen Dank, lieber Caruso :hello:

m-mueller

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4

Samstag, 7. Januar 2017, 00:31

wie sich ganz frühe Musik angehört hat, ist eher Spekulatius: die frühen Notensysteme waren wenig geeignet, Tonhöhenunterschiede zu dokumentieren. Erst ab ca. 1025 erfand der Mönch Guido de Arezzo das System mit 3 bzw. 4 Notenlinien - eine der frühesten aufgeschriebenen Musiken ist z.B. Hildegard von Bingen: Canticles of Ecstasy


m-mueller

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Registrierungsdatum: 9. Januar 2007

5

Samstag, 7. Januar 2017, 00:31

wie sich ganz frühe Musik angehört hat, ist eher Spekulatius: die frühen Notensysteme waren wenig geeignet, Tonhöhenunterschiede zu dokumentieren. Erst ab ca. 1025 erfand der Mönch Guido de Arezzo das System mit 3 bzw. 4 Notenlinien - eine der frühesten aufgeschriebenen Musiken ist z.B. Hildegard von Bingen: Canticles of Ecstasy