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Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich
  • »Alfred_Schmidt« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18 435

Registrierungsdatum: 9. August 2004

1

Montag, 30. Januar 2017, 23:05

Geschmackswandel in der Kammermusikszene?

Angeregt zu diesem Thread wurde ich, als lutgra in einem anderen Thread erklärte, er habe ein Aufnahme von Mozart Streichquintetten mit dem Amadeus Quartett nicht zu Ende hören können, es sei unerträglich gewesen. Nun zählte ja das Amadeus Quartett zu Zeiten ihres Wirkens als eines der Besten. Zumindest hat uns die DGG das nahegelegt. Er folgten dann weitere Quartettformationen, die ebenfalls lutgras Missfallen erregten. Nun ja - Geschmackssache, könnte man sagen und die Achseln zucken, aber solch kritische Anmerkungen findet man im Internet immer wieder. Und da erhebt sich die Frage, ob ein allgemeiner Geschmackswandel stattgefunden hat - und wenn ja in welche Richtung? Oder ob beispielsweise die Ansprüche signifikant gestiegen sind, und man, was einst toleriert wurde, heute nicht mehr gelten lässt???

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 257

Registrierungsdatum: 12. August 2005

2

Dienstag, 31. Januar 2017, 16:41

Meinem Eindruck nach konzentriert sich die (nicht unberechtigte) Kritik am Amadeus Quartett hauptsächlich auf die eigentümliche Spielweise des Primarius, die als manieriert wahrgenommen wird und die Homogenität des Klangs stört. Der zweite, ebenfalls nicht ganz von der Hand zu weisende Kritikpunkt ist: Sie spielen "alles wie Brahms". Vielleicht ein wenig pauschal geurteilt, aber eben romantisch, mit großem Ton, eher flächig als feingliedrig. Ich bin mir relativ sicher, dass es diese Einwände auch schon früher gegeben hat.

Man muss auch sehen, dass die Konkurrenz anderer Ensembles, zumal wenn man Verbreitung und leichte Erreichbarkeit auf Platten dazunimmt, noch in den 70ern nicht groß war. Bei den Mozart-Quintetten dürften typischerweise noch Aufnahmen mit dem Budapest (entweder historisch oder aus der spieltechnisch und anderweitig eher durchwachsenen Spätzeit des Ensembles) und dem Juilliard Quartett erhältlich gewesen sein. Schreiber empfiehlt in seinem Führer Ende der 1970er z.B. das Amadeus Quartett bei Mozarts Quartetten und Quintetten, bei Beethoven aber nur teilweise und eingeschränkt, vermutlich einfach weil es bei Beethoven damals schon deutlich mehr andere hochklassige Optionen gegeben hat.

Es gab und gibt m.E. zu unterschiedlich klingende Ensembles mit sehr erfolgreichen Konzert- und Tonträgerkarrieren, als dass man einen Geschmackswandel konstatieren könnte. Einzig ein sehr warmer, voller, orchestral tendierender Klang (wie ich ihn mit einigen Aufnahmen des Quartetto Italiano verbinde) ist vielleicht "out". Aufgrund der Inhomogenität durch Brainins Eigenwilligkeiten entsprach das Amadeus Q. diesem Ideal aber eigentlich eh nicht.

Und, vermutlich sowohl durch historische Aufführungspraxis wie auch selbstverständliches Spielen von zeitgenössischer Musik (während bei etlichen Ensembles der 40er-70er allerspätestens bei Bartok Schluss war) scheint es mir eine gewisse Tendenz zu einem stärker differenzierten Klang auch bei den Klassikern zu geben. Also z.B. die ohnehin vorgeschriebenen Klangeffekte wie das Spielen am Steg (sul ponticello) am Ende des Prestos in Beethovens op.131 deutlich herausstellen und auch sonst Klangunterschiede, vibrato/non-vibrato usw. breiter und gezielter einzusetzen, gern auch mit extremer Dynamik (besonders im piano/pppp Bereich). Die auffälligsten Manieren etwa der neueren Aufnahmen/Mitschnitte des Hagen-Quartetts betreffen aber m.E. weniger den Klang als rubato/Temposchwankungen, auffällige Phrasierungen u.ä.

lutgra

Prägender Forenuser

  • »lutgra« ist männlich

Beiträge: 4 952

Registrierungsdatum: 9. April 2013

3

Dienstag, 31. Januar 2017, 19:19

Ich bin mir relativ sicher, dass es diese Einwände auch schon früher gegeben hat.

Auch bei mir rangiert das 2. Streichsextett ein wenig vor dem ersten. Nach wie vor favorisiere ich die alte Aufnahme mit dem erweiterten Amadeus-Quartett, die auch klangtechnisch hohen Ansprüchen genügt.
Glücklicherweise spielt das Amadeus-Quartett - vielleicht wegen der Erweiterung - die Serenaden nicht ganz so deutlich mit dem typischen "weinerlichen" Ton (bitte mich wegen dieser Formulierung nicht steinigen!), der ihnen bei vielen, dennoch hochrangiegen, Quartettaufnahmen der sechziger Jahre zu eigen war.

Wie man sieht, ist das anderen Taminos früher auch schon aufgefallen. Ein schwieriges Thema, da ich als Laie nicht beurteilen kann, ob es sich hier um technische Unsauberkeiten, ein bestimmtes Stilmittel oder eine Marotte handelt. Etwas ähnliches hatte ich ja auch beim Primarius des New Budapest String Quartet moniert, dessen Spohrquartett-Aufnahmen ich auch wieder abstossen werde.

Klar ist sicher, dass heute in der Regel mit schlankerem Ton gespielt wird und auch dem jeweiligen Komponisten angemessen, d.h. Haydn und Mozart werden anders gespielt als Brahms oder Dvorak. Bei einem kürzlich Anhören einer Aufnahme des Dvorak'schen Streichquintetts mit dem erweiterten Smetana Quartett aus den 70er Jahren habe ich bemerkt, dass mir auch diese sicher authentisch böhmische Lesart an einigen Stellen zu "fett" klingt.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 257

Registrierungsdatum: 12. August 2005

4

Dienstag, 31. Januar 2017, 21:49

Gerade bei Aufnahmen vor 1950 dürfte allerdings der Einfluss der Klangtechnik schwierig zu subtrahieren sein. Es gibt definitiv auch sehr schlank und intim klingenden Kammermusikaufnahmen früherer Zeiten. Z.B. Budapest Quartet, besonders bis/um 1940. Mit am "fettesten" klingen für mich (wenn auch nicht durchgehend) eher Ensembles der 60er bis 80er, also eher noch jünger als das Amadeus und je nach Musik halte ich das auch für einen legitimen Zugang: Italiano, Melos (z.B. beim Schubert-Quintett mit Rostropowitsch), Guarneri, ABQ, Suske würde ich alle grob in diese Richtung eines "großen" und eher warmen Klangs einordnen, vermutlich auch Küchl/Musikverein, wobei hier auch der Kontrast zwischen den direkteren und transparenten Decca- (hauptsächlich Mozart) und den tendenziell zu halligen (japanischen) Platz (Beethoven-GA) Einspielungen sehr deutlich ist.

Wieder weiß man nicht genau, wieviel die Klangtechnik und der Aufnahmeraum damit zu tun haben. (Ich habe zwar Quartette live gehört, aber nicht oft genug, nicht in ausreichend unterschiedlichen Räumen und keins der berühmten Ensembles, von denen wir hier sprechen. Ich war aber auch überrascht, wie in ein und demselben Konzert ein Quartett beim Ravel-Quartett fast zu "mickrig", jedenfalls ziemlich schlank und intim klingen, beim Franckschen Klavierquintett aber die volle romantische Breitseite liefern konnte.)
Das Juilliard Q klingt fast immer eher drahtig und die oft sehr direkte und trockene Klangtechnik verstärkt das noch, dagegen sind einige Naxos-CDs mit dem Kodaly Q eher weich, fett, hallig, was sicher auch am Raum und der Aufnahmeweise liegt.

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich
  • »Alfred_Schmidt« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18 435

Registrierungsdatum: 9. August 2004

5

Dienstag, 31. Januar 2017, 23:13

Wir können das Thema ja grundsätlzich ein wenig erweitern. Die Aufnahmen, die Ich in meiner Jugend hörte waren in der Regel fast zu schlank und kaum räumlich (DGG, zb. Amadeus Quartett) erst in einem Livekonzert mit dem Haydn Trio Eisenstadt - in das ich übrigesn nicht gehen wollte - denn ich war damals kein Freund der Kammermusik wurden mirr die Ohren geöffnet. Es war eine jener Pflichtfreikarten, wo man gehen MUSSTE, damit man nicht aus dem Pool der Freikartenempfänger gekickt wurde (Es wurden stets halbleere Konzerte damit gefüllt), es war Sonntag, ich kleidete mich in aller Eile fürs Konzert an und fuhr in den Musikverein, Brahmssaal. Wie zumeist bleiben die teuersten Karten übrig, und so saß auch ich ganz vorne, wo ich sogar das Schnaufen des Cellisten hören konnte. Aber das war nur eine Nebensache. Erstmals hörte ich den harzigen Klang der Streichunstrumente und die Räumlichkeit. Die Wiedergabe war warm und körperhaft UND durchsichtig zugleich - etwas, das kaum eine Aufnahme schafft, wenngleich heutige Aufnahmen diesem Ideal oft näher kommen.
Ich habe übrigens die Beobachtung gemacht, daß "hallige" Aufnahmen, die in "historischen Locations" gemacht wurden über Lautsprecher eher verwischt klingen, wogegen der Kopfhörer ein wenig von der Akustik des Aufnahmeraumes mitliefert.
Bei trockenen Studioaufnahmen muß der Nachhall des Abhörraumes bei Lautsprecherwiedergabe den mangelnden Nachhall im Studio substituieren, mit Kopfhörer klingen solche Aufnahmen oft spröde und trocken.....

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix