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Rheingold1876

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1

Montag, 26. Juni 2017, 23:36

" ... wer weiß mir das schönste Lied?" Carl Loewe und seine Sänger



Die Lieder und Balladen von Carl Loewe (1796 bis 1869) haben Sängerinnen und Sänger beschäftigt, seit die Werke in Druck gegangen sind und Verbreitung fanden. Der Komponist selbst galt als sein bester eigener Interpret. Er begleitete sich selbst am Klavier, das er meisterlich beherrschte. Zeitzeugen äußerten sich tief beeindruckt von seiner Tenorstimme, die einen ungewöhnlichen Umfang besessen haben muss und bis in Tiefen des Basses reichte. Grühmt wird in mehreren Quellen der Vortrag der Ballade "Die nächtliche Heerschau". Aus Wien schrieb er an seine Frau: "Es ist, als ob die Wiener bei meinen Sachen wie in einen Zauberkreis gebannt wären." Mit entsprechenden Programmen reiste er durch Deutschland und angrenzende Länder. Dies war aber nur im Sommer möglich, da Loewe in Stettin als Gymnasiallehrer und städtischer Musikdirektor Residenzpflicht hatte und sich nur für jeweils wenige Wochen im Jahr freimachen konnte. Im Sommer aber kam das Konzertleben in den Ballungszentren fast zum Erliegen, weshalb der fahrende Sängerkomponist auch mit Veranstaltungen im kleinen Kreis vorlieb nehmen musste. Das Stettiner Ämter übte Loewe 46 Jahre lang aus. Nach seinem Tod gab der Theologe Max Runze (1849 bis 1931) mit Unterstützung der Familie die Werke Loewes in siebzehn prachtvollen Bänden heraus und trug so zu deren weiteren Verbreitung bei. Runze unterhielt auch Briefwechsel und persönliche Kontakte zu Sängern.

Die Zahl der Einspielungen ist Legende. Niemand hat sie bisher gezählt und dokumentiert. Der einem alten schottischen Adelsgeschlecht entstammende Historiker Ian R. Lilburn (1927 bis 2013) hatte eine Tonträger-Sammlung aufgebaut, die als die umfangreichste ihrer Art gilt. Noch zu Lebzeiten vermachte er sie der Internationalen Carl-Loewe-Gesellschaft, die ihrer Sitz in Löbejün, dem Geburstort Loewes hat. Eine der ältesten Plattenaufnahmen ist die Ballade "Heinrich der Vogler" mit dem Bassbariton Karl Scheidemantel von 1902, eine der jüngsten Einspielungen sind vier Balladen auf einer Sammel-CD des noch jungen Baritons Kay Stiefermann. In loser Folge sollen in diesem Thread Sängerinnen und Sänger mit ihren Interpretationen von Liedern und Balladen Carl Loewes vorgestellt werden. Das Thema ist offen, Beiträge und Kommentare sind willkommen.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Rheingold1876

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2

Montag, 26. Juni 2017, 23:44

Ladislav Mráz



Als erster Sänger soll der tschechische Bass-Bariton Ladislav Mráz (1923 bis 1962) vorgestellt werden. Mit der ungewöhnlich erscheinenden Auswahl möchte ich zunächst meinen Dank an unser Forumsmitglied Caruso abstatten, der mir die Aufnahmen großzügig zur Verfügung stellte. Es kann - zweitens - nicht verkehrt sein, ein Thema über den immer noch verkannten Loewe von außen her anzugehen und nicht gleich mit den Barden zu beginnen. Letztlich aber ist diese Platzierung durch die Interpretation selbst gerechtfertigt. Auf der Platte des Labels Supraphon singt Mráz, begleitet von Alfred Holecek, vier Titel, die zu den besten und bekanntesten Schöpfungen Loewes gehören: "Der Nöck", "Der Wirtin Töchterlein", "Spirito Santo" und "Archibald Douglas". Die Aufnahmen stammen von 1953. Mráz war damals, man möchte es kaum glauben, erst dreißig Jahre alt. Er klingt viel reifer, hat eine auffallend weiche, ja sanfte Stimme mit gutem Sitz. Sein Vortrag ist außerordentlich musikalisch, nicht deklamatorisch, wie Loewe auch gesungen wurde. Perfekt ist sein Deutsch. Nur bei einigen Ch-Lauten verrät sich der Fremdsprachler. Wer die Texte nicht auswendig und im Geiste mitzusingen weiß, versteht jedes Wort. Für Balladen ist das eine zwingende Voraussetzung, weil ja Geschichten in musikalischer Umrahmung erzählt werden. Am besten gelingt ihm nach meinem Eindruck der "Nöck", die Ballade über jenen Wassergeist, der in vielerlei Gestalt in der europäischen Mythologie sein Unwesen treibt, nicht immer zum Vorteil derer, die ihm begegnen, und den Richard Wagner sogar als Strömkarl im Venusberg seines Pariser "Tannhäuser" hatte auftreten lassen wollen. Es sprudelt und rauscht in diesem Werk. Ein Zustand, den Mráz mit angemessenen stimmlichen Mitteln zu gestalten weiß, indem er Linien wie Wellen bis zu zehn Sekunden und länger hält, ohne Atem zu holen. Die Vorlage stammt von August Kopisch, der auch die von Loewe komponierten "Heinzelmännchen" schuf. In Ermanglung einer dieser Loewe-Balladen stelle ich die Arie des Kaspar "Schweig, damit dich niemand warnt" aus Webers "Freischütz" ein, gesungen von Mráz in Tschechisch.

Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

William B.A.

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3

Dienstag, 27. Juni 2017, 00:16

Kann ich auch Beiträge mit Sängerinnen und Sängern aus meiner Sammlung vorstellen, lieber Rüdiger?

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Rheingold1876

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4

Dienstag, 27. Juni 2017, 07:50

Lieber Willi, aber gerne doch. Der Thread ist offen.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

9079wolfgang

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5

Dienstag, 27. Juni 2017, 12:41

"Der Nöck" ist eines meiner Lieblingslieder von Loewe. Hier mit Heinrich Schlusnus:

W.S.

William B.A.

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6

Dienstag, 27. Juni 2017, 14:04

Dann will ich mal mit Wilhelm Strienz beginnen.

Wilhelm Strienz (* 2. September 1900 in Stuttgart; † 10. Mai 1987 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Opernsänger (Bass).

Nach Gesangsstudien bei Theodor Scheidl und Luise Reuss-Belce debütierte der gelernte kaufmännische Angestellte Strienz 1922 im Deutschen Opernhaus Berlin als Eremit in Webers Der Freischütz. In den Folgejahren profilierte er sich an den Opernhäusern von Wiesbaden, Kaiserslautern und Stuttgart. Zu seinen Rollen gehörten der Mephisto aus Gounods Margarete und Van Bett in Lortzings Zar und Zimmermann, aber auch zahlreiche Wagner-Partien.
Zwischen 1926 und 1933 arbeitete Strienz für den neu gegründeten Westdeutschen Rundfunk in Köln. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 wurde der Rundfunkintendant Ernst Hardt entlassen, Strienz trat der SA bei und wurde an die Berliner Staatsoper verpflichtet. 1935 sang er in einer Schallplatteneinspielung der Electrola Deutsch sein, heißt treu sein und Flieg, deutsche Fahne flieg![1] Anschließend entwickelte sich Strienz zu einem beliebten Interpreten volkstümlicher Musik im Rundfunk. 1936 sang er in der von der Nationalsozialistischen Kulturgemeinde bestellten Propagandafilm Ewiger Wald. Daneben nahm er weiterhin Opern-Engagements wahr und gastierte auch am Londoner Royal Opera House Covent Garden. 1937/38 sang er den Sarastro in der legendären Schallplatten-Einspielung von Mozarts Oper Die Zauberflöte mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Thomas Beecham.
Bekannt sind auch seine Interpretationen der von Carl Loewe vertonten Balladen Der Nöck von August Kopisch und Die Uhr von Johann Gabriel Seidl.
Wegen seiner großen Popularität forderte ihn das NS-Regime nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Teilnahme an der Rundfunksendung „Wunschkonzert für die Wehrmacht“ auf. Darin wurde er unter anderem mit Gute Nacht, Mutter von Werner Bochmann bekannt. Ab 1940 trat er auch als Solist in verschiedenen Kriegsliedern wie Soldat in Polen hervor, die auf Schallplatten eingespielt wurden. Daneben trat er in den Propagandafilmen Wunschkonzert (1940) und Fronttheater (1942) auf. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs nahm ihn Adolf Hitler im August 1944 in die Gottbegnadeten-Liste der neun wichtigsten Konzertsänger auf, was ihn von einem Kriegseinsatz, auch an der Heimatfront befreite.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit boykottierten ihn die deutschen Rundfunkanstalten vor allem in der SBZ, da sein Name in Verbindung mit der NS-Propaganda der Kriegsjahre gebracht wurde. Strienz setzte seine Gesangstätigkeit jedoch fort: Er machte erfolgreiche Tourneen und erhielt einen Vertrag der Schallplattengesellschaft Decca. 1963 beendete Strienz seine Sängerlaufbahn und zog sich ins Privatleben zurück.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Strienz
Ich möchte hier ein Lied vorstellen, das nach meinen Unterlagen das erste von Carl Loewe komponierte ist und das er 1944 mit Michael Raucheisen aufnahm und das im obigen Text nicht genannt wird, mich aber beim ersten Hören bereits faszinierte:

"Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot, op. 1 Nr. 1" (Edward) (Text: Johann Gottfried Herder)


Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

m.joho

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7

Dienstag, 27. Juni 2017, 14:14

Eine Aufnahme die unbedingt hierher gehört; für mich unübertrefflich mit Gerald Moore von 1957:

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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8

Dienstag, 27. Juni 2017, 15:18

Vermutlich ist er manchem zu glatt und geschönt, aber für mich ist Hermann Prey der ideale Interpret. Das mag zum einen an der Prägung liegen, zum andern an meinen favorisierten Balladen. Hermann Prey hat ja etliche Aufnahmen bei verschiedenen Schallplattenfirman gemacht (ebendso wie Dietrich Fischer Dieskau, den ich auch sehr schätze) Interessant ist übrigens daß die meisten Loewe Interpreten Baritone sind, wogegen Loewe selbst ja ein Tenor war, dessen Stummunfang indes auch sehr weitreichend nach unten hin war, was vermutlich einen Teil des Reizes seines Vortrags ausmachte.
Mein Lieblingsaufnahmen mit Prey waren jene mit Karl Engel als Begleiter (für Philips) Meine Lieblingsballade ist "Graf Eberstein" von Ludwig Uhland, dicht gefolgt vom "Hochzeitslied" von Johann Wolfgang Goethe. An dritter Stelle "Prinz Eugen" nach einem Text von Ferdinand Freilingrath.
Von der Melodie benützt Loewe hier Teile des Themas des "Prinz Eugen Lieds", dessen Texttichter unbekannt ist und das 1717 erstmals aufgezeichnet wurde. Die bekannte Melodie, die dann auch Loewe mitverarbeittete stamt von einem unbekannten Komponisten und wurde erstmal 1683 zum Text: „Als Chursachsen das vernommen, dass der Turk vor Wien was kommen“ nachweislich verwendet. Was Loewe indes draus macht, ist ein Kunstwerk, das angeblich schon Richard Wagner bewundert haben soll.



mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Caruso41

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9

Dienstag, 27. Juni 2017, 15:31

Lieber Rheingold!

Als erster Sänger soll der tschechische Bass-Bariton Ladislav Mráz (1923 bis 1962) vorgestellt werden. Mit der ungewöhnlich erscheinenden Auswahl möchte ich zunächst meinen Dank an unser Forumsmitglied Caruso abstatten, der mir die Aufnahmen großzügig zur Verfügung stellte.


Das ist ja ein tolles Geschenk: Du nimmst die Überspielung und Zusendung einer alten LP gleich zum Anlaß, einen eigenen Thread über Sänger von Carl Loewe zu starten. Und dann beginnst Du sogar diesen Thread mit dem tschechische Bass-Bariton Ladislav Mráz. Darüber habe ich mich sehr gefreut; und ich möchte Dir ganz herzlich dafür danken!

Gefreut hat mich auch, dass Du so treffende Worte für die Würdigung des außergewöhnlichen Sängers gefunden hast.
Für mich ist der so früh verstorbene Mráz einer der eindrucksvollsten Bass-Baritone der Nachkriegszeit - mit Sicherheit der musikalischste, vielleicht auch der, der mich mit seiner natürlichen Humanität am tiefsten berührt hat. Was hätten wir von ihm noch alles erwarten können?

Schön, dass wir gar nicht so wenige Aufnahmen von ihn haben. Eben auch seine Loewe- Balladen.
Die schätze ich ganz besonders, weil er jeden Bardenton und alle Äußerlichkeit meidet.

Am besten gelingt ihm nach meinem Eindruck der "Nöck", die Ballade über jenen Wassergeist, der in vielerlei Gestalt in der europäischen Mythologie sein Unwesen treibt, nicht immer zum Vorteil derer, die ihm begegnen, und den Richard Wagner sogar als Strömkarl im Venusberg seines Pariser "Tannhäuser" hatte auftreten lassen wollen. Es sprudelt und rauscht in diesem Werk. Ein Zustand, den Mráz mit angemessenen stimmlichen Mitteln zu gestalten weiß, indem er Linien wie Wellen bis zu zehn Sekunden und länger hält, ohne Atem zu holen.


Das Ausspinnen der melismatischen Phrase über etliche Takte ist in der Tat eine Meisterleistung der Atem- und Gesangstechnik! Sie ist aber - Du deutet das an - ein interpretatorischer Geniestreich! Wie er die Töne gleichsam auf den Kronen der Wellen schaukeln läßt, das ist absolut magisch. Das hat selbst ein Werner Hollweg nicht erreicht. Von anderen Sängern zu schweigen.
Aber auch die verschiedenen Stimmungen des Nöck - von unbefangen Heiterkeit in der ersten Strophe über die Betrübtheit nach der bösen Rede der Knaben bis zu der behaglichen Glückseligkeit des Schlusses - werden sehr fein und ungemein eindrücklich im Klang der Stimme gespiegelt! Das ist einfach große Gesangs- und Gestaltungskunst.

Allerdings finde ich den "Edward" nicht weniger eindrücklich. Wie er die Balance zwischen epischem Erzählen und auffahrender Dramatik trifft, scheint mir singulär. Vor allem realisiert er die Gemütszustände und Erregungen der handelnden Personen ohne alle äusserliche Theatralik. Aber das im Detail zu beschreiben, macht nicht viel Sinn, da kaum jemand die Möglichkeit hat, das hörend nachzuvollziehen!
L e i d e r ! ! !

Supraphon sollte der Aufnahmen wirklich wieder veröffentlichen!

Dir, lieber Rheingold, erst mal mein Kompliment und meinen allerbesten Dank!

Mit herzlichen Grüßen

Caruso41
;) - ;) - ;)

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Helmut Hofmann

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10

Dienstag, 27. Juni 2017, 19:36

Das ist ein hochinteressanter, vielversprechender und das Tamino-Kunstliedforum gewiss hochgradig bereichernder Thread, den Du da gestartet hast, lieber Rheingold. Er verdient die von Caruso emphatisch ausgebrachte Begrüßung: „Das ist ja ein tolles Geschenk“.
Die auf der Stelle spontan erfolgten Beiträge dazu und die über hundertsechzig Zugriffe, die am ersten Tag bereits zu registrieren sind, zeigen, auf welches großes Interesse ein Thread, der sich dem gesanglich-interpretatorischen Aspekt von Liedmusik, in diesem Fall speziell von Loewes Balladen und Liedern, widmet, hier im Forum stößt.

Bitte hab´ Verständnis dafür, dass ich zwar ein eifriger Leser dessen sein werde, was sich hier in diesem Thread ereignen wird, mich selbst aber, wenn überhaupt, nur wenig aktiv daran beteiligen kann. Meine Sammlung an Aufnahmen von Loewe-Kompositionen ist kümmerlich, und mir fehlt es vor allem an einschlägigen Kenntnissen und an Urteilsvermögen zu all den Fragen, die sich um die Themen „Stimme“ und „Gesangliche Interpretation von Liedmusik“ ranken.
Bezeichnend ist ja doch: Der Bass-Bariton Ladislav Mráz ist mir völlig unbekannt. Ich wusste gar nicht, dass es den gibt und kann infolgedessen das Entzücken von Caruso über die "Würdigung des außergewöhnlichen Sängers" durch Dich schlicht nicht nachvollziehen.

Caruso41

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11

Dienstag, 27. Juni 2017, 21:39

Der Bass-Bariton Ladislav Mráz ist mir völlig unbekannt. Ich wusste gar nicht,


Lieber Helmut, ja leider kennen auch passionierte Melomanen den Namen oft nicht.
Mráz sollte 1963 in der Neuinszenierung der Meistersinger (Wieland Wagner/Thomas Schippers) den Hans Sachs singen. Das ließ sich leider wegen seines frühen Todes nicht realisieren. An seiner Stelle sangen dann Otto Wiener und Joseph Greindl.

Aber es gibt glücklicherweise etliche Aufnahmen von ihm.
Unter anderem wirkt er in den meisten Opern-Gesamtaufnahmen mit, die Supraphon in den fünfziger Jahren gemacht hat. Meist Smetana und Dvorak, Fibich, Souchon, Janacek und Martinu! Aber er hat auch Messen und Oratorien eingespielt!
Zudem hat der Prager Rundfunk noch Live-Mitschnitte - etwa von Freischütz (Tschechisch gesungen!)

Er war aber auch ein begnadeter Liedersänger. Eine seiner frühesten Aufnahmen ist die 25 cm LP mit Loewe-Balladen (Archibald Douglas, Der Nöck, Der Wirtin Töchterlein und Spirito santo).
Zudem gibt es Lieder bon Poulenc und Debussy, Glinka und Dargomirschky! Hoch gerühmt wird eine Aufnahme der "Lieder und Tanze des Todes" Unter Karel Ancerl. Leider kenne ich die nicht wie ich auch sein Verdi-Requiem bis heute nicht besorgen konnte.

Er hat auch Schumann und Brahms eingesungen:




In unserem Forum hat er nicht mal einen eigenen Thread.

Beste Grüße
Caruso41
;) - ;) - ;)

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Rheingold1876

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12

Donnerstag, 29. Juni 2017, 09:30

Die Lilburn Collection



Im ersten Beitrag hatte ich bereits des schottischen Historikers Ian Lilburn gedacht, der seine umfangreiche Tonträgersammlung der Carl-Loewe-Gesellschaft in Löbejün, dem Geburtsort des Komponisten, vermacht hat. Dort kann sie auch in Augenschein genommen werden. Eine Auswahl auf zwei CDs ist von der Gesellschaft als so genannten Lilburn Collection aufgelegt worden, die nur im Museumsshop gekauft und bestellt werden kann. Sie macht sowohl äußerlich als inhaltlich sehr viel her, ist die denkbar beste Ehrung des freigiebigen Spenders aus dem fernen London. Für mich zählt sie letztlich noch mehr als die Benennung des Museumsvorplatzes nach Lilburn. Tontechnisch wurde die Edition von Christian Zwarg betreut, den jeder Sammler kennt, der sich mit historischen Aufnahmen beschäftigt. Zwarg lässt das originale Klangbild unangetastet, befreit die Quellen bei der Übertragung auf CD lediglich von starkem Knistern oder Verzerrungen. Aufnahmen, die durch seine Hände gehen, dürften eine ziemlich genaue Vorstellung vom künstlerischen Impetus eines Sängers in seiner Zeit vermitteln. Die älteste Aufnahme der Collection entstand 1904. Am Klavier begleitet von Bruno Seidler-Winkler, der auch als Dirigent wirkte, singt der Bariton Hermann Gura die Ballade "Der Edelfalk". Er ist der Sohn von Eugen Gura, dem ersten Gunther in Richard Wagners Götterdämmerung 1876 in Bayreuth. Von ihm wird noch die Rede sein. Versammelt sind dreißig Sängerinnen und Sänger, die sich in der Schelllackära mit Loewe beschäftigt haben, darunter Paul Bender, Robert Büssel, Carl Rost, Paul Knüpfer, Arthur van Eweyk, Martin Abendroth, Cornelius Bronsgeest, Heinrich Schlusnus, Gerhard Hüsch, Wilhelm Rode, Sigrid Onegin und Lula Mysz-Gmeiner, die Schwiegermutter von Peter Anders, in dessen Repertoire Loewe nur eine nebensächliche Rolle spielte.



Bei der Auswahl wurde auf Vielseitigkeit Wert gelegt. Nicht nur die Selbstläufer wie "Die Uhr" (gesungen von Franz Völker) oder "Archibald Douglas", sondern auch "Die Dorfkirche" oder "Die Mutter an der Wiege". Im Schelllackzeitalter war die Loewe-Interpretation stark durch Wagner geprägt, wie er im Bayreuth der Cosima-Ära zelebriert wurde. Deklamatorisch, getragen, mitunter schleppend. Balladen gerieten in vielen Einspielungen zu Musikdramen en miniature, zumal sie gern in Orchesterfassungen geboten werden, deren Herkunft oft unbestimmt ist. Zwischentöne oder ironische Anspielungen, wie sie sich bei Loewe zuhauf finden, gehen zu oft in der Bedeutungsschwere unter. Historische Aufnahmen können historischer nicht klingen, wie eingehüllt in einem Schwall von Mottenpulver. Dass Loewe zeitweise fast dem Vergessen anheimfiel, erklärt sich für mich auch aus der Art, wie er jahrzehntelang vorgetragen wurde und auf Schallplatten in die bürgerlichen Wohnstuben der Kaiserzeit Einzug hielt. Es gibt sogar Platten, auf denen nur der Klavierpart eingespielt wurde – sozusagen zum Mitsingen für jedermann.

Wie Wagner selbst ihn gesungen haben wollte und selbst gesungen hat, ist nur mittelbar nachzuvollziehen. Er schätze vornehmlich den dramatischen Gehalt. Im Januar 1881 vermerkt Frau Cosima in ihrem Tagebuch: "R. trägt einige Balladen von Loewe vor, wie er sagt, um zu zeigen, was an uns Germanen verlorengegangen ist." Loewe galt etwas in Wahnfried. Noch in Venedig, drei Monate vor seinem Tod, fantasierte er auf einem neuen Flügel und ließ dabei auch – wie es Cosima ausdrückt – den „Jüngling von Elvershöh“ mit einfließen. Gemeint ist die frühe Ballade Elvershöh, die noch an anderer Stelle des umfangreichen Tagesbuchs erwähnt wird wie auch "Herr Oluf", "Der Wirtin Töchterlein" und der in seiner Dramatik an Shakespeare erinnernde Edward nach einer Übersetzung von Herder aus dem Schottischen. Ein unheimliches Dialogstück zwischen Mutter und Sohn, ähnlich der Ballade "Walpurgisnacht", die bei Cosima den Titel "Hexen" trägt. So wird sie – diesmal ein Zwiegespräch zwischen Mutter und Tochter – auch in einigen älteren Ausgaben bezeichnet. Loewe selbst soll diesen Namen auch gebraucht haben.

Eine wichtige Quelle in diesem Zusammenhang ist die Autobiographie "Mein Leben" von Lilli Lehmann, die bei der ersten geschlossenen Aufführung des "Ring des Nibelungen" 1876 in Bayreuth die Woglinde sang: "Bei Wagner kamen wir … allabendlich zusammen … nur Liszt nebst den nächsten Bayreuther Freunden waren diesem Kreise zugestellt. Gura sang viel Löw’sche Balladen, die Wagner ganz besonders liebte. Hier war es auch, wo er mir Löwes Ballade Walpurgisnacht vorsang, deren Bedeutung er besonders hervorhob und Jos. Rubinstein aufstehen hieß, um sie selbst zu begleiten, weil er (gemeint ist Rubinstein) den Geist des Gedichts resp. der Komposition nicht richtig erfasste.“ Wagner habe sich verwundert gezeigt, dass die Ballade „nie gesungen würde, die doch mächtig sei, und legte sie mir besonders ans Herz." Obwohl die Lehmann mehr als zehn Lieder aufgenommen hat, Loewe ist leider nicht dabei.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

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Rheingold1876

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13

Freitag, 7. Juli 2017, 09:35

Maureen Forrester mit Loewe aus Kanada



Im Radiomitschnitt eines Liederabends der kanandischen Altistin Maureen Forrester (1930 - 2010) vom 18. Januar 1961 in Montreal, der sich in privaten Sammlungen erhalten hat, bildet Carl Loewe eine der Gruppen. Das fand ich immer bemerkenswert. Loewe im fernen Kanada. Wie kommt er dorthin? Anstöße dazu dürften bereits vom begleitenden Pianisten John Newmark ausgegangen sein, der eine interessante Lebensgeschichte hatte. Newmark, eigentlich Hans Joseph Neumark, ist gebürtiger Deutscher und stammt aus Bremen. Ihm wurde eine große Zukunft als Pianist vorausgesagt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten durfte er nicht mehr auftreten. 1942 fand er in Kanada eine neue Heimat, wo er von 1953 an eng mit der Forrester zusammenarbeitete. Gemeinsam bereisten sie mit ihren gründlich vorbereiteten Konzertprogrammen die Welt. Nach ihrer ersten Europa-Tournee ließ sich die Sängerin 1955 vorübergehend in Berlin nieder.

Wie im Booklet der oben abgebildeten Liededition bei Audite berichtet wird, nutzte sie diese Zeit, um sich im Liedgesang bei Michael Raucheisen (1889 - 1984) zu perfektionieren. Nach einem vorübergehenden Berufsverbot "wegen seiner Nähe zu den nationalsozialistischen Machthabern" hatte Raucheisen "am RIAS schon bald wieder seine Tätigkeit aufgenommen, und so konnte er Forrester spontan nach dem Unterricht ins Tonstudio einladen", heißt es weiter. Raucheisen hatte im Rahmen seiner bis heute einzigartigen Edition beim Reichsrundfunk Berlin auch mehr als hundert Lieder von Loewe eingespielt. "Meine Ruh ist hin", "Ach neige, du Schmerzensreiche", "Die Lotusblume" und "Das Ständchen", die von der Forrester gesungen werden, sind nicht darunter. Es handelt sich um klassische Lieder. Loewe erscheint hier als feinsinniger Lyriker, eine Gabe, die viel zu selten mit seinem Namen in Verbindung gebracht wird. Noch heute gilt er als der Balladen-Komponist schlechthin – nicht nur verehrt, sondern auch belächelt. Er wird seine "Uhr" und die "Heinzelmännchen" einfach nicht los. Erst die Gesamtausgabe der Lieder und Balladen Loewes bei cpo, hat diese einseitige Sicht auf sein Werk gründlich relativiert. Nun trägt auch Maureen Forrester mit ihren frühen Aufnahmen dazu bei, den anderen Loewe besser kennenzulernen.

Ihr äußerst flexibler Alt wird nicht nur als natürliche Stimmlage wahrgenommen. Es entsteht der Eindruck, als würde sie nur deshalb so singen, wie sie singt, um den Liedern zu einer tieferen Aussage zu verhelfen. Nicht Selbstzweck ist die Stimme, sondern Mittel zum künstlerischen Zweck. Der Booklet-Autor Heribert Henrich tritt es mit seiner Einschätzung, dass sich diese Stimme "durch einen vollen Bronzeton“ auszeichnet, „der – besonders im Forte – durch ein schnelles, absolut kontrolliertes Vibrato Wärme und Samt gewinnt. Klangliche Homogenität durch alle Tonlagen und alle dynamischen Graduierungen hindurch ist ein Hauptcharakteristikum". Gewisse Ähnlichkeiten mit Kathleen Ferrier stellen sich ein. Die Forrester aber hat ihre natürliche Begabung technisch stärker unter Kontrolle und damit perfektioniert. Sie kann als die geborene Liedgestalterin gelten, auch wenn sie ihren internationalen Ruhm in erster Linie mit Kantaten, Oratorien und Opern errungen hat. Sie ist genau auf dem Wort. Ihre Betonungen, Steigerungen oder Zurücknahmen, die als Verinnerlichung besser beschrieben sind, haben stets den richtigen inhaltlichen Bezug. Mit seinen mehr als drei Stunden ist das Album ein einziger Triumph der Gattung.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Caruso41

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Registrierungsdatum: 19. November 2010

14

Freitag, 7. Juli 2017, 15:23

Forrester, die ich vor allem als Haendelinterpretin außerordentlich schätze, mit Loewe - das klingt spannend.
Danke, lieber Rheingold für den Tipp!

Beste Grüße
Caruso41
;) - ;) - ;)

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