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  • »Hosenrolle1« ist männlich
  • »Hosenrolle1« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 440

Registrierungsdatum: 3. August 2017

31

Montag, 7. August 2017, 13:38

Ah, die Inszenierung kenne ich, die ist von Luc Bondy und gibt es in voller Länge mit Catherine Malfitano zu sehen, aus dem Jahr 1997:

https://www.youtube.com/watch?v=kInyoCPyFb0

Dann trat Nadja Michael offenbar in verschiedenen Inszenierungen auf. Ich habe die andere Version (mit der Glühbirne) auch rezensiert:

____________





https://www.youtube.com/watch?v=gJQPAEcQGKk

Eine für mich absolut enttäuschende Variante!


In diesem Tanz wird nicht getanzt, sondern (wie leider so häufig auf den Bühnen zu sehen) nur herumgerannt und gerollt und verrenkt.

WENN dann mal ansatzweise getanzt wird, dann aber NIE mit der Musik zusammen, im Rhythmus, sondern völlig dran vorbei.

Nein, hier wird der Tanz zu einer Art Schauspiel, es könnte direkt eine Stummfilmszene sein. Inszenatorisch bietet sie den ebenfalls schon ziemlich ausgelutschten Ansatz, dass Salome ein Missbrauchsopfer von Herodes ist.

Anfangs hat sie eine Kinderpuppe, und Herodes möchte sich ihr (Salome, nicht der Puppe) immer wieder annähern. Dann zieht sie sich ein Ballkleid an, tanzt mit ihm Walzer, um es sich am Ende wieder auszuziehen, während im Hintergrund eine riesige Glühbirne zu sehen ist.

Während des langsamen Walzers, der im Tanz von Strauss vorkommt, tanzen Salome und Herodes tatsächlich einen Walzer, jedoch ohne jedes Taktgefühl. Ob das beabsichtigt war oder nicht - es passt einfach nicht.

Man merkt eigentlich auch, dass sich der Choreograf nur auf bestimmte Punkte in der Musik konzentriert hat, nämlich dann, wenn es laute Tuscher gibt; dann fällt entweder ein Kleid zu Boden oder ähnliches.


Ich meine, wenn schon ein Regisseur und/oder der Choreograph meint, dass Salomes Schleiertanz NUR eine musikalische Befindlichkeitsstudie ist, und kein Tanz mehr, dann sollte doch die Dramaturgie auf der Bühne irgendwie zur Musik passen.
Doch hier kommt es mir so vor, als hätte der Regisseur gesagt: "Ah, jetzt wird die Musik dramatischer, jetzt lasse ich Herodes sich an Salome annähern, jetzt baue ich was mit sexuellem Missbrauch ein", und "So, jetzt ist die Musik etwas fröhlicher, jetzt lasse ich Salome sich Herodes entziehen und weglaufen", usw.


Für mich wirkt das ziemlich plump. Der Tanz besteht ja mehr oder weniger aus mehreren Abschnitten, die fließend ineinander übergehen. Wenn ein Regisseur nun jeden Abschnitt mit einer neuen Szenerie, mit einem neuen Mini-Stück auf der Bühne inszenieren möchte habe ich kein Problem damit, aber dann sollte es doch spannender und besser gemacht sein als einfach nur "Düstere Musik - also düstere Handlung auf der Bühne".




LG,
Hosenrolle1
„Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit.“ (Voltaire)

Bertarido

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Beiträge: 2 627

Registrierungsdatum: 24. April 2014

32

Montag, 7. August 2017, 14:33

Ah, die Inszenierung kenne ich, die ist von Luc Bondy und gibt es in voller Länge mit Catherine Malfitano zu sehen, aus dem Jahr 1997:

Richtig, wobei die Inszenierung für die spätere Aufführung an der Scala etwas verändert wurde.

Dann trat Nadja Michael offenbar in verschiedenen Inszenierungen auf.

Sie hat die Salome sehr oft gesungen, und - wie erwähnt - gibt es auf DVD zwei Aufnahmen mit ihr. Die andere, die Du besprochen hast, ist die Inszenierung von David McVicar aus Covent Garden:



Übrigens gibt es hier sicherlich Stimmen-Experten, die nicht so begeistert von dieser Sängerin sind wie ich (ich habe sie auch mehrmals live erleben können). Aber mir kommt es mehr auf das Gesamtpaket aus stimmlicher und schauspielerscher Darstellung an, und da finde ich die Michael dann schon verdammt gut als Salome. In einer FAZ-Besprechung der Mailänder Aufführung schrieb der Rezensent: "Nadja Michael, tanzbegabte Sängerdarstellerin, verausgabt sich dabei total. So jung, so schön, so kokett, dabei biegsam wie eine Reitgerte. Eine Salome, die tanzen kann: Dieser Frau nimmt man einfach alles ab, solange man sie nur anschauen darf, die Naivität ebenso wie die Berechnung, sogar, dass sie diese Mordspartie auch singen kann. Schließt man aber die Augen, hört man plötzlich blecherne Höhe, brüchige Intonation und ahnt Schlimmes." Da ich bei Opern aber niemals die Augen schließe, ist das für mich okay. ;)

  • »Hosenrolle1« ist männlich
  • »Hosenrolle1« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 440

Registrierungsdatum: 3. August 2017

33

Dienstag, 8. August 2017, 00:00



https://www.youtube.com/watch?v=00Jlx0S-b2U


Diese Version fängt vielversprechend an: Salome kniet auf dem Boden, wird von hinten, wo auch der Mond zu sehen ist, stimmungsvoll beleuchtet, und bewegt sich rhythmisch zu den Glissando-Bässen.

Aber das war´s auch schon wieder. Danach wird es für mich ziemlich langweilig: mit praktisch immer dem gleichen Gesichtsausdruck läuft oder hüpft sie durch die Szenerie und fuchtelt mit Tüchern herum. Ab und zu verschwindet sie hinter einem riesigen Vergrößerungsglas, dessen Sinn sich mir nicht erschließt; dahinter tut sie allerdings nicht viel mehr, als sie schon davor getan hat.

Am Ende zeigt sie sich - dafür meinen Respekt - vollständig nackt. Die Regieidee, dass sie Herodes das letzte Tuch wegnehmen lässt, finde ich wiederum gelungen, das habe ich so noch nicht gesehen. Gelungen deswegen, weil es danach umso verständlicher ist, dass er voller Begeisterung "Ah herrlich, wundervoll, wundervoll!" ruft und bereit ist, ihr sein halbes Königreich zu geben.



LG,
Hosenrolle1
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Dritte Dame

Schüler

  • »Dritte Dame« ist weiblich

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34

Dienstag, 17. Oktober 2017, 07:52

Hallo, ich schalte mich an dieser Stelle einmal ein! Wir sind in einem anderen Thread auf das Thema geschmackvoller Darstellung erotischer Szenen auf der Bühne gekommen- ursprünglich ging es um die Liebesszene zwischen Octavian und der Marschallin zu Beginn des "Rosenkavaliers", in der sich ja auch mancher Regisseur ganz schön"austobt"...
Wurde von Hosenrolle 1 auf diesen Thread verwiesen und arbeite mich nun durch die Schleiertänze durch!
Dein Platz eins, lieber Hosenrolle 1, gefiel mir vom Bühnenbild und der Beleuchtung zunächst einmal recht gut- obwohl durch die dunkle Bühne das Zuschauen nach einer Weile ein wenig anstrengend wurde. Auch die Idee mit dem aufgehenden Mond im Hintergrund gefiel mir.
Den Tanz an sich fand ich allerdings ziemlich zahm. Und auch am Kostüm hätte man vielleicht noch einen Tick mehr machen können.
Ich meine nun natürlich keinen Poledance oder Striptease ;) Aber mir ging es nach einer Weile so, dass ich dachte: Kommt da jetzt noch etwas?
Muss dazu allerdings sagen, dass ich mich mit der "Salome" nie beschäftigt habe und nur die Story aus der Bibel kenne...
Daher auch die kurze Zwischenfrage: ist die Sache mit den Schleiern, die Herodes im Hintergrund zerreißt, eine Idee des Regisseurs oder hat das eine "festgelegte" Bewandtnis?

  • »Hosenrolle1« ist männlich
  • »Hosenrolle1« ist der Autor dieses Themas

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35

Dienstag, 17. Oktober 2017, 19:38

Hallo "Dritte Dame",

ich gehe zuerst mal auf das ein, was du noch im anderen Thread geschrieben hast.

Habe die "Salome" nicht vergessen, allerdings muss ich dazu sagen, dass ich in diesem Fall eher eine negative Einstellung mitbringe... Ich habe generell Vorbehalte gegen biblische Geschichten ( wurde als Kind damit geradezu überfüttert!).

Das kann ich gut nachvollziehen, aber das Stück von Wilde (und die Oper von Strauss) sind keine "Nacherzählungen" des Bibelstoffes, sondern nehmen sich viele Freiheiten, lassen weg, erfinden dazu. Auch wird Jochanaan hier ebensowenig verherrlicht wie die dekadente Gesellschaft von Herodes. Die Oper ist ziemlich traumartig und voller Symbolik. Schon in den ersten 4 Takten der Oper spürt man sofort die schwüle, unheilverkündende Nacht von vor rund 2000 Jahren. Hier geht es um Salome, nicht um Jochanaan oder Herodes. Strauss schrieb auch, dass die Figur des Jochanaan ein "Hanswurst" sei, und der Lächerlichste von allen. Also du musst da keine Sorge haben, dass du mit religiöser Propaganda (das Wort Propaganda stammt übrigens von der Kirche im 17. Jahrhundert) zugemüllt wirst.
Wilde hätte an so etwas sicher kein Interesse gehabt, und Strauss war bekanntermaßen Agnostiker.

Zitat

Außerdem mag ich den Klang orientalischer Musik so gar nicht und dachte mir schon, dass der Komponist bei diesem Thema natürlich damit arbeiten würde...

Sicher gibt es "orientalische Anklänge", aber eigentlich ist die Musik relativ "modern". Richard Specht schreibt in seiner Strauss-Biografie von 1920:

„Wäre es Strauß hier um das Ethnographische eines billigen Orientalismus zu tun gewesen, so hätte er bloß irgendeinen der Basars für exotische Musik zu plündern brauchen und nachahmen können, was Goldmark in den Tänzen der Königin von Saba oder Felicien David oder Rubinstein in ihren Opernballetten zu höchster Wirksamkeit gebracht hatten: ein paar Triolenwindungen, ein paar drängende Synkopen, erniedrigte Leittöne, übermäßige Quarten und Quinten, ein bisschen Moll-Dur-Farbe, ein Schellenbaum und Zymbeln — das wäre im Ausverkauf leicht zu haben gewesen und der „echt orientalische" Tanz wäre fertig und ein Paradestück der Oper; Arrangement für Klavier zu sechzehn Händen oder für Zither und Flöte in der hochbeliebten Sammlung „Album bekannter Operntänze" unbedingt garantiert.“

Ich mag die Dramaturgie des Tanzes, es gibt kurze, laute Ausbrüche, ruhige, sinnlich-schöne Passagen, schrille Töne, und gegen Ende gibt die Musik richtig Gas und wird immer wilder.


Dein Platz eins, lieber Hosenrolle 1, gefiel mir vom Bühnenbild und der Beleuchtung zunächst einmal recht gut- obwohl durch die dunkle Bühne das Zuschauen nach einer Weile ein wenig anstrengend wurde.

Das kann ich verstehen, ich fand auch die Bildqualität recht bescheiden. (Vielleicht liegt das dunkle Bild auch an der abgenudelten VHS-Kassette?)

Daher auch die kurze Zwischenfrage: ist die Sache mit den Schleiern, die Herodes im Hintergrund zerreißt, eine Idee des Regisseurs oder hat das eine "festgelegte" Bewandtnis?

Bei Wilde und bei Strauss steht "Salome tanzt den Tanz der 7 Schleier", ohne jede weitere Regieanweisung. Es bleibt im Prinzip dem Regisseur und/oder dem Choreografen überlassen, was sie daraus machen. Eine häufig vertretene Meinung, die sich auch in manchen Opernführern findet, ist die, dass Salome an ihrem Körper 7 Schleier trägt, die sie nach und nach entfernt, bis sie nackt ist. Viele greifen da zu Alternativen, wie in diesem Video, wo quasi "symbolisch" ein Schleier fällt, indem er von Herodes zerrissen wird.



LG,
Hosenrolle1
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Dritte Dame

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  • »Dritte Dame« ist weiblich

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36

Mittwoch, 18. Oktober 2017, 15:15

Zitat:


"Die Darstellung von Vorgängen, die in das Gebiet der Sexualpathologie fallen, eignet sich nicht für unsere Hofbühne."


( Hofzensor Dr. Emil Jettel von Ettenach über "Salome" in einem Schreiben an Staatsoper Direktor Gustav Mahler am 31. 10. 1905 )

Man sieht, wundervolles Amtsdeutsch, das auf der Zunge zergehen, gab es schon damals...
Ich für meinen Teil bin froh, dass meine zarte Psyche nicht etwa durch den Versuch religiöser Gehirnwäsche, sondern nur durch die Darstellung sexualpathologischer Straftatbestände traumatisiert wird... :P
Platz zwei habe ich mir gestern angeschaut, mal sehen, ob ich nachher noch zum Schreiben komme- wenn nicht, dann morgen früh in der Bahn...


Gruß von der Dritten Dame

Dritte Dame

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  • »Dritte Dame« ist weiblich

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37

Mittwoch, 18. Oktober 2017, 15:21

Ach ja, ein Glück, dass hier nur von " Sexualpathologie" die Rede ist und nicht etwa von Inzest, Mord, Brandstiftung, sexueller Nötigung, Vergewaltigung...usw. Sonst wäre es für den "Ring des Nibelungen" verflixt eng geworden...

  • »Hosenrolle1« ist männlich
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Registrierungsdatum: 3. August 2017

38

Mittwoch, 18. Oktober 2017, 19:18

Hehe, ja, damals gab es Kritiken, die einen froh sein lassen, nicht in dieser Zeit gelebt zu haben. Noch eine schlimmere "Rezension" schrieb Adam Röder im Jahr 1906 (zitiert in einem Salome-Programmheft):

„Wenn die Sadisten, Masochisten, Lesbierinnen und Homosexuellen kommen und uns ihre verrückte Geistes- und Empfindungswelt mit dem Anspruch, als Äußerungen der Kunst aufgefasst zu werden, vorsetzen, dann muss im Interesse der Gesunden dagegen eingeschritten werden. Die Kunst hat kein Interesse daran, die Schweinereien, die auf dem Boden der geschlechtlichen Verrücktheiten entstanden sind, zu heiligen. Da gilt nur der Ruf: Fort damit!“

Helmut Qualtinger hat einmal gesagt: "Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen". Mich erinnern sie an den EAV-Song "Knieweich", wo es u.a. heißt:


Zitat

Herr Knieweich ist ein guter Christ,
im Zweifelsfalle auch Faschist.
Seine Rasse, die sieht er bedroht,
angstgelb ist sein Magenkot!

Herr Knieweich liebt sein Blumenbeetchen,
im Traum, da liebt er kleine Mädchen.
Er pflegt Kultur und die Moral,
sein Rückgrat gleicht dem Räucheraal.


Der Song stammt aus den 80er Jahren, ist aber auch heute noch aktuell ...


Aber zurück zu den Tänzen. Ich bin gespannt auf deine Meinung dazu, mich würde aber auch interessieren welche Vorstellungen du selbst davon hast, und wie du die Musik findest. :)



LG,
Hosenrolle1
„Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit.“ (Voltaire)

Dritte Dame

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39

Donnerstag, 19. Oktober 2017, 08:10

Guten Morgen!
Da ich, was die "Salome" angeht, ja völlig unbescholten bin, erst einmal einige Kommentare zur Musik:
Zum Glück wirklich nur leichte orientalische "Andeutungen", keine durchgängige, alladinmäßige "Schlangenbeschwörermusik" !
Im Vergleich zu allem, das ich sonst höre, war es zugegebenermaßen sehr ungewohnt- und nicht zu vergleichen mit Octavians Kuschelstimmungs- Violinen... :angel:
Beim ersten Hören fand ich 's nach einer Weile nervtötend: teilweise disharmonisch, schrill und ohne rechten Zusammenhang... Ist natürlich sehr laienhaft ausgedrückt, hoffe, du verstehst mich trotzdem...
Beim zweiten Hören ging's schon besser...
Was mich beide Male irritierte war der Tenor von Herodes! Wie ein ehrfurchtgebietender König wirkt er damit nicht wirklich, eher wie ein trotziger, kleiner Bengel, wenn er da anordnet, Salome solle aber jetzt tanzen, oder sonst... Das ist doch bestimmt Absicht der Autoren, oder?!?

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40

Donnerstag, 19. Oktober 2017, 17:49

m Vergleich zu allem, das ich sonst höre, war es zugegebenermaßen sehr ungewohnt- und nicht zu vergleichen mit Octavians Kuschelstimmungs- Violinen...

Eben das meine ich; ich komme natürlich von der anderen Seite und kannte Salome vorher, habe den Rosenkavalier gehört ... und war ebenfalls erschrocken. :D

Beim ersten Hören fand ich 's nach einer Weile nervtötend: teilweise disharmonisch, schrill und ohne rechten Zusammenhang... Ist natürlich sehr laienhaft ausgedrückt, hoffe, du verstehst mich trotzdem...

Mir ging es witzigerweise genauso am Anfang. Ich kannte zunächst nur den Tanz, den ich in verschiedenen Versionen gehört habe, und habe mir erst später die ganze Oper angesehen (leider in einer fürchterlichen Live-Version mit Catherine Malfitano als Salome, die ich auch heute noch unerträglich finde in dieser Partie). Ich dachte mir ebenfalls "Was soll das sein? Das hält man ja nicht aus". Aber trotzdem bin ich irgendwie auf den Geschmack gekommen, frag mich nicht wie, habe mir auch eine Partitur geliehen und mal mitgelesen, und da gefiel es mir immer besser.

Die Oper ist ja nicht NUR so, es gibt auch sehr schöne, einprägsame Melodien, ruhige Passagen, und umgekehrt wieder großen Bombast, der einem brutal entgegenschmettert. Und natürlich ein paar Stellen, die durchaus "nervtötend" klingen (Strauss schreibt an einer Stelle in der Partitur, die Oboen müssen "hässlich kreischend" spielen), aber dabei kunst- und wirkungsvoll sind. Wenn Herodes kurz vor dem Tanz wieder eine seiner fiebrigen Fantasien hat, und ihm abwechselnd kalt und heiß wird, dann ist die Musik laut und nervös, man wird als Zuhörer selbst ganz unruhig und fängt vielleicht sogar ob dieser Klänge zu schwitzen an - und kann damit noch besser nachvollziehen, wie es Herodes geht. Und wenn, nachdem Salome ihren Schlussmonolog gehalten hat, sich der Mond verfinstert und Herodes sagt, dass ihm kalt ist und er anfängt zu erzittern, da hört man Musik, die wirklich "kalt" klingt, man bekommt da irgendwie Gänsehaut! Natürlich nur, wenn es gut dirigiert ist.

Die ganze Oper ist irgendwie durchzogen von einer erdrückenden, schwülen Stimmung, von einer Ruhe vor dem Sturm, vor der Katastrophe. Eine der für mich "bösesten" Stellen ist die, wo direkt nach dem besagten Fiebertraum die Musik sich plötzlich beruhigt und die Flöte fast schon hämisch das Mond-Thema spielt.
Der Mond spielt überhaupt eine große Rolle in diesem Stück. Mehrere Personen sehen ihn an, sehen aber jeweils unterschiedliche Dinge darin. Beispiel:

Page der Herodias:

Sieh die Mondscheibe! Wie seltsam sie aussieht. Wie eine Frau, die aus dem Grab aufsteigt. Wie eine tote Frau. Man könnte meinen, sie blickt nach toten Dingen aus. O, wie seltsam der Mond aussieht! Wie die Hand einer toten Frau, die das Laken über sich ziehen will.

Salome:

Wie gut ist es, in den Mond zu sehen. Er ist wie eine silberne Blume. Kühl und keusch. Wie eine Jungfrau. Ja, wie die Schönheit einer Jungfrau. Gewiß, wie eine
Jungfrau, die rein geblieben ist. Die sich nie Männern preisgegeben hat wie die andern Göttinnen.


Herodes:

Wie der Mond heute nacht aussieht! Es steckt Seltsames in ihm. Ist es nicht ein seltsames Bild? Es sieht aus wie ein wahnsinniges Weib, ein wahnsinniges Weib, das überall nach Buhlen sucht. Und nackt ist, ganz nackt. Die Wolken wollen seine Nacktheit bekleiden, aber das Weib läßt sie nicht. Es stellt sich nackt am Himmel zur Schau,
wie ein betrunkenes Weib, das durch die Wolken taumelt . . . Gewiß, es sucht nach Buhlen. Sieht es nicht aus wie ein betrunkenes Weib? Es steckt heut etwas im Mond wie ein wahnsinniges Weib, nicht?

Ah, sieh den Mond an! Er ist rot geworden. Er ist rot geworden wie Blut. Ah, der Prophet hat wahr prophezeit. Er prophezeite, daß der Mond wie Blut werden würde. Hat er das nicht prophezeit? Ihr alle habt gehört, wie er es prophezeite. Und jetzt ist der Mond wie Blut geworden. Seht ihr es nicht?




Was mich beide Male irritierte war der Tenor von Herodes! Wie ein ehrfurchtgebietender König wirkt er damit nicht wirklich, eher wie ein trotziger, kleiner Bengel, wenn er da anordnet, Salome solle aber jetzt tanzen, oder sonst... Das ist doch bestimmt Absicht der Autoren, oder?!?

Auf jeden Fall, Herodes ist lächerlich, und wird bei Strauss (und noch mehr im Theaterstück) von Herodes auch so bezeichnet; immer wieder weist sie darauf hin, dass er keine Macht habe, und seine Abstammung nicht so gut sei wie ihre ("Dein Vater war ein Kameltreiber" etc.)

Natürlich hat er Macht und ist böse, dabei aber irgendwie lächerlich und vor den großen Leuten über ihm unterwürfig. Strauss selbst schrieb:

Zitat

Überhaupt muß sich, im Gegensatz zu der allzu aufgeregten Musik, das Spiel der Darsteller auf größte Einfachheit beschränken, besonders Herodes muß sich vor dem herumrennenden Neurastheniker darauf besinnen, daß er, als östlicher Parvenu, seinen römischen Gästen gegenüber bei allen momentanen erotischen Entgleisungen sich stets bemüht, in Nachahmung des größeren Cäsars in Rom Haltung und Wrüde zu bewahren. Toben auf und vor der Bühne zugleich - ist zuviel! Das Orchester allein genügt dafür!


Wenn man das Stück von Wilde liest, wird man auch sehen, wie seltsam besonders Herodes redet. Wilde wählte für das Stück die französische Sprache, die er zwar konnte, allerdings nicht "perfekt"; er wollte ganz offenbar die Sprache in dem Stück eher "einfach" halten, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.



LG,
Hosenrolle1
„Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit.“ (Voltaire)

Dritte Dame

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41

Gestern, 07:58

"Dann springet auf, wer munter, in früher Morgenstunde..." Genauer gesagt, um vier und es kann weder von "springen" noch von "munter" die Rede sein, aber man (frau) hat da ja meist keine Wahl...
Aber zumindest kann ja eine einstündige Bahnfahrt produktiv genutzt werden...

Was die Sache mit dem Mond angeht:
Salome fällt da ja eindeutig aus dem Rahmen! Während Herodes und Herodias in ihm ja eindeutig Tod und Verderben sehen ( und bei Herodes noch das Sexualisierte hineinspielt - und der Wahnsinn!) ist sie da ja völlig blauäugig! Und dann dieser erotisch provokative Tanz?!?

Zum "Rosenkavalier" muss ich allerdings sagen, dass ich beim ersten Hören auch erst einmal die Nase gerümpft habe... Mein Gedanke: "Man merkt, dass er Mozart nach macht, klingt auch ähnlich, aber mit extra Sahne und Zucker oben darauf!"
Meine Tochter äußerte nach dem ersten Anhören der Ouvertüre: "Klingt ganz schön, aber da spielen zu viele Instrumente auf einmal!"
Was soll ich sagen, an extra Portionen Sahne und Zucker gewöhnt man sich schnell...

Aber nun endlich zu deinem Platz 2: Der gefiel mir schon wesentlich besser als Nummer 1! Das Zusehen ( auch, wen ich noch an der Musik zu knabbern habe...) wurde nicht langweilig, weil Salome ja auch mit jedem neuen Schleier etwas anderes veranstaltet hat. Eine originelle Idee fand ich auch, die "Lakaien", die die Schleier gereicht haben, teilweise mit einzubeziehen. Und Herodes, der immer wieder versucht hat, nach den Schleiern zu greifen...
Als sie dann nackt hinter dem letzten Schleier hervorgekommen ist, wirkte das nicht billig, da sie ja mit den Händen alles verdeckt hat ( und das sah überhaupt nicht wie krampfhaftes Verstecken aus, bewundernswert!) . Aber es war natürlich klar, was sie nun tun würde und ich dachte in diesem Moment nur noch:" Mädel, wenn du DAS jetzt bringst, kannst du ALLES von ihm haben!!!"

Wünsche allerseits einen schönen Tag,

Gruß von der Dritten Dame!

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Beiträge: 440

Registrierungsdatum: 3. August 2017

42

Heute, 03:08

Salome fällt da ja eindeutig aus dem Rahmen! Während Herodes und Herodias in ihm ja eindeutig Tod und Verderben sehen ( und bei Herodes noch das Sexualisierte hineinspielt - und der Wahnsinn!) ist sie da ja völlig blauäugig! Und dann dieser erotisch provokative Tanz?!?

Naja, sie merkt im Laufe der Oper, dass sie dieses Mittel einsetzen kann, um Männer einzuwickeln, wie sie es etwa auch bei Narraboth getan hat. Bei Jochanaan hat sie es ebenfalls versucht, der jedoch wollte davon nichts wissen.


Zum "Rosenkavalier" muss ich allerdings sagen, dass ich beim ersten Hören auch erst einmal die Nase gerümpft habe... Mein Gedanke: "Man merkt, dass er Mozart nach macht, klingt auch ähnlich, aber mit extra Sahne und Zucker oben darauf!"

Wobei das Naserümpfen bei mir vor allem wegen dem Vergleich mit der Salome war.
Und ich würde doch lieber bei Mozart bleiben, weil mir die Instrumente, die er verwendet, für diese Musik besser gefallen, und es da auch noch solche Dinge wie Tonartencharakteristiken gibt, was bei Strauss nicht mehr der Fall ist.


Aber nun endlich zu deinem Platz 2: Der gefiel mir schon wesentlich besser als Nummer 1! Das Zusehen ( auch, wen ich noch an der Musik zu knabbern habe...) wurde nicht langweilig, weil Salome ja auch mit jedem neuen Schleier etwas anderes veranstaltet hat. Eine originelle Idee fand ich auch, die "Lakaien", die die Schleier gereicht haben, teilweise mit einzubeziehen. Und Herodes, der immer wieder versucht hat, nach den Schleiern zu greifen...
Als sie dann nackt hinter dem letzten Schleier hervorgekommen ist, wirkte das nicht billig, da sie ja mit den Händen alles verdeckt hat ( und das sah überhaupt nicht wie krampfhaftes Verstecken aus, bewundernswert!) . Aber es war natürlich klar, was sie nun tun würde und ich dachte in diesem Moment nur noch:" Mädel, wenn du DAS jetzt bringst, kannst du ALLES von ihm haben!!!"

Genau, das ist die Version, die ich im Hosenrollen-Thread ansprach :)
Hier ist die Darstellerin tatsächlich nackt, aber, wie ich finde, nicht billig und plump, sondern halbwegs fantasievoll inszeniert, und es wirkt, wie du auch sagst, nicht verkrampft, sondern immer noch würdevoll.

Ein bisschen schade fand ich nur, dass da für meinen Geschmack zu viel herumgelaufen wurde, das sieht man so häufig bei dieser Nummer, und eigentlich inszeniert der Regisseur auch an der Musik vorbei, weil das Orchester hier verschiedene Stimmungen und Rhythmen spielt, die man entsprechend umsetzen könnte.

EDIT: ich habe mir die Version gerade nochmal angesehen und hatte ein Detail falsch in Erinnerung! Salome kommt schon nackt hinter dem großen Tuch hervor und wird DANN erst von dem durchsichtigen Tuch zugedeckt, aus dem sie wiederum hervorkommt. Ich fand das irgendwie schade, weil es ein bisschen die Überraschung wegnimmt; wenn man sie vorher schon so sieht, wo ist dann die Überraschung, wenn man sie nochmal so sieht? Ich hätte es besser gefunden, wenn sie die ganze Zeit zugedeckt gewesen wäre, um dann erst so zu erscheinen. Was hältst du davon? Wäre das nicht besser gewesen?

(Weil du die Musik erwähnst, die sollte doch auch richtig spannend dirigiert werden. Ich habe auch schon oft Versionen gehört, die durchwegs extrem langsam oder extrem schnell genommen, die irgendwie langweilig runtergespielt werden. Außerdem spielt auch die Tontechnik eine große Rolle hier! Auch der Tanz bietet eine Fülle von Klangfarben, die man besonders auf älteren Aufnahmen nicht zu hören bekommt, weil die Streicher oder die Blechbläser alles überdecken, oder das Holz zu dünn und trötig klingt. Ich habe die Oper ein paar Mal live gesehen, und erst da gemerkt, wie die große Trommel in die Magengrube drückt, während sie bei Aufnahmen kaum zu hören ist. Das ist auch einer der Gründe, warum ich nur zwei Salome-Aufnahmen besitze.

Als Beispiel nenne ich nur eine Stelle, die ich besonders schön finde. Direkt nach dem "Walzer" spielen zwei Violinen und zwei Flöten unisono das Verführungsmotiv, während zuerst die Harfen einen Lauf nach unten spielen, um dann fließend von der Celesta mit einem Lauf nach oben abgelöst zu werden. Der Klangeindruck, der da entsteht, ist nicht nur verführerisch, irisierend, fast hypnotisierend, sondern auch der, dass zuerst die Harfe perlende, noch deutlich voneinander abgesetzte Töne spielt, und diese Töne beim Lauf nach oben dann wie im Traum verschwimmen und ineinander übergehen. Das sind nur vier Takte Musik, aber da stecken schon so schöne Details drin. Nur hört man davon leider wenig in den meisten Aufnahmen, und dann klingt es langweilig.



LG,
Hosenrolle1
„Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit.“ (Voltaire)