Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

Free counters!

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Tamino Klassikforum. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

1

Mittwoch, 9. August 2017, 21:20

Jerusalem 586 ante

Einleitung.
1. Es geht hier zunächst ein wenig um Geschichte, die man aber kennen muss, um die Musik, die dann folgt, zu verstehen.
Ein kurzer Abriss der Geschichte Israels sieht so aus (alle Zahlen vor Christus):
1000 - 926: Die Könige Saul, David, Salomo
926: Die Reichsteilung in Israel (Nordreich) und Juda (Südreich)
721: Die Assyrer erobern das Nordreich und versklaven die Einwohner; Israel hört (nur das Nordreich) auf zu existieren
586 (oder 587 oder 589): Die Babylonier unter Nebukadnezar erobern Juda (das Südreich), zerstören Jerusalem und vor allem den Tempel und führen die Einwohner als Sklaven nach Babylon. Diese Zeit wird vor allem im Propheten Jeremia beschrieben
(Jeremia 52 und 2.Könige 25).

2. Die jüdische "Bibel" besteht aus drei Teilen, der Torah (5 Bücher Mose), den Propheten (nebiim) und den sog. Ketuvim ("Schriften").
Hier hat auch das Buch der Klagelieder des Jeremia seinen Platz. Als die jüdische Bibel im Christentum zum Alten Testament wurde, wurden die Klagelieder hinter Jeremia verschoben.
Der Verfasser ist definitiv nicht Jeremia, aber jemand, der den Untergang der Stadt und des Tempels gesehen hat.
In der Vulgata hieß dieses Buch lamentationes Jeremiae oder auch threni (latinisiertes Griechisch für Tränen).
In der Lutherbibel heißen sie Klagelieder.
Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

2

Mittwoch, 9. August 2017, 21:33

Tallis - Lamentationes Jeremiae

Dieses Stück ist für mich eines der eindrücklichstes und prägenden meiner "Chorkarriere" gewesen, ich habe es in drei verschiedenen Chören gesungen, darunter einmal sogar im tiefen Alt (was immer hoher Tenor bedeutet). Das könnte ich heute nicht mehr. Das Werk entstand zwischen 1560 (Teil1) und 1569 (Teil 2).
Beide Teile werden mit einer Überschrift eingeleitet: "incipit Lamentatio Jeremiae Prophetae".
Die einzelnen Verse werden mit hebräischen Buchstaben überschrieben, die auch Zahlen sind: alef, beth, gimel, dalet, he.
Diese Buchstaben hat Tallis mitkomponiert, und die Kompositionen sind von atemberaubender Intensität und Schönheit.
Es gibt einen Refrain, der besonders eindringlich komponiert ist: "Ierusalem, Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum".
Den Text kann man im AT oder im Internet nachlesen.
Es gibt unendlich viele Aufnahmen von diesem Stück. Meine Lieblingsaufnahme ist verschollen, es war die mit den Clerkes of Oxenford unter David Wulstan, der nicht mehr existiert (der Chor, von Wulstan weiß ich es nicht).
Ansonsten hat dieses Stück jedes englische Vokalensemble eingespielt, mit der für englische Ensembles garantierten Qualität. Eine besondere Seite gibt es bei YouTube, bei der die Noten abgebildet sind und immer die Noten angezeigt werden, die gerade dran sind. Ideal zum Mitsingen!
Nachtragen möchte ich, dass der Text durchaus zur katholischen Liturgie gehörte. Die Kehrverse (Ierusalem convertere ad Deum tuum) sind besonders eindringlich gestaltet, weil bei Tallis offensichtlich noch ein persönlicher Schmerz dahinter steckt. Als Katholik war er ein Fremder im eigenen Land, denn Heinrich VIII hatte England die anglikanische Kirche verordnet. Mit Jerusalem und der lamentatio darüber war für Tallis ziemlich sicher seine katholische Kirche und das Papsttum mitgedacht.
Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 231

Registrierungsdatum: 12. August 2005

3

Donnerstag, 10. August 2017, 00:10

Wenn man das so persönlich deuten will, müsste nicht eher England und die anglikanische Kirche gemeint sein? Nicht der Papst ist abgefallen, sondern die englische Kirche und ihr könnte Tallis mit besagtem Vers zurufen, dass sie sich wieder "bekehren", zurückkehren soll.

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist in dem hebräischen Text der Lamentationes die Dichtung so gestaltet, dass jeder Abschnitt mit dem jeweils folgenden Buchstaben des Alphabets beginnt, diese Gliederung ist gleichsam eingebaut. Warum die Anfangsbuchstaben dann auch im lateinischen Text, in dem sie als Fremdkörper wirken, sozusagen externe Gliederungspunkte sind, erhalten geblieben sind, weiß ich nicht. Ebensowenig, warum sie in den Vertonungen oft besonders herausgehoben werden.

quodlibet

Anfänger

  • »quodlibet« ist weiblich

Beiträge: 54

Registrierungsdatum: 10. Juli 2017

4

Donnerstag, 10. August 2017, 01:19

Hab mich schon lange nicht mehr mit den Lamentationen beschäftigt.
Ich weiß nur, dass die hebräischen Anfangsbuchstaben in gewissen mittelalterlichen Handschriften in lateinischen Buchstaben am Rand ausgeschrieben worden sind (manchmal stehen diese Vermerke auch am falschen Ort und sind korrigiert worden).
Zudem ist die alphabetische Reihenfolge nicht in allen Lamentationen die gleiche (ain - pe bzw pe - ain).

Vielleicht hat Dottore Pingel Hinweise und/oder Erklärungen zu diesen Fragen ?

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 231

Registrierungsdatum: 12. August 2005

5

Donnerstag, 10. August 2017, 10:36

Aus wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Klagelieder_Jeremias

"Die Klagelieder sind Beispiele von hochstehender hebräischer Dichtkunst. Sie sind im Versmaß der jüdischen Totenklage (Qina) abgefasst, die ersten vier als Abecedarius (alphabetisches Lied). Dieses Akrostichon hat nicht nur den praktischen Zweck der Gedächtnisstütze, sondern ist auch Ausdruck der Grenzenlosigkeit der alles einschließenden Trauer – vergleiche im Deutschen den Ausdruck „von A bis Z“ für „alles“. Das Akrostichon beweist, dass die Lieder von Anfang an schriftliche Literatur waren und nicht eine erst später niedergeschriebene mündliche Überlieferung darstellen.

Die ersten beiden Lieder enthalten je 22 Verse mit drei Zeilen. Die ersten Worte jedes Verses beginnen der Reihe nach mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Das vierte Lied ist ebenso gestaltet, jedoch kommen auf jeden Vers zwei Zeilen. Das dritte Lied hat 66 Verse, unterteilt in 22 Einheiten zu je drei Versen. Jeder dieser Verse beginnt mit dem entsprechenden gleichen Buchstaben. Eine Besonderheit besteht darin, dass im zweiten bis vierten Lied der Pe-Vers entgegen der heute üblichen alphabetischen Reihenfolge vor dem Ajin-Vers steht. Diese Folge ist jedoch ebenfalls in alten Alphabettafeln belegt. Das fünfte Lied hat 22 Verse zu je einer Zeile, aber ohne spezifische Buchstabenfolge. Die Klagelieder verwenden eine reiche Zahl von Bildern, um das Leid und die Trauer plastisch darzustellen."

Ich finde kein klare Information dazu, warum die jeweils vorgestellten Buchstaben in die Vulgata übernommen wurden und mitvertont werden. Es ist wohl einfach eine praktische musikalische Zäsur, wenn auch inhaltlich ohne Bedeutung und gerade deshalb kann man frei und virtuos komponieren, ohne etwa eine Textverständlichkeit einzuschränken. Auch die "Überschrift" (incipt lamentatio (H)ieremiae prophetae) wird ja mitkomponiert.

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

6

Donnerstag, 10. August 2017, 10:53

Wenn man das so persönlich deuten will, müsste nicht eher England und die anglikanische Kirche gemeint sein? Nicht der Papst ist abgefallen, sondern die englische Kirche und ihr könnte Tallis mit besagtem Vers zurufen, dass sie sich wieder "bekehren", zurückkehren soll.




Danke für die Korrektur; du hast vollkommen Recht.
Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

7

Donnerstag, 10. August 2017, 10:58

Aus wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Klagelieder_Jeremias

"Ich finde kein klare Information dazu, warum die jeweils vorgestellten Buchstaben in die Vulgata übernommen wurden und mitvertont werden. Es ist wohl einfach eine praktische musikalische Zäsur, wenn auch inhaltlich ohne Bedeutung und gerade deshalb kann man frei und virtuos komponieren, ohne etwa eine Textverständlichkeit einzuschränken. Auch die "Überschrift" (incipt lamentatio (H)ieremiae prophetae) wird ja mitkomponiert.


Die Sache mit der Vulgata habe ich nicht gekannt. Ich glaube, dass du Recht hast, wenn es lediglich eine Strukturierung der Musik vorgibt. Ich weiß noch von meinem Singen, dass wir alle Buchstaben intensiv geübt hatten und wir alle sehr ergriffen davon waren.
Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

8

Donnerstag, 10. August 2017, 21:17

Carl Luython: Lamentationes Jeremiae

Ich hatte noch nie von Carl Luython gehört, ein Komponist aus Antwerpen, der zur Musikergarde des tschechischen Kaiser Rudolf II. Vor Jahren gab es ein Symposion über Josquin de Préz in Köln, bei dem das Ensemble Dialogo musicale unter Leo Meilink sang.


Alles wurde beim WDR gesendet. Als ich diese Gruppe im Internet wieder ausgrub, gab es dieses Ensemble nicht mehr, allerdings gab es noch eine großartige Doppel-CD: Musik am Prager Hof Kaiser Rudolfs II.. Kaiser Rudolf regierte von 1576 bis 1612; er versammelte viel Kunst, Musik und Absonderlichkeiten an seinem Hof. (Kaiser Rudolf ist auch der Kaiser, der das Lebenselixier in Janaceks Sache Makropulos anfertigen lässt). Carl Luython aus Antwerpen war einer seiner Hofmusiker, und auf der CD ist seine großartige Komposition der Lamentationes Jeremiae.
Die Strukturmerkmale sind ähnlich wie bei Tallis. Es gibt Überschriften (incipit lamentatione), Verse und die Buchstaben (Zahlen), die fast das ganze hebräische Alphabet beinhalten. Besonders eindrucksvoll der Refrain, der nach jeder Strophe erfolgt: Jerusalem, Jerusalem, convertere ad Dominus Deum tuum!
Dieses Stück ist 6stimmig und gehört in die Karfreitagsliturgie.

https://www.youtube.com/watch?v=OXuObLKERwc
Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

Maurice

Prägender Forenuser

  • »Maurice« ist männlich

Beiträge: 4 833

Registrierungsdatum: 7. Oktober 2010

9

Donnerstag, 10. August 2017, 22:14

Der Verfasser ist definitiv nicht Jeremia, aber jemand, der den Untergang der Stadt und des Tempels gesehen hat.

Kannst Du obige Aussage auch exakt beweisen?

Hat Jeremia den Untergang der Stadt und des Tempels etwa nicht gesehen bzw. miterlebt?
Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

10

Freitag, 11. August 2017, 16:30

1. Exakt kann man in der Geschichtswissenschaft selten was beweisen. So gibt es etwa kein Autograph von Jeremia. Die Frage, die du stellst, gehört in den Zweig der historischen Wissenschaften, die man Einleitung oder Literarkritik nennt. Hier wird etwa im AT geforscht nach den Quellen, den Verfassern, dem Datum. Und da meint die Wissenschaft der Moderne, dass man den Verfasser nicht kennt. Da mein Studium schon so lange her ist, weiß ich die Argumente nicht mehr. Bei Wikipedia (Stichw. Klagelieder) findest du mehr.

2. Die Frage ist für unser Thema nicht relevant. Erst die historische-kritische Forschung (Ende 19.Jh) hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Bis dahin haben alle die Klagelieder dem Jeremia zugerechnet, auch die Komponisten, um die es hier geht.
Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

Maurice

Prägender Forenuser

  • »Maurice« ist männlich

Beiträge: 4 833

Registrierungsdatum: 7. Oktober 2010

11

Freitag, 11. August 2017, 18:13

Die Frage ist für unser Thema nicht relevant

Da stimme ich Dir natürlich zu. Trotzdem dankeschön für Deine Mühe und Antwort :hello: !
Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

12

Freitag, 11. August 2017, 19:55

Super flumina Babylonis

Das ist der Beginn von Psalm 137 (Septuaginta und Vulgata zählen 136) auf lateinisch. "An den Wasserflüssen Babylons saßen wir und weinten.....". So sangen die Exilanten des Jahres 586 v.Chr. Dieser Psalm beschreibt die Sehnsucht der exilierten Juden nach Jerusalem und dem Tempel. Die hier angesprochenen Flüsse sind der Euphrat mit seinen Nebenflüssen und der Chabur.
Der Text:
Super flumina Babylonis ibi sedimus et flevimus cum recordaremur Sion.
Super salices (Weiden) in medio eius supendimus citharas (Harfen) nostras.
Quoniam ibi interrogaverunt nos qui captivos duxerunt nos verba carminis et qui adfligebant nos laeti canite nobis de canticis Sion.
Quomodo cantabimus canticum Domini in terra aliena?
Si oblitus fui Hierusalem in oblivione sit dextera mea.
Adhereat lingua mea gutturi meo si non recordatus fuero tui si non praeposuero Hierusalem in principio laetitiae meae.

Dann folgt ein Racheteil, bei dem Babylon das gewünscht wird, was es den Juden angetan hat. Der letzte Vers ist von besonderer Grausamkeit: "Gesegnet seien die, die eure Babys nehmen und sie an einem Felsen zerschmettern". (Dieser Teil wurde von Victoria z.B. nicht vertont).
Vielen der Juden ging es aber in Babylon nicht so schlecht. Man muss bedenken, dass die Babylonier vor allem die Elite verschleppt hatten; die Bauern wurden ja zur Landbestellung gebraucht.
Nach 539 erlaubte der Perserkönig Kyros II., der die Babylonier besiegt hatte, die Rückkehr nach Jerusalem.
Dieser Psalm wurde verständlicherweise dem Propheten Jeremia zugeschrieben.

In der Musik gibt es eine reiche Rezeptionsgeschichte. Ich beschränke mich auf die Vokalpolyphonie. Die schönste Vertonung scheint mir die von Tomás Luis de Victoria zu sein; dazu mit meinem Lieblingsensemble, pro cantione antiqua aus London, unter Bruno Turner, das ich bei YouTube leider nicht finden kann. Aber The Sixteen sind auch sehr gut.

https://www.youtube.com/watch?v=0ueBuANB4tU
Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

Gombert

Prägender Forenuser

  • »Gombert« ist männlich

Beiträge: 620

Registrierungsdatum: 9. Januar 2014

13

Sonntag, 20. August 2017, 15:37

Die "Vertonung des hebräischen Alphabets" bei Tallis

Zitat

von Johannes Roehl: Wenn ich es richtig verstanden habe, ist in dem hebräischen Text der Lamentationes die Dichtung so gestaltet, dass jeder Abschnitt mit dem jeweils folgenden Buchstaben des Alphabets beginnt, diese Gliederung ist gleichsam eingebaut [...]Es ist wohl einfach eine praktische musikalische Zäsur, wenn auch inhaltlich ohne Bedeutung und gerade deshalb kann man frei und virtuos komponieren, ohne etwa eine Textverständlichkeit einzuschränken. .

Eine besondere Betonung des Akrostichons stellt nicht unbedingt ein typisches Merkmal der Lamentationen im fraglichen Zeitalter dar. Dr. pingel bezog sich hier zunächst ja konkret auf Tallis, der diesbezüglich in einer spezifisch englischen, bereits in der Mitte des 15. Jahrhunderts mit John Tudor einsetzenden Tradition steht und auch noch bei Tallis' jüngeren Zeitgenossen White und Byrd wirksam bleibt. Bei den zeitgenössischen kontinentalen Prominenz, wie etwa Lassus oder Palestrina, findet sich dieses Phänomen kaum. Vielleicht betrachtete man sich bereits damals als neues Auserwähltes Volk, eine Sicht, die später durch Händels Oratorien bedient würde… Mit Cavalieri setzt dann in Italien die Tradition ein, die Akrostichon durch polyphone Gestaltung mit dem homophonen Umfeld zu kontrastieren (die Incipits sind wirken dabei vermittelnd) - freilich gehören jene Werkgruppen nicht mehr in unseren Themenbereich.

Da dr. pingel nicht zum ersten Mal auf die Vertonung der hebräischen Buchstaben hinweist, lohnt vielleicht ein kurzer Blick darauf, wie Tallis diese Aufgabe löst.

ALEPH gleicht im imitatorischen Aufbau zunächst dem Incipit. Allerdings moduliert Tallis über eine Kadenz auf A von der phyrischen „Grundtonart“ sogleich ins Hyperphrygische. Der Abschluss des Aleph-Abschnitts verläuft beinahe spiegelbildlich, indem eine mehrfache Kadenz auf A ins A-phrygische führt, bevor der antiphonisch gestaltete Vers einsetzt.

Bei BETH wendet sich die Tonart ins Lydische. Unterhalb eines Haltetons der höchsten Stimme entfaltet sich ein Falsburden, indem die Stimmpaare II & IV sowie III & V ein simples Motiv repetieren. Angesichts der Gestaltung des Aleph ist es zunächst nicht besonders überraschend, dass Beth auf B kadenziert. Freilich bleibt B auch im Vers erhalten, was eine scharfe Spannung zur phrygischen Grundtonart bewirkt.

GIMEL, im Dorischen stehend, ist noch stärker durchimitiert als Aleph, es ergeben sich sogar Fughetta-ähnliche Passagen. Selbstverständlich erfolgt die finale Kadenz auf G.

Ganz anders DALETH: die zentrale Mittelstimme gibt den Cantus vor, dessen Terzmotiv vom Alt beziehungsweise vom Bass imitiert wird. Zugleich füllen die äusseren Mittelstimmen die klangliche Textur mittels eines geringfügig, aber kontinuierlich variierten Sekundmotivs. Es folgt eine dissonante „Englische Kadenz“ auf D, bei der zugleich kleine und grosse Terz des Akkords zu hören ist.

HETH ist sogar noch einfacher gehalten. 3 Stimmen singen eine einfache, aufsteigende Tonfolge, vier Stimmen kehren das Motiv um. Bei diesem hebräischen Buchstaben musste Tallis naturgemäss auf eine „gleichlautende“ Kadenz über H verzichten.


Ansonsten hat dieses Stück jedes englische Vokalensemble eingespielt

Das muss wohl zutreffen, andernfalls hätte ich die Stücke nicht auf mehreren CD-Produktionen und Rundfunkaufnahmen gesungen, obwohl mein Stimmfach erst nach etlichen Jahren gefragt war...( nun gut, es gibt auch einige frevelhafte Ensembles, die überhaupt noch keinen Tallis eingespielt haben). Die relative Popularität dieser Werke ist kaum verwunderlich, denn die erste Lamentation mit ihren gewagten , teilweise chromatischen Kadenzen antizipiert bereits die Tonartendramaturgie der modernen Dur-Moll-Funktionsharmonik, während die harmonisch wesentlich statischere zweite Lamentation passagenweise an Minimal Music o.ä. erinnert. Mein grösster Favorit sind sie aber nicht.

Meine Lieblingsaufnahme ist verschollen, es war die mit den Clerkes of Oxenford unter David Wulstan, der nicht mehr existiert (der Chor, von Wulstan weiß ich es nicht).

David Wulstan starb in diesem Jahr. Er publizierte ziemlich umfassend über die Schlüsselung der Lamentationen (z.B. „Tudor Music“). Dass man im Lauf einer „Gesangskarriere“ die Stücke in verschiedenen Positionen singen kann, ist ja auch dem mangelnden Konsens in dieser Frage geschuldet.


P.S.:
Musikergarde des tschechischen Kaiser Rudolf II

Achtung: Regelmässiger, langjähriger Janacek-Konsum führt dazu, dass der Konsument schliesslich überall Tschechen zu erblicken meint.

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

14

Sonntag, 20. August 2017, 22:12

Die "Vertonung des hebräischen Alphabets" bei Tallis


P.S.:
Musikergarde des tschechischen Kaiser Rudolf II

Achtung: Regelmässiger, langjähriger Janacek-Konsum führt dazu, dass der Konsument schliesslich überall Tschechen zu erblicken meint.


Was nicht stimmt, aber trotzdem nicht das Schlechteste ist. Danke für das Kompliment. Schreib mal öfter hier, und sag bachiania, dass wir sie alle schwer vermissen! Auf mich hört sie ja nicht.

P.S.: Andauernder Janacek-Konsum führt dazu, dass einem jede Menge sonstiger Musik (bzw. B-Klassik und C-Klassik) nicht mehr gefällt.
Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

15

Montag, 21. August 2017, 21:24

William Byrd - Ne irascaris

William Byrd war lange Zeit nicht in meinem Visier, bis unser Kantor die Motette "Ne irascaris, Domine" mitbrachte, in dieser Fassung: STTBB. Es war nicht so leicht, vor allem der 1. Tenor liegt sehr hoch. Aber wir waren alle begeistert von diesem Stück. Leider haben wir es nur einmal, am Karfreitag 2016, aufgeführt.
Byrd lebte von 1543 bis 1623, er war seit 1572 zusammen mit Tallis Organist an der Chapel Royal. Beide waren glühende Katholiken, die die Wendung Heinrichs VIII. zur Anglikanischen Kirche gleichsetzten mit dem Untergang Jerusalems 586 ante. Tallis und Byrd waren aber so berühmt, dass sie nicht angetastet wurden. Schüler von Byrd waren Morley und Tomkins.
Der Text der Motette findet sich bei Jesaja (64, 9 und 10). Dazu muss man wissen, dass sich im Jesajabuch gleich drei Jesajas verbergen, die sinnigerweise Proto-, Deutero,- und Tritojesaja heißen. Jesaja 1: 740-701 ante, wirkte zur Zeit der Assyrer (Kapitel 1-39). Deuterojesaja beschreibt das Ende der babylonischen Gefangenschaft (Kap. 40-55) und Tritojesaja (Kap. 56-66) liegt noch später. In den Versen dieser Motette bietet er einen historischen Rückblick auf 586 ante.
Die Motette hat zwei Teile:
I. Ne irascaris Domine satis, et ne ultra memineris iniquitates nostrae. Ecce respice populis tuus omnes nos. Beeindruckend hier der Anfang der tief liegenden Bässe, dann eine gewaltige homophone Stelle (Ecce-siehe).
II. Civitas sui sancti tui facta est deserta. Sion deserta facta est, Jerusalem desolata est. Sion und Jerusalem werden homophon ausgeführt. Am Schluss gibt es eine große Steigerung auf dem Wort "desolata est", bis es erlischt. Eine Komposition, die große Verzweiflung ausdrückt, was man versteht, wenn es Byrd selbst betraf, Fremder im eigenen Land zu sein.
Es gibt sehr viele Aufnahmen davon; die vom Chor von Durham Cathedral bildet die Noten ab, sodass man mitsingen kann. Der 2. Teil wird von den King´s Singers ganz intim und zurückgenommen gesungen, was meiner Ansicht dem Stück nicht gerecht wird. Die allerallerallerbeste Aufnahme ist die von Stile antico, die übrigens ohne Dirigenten singen. Man hört jede Stimme, und der Schluss ist von ergreifender Gewalt, bis das Stück erlischt. Das ist ein Fall in der Musik, dass man nur diese eine Aufnahme braucht, es sei denn, man singt selber.

Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

16

Dienstag, 22. August 2017, 16:33

Heinrich Schütz - Tröstet, tröstet mein Volk

Diese Motette ist die Nr. 11 in der Geistlichen Chormusik von 1648. Die Situation ist fast die gleiche: der 30jährige Krieg geht 1648 zu Ende, und der Prophet Jesaja verkündet das Ende der babylonischen Gefangenschaft nach 350 vor Chr. Ich bin mir sicher, dass Schütz diese Verbindung beabsichtigt hat.
Der Text leitet Kap. 40 des Jesajabuches ein, allerdings ist es ein neuer Jesaja, dessen Namen man nicht kennt und ihn deshalb Deuterojesaja nennt.
Schütz-Motetten, besonders die Geistliche Chormusik von 1648, ist ein Kernbestand evangelischer Chöre, wobei man heute Schütz nicht mehr a-cappella singt, sondern auch Instrumente verwendet. In seinem Vorwort sagt Schütz das ausdrücklich. Auch erlaubt er eine rein instrumentale Aufführung.

Eine richtig gute Aufnahme habe ich nicht gefunden, daher muss ich mich hier mit einer achtbaren Version eines amerikanischen Unichores bescheiden. Da Schütz so beliebt ist und er auch nicht schwer zu singen ist, versucht sich jeder daran. Das ist ja in Ordnung, aber muss ich meine geballte Inkompetenz per YouTube allen mitteilen. Daher werde ich in meinem Parallelthread YouFail die schönsten Unglücke vorstellen.

Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

17

Dienstag, 22. August 2017, 17:35

...und ihr habt nicht gewollt

Ein spätes Echo des Jerusalem-Motivs findet sich in Mendelssohn "Paulus", die Nr. 7.
Es ist meine Lieblingsarie aus diesem Stück. Hier gibt es eine ganze Reihe von guten Aufnahmen bei YouTube, auch von Sängerinnen, die man noch nie gehört hat. Eine davon habe ich ausgewählt.
Bei dieser Arie gibt es zwei unterschiedliche Interpretationsansätze: der extrovertierte, dramatische und der introvertierte, der mit viel Legato gesungen wird. Es gibt ein paar Aufnahmen mit Klavier statt Orchester, aber da geht doch viel verloren, etwa der intensive Klang der Klarinetten und der schöne Fluss der Geigen.

Text: (Stimme Jesu): "Jerusalem, die du tötest die Propheten, die du steinigest, die zu dir gesandt. Wie oft hab ich nicht deine Kinder versammeln wollen, und ihr habt nicht gewollt!"

Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

18

Donnerstag, 24. August 2017, 20:38

Super flumina Babylonis deutsch - Heinrich Schütz



Erstaunlich, dass Schütz bei dieser doppelchörigen Motette aus den Psalmen Davids die Racheverse mit vertont.
Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

19

Donnerstag, 24. August 2017, 21:00

Jerusalem 586 - Dresden 1945

Diese Parallele setzt eindrucksvoll der ehemalige Leiter des Dresdner Kreuzchores in Musik.

Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich
  • »dr.pingel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 855

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

20

Donnerstag, 24. August 2017, 21:11

Jerusalem 586 - München 1945. Richard Strauss

Es handelt sich hier um die Metamorphosen für 23 Solostreicher, eines der intensivsten und gedankenreichen Stücke, die Strauss je geschrieben hat. Ein Trauergesang auf die Zerstörung Münchens.

Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)