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Agon

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1

Sonntag, 15. Oktober 2017, 18:35

Benjamin Britten: Peter Grimes; Oper FFM; 14.10.17; 19.30-22.45 Uhr

Hier also der Bericht zur gestrigen Peter Grimes-Vorstellung an der Oper Frankfurt/M.
Die Neuinszenierung von Regiealtmeister Keith Warner geht das Werk geradlinig, werkgerecht und mit optischer Opulenz an. Die Personenregie und vor allem auch die Lichtregie ist ausgefeilt bis ins letzte Detail. Warner präferiert eine fast filmische Ästhetik, nutzt den Bühnenraum in seiner ganzen Tiefe. Der äusserst effektvolle Einsatz der Drehbühne, insbesondere beim Übergang der einzelnen Szenen, die durch die Orchesterzwischenspiele ("Four Sea Interludes") miteinander verbunden sind, ist phänomenal. Das nennt man wohl technische Perfektion. Dies kann natürlich nur funktionieren, wenn die Feinabstimmung mit dem Orchester klappt. Und das tut sie in der Tat. Sebastian Weigle hat das Orchester aussergewöhnlich gut einstudiert, extrem detailfreudig, transparent und dramatisch gespannt. Der Spannungsfaden reisst nie ab.
Das Bühnenbild transportiert einen düster-realistischen Naturalismus, der an Charles Dickens erinnert. Das Milieu der einfachen Fischerleute, schmutzig, dreckig, gewaltbereit und brutal ist auch von den Kostümen her unglaublich echt wirkend. Man fühlt sich in diese Welt und Zeit hineinversetzt. Hier wird nichts peinlich modernisiert oder versetzt.
Und die Sänger? Tja, einfach gut, würde ich mal sagen. Vincent Wolfsteiner scheint einen ziemlichen Sprung gemacht zu haben, kein angestrengtes und forciertes Singen mehr, sondern klar geführt, sensibel und sehr schattiert. Vom Typ passt er sowieso hervorragend als "Peter Grimes". Fantastisch sind insbesondere Sara Jakubiak als empathische und sensible Lehrerin Ellen Orford und James Rutherford als Captain Balstrode, die Beide Grimes helfen und retten wollen, es aber im Endeffekt nicht schaffen.
Der Mob, das Volk, wird vom Chor mit unglaublicher Wucht dargestellt, beängstigend und zu allem bereit. Jane Henschel als robuste Kneipeninhaberin Auntie, Clive Bayley als verkommener Bürgermeister Swallow und sehr markant die Sängerinnen der beiden "Dorfprostituierten" First und Second Niece, Sydney Mancasola und Angela Vallone, auch von der Kostümierung her sehr einprägsam.
Sebastian Weigle holt aus dem Orchester wirklich alle Stimmungslagen heraus, die man sich denken kann. Besonders toll sind die unheimlichen und unwirklichen Stellen, wo man als Zuhörer nicht genau weiss, was los ist und was passieren wird. Grimes Schlussmonolog zeigt seinen Wahn und seine Verlorenheit, sein Tod ist da nur die logische Konsequenz. Am nächsten Tag geht das Leben im Dorf dann seinen gewohnten Gang - so als wäre nichts passiert.
Eine hervorragende Produktion, die ich mir sicher nochmal anschauen werde.


Vincent Wolfsteiner als Peter Grimes (kniend)


James Rutherford als Captain Balstrode sowie Sydney Mancasola und Angela Vallone als First und Second Niece
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. (Theodor W. Adorno)

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2

Sonntag, 15. Oktober 2017, 18:55

Ein schöner und lesenswerter Bericht. Vielen Dank! Ich habe noch keinen Britten gehört, diese Beschreibung senkt meine Hemmschwelle deutlich.
Wo ich Sebastian Weigle bisher begegnet bin, war es immer großartig.
..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
-- Aydan Özoğuz

Agon

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3

Sonntag, 15. Oktober 2017, 20:40

Vielen Dank, lieber Hans Heukenkamp, für Deine positive Reaktion.
Hemmungen mußt Du hier wirklich keine haben, auch wenn Du noch nie eine Britten-Oper gesehen/gehört hast. "Peter Grimes" ist ein unmittelbar packendes Stück.
Und Sebastian Weigle ist wirklich in Top-Form.
Wenn Du es ermöglichen kannst, solltest Du hier reingehen.

Herzlicher Gruß,

Agon
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. (Theodor W. Adorno)

Agon

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4

Sonntag, 12. November 2017, 16:48

Ich habe also jetzt dreimal diese Spitzenproduktion der Oper Frankfurt besucht (14., 27. 10., 11. 11.) und kann mir nicht vorstellen, dieses Stück irgendwo intensiver, glaubwürdiger, emotionaler oder besser inszeniert sehen und hören zu können.
Die Besetzung blieb kontinuierlich dieselbe - keinerlei Umbesetzungen - das ist leider nicht mehr selbstverständlich.
In der letzten Vorstellung entsteht oft nochmal eine besondere Intensitätssteigerung - so war es auch gestern. Was mir wieder besonders aufgefallen ist - die mittlerweile unglaubliche Qualität der Streicher, also, was die hier vollbracht haben - Weltklasse. Ich kenne das so von keiner Aufnahme, Gänsheaut pur sage ich nur. Gerade auch am Schluss, nach dem Tod von Grimes, wenn noch einmal die Gewalt des Meeres und des Sturms zurückkehrt und das Orchester einen erschütternden Höhepunkt hat, als ob alles in diesem Moment erstarren würde angesichts der gnadenlosen Naturgewalten. Das hat mich gepackt wie lange nichts. Am Schluß scheinen auch die Bewohner des Dorfs zu sterben, zu ersterben.
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. (Theodor W. Adorno)