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Gombert

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Mittwoch, 8. November 2017, 15:08

Die Protagonisten der Alten Musik (XVI) Academy of Ancient Music

In seinem beliebten Buch "The Maestro Myth" schreibt Norman Lebrecht, die deutschen "Originalklang"-Orchester wären wesentlich im Fahrwasser ihrer britischen Äquivalente entstanden. Während sich freilich in Österreich ebenso wie in West- und Ostdeutschland bereits in den 50er Jahren langlebige Ensembles etablierten (Concentus musicus, Capella Coloniensis, Capella Fidicinia) entstanden die britischen PI-Ensembles im erst in den 70ern, wobei allein für 1972/73 die Gründungen des English Concerts, des Tavener Consorts und der einflussreichen Zeitschrift "Early Music" zu verzeichnen ist. Zu diesen gesellt sich die Academy of Ancient Music, deren Namensgebung dann allerdings doch an eine traditionelle englische Affinität zu dezidiert "Alter Musik" erinnert.

Die ursprüngliche Academy wurde 1726 gegründet und widmete sich - ähnlich der Madrigal Society - Werken, die ein bestimmtes Mindestalter überschritten haben mussten. Durch die Chor- und Clavierbautradition, später durch die "3D" Dolmetsch, Dart und Deller blieb eine gewisse Kontinuität in der britischen Pflege Alter Musik gewahrt, freilich nicht in Form von PI-Orchestern. Die "Wieder"begründung der Academy of Ancient Music im Jahr 1973 durch Christopher Hogwood stellt insofern eine gewisse Pionierleistung dar. Eine Geschichte derartiger Ensembles ist oft die Geschichte ihrer Gründungsväter. Hogwood ist Schüler der beiden wichtigsten Cembalisten der 60er Jahre. Während jedoch Rafael Puyana dem Landowska-Umkreis, also letztlich dem zugleich romantisch und neusachlich geprägten Historismus entsprang, war Gustav Leonhardt der Doyen der modernen HIP-Instrumentalisten. Seit 1965 spielte Hogwood das Continuo-Cembalo in Marriners höchst gediegenem Kammerorchester von St Martin in the Fields das Continuo-Cembalo, zwei Jahre später wirkte er zugleich in Munrows geradezu antagonistischem "Early Music Consort", welches sich auf eher abenteuerlustige Weise die mittelalterliche Musik zu erschliessen suchte.

Diese janusköpfige musikalische Sozialisation spiegelt sich auch in Stil und Repertoire des Academy of Ancient Music. Der Verzicht auf inégale Phrasierung korresponiert mit dem Abschleifen der eigentlich durch das historische Instrumentarium bedingten ungleichförmigen Artikulation und Dynamik. Dies ermöglicht eine grossrhythmisch geprägte Motorik, welche die Kluft zu den polierten traditionellen Kammerorchestern der 60er-Jahre gering erscheinen lässt. Eine ähnliche Ästhetik pflegt auch das nahezu zeitgleich entstandene "English Concert", zumal auch hier ein Cembalist Ensemblegründer ist. Allerdings begann Trevor Pinnock seine Laufbahn bereits als Kind im ältesten Musikensemble Britanniens, dem Canterbury Cathedral Choir, während Hogwoods Ausbildung in Cambridge mehr akademisch grundiert war. So mag sich der noch etwas kantablere und legatoseligere Klang von "The English Concert" erklären, trotz der sich oft überschneidenden Besetzung.




Geprägt von dieser Ästhetik waren die britischen Ensembles marktkompatibel. "English Concert" wurden von der Deutschen Grammophon unter Vertrag genommen, die "London Classical Players später von EMI. Hogwoods "Academy of Ancient Music" entstand gar auf Anregung der Decca, ein seltener, aber nicht singulärer Fall im Originalklangbereich - "La Petite Bande" geht etwa auf die Deutsche Harmonia Mundi zurück. Keine Überraschung war das erste umfassendere Aufnahmeprojekt, Purcells gesammelte "Theatre Music". 1978 begann man allerdings mit einer Gesamtaufnahme der Mozart-Sinfonien, der erste umfassende originalklänglerische Vorstoss in den Bereich der klassischen Sinfonik, der auch weiterhin von englischen Ensembles getragen wurde. Damals vielleicht aufsehenerregend, erscheint die klassizistische Lesart der "Academy" aus heutiger Sicht weniger idiosynkratisch als viele "traditionelle" Gesamtaufnahmen - und blieb darin Vorbild für die GAs von Pinnock oder ter Linden. Es handelt sich noch immer die umfassendste Einspielung, die auch Fragmente, apokryphe oder hinsichtlich der Zuschreibung umstrittene Werke enthält. Die Komplettisten unter den Sammlern konnten sich endlich an der ominösen Sinfonie Nr. 37 erfreuen und selbst Nr. 40 liegt in beiden Versionen vor. Vor allem wurden unterschiedliche Besetzungsgrössen der Uraufführungen berücksichtigt, daher klingt die "Pariser" Sinfonie viel üppiger als die "Prager".



Als Cembalist war Hogwood stets bereit, seinen Konzertmeistern ein erhebliches Mitgestaltungsrecht zu gewähren, hier etwa Jaap Schröder, später auch Simon Standage. Robert Levine versucht sich bei Mozarts Klavierkonzerten passagenweise an "asynchronen" Rubati (was bei Bilson/Gardiner offenbar an den Archiv-Ingenieuren scheiterte...). Auch die Einspielungen der Beethovensinfonien erscheinen im Direktvergleich mit Goodman und Norrington zunächst als klassizistisch, sind aber hinsichtlich der Umsetzung des Textes eigenwilliger als Gardiners. Haydns Sinfonien präsentieren ihren Witz auf trockene Weise, was etlichen Werken durchaus entgegenkommt. Allerdings fehlte mittlerweile die Orientierung an den ursprünglichen Aufführungsbedingungen. So wird etwa pauschal auf das Continuo verzichtet, wodurch sich ein scharfer Kontrast zu Roy Godmans "clavierkonzertierender" Lesart ergibt. Nicht fehlende Frische, sondern die allgemeine Marktkrise waren freilich der Grund für den Abbruch der weit gediehenden Gesamtaufnahme.



Für die sich finanziell selbst tragenden britischen Ensembles stellte sich das Ende der Majorlabel-Verträge problematisch dar. Abfedernd wirkte die mehr oder weniger informelle Rolle der Academy of Ancient Music oder des Orchestras of the Age of Enlightenment als Hausorchester der wohlhabenden Colleges in Oxbridge. Bei der Aufführung älterer Musik durch die dortigen Traditionschöre ist eine Zusammenarbeit mit PI-Orchestern bereits seit den 80er Jahren Standard. Die folgenden Einspielungen präsentieren die möglichen Konstellationen: die beiden ältesten Chöre Oxfords, einmal vom Orchesterdirektor geleitet und von "externen" Solisten gesungen, einmal vom Chorleiter dirigiert und mit choreigenen Solisten besetzt. Mittlerweile ist die Academy sogar offizielles Orchestra-in-Residence an der Universität von Cambridge.




Für einige Jahre war Andrew Manze stellvertretender Dirigent, gefolgt von Richard Egarr, der 2005 Hogwood als Musikdirektor ablöste. Ebenfalls Cembalist, wirkt Egarrs Musikaufassung manieristischer als die seines zurückhaltenden Vorgängers. Da Manze und Egarr auch dem "English Concert" verbunden waren, wundert eine gewisse Angleichung des Timbres der beiden ohnehin ähnlich besetzten Orchester nicht. Seit der Jahrtausendwende werden auch Kompositionsaufträge vergeben, so dass der "Protagonist der Alten Musik" sowohl Musik des 17. als auch des 21. Jahrhunderts spielt - seit 2013, wie mittlerweile allgemein üblich, auch auf eigenem CD-Label.