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MSchenk

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1

Dienstag, 28. November 2017, 09:25

"Chaos statt ..." - Stalin und das Regietheater

Liest man, wie ich es gerade tue, Julian Barnes Schostakowitsch-Roman Der Lärm der Zeit



kommt man kaum darum herum, sich auch den berühmt-berüchtigten Prawda-Artikel "Chaos statt Musik" vom 28.Januar 1936 (zuletzt aufgerufen am 28.11.2017) ins Gedächtnis zu rufen. Und auch, wenn es nun sehr wahrscheinlich - und zudem in der friedvollen Vorweihnachtszeit - wieder zu Unmut, Streit, unqualifizierten Anwürfen und gekränkten Eitelkeiten führen wird, kann ich doch nicht umhin, für mich folgendes festzustellen: Ersetzt man in dem Artikel, der sehr wahrscheinlich von Josef Stalin persönlich stammt, das inkriminierte Werk Lady Macbeth von Mzensk im speziellen bzw. den vorgeworfenen Formalismus im allgemeinen durch eine beliebige "moderne" Inszenierung bzw. durch das sog. Regietheater, so scheint mir der gesamte Duktus des Artikels bis hin zur Wortwahl im einzelnen nicht allzuweit entfernt von dem, was hier in einschlägigen "Diskussionen" zu lesen ist. - Sollte ich mit meiner zugegebenermaßen eher spontan-affektiven Einschätzung vollkommen falsch liegen, möchte ich mich bereits im Vorfeld dafür entschuldigen und würde darum bitten, diesen Beitrag einfach zu ignorieren.
mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

Dr. Holger Kaletha

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2

Dienstag, 28. November 2017, 15:09

Da fällt, lieber Michael, der Name "Meyerhold". Das ist der berühmte Regisseur - einer der Väter des sogenannten Regietheaters. Stalin hat ihn umbringen lassen und Schostakowitsch hatte nicht zuletzt deshalb so große Angst, dass ihm dasselbe Schicksal wie seinem Freund widerfährt.

Schöne Grüße
Holger

Christian B.

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3

Dienstag, 28. November 2017, 15:19

Stalin hat ihn umbringen lassen und Schostakowitsch hatte nicht zuletzt deshalb so große Angst, dass ihm dasselbe Schicksal wie seinem Freund widerfährt.
Die Beschreibung dieser Angst und was diese für Shostakowitsch für Folgen hatte, ist in diesem Buch, das ja nun keine Biographie ist, sehr beklemmend eingefangen. Insgesamt hat mich der Text trotz seiner unbestrittenen Qualitäten aber etwas enttäuscht zurückgelassen, dafür dass es eben keine Biographie ist, hätte ich mir auf der literarischen Seite in der Annäherung an den Künstler und Mensch Shostakowitsch mehr erwartet. Will man literarisch etwas über den Stalinismus erfahren aus dieser Zeit, empfehle ich sehr LEBEN UND SCHICKSAL von Wassili Grossman, ein lange verschollenes Buch. Und eins der besten Bücher, das ich je gelesen habe.

Viele Grüße
Christian

Dr. Holger Kaletha

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4

Dienstag, 28. November 2017, 15:27

Lieber Christian,

ich hatte die Vorstellung des Buches in "Aspekte" oder im Nachfolger vom "literarischen Quartett" gesehen - ich erinnere mich nicht mehr genau und mir überlegt, das vielleicht zu kaufen. Da wurde es sehr positiv besprochen. Vielleicht besorge ich mir nach Deinen Eindrücken aber lieber den Grossmann antiquarisch! :hello:

Liebe Grüße
Holger

Christian B.

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5

Dienstag, 28. November 2017, 15:48

Es ist für mich einer der ganz, ganz großen Romane. Und ich habe einiges und auch so manchen Klassiker gelesen. Ein unglaubliches Panorama, beginnend in Stalingrad und weit darüberhinaus bis in die Nachkriegszeit. Es beleuchtet das Geschehen multipersektivisch, was es eingangs vielleicht nicht ganz leicht macht. Am besten nimmt man sich dafür im Urlaub 2 Wochen und liest es an einem Stück. Aufgrund der Komplexität der verschränkten Handlung und auch der Erzähltechnik muss man dranbleiben. Die Geschichte der Entstehung des Buchs - das verboten und vernichtet wurde - und seiner Wiederentdeckung hat mich bewegt. Der Autor erlebte zu Lebzeiten die Veröffentlichung nicht mehr. Ich musste ein bisschen an Krieg und Frieden denken, was ja ein unglaublich gut erzähltes Buch ist. Im Vgl. zu Tolstoi ist es natürlich moderner und auch elliptischer.

Viele Grüße
Christian

MSchenk

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6

Dienstag, 28. November 2017, 15:57

Will man literarisch etwas über den Stalinismus erfahren aus dieser Zeit, empfehle ich sehr LEBEN UND SCHICKSAL von Wassili Grossman, ein lange verschollenes Buch. Und eins der besten Bücher, das ich je gelesen habe.
Fein, allein für diesen Lese-Tipp hat sich die Eröffnung des Threads schon gelohnt :thumbup:
mfG Michael

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Fiesco

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7

Dienstag, 28. November 2017, 16:36



Ja, das Buch sollte man gelesen haben, ich war teilweise so ergriffen, daß ich nicht weiterlesen konnte und immer mal wieder eine Pause brauchte!

LG Fiesco
Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen.

Grillparzers Worte auf der Reliefplatte Schuberts.

MSchenk

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8

Dienstag, 28. November 2017, 16:58

Soeben antiquarisch für 8,- € geordert.
mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

Dr. Holger Kaletha

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9

Dienstag, 28. November 2017, 20:56

Ersetzt man in dem Artikel, der sehr wahrscheinlich von Josef Stalin persönlich stammt, das inkriminierte Werk Lady Macbeth von Mzensk im speziellen bzw. den vorgeworfenen Formalismus im allgemeinen durch eine beliebige "moderne" Inszenierung bzw. durch das sog. Regietheater, so scheint mir der gesamte Duktus des Artikels bis hin zur Wortwahl im einzelnen nicht allzuweit entfernt von dem, was hier in einschlägigen "Diskussionen" zu lesen ist.
Doch noch etwas zum Prawda-Artikel, lieber Michael! :D

Ich glaube eher weniger, dass der Artikel von Stalin selbst stammt, dazu ist er zu präzise und kompetent in Sachen Ästhetik. Wahrscheinlich hat er ihn aber gelesen und abgesegnet. Interessant daran finde ich, dass er wirklich ästhetisch argumentiert - mit freilich wenig originellen, bekannten Argumenten, die zum größten Teil aus dem 19. Jhd. stammen - als auch philosophisch (die Antithese Humanismus versus Naturalismus). Und natürlich gibt es da einen stark populistischen Akzent. Das zu analysieren, finde ich immer noch interessant, um zu sehen, wie Ästhetik ideologisch funktionalisiert wird. Dagegen ist die Polemik gegen RT bis in den Wortlaut hinein identisch mit dem Diskurs über entartete Kunst/Musik (was ich ja mal anhand von Quellen eindeutig belegt habe). Der Unterschied zum Diskurs über "entartete Musik" ist dann doch, dass hier der "kulturkritische" Aspekt als diskriminierender Diskurs fehlt ebenso wie eine psychologistische, biologistische Betrachtung. Im Prawda-Artikel wird ästhetisch argumentiert, während der Diskurs über "entartete Musik" darauf verzichtet, das Ästhetische vielmehr psychologisierend transzendiert. Und der Artikel ist schlicht viel, viel intelligenter als sämtliche unsäglichen RT-Debatten in ihrer antiintellektualistischen Dumpfheit - was für den Betroffenen (Schostakowitsch) natürlich um so schlimmer ist.

Schöne Grüße
Holger

Dr. Holger Kaletha

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10

Mittwoch, 29. November 2017, 11:41

Parallelen zur RT-Debatte findet man schon - und zwar in Bezug auf den "Formalismusstreit" in der ehemaligen DDR:

https://de.wikipedia.org/wiki/Formalismusstreit

Walter Ulbricht in seiner Rede vor der Volkskammer der DDR am 31.10.1951:

Wir wollen in unseren Kunstschulen keine abstrakten Bilder mehr sehen. Wir brauchen weder die Bilder von Mondlandschaften noch von faulen Fischen. Die Grau-in-Grau-Malerei, die ein Ausdruck des kapitalistischen Niedergangs ist, steht im schroffsten Widerspruch zum heutigen Leben in der DDR.“

Da haben wir schon 1951 bei Ulbricht das ja aus der Polemik gegen RT bekannte "Wir wollen das nicht sehen...." und dann die bedingungslose und totale Ablehnung einer Ästhetik des Hässlichen (die "faulen Fische" bei Ulbricht), die als Verfallserscheinung einer kranken Gesellschaft gewertet wird. Die Entsprechung dazu ist das berühmte "hirnkrank" u. ä. hier bei Tamino.

Noch 1968 kann man in einem einschlägigen DDR-Lexikon lesen:

„Im Gegensatz zur schöpferischen Methode des Realismus steht die Methode des Formalismus mit all ihren Richtungen der abstrakten Kunst. Diese Methode ist in der Kunst die Widerspiegelung des Verfalls der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Ideologie in der imperialistischen Phase des Kapitalismus. Die Formalisten verzichten auf ein wahrheitsgetreues, gegenständliches Abbild der Wirklichkeit und zerstören unter dem Vorwand der künstlerischen Freiheit willkürlich die Zusammenhänge und tatsächlichen Erscheinungsformen der Wirklichkeit, vor allem das humanistische Menschenbild.“

– Meyers Jugendlexikon, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1968, S. 669.

Da gibt es dann die Wiederholung von wichtigen Elementen des Diskurses über "entartete Kunst/Musik" aus der NS-Zeit wiederum mit Parallelen zur RT-Debatte:

(1) der Vorwurf eines Missbrauchs künstlerischer Freiheit

(2) Kunst bzw. Musik als Verfallserscheinung - anstelle der "Kulturzersetzung" (Vokabular aus der NS-Zeit und der Hannoveraner Initiative) ist hier das Destruktive die westlich-dekadente bürgerliche Gesellschaft und ihr Imperialismus, als deren Ausdruck diese Kunst gewertet wird

(3) letztlich ist der Formalismus eine Zerstörung der Wahrheit mit der Folge eines Realitätsverlustes - nämlich der vermeintlichen Verweigerung der Abbildung der wirklichen "Realität". Die Entsprechung in der RT-Debatte ist die Beanspruchung von "Wahrheit" durch die RT-Gegner im Sinne der Realität des "Werkes" - von "Werktreue". RT ist so letztlich nicht anders als Formalismus ein Wahrheits- und Realitätsverlust.

(4) die Anknüpfung an den Prawda-Artikel von 1936 ist die marxistische Betonung des "Humanismus". Dieses Motiv fehlt in der RT-Debatte.

Bei jedem unvoreingenommenen Menschen und einigermaßen Gebildeten läuten hier sämtliche Alarmglocken - nur bei RT-Gegnern natürlich nicht. :D

Schöne Grüße
Holger

MSchenk

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11

Mittwoch, 29. November 2017, 19:44

Vielen Dank, lieber Holger, für die Einordnung des Themas in einen größeren Kontext. Tatsächlich sind Deine Ausführungen für mich auch ohne ein Studium der Philosophie verständlich und gut nachvollziehbar ;) "Gestolpert" bin ich aber schon viel weiter an der Oberfläche, wenn z.B. die Rede ist von den Volksmassen, die "schöne" Dinge erwartet (den vielen wahren Opernfreunden, die genug von der Realität in den Nachrichten haben und damit nicht noch in der Oper konfrontiert werden möchten). Weiter die gefällige Musikkritik (Heute der verlängerte Arm des sog. Regietheaters) und überhaupt die "die ganze "linke" Kunst", die sich der Einfachheit und Schönheit verschließt (so wie die 68er-Linke ja auch den Weg für all das Abscheuliche geebnet hat, was dem wahren Opernfreund heutzutage zugemutet wird).

Du hast natürlich recht, wenn Du meinst, dass sich bei einer tieferen Analyse des Textes und seines Kontextes vielfältige Beziehungen herstellen lassen. Aber trotzdem ist es doch ein wenig erschreckend, wie sehr sich die Mechanismen und selbst die einfachen Bilder gleichen ...
mfG Michael

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Dr. Holger Kaletha

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12

Donnerstag, 30. November 2017, 07:18

Vielen Dank, lieber Holger, für die Einordnung des Themas in einen größeren Kontext. Tatsächlich sind Deine Ausführungen für mich auch ohne ein Studium der Philosophie verständlich und gut nachvollziehbar ;) "Gestolpert" bin ich aber schon viel weiter an der Oberfläche, wenn z.B. die Rede ist von den Volksmassen, die "schöne" Dinge erwartet (den vielen wahren Opernfreunden, die genug von der Realität in den Nachrichten haben und damit nicht noch in der Oper konfrontiert werden möchten). Weiter die gefällige Musikkritik (Heute der verlängerte Arm des sog. Regietheaters) und überhaupt die "die ganze "linke" Kunst", die sich der Einfachheit und Schönheit verschließt (so wie die 68er-Linke ja auch den Weg für all das Abscheuliche geebnet hat, was dem wahren Opernfreund heutzutage zugemutet wird).

Du hast natürlich recht, wenn Du meinst, dass sich bei einer tieferen Analyse des Textes und seines Kontextes vielfältige Beziehungen herstellen lassen. Aber trotzdem ist es doch ein wenig erschreckend, wie sehr sich die Mechanismen und selbst die einfachen Bilder gleichen ...
Lieber Michael,

das Thema oder vielmehr der Umgang damit wird langsam zur Groteske. Gestern bekam ich den Hinweis, dass das Capriccio-Forum auf Deinen Thread reagiert hat:

http://www.capriccio-kulturforum.de/inde…7154#post467154

Der Populismus und sein Prinzip des Schönredens, des geringsten Widerstandes, ist inzwischen auch in diesem "Konkurrenzforum" angekommen, das sich ja Tamino für so "überlegen" hält in intellektueller Hinsicht. Wie lächerlich ein solcher Anspruch ist, kann nun jeder sehen. Der Thread dort wurde aus Angst vor Diskussionen gleich geschlossen!!!

Es ist genau das - es gibt Sterotypen, die sich erschreckend wiederholen. Das zu analysieren und Ernst zu nehmen, dem weicht man aus. Der Hintergrund des Prawda-Artikels ist ein Machtkampf. Die Anfänge nach der Revolution von 1917 waren sehr modernistisch, da hat Kandinsky mitgewirkt und die Leningrader Philharmoniker spielten Anton Webern, es gab Frauenemanzipation etc. Kritisiert wird nun die Kritik und positive Aufnahme von Schostakowitschs modernistischem Stück. Dieser Konflikt über die Deutungshoheit wird nicht demokratisch, sondern diktatorisch entschieden. Das Muster dafür ist bei Platon vorgegeben: Der Künstler muss durch eine moralische Instanz - meist ist es der Staat - erzogen werden. Kunst, die nicht dem Erziehungsziel des Staates dient, wird verboten und ausgeschlossen. So hat Platon "dionysische" Flötenmusik als irrational verbannt aber apollinisches Lyra-Spiel zugelassen, weil das ja "harmonisch-schön" und "rational" ist. Es spielt nun keine Rolle, ob diese Gängelung von Kunst durch einen Staat geschieht oder den Populismus von heute - sie bleibt immer diktatorisch. Bezeichnend bemüht man sich ja nicht um demokratische Konsensfindung, sondern nimmt einen "höheren" moralischen Standpunkt ein, der der bloßen Auseinandersetzung von Meinungen überlegen ist. Entsprechend wird die andere Meinung mit der Kunst, die sie schätzt, gleich mit diskreditiert. "Die schlechte Kunst hat das Publikum verdorben, es hat deshalb auch keine Urteilsfähigkeit" ist ein beliebtes Argument von RT-Gegnern, wenn RT mal wirklich populär ist wie im Falle der Zauberflöte. Was gut und schlecht ist, legitim oder illegitim, wahr oder falsch, wird von dieser Diktatur der Wahrheit immer schon vorentschieden. Wer etwas dagegen sagt und diesem Wahrheitsdiktat nicht folgt, kann nur die Unwahrheit sprechen. Zwischen Wahrheit und Unwahrheit gibt es keine demokratische Verständigung. Der Streit wird entscheiden durch Macht und Gewalt, indem sich die vermeintliche Wahrheit einer staatlichen Autorität versichert. Die komische Variante von heute ist Herr Weikl mit der Attitüde eines Pseudo-Diktators, der RT per Gerichtsbeschluss verbieten lassen will. Recht und Gesetz an die Stelle demokratischer Konsensfindung zu setzen, ist aber nun mal nichts anderes als Diktatur. (Herr Weikl hat schlicht und einfach - wie die meisten RT-Gegner auch - das Prinzip der Gewaltenteilung nicht verstanden.) :D

Schöne Grüße
Holger

MSchenk

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Donnerstag, 30. November 2017, 09:54

Huch, hätte nicht gedacht, dass unsere einfachen Gedanken dazu führen, dass bei Capriccio gleich ein ganzer Thread zeitweise gesperrt wird (inzwischen scheint er wieder offen zu sein). Letztlich zeigt dies aber auch nur, dass es anderswo nicht "besser" zugeht, als bei uns ...

Was, lieber Holger, Deine Überlegungen zur Wahrheit angeht, zeigt das aktuelle Beispiel um Trumps Retweet islamfeindlicher Videos, dass auch in diesem Fall die Mechanismen sich nicht unterscheiden: "Die Sprecherin des Weißen Hauses wies die Kritik an Trump zurück: Es gehe nicht um den Wahrheitsgehalt der Videos, sagte Sarah Sanders. "Die Bedrohung ist real, davon spricht der Präsident." Es gehe um die Notwendigkeit nationaler Sicherheit und militärischer Ausgaben. "Das sind sehr reale Dinge, es gibt nichts Falsches daran." (lt. Spiegel/dpa; zuletzt aufgerufen am 30.11.2017) - Das Thema, der Inhalt und sowieso der objektive Wahrheitsgehalt sind inzwischen vollständig zur Nebensache degradiert. Es geht vielmehr um die machtvolle Besetzung einer beliebigen subjektiven "Wahrheit". - True story. So sad!
mfG Michael

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Donnerstag, 30. November 2017, 10:23

Stalin hat ihn umbringen lassen und Schostakowitsch hatte nicht zuletzt deshalb so große Angst, dass ihm dasselbe Schicksal wie seinem Freund widerfährt.
Die Beschreibung dieser Angst und was diese für Shostakowitsch für Folgen hatte, ist in diesem Buch, das ja nun keine Biographie ist, sehr beklemmend eingefangen. Insgesamt hat mich der Text trotz seiner unbestrittenen Qualitäten aber etwas enttäuscht zurückgelassen, dafür dass es eben keine Biographie ist, hätte ich mir auf der literarischen Seite in der Annäherung an den Künstler und Mensch Shostakowitsch mehr erwartet.
Tatsächlich finde ich diesen Aspekt, d.h. die Annäherung an den Menschen von innen heraus recht gut gelungen: Die Idee, anhand dreier äußerer "Umstände" (der Prawda-Artikel und die Folgen, der erzwungene USA-Besuch und der ebenso erzwungene Parteieintritt) die vollkommene Hilflosigkeit Schostakowitschs, ja sogar das offene Eingeständnis der eigenen Feigheit zu beschreiben, scheint mehr recht tragfähig. Allerdings glaube ich nicht, dass der Roman vor diesem Hintergrund viel länger hätte werden dürfen. Ein weiterer Punkt, der mir recht passend beschrieben erschien, ist die Ironie, mit welcher der Komponist auf all diese "Schicksalschläge" - denn es ist ja kein Schicksal im eigentlichen Sinne, sondern es von außen, vom "Apparat" gesteuert - reagiert; ähnlich funktioniert ja auch Schostakowitschs Musik, deren zumindest ein wesentliches Merkmal ja ebenfalls die Ironie ist. Trotzdem ist unmittelbar klar, dass auch der ironische Umgang mit der Realität es nicht verhindern kann, letztlich durch das System zermürbt zu werden.
mfG Michael

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Dr. Holger Kaletha

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Donnerstag, 30. November 2017, 20:56

Das Thema, der Inhalt und sowieso der objektive Wahrheitsgehalt sind inzwischen vollständig zur Nebensache degradiert. Es geht vielmehr um die machtvolle Besetzung einer beliebigen subjektiven "Wahrheit". - True story. So sad!
Da weiß man, lieber Michael, nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Einerseits ist es so plump - aber genau diese Durchschaubarkeit dieser Lüge macht sie so anziehen. Die Psychologie ist vielleicht die des Trotzes der Selbstbehauptung: Ich glaube nur, was ich glauben will. Das kann eigentlich nur die Lüge leisten, denn die Wahrheit zwingt einen ja, sie zu glauben - das ist dann kein Wollen mehr, sondern ein Müssen. :( :D
Tatsächlich finde ich diesen Aspekt, d.h. die Annäherung an den Menschen von innen heraus recht gut gelungen: Die Idee, anhand dreier äußerer "Umstände" (der Prawda-Artikel und die Folgen, der erzwungene USA-Besuch und der ebenso erzwungene Parteieintritt) die vollkommene Hilflosigkeit Schostakowitschs, ja sogar das offene Eingeständnis der eigenen Feigheit zu beschreiben,
Das muss ich wohl doch auch lesen - wenn ich Zeit finde, heißt es! :hello:

Schöne Grüße
Holger