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WoKa

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1

Mittwoch, 29. November 2017, 21:31

Das Kunstlied im Interpretenvergleich

Hallo!

Es gibt mittlerweile mehrere Threads, die eine Arie in den Mittelpunkt stellen und Interpretenvergleiche anstellen. Etwas Ähnliches schwebt mir hier vor.

Es soll jeweils ein Lied im Mittelpunkt stehen, wobei jede oder jeder seine Lieblingsinterpreten vorstellt. Idealerweise natürlich mit einem Video. Zu gegebener Zeit stellt jemand das nächste Lied ein - alles in diesem Thread.

Ich denke, es macht Sinn, dass wir uns dabei auf Lieder mit Klavierbegleitung beschränken, um nicht ständig in die Versuchung zu kommen, uns darüber zu unterhalten, in welcher Version das Stück besser ist. Es soll um die Interpretation gehen. Alle Epochen und alle Komponisten sind erlaubt.

Ich bin nicht besonders stark im Beschreiben meiner Eindrücke, werde aber mein Möglichstes tun...


Den Anfang möchte ich mit einem Lied machen, das vielleicht der Eine oder Andere belächelt. Es ist ein Lied, das die Oma im sonntäglichen Wunschkonzert hören möchte - aber ich liebe es!

Richard Strauss - Allerseelen

Das Opus 10 Nr. 8 aus dem Werk von Richard Strauss entstand 1885. Strauss dürfte gerade mal 21 Jahre alt gewesen sein, als er das Gedicht von Hermann Gilm zu Rosenegg, einem Juristen und Poeten, vertonte. Insgesamt vertonte er 8 Gedichte aus den "Letzten Blättern" des Dichters, die dieses Opus bilden.

Das Gedicht selbst ist mit Sicherheit weder komplex noch sprachlich herausragend. Für mich ist es die Melancholie, das positive und verträumte Erinnern an einen geliebten Menschen, was die Faszination ausmacht. Dabei unterscheiden sich die Interpretationen weiblicher Künstler von Männerstimmen meines Erachtens deutlich. In den zahlreichen Aufnahmen, die ich im Vorfeld nochmal gehört habe, werden die Lieder von Barbara Hendricks und Co von tiefen Emotionen und Trauer getragen. Das tun die Männerstimmen natürlich auch - das Aufbäumen am Ende "Komm an Mein Herz..." ist bei den Männerstimmen häufig geradezu gewaltig.

Hier zwei Vorschläge, die mir am Herzen liegen:

Hermann Prey / Wolfgang Sawallisch (ab 5´32 min)

Hermann Prey


Ich finde, ihm gelingt es sehr gut, das Zwiegespräch erkennbar und glaubwürdig darzustellen. Seine Stimme und Betonung sind dieser Mischung aus Trauer und Verklärung sehr angemessen. Die Aufnahme entstand 1972.

Barbara Hendricks / Ralf Gothoni

Barbara Hendricks


Im Positiven Sinne wechselhaft in der Intonation bringt sie ihre Emotionen angemessen und leidenschaftlich zum Ausdruck. Dieser Leidenschaft und eine hohe Klarheit in der Textverständlichkeit machen diese Aufnahme für mich aus. Sie entstand 1991.

Ich bin gespannt auf Eure Vorschläge

Gruß WoKa
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."

Victor Hugo

La Roche

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2

Donnerstag, 30. November 2017, 14:33

Hier ist der Text von Allerseelen.

Liedtext:
Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei,
Und laß uns wieder von der Liebe reden,
Wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, daß ich sie heimlich drücke
Und wenn man's sieht, mir ist es einerlei,
Gib mir nur einen deiner süßen Blicke,
Wie einst im Mai.

Es blüht und duftet heut auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahr ist ja den Toten frei,
Komm an mein Herz, daß ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.

In meinen Augen ein erschütterndes Liebeslied, es drückt tiefe Liebe und große, aufrichtige
Trauer aus. So sollte es auch gesungen werden. Und deshalb anbei
zwei Aufnahmen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Sicher können einige im Forum die musikalische Darbietung Zeile für Zeile zerpflücken. Ich kann (und ich will ) das auch nicht, denn meine Empfindugen beim Hören von Musik gehen nicht davon aus, wie ein Sänger welchen Ton singt, sondern welche Empfindung den Gesamteindruck ausmachen. Dennoch habe ich eine Meinung dazu.

Übrigens gefallen mir die Strauss-Lieder von Männern gesungen deutlich besser als weibliche Interpretationen (die 4 letzten Lieder natürlich ausgenommen). Strauss wurde ja immer vorgeworfen, nur für Frauen schreiben zu können, er selbst nannte ja die Tenorstimmlage als eine "Halskrankheit". Trotzdem konnte er es, wie viele seine Opern seit dem "di rigoro armato" und auch seine Lieder beweisen.

Zuerst bringe ich Franz Völker, am Klavier Franz Rupp, die Aufnahme ist von 1934. Sie ist von erstaunlicher Tonqualität. Auffällig der damalige Gesangsstil mit dem rollenden "r". Für mich ist Völker besonders überzeugend in der 2. Strophe, wo er bei "deiner süßen Blicke" mühelos nach ober geht, und das ohne ins Falsett verfallen zu müssen. In der 3. Strophe bei "komm an mein Herz" kommt der Heldentenor ans Licht, man denkt, er singt die Gralserzählung. Bei der Wiederholung "wie einst im Mai" zeigt er aber auch, wie zart er sein kann. Mir gefällt diese Aufnahme sehr, ich mag es, wenn einer mit seiner Stimme auch Kraft beweisen kann.



Der nächste ist der eigentlich hochgelobte Peter Schreier, am Piano einer seiner Stammpianisten, Norman Shetler. Hier ist der Lyriker zu hören, der oft die Bruststimme verläßt. Er singt sehr gefühlvoll, sehr deutlich. Aber bei "Komm an mein Herz" erreicht er mich nicht, die Stimme hat nicht die Kraft und den Glanz von Völker, während er in der letzten Strophe seine Ausdrucksstärke beweisen kann. Trotzdem bleibe ich dabei- bei Schubertliedern oder bei Mozart in der Oper ist Schreier grandios, aber in Allerseelen gefällt er mir nicht!! Da gewinnt bei mir ganz klar Franz Völker!




Herzlichst La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


hart

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3

Donnerstag, 30. November 2017, 20:43

Strauss wurde ja immer vorgeworfen, nur für Frauen schreiben zu können, er selbst nannte ja die Tenorstimmlage als eine "Halskrankheit".

Zitat

ich mag es, wenn einer mit seiner Stimme auch Kraft beweisen kann.

Na, ja, lieber La Roche,
dieses Opus 10 hat Richard Strauss schließlich dem königlich Bayerischen Kammersänger Heinrich Vogl (1845-1900) gewidmet, und das war ein ausgewiesener, weltberühmter Wagner-Sänger und Heldentenor.

orsini

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4

Donnerstag, 30. November 2017, 21:44

Ich möchte hier zwei Versionen von Allerseelen vor- und zur Diskusion stellen.

Dies ist eine Version, die mich sehr anspricht, obwohl ich Strauss-Lieder sonst eher lieber von Frauenstimmen höre. Aber wie hart schon angemerkt hat, ist dieses Lied ursprünglich für eine Männerstimme komponiert. Was mir gefällt, ist die über den gesamten Bereich sehr resonante Stimme von Quasthoff und die ausgesprochen "schöne" Diktion: sehr deutlich, ohne überpointiert zu sein, Wortendungen werden ausgesungen. Die vokalen Ausbrüche bei "Komm an mein Herz..." sind souverän und mit viel stimmlicher Reserve gestaltet.

Obwohl ich auch die Stimme von Jessye Norman schätze, überzeugt mich diese Aufnahme von 1985 mit Geoffrey Parsons am Klavier nicht wirklich. Stimmtechnisch sicherlich makellos, wirkt Normans Aufnahme auf mich irgendwie "überinterpretiert". Es gibt Tempo-und Rhythmusrückungen, auf mich etwas gewollt gefühlig wirkende Vibratoeinsätze... so mag ich das Lied nicht wirklich hören.

Die von La Roche vorgestelte Aufnahme mit Peter Schreier empfinde ich ähnlich, so überzeugend einige Phrasen gestaltet sind, fehlt mir da einfach etwas die Stamina, um in den expressiven Phrasen restlos zu überzeugen. Wirklich hörenswert von der Gestaltung auch Franz Völkers Aufnahme, der meinem Empfinden nach aber schon etwas Patina einer vergangenen Zeit anhaftet (ich meine das jetzt in keiner Weise negativ und auch nicht das leise Knistern, sondern die Art, wie die Vokale gesungen werden).

Völlig d'accord bin ich mit WoKa bezüglich der Prey-Aufnahme. Ich war verblüfft, Barbara Hendricks mit einem deutschsprachigen Lied zu hören. Stimmlich erinnerte sie mich bei diesem Lied stellenweise sehr an Kahleen Battle; sehr schön gesungen, aber für meine Ohren etwas zuviel "Weichzeichner"...

viele Grüße,
orsini
... in diesem Sinne beste Grüße von orsini

„Das Denken ist zwar allen Menschen erlaubt, aber vielen bleibt es erspart.“
Curt Goetz

La Roche

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5

Donnerstag, 30. November 2017, 21:49

Na, ja, lieber La Roche,
dieses Opus 10 hat Richard Strauss schließlich dem königlich Bayerischen Kammersänger Heinrich Vogl (1845-1900) gewidmet, und das war ein ausgewiesener, weltberühmter Wagner-Sänger und Heldentenor.
So ist es , mein lieber hart. Deshalb gefällt mir ja auch Völker besser als Schreier!?

Herzlichst La Roche
Strauss wurde ja immer vorgeworfen, nur für Frauen schreiben zu können, er selbst nannte ja die Tenorstimmlage als eine "Halskrankheit".
Der Satz hat ja auch nichts mit dem Lied zu tun.
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


hart

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6

Donnerstag, 30. November 2017, 22:13

Technische Anmerkung

Also außer Hermann Prey und Barbara Hendricks ist bei mir akustisch nichts angekommen ...
Natürlich habe fast alle von der Männerstimme gesungenen Strauss-Lieder in meiner CD Sammlung, aber ich muss die dann jeweils erst heraussuchen, um mitreden zu können ...

Dr. Holger Kaletha

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7

Donnerstag, 30. November 2017, 22:32

Es gibt keine der hier vorgestellten Aufnahmen, wo ich eben reingehört habe, die mir nicht gefallen würde. Die Norman ist halt die langsamste - und legt da spätromantische Komplexität hinein. Das ist aber schon unerhört gesungen. Und eine Margeret Price oder Irmgard Seefried singen das auch deutlich langsamer. Das geht in eine ähnliche Richtung. Aber ich bin kein Liedexperte. Nur erstaunlich, wie verschiedene Gestalten so ein Lied annehmen kann der unendlichen Wandlungsfähigkeit der menschlichen Stimme wegen. :)

Schöne Grüße
Holger

Dr. Holger Kaletha

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8

Donnerstag, 30. November 2017, 22:47


Dr. Holger Kaletha

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9

Donnerstag, 30. November 2017, 22:50


Rheingold1876

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10

Donnerstag, 30. November 2017, 22:52

Das Gedicht selbst ist mit Sicherheit weder komplex noch sprachlich herausragend.


Ich finde das Gedicht von Gilm so unrecht nicht. Vor allem die beiden ersten Verse sind wunderbar formuliert. So stelle ich mir Lyrik vor. Die duftenden Resede und die letzten roten Astern blühen nicht zur gleich Zeit und kommen doch in der Erinnerung zusammen als würde die Zeit überwunden. Perspektivisch ist es für mich eine "Männerlied". Gesungen aber wird es - wie ich finde - am besten von Frauen. Meine Favoritin ist Christa Ludwig:


https://www.youtube.com/watch?v=w-Ft8zsnBSk

Sind findet den melancholischen Grundton, wenngleich mir die Steigerung zum Schluss hin zu drastisch ist.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Stimmenliebhaber

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11

Donnerstag, 30. November 2017, 23:07

Also außer Hermann Prey und Barbara Hendricks ist bei mir akustisch nichts angekommen ...
Natürlich habe fast alle von der Männerstimme gesungenen Strauss-Lieder in meiner CD Sammlung, aber ich muss die dann jeweils erst heraussuchen, um mitreden zu können ...
Ich war neulich aus einem bestimmten Grund auch mal wieder mit meinem alten Notebook mit Windows 7 hier im Forum unterwegs und hatte dasselbe Problem, dass alle mit dem Youtube-Button eingestellten Videos bei ir nicht angezeigt wurden, sondern stattdessen nur weiße Flächen sichtbar waren, die man auch nicht anklicken konnte. (Auf meinem neuen Notebook mit Windows 10 habe ich dieses Problem nicht.) Ich stelle daher inzwischen ein Video sowohl mit Youtube-Button als auch noch ein zweites Mal nur den Link ohne den Button ein (wenn ich daran denke!), damit alle die Chance haben, die entsprechenden Videos zu sehen. Hier zum Beispiel:

http://tamino-klassikforum.at/index.php?…4159#post624159

:hello:

P.S.: Sollte hier nach "Allerseelen" irgendwann mal ein Lied rankommen, das mich auch interessiert, mache ich in dieser Rubrik vielleicht auch mal mit... :D
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

WoKa

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12

Freitag, 1. Dezember 2017, 00:17

Hallo!

Ich komme gerade aus der Liederhalle in Stuttgart, wo ich ein schönes Konzert des Artemis Quartetts erleben durfte. Und jetzt freue ich mich, dass Leben in diesem Thread ist.

Unter den eingestellten Clips waren mir Quasthoff, Jessye Norman bekannt. Quasthoff hatte ich mir ebenfalls als herausragende Aufnahme überlegt. Bei Norman geht es mir ähnlich wie orsini es schildert. Allerdings gefällt mit die Interpretation besser als auf ihrer Salzburg-CD mit James Levine. Hier "schmachtet" sie deutlich mehr, für mich manchmal eine Spur zu viel.

Sehr beeindruckt bin ich von Franz Völker, wobei ich von Dir La Roche erwartet habe, dass Du Peter Anders einstellst :) . Aber dazu vielleicht später - die Aufnahme beeindruckt mich von der Innigkeit des Ausdrucks besonders.

Von Barbara Hendricks besitze ich noch eine zweite Aufnahme, die allerdings in ihrer Tiefe und Emotionalität meines Erachtens nicht an die eingestellte heranreicht. Die Aufnahme entstand 5 Jahre später unter Begleitung von Wolfgang Sawallisch.


Ich möchte eine neuere Aufnahme einstellen:

Christiane Karg / Malcolm Martineau (3´12 Min)

Christiane Karg


Ihre Interpretation ist von großer Hingabe getragen. Klare Strukturen, keine unnötigen Schnörkel und - wie bei ihr üblich - eine sehr gute Textverständlichkeit.

Die Titellängen varriieren in den mir bekannten Aufnahmen von 2:42 bis 3:54 Minuten. Das schlägt sich sehr stark im Ausdruck nieder. Hier liegen Prey und Quasthoff jeweils bei ca. 2:55. Was das bedeutet, hätte man gut an der Interpretation von Daniel Behle erkennen können. Leider gibt es die nicht als youtube-Clip. Hier geht ein Stück Feinfühligkeit in der Geschwindigkeit unter.

Anm.: Mein Hinweis, das Gedicht sei nicht komplex, was übrigens in keiner Art (ab)wertend gedacht.

Gruß und gute Nacht
WoKa
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Victor Hugo

Dr. Holger Kaletha

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13

Freitag, 1. Dezember 2017, 06:31

Mein Hinweis, das Gedicht sei nicht komplex, was übrigens in keiner Art (ab)wertend gedacht.
Vielleicht ist das aber ein Vorteil, damit die Musik um so komplexer sein kann! :D

Die Motive sind da, um das als spätromantische Dekadenz zu vertonen: die erlesenen Blumen. Ich finde in diesem Strauss-Lied einfach keine Stimmung von "Trauer" - die gibt es im Vergleich beim "Lied von der Erde". Melancholie ja - wie bei Christa Ludwig. Aber das ist noch keine Trauer. Trauer ist die Erfahrung eines Verlustes. Die wird durch die Musik von Strauss gerade nicht vermittelt, sondern Gegenwart, Präsenz. Statt Klage und Trauer ist das die Beschwörung einer Liebe durch ein Erinnerungsbild, das Schwelgen in einer Gefühlsseligkeit der Nähe mit allen "dekadenten" Zügen sensualistischer Überfeinerung und Heftigkeit der Übersteigerung, wie sie nicht die Realität der Liebe, sondern nur das Irreale und Imaginäre bieten kann, in das sich die Liebe durch den Tod verwandelt hat. Deswegen muss ich hier den Wertungen von Jessye Norman widersprechen. Sie hat das sehr gut begriffen, dass Strauss dieses Lied so vertont, als hieße der Textdichter Charles Baudelaire (oder Des Esseintes ;) ). Bei ihr merkt man die Nähe zum französischen Kunstlied (welche die Norman ja auch singt), ein artifizielles Paradies einzurichten im rauschhaften Selbsterleben mit einer gewissen schwelgerischen Selbstverliebtheit. Zur Dekadenz gehört einfach, die Dinge mit Bedeutung gleichsam aufzuladen. Davon vermitteln Irmgard Seefried und auch Margeret Price ebenfalls etwas. Beide finde ich extrem beeindruckend! Vielleicht ist dafür, die "dekadenten" Züge bei Strauss hervorzukehren, auch die Frauenstimme besonders geeignet. :)

Genau deshalb, weil dieses Strauss-Lied so dekadent ist, ist es eben unendlich mehr als eine triviale, schlicht-sentimentale romantische Liebes-Schnulze, die Oma im Wunschkonzert zum Morgenkaffee hören will. :D

Schöne Grüße
Holger

La Roche

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14

Freitag, 1. Dezember 2017, 09:18

Also außer Hermann Prey und Barbara Hendricks ist bei mir akustisch nichts angekommen ...
Ein ähnliches Problem hatte ich auch einmal, da lag es aber nicht am Betriebssystem. Ich habe auch jetzt nur Windows 7, bei mir geht alles ab und kommt alles an.
Das Problem könnte der Browser sein. Früher hatte ich den Internet-Explorer, da konnte ich nichts senden aus youtube oder amazon. Seit ich auf den Firefox umgestellt habe, bemerke ich keine Probleme mehr, auch nicht beim einfachen kopieren z.B. in mein Mailprogramm. Das ging mit dem Explorer auch nicht.

Herzlichst La Roche
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Dr. Holger Kaletha

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15

Freitag, 1. Dezember 2017, 22:14

Offenbar sind diese wehrhaften Herren aufmarschiert und haben erfolgreich die Dekadenz auf ihre Spieße gespießt:


Das hat aber nicht verhindert, dass ich mir dreimal Dekadentes bestellt habe :D :



Mindestens 4 Wochen Bestellzeit, ich hoffe, die Anti-Dekadenz-Nachtwache lässt sie überhaupt durch! :D



... für 1.87 Euro neu plus Porto

und: die Allerböseste zum Schluss, für 1.99 aus den USA:



Wahrscheinlich komme ich jetzt in die Tamino-Hölle, weil ich halt die Aussätzigen in Sachen Strauss-Liedinterpretation gewählt habe! Sollen die Seefried, Price und Norman doch gefedert und gevierteilt werden!

Schöne Grüße vom Liedteufel jedenfalls! :angel:

hart

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16

Freitag, 1. Dezember 2017, 22:59

Zitat

Das Problem könnte der Browser sein

Danke!
Lieber La Roche, das war tatsächlich das Problem.

WoKa

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17

Samstag, 2. Dezember 2017, 00:37

Hallo!

Bevor wir zum nächsten Lied weiter ziehen, möchte ich doch noch die erwähnte Aufnahme mit Peter Anders hier einstellen. Ich gebe zu, dass ich ohne Dich La Roche nie auf diese Aufnahme gekommen wäre.

Ich finde, keine andere Stimme die ich mit diesem Stück bisher gehört habe, drückt derartig Einsamkeit und Verlorensein in der Erinnerung aus. Ich habe das Gefühl, er steht am Fenster, schaut in den Regen und denkt an den Menschen, den er verloren hat. Vielleicht liegt ja darin auch ein Qualitätsunterschied. Ob Ein Interpret aus seiner eigenen Lebenserfahrung die angemessene Empathie für das besungene Schicksal aufbringt.

Begleitet wird er von Michael Raucheisen.

Peter Anders


Gruß WoKa
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Victor Hugo

Dr. Holger Kaletha

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18

Samstag, 2. Dezember 2017, 09:23

Strauss und Mahler

„Der Einsame im Herbst“ aus „Das Lied von der Erde“

Ich weine viel in meinen Einsamkeiten
Der Herbst in meinem Herzen währt zu lange
Sonne der Liebe, willst du nie mehr scheinen
Um meine bittern Tränen mild aufzutrocknen?


„Allerseelen“ (Hermann von Gilm)

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei,
Und laß uns wieder von der Liebe reden,
Wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, daß ich sie heimlich drücke
Und wenn man's sieht, mir ist es einerlei,
Gib mir nur einen deiner süßen Blicke,
Wie einst im Mai.

Es blüht und duftet heut auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahr ist ja den Toten frei,
Komm an mein Herz, daß ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.

Was sind die Unterschiede?

Zunächst fällt die ganz andere Jahreszeit auf:

Im „Lied von der Erde“ haben wir Herbst, bei Gilm befinden wir uns im sogenannten "Wonnemonat" Mai – wir haben also frühsommerliche Gefühle.

Bei Mahler geht es um die Erfahrung der Einsamkeit, die in der Unwiederbringlichkeit eines Verlustes besteht. Die Sonne der Liebe scheint nicht mehr. Sie lässt sich auch nicht mehr heraufbeschwören. Bei Mahler bricht die „Sonne der Liebe“ einmal kurz durch, mit der Heftigkeit eines überfallenden, dem einsamen Menschen im Grunde fremden und fremd bleibenden Naturereignisses, um dann wieder der Stille der Einsamkeit Platz zu machen. Die Musik verstummt.

Ganz anders bei Strauss. Im Gilm-Gedicht fungiert der Duft der Blumen als Rauschmittel, um die Tote wieder auferstehen zu lassen. Sie sitzt in einer völlig imaginären Situation am Tisch, trifft sich mit dem sehnsuchtsvoll Liebenden zum innig vertrauten Gespräch, wo im „Wahn“ des Rausches die Grenzen von Traum und Realität verschwimmen. Da wird eine Wiederholung evoziert („wir reden jetzt wieder von Liebe“) die es eigentlich gar nicht gibt. Davon, dass Fremdheit und Einsamkeit hier wirklich ausgedrückt (!) wären, ist keine Spur. Dass allerdings diese Nähe letztlich doch keine reale Nähe ist, wird sprachlich in höchst sublimierter Form zum Ausdruck gebracht. Sublimation ist allerdings das Entscheidende. Die Gestalt soll ihm die Hand geben – d.h. er redet mit dem Traum- und Rauschbild so, als wäre es eine reale Gestalt. Die Sehnsucht, die Tote an das Herz drücken zu wollen, führt dazu, dass er sie auch „tatsächlich“ an sein Herz drückt, also Ferne durch imaginäre Nähe überwindet. Das ist geradezu die Umkehrung zum „Lied von der Erde“, wo die Befindlichkeit von Einsamkeit und Trauer beherrschend ist – nämlich einer unüberwindlichen Ferne, die sich in Nähe nicht verwandeln lässt. Im Herbst ist eben der Sommer vorbei – der Versuch, das Vergangene zu evozieren, bleibt von der Erfahrung von Fremdheit bestimmt mit der Folge des Verstummens. Bei Gilm/Strauss versetzt sich das lyrische Ich dagegen sehr beredt in den Wonnemonat Mai durch seine Imagination – d.h. die Sehnsucht lässt die Tote wieder auferstehen. Bei Gilm/Strauss hat anders als bei Mahler rhetorische Beredsamkeit sowohl das erste als auch das letzte Wort hat. Die letzte Strophe kann man wenn man will als Motto über das ganze Gedicht stellen:

Komm an mein Herz, daß ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.


Die Vertonung ist hier auch so, dass die romantische Verklärung das letzte Wort hat, eine „Beseeligung“ und Erfüllung mit einem melancholischen Unterton freilich. Denn sie bleibt ja imaginär. Die „Trauer“ wird so gerade nicht (!) intentional, indem sie sich auf das Objekt der Liebe richtet. Nicht die Trennung und Verlusterfahrung ist deshalb das Bestimmende, sondern die rauschhaft erreichte Nähe in der Ferne, ein beseeligendes Gefühl.

Literaturgeschichtlich kann man anmerken, dass Symbolismus und Dekadenz gerne auf die Romantik zurückgegriffen haben. Das gilt auch für Strauss/Gilm. Ich halte das für evident.

Der Interpret ist natürlich frei, einen bestimmten Ausdruck in das Gedicht hineinzulegen. Peter Anders kann und darf das so singen. Und er ist da auch völlig glaubwürdig. Man kann aber schwerlich behaupten, dass dies die einzig legitime Art wäre, dieses Lied zu singen. Ein Interpret kann und darf eben auch den anderen Weg gehen und genau den Unterschied betonen, dass Strauss letztlich doch nicht Mahler ist.

Schöne Grüße
Holger

La Roche

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19

Samstag, 2. Dezember 2017, 10:48

Bevor wir zum nächsten Lied weiter ziehen, möchte ich doch noch die erwähnte Aufnahme mit Peter Anders hier einstellen. Ich gebe zu, dass ich ohne Dich La Roche nie auf diese Aufnahme gekommen wäre.
Lieber WoKa,

schön, daß auch Dich Peter Anders überzeugen konnte. Ich finde ihn in vielen Liedern (auch Orchesterliedern) so überzeugend, daß ihm wenige Männer das Wasser reichen können. Meine Frau meint immer, wenn sie seine Stimme hört, daß darin so viel Herz liegt, daß man wenig Vergleichbares finden kann. Wo sie recht hat, hat sie recht. Dazu die enorme Textverständlichkeit, die strahlende Höhe, aber auch der sentimentale, tief traurige Ton beim letzten "wie einst im Mai". Einfach ergreifend.

Vielleicht verstehst Du nun, warum ich bei vielen Interpretationen Peter Anders besonders mag und sogar über meinen deutschssprachigen Opernfavoriten Helge Rosvaenge (durch persönliches Erleben geprägt) stelle. Wenn Du Zeit und Lust hast, suche Dir einmal "Komm in die Gondel" bei youtube, 1952 oder so ähnlich unter Ferenc Fricsay, live gesungen. Ist zwar Operette, aber die Stimme!!

Herzlichst La Roche
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hart

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20

Samstag, 2. Dezember 2017, 12:23

dass Strauss letztlich doch nicht Mahler ist.

Nun, das ist allseits bekannt ...
Aber die beiden Komponisten waren schließlich in einer jeweils ganz anderen Lebenssituation. Der aufstrebende und überaus erfolgreiche und glückliche Strauss einerseits und andererseits der vom Schicksal gebeutelte Mahler, der seine Tochter verloren und mit der gegen ihn gerichteten Presse zu kämpfen hatte; dazu kam, dass er so krank war, dass er die Uraufführung seines Werks nicht mehr erleben konnte.

WoKa

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21

Samstag, 2. Dezember 2017, 16:52

Hallo!

Ludwig Thuille hat etwa zeitgleich das Gedicht vertont. Ich möchte auf das Lied hier nicht eingehen, da die Strauss-Vertonung im Mittelpunkt stehen soll. Dennoch möchte ich auf den Thread von Helmut Hofmann zu den Liedern Thuilles verweisen, indem er beide Gedichtvertonungen eingehend besprochen hat (ab Beitrag 28).

Ludwig Thuille. Ein Blick in seine Lieder - von Helmut Hofmann


Auch möchte ich nicht versäumen, auf einen Beitrag von farinelli (gibt es den eigentlich noch bei uns?) aufmerksam zu machen, mit dem er auf die Interpretation von Lotte Lehmann hingewiesen hat:

Zitat

Lotte Lehmann, Allerseelen
Von Gilms Gedicht "Allerseelen" in der Vertonung durch Richard Strauss hat etwas ganz spezifisch Demodiertes, das der Welt unserer Großeltern angehört und daher von modernen Sängern wie Elly Ameling oder Hermann Prey schon im Ton nicht getroffen wird.

Lotte Lehmann sang es 1947 live in der Hollywood-Bowl, mit Orchesterbegleitung, und ihre gereifte Stimmfarbe, die wehmütig lächelnde Wärme ihres Timbres sind ebenso paßgenau zur lyrischen Rolle wie die hörbare Vertrautheit mit der in den ersten Zeilen ausgedrückten Handlung und Haltung. Man muß etwas in die Jahre gekommen sein, um das Anrührende und Beglückende dieses Lieds zu verstehen. Man muß gleichsam noch wissen, wie Reseden aussehen und duften, weil man aus einer Zeit kommt, wo diese Blumen verbreitet und in Mode waren. Auch mit Allerseelen muß man weltlich vertraut sein, weil man einen lieben Toten hat.

Elly Amelings wunderbar innige und nuancierte Interpretation bleibt, verglichen mit Lehmann, dem Stück gerade diese innere Anempfindung an die Haltung eines lächelnd beschworenen Verlusts schuldig; wie bei Prey fallen Getragenheit und leidenschaftlicher Ausbruch auseinander, sie nehmen das Stück etwas zu nachdenklich und zu ernst.

"Wie einst im Mai", eine heute unmögliche, abgedroschene Phrase, muß man von Lotte Lehmann gesungen hören, die auch dafür eine Selbstverständlichkeit findet, die in ihrer feinsinnigen Abtönung kaum ihresgleichen hat.

Man kann aus solchen Hörerfahrungen lernen, daß dem Wesen der modernen Liedinterpretation, repräsentiert etwa durch Dietrich Fischer-Dieskau, ein Moment von Distanz innewohnt. Einen Text in all seinen vokalen Nuancen vorzutragen, oder dem Menschlichen dahinter Gestalt zu geben, ist nicht ganz dasselbe.


Lotte Lehmann Ely Ameling


Dies ist der zitierte Thread:

Liedinterpreten von Fischer Dieskau

Gruß WoKa
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Dr. Holger Kaletha

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22

Samstag, 2. Dezember 2017, 17:29

Nun, das ist allseits bekannt ...
Diese scheinbare Banalität scheinen allerdings selbst bedeutende Interpreten nicht begriffen zu haben. Warum ist Herbert v. Karajan z.B. mit den "Kindertotenliedern" komplett gescheitert? Weil er sie so dirigiert, als hieße der Komponist nicht Gustav Mahler, sondern Richard Strauss. Das ist eine Ästhetisierung, die an Mahlers Musik, ihrer wirklich abgründigen Tiefe, total vorbei geht.

Und wenn Richard Strauss zu der Zeit, als er das Lied komponierte, ein so glücklicher Mann war, warum spiegelt sich dieses Glück dann nicht in allen Interpretationen wieder? Ist somit das Trauer-Vibrato von Peter Anders nicht einfach falsch? Ich kann übrigens die Orchesterversion mit Lotte Lehmann gar nicht ertragen. Da kippt das Ganze wirklich um in sentimentalen Kitsch.

Enttäuschend an diesem Thread, der einen "Interpretationsvergleich" beansprucht, ist, dass man auf die wirklichen Interpretationsfragen gar nicht eingeht. Dazu gehört eben auch der Frage nachzugehen, dass sich Sänger vielleicht Gedanken machen, wie sie ein solches "populäres" Lied mit Kitschgefahr gestalten, ohne in die Kitschfalle zu tappen.
Aber die beiden Komponisten waren schließlich in einer jeweils ganz anderen Lebenssituation. Der aufstrebende und überaus erfolgreiche und glückliche Strauss einerseits und andererseits der vom Schicksal gebeutelte Mahler, der seine Tochter verloren und mit der gegen ihn gerichteten Presse zu kämpfen hatte; dazu kam, dass er so krank war, dass er die Uraufführung seines Werks nicht mehr erleben konnte.
Dass solche biographischen Erklärungen unzulänglich sind, zeigt sich gerade bei Mahler. Alma Mahler schreibt nämlich, dass sie überhaupt nicht verstehen konnte, wie Mahler in seiner glücklichsten Zeit solch schrecklich traurige Musik habe komponieren können. Richard Strauss ist ein brillanter Komponist zweifellos, hat aber in seinem ganzen Leben nie die Tiefe von Gustav Mahler erreicht. Das ist eine Frage nicht nur der Biographie, sondern des Charakters. Kluge Interpreten wissen das und versuchen deshalb, die Stärken seiner Musik herauszustellen und sich nicht in ihren Schwächen zu verfangen. Die Stärke von Strauss´Musik ist ihr hoch artifizieller Charakter - und gerade nicht das Naiv-Eingängige: Operetten-Sentimentalität und zu Tränen rührender Gefühls-Schmalz.

Schöne Grüße
Holger

Rheingold1876

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23

Samstag, 2. Dezember 2017, 17:32

Beitrag von farinelli (gibt es den eigentlich noch bei uns?)


Zwischenbemerkung:

Hin und wieder meldet er sich - und dann freue ich mich immer sehr. :)
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Helmut Hofmann

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24

Samstag, 2. Dezember 2017, 19:19

Hallo, lieber WoKa,

ich sehe gerade, dass Du darauf hingewiesen hast, dass „Allerseelen“ auch von Ludwig Thuille vertont worden ist, - eine Liedkomposition übrigens, die der von Richard Strauss durchaus gleichrangig zur Seite treten kann.
An sich gehört ein solcher Hinweis ja nicht in diesen Thread, - von seiner Zielsetzung her. Dass Du ihn trotzdem getätigt hast und überdies – was hier im Forum wahrlich eine Seltenheit ist – auch noch auf Beiträge anderer Tamino-Mitglieder zu dem gerade anstehenden Thema verweist und sie sogar zitierst, das hat mich so beeindruckt, dass ich mich entschlossen habe, an diesem Thread nicht nur als aufmerksamer Leser rezeptiv, sondern auch aktiv teilzunehmen.

Ich hatte das an sich nicht vor. Nicht, weil ich Deinen Thread etwa uninteressant fände. Ganz im Gegenteil, wendet er sich doch einem Aspekt der Liedmusik zu, der in seiner Ausrichtung auf ihre interpretatorische Realsierung genauso wichtig und von Bedeutung ist, wie jener, dem ich mich in erster Linie verschrieben habe, dem Erfassen und Beschreiben ihrer spezifischen kompositorischen Eigenheit.

Der Grund ist ein ganz simpler: Mir fehlt die Zeit dafür. Die Erarbeitung der Grundlagen für den Thread, der sich an den gerade laufenden zu den Liedern von Robert Franz anschließen soll, weil er sozusagen von ihm generiert worden ist und deshalb das Thema „Robert Schumann und Heinrich Heine“ trägt, nimmt mich derart in Anspruch, dass ich mich eigentlich an nichts anderem mehr hier im Forum beteiligen kann.

Aber weil mich dieses Zitieren eines alten Beitrags von farinelli regelrecht gerührt hat und ich Deinen Hinweis auf das Thuille-Lied so verstehe, dass Du in diesem Thread über den Aspekt „Gesangliche Interpretation von Liedmusik“ hinaus auch diese selbst in ihrem je spezifischen kompositorischen Eigensein berücksichtigt sehen möchtest, ist es mir nun doch ein Anliegen, mich künftig an diesem Thread Rahmen meiner Möglichkeiten und Fähigkeiten aktiv zu beteiligen.

William B.A.

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25

Samstag, 2. Dezember 2017, 23:04

Da ich ja jetzt zwei Wochen "aushäusig" bin, habe ich meine Musiksammlung natürlich nicht bei mir, aber ich weiß, dass ich eine Box mit Straussliedern von Dietrich Fischer-Dieskau mit Strauss-Liedern in meiner Sammlung habe, und zwar diese hier:

Mich beindruckt die Interpretation Fischer-Dieskaus neben dem von La Roche eingestellten Beispiel von Franz Völker und dem von Peter Anders ganz besonders, weil er die von La Roche genannten Passagen "Gib mir nur einen deiner süßen Blicke" und "Komm an mein Herz, dass ich dich wiederhabe" so anrührend und überzeugend wiedergibt, noch dazu ein vergleichsweise exzellenter Tonqualität, wie ich es von ihm in vielen Liedinterpretationen gewohnt bin. Seine Art des Pianogesangs und des ansatzlosen Tonartwechsels sowie des organischen Forcierens (im zweiten Beispiel) überzeugt mich am meisten von allen, die ich durchgehört habe. Und ich muss sagen, dass mich auch das Hörbispiel von Lotte Lehmann überzeugt hat, trotz der schlechten Tonqualität und der ungewohnten Orchesterbegleitung.

Liebe Grüße

Willi :)

P.S.: Ich hoffe, dass ich auch das passende Youtube-Video einestellt habe. Die Aufnahmen der CD-Box stiammen, soviel ich weiß, aus den Jahren 1967-70.
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

WoKa

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26

Samstag, 2. Dezember 2017, 23:35

Hallo Helmut Hoffmann, hallo Willi!

Über Eure Beiträge habe ich mich jeweils sehr gefreut. Ich weiß noch nicht, ob ich dazu komme, morgen mit dem nächsten Lied zu starten.

Der Thread muss auch nicht auf meinen Impuls warten, wenn ein anderer Tamino den Aufschlag machen möchte.

Liebe Grüße
WoKa
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Victor Hugo

hart

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27

Samstag, 2. Dezember 2017, 23:36

Dass solche biographischen Erklärungen unzulänglich sind, zeigt sich gerade bei Mahler. Alma Mahler schreibt nämlich, dass sie überhaupt nicht verstehen konnte, wie Mahler in seiner glücklichsten Zeit solch schrecklich traurige Musik habe komponieren können

Lieber Holger,
da scheinst du nun aber die »Kindertotenlieder«, die er früher komponierte, mit »Das Lied von der Erde« verwechselt zu haben ...

Dr. Holger Kaletha

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28

Samstag, 2. Dezember 2017, 23:46

da scheinst du nun aber die »Kindertotenlieder«, die er früher komponierte, mit »Das Lied von der Erde« verwechselt zu haben ...
Nein.

»Ich kann es wohl begreifen, dass man so furchbare Texte komponiert, wenn man keine Kinder hat, oder wenn man Kinder verloren hat. Ich kann es aber nicht verstehen, dass man den Tod von Kindern besingen kann, wenn man sie eine halbe Stunde vorher, heiter und gesund, geherzt und geküsst hat!« (Alma Mahler)

hart

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29

Sonntag, 3. Dezember 2017, 11:49

Mein lieber Holger,
da schreibst du in Deinem jugendlichen Leichtsinn einfach ein burschikoses »Nein« ...

Also nochmal, für alle die nicht gerade eine Mahler-Biografie zur Hand haben, der aktuelle Text aus Wikipedia:

Kindertotenlieder ist ein Liederzyklus von Gustav Mahler, den er zwischen 1901 und 1904 nach Texten einer gleichnamigen Gedichtsammlung von Friedrich Rückert komponierte.
Seine Frau Alma konnte nicht verstehen, dass er 1904, während seine beiden Kinder vergnügt im Garten spielten, seine Kindertotenlieder komponierte, auf Texte von Friedrich Rückert, die dieser nach dem Tod seiner Kinder geschrieben hatte: »Ich kann es wohl begreifen, dass man so furchbare Texte komponiert, wenn man keine Kinder hat, oder wenn man Kinder verloren hat. Ich kann es aber nicht verstehen, dass man den Tod von Kindern besingen kann, wenn man sie eine halbe Stunde vorher, heiter und gesund, geherzt und geküsst hat!«

Das Lied von der Erde entstand von 1907 bis 1908 in Toblach. In dieser Zeit beschäftigte Mahler sich mit Hans Bethges Sammlung Die Chinesische Flöte mit Nachdichtungen altchinesischer Lyrik. Mahler komponierte das Werk in einer Zeit privater Schicksalsschläge. So starb Mahlers ältere Tochter Maria Anna im Alter von vier Jahren an Diphtherie. Außerdem hatte er nach einer antisemitisch motivierten Pressekampagne gegen seine Person als Direktor der Wiener Hofoper zurücktreten müssen. Schließlich wurde in diesem Jahr eine schwere Herzkrankheit diagnostiziert, die wenige Jahre später zu seinem Tod führte.
Anmerkung: Mahlers erste Tochter Maria-Anna (1902-1907), »Putzi« genannt, starb 1907 an Scharlach-Diphtherie.

Bei meinem Vergleich der Lebenssituationen von Strauss und Mahler bezog ich mich auf »Das Lied von der Erde«, das Du in diesen Thread einbrachtest, von den »Kindertotenliedern« war da überhaupt keine Rede ...

Dr. Holger Kaletha

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30

Sonntag, 3. Dezember 2017, 14:16

Bei meinem Vergleich der Lebenssituationen von Strauss und Mahler bezog ich mich auf »Das Lied von der Erde«, das Du in diesen Thread einbrachtest, von den »Kindertotenliedern« war da überhaupt keine Rede ...
Lieber Hart,

ich hatte geschrieben:
Dass solche biographischen Erklärungen unzulänglich sind, zeigt sich gerade bei Mahler. Alma Mahler schreibt nämlich, dass sie überhaupt nicht verstehen konnte, wie Mahler in seiner glücklichsten Zeit solch schrecklich traurige Musik habe komponieren können.
Beim "Lied von der Erde" gibt es einen unmittelbaren Bezug zur Lebenssituation, bei den "Kindertotenliedern" dagegen nicht! Jetzt verstanden? :D

Schöne Grüße
Holger