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Sonntag, 8. April 2018, 10:52

Lady Macbeth von Mzensk, Deutsche Oper Berlin

Die Inszenierung von Ole Anders Tandberg von der Oper Oslo steht in Berlin selten auf dem Spielplan. Es ist eine aufwendige Koproduktion Oslo-Berlin, was vielleicht der Grund dafür ist, daß man sie nicht oft sieht.
Am 5. Februar 2015 war ich in der vierten Vorstellung, gestern, am 7. April, in der sechsten seit der Premiere am 25. Januar 2015. Es gibt noch zwei weitere Vorstellungen am 14. und 20. April. Die Lady Macbeth sollte man nicht verpassen! Wer weiß, wann man sie wieder an der Deutschen Oper zu Gast hat.



Unter den Freunden, mit denen ich gestern in der Lady Macbeth war, befand sich eine Muttersprachlerin. An sie ging in der Pause die erste Frage: Ist das gesungene Russisch verständlich? Nein, beschied sie uns. Nur Sergej sei gut zu verstehen - kein Wunder: Die Partie wurde von Sergey Polyakov aus Moskau gesungen. Polyakovs Stimme hat eine klare, leuchtende Höhe mit großer Durchschlagskraft, und seine Erscheinung macht einen begehrenswerten Liebhaber aus ihm.
Evelyn Herlitzius' Katerina Lwowna Ismailowna ist leidenschaftlich, hemmungslos, begehrend, verzehrend. Sie nimmt viel von der Unbedingtheit ihrer Elektra in die Lady Macbeth mit. Daß diese nicht mehr junge Katerina auf das Glück nicht länger warten kann, daß sie es ergreifen muß, als sich ein Zipfel davon zeigt, und daß sie alle Hindernisse, die dem Begehren entgegenstehen, aus dem Weg räumt, zeigt Fr. Herlitzius packend und glaubwürdig. Ich habe neben ihrer Stimme gestern abend auch die tänzerische Leichtigkeit, Elastizität und Eleganz ihrer Bewegungen bewundert.

Körperliche Gewalt, harte Arbeit und sexuelle Gewalt sind die prägenden Motive dieser Inszenierung, die die Handlung aus der russischen Provinz Leskows an ein norwegisches Fjord verschiebt. Die riesigen Kabeljaue, mit denen die Arbeiter und Boris Timofejewitsch Ismailow (Wolfgang Bankl), Katerinas brutaler Schwiegervater, ständig auftreten, bieten Gelegenheit zu einigen witzigen inszenatorischen Details. So wird Sinowij (Thomas Blondelle), Katerinas debiler Ehegatte, mit einem besonders großen Exemplar erschlagen und die Fische eignen sich auch für allerlei obszöne Posen, etwa bei der Massenvergewaltigung einer Arbeiterin im ersten Akt.
Der letzte Akt, in dem die Mörder Katerina und Sergej inmitten eines Trecks Gefangener in ein Straflager marschieren, fällt allerdings ab. Die Verurteilten sind in Unterwäsche unterwegs, im Konflikt um die wärmenden Strümpfe, die Sonjetka für ihre Liebe von Sergej verlangt, dienen Damenstrumpfhosen als Tauschobjekt. Das ist eher ungewollt läppisch, denn schrecklich. Tandberg findet hier nicht den richtigen Zugriff, den ich schon im dritten Akt, bei der bügelnden Polizeitruppe, ein wenig vermißt habe. So lustig, wie die hosenlose Polizisten sind, so wenig gelingt es dem Regisseur mit dieser Szene, Brutalität und Bestechlichkeit der Ordnungshüter wirklich zu fassen. Die Adressaten dieses Klamauks darf man im Osloer Publikum vermuten.

Donald Runnicles dirigierte das spätromantisch gestimmte Orchester der Deutschen Oper, das die allgegenwärtige Gewalt mit prägnanten Fortissimi markiert und in den melancholischen Passagen zu einem magnetischen Klang findet.

Für Derek Welton und Burkhard Ulrich aus dem Ensemble der DOB war die Lady Macbeth bereits der zweite Abend in wichtigen Partien. Sie hatten am Freitag in der Heliane gesungen.
..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
-- Aydan Özoğuz

Bertarido

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Sonntag, 8. April 2018, 11:54

Lieber Hans, vielen Dank für Deine immer aussagekräftigen und interessanten Berichte. Nach dem "Wunder der Heliane" ist das in kurzer Zeit schon die zweite Produktion an der DOB, für die ich mich am liebsten sofort in den Zug nach Berlin setzen würde. Leider ist das nicht immer möglich, und solange das "Beamen" noch nicht erfunden ist, werde ich Dich auch weiterhin um Deine Berliner Opernerlebnisse beneiden.

rodolfo39

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3

Sonntag, 8. April 2018, 17:24

Lieber Hans,
ich würde auch gerne nach Berlin fahren. Ich habe die Lady Macbeth von Mzensk vor einigen Jahren in Duisburg gesehen. die Aufführung würde ohne Pause von Jonathan Darlington dirigiert.

Melomane

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Registrierungsdatum: 8. November 2017

4

Sonntag, 8. April 2018, 18:57

Lieber Hans,
ich würde auch gerne nach Berlin fahren. Ich habe die Lady Macbeth von Mzensk vor einigen Jahren in Duisburg gesehen. die Aufführung würde ohne Pause von Jonathan Darlington dirigiert.


Ich bezweifle sehr, dass „Lady Macbeth von Mzesnk“ je irgendwo ohne Pause gespielt worden ist. An der Rheinoper war das auf jeden Fall nicht so, wie man dieser Kritik entnehmen kann:
Lady Macbeth Rheinoper

Rheingold1876

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5

Sonntag, 8. April 2018, 20:53

Lady Macbeth von Mzensk ohne Pause wäre für mich wie eine "Elektra" in vier Alten gewesen. ;) Vielleicht schaut rodolfo39 nochmal nach. Mich würde schon interessieren, ob es möglich ist, dieses lange und strapaziöse Werk, das dem Publikum nichts erspart, ohne Pause zu geben. Ich hatte gestern bei der Aufführung in der Deutschen Oper jedenfalls den Vorteil, dass ständig kichernde Frauen in meinem Umfeld nach der Pause nicht mehr erschienen. Das war ein großer Gewinn. Hans möchte ich in seiner Würdigung dieser Aufführung zustimmen. Auch ich war überwältigt wie man überwältigt sein kann von diesem Werk. Selten habe ich so eindrucksvolle Bilder gesehen, Bilder, die sich über den Handlungsverlauf hinaus zu starker ganz allgemeiner Symbolkraft steigerten. Wenn ich nur an die Szene denken, in der Katerina den vom Schwiegervater gemeuchelten Geliebten in ein weißes Tuch hüllt und in den Armen hält. Mir ist sofort die Pietà von Michelangelo eingefallen.

Die Vorstellung lebte stark von Evelyn Herlitzius in der Titelpartie. So muss es sein. Die Anklage, die von den Gefangenen auf dem Weg in die Verbannung ausging, wird man auch nicht so schnell wieder los. Bedrückend, wie sie sich im Schlaf zu einem unheimlichen Hügel verschlangen, der an die Leichenberge in Vernichtungslagern erinnert. Dieser norwegische Regisseur Tandberg ist schon ein Meister seines Fachs.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

6

Sonntag, 8. April 2018, 21:44

Evelyn Herlitzius

Die Vorstellung lebte stark von Evelyn Herlitzius in der Titelpartie.


Lieber Rheingold1876, genau so war es. Mir scheint, daß die Partie der Katerina dem gegenwärtigen Reifegrad ihrer Stimme genau angemessen ist. Ebenso großartig aber Sergey Polyakov als Sergej.
Es war wirklich allerhand Unruhe und Belästigung im Saal. Aber wenn man um elf aus der Oper tritt, ist das alles sofort vergessen. Es grüßt Hans.
..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
-- Aydan Özoğuz

rodolfo39

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Registrierungsdatum: 7. Oktober 2010

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Sonntag, 8. April 2018, 22:00

Leider hab ich mein Programm nicht mehr. Aber ich werde morgen mal bei der DOR nachfragen.