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musikwanderer

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Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

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Donnerstag, 7. Juni 2018, 21:54

KILLMAYER, Wilhelm: YOLIMBA

Wilhelm Killmayer (1927-2017):
YOLIMBA oder DIE GRENZEN DER MAGIE
Musikalische Posse in einem Akt und vier Lobgesängen - Libretto von Tankred Dorst und dem Komponisten

Uraufführung am 15. März 1964 in Wiesbaden
Erstaufführung der umgearbeiteten Fassung 1970 in München


DIE PERSONEN DER HANDLUNG

Möhringer, ein Magier (Bariton)
Yolimba, sein Geschöpf, bewaffnet (Sopran)
Drei Herren, die alles kommentieren (Tenor, Tenor, Bass)
Drei Polizisten, die nach Yolimba fahnden (wie vor)
Drei Postbeamte, die Professor Wallenstein eine Kiste bringen (wie vor)
Professor Wallerstein, ein Archäologe (Rezitator)
Die Gattin, fürsorglich (Sopran)
Drei Söhne, im Kindesalter (Knabensoprane)
Zwei Töchter (Soprane) und das Nesthäkchen Erika (stumme Rolle)
Gerda, das Hausmädchen vom Lande (Mezzosopran)
Ein Operntenor, kurzlebig
Herbert, ein Plakatkleber
Sechs liebeshungrige Witwen, gierig nach Herbert

Gegenwart


INHALTSANGABE

I. Im Park.

Das Publikum sei vorgewarnt: Das vorzustellende Stück verspricht keinen elitären Opernabend, eher an reinen Blödsinn, denn hier wird geblödelt, was das Zeug hält. Und das klingt dann chorisch, Knaben und Frauenstimmen, so: Der Mai ist schön, der Juni auch; September und Oktober haben schöne Tage und November und Dezember sind auch nicht zu verachten. Nicht nur die Amsel, alle Vögel sind schon da und zwitschern aus voller Kehle. Toll!

Jetzt sind die Solisten dran: Eine Dame erklärt, dass sie morgens im Bett frühstückt. Ein Mann weiß von dem schönen Tod einer Frau auf einer Parkbank. Ein altkluges Kind verrät Familiäres: Der Chauffeur ist Deutscher, der Hausdiener Schweizer, die Mutter Witwe und sein Bruder Architekt. Das Mädchen dort will nichts mehr von Politik hören, will sich stattdessen über Kunst und Theater unterhalten. Die Dame dort behauptet, dass das Straßburger Münster ein Meisterwerk der Gotik ist. Und weil es jetzt zu regnen beginnt, singen alle „Es regnet, es regnet, es regnet…“.

Falls das Publikum hier keinen Zusammenhang erkennen kann, dann sei ihm gesagt, dass es nach dem Willen der Autoren auch keinen gibt! Sollte es - das Publikum - aber unbedingt einen Zusammenhang wollen, dann soll es sich doch einen konstruieren!


II. Die Macht der Magie.

Drei Männer schwärmen von der Magie, die wunderbar, wenn auch dunkel, zu allen Zeiten geherrscht hat. Oder glaubt hier jemand ernsthaft, dass der große Alexander den Bosporus ohne die Hilfe der Magie hätte durchschwimmen können? Oder dass die berühmte Circe ohne Zauberei Helden in Schweine hätte verwandeln können? Die drei erhalten von einem unsichtbaren Chor Stichworte zugeflüstert und so wird noch Cleopatra angeführt, die mit Magie politisch und menschlich vieles erreicht hätte (obgleich dafür eine andere Begründung wahrscheinlicher ist!); im zauberischen Liebesspiel vereint auch Heloise und Abälard; Fürst Pückler fand seine Eisrezeptur auch nur mit Hilfe der Magie. Nicht zu vergessen der Teufelsgeiger Paganini, der den Triller - ach nein, das war ja Tartini (auch ein Kandidat), und natürlich Einstein, der seine Formel durch die Magie fand! Und dann nennt er Chor noch IHN, den man tatsächlich bald vergessen hätte: Karajan!


III. Möhringer.

Der Magier Möhringer nennt sich ‚Mann der Ordnung‘ und verkündet, dass er das größte Laster dieser Welt, die Liebe, ausrotten will. Für ihn ist, anders als wir es zu wissen glauben, nicht das Weib der Ursprung allen Übels, sondern der Mann. Der erste Zuschauer, den sich Möhringer unvermittelt vorknöpft, ist der Herr Doktor Fischer:
Fühlen Sie sich eigentlich wohl auf ihrem Platz […]
Doch was macht ihre linke Hand auf dem Knie der Nachbarin?

Der verdutzte Herr Doktor vergisst seinen Bildungsstatus und errötet wie ein Schuljunge, doch hält sich Möhringer nicht lange mit ihm auf, hat schon den nächsten Mann aus dem Parkett im Visier:
Und Sie, Herr Pigge? Sie lächeln, denn niemand kennt die Briefe, die Sie in Ihrer Rocktasche haben.
Der Magier macht eine Handbewegung und hält plötzlich einen Brief mit einem nicht jugendfreien Foto in der Hand und zeigt es herum, was den armen Herrn Pigge erbleichen lässt. Der nächste Aspirant ist ein Amtsgerichtsrat, der in seinem Sitz einzuschlafen drohte, und den Möhringer fragt, ob er einen anstrengenden Tag gehabt habe? Der Jurist befindet sich plötzlich auf der Bühne, wo ihm Möhringer das Opernglas abnimmt („weil es fast blind ist“) und die Gläser mit einem Damenstrumpf säubert, den er dem Verdutzten aus der Rocktasche gezogen hat. Wenn das die Frau Gemahlin wüsste! So schnell, wie er auf die Bühne kam, so schnell sitzt der g’schamige Amtsgerichtsrat auch wieder in der zweiten Parkettreihe…

Wie man sieht, breitet sich das Laster überall und in allen Schichten der Bevölkerung aus. Es versteckt sich an allen möglichen und unmöglichen Orten - in der Tasche, unter dem Tisch, im Blumenbouquet, es wartet auf dem Bahnsteig, es fährt nächstens mit dem Taxi durch die Gegend. Auch vor der Kanzel und dem Pfarrer macht es keinen Halt - das Laster der Liebe. So geht es aber nicht weiter! Er wird sich mit Yolimba ein Geschöpf schaffen, das alle Lasterhaften entlarvt und jeden Mann tötet, der das Wort ‚Liebe’ (in welcher Sprache auch immer) ausspricht.


IV. Yolimba entsteht.

Möhringer erschafft Yolimba: Er nimmt die Wunschträume eines sechzehnjährigen Mädchens, verrührt sie gut und lässt sie dann durch einen Blick in den Spiegel kristallisieren. Darauf wird das Gemisch mit Katzenschnurren in Vibration versetzt um es in unvorbereiteten Klavierstunden sieden zu lassen. Die große Maschine beginnt zu arbeiten und die schon bekannten drei Herren kommentieren die Entstehung der Kunstfigur, der freilich noch die Seele fehlt! Für Möhringer ist das aber kein Problem: Er nimmt hundert stereotype Liebesworte aus dem Repertoire eines Mimen, fügt dann dreizehn Tränen aus adligen Liebesaffären hinzu, bringt das Ganze mit viel Esprit zum Glühen und schmeckt es schließlich mit Sonntagsvormittags-Langeweile ab.

Wieder beginnt die Maschine mit ihrer Arbeit; Möhringer gibt fünf Schüsse aus einem Detektiv-Roman hinzu, nimmt sich die Figur der Dame dort rechts im Parkett (allerdings retuschiert) und die hässlichen Killerhände des Mannes neben ihr, findet noch etliche gebrochenen Eheversprechen mit den passenden Stoßseufzern und lässt dann alles destillieren. Die Maschine weiß, was sie soll und rattert los. Wieder kommentieren die drei Herren
Yolimba ist fertig, gefährlich und schön, Bald wird sie die Männer im Staube seh’n.
Der unsichtbare Chor ruft Yolimba und die tritt, Vokalisen singend und tanzend, auf die Szene - und lässt den Opernkenner unwillkürlich an Herrn Spalanzani denken.


V. Yolimba schießt.

Möhringer gibt Yolimba eine Pistole und befiehlt ihr, jeden zu töten, der das Wort ‚Liebe‘ ausspricht. Er sorgt zunächst für Gaukelei, indem er Yolimba diverse Phantome von Liebestrunkenen vorspielt, die das Geschöpf alle ins Jenseits befördert. Der Meister ist mit dieser Generalprobe sehr zufrieden und gönnt Yolimba ein bewunderndes ‚Bravissimo‘! Dann wird die Schöne vom Magier zum Postversand in eine Kiste gepackt, die er an den Archäologen Dr. Wallerstein in der Parkallee 64 adressiert. Der Paketdienst erhält den Auftrag, die Kiste abzuholen und die schon bekannten drei Herren, jetzt als Postbeamte im Einsatz, konstatieren, dass die wunderbare Post, dass sollen alle Damen und Herren wissen, für die richtige Zustellung sorgen wird!


VI: Großer Lobgesang auf die Post.

Das Gelb der Post muss man wunderbar finden, weckt sie doch allenthalben Freude:
Die Post, die Post ist unvergleichlich. Briefe bringt sie, Karten reichlich.
Todesfälle, Liebesschwüre bringt sie an die Wohnungstüre. Ob zur Freude oder Pein,
morgens um halb neun stellt sie sich als Schicksal ein. Die Post, die Post ist unvergleichlich!
Der Chor hat reichlich zu tun: Sein Loblied auf das ‚Gelbe Unternehmen‘ nennt Menschen, die auf Postwurfsendungen warten, auf guten Rat in allen Lebenslagen hoffen, Gesundheitsempfehlungen durch Vitaminzufuhr erwarten oder auch, trotz nur marginaler Gewinnchancen, auf Losgewinne hoffen: Die Post ist wunderbar und unvergleichlich! Sie macht die Bevölkerung glücklich! Da ist zum Beispiel der alte Herr Grabowski aus der Bismarckstraße, den außer der Post niemand kennt, den die ‚Gelben‘ aber glücklich machten: Sie brachten ihm nämlich den Gruß seines Bruders Ferdinand, einem Schiffskoch, der ihm schon vor Jahrzehnten aus Honduras schrieb, der aber mit der Titanic unterging. Oder das Mariechen mit der Brille und der ‚Fünf‘ im Rechnen, die hobbymäßig Autogramme sammelt, eines sogar von Hermann Hesse besitzt! Oder Erich Poelken, dem durch die Post mittels Fernkurs in dreizehn Wochen alle Hemmungen ausgetrieben wurden - und zwar so gründlich, dass er jetzt sogar bei ‚Rot‘ die Straße überquert. Und, nicht zu vergessen, der Herr Generaldirektor Grieske, passionierter Jäger und Naturfreund, der im Gebirge eine Taube vom Himmel holte, die einen Brief mit aktuellen Börsenkursen im Schnabel hatte. Ja, die Post ist unvergleichlich!


VII. Das Frühstück.

Was nun durch den Chor geschildert wird, ist glückliches Familienleben pur, denn die Wallersteins sind rundherum zufrieden! Vater - nicht Mutter! - ist der Beste. Mutter Wallerstein geht ganz für und in der Familie auf. Die Perle Gerda, ein bezopftes Mädchen vom Lande, ist für Vatis (des Besten) Gemahlin, eine große Stütze und möchte den Rest ihres Lebens nur bei dieser Familie verbringen. Und die sechs Kinder Thomas, Stefan, Michael, Hilda, Mathilda und Erika („jeder Name ist sehr geschmackvoll“), gesund und lerneifrig in der Schule, können nur bestätigen: Vati ist der Beste! Dem nachzueifern sich -bis auf die noch zu kleine Erika - alle gelobt haben. Der ‚Beste‘ lässt von Berufs wegen ins Erdreich graben - ganz vorsichtig. Totengräber? Nein, Archäologe.

Nach den Brötchen mit Kaffee, Käse, stillen Seufzern und Küsschen und dem Abgang der Gattin mit den Sprösslingen erleben alle den Prof Wallerstein als ungeduldigen Zeitgenossen: Wo bleibt die Post? Warum so aufgeregt, hier ist sie - Grußkarten und Briefe bringt die Unvergleichliche, und eine Kiste, groß wie ein Sarg. Wallerstein wundert sich über den Absender, denn jenes Archäologische Institut ist ihm unbekannt. Enthält sie vielleicht eine Mumie? Prof Wallerstein ist neugierig, entpackt die Kiste, der Yolimba entspringt…


VIII. Die Verführung des Professors.

…und die, wie den stimulierenden Worten der drei Herren zu entnehmen ist, den Professor in eine pikant zu nennende Situation bringt: Die attraktive Schöne ist durchaus Herrn Wallersteins Typ. Zu sehen ist, dass auch ein kluger Mann wie der Prof sich als triebgesteuerter Mensch erweist. Dabei ist, das muss man zugegeben, Yolimba in Bestform, sie weiß genau, wie man ergraute Herren fertigmacht. Gut nur, dass der chorische Kommentar in diesen vier Wänden verbleibt. Plötzlich aber entpuppen sich die drei Herren als Moralisten, denn sie fragen unverblümt, ob Wallerstein wohl an Frau und Kinder denkt? Bestimmt nicht, denn ihm entfleucht jenes vermaledeite Wort - Yolimbas Programmierung funktioniert: Sie erschießt den Professor und vokalisiert danach einen Triumphgesang.


IX. Mord in der Oper.

Die Bühnenarbeiter werden stark gefordert, sie müssen die Bühne in ein Opernhaus verwandeln, also Bühne, Zuschauerraum mit Publikum, Orchestergraben mit Instrumentalisten und Dirigenten schaffen. Und in diesem Opernhaus in der Oper beweist Yolimba dank Möhringers Weitsicht, dass sie auch die Koloraturen im italienischen Stil beherrscht. Horchen wir doch einfach in die Probe hinein: Yolimba, das Stimmwunder, singt sich gerade mit dem „A“ ein und begeistert mit ihrer Kunst den Tenorkollegen derart, dass er unvorsichtigerweise den ersten Buchstaben des Alphabets mit „more“ vervollständigt. Die Folge dessen muss nicht näher erklärt werden - der Tenor hat ausgesungen…


X. Ein lohnender Abend.

…und der Vorhang fällt. Aber das Publikum ist derart begeistert und klatscht sich, nach dem erneuten Aufgehen des Vorhangs, die Hände wund. Sichtlich bewegt verbeugt sich Yolimba vor dem Publikum und der Chor überschlägt sich mit überschwänglichen Kommentaren:
Bravo! Bravo! Bravo!
Ungewöhnliche Stimme. Diese Koloraturen! Bravo! Zauber des Bel Canto! Bravo!
Diese Frau ist ein Erlebnis. […] Ein beglückendes Erlebnis! […]
Nach jeder Verbeugung Yolimbas verstärkt sich der Jubel der Zuschauer um etliche Dezibel. Aber so peu à peu leert sich doch das Theater im Theater (und das Publikum frequentiert bestimmt die umliegenden Restaurants), so dass schließlich nur ein alter Mann weiter applaudiert. Als Yolimba nach einer letzten Verbeugung hinter dem Vorhang verschwindet und nicht mehr zurückkommt, stellt der Greis befriedigt fest, dass er einen ‚lohnenden Abend‘ genossen hat - und geht auch ab. Am Boden aber liegt, ausgesungen, der Tenor.


XI. Die Polizei greift ein.

Die drei Herren spielen nun Polizisten und untersuchen, jetzt sogar mit einem Polizeihund, gewissenhaft den Toten und den Tatort, was von unsichtbaren Flüsterstimmen kommentiert wird: Das Taschentuch dort muss von ihr sein. Der Hund nimmt an dem Tuch die Spur durch Geruch auf, worauf dann das Gebüsch abgesucht wird, weil aus ihm schmatzende Geräusche zu hören sind. Ein Liebespärchen, nichts weiter - die Polizisten bitten um Entschuldigung und der Hund muss weitersuchen. Ist sie vielleicht hier? Nein! Oder dort? Auch nicht! Plötzlich heult der Hund freudig auf: Er und die Polizisten finden Yolimba auf einer Parkbank. Das Handtäschchen enthält viel Kram, aber kein Taschentuch. Unmöglich bei einem Frauen-Handtäschchen! Der Hund nickt bestätigend, dass die Täterin gefunden sei. Die Fingerabdrücke werden den Zweifel beseitigen. Die Polizei klärt jeden Fall. Mit Hund und auch ohne.


XII. Großer Lobgesang auf die Polizei.

Die drei Herren spielen immer noch Polizei: Die sieht alles, weiß alles, kennt alles. Und sollte mal etwas im Puzzle fehlen, dann prüft und notiert sie von den Personalien bis zu Religion und Augenfarbe alles - weil‘s Belang hat. Sicherheit ist das Schlagwort! Die lässt die Bürger in ihren Betten freudig singen:
Wunderbar ist diese Sicherheit, die die Polizisten dem braven Bürgersmann verleiht!
Nicht zu vergessen, dass die Uniformierten den Kreisverkehr lenken und alten Leute über die Straße helfen. Sie dressiert auch Schäferhunde, die dann durch Reifen springen können, aber auch nach der Spur des Mörders schnuppern, der dann nachts am Waldesrand gestellt wird. Hilfreich ist die Polizei, ein jeder lobt die Polizei! Und das geht ihr ‘runter wie Öl.


XIII. Die Verführung der Polizisten.

Die drei Polizisten versuchen mit allen möglichen Tricks Yolimba zu fassen, doch die kann sich immer wieder dem Zugriff entziehen. Es gelingt ihr sogar, die drei gegeneinander auszuspielen, wobei dem Publikum klar wird, dass auch Polizisten nur Menschen sind. Ist es ein Fehler, wenn sie in Einzelfällen Gnade vor Recht ergehen lassen? Sicher ist: Bei Straftatbeständen darf die Polizei nicht Gefühle walten lassen - doch das genau wird hier exerziert. Und welches Wort wird bei der Untersuchung des relevanten Tathergangs wie zufällig, durch Yolimba aber provoziert, ausgesprochen? Das Wort kennt jeder hier und die Folgen auch: Yolimbas Programmierung funktioniert! Es gibt schon wieder drei Tote. Jetzt von den Guten. Der Polizei.


XIV. Möhringers Triumph.

Möhringer ist hochzufrieden, er konnte in seinem Notizbuch schon jedem Menge Namen eintragen. Und er lässt sich von Yolimba an jedem Abend berichten. Quer durch alle Schichten der Bevölkerung findet sie Opfer, als da sind Augenärzte, Scheidungsrichter, Kunststudenten, Dirigenten, Hürdenspringer, Fensterputzer, sogar (wenn auch versehentlich) Theologen, Sanskritforscher, Kommunalbeamte, auch, erstaunlicherweise, humanistisch gebildete Studienräte, selbst Förster, Masseure und so weiter, und so weiter. Taxichauffeure, meint Magier Möhringer, sind besonders anfällig. Und Yolimba ist Allerorten anzutreffen: In Gymnasien, Hutläden, Supermärkten; ein Altersheim verliert 200 Greise, auch Personal. Möhringer triumphiert.


XV. Die sechs Witwen.

Es hat sich im Städtele herumgesprochen, dass ein unbekannter Serienmörder alle Männer um die Ecke bringt. Dadurch sind viele Witwe geworden und bangen um ihre Zukunft. Eine von diesen Witwen klagt, dass sie bis gestern immer einen jungen Mann vorbeiradeln sah, der sich jedoch heute noch nicht gezeigt habe. Und sie wartet. Schon lange. Da hört sie etwas: Kommt er doch noch? Ja, da ist er! Diese Frau jubelt, schrill aber freudig: Herbert! Herbert! Herbert! Herbert!


XVI. Jetzt kommt Herbert.

Wer ist Herbert? Herbert stellt sich lobend selber vor, als der Beste, der Stärkste, der Klügste und Größte, und die Witwen bescheinigen ihm, auch der Schönste zu sein - einer, nach dem sich alle wie verrückt sehnen. Weil er etwas versteht von… (Die Autoren Killmayer und Dorst verschweigen, was die Witwen damit meinen.) Aber Herbert hält seinen Mund nicht und klärt auf:
Wenn um fünf der Wecker klingelt und die Leute alle schlafen, Herbert ist als erster munter.
Kommt auf seinem Fahrrad, kommt mit Leiter, Leim und Pinsel, froh beginnt er dann sein Werk.
Aha: Herbert ist also Plakatkleber. Und das erste davon verkündet in großen Lettern ‚Mord aus Liebe’. Herbert hat die ersten zwei Worte gerade laut ausgesprochen, da sieht er Yolimba mit der Pistole im Anschlag auf ihn zukommen, und verschluckt vor lauter Schreck das schlimmste Wort aller Zeiten. Während die sechs Witwen eiligst verschwinden, hat sich Herbert schon das nächste Plakat genommen: ‚Süden, Sonne, Luft und...‘ Yolimba ist genervt, dass da eine unerklärliche Macht Herbert schützt, denn er spricht das letzte Wort nie aus. Was geht hier vor? Herbert hat noch viele Plakate anzukleben:
Hundebad - Auch dein Hund braucht mehr ... Wasser.
Jugend und Frische! Das Lächeln der ...
Wieder und wieder geht Yolimba leer aus. Sie ist mit ihren Nerven am Ende. So lang hat sie doch noch nie warten müssen. Jetzt holt Herbert das letzte Plakat hervor:
Stadttheater: Einmaliges Gastspiel: Kabale und ....
Yolimba ist mehr und mehr von Herbert fasziniert; in dieser Situation spricht sie das ‚Wort des Todes‘ selbst aus - und stürzt sich in seine Arme. Man darf sicher sein, dass der Mann der Ordnung, Möhringer, mit dieser Pleite nicht gerechnet hat.


XVII. Großer Lobgesang auf den Ehestand.

Hochzeitsgäste bringen Geschenke, gratulieren und fotografieren. Singend loben sie, dass die Ehe Träume wahr werden lässt, trübe Gedanken vertreibt, das gemeinsame Frühstück im Bett den Tag zur Wonne macht, den Abend und die Nacht… Gewiss kommen auch eines Tages niedliche Kinderlein. Der Pfarrer fragt Herbert, ob er Yolimba heiraten will; er fragt Yolimba, ob sie Herbert will, und beide bekräftigen es mit deutlichem ‚Ja‘. Das Gelöbnis lässt einen starken Wind aufkommen, der alle vertreibt. Hier kann nur Möhringers Zauberhand im Spiel sein.


XVIII. Der wilde Wind.

Die drei Herren dürfen wiederkommen und geben jetzt ihren Senf zum Geschehen dazu: Der wilde Wind weht. Was will er? Es ist wegen der Lautstärke nicht zu verstehen. Und jetzt werden zwei der Herren auch noch weggeweht. Dafür weht der wilde Wind Möhringer herbei. Der fackelt nicht lange und streckt den armen Herbert mit einem Faustschlag zu Boden, Yolimba aber bekommt er nicht zu fassen. Die hat sich Herberts Fahrrad geschnappt und strampelt davon. Möhringer überlegt und kommt auf die Idee, sich in einer der am Straßenrand stehenden Mülltonnen zu verstecken. Sollte Yolimba vorbeikommen wird er sein Geschöpf beseitigen. Aber der Magier hat nicht mit Herbert gerechnet: Der ruft nämlich die Müllmänner herbei, die den lebendigen Inhalt im Müllwagen entsorgen. Die Maschinerie kann nicht Müll von Mensch unterscheiden, sie zerkleinert alles, was ihr zwischen die Mühlen kommt. Und das geschieht mit einem lauten Knall - es wird plötzlich dunkel. Als es wieder hell wird, sieht man die Kleidung Möhringers verstreut auf dem Boden liegen, der Mann der Ordnung ordnet nicht mehr!


XIX. Erlösung.

Möhringers Tod lässt alle seine und Yolimbas Opfer aus U-Bahn-Schächten auferstanden emporsteigen. Unter ihnen der Tenor, der Professor Wallerstein, die drei Polizisten und - Herbert (ach nein, der war ja nicht tot, nur niedergestreckt). Es wundert niemanden, dass sie jetzt der ‚Liebe Macht‘ preisen. Dass auch noch ‚Jungfrauen‘ in den Lobgesang einstimmen, führt direkt in den Oratorienhimmel!


XX. Großer Lobgesang auf die Müllabfuhr, die Grenzen der Magie und Finale

Die Bürger gruppieren sich um den Müllwagen und entsorgen die Reste der Magie in einer Tonne. Das jetzt und hier ein Loblied auf die Müllmänner angestimmt wird, ist wirklich eine gute Idee: Die armen Kerle fahren doch stundenlang und jeden Tag unter Gestank durch die Straßen der Stadt. Den Lobgesang haben sie sich redlich verdient. Plötzlich aber stockt dieser Gesang und der Reigen beginnt von vorne:
Der Mai ist schön, der Juni auch (die übrigen Monate seien geschenkt), die Dame dort frühstückt jeden Morgen im Bett, die andere Dame fand einen schönen Tod im Park und das Kind berichtet vom Personal, von der Mutter und vom Bruder. Das Mädchen da hat von der Politik die Schnauze voll, liebt Kunst und Theater, eine weitere Dame nennt das Straßburger Münster ein ‚Meisterwerk der Baukunst‘- und, und, und. Gut, das kennen wir schon, jetzt kann der Vorhang fallen und alle können nach Hause gehen…



INFORMATIONEN ZU DEN AUTOREN UND DEM WERK

Wilhelm Killmayer wurde am 21. August 1927 in München geboren; er starb einen Tag vor seinem 90. Geburtstag in Starnberg, wo er in den letzten Jahren seines Lebens wohnte. Er schrieb Sinfonisches, Kammermusik, Ballettmusik, Opern und mehr als 200 Lieder. Nach dem Abitur studierte Killmayer bei Hermann Wolfgang von Waltershausen Dirigieren und bei Carl Orff Komposition. Das Studium der Musikwissenschaft belegte er an der Münchner Universität bei Rudolf von Ficker. Von 1955 bis 1958 lehrte Killmayer am Trappschen Konservatorium in München und war von 1961 bis 1965 Ballettdirigent an der Bayerischen Staatsoper. Seit 1973 war er Professor für Komposition der Münchner Hochschule für Musik. Wilhelm Killmayer erhielt mehrere Preise für seine Werke.

Tankred Dorst, wurde am 19. Dezember 1925 in Oberlind (Landkreis Sonneberg, Thüringen) geboren; er starb am 1. Juni 2017 in Berlin. Der Dramatiker und Schriftsteller lebte viele Jahre in München-Schwabing. Von den 1950er Jahren an schrieb er für das Marionettentheater ‚Kleines Spiel‘ Stücke, die zum Teil noch heute aufgeführt werden. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde er als Drehbuchautor und Regisseur international bekannt. Ab 2013 lebte das Ehepaar Dorst in Berlin.

Zu dem hier vorgestellten Werk äußerte Killmayer selbst, dass er ‚nach Vorbildern‘ gesucht habe und auf Komponisten des Genres der Opera comique stieß. Er nennt Namen wie Bizet (Doktor Mirakel), aber auch Auber und Offenbach, deren Werke Mascagni, Busoni und Wolf-Ferrari fortgesetzt hätten. Richtig ist aber, dass sein und seines Librettisten Dorst Humor speziell und durchaus eigenständig zu nennen ist. Für ‚Yolimba‘ ist zu konstatieren, dass die Lobgesänge auf die Post und die Polizei aus der heutigen Sicht reine Nostalgie sind. Der eingesetzte Orchesterapparat wird auseinandergenommen und zur Charakterisierung und Situationskennzeichnung benutzt. Letztlich bleibt aber die Frage zu klären, was ‚Yolimba‘ eigentlich ist: Eine Oper? Oder Operette? Oder vielleicht doch eher Cabaret? Überlegt haben viele, eindeutiges kam nicht heraus. Für Tamino wurde ‚Yolimba‘ als Oper eingestuft, aber was es auch immer ist, es ist äußerst vergnüglich!


© Manfred Rückert für den Tamino-Opernführer 2018
unter Hinzuziehung des Librettos der Neufassung dieses Werkes von 1970
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Donnerstag, 7. Juni 2018, 22:10

Diskographischer Hinweis

Beide Tamino-Werbepartner, Amazon und jpc, haben Killmayer/Dorsts Posse im Angebot:
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