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musikwanderer

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Beiträge: 4 276

Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

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Mittwoch, 27. Juni 2018, 00:46

Zillig, Winfried: DAS OPFER

Winfried Zillig (1905-1963):
DAS OPFER
Oper in einem Akt und drei Teilen - Libretto von Reinhard Goering

Uraufführung am 12. November 1937 in Hamburg


DIE PERSONEN DER HANDLUNG

Robert Falcon Scott (Bass)
Edward Wilson (Bariton)
Henry Bowers (Tenor)
Lawrence Oates (Bariton)
Chor der Pinguine: Vierstimmiger gemischter Chor, Tänzer

Zeit und Ort der Handlung ist das Jahr 1912 am Südpol.


INHALTSANGABE DES EINZIGEN AKTES

Erster Teil.
Neutrale Szene; der Chor in zeitlosem Gewand regungslos auf der Bühne. Polarnacht.

Der britische Marineoffizier Robert Falcon Scott hat den Südpol erst einen Monat nach dem Norweger Roald Amundsen erreicht. Alle Anstrengungen und Entbehrungen seiner Crew sind umsonst gewesen; bis auf Scott, Wilson, Oates und Bowers hat niemand überlebt. Der Chor kommentiert unsichtbares Geschehen:
„Hört! Hört! Hört! Schaut! Schaut! Schaut!
Wie Rittmeister Oates sich opfert, um seine Kameraden zu retten. […]
Schaut in der Ferne nahende Gestalten, Menschen genannt.
Sie glauben an den Geist und dass das selbst im Tode erlischt, aber der Nachruhm lebt,
und Brüder sind alle Männer, Brüder. […]“
Erst nach diesem chorischen Kommentar setzt die Ouvertüre ein und die Sänger verwandeln sich durch eigenhändigen Überwurf von Kostümen und dem Aufsetzen von Masken in Pinguine. Die berichten nun über den Kampf der vier Männer gegen die Naturgewalten, sehen wie in einem Zauberglas nicht nur das Ende der Expedition kommen, sondern ahnen auch das Ende ihrer eigenen Population - denn hier sind Erdlinge am Werk, denen „nichts unerreichbar“ geworden ist.

Während eines kurzen Orchesterzwischenspiel verwandelt sich die Bühne in eine gleißende Eisfläche.

Aus dem Hintergrund schleppen sich Scott, Wilson und Bowers, letzterer einen Schlitten ziehend, heran. Scott ermahnt seine Leute, den Kampf gegen die Naturgewalten nicht aufzugeben, denn das bedeute den sicheren Tod, noch aber sollen sie um Ruhm und Ehre für England kämpfen. Er spricht über Oates, den er wegen seiner erfrorenen Füße als ein Hemmnis ansieht. Trotzdem, da stimmen ihm die anderen beiden zu, dürfen sie ihn nicht im Stich lassen. Das wäre unmenschlich. Matt und kraftlos stieren alle vor sich hin. Dann rafft sich Wilson auf und treibt zur Eile an; sie setzen den Weg zunächst zügig, dann aber sichtlich langsamer werdend, fort.

Neutrales Bühnenbild wie zu Beginn; Chor der Pinguine.

Der mit Schmerzen langsam näherkommende Oates lässt die Pinguine einen Spottgesang anstimmen:
„Eins, zwei drei. Was hinkt dort herbei?
Bist du tot oder lebst du? Tanzt oder schwebst du? Er weiß es selber nicht. Hört, was er spricht.“
Oates hält erschöpft an und klagt über seine verzweifelte Lage, die ihn den Kameraden gegenüber zu einem Hindernis hat werden lassen. Hoffnung hält den Menschen aufrecht, haben sie gesagt. Was aber, wenn keine ist? Er gibt zu, für sich selber keine Hoffnung mehr zu sehen. Er ist entschlossen, seine drei Gefährten nach ihrer ehrlichen Meinung zu fragen. Es war nur eine Atempause, die er sich gegönnt hat, jetzt zwingt er sich, weiter zu gehen - und verschwindet langsam im Hintergrund.

Die Pinguine sehen in den Vorgängen einen Grund zum Triumphieren: Untergehen werden sie! Alle! Und ihre Heimat wird wieder frei sein! Die, die sich Menschen nennen, halten die Bewohner des Eises für dumm, und sind es doch selber noch viel mehr! Artgenossen - kommt alle herbei! Triumphiert über die Eindringlinge! Die Zustimmung ist groß - doch plötzlich treten Warner auf: Es werden andere dieser Spezies kommen, die sich vom Schicksal dieser Menschen nicht abschrecken lassen, denn es geht ihnen um Eroberung. Seid also auf der Hut, Frackträger! Doch diese Zweifel verfangen bei der Mehrheit nicht. Sie ruft stattdessen zum Triumphtanz auf, der jedoch plötzlich und abrupt endet, mit dem ebenso abrupt verlöschenden Bühnenlicht.


Zweiter Teil.
Dieselbe Szene, von einer auffälligen Schlittenspur durchzogen.

Scott, Wilson und Bowers - Oates ist nicht zu sehen - suchen das Gelände ab. Plötzlich stellt Bowers aufatmend fest, dass er die alte Schlittenspur wiedergefunden hat und nennt das ‚Glück im Unglück‘. Hellhörig werden sie durch Hundegebell aus dem ‚Off‘, die sie für einen Moment hoffen lässt, dem Basis-Lager nahe zu sein. Während sie das Zelt aufbauen und sich dabei den Mut zusprechen, auf keinen Fall aufgeben wollen, gedenken sie der schon verstorbenen Kameraden. Im aufgebauten Zelt, das mit dem letzten Öl nur noch schwach erhellt ist, hocken sie dann, an letzten Resten Stockfisch nagend und vor sich hin stierend, still auf dem Schlitten.

Was die Männer als Hundegebell deuteten, war jedoch Oates, der sich mühsam heranschleppt, in seinem Schmerz das Zelt aber nicht wahrnimmt. Seine mit ‚Presto agitato‘ überschriebene Arie ist empathisch, wirkt aber wie ein Traumgebilde:
„Dann steht ihr alle, Mann für Mann vorm Lager und glaubt nicht, was wir selbst nicht glauben.
Ihr wollt, dass wir erzählen. Später! Später! Wer schämt sich da der Tränen?
Erst Tage drauf, wenn die Entkräftung wich, hört die Erzählung vom beispiellosen Marsch, von unsrer Rettung.
Nur ein paar lächerliche Meilen noch und dieser Schrecken wird zum Glück!“

Oates schreckt auf, als er das Zelt wahrnimmt und humpelt darauf zu, bricht dann vor Freude zusammen, als ihm die Stimmen klarmachen, dass er seine Kameraden eingeholt hat. Seine Freude weicht Niedergeschlagenheit, als er, trotz des Sturmes, hört, was im Zelt über ihn gesagt wird: Die drei sind sich einig, dass Oates sie am zügigen Weiterkommen hindert. Nur einer, es ist wohl Bowers, fordert ganz energisch, den ‚armen Kerl‘ mitdurchzuziehen. Es ist verdammte Pflicht und Schuldigkeit! Oates ist tief getroffen; er entschließt sich, wieder zu verschwinden, will nicht für den Tod seiner Kameraden verantwortlich sein!

In diesem Augenblick tritt Bowers vor das Zelt und stolpert fast über Oates, der sich gerade aufrafft, von Bowers aber festgehalten wird. Seine Aussage, den Kameraden nicht mehr zur Last fallen zu wollen, macht Bowers wütend: Er drängt ihn mit Druck in das Zelt, wo er von Scott und Wilson begrüßt wird. Man vermeidet jedes Wort über ihre aktuelle Lage, redet nur über das Wetter: Die steigende Temperatur, meinen Scott und Wilson, kündigt wohl einen aufziehenden Orkan an. Dann sitzen sie stumm da, jeder in seine Gedankenwelt vertieft.

Der Chor der Pinguine in unwirklichem Licht und statisch. Die Landschaft wandelt sich zum Abstrakten:
„Abend sinkt, Tag ging zu Ende. Im Zelt liegen die Männer, in der Ferne naht der Orkan. […]
Nacht wandelt über das Eis, und es naht neuer Morgen. Aber der eine plant etwas für uns nicht Gutes.“



Dritter Teil.
Dunkel auf der Bühne; das Zelt ist nur im Umriss sichtbar; abgeflauter Schneesturm.

Scott und Wilson sind durch den das Zelt durchrüttelnden Schneesturm aufgewacht, der inzwischen jedoch wieder abflaut. Scott erinnert Wilson an ihren ersten Marsch zum Pol, wo es ja eine ähnliche Konstellation gab: Damals gelang die Rettung, obwohl Shakleton (unausgesprochen bleibt: wie heute Oates) schwer krank war und nach Hause geschickt werden musste. Scott schlägt Wilson vor, zu versuchen, weiter zu schlafen, denn der Sturm hat wieder an Stärke zugenommen.

Orchesterzwischenspiel als Sturmmusik, an deren Ende es heller zu werden beginnt.

Oates ist erwacht und fragt, ob es schon Morgen sei - er möchte hinaus. Scott, der wiederum durch Oates geweckt wurde, bittet ihn dringend, das Zelt nicht zu verlassen. Doch Oates überhört den Ratschlag und erhebt sich langsam, öffnet das Zelt und geht humpelnd hinaus. Dadurch wiederum werden Wilson und Bowers aufgeschreckt; Bowers erkennt Oates Absicht, und ruft ihn in einem schneidenden Befehlston zurück. Doch der reagiert nicht darauf und bleibt plötzlich ‚in großer Gebärde‘ stehen, seine Gedanken ‚quasi rubato‘ äußernd:
„O du, der du das Opfer forderst, rette die Freunde, die Gefährten! Sturm, der du mich entführst,
der du mich tötest, Eishauch, seid mild den Kameraden! Helft zur Rettung!“
Scott, Wilson und Bowers sind jetzt ebenfalls vor das Zelt getreten und stehen wie gelähmt und stumm, während Oates im Hintergrund verschwindet…

…und die Bühne sich verschiebt, sodass das Zelt nach hinten verschwindet und Oates sich dadurch dem Zuschauer nähert. Er äußert sich entschlossen:
„Nicht Hügel und Grabstein erwirbt sich Oates, in namenlosen Schnee ist er gebettet.
Verloren in das große, weiße Schweigen.
Das Schicksal nahm ihm Kraft und junges Leben, doch Lieb‘ und Ehre wahrt er bis zuletzt.“


Er schlurft langsam davon, dem eisigen Tod entgegen. Die Bühne wird zur abstrakten Landschaft.

Der Pinguinchor tritt auf und äußert sein Entsetzen über das unerhörte Geschehen, lobt aber gleichzeitig die Opferbereitschaft des Einen für die Anderen, denn diese eine Tat erhellt die ödeste Öde, lässt die gewaltige Natur zur Nebensache werden. Der anfängliche Spott über die Eindringlinge weichen der Bewunderung für deren Opferbereitschaft. Die Pinguine rufen sich zu, freundlichere Küsten zu suchen und sich am Fischreichtum zu ergötzen - und ziehen sie sich zurück.

Die Bühne verschiebt sich zurück, sodass das Zelt wieder sichtbar wird.

Scott, Wilson und Bowers stehen, wie vor der Szenenverwandlung, noch vor dem Zelt und raunen sich zu, dass die Temperatur noch weiter steigt und der Sturm folglich wieder stärker werde. Und er wird, so meint Wilson mit Niedergeschlagenheit in der Stimme, noch tagelang wüten; er wird sie weiterhin hier festhalten, sie am Fortkommen hindern. Scott bekräftigt seine Hochachtung für Oates, der für sie in den Tod ging. Er nennt diese Tat ein Beispiel höchster Pflichterfüllung, das auch für sie gelten müsse, was auch immer noch geschehen werde.

Der Chor in zeitlosem Gewand füllt die abstrakte Szene in großer, bewegter Gliederung.

Allegro con brio überschrieben und von Forte bis zum Fortissimo sich steigernd wird der Sturm als ein Künder der Gottheit beschrieben, eine Gewalt, der sich kein Wesen entziehen kann. Ihm standzuhalten ist Wonne; wer ihn besteht, hat ein besseres Leben; wer ihm nichts entgegenzusetzen vermag, stirbt den großen Tod. Wer durchhält, erfährt ‚neuen Sonnentags Daseinslust‘ und schöpft Kraft. Dank sei den Göttern entgegengebracht, bis sie die Standhaften in den Tod entführen - in die Heimat.

Die Szene wird hell und zur neutralen Bühne. Der Chor steht bewegungslos zum Schlusschor, der in völligem Pianissimo vorgetragen wird:
„Selig alles was lebt im Gesetz.
Über den Tod hinaus einzig dauernden Nachruhms Unsterblichkeit rühme die Toten.
Selig preist selig im Ruhm der Väter geeinte, tief wurzelnd im Dunkel,
im Lichte blühende heilige Völker.“


INFORMATIONEN ZUM WERK

Die Uraufführung von Winfried Zilligs Südpoloper im November 1937 an der Staatsoper in Hamburg wurde seinerzeit als eine ungewöhnliche Arbeit angesehen. Geschildert wird in dem einaktigen, aber in drei Teile gegliederten Werk, das sowohl durchgespielt als auch durch kurze Pausen unterbrochen aufgeführt werden kann, die Geschichte von Robert Falcon Scotts letzter Südpol-Expedition. Die Hauptperson der Oper ist, wenngleich sie nicht den größten Anteil am Geschehen hat, Lawrence Oates.

Neben den nur vier Hauptfiguren ist einem großen Chor ein gewichtiger Teil der Handlung, wenn auch nur in Kommentar-Funktion, zugewiesen. Die Oper, Vorlage war ein umstrittenes Theaterstück des expressionistischen Dichters Reinhard Goering, der auch das Opernlibretto für Zillig verfasste, entstand innerhalb kurzer Zeit und war die erste (und einzige?) professionelle musikalische Darstellung von Scotts letzter Expedition, die bekanntlich niemand überlebt hat. Der Textautor beging übrigens nicht lange nach der Fertigstellung seiner Arbeit Selbstmord.

„Das Opfer“ wurde nach nur vier Aufführungen abgesetzt, weil die NS-Presse dem Komponisten wegen der Arbeit in Zwölf-Ton-Technik mit den entsprechenden scharfen Dissonanzen einen ‚Irrweg‘ vorwarf.


© Manfred Rückert für den Tamino-Opernführer 2018
unter Hinzuziehung des Klavierauszuges (Universal-Edition 1937)
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