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Dr. Holger Kaletha

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1

Sonntag, 8. Juli 2018, 13:24

„Cendrillon“ (Aschenputtel) von Jules Massenet in Münster, Vorstellung 6.7.2018

Der schöne Opernabend begann mit einer Überraschung: Die „Gesellschaft der Musik- und Theaterfreunde“ verlieh vor Beginn der Aufführung ihre diesjährigen mit 1000 Euro dotierten vier Preise.

http://www.musik-und-theaterfreunde.de/a…verleihung.html

Die Preisverleihung hatte dann einen schönen und zugleich schön-traurigen Höhepunkt: Henrike Jacob, welche die Rolle der „Cendrillon“ übernommen hat, erhielt zum Schluss den Preis, der zugleich eine Verabschiedung war. Denn es wurde offenbar brandaktuell bekannt gegeben, was weder auf ihrer Webseite noch sonst im Netz zu lesen ist, dass nach 10 Jahren ihr Vertrag nicht mehr verlängert wird! Ein wirklicher Verlust, denn sie ist eindeutig ein leuchtender Stern des Ensembles mit ihrer darstellerischen Präsenz und sängerischen Kraft. Besonders hat sie mich zuletzt als „Alcina“ beeindruckt! Die Sängerin hielt dann eine kurze, sehr bewegende und sympathische Rede. Sie lobte das gute Klima im Ensemble, was nicht selbstverständlich sei, wies auf die prekäre Beschäftigungslage von Künstlern hin, die meist mit Einjahresverträgen abgespeist werden, sowie das hohe Gut des Ensembletheaters in Deutschland. Ihr gehe es um lebendiges Theater – und sie verteidige deshalb gegen jeden Kritiker ihre falschen Töne! Recht hat sie, Oper soll Spaß am Theater vermitteln und nicht in sterilem Perfektionismus erstarren! Dieser Abend sei ihr letzter als Mitglied des Münsteraner Ensembles.

Die Aufführung wurde dann ein wirklich ganz wunderbarer Opernabend. Dafür sorgte erst einmal die Musik von Jules Massenet. Sie ist wirklich sehr „französisch“, immer eingängig, Klänge, die den Hörer nicht fordern und „beanspruchen“, sondern vornehmlich gefallen wollen. Aber gleichwohl ist diese Musik niemals „seicht“. Da ist diese französische Leichtigkeit des Seins, die etwas vom Duft impressionistischer Maler hat, gepaart aber mit Sinn für Stil und immer mit guten Geschmack. Sicher, von heute aus klingt diese Musik einer die Handlung untermalenden Filmmusik nicht unähnlich. Es ist aber originäre Musik für das Musiktheater, niemals plump, sondern immer fein, wie es dem zur Überfeinerung neigenden Fin de siècle-Stil entspricht. Da ist viel Witz drin, auch Gefühl, musikalischer Ausdruck, der berührt, aber nie „gewaltsam“ zur großen, erschütternden Emotion wird, sondern – wiederum sehr französisch – die lyrische Intimität wahrt. Massenet schreibt immer „angenehme“ Musik für einen schönen Opernabend, im Kontext der belle époque in einer Ästhetik des Genusses und des Traumhaft-Schönen. Alle Sänger-Darsteller (Gregor Dalal als Pandolphe, Suzanne McLeod als Madame de Haltière, Kristi Anna Isene als Noémie, Christina Holzinger als Dorthée, Kathrin Filip als die Fee, Youn-Seong Shim als Märchenprinz, Stefan Klemm als König) vermochten voll zu überzeugen – auch der Chor, der eine wahrlich anspruchsvolle Partie zu bewältigen hatte, war hervorragend. Henrike Jacob, die in Sarlouis geboren in Paris studierte, war die Rolle wie auf den Leib geschneidert. Am Schluss gab es standing ovations für sie und Blumen zum Abschied – sie war sichtlich gerührt.

Die Inszenierung von Roman Hovenbitzer war einfach fantasievoll und schön, mit wunderbar ausdrucksstarken Einzelbildern. Sie erweiterte die Handlung um die des Films und einer Filmvorführung, indem sie vor allem auf die Stummfilmadaptation von Georges Méliès zurückgriff, wodurch die Traumwelt des Opernmärchens als eine Fantasiewelt für den Zuschauer greifbar wird, indem er in die auf Zelluloid fixierten Träume der belle époque entführt und eingeführt wird. Die Bühnenillusion verschachtelt sich so gleichsam in einer Spiegelung ihrer selbst, das fiktive Märchen wird zugleich zum realen Märchen, zur Belle-époque-Träumerei. Diese Identifizierung gelingt, denn bei Cain-Massenet ist die Wirklichkeit der Liebe nur wirklich als die Realisierung eines (Märchens-)Traums. Genau deshalb, weil es sich bei dieser Art von Regietheater-Erweiterung um ein Spiegelbild träumender Reflexion handelt, bleibt die eigentliche Opernhandlung bestehen. Hovenbitzers Inszenierung zeigt deshalb evident, wie unsinnig und überflüssig Regietheater-Debatten sein können: Die Märchenhandlung bleibt die, die sie ist, sie wird lediglich um eine Sinnebene erweitert als ein fascinosum für die Phantasie. Zum Schluss wurde die Verwandlung in eine Fantasiewelt total, der Zuschauerraum in ein Planetarium, einen Sternenhimmel, verwandelt, der Zuschauer damit selbst Teil des Opern-Märchentraums, welcher vorgibt, die prosaische Realität zum Verschwinden bringen zu können und sich an ihre Stelle zu setzen. Und das Konzept der Regie ging voll auf: Der faszinierte Zuschauer hat diese Aufführung als Ganze begeistert aufgenommen. :) :) :)

Schöne Grüße
Holger

La Roche

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2

Sonntag, 8. Juli 2018, 14:24

Hallo, Holger,
Deine Beschreibung deckt sich in etwa mit meiner Chemnitzer Erfahrung. Die Musik von Massanet ist gefällig, melodiös, leicht und im gewissen Sinne unterhaltsam. Mir persönlich hatten aber die großen Steigerungen und Aufschwünge gefehlt, die ich als Wagner,- Strauss und auch Verdi/Puccinifan kenne und liebe. Selbst in mancher französischen Oper (auch von Massanet, z.B. in Werther oder Gounod mit meiner Lieblingsoper dieses Komponisten, Romeo et Juliette) sind diese vorhanden, aber der Stoff ist eben ein anderer, ein Märchen mit happy end. Und dafür ist es genau die richtige Musik. Man stirbt nicht, man bekommt sich am Ende und dafür bedarf es keiner künstlichen Dramatik.


Ich erinnere mich an einige Ballettszenen, die in Chemnitz zu den Höhepunkten gehörten. Es ist aber sicher schon 15 Jahre her, und in Erinnerung ist mir eigentlich geblieben, daß es ein schöner Opernabend war, aber der Wunsch nach einem zweiten Besuch war nicht da. Übrigens war auch kein "Verunstaltungsregisseur" zu Werke, das Ganze hatte einen puppenstubenhaften Charakter.
Mein Höhepunkt dieses Abends war Brasilien : Belgien, eines der besten Spiele nicht nur dieser eigentlich ziemlich farblosen WM. Leider geht mein Tip bezüglich Endspiel nun nicht auf, da die Russen gestern unglücklich, aber verdient nach einem schlechten Spiel ausgeschieden sind. Die Kroaten waren aber auch nicht viel besser. Das nur am Rande.Herzlichst La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


Bertarido

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3

Sonntag, 8. Juli 2018, 16:23

Lieber Holger,

vielen Dank für die wie immer informative Besprechung. Ich ärgere mich nun schwarz, dass ich dieses Stück in Münster verpasst habe. Bleibt zu hoffen, dass es in einer der folgenden Spielzeiten wiederaufgenommen wird.

Dass Henrike Jacob das Haus verlässt (verlassen muss?), ist eine traurige Nachricht. Als "Alcina" hat sie mich wirklich begeistert. Wurde denn etwas darüber gesagt, ob sie ein Engagement im Anschluss hat?

Dr. Holger Kaletha

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4

Sonntag, 8. Juli 2018, 17:32

Deine Beschreibung deckt sich in etwa mit meiner Chemnitzer Erfahrung. Die Musik von Massanet ist gefällig, melodiös, leicht und im gewissen Sinne unterhaltsam. Mir persönlich hatten aber die großen Steigerungen und Aufschwünge gefehlt, die ich als Wagner,- Strauss und auch Verdi/Puccinifan kenne und liebe. Selbst in mancher französischen Oper (auch von Massanet, z.B. in Werther oder Gounod mit meiner Lieblingsoper dieses Komponisten, Romeo et Juliette) sind diese vorhanden, aber der Stoff ist eben ein anderer, ein Märchen mit happy end. Und dafür ist es genau die richtige Musik. Man stirbt nicht, man bekommt sich am Ende und dafür bedarf es keiner künstlichen Dramatik.
Lieber La Roche,

so denke ich auch! Es wäre ein Verlust, wenn diese Oper aus dem Repertoire verschwände. Sie garantiert einfach einen schönen Opernabend.
Ich erinnere mich an einige Ballettszenen, die in Chemnitz zu den Höhepunkten gehörten. Es ist aber sicher schon 15 Jahre her, und in Erinnerung ist mir eigentlich geblieben, daß es ein schöner Opernabend war, aber der Wunsch nach einem zweiten Besuch war nicht da. Übrigens war auch kein "Verunstaltungsregisseur" zu Werke, das Ganze hatte einen puppenstubenhaften Charakter.
Mein Höhepunkt dieses Abends war Brasilien : Belgien, eines der besten Spiele nicht nur dieser eigentlich ziemlich farblosen WM. Leider geht mein Tip bezüglich Endspiel nun nicht auf, da die Russen gestern unglücklich, aber verdient nach einem schlechten Spiel ausgeschieden sind. Die Kroaten waren aber auch nicht viel besser. Das nur am Rande.
Die typisch französischen Ballettszenen haben sie wie zumeist üblich in Deutschland gestrichen! Ja leider - den Höhepunkt Brasilien-Frankreich habe ich verpasst! Das Kroatien-Russlandspiel fand ich vom Niveau her auch nicht berauschend, aber wenigstens hatten die Russen Leidenschaft, was unsere Jungs nicht hatten. :D Das Ergebnis war letztlich gerecht! :hello:
Dass Henrike Jacob das Haus verlässt (verlassen muss?), ist eine traurige Nachricht. Als "Alcina" hat sie mich wirklich begeistert. Wurde denn etwas darüber gesagt, ob sie ein Engagement im Anschluss hat?
Ich fand sie, lieber Bertarido, als "Alcina" auch hinreißend und ich bin sehr traurig!!! Nein, nichts wurde gesagt und im Netz steht auch nichts! Gegen eine Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit spricht leider, dass sie nicht mehr zum Ensemble gehört. ;( :hello:

Schöne Grüße
Holger

Mme. Cortese

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5

Sonntag, 8. Juli 2018, 21:58

Hallo Holger,

deinen Bericht über die Aufführung von "Cendrillon" habe ich mit Interesse gelesen. Ich habe diese Oper noch nicht auf der Bühne erlebt, besitze aber ein Aufnahme davon. Ich schätze diese Oper sehr, beinahe mehr noch als Rossinis "Cenerentola", weil hier eher die leisen Töne vorherrschen und die märchenhafte Atmosphäre gewahrt bleibt - vorausgesetzt, man hat eine gute Sängerin für die Titelpartie, und das scheint mir ja in Münster der Fall gewesen zu sein. Schade nur, dass der Prinz von einem Tenor gesungen wurde. Was die Verlegung ins Filmmilieu angeht, so habe ich Ähnliches mal in Prokofievs "Cinderella"-Ballett gesehen, in einer Choreographie von Rudolf Nurejev. Immerhin passt das Konzept in beiden Fällen.

@ Bertarido: Die Produktion steht auch in der nächsten Spielzeit noch auf dem Spielplan.

LG Mme. Cortese
Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

Dr. Holger Kaletha

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6

Sonntag, 8. Juli 2018, 22:43

@ Bertarido: Die Produktion steht auch in der nächsten Spielzeit noch auf dem Spielplan.
Liebe Mme Cortese,

interessant, dass das eine Hosenrolle ist! Da würde mich auch die Antwort interessieren, warum sie diese bei uns mit einem Tenor besetzt haben (der aber wirklich sehr gut war!).

Wenn die Oper noch auf dem Spielplan bleibt, werden sie Henrike Jacob wohl als Honorarkraft beschäftigen - also geht sie Münster doch nicht ganz verloren! :) :hello:

Schöne Grüße
Holger

Bertarido

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7

Sonntag, 8. Juli 2018, 23:29

@ Bertarido: Die Produktion steht auch in der nächsten Spielzeit noch auf dem Spielplan.

Danke, habe auch gerade gesehen, dass laut Homepage des Theaters Münster weitere Termine in Planung sind - hoffentlich dann auch mit Henrike Jacob.

Dr. Holger Kaletha

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8

Montag, 9. Juli 2018, 07:58

@ Bertarido: Die Produktion steht auch in der nächsten Spielzeit noch auf dem Spielplan.

Danke, habe auch gerade gesehen, dass laut Homepage des Theaters Münster weitere Termine in Planung sind - hoffentlich dann auch mit Henrike Jacob.
Lieber Bertarido,

davon gehe ich aus. Denn Premiere war erst im April - und ich glaube nicht, dass die Oper nach nur einer halben Saison eine neue Sängerin verpflichtet, welche die Rolle komplett neu einstudieren muss. Henrike Jacob wird wahrscheinlich mit Honorarvertrag jeweils einzeln verpflichtet. Vielleicht hätten sie sie nach 10 Jahren rechtlich unbefristet anstellen müssen und haben deshalb nicht verlängert. Das sind ja diese unerträglichen Beschäftigungsbedingungen im öffentlichen Dienst. :hello:

Schöne Grüße
Holger