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Joseph II.

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Registrierungsdatum: 29. März 2005

1

Freitag, 7. September 2018, 23:45

LISZT Franz: Sinfonische Dichtung Nr. 11: Hunnenschlacht


Wilhelm von Kaulbach: Die Hunnenschlacht (1834-1837)

Die Sinfonische Dichtung Nr. 11 "Hunnenschlacht", S. 105, von Franz Liszt entstand 1856/57. Das Werk wurde inspiriert vom gleichnamigen Fresko des Malers Wilhelm von Kaulbach. Die Uraufführung fand am 29. Dezember 1857 unter Stabführung des Komponisten in Weimar statt.

Auf dem Fresko ist die berühmte Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (451) dargestellt, als der Hunnenkönig Attila gegen den römischen General Flavius Aëtius und den mit diesem verbündeten Westgotenkönig Theoderich ins Feld zog. Der Legende zufolge wurde die Schlacht derart erbittert geführt, dass die Seelen der gefallenen Krieger ihren Kampf noch fortsetzten, als sie in den Himmel emporstiegen.

Schlüsselelement der Tondichtung ist der Choral "Crux fidelis" (Treues Kreuz), welcher am Ende der Exposition, in der Durchführung sowie in der Coda am Ende als musikalisches Symbol vorkommt. Dieser Choral, der erst durch die Tenor- und Bassposaunen, später auch durch die Orgel angestimmt wird, verkörpert das christliche römische Heer. Liszt sieht in der Schlacht nicht vornehmlich den Kampf verschiedener Völker, sondern den Kampf zwischen dem zivilisierten Christentum und dem barbarischen Heidentum. Der Schlusschoral steht für den triumphalen Sieg des Christentums.



»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

musikwanderer

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Beiträge: 4 318

Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

2

Dienstag, 2. Oktober 2018, 15:48

Das Bild ‚Die Hunnenschlacht‘ von Wilhelm von Kaulbach hatte es Franz Liszt angetan, denn es war die Vorlage der (jetzt von mir gehörten) Sinfonischen Dichtung gleichen Namens. Wenn ich es richtig verfolgt habe, dann ist dieses Orchesterwerk (neben ‚Mazeppa‘) die zweite Komposition, die Sichtbares (in Bildform oder als lesbares Gedicht) in Töne umzusetzen versucht. Und wieder hat mich die Ausführung der von Árpád Joó dirigierten Sinfoniker aus Budapest gefesselt.

Wer sich Kaulbachs Gemälde betrachtet (was Joseph II. dankenswerterweise eingestellt hat, im Internet aber auch leicht zu finden ist) und dabei die Musik hört, wird sehr schnell die von Liszt im Vorwort benannte Vorstellung seines Werkes begreifen: Da kämpfen die verstorbenen Seelen beider Seiten (hier die Hunnen, dort die Römer), lassen also selbst als Verstorbene auf dem Weg in den Himmel (warum eigentlich dorthin?) vom Kampf nicht ab. Liszt drückt das mit zunächst leisem Paukenwirbel und den unheilvoll klingenden Fagotten aus, ehe die Hörner einen geradezu beängstigenden Schlachtruf der Hunnen von sich geben, worauf die unter dem Kreuz kämpfenden Römer durch Trompetengeschmetter dagegenhalten. Es hört sich so an, als würden die Hunnen unter dem geißelschwingenden Attila die Oberhand gewinnen, aber der Einsatz der Posaunen mit der alten Melodie des „Crux fidelis“ zeichnet musikalisch den Umschwung zugunsten der Römer nach. Dass Liszt, zunächst leise, später in einen ‚Begeisterungsrausch des Orchesters‘ einstimmend, die Choralmelodie der Orgel überträgt, zeigt klar und deutlich den Sieger des Geister-Streites an. Für mich überraschend dann der Schluss: Mitten im Schlussakkord bricht das Orchester ab - um der Orgel den Klangteppich im fortissimo zu überlassen.

Ein tolles Hörerlebnis für mich. Überzeugender als ‚Hamlet‘ und eine überzeugende musikalische Umsetzung des Kaulbach-Bildes…

:hello:

clck 227
.

MUSIKWANDERER

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

Beiträge: 19 216

Registrierungsdatum: 9. August 2004

3

Freitag, 26. Oktober 2018, 13:18

Planmäßig - wenngleich mit einiger Verspätung - löse ich mein - freiwillig mit Freuden - gegebenes Versprechen ein, nach und nach alle Sinfonischen Dichtungen Listzs zu hören. Daß ich begeistert war, sei als persönliche Meinungsäusserung genug. Die "Hunnenschalcht" ist eine der wenigen "symphonischen Dichtungen" wo es mir gelingt einen unleugbaren Zusammenhang zwischen Vorlage und Musik herzustellen, was nicht heissen soll, daß die anderen Werke dieses Genres mich nicht beeindrucken. Das Thema "Sinfonische Dichtung" wurde übrigens von "Joseph II" wiederbelebt und weiterverfolgt, eine Pionierleistung für die ich danke. Mein Hörhorizont wurde und wird dadurch erweitert.
Als kleines Dankeschön habe ich die Sisyphusarbeit übernommen eine Kritik des Werkes von Eduard Hanslick aus dem Jahre 1875 komplett abzutippen. Zuerst wollte ich ausschnittweise zitieren, aber vielleicht hätte mich dann der Bannstrahl Hanslicks aus dem Jenseits getroffen, dieses Risiko wollte ich nicht eingehen, notabene, da auch der Unterhaltungswert der Kritik nicht zu verachten ist.
Hanslick war - das sollte bekannt sein . ein erklärter Gegner Listzts. Wie er ihn gekonnt "fertigmacht" das ist schon hohe Kunst, wenngleich es da sachlich zahlreiche Einwände gäbe und gibt.

Eduard Hanslick - Kritik von Liszts "Hunnenschlacht" von 1875


Zitat

Liszts „Hunnenschlacht“ ist außer der „Hungaria“ und „Heroide funébre“ die einzige seiner zwölf symphonischen Dichtungen, welche meines Erinnerns, in Wien noch nicht aufgeführt worden ist. Wer die früheren kennt wird über die „Hunnenschlacht“ nicht viele Worte verlangen, wenigstens nicht von jemandem, der über jene schon so oft und ausführlich geschrieben hat.
Wir sehen immer dieselbe bekannte Methode auf ein neues Objekt angewendet, nur ist es diesmal statt einer Tragödie oder eines Epos, ein Gemälde, was Liszt musikalisch nachzumalen unternimmt.
Wer kennt nicht Kaulbachs genial konzipierte „Hunnenschlacht“, welche die Sage von dem Kampf zwischen den Geistern der gefallenen Hunnen und Römer vor den Toren Roms darstellt?
Von der leichenbedeckten Wahlstatt erheben sich die Geister in großartig bewegten Gruppen in den Aether und setzen dort den Kampf fort.
Nachdem Liszt in seinen „Symphonischen Dichtungen“ Shakespeares „Hamlet“, Goethes „Faust“, Schillers „Ideale“, den Dante und den Tasso nachmusiziert hat,
warum nicht auch Kaulbachs „Hunnenschlacht“?
Angenommen, aber nicht zugegeben, dass die Musik mit rein instrumentalen Mitteln wirklich das alles könne, so liegt es doch außer jedem Zweifel, dass gerade Liszt nicht das alles kann,
Was er uns gibt, ist grelle Dekorationsmalerei, auf blendende Sinnentäuschung, Überraschung und Überrumpelung des Hörers abgesehen.
Mit vollendeter Beherrschung aller raffinierten Klangeffekte, aber nur der raffinierten, mit rücksichtsloser Kühnheit und großem Aufwand von Geist in kleinen Dingen geht hier eine an musikalische Impotenz streifende Erfindungsarmut Hand in Hand.
In der „Hunnenschlacht“ musste es natürlich vor allem darauf ankommen, den Schlachtenlärm in ein gespenstisches Licht zu rücken.
Ein Blick auf die erste Seite der Partitur belehrt uns, mit welch vertrauensvoller Illusion Liszt an diese schwierige Aufgabe geht.
Wir lesen da als Aviso für den Dirigenten:
„Das ganze Kolorit soll anfangs sehr finster gehalten sein und alle Instrumente geisterhaft erklingen“
Und das sollte der DIRIGENT bewerkstelligen ? Warum nicht gar ?
Das „Kolorit“ (man sieht wie den „Kaulbach-Komponisten“ die Malerei verfolgt) kann in der Ausführung nicht heller oder finsterer herauskommen, als es der Tondichter in seiner Instrumentierung zuwege gebracht, und wie eine Orchesterstelle nicht bloß piano oder forte, sondern ganz genau „geisterhaft“ zu spielen sei, das dürfte dem besten Dirigenten verschlossen sein.
Liszt hat übrigens in diesem Punkte es an nichts fehlen lassen. Aus der Berliozschen Hausapotheke hat er alle Elemente trefflich gemischt, aus denen man einen „geisterhaften Klang“ und „finsteres Kolorit“ kocht;
Drei Pauken in As, C, G, „mit Schwammschlegel“. Becken mit „Holzpaukenschlegel“, das ganze Streichquartett mit Sordinen, usw.

Mit bloßer Schlachtenmalerei konnte sich übrigens ein Mann von dem Geiste und der Bildung Liszts unmöglich begnügen, es mussten auch einige welthistorische Perspektiven eröffnet werden.
Ein Choral, zuerst nur von den Posaunen unisono geblasen und von einigen abgerissen grollenden Geigenfiguren begleitet, ertönt als Repräsentant des Christentums. Er wird in Gegensatz gebracht zu einem fanfarenartigen, stark an Wagners „Walkürenritt“ mahnenden Thema, dem später ein dröhnender „Schlachtruf“ der Trompeten und Posaunen sich beigesellt. Als der Schlachtenlärm seine gefährlicste Höhe erreicht. Er tönt der (bisher von den Bläsern besetzte) Choral auf der Orgel. Das Gegenüber- und Aufeinanderstellens des Orgelchorals un der Schlachtmotive bei fortwährendem Tempowechsel zwischen Sechsviertel – und Viervierteltakt füllt die ganze zweite Hälfte der „Hunnenschlacht“ Die Einführung der Orgel in eine Sinfonie und die Zusammenstellung dröhnender Beckenschläge mit frommen Orgelklängen ist unstreitig etwas Neues, ein selbst von Berlioz und Wagner noch unberührter Effekt. Er soll uns Philosophie der Geschichte lehren, den Geist des fünften Jahrhunderts in Töne fassen, natürlich – schade nur, dass wie bei aller Ehrbietung vor so hohen Intentionen diese sinfonische Bereicherung doch nor als einen ordinären Operneffekt empfinden.
Und das Ganze ?
Es kann einen Augenblick blenden und interessieren, aber nur für einen Augenblick. Unerwärmt, unbereichert, ungeläutert scheidet man von dieser im Purpurmantel einherstolzierenden armen und kalten Musik, die mit allen Holz- und Schwammschlägeln keinen frischen Quell aus dem Felsen zu schlagen vermag.



mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

MIT ARBEIT VERSAUT MAN SICH DIE GANZE FREIZEIT