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Joseph II.

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1

Dienstag, 30. Oktober 2018, 16:04

Bedeutende Tschaikowski-Dirigenten der Vergangenheit

Die Idee zu diesem Thread beruhigt auf zweierlei: Zum einen der interessanten Diskussion im Thema zur "Pathétique", zum anderen dem vergleichbaren Parallelthread zu wichtigen Mozart-Dirigenten der Vergangenheit.

Tschaikowski hatte es nicht immer ganz leicht, gilt heute noch so manchem als übertrieben schwülstig und eben pathetisch. Wobei die Kritik meist eher aus Fachkreisen kam und nicht selten noch philosophisch untermauert wurde, während er bei vielen "einfachen" Klassik-Freunden stets zu den beliebtesten Komponisten gehörte.

Doch genug des Vorgeplänkels. Widmen wir uns dem eigentlichen Thema, den bedeutenden Tschaikowski-Dirigenten der Vergangenheit - und ihren Tondokumenten, die sie uns hinterlassen haben und anhand derer wir uns überhaupt zu dieser Thematik äußern können.



Ich möchte mit einem Dirigenten beginnen, der gewissermaßen die idealtpyische Symbiose zwischen östlich-slawischer Tschaikowski-Rezeption und westlich-europäischer Interpretationstradition verkörperte: Der Ukrainer Igor Markevitch (1912-1983). Er bevorzugte zeitlebens die französische Schreibweise seines Namens, in deutscher Transkription wäre es eigentlich Markewitsch, doch verzichte ich im Weiteren darauf. Bereits 1914 übersiedelte seine Familie nach Paris, später in die Schweiz. 1947 erhielt er die italienische und 1982, nur ein Jahr vor seinem Tode, auch die französische Staatsbürgerschaft. So nimmt es nicht wunder, dass er vornehmlich mit Orchestern aus dem Western zusammenarbeitete und sich die Aufnahmen mit sowjetischen Orchestern in engen Grenzen halten.

Als Tschaikowski-Dirigent ist er in erster Linie beim Plattenlabel Philips in Erscheinung getreten. Er spielte dort in den 1960er Jahren die sechs Symphonien, die "Manfred"-Symphonie, "Francesca da Rimini", "Hamlet" sowie die Ouvertüre "1812" ein. Bereits 1959 legte er für die Deutsche Grammophon ebenfalls "Francesca da Rimini" vor. Für EMI spielte er zudem 1954 die "Schwanensee"-Suite ein (noch in Mono) und 1959 die "Nussknacker"-Suite" und die Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia" (mittlerweile bei Testament). Daneben gibt es einen Live-Mitschnitt von "Francesca da Rimini" von 1962 bei BBC Legends (in Stereo). Es liegen also die wesentlichen Orchesterwerke Tschaikowskis unter Markevitchs Dirigat vor, wobei es aufgrund der Veröffentlichungspolitik der Labels nicht ganz leicht ist, wirklich alle der Werke einfach zu ergattern.


Symphonien Nr. 1-3; "Francesca da Rimini" (1967)


Symphonien Nr. 4-6


"Manfred"-Symphonie


"Hamlet"


"Francesca da Rimini" (1967); "Hamlet"; Ouvertüre "1812"


"Francesca da Rimini" (1959)


"Francesca da Rimini" (1962 live)


Ouvertüre "1812"


Suiten aus "Schwanensee" und "Der Nussknacker"; "Romeo und Julia"

Der Symphonien-Zyklus ist grandios und gehört zu den besten überhaupt. Besonders die ältere "Francesca da Rimini" auf DG hat eine Siedehitze, die einen sprachlos macht. Genauso halte ich seine Aufnahme von "Romeo und Julia" für absolut erstklassig.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Thomas Pape

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2

Dienstag, 30. Oktober 2018, 17:14

Liebe Joseph II,
da lege ich doch gleich meien persönlichen Liebling hinterher: Ernest Ansermet. Der hat sich um die Russen und Tschaikowsky durchaus verdient gemacht, seine Aufnahme des Nussknacker-Ballets ist für mich auch heute noch hinreissend. Die beiden anderen Ballette hat Ansermet nur in gekürzter Version aufgenommen, leider. Bleiben noch zu erwähnen die Suiten und die 6. Sinfonie. Das russische Repertoire wurde von Ansermet immer wieder aufgegriffen; in dieser Box ist es zusammengefasst (meine Güte, wenn ich bedenke, welchen Aufwand ich getrieben habe, um die ganzen LP's zu beschaffen...).


Ansemet, der Mathematiker, keht nicht temeperamentvoll ans Werk, schafft klare Rhythmen und ist in der Hinsicht ein Antipode zu den beiden sowjetischen Dirigenten, die für mich Tschaikowsky-Ikonen sind (und nicht nur in Bezug auf diesen Komponisten): Jewgeny Swetlanow und Namensvetter Mravinsky.
Bei den beiden lasse ich Dir aber den Vortritt. Oder Freund teleton.
Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

lutgra

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3

Dienstag, 30. Oktober 2018, 18:50

Neben Markevitch und Mravinsky halte ich Antal Dorati für einen der bedeutendsten Tschaikowsky-Dirigenten. Zudem hat er m.W. neben Svetlanov die umfangreichste diesbezügliche Diskographie vorgelegt. Da sind nicht nur die sechs Symphonien, sondern auch die vier Orchestersuiten sowie alle abendfüllenden Ballettmusiken.

Einige Aufnahmen entstanden für das legendäre Mercury Living Presence Label und gelten heute noch als interpretatorisch und klanglich herausragend.



nemorino

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4

Dienstag, 30. Oktober 2018, 19:03

Lieber Thomas,

es freut mich, dass Du gleich Ernest Ansermet ins Spiel bringst. Er war nicht nur ein Spezialist für slawische Musik, sondern zeitlebens auch ein herausragender Ballett-Dirigent. So hat er auch, wie Du bereits geschrieben hast, die drei berühmten Tschaikowsky-Ballette aufgenommen, wenn auch "Schwanensee" (ed. Drigo) und "Dornröschen" nur in gekürzter Form.

In dieser preiswerten Kassette mit 6 CDs sind sie sämtlich enthalten:

außerdem noch die folgenden Werke:
1) Sinfonie Nr. 6 "Pathétique"
2) Suiten Nr. 3 & 4 "Mozartiana"
3) Rokoko-Variationen op. 33 (mit Maurice Gendron, Cello).
Mit Ausnahme der zuletzt genannten Variationen alles gut klingende STEREO-Aufnahmen der DECCA, hier als Lizenzausgabe von BRILLIANT Classics. Es liegt sogar ein englischsprachiges Textheft mit einer guten Werkeinführung bei; leider fehlen die Aufnahmedaten.

Bei der Gelegenheit möchte ich gleich noch einen Dirigenten nennen, der zwar nicht so sehr wie Ansermet mit Tschaikowskys Musik in Verbindung gebracht wird, aber sehr schöne, hörenswerte Aufnahmen der Sinfonien Nr. 4, 5 & 6 hinterlassen hat: Pierre Monteux.

In dieser Ausgabe sind sie auf 2 CDs enthalten, was leider zur Folge hat, daß die Fünfte getrennt auf 2 CDs verteilt ist:

Es sind sämtlich STEREO-Produktionen (Aufnahme: Boston, Nr. 4: 1/1959, Nr. 5: 1/1958, Nr. 6: 1/1955).
Auch für Tschaikowskys Ballette hat der liebenswürdige Franzose sich eingesetzt, wie man hier hören kann:


Die "Schwanensee"-Auszüge wurden original von PHILIPS produziert, Aufnahme: 6/1962, während die Ausschnitte aus "Dornröschen" ursprünglich von RCA auf LP veröffentlicht wurden und später, nach Beendigung der Kooperation, von DECCA ins Repertoire genommen wurden. Sie wurden im Juni 1956 aufgezeichnet, in guter Stereotechnik. Für mich ist das eine besonders schöne, kluge Zusammenstellung, die fast vergessen macht, daß nicht das komplette Ballett enthalten ist.
Auch Monteux war ein herausragender Ballett-Spezialist, er war der Dirigent der skandalösen Uraufführung von Strawinskys "Le sacre du Printemps" 1913 in Paris.

LG, Nemorino
Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

nemorino

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5

Dienstag, 30. Oktober 2018, 20:20

Karl Böhm

Hier noch ein berühmter Dirigent, den aber kaum jemand mit Tschaikowsky in Verbindung bringen würde: Karl Böhm.

In seinen letzten Lebensjahren nahm Böhm, den wohl die meisten auf Anhieb als Mozart-Dirigenten bezeichnen würden, die letzten drei Sinfonien des russischen Sinfonikers für die DGG auf:

Karl Böhm dirigiert das London Symphony Orchestra (Aufnahmen: ca. 1979/80).

Überraschend ist schon, dass Böhm sich überhaupt intensiv mit Tschaikowsky beschäftigt, und das auch noch mit einem Orchester, das er nicht oft geleitet hat. Wie auch immer, die Kritiker waren zunächst erstaunt, konnten aber dem Dirigenten ihren Respekt nicht versagen. Vor allem seine Interpretation der "Pathétique" ließ aufhorchen, wie diese Besprechung aus HiFiStereophonie 1981 belegt: " …. was schon die Böhm-Aufnahme der vierten Sinfonie erkennen ließ, das unterstreicht diese Sechste: die späte und überraschende Hinwendung des alten Mozart-Papstes zu Tschaikowsky, den er vermutlich jahrelang nicht mehr dirigiert hat, ließ ihn mit einer Unbefangenheit und Frische an diese als abgegriffen geltende Musik herangehen, die zu erstaunlichen Resultaten führte. Diese Darstellung der Sechsten ist eine Glanzleistung an zupackender Energie, Deutlichkeit der Strukturen, Unmittelbarkeit des Zugriffs, saft- und kraftvoller Modellierung der Kantilenen …… hier steht, von einer hervorragenden Aufnahmetechnik unterstützt, alles in klarem Licht. Böhm läßt genau das spielen, was in der Partitur steht. Er senkt weder - wie Karajan - die unteren Stärkegrade zusätzlich ab, noch gibt es Gefühlsdrücker oder Sentimentalismen. Das Schluß-Adagio ist bei ihm nicht ein resignierendes Lamentoso, sondern ein heroischer Untergang nach dramatisch zugespitzten Konflikten …… Eine in ihrer klar hingestellten Konturierung und eindeutig-expressiven Direktheit ausgesprochen männliche Interpretation, die in manchem Betracht den Darstellungen von Swetlanov und Markevitch (!) nahesteht …… ich gestehe, das vielgeschundene Stück lange nicht mehr in solcher Spannung angehört zu haben." (Alfred Beaujean).

Es gibt (gab?) diese "Pathétique" auch als preiswerte Einzel-CD:


Da ich ein eingefleischter Böhm-Verehrer bin, hatte ich die Aufnahme bereits auf LP, habe sie mir aber später in dieser Heliodor-Ausgabe auf CD neu zugelegt.
Böhm und Tschaikowsky - eine ungewöhnliche, aber spannende Angelegenheit!

LG Nemorino
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Rheingold1876

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6

Dienstag, 30. Oktober 2018, 20:37

Wer auf der Suche nach historischem Tschaikowsky ist und Mono nicht scheut, wird hier fündig:

Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

nemorino

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7

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 11:25

Ferenc Fricsay

Unbedingt in die Reihe der bedeutenden Tschaikowsky-Interpreten der Vergangenheit gehört der ungarische Dirigent Ferenc Fricsay, dessen Laufbahn leider nur kurz war. Er starb, erst 49jährig, im Februar 1963 an einer unheilbaren Krankheit.

Seit 1949 war er Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon Gesellschaft und nahm in der Folge große Teile seines umfangreichen Repertoires für dieses Label auf, auch wesentliche Werke von Peter Tschaikowsky, vor allem die letzten drei Sinfonien. Spektakulär war seine erste Aufnahme für die damals neue Langspielplatte, Tschaikowskys Fünfte:

mit den Berliner Philharmonikern (Aufnahme: 1949).

In den Folgejahren nahm er auch die Sinfonien Nr. 4 (1952)

und Nr. 6 (1953), erstere mit dem RIAS-Orchester, die Sechste mit den Berliner Philharmonikern auf. Des weiteren gibt es Szenen aus dem "Schwanensee", "Dornröschen" und die Streicherserenade C-dur op. 48 (1952/1957).
Inzwischen gibt es in der umfangreichen Fricsay-Edition sämtliche Orchesterwerke, die der Dirigent für die DGG eingespielt hat:

Darunter befindet sich auch eine späte Stereo-Aufnahme der Pathétique vom September 1959, die der Dirigent, bereits schwer erkrankt, mit "seinem" Radio-Symphonie-Orchester Berlin realisiert hat. Sie unterscheidet sich, vor allem durch die getragenen Tempi, sehr von seiner früheren in Mono von 1953. Inzwischen gibt es sie auch als Einzel-CD zu kaufen:


Ulrich Schreiber hat zu Fricsays Tschaikowsky-Interperetationen in der HiFiStereophonie 2/1980 Stellung genommen: "...… Fricsay dirigiert einen Tschaikowsky sozusagen für aufgeklärte Tschaikowsky-Fans (wenn es diese überhaupt gibt). Die Wechselbäder, die er in der f-moll-Sinfonie und vor allem der e-moll-Sinfonie dem Hörer aufzwingt, haben eine merkwürdig unvermittelte Natur: Sie werden, wie von einem Bademeister verordnet, auf selbstverständlichste Art verabreicht ….. das bedeutet keineswegs, daß die Musik etwa denunziert würde; im Gegenteil: Das Schneidende hat nie etwas Schnittiges an sich, gar Oberflächliches, und die penible Rhythmisierung führt sowohl zu einer Entschlackung als auch zu einer bis ins fieberhaft Erregte reichenden Spannungskurve ….. Erstaunlich ist die Klangqualität der 1949 eingespielten Fünften, die über jener der später aufgenommenen Sinfonien liegt."

Mir persönlich gefallen vor allem die Fünfte von 1949 sowie die späte Stereo-Produktion der Sechsten von 1959; auch die Streicherserenade ist, trotz Mono, eine großartige, auch gut klingende Interpretation.

LG, Nemorino
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teleton

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8

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 12:53

Jewgenij Swetlanow

Damit neben den ganzen Westaufnahmen bisher die Aufnahmen mit dem grössten Emotionsgehalt und Biss bei den Tschaikowsky-Aufnahmen nicht untergehen, muss Swetlanow unbedingt in diesem Thread herausgestellt werden. Das sind meine persönlichen Favoriten.
:hail: Swetlanow entfacht eine Sidehitze, die mir bei den meisten Aufnahmen einfach fehlt ...

Die Sinfonien sind sowohl in seiner gut remasterten CD-Auflage (neustes Remastering 2013) und somit sehr ordentlich klingenden Melodiya-GA von 1967 meine 1.Wahl, wie auch in den etwas besser klingenden LIVE_Aufnahme aus Tokyo bei WARNER, 1990. Dazu gehört in beiden Fällen auch die Manfred-Sinfonie (bei Warner in der Fassung ohne Orgel im Schlusssatz).

Lutgra merkte an, das nur Antal Dorati Tschaikowsk orchestral perfekt hat = richtig ! Swetlanow hat auch alles aufgeführt, aber leider exisieren nicht von allen Aufführungen Mitschnitte.


*** Hier eine CD-Auswahl - alle abgebildeten Aufnahmen mit seinem Orchester, dem Staatlichen SO der UDSSR Moskau:

Die Sinfonien mit Manfred:
- bei amazon habe ich Kritiken verfasst -


Melodiya, 1967, ADD


WARNER, LIVE Tokyo 1990, DDD


Die Sinfonischen Dichtungen u.a.:


WARNER, LIVE Tokyo 1992, DDD


Melodiya, 1967, ADD


:!: Es liegen noch weit mehr Tschaikowsky-Aufnahmen auf CD vor ... amazon listet mir bei der Eingabe "Tschaikowsky svetlanov" alleine schon 147 Ergebnisse !
Ich bin mir auch sicher, dass Josef die letzten Swetlanow-Aufnahmen auf den Label EXTON und CANYON vorstellt, über die er sich in anderen Tschaikowsky-Threads bereits mit überschäumender Begeisterung geäussert hat.
;) Nur an der Verfügbarkeit dieser Hammer-CD´s scheitert es oft ... und am Mond-Preis ebenfalls ...
Gruß aus Bonn, Wolfgang

lutgra

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9

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 13:24

Swetlanow hat auch alles aufgeführt, aber leider exisieren nicht von allen Aufführungen Mitschnitte.


Lieber Wolfgang,
Dornröschen und Schwanensee gibt es aber komplett.



Und denn Nussknacker habe ich auch gefunden.



:hello: lutgra

teleton

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10

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 13:46

RE: Tschaikowsky-Ballette mit Swetlanow

Dornröschen und Schwanensee gibt es aber komplett.

JA, klar, Danke Lutgra für die Ergänzung. Ich wollte jetzt nicht alles Verfügbare heraussuchen (dann wäre ich bei der Masse morgen früh noch dran).

Die Schwanensee - Ballett - GA mit Swetlanow habe ich auch noch in der Melodiya/Eurodisc-3LP-Box = TOP-Aufnahmen ... aber ehrlich gesagt über die Jahrzehnte nie ganz gehört ... das ist mir zu lang nur die tänzerische "Ballettseligkeit" über 2,5 Stunden Dauer über mich ergehen lassen zu müssen. Dafür bin ich ein zu ungeduldiger Mensch, der auch bei Musikhören mitgerissen werden will, ohne lange auf die entsprechenden Momente zu warten.



Ehrlich gesagt, gehören zu den 3 Tschaikowsky-Balletten auch die optischen Reize durch eine Aufführung mit Bühne (oder als DVD/BluRay).
:thumbup: Deshalb ziehe ich bei den Tschaikowsky-Balletten die ausgesuchten langen Suiten-Fassungen mit Ormandy (SONY) für den reinen Musikgenuss vor.

Ich habe auf CD auch die 3 Tschaikowsky-Ballette in der gemeinsamen GA mit Ozawa und Pletnew (DG). Ich kann mich kaum erinnern, wann ich die mal in den CD-Player eingelegt habe :pfeif: :untertauch:
Gruß aus Bonn, Wolfgang

teleton

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11

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 14:05

Georg Solti

Für mein Empfinden gleich an Swetlanow anknüfend, möchte ich auch die feurigen Tschaikowsky-Aufnahmen der Sinfonien Nr. 4 - 6 mit einem meiner Lieblingsdirigenten = Georg Solti nicht missen.

Was Solti an Emotionen und Spannungsbögen aufbaut ist Spitzenklasse.
Zudem kann man sich auf besten Decca-Sound verlassen und zufrieden im Stereo-Hörsessel zurücklehnen und somit feinsten Hörspass geniessen.


Die Doppel-CD hat den Nachteil, dass die Fünfte auf 2 CD´s geteilt ist ... deshalb habe ich mich für die Einzel-CD-Versionen unten entschieden.
Ausserdem favorisiere ich bei der Sinfonien Nr.5 die älterere Aufnahme mit dem CSO (Decca, 1975), die noch mehr Sidehitze versprüht, als die ebenso wertvolle CSO-Digital-Aufnahme. Leider ist die wunderbare Decca-Ovation-CD dieser Fünften (mit Glinka, und Mussorgsky gekoppelt) aber derzeit nicht mehr verfügbar.


Decca, 1977, ADD; 1984, DDD



Decca, 1984, DDD



Decca, DDD



Decca, 1977, ADD


Hier noch ein Zitat von Edwin, der mit seinen eindrucksvollen Worten zu Solti sogar noch mehr Sidehitze bei den Swetlanow und Mrawinsky - Aufnahmen empfindet:
Ich kenne den Solti-Wahnsinn. Aber für mich ist das ein laues Lüfterl gegen das, was Mrawinskij und Swetlanow mit dem Werk machen. Die beiden bringen das Werk auf Siedehitze, Mrawinskij entfesselt einen einzigartigen Sturm. Und Swetlanows Interpretation vibriert vor aufgestauter Energie, die sich am Schluss entsprechend entlädt. Solti und Bernstein sind verdammt gut. Wenn ich sie höre, bin ich begeistert. Aber nach Mrawinskij und Swetlanow ringe ich nach Atem und kann nicht glauben, dass wo etwas überhaupt möglich ist...
Gruß aus Bonn, Wolfgang

Joseph II.

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12

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 15:09

Jewgeni Swetlanow

:!: Es liegen noch weit mehr Tschaikowsky-Aufnahmen auf CD vor ... amazon listet mir bei der Eingabe "Tschaikowsky svetlanov" alleine schon 147 Ergebnisse !
Ich bin mir auch sicher, dass Josef die letzten Swetlanow-Aufnahmen auf den Label EXTON und CANYON vorstellt, über die er sich in anderen Tschaikowsky-Threads bereits mit überschäumender Begeisterung geäussert hat.
;) Nur an der Verfügbarkeit dieser Hammer-CD´s scheitert es oft ... und am Mond-Preis ebenfalls ...

Als hätten wir uns abgesprochen, lieber Wolfgang. Genau das hatte ich vor - und wollte Dir bei den älteren Aufnahmen aus den 60ern den Vortritt lassen.

Es wurde schon angesprochen: Es dürfte kaum einen Dirigenten geben, der mehr von Tschaikowski dirigiert und eingespielt hat. Auch die Oper "Pique Dame" hat er 1960 mal komplett dirigiert (es gibt ein Video). Die einzige auffällige Ausnahme ist der "Eugen Onegin", von dem es keine Gesamtaufnahme gibt. Die drei großen Ballette hat Swetlanow komplett eingespielt (es wurde schon darauf hingewiesen); es erschienen tlw. auch gekürzte Versionen als Suiten. Von den sechs Symphonien gibt es nicht weniger als drei Gesamtaufnahmen, zwei im Studio (1967 und 1993) und eine live in Tokio 1990. Auch die drei Klavierkonzerte gibt es unter seiner Stabführung (das 1. mit Elena Gilels und Hiroko Nakamura, das 2. und 3. mit Emil Gilels), dazu das Violinkonzert (mit Daishin Kashimoto, heute 1. Konzertmeister der Berliner Philharmoniker). Von den Gassenhauern "Romeo und Julia", "Francesca da Rimini" und der Ouvertüre "1812" brauchen wir gar nicht reden; daneben hat er aber auch weitere Orchesterwerke von Tschaikowski aufgenommen: Den Marche slave, Capriccio Italien, die Tondichtungen "Hamlet", "Fatum", "Der Sturm" und "Der Wojewode", Musik aus der Schauspielmusik "Snegurotschka", den Feierlichen Krönungsmarsch, die Streicherserenade, die Orchestersuiten, die fast nie gespielte Konzertouvertüre und die Ouvertüre F-Dur. Ferner gibt es eine Doppel-CD mit Orchesterauszügen (Ouvertüren, Vorspiele, Walzer usw.) aus den Opern "Der Wojewode" (nicht identisch mit der Tondichtung), "Der Opritschnik", "Eugen Onegin", "Die Jungfrau von Orléans", "Mazeppa", "Pantöffelchen", "Die Zauberin", "Pique Dame" sowie "Jolanthe".

Und das waren jetzt nur die Einspielungen. Daneben haben wir noch eine große Zahl an Live-Mitschnitten, die etwa von der BBC auf CD herausgebracht wurden, darunter die 3. Symphonie von 1968 und die 1. Symphonie von 2002 (eines seiner letzten Konzerte). Ebenfalls auf CD gelangt ist das einzige Konzert Swetlanows mit den Berliner Philharmonikern, wo er die "Manfred"-Symphonie aufführte. Es gibt noch einen weiteren Zyklus der Symphonien, der um 1985 auf Video festgehalten wurde.

Es ist schon ein Jammer, dass die späten Aufnahmen bei Canyon bzw. Exton nur sehr schwer greifbar sind. Diejenigen, die ich kenne, sind durch die Bank exzellent und eine wichtige Erweiterung von Swetlanows Tschaikowski-Diskographie. Der Symphonien-Zyklus von 1993 ist sogar mein Favorit. Die sonstigen Orchesterwerke wird man schwerlich besser interpretiert finden.

Ich bilde im Folgenden nur eine Auswahl ab:





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nemorino

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Mittwoch, 31. Oktober 2018, 19:13

Zwei deutsche Dirigenten der "alten Schule" sollten hier nicht vergessen werden, obgleich Tschaikowskys Sinfonien nie im Zentrum ihres Wirkens gestanden haben: Wilhelm Furtwängler und Otto Klemperer.

Von Furtwängler gibt es Aufnahmen der Vierten und der Sechsten, vor allem seine Auslegung der letztgenannten von 1938 (HMV/EMI) ist legendär, wegen der packenden Dämonie, die kaum ein Dirigent vor ihm oder nach ihm so sehr in den Vordergrund seiner Interpretation gestellt hat:

Die Digitalisierung ist glänzend gelungen, die Aufnahme klingt für ihr Alter ausgezeichnet.
Es gibt daneben noch Live-Mitschnitte der Fünften (RAI, Rom) und der Sechsten (Berlin, 1951), aber sie sind längst nicht so sehr bekannt geworden wie diese Studioproduktion vom Oktober 1938.

Otto Klemperers Nachkriegswirken in London war vornehmlich von seiner Beschäftigung mit Beethoven, Brahms, Bruckner und Mahler geprägt, aber immerhin hat er in den frühen 1960er Jahren die letzten drei Sinfonien von Tschaikowsky für EMI eingespielt:


Sie wurden auch einzeln wieder aufgelegt, zumindest die Nr. 5 & 6:

und seit einiger Zeit gibt es sie auch in dieser 10 CD-Box von Warner Classics:

Zumindest die Fünfte (Aufnahme: 1/1963) wurde berühmt, ein Kritiker sah sie "erschreckend nüchtern" an sich vorbeiziehen …..

LG, Nemorino
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14

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20:02

Es gibt daneben noch Live-Mitschnitte der Fünften (RAI, Rom) und der Sechsten (Berlin, 1951), aber sie sind längst nicht so sehr bekannt geworden wie diese Studioproduktion vom Oktober 1938.

(Hervorhebung von mir)

Danke für den Hinweis auf den großen Furtwängler, lieber nemorino. Als Bewunderer dieses Jahrhundert-Dirigenten habe ich mich bereits vor Jahren intensiv mit ihm und seinen Aufnahmen beschäftigt und dabei vor allen Dingen die "Pathétique" in Augenschein genommen. Es ist sicherlich zutreffend, dass die Einspielung von 1938 die bekanntere ist; aber wenn ich ehrlich bin, ziehe ich den Mitschnitt von 1951 aus Kairo (so zumindest meine Information) vor. Furtwängler war live meist noch besser, so auch hier. Und selbst klanglich ist der m. E. vorzuziehen (da eben doch 13 Jahre jünger). Im dritten Satz hatte ich schon beim Ersthören das Gefühl, da fahre eine schwere Dampflokomotive an. Genauso klingt das bei Furtwängler.

Die Sechste von 1951 ist in folgender Box enthalten, die mir vor langem geschenkt wurde und die ich bis heute zu den größten Schätzen in meiner Sammlung zähle:



Wie ich gerade erfreut feststelle, wurde die Box wohl mittlerweile neu aufgelegt. Seinerzeit war sie nur sündhaft teuer über Drittanbieter zu erstehen.

Es gibt übrigens noch eine Studioaufnahme der 4. Symphonie mit den Wiener Philharmonikern, die er 1951 für EMI eingespielt hat:

»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

nemorino

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15

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20:07

Eugene Ormandy

Noch ein Dirigent gehört unbedingt in diese Reihe, denn er hat sich um Tschaikowskys Musik große Verdienste erworben: Eugene Ormandy. Der gebürtige Ungar emigrierte vor dem 2. Weltkrieg in die USA und übernahm nach einigen Jahren in Minneapolis 1936 das Philadephia Orchestra, das er bis 1980, also über 40 Jahre lang, leitete und zu einem der führenden Klangkörper der Vereinigten Staaten ausbaute.

Ormandy war ein "All-round"-Dirigent, neben den Werken der Wiener Klassik und der deutschen Romantik lag sein Schwerpunkt auf slawischer Musik. Tschaikowsky nahm dabei stets einen breiten Raum ein.

Hier einige seiner herausragenden Aufnahmen von Werken des russischen Komponisten:


Auch für Tschaikowskys Ballettmusik hat Ormandy sich vehement eingesetzt, seine Auszüge aus den großen Balletten "Schwanensee", "Dornröschen" und "Nußknacker" sind noch heute bekannt und beliebt. In diesem Album sind sie zusammengefaßt:


Berühmt ist auch seine Aufnahme des Violinkonzerts op. 35 mit dem Geiger Isaac Stern:

hier zusammen mit der Streicherserenade op. 48.

Nach seinem Wechsel von CBS zu RCA (Ende der 1960er Jahre) hat Ormandy die späten Tschaikowsky-Sinfonien noch einmal eingespielt, in nochmals verbesserter Klangtechnik. Doch so schlüssig und ausgewogen wie die oben abgebildeten aus den frühen 60er Jahren sind sie nicht mehr geraten.

LG Nemorino
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16

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20:15


Zumindest die Fünfte (Aufnahme: 1/1963) wurde berühmt, ein Kritiker sah sie "erschreckend nüchtern" an sich vorbeiziehen …..

Klemperers Aufnahmen der drei letzten Symphonien von Tschaikowski gehören tatsächlich zu den bedeutendsten. Mir hat es vor allem die "Pathétique" angetan, die sonderbar geraten ist: Sind die übrigen Sätze verhältnismäßig flott, das Finale sogar total unsentimental, tanzt das Scherzo völlig aus der Reihe. Hier legt Klemperer vielleicht sogar die langsamste Interpretation überhaupt vor: beinahe 11 Minuten lang. Es funktioniert trotzdem.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

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17

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20:34

den Mitschnitt von 1951 aus Kairo

Lieber Joseph II.,

den kenne ich leider nicht, Du weißt ja um meine Abneigung gegen Live-Mitschnitte.
Von Furtwängler habe ich einer Box z.B. die Bruckner Nr. 7, ebenfalls 1951 in Kairo aufgezeichnet, sie klingt, zumindest in meinen Ohren, recht erbärmlich. Das mag auch damit zusammenhängen, daß gerade bei Bruckner die Klangtechnik besonders wichtig ist, wegen des Riesenorchesters, das hier wie ein einziger Klangbrei aus den Lautsprechern kommt.
Dagegen klingt Beethovens Fünfte aus dem Berliner Titaniapalast von 1947 geradezu toll!

Von den übrigen Furtwängler-Aufnahmen hatte ich die Vierte auf LP, die Pathétique auch, letztere habe ich mir auf CD neu zugelegt. Die Live-Aufnahme der Fünften (RAI) kenne ich nicht.

LG, Nemorino
Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

nemorino

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18

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20:40

Klemperers Aufnahmen der drei letzten Symphonien von Tschaikowski gehören tatsächlich zu den bedeutendsten. Mir hat es vor allem die "Pathétique" angetan

Lieber Joseph II.,

leider habe ich die Pathétique nur auf LP und deshalb seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. Die Fünfte hingegen liegt mir auf der abgebildeten CD vor (# 13), sie ist erstklassig, ein echter Klemperer, mit harten Konturen, ausdrucksvoll, mit gemäßigten Tempi. Eine, wie der Kritiker meinte, "nüchterne", aber höchst spannende Angelegenheit.

LG, Nemorino
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Joseph II.

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19

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20:50

Lieber nemorino,

ja, ich weiß um Deine persönlichen Vorbehalte gegenüber Live-Aufnahmen. Allerdings ist es gerade bei Dirigenten wie Furtwängler fast unumgänglich, sich auch diese vorzunehmen. Du hast mit Beethovens Fünfter aus dem ersten Nachkriegskonzert 1947 ein sehr gutes Beispiel gebracht. Die Intensität dieser Interpretation vermisst man in seiner "offiziellen" Studioaufnahme etwas.

Ich habe mir vorhin im Zuge dieses Threads nochmal das Scherzo der "Pathétique" in seinen Aufnahmen von 1938 (Studio) und 1951 (live) vorgenommen. Wenn man ehrlich ist: sie klingen beide für heutige Ohren recht bescheiden. Im Studio wagt er sogar eine noch freiere Agogik, was schon etwas hat. Live knallen die Pauken dafür umso deftiger und wird der Marschrhythmus noch deutlicher herausgestellt. Zum Glück gibt es beide Tondokumente. Als ich gleich im Anschluss noch bei Klemperer 1961 (Studio) hineinhörte, erkannte ich die ganz erheblichen klanglichen Unterschiede natürlich umso deutlicher. Dagegen zieht Furtwängler den Kürzeren, aber dieses Defizit haben ja alle seine Aufnahmen, da keine einzige stereophon aufgezeichnet wurde. Zumindest in diesem markanten Satz wird "Old Klemp" seinem Ruf der Spätzeit gerecht. Interessant ist, wie deutlich und detailverliebt er die Akzente der Blechbläser herausstellt, die selbst in neueren Aufnahmen oft untergehen. Für eine EMI-Aufnahme dieser Zeit sind zum Glück auch die wichtigen Pauken gut eingefangen (nicht selten ist das m. E. die Schwachstelle der Legge-Produktionen der Aufnahmen von Klemperer, man denke an die "paukenlose" Sechste von Bruckner).

Die Fünfte von Tschaikowski unter Furtwängler habe ich zuletzt wohl 2011 herum gehört. Damals hat sie mich schon recht beeindruckt, wenngleich die Orchesterqualität nach meiner Erinnerung zu wünschen übrig lässt. Die Vierte aus Wien ist mir in keiner besonderen Erinnerung geblieben - was Furtwänglers weitestgehende Abneigung gegen das Aufnahmestudio gewissermaßen unterstreichen würde.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

nemorino

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Donnerstag, 1. November 2018, 09:59

Vielen Dank, lieber Joseph, für Deine Analyse der beiden Furtwängler-Versionen der Pathétique, und auch für die Würdigung von "Klempereur", der zu meinen absoluten Lieblingsdirigenten zählt. Natürlich sind seine späten Tschaikowsky-Aufnahmen nie ins Zentrum des Interesses gerückt, weil er mit diesem Komponisten kaum in Verbindung gebracht wurde. Trotzdem hat er Auslegungen hinterlassen, die noch heute zu fesseln vermögen.

Ähnlich geht es mit zwei Dirigenten, in deren Zentrum Tschaikowsky nie gestanden hat, und die trotzdem einige Aufnahmen seiner Musik hinterlassen haben, die bis heute nachwirken. Zunächst möchte ich da Arturo Toscanini nennen, der m.W. nur die "Pathétique" in seinem Repertoire hatte, aber, als Randerscheinung, auch die "Nußknacker-Suite", von der er eine ganz unsentimentale, aber sehr beeindruckende Auslegung erstellt hat. Beide Werke sind auf dieser CD vereint:

mit dem NBC Symphony Orchestra. Beides sind Studio-Aufnahmen aus der New Yorker Carnegie Hall. (Aufnahmedaten: Nr. 6: 24.11.1947, Nußknacker: 19.11.1951).
Vor allem die Ballettsuite ist, gemessen an den damaligen Möglichkeiten, technisch gut gelungen. Es gibt noch weitere Aufnahmen (Mitschnitte?) Toscaninis von der "Pathétique", die oben gezeigt ist seine bekannteste.
So richtig populär als Tschaikowsky-Interpret wurde Toscanini indessen durch seine beiden Aufzeichnungen des Klavierkonzerts Nr. 1 mit seinem nicht minder berühmten Schwiegersohn, Vladimir Horowitz:

Die links (mit Brahms) abgebildete ist eine Studio-Aufnahme vom 6./14.5.1941, die rechte Abbildung zeigt die legendäre Live-Aufführung vom 25.4.1943 in der Carnegie Hall, für die an die über 3000 Konzertbesucher keine Eintrittskarten verkauft, sondern Kriegsanleihen gezeichnet werden mußten. Immerhin ergab das Konzert einen Erlös von über 11 Mio. US-Dollars, die zum Sieg über Hitler-Deutschland beitrugen.
Ich persönlich ziehe in diesem Fall den Live-Mitschnitt vor, wegen der gespannten Atmosphäre, die sich auf die Interpreten übertrug. Bemerkenswert ist allerdings, daß Horowitz in der früheren Studioproduktion noch raschere Tempi anschlägt.

Dann muß unbedingt auch Fritz Reiner genannt werden, der ebenfalls nur wenige Tschaikowsky-Aufnahmen erstellt hat. Die aber haben es in sich:
TSCHAIKOWSKY: Sinfonie Nr. 6 "Pathétique" (AD: 1955) & Ouvertüre "1812" (AD: 1956)
mit dem Chicago Symphony Orchestra. Reiners "Pathétique" liegt ganz auf der Linie von Toscanini, hat aber (durch Stereo) die bessere Klangtechnik zur Verfügung.

So richtig berühmt sind aber diese beiden Tschaikowsky-Produktionen, und das weniger wegen Reiner, sondern mehr der Solisten Emil Gilels und Jascha Heifetz wegen:

obgleich Reiners feuriges Dirigat entscheidend zu den überragenden Aufnahmen beigetragen hat. Das Klavierkonzert mit Gilels wurde am 29.10.1955 aufgezeichnet, die Aufnahme mit Heifetz entstand am 19.4.1957.
Bemerkenswerterweise scheint sich Reiner, wie auch Toscanini, lediglich für das Nussknacker-Ballett interessiert zu haben. Allerdings beschränkt er sich nicht auf die bekannte Suite, sondern bereichert seine Aufnahme (vom 30.3.1959) noch um einige andere Stücke.
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teleton

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Donnerstag, 1. November 2018, 12:25

RE: Ormandy

Ormandy war ein "All-round"-Dirigent, neben den Werken der Wiener Klassik und der deutschen Romantik lag sein Schwerpunkt auf slawischer Musik. Tschaikowsky nahm dabei stets einen breiten Raum ein.

Bezüglich Ormandy kann ich mich voll deiner Fürsprache anschliessen, lieber nemorino.

Ich hatte mir 2013 (obwohl eigentlich nicht mehr nötig) auch die abgebildete Tchaikowsky-Ormandy-12CD-Box gekauft. Da ist alles drin wovon Du in Beitrag 15 (dort mit Abb) schon geschwärmt hast.
:thumbup: Ich war nach den ersten Hördurchgängen ziemlich überrascht, dass Ormandy mit seinem Philadelphia Orchestra in der Lage war, einen so russisch anmutenden Orchesterklang mit der dazugehörigen straken Interpretation hin zu bekommen. Ich berichtete auch schon in anderen Threads von meiner Begeisterung ... ich meine es wäre auch einer meiner BestBuy in Jahre 2013 gewesen.

*** Die Ballett-Suiten der 3 grossen Ballette sind in den von Ormandy zusammengestellten grossen Suiten (die über die Tschaikowsky-Auswahl der Sätze weit hinausgeht und je Ballett eine CD umfassen) meine Lieblingsaufnahmen, wenn ich Lust auf Ballett habe. Diese Aufnahmen hatte ich vorher schon als Einzel-CD´s.

*** Die Klavierkonzerte hatte ich ohnehin vor dem Kauf der CD-Box - wahnsinnig gute Aufnahmen. Das KK Nr.2 mit Graffmann gehörte immer schon (neben Gilels/Maazel) zu meinen Favoriten.
Aber absolut herausragend ist der Reisser - das KK Nr.1 hier mit Tedd Joselson am Klavier. Ich dachte damals: " Schon wieder ne Aufnahme von dem Klimperreisser" ... aber weit gefehlt - es ist so ziemlich mit die Beste Aufnahme, die ich kenne. Der völlig unbekannte Jolselson legt eine bissige Virtuosität, ein Feuer mit Hochspannung hin, dass man nur noch staunen kann. Ausserdem wird er von Ormandy tatkräftig und mit Biss unterstützt, sodass am Ende nur noch Hörspass pur das Ergebnis ist.
Das KK Nr.3 auch in einer Aufnahme, von der ich absolut geprägt war. Graffmann/Ormandy formidabel und mit einem angemessenen Tempo von 15:14 .. ich hasse Aufnahmen, die das Konzert längenmässig weiter auswalzen.

*** Die Sinfonie Nr.1 "Winterträume" gehört mit Ormandy, Swetlanow und Bernstein zu meinen drei favorisierten Aufnahmen.
Die Sinfonien Nr.6 ist auch in der schmissigeren Aufnahme von RCA - 1968 enthalten. Die Sinfonie Nr.3 habe ich ausser unter Swetlanow nie besser gehört.

*** In der Box ist alles komplett - nämlich auch die Sinfonie Nr.7 Es-Dur ist dabei, die einen Ochestrierung von Semyon Bogatyrev ist. Die Siebte ist eine Edition aus dem KK Nr.3 op.75 (als 1.Satz) und Andante und Finale für Klavier und Orchester op.79 (für den 2. und 4.Satz).
Das Werk erscheint zwar wegen des Vorliegends dieser Klavierkonzerte irgenwie unnötig, aber dennoch höre ich die Siebte hin und wieder auch ganz gerne; besser als Ormandy hat die Keiner im Programm.


*** Nun zum Violinkonzert D-Dur op.35. In Beitrag 15 hattest Du von der Aufnahme Stern/Ormandy (SONY, 1958) positiv berichtet, die auch in der 12CD-Box integreiert ist. ;) :D Du hast aber die CD mit Stern/Bernstein (SONY) abgebildet ... damit wären wir beim nächsten Thema - nämlich Bernstein, zu dem ich auch noch in den nächsten Beiträgen kommen werde ...
Das VC mit Stern ist schon hochvirtuos und angemessen interpretiert; aber ich habe von diesem VC (in dem es zu schmalzig werden könnte) andere Vorstellungen, die weniger konservativ sind - Meine bevorzugte Aufnahme ist die, wo jegliche Sentimentalität und Schmalz mit zügigem Tempo ausgetrieben wird = u.a. Heifetz/Reiner (RCA), die Du ja im Vorbeitrag auch abgebildet hast; und Francescatti/Schippers (SONY) ...

:!: Die 12CD - Box hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit - es fehlen bis auf Francesca da Rimini alle Sinf.Dichtungen ... aber was da ist hat Klasse !


- klanglich ausgezeichnet kompilierte Aufnahmen im 24Bit-Remastering von 2013 -


RCA, 1968-1976, ADD
Gruß aus Bonn, Wolfgang

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22

Donnerstag, 1. November 2018, 14:12

Nun zum Violinkonzert D-Dur op.35. In Beitrag 15 hattest Du von der Aufnahme Stern/Ormandy (SONY, 1958) positiv berichtet, die auch in der 12CD-Box integreiert ist. Du hast aber die CD mit Stern/Bernstein (SONY) abgebildet
Lieber Wolfgang,

man sollte wirklich zweimal hinschauen, bevor man einen Beitrag absendet. Natürlich hast Du recht; das war ein grober Fehler von mir, sorry.

Diese Aufnahme war gemeint:

Isaac Stern und das Philadelphia Orchestra, Dir.: Eugene Ormandy (Aufnahme: 23.3.1958).

Doch bei der Gelegenheit ist mir eingefallen, daß ich da noch eine mindestens ebenso wichtige Einspielung dieses Konzerts vergessen hatte:

David Oistrach mit dem Philadelphia Orchestra, Dir: Eugene Ormandy (Aufnahme: 24.12.1959).

Ehrlich gesagt, die Oistrach-Aufnahme zählt für mich zu den allerbesten überhaupt, wie konnte ich sie vergessen!? Aber auch Stern/Ormandy ist eine gute Formation, da gibt es nichts zu deuteln.

Zu dem Klavierkonzert mit Tedd Joselson kann ich gar nichts sagen. Offen gesagt, ich habe den Namen bis heute noch nie gehört :untertauch: ! Dagegen habe ich die Aufnahmen mit Graffman (aber lange nicht gehört).

LG, Nemorino
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teleton

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23

Donnerstag, 1. November 2018, 14:49

Ehrlich gesagt, die Oistrach-Aufnahme zählt für mich zu den allerbesten überhaupt, wie konnte ich sie vergessen!?

Die ist ohnehin meine Lieblingsaufnahme des Tschaikowsky - VC ... ich habe sie noch in der der alten CBS-CD-Version:

Auch das Sibelius-VC gehört in dieser fabelhaften Int zu den Allerbesten - da kann nur noch Heifetz (RCA) punkten ...

Zitat

Oistrach ist hier auch nicht so rasant wie Heifetz und Francescatti, aber hier ist es das geniale Zusammenspiel zwischen Ormandy und Oistrach und das megafeurige voll russisch anmutende Dirigat Ormandy´s mit dem glänzenden Philadelphia Orchestra, dass diese CBS-Aufnahme so fastzinierend macht.

Es gibt diese tollen Oistrach-Aufnahmen auf CD natürlich auch auf SONY - ich habe noch die alte CD-Erstausgabe auf CBS - klanglich voll OK, denn sonst hätte ich zu SONY gewechselt -
- das Sibelius _ VC ist mir mit Oistrach/Ormandy ebenso wertvoll -


CBS, 1974, AAD
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Dr. Holger Kaletha

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24

Donnerstag, 1. November 2018, 17:45

Sergio Celibidache



Kennengelernt habe ich Celis Tschaikowsky in meiner Jugend- und Studentenzeit, als ich diese LP kaufte mit seiner alten - exemplarischen wie ich finde - Mono-Aufnahme der 5. mit dem London SO.

Tschaikowsky war wohl immer zentral in Celis Repertoire. Aus seiner Münchener Zeit gibt es Aufnahmen der Symphonien 4-6 und der Nussknacker-Suite:



Neuerdings in dieser Box - alle Celi-Aufnahmen (49 CDs) aus München komplett:



Schöne Grüße
Holger

Joseph II.

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25

Donnerstag, 1. November 2018, 20:14

Fast auffällig, dass Jewgeni Mrawinski (1903-1988) bisher nur gestreift wurde. Er galt zur Zeit des Kalten Krieges vermutlich als der international bekannteste sowjetische Dirigent und hat sich gerade auch als Tschaikowski-Interpret einen unbestreitbaren Namen gemacht.



Seine berühmtesten Tschaikowski-Einspielungen fanden indes im Westen im Zuge einer Tournee der Leningrader Philharmonie statt. Die drei letzten Symphonien wurden für die Deutsche Grammophon 1960 in London (Nr. 4) bzw. Wien (Nr. 5 & 6) eingespielt.




Obwohl die oben genannten DG-Einspielugnen die Klassiker in Mrawinskis Diskographie darstellen, favorisieren nicht wenige die ganz späten Live-Aufnahmen der Fünften und Sechsten, die von Erato in den frühen 80er Jahren aufgenommen wurden (die Vierte schätzte er offenbar nicht so sehr, da keine Aufnahme danach mehr). Die "Pathétique" ist von 1982, die Fünfte von 1983. Bei Brilliant ist eine Fünfte von 1982 erschienen. Es gibt zudem einen Mitschnitt der Fünften von 1978 aus dem Wiener Musikverein (ursprünglich auf einer LP von Melodija, jetzt bei Altus auf CD), den ich persönlich favorisiere, da klanglich wohl am natürlichsten.
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Dr. Holger Kaletha

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26

Donnerstag, 1. November 2018, 22:54

Fast auffällig, dass Jewgeni Mrawinski (1903-1988) bisher nur gestreift wurde.
... ja, weil das Eulen nach Athen tragen ist. Mrawinsky ist einfach "der" Tschaikowsky-Dirigent schlechthin - immer noch der Maßstab, an dem alle Anderen gemessen werden! :)

Schöne Grüße
Holger

Joseph II.

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27

Donnerstag, 1. November 2018, 23:50

Fast auffällig, dass Jewgeni Mrawinski (1903-1988) bisher nur gestreift wurde.
... ja, weil das Eulen nach Athen tragen ist. Mrawinsky ist einfach "der" Tschaikowsky-Dirigent schlechthin - immer noch der Maßstab, an dem alle Anderen gemessen werden! :)

Gut, für mich wäre das zwar eher Swetlanow, aber ich kann Deinen Standpunkt wirklich verstehen, lieber Holger. Die Tschaikowski-Auffassung der beiden ist ja auch verschieden genug (und in beiden Fällen genial), damit sie sich nicht in die Quere kommen. :D Mrawinski kommt mir asketisch-unerbittlich vor, man könnte sagen: sowjetisch – ganz eindeutig von seiner eigenen Vita geprägt. Swetlanow ist für mich hochromantisch-emotional, mehr ins späte 19. und frühe 20. Jahrhundert verweisend, vor 1917. Ich möchte keine der beiden Lesarten missen.
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Dr. Holger Kaletha

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28

Freitag, 2. November 2018, 08:29

Die Tschaikowski-Auffassung der beiden ist ja auch verschieden genug (und in beiden Fällen genial), damit sie sich nicht in die Quere kommen. :D Mrawinski kommt mir asketisch-unerbittlich vor, man könnte sagen: sowjetisch – ganz eindeutig von seiner eigenen Vita geprägt.
Sowjetisch? Das wäre "sozialistischer Realismus" - also alles schön bunt und volkstümlich. :D Das passt aber nun gar nicht zu Mrawinsky, finde ich. Asketisch-unerbittlich - da ist natürlich etwas dran. Aber Mrawinsky bringt Tschaikowsky damit eher in die Nähe von Mahler und Schostakowitsch, er romantisiert nicht. Dazu kommt sein Sinn für Klassizität. Nicht zufällig war er ja Ehrenmitglied des Wieder Musikvereins.

Svetlanov mit Tschaikowsky muss ich sagen kenne ich nicht. Meine Lieblingsaufnahme von ihm sind die "Glocken" von Rachmaninow - für mich unerreicht. Auch habe ich seinen kompletten Mahler. Ich habe mir gerade gebraucht die 6. bestellt - eine Aufnahme von 1967. Die Warner-Box ist anscheinend vergriffen. Beim Hören der Hörschnipsel fiel mir aber auf, dass er den zweiten Satz der 4. ziemlich stromlinienförmig einfach runterspielt und auch der Pizzikato-Satz klingt etwas etüdenhaft. Die 6. dagegen fand ich - was ich gehört habe - beeindruckend. :hello:

Schöne Grüße
Holger

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29

Freitag, 2. November 2018, 16:41

Fast auffällig, dass Jewgeni Mrawinski (1903-1988) bisher nur gestreift wurde.

Lieber Joseph II.,

darauf gibt es eine ganz einfache Antwort:
Jewgeny Swetlanow und Namensvetter Mravinsky.
Bei den beiden lasse ich Dir aber den Vortritt. Oder Freund teleton.
…… schrieb Thomas Pape in seinem Beitrag # 2. Und daran haben sich wohl alle gehalten, sehr zu Recht, wie Dein Beitrag zeigt.


LG, Nemorino :hello:

P.S.: Oben ist was durcheinander geraten: Der Satz ist original von Joseph, nicht von Dr. Kaletha!
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30

Freitag, 2. November 2018, 17:07

Sowjetisch? Das wäre "sozialistischer Realismus" - also alles schön bunt und volkstümlich. :D Das passt aber nun gar nicht zu Mrawinsky, finde ich. Asketisch-unerbittlich - da ist natürlich etwas dran. Aber Mrawinsky bringt Tschaikowsky damit eher in die Nähe von Mahler und Schostakowitsch, er romantisiert nicht. Dazu kommt sein Sinn für Klassizität. Nicht zufällig war er ja Ehrenmitglied des Wieder Musikvereins.

Ich habe mich da wohl tatsächlich etwas zweideutig ausgedrückt, als ich "sowjetisch" schrieb. Im Sinne des sozialistischen Realismus sehe ich Mrawinski nämlich auch nicht. Mit sowjetisch meinte ich die klare Abgrenzung vom romantisierten Zarentum der Spätzeit. Obwohl Mrawinski bekanntlich gebürtig Aristokrat war, hat sein Dirigierstil für meine Begriffe so gar nichts genuin Aristokratisches an sich. Mir kommt er vielmehr knallhart und entschlackt vor, was mich eben an die frühe Sowjetzeit zwischen 1917 und etwa 1927 erinnert, nicht an den späteren Stalinismus, der ja dann auch wieder zur pathetischen Überhöhung neigte.

Ein weiterer bedeutender sowjetischer Tschaikowski-Dirigent der Vergangenheit, der gewissermaßen zwischen den beiden Extrempolen Mrawinski und Swetlanow stand, war Gennadi Roschdestwenski (1931-2018). Er hat sich Tschaikowski sehr ausführlich gewidmet, spielte in den frühen 70er Jahren einen kompletten Zyklus mit dem Rundfunk-Symphonieorchester der UdSSR in Moskau ein und daneben auch die Ballette. In den 80ern folgte ein weiterer Tschaikowski-Zyklus (ausgenommen Nr. 1), diesmal mit dem Symphonieorchester des Kulturministeriums der UdSSR. Und, soweit ich weiß, hat er zumindest die drei letzten Symphonien auch noch mit dem London Symphony Orchestra aufgenommen. Daneben gibt es noch einige Live-Aufnahmen der BBC, die bei ICA herauskamen. Mit seiner Frau Wiktorija Postnikowa legte er außerdem eine Gesamtaufnahme der drei Klavierkonzerte vor.




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