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Donnerstag, 5. Januar 2006, 21:21

Orgelrestaurierung - was ist erhaltenswert?

Ein Thema, daß mich immer wieder beschäftigt, sooft ich in einer Kirche darauf stoße sind die unzähligen Orgelrestaurierungen.

Ich werde das Gefühl nicht los, daß eine Orgel immer noch ein heimliches Statussymbol einer Pfarre ist - völlig unabhängig, ob an Orgelmusik ein Interesse besteht.

Klarerweise was ich als Student der Meinung, daß jedes Instrument im bestmöglichen Zustand sein sollte, was die Spielbarkeit betrifft. Da war es keine Frage, überall, wo ich hinkam, hatte ich gleich mit kritik und Verbesserungsvorschlägen bei der Hand...

Mittlerweile sehe ich die Situation der Kirche in anderem Licht...
Mir erscheinen Ausgaben für die Orgel in Gemeinden, die ohne jeden musikalischen Anspruch geführt werden, sinnlos und unberechtigt.
Mit musikalischem Anspruch meine ich, daß die Gitarre gleichwertig zur Orgel
betrachtet wird, und das Repertoire der Gemeindelieder auf ein Minimumneschränkt ist. Für solistisches Orgelspiel ist in der kath. Kirche ohnehin kein Platz... (Kommunionimprovisation als Hintergrundmusik - schon eine Sesquialtera ist zu laut...)

Der Orgelbau hat in den letzten 150 Jahren viele Veränderungen durchgemacht, viele Stile und Techniken sind nacheinander entstanden, sodaß die Frage, was schützenswert ist, sehr heikel ist.

Und in solchen Fällen, wo eine Kirche das Unglück hat, eine echte historische Orgel zu besitzen, sehe ich nicht ein, wieso diese Pfarre ständig Restaurationskosten zu begleichen hat, da sollte eine Stiftung eingerichtet werden, die den Zustand der Orgeln überprüft und für die Erhaltung sorgt.

Ganz allgemein vermisse ich irgendein öffentliches Interesse an Orgelmusik, die dadurch nur auf einen liturgischen Bereich zurückgedrängt wird...

Tut mir leid, daß ich wieder lamentiere... es ist so, daß ich in diesen Tagen beschlossen habe, meine Fähigkeiten der katholischen Kirche nicht mehr zur Verfügung zu stellen und meine Organistentätigkeit komplett einstelle.


Um nochmal zum Thema zu kommen: ist z.B. eine pneumatische Orgel mit 15 Register von 1912 wirklich schützenswert? gerade die pneumatischen O. sind so störanfällig...
ein Extremfall ist die Karlskirche in Wien: die Orgel aus der Biedermeierzeit wurde vor ca 15 Jahren mangelhaft restauriert und ist jetzt wieder in schlechtem Zustand - in der Kirche findet zur Zeit eine Innenrestaurierung statt, die ebenfalls Unsummen verschlingt...

ein anderer Fall betrifft eine Orgel aus den 70 Jahren: es wurde eine elektrische Registeranlage gebaut - die Schleifenzugmotoren sind ständig kaputt... selbst nach einer großen Restaurierung in den 90er Jahren ist die Orgel wieder schlecht spielbar...

Was ist zu tun in diesen Fällen?
wer kann mit gutem Gewissen sagen, die kleine Pfarre, die finanziell ständig ums Überleben kämpft muß das Instrument erhalten...

(was mich betrifft, ich spiele die Orgeleinsätze in der Volksoper, bleibe also mit dem Instrument verbunden...)
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
(frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

sebastian

Schüler

  • »sebastian« ist männlich

Beiträge: 171

Registrierungsdatum: 15. Juli 2005

2

Freitag, 6. Januar 2006, 14:45

Nun, das ist eine interessante Frage. Auch einige befreundete Orgelbauer sind der Ansicht, dass man nur "gute" (also von der Konstruktion her) Instrumente erhalten solle, keinesfalls aber jede Wimmerkiste aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise.
Allerdings ist es so: Was bringt mir eine neue Orgel (die dann viele Möglichkeiten, die eine alte eben bietet), die vom Organisten nie ausgeschöpft wird und für deren Pflege (Zungen...) nicht genug getan wird? Sollte man da nicht versuchen, auch ein kleines Denkmal aus der Romantik (Orgelbewegung, Neobarock....) zu erhalten?
(ach ja - du hast immer noch zwei pms von mir...)
Generell bin ich für die Erhaltung alter Instrumente - vor allem so wie im Stefansdom. Eine Katastrophe, würde man Rieger ranlassen und dann ein französisches Schwellwerk, knödelige Zungen, brutale Kornetts etc einbauen. Denn zur Zeit der Erbauung war eine gewisse (vornehme?) Zurückhaltung üblich (vgl. die Klais-Orgeln jener Zeit, die Schuke etc). Und die Organisten, die sich auf der Kaufmann nicht zurecht finden - die haben ja noch den riegerschen Sarg...
Viele Grüße
Bach ist Anfang und Ende aller Musik

tongenerator

Anfänger

  • »tongenerator« ist männlich

Beiträge: 29

Registrierungsdatum: 17. Dezember 2005

3

Freitag, 6. Januar 2006, 20:42

In der Bielefelder Oetkerhalle (klassische Konzerthalle, 1930 erbaut, 1500 Sitzplätze) steht eine dreimanualige Sauer-Orgel von 1929/30. Sie ist damit eine der ganz wenigen Konzertsaalorgeln in Deutschland, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. Außerdem ist sie "unsichtbar", d. h. sie hat keinen Prospekt, sondern ist in einer großen Orgelkammer hinter dem Orchesterpodium eingebaut. Der Spieltisch ist fahrbar und besitzt elektrische Spiel- und Registertraktur. Mit ihren 55 Registern ist sie derzeit Bielefelds größtes Instrument, trotzdem kennt kaum jemand die Orgel, wohl auch wegen ihrer versteckten Bauweise.

Ursprünglich hatte die Orgel Taschenladen, die aber mit der Zeit sehr störanfällig wurden, was in den 1960iger Jahren die Frage nach einer Restaurierung oder einem Neubau aufwarf. Der Kölner Orgelbauer Willi Peter (ein Sauer-"Schüler") schließlich bekam 1973 - nach heftigen Diskussionen - den Zuschlag zum Umbau der Orgel auf Schleifladen und sollte auch eine Höherstimmung und Neuintonation des Instruments vornehmen. Peter hat sich in den jahrelangen Diskussionen um Restaurierung und Neubau immer wieder für den Erhalt der Sauer-Orgel eingesetzt und auf die Qualität des Instruments hingewiesen. Leider sind die Orgelakten im Bielefelder Stadtarchiv aus dieser Zeit nicht vollständig, so dass nicht ganz ersichtlich wird, wie groß die Eingriffe Peters in den alten Pfeifenbestand wirklich waren. Tatsache ist, dass er einige Registernamen im Sinne einer Barockisierung leicht abänderte (aus Trompette harmonique wurde schlicht Trompete, aus dem Lieblich Gedackt ein Gedeckt und aus der Schalmei eine Clarine). Interessant ist, dass er den ursprünglich transmittierten Echobaß 16’ im Pedal durch einen eigenständigen Barem 16' ersetzte (wobei zu erwähnen wäre, dass Barem nur eine andere Bezeichnung für Echobaß ist, Barem aber viel "orgelbewegter" klingt), aus dem leiseren Sordun 32' wurde bei Peter ein Basson (= Fagott) 32'. Auch den alten Sauer-Spieltisch modernsierte er im typisch peterschen Design (mit Leuchtdrucktasten für die Registersteuerung, 4 freie Kombinationen) ebenso wie die elektrische Steuerung. Das Instrument ist spielbereit und befindet sich jetzt in einem ordentlichen Zustand.

Soll man so ein Instrument - bei schwieriger Finanzlage der Stadt - wieder in seinen Ursprungszustand zurückführen? Ist eine Konzertsaalorgel nicht ein Gebrauchsinstrument, bei dem es eher auf Betriebssicherheit und Funktionalität (am besten mit neuem Setzer mit 4000 Kombinationen?) ankommt? Andererseits dürfte die Sauer-Orgel in der Oetkerhalle vielleicht das letzte erhaltene Instrument aus der späten Sauer-Ära vor 1945 sein.
(Fotos folgen später als Link, kann hier leider nichts hochladen)

maxmax

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  • »maxmax« ist männlich
  • »maxmax« wurde gesperrt

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Registrierungsdatum: 15. Dezember 2005

4

Mittwoch, 11. Januar 2006, 12:59

RE: Orgelrestaurierung - was ist erhaltenswert?

Natürlich ist eine gute mechanische Traktur durch nichts zu ersetzen, denke ich: ABER: Warum wird immer berichtet, dass die Pneumatik, oder die Kontakte oder .....etc. nicht funktionieren, aber niemand sagt, wie oft an einer mechanischen Traktur Fehler auftreten. In der Augustinerkirche in Wien musste 1977 (1Jahr nach Fertigstellung der Orgel!!!!) die komplette Traktur (stillschweigend) ausgetauscht werden, weil ständig Abstrakten rissen, in Weiten blieben im ersten Winter fast alle Schleifen stecken, die Traktur war schwergängig, weil das ganze Holz aufgequollen war, in Lilienfeld geht die Traktur nach der letzten Restaurierung vor einigen Jahren schwammig wie nie zuvor, im Neuen Linzer Dom hängt im Winter, was nur hängenbleiben kann etc.
Damit will ich NUR EINES SAGEN: Jede Art von Traktur ist von Zeit zu Zeit zu überholen, nur habe ich den Eindruck, bei jeder anderen als der mechanischen wird jeder Fehler sofort als Grund angesehen, die Orgel zu verdammen. Man sollte auch wirklich einmal eine Statistik führen, in welchen Zeitabständen eine mechanische Traktur "runderneuert" werden muss - ich glaube, da wird man staunen..................
Grüße, maxmax

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »maxmax« (11. Januar 2006, 13:00)


sebastian

Schüler

  • »sebastian« ist männlich

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5

Mittwoch, 11. Januar 2006, 22:37

Warum ist eine mechanische Traktur durch nichts zu ersetzen? Dann viel Spass mit Reger an der (sehr, sehr kleinen - für Reger zumindest kleinen) Walcker-Orgel in Neuhausen/Fildern...
Bach ist Anfang und Ende aller Musik

maxmax

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6

Donnerstag, 12. Januar 2006, 07:48

eine GUTE mechanische - nicht eine schwergängige - da macht nix Spass drauf.....

sebastian

Schüler

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7

Freitag, 13. Januar 2006, 17:50

Ich würde diese Kegellade in Neuhausen durchaus als sehr gut bezeichnen... Zumal Reger ja der ebenfalls mechanischen Walcker von 1863 in Wiesbaden sehr, sehr viel für sein Orgelschaffen verdankt!
Bach ist Anfang und Ende aller Musik