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  • »Walter.T« ist männlich
  • »Walter.T« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 424

Registrierungsdatum: 9. April 2005

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Mittwoch, 1. Februar 2006, 21:18

Musik und die „Politik“ von Aristoteles – Musik als Heilung von religiösen Gefühlen

Musik und Politik – heute keine Frage mehr?

Mit der Reihe „Musik und Politik“ möchte ich philosophische Fragen und langfristige historische Entwicklungen der Musik zur Diskussion stellen. Dies soll jedoch auch nicht im luftleeren Raum neben dem wirklichen Geschehen herlaufen, sondern bisweilen durchaus konkret werden, siehe die Beiträge zu Schumann. Dies Anliegen unterscheidet sich sicher von tagesbezogenen Themen, ist aber hoffentlich eine Bereicherung. Wenn es in den „Mitgliedsbedingungen – Forumregeln“ heißt: „Themen, wie Politik, Religion, Weltanschauungen sind generell nicht gestattet.“, verstehe ich es so, dass in diesem Forum nicht zu bestimmten politischen, religiösen oder weltanschaulichen Positionen aufgerufen werden soll, also nicht „Politik gemacht“ werden soll. Daran soll sich auch das Thema „Musik und Politik“ halten.

Dass Musik und Politik oder auch Musik und Religion voneinander getrennt sind oder getrennt werden können, ist jedoch eine historisch relativ neue Erfahrung. Sie ist mit dem anderen großen Tabu der neueren Musikgeschichte verknüpft, dass Pop und Jazz aus der offiziellen Musik ausgeklammert sind. Die anderen Künste zeigen, dass dies keineswegs selbstverständlich ist. Andy Warhol wird in allen berühmten Museen gezeigt. Seine Werke werden mit Van Gogh verglichen. Die Beat-Literatur seit den 1950ern oder der Pop-Roman der 1990er stehen innerhalb der Literaturgeschichte und nicht außerhalb als „U-Literatur“.

Heute kaum mehr erinnerbar, waren Jazz und Pop anfangs in einer Außenseiterposition, nach Massenkrawallen vom Staat verfolgt, als auch von der bürgerlichen wie oppositionellen Musikkritik einhellig verurteilt, so weit also eine echte Neuauflage der Jugendbewegungen von Anfang des 20. Jahrhunderts, aber mit völlig veränderten musikalischen Ausdrucksmitteln. Jazz – wenn damit nicht der Swing der Big Bands gemeint ist – blieb so lange mit der Ghettoisierung der Schwarzen verbunden, bis er von der weißen Jugendbewegung der 1950er aufgegriffen und „durchgesetzt“ wurde.

Während sich die frühere Jugendbewegung von 1900 weltanschaulich politisierte und polarisierte, ließ sich die neue verblüffend mühelos kommerzialisieren. Der Unterschied war, dass in den 1920ern die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise geriet, während sie in den 1960ern einen beispiellosen Boom erlebte. Mit der Einführung technischer Tonträger (Schallplatte, Kassette, CD) wurde die Musik zusätzlich durch die Industrie dominiert. Und so scheint jetzt die Frage "Musik und Ökonomie" an die Stelle von "Musik und Politik" getreten zu sein.

Der Punk setzte 1977 zu einer Revolte in der Revolte an, und hieraus entstanden in einer weiteren atemberaubenden Wendung die rechtsextremen Musikgruppen mit ihren hasserfüllten Texten. "Musik und Politik" scheint sich heute auf die Frage zu reduzieren, wie diese spezielle Entwicklung zu verstehen und auf sie zu reagieren ist.

Das ist für mich aber nur ein Vorbote, dass das Thema "Musik und Politik" neue Brisanz gewinnen wird. So wie es während des kurzen Internet-Boom so schien, als wären mit der New Economy alle historischen ökonomischen Gesetze außer Kraft gesetzt, scheint es jetzt während der Phase hohen Lebensstandards in den westlichen Gesellschaft seit den 1960ern so, als hätten Musik und Politik sich voneinander entkoppelt. Sollte sich die wirtschaftliche und politische Situation wieder ändern, wird das Thema neu gestellt sein, also spätestens dann, wenn sich die Ausrichtung aller Werte an Wohlstand und Reichtum nicht mehr halten lässt.




Platon und Aristoteles (Raffael "Philosophenschule von Athen", 1512)

Dann wird wieder das große historische Beispiel der griechischen Klassik aktuell werden. Als die griechische Polis in die Krise geraten war, sahen sowohl Platon wie Aristoteles in ihren Arbeiten über die Politik in der Musik eine der wichtigsten politischen Aufgaben. ( Originaltexte ) Platon wollte aufwühlende Musik ganz verbieten, weil ihm die Menge bereits zu aufgewühlt war und er Angst hatte, solche Musik könne das noch steigern und damit Unordnung und drohende politische Rebellion weiter anwachsen lassen. Aristoteles räumte dagegen ein, dass denjenigen, die zu Begeisterung, zu Furcht oder Mitgefühl neigen, ein reinigender Ausgleich in kathartischer Musik und in Tragödien geboten werden müsse.

Die Bedeutung von Katharsis und Musik für Aristoteles

Warum ist dieser Ausgleich so wichtig? Die griechische Polis sah sich weniger von Sklavenaufständen oder äußeren Gefahren bedroht, sondern durch religiöse Konflikte, die aus dem Innern ausbrechen können. Ohne solche Konflikte fühlt sie sich stark genug gegen alle Angriffe.

Das ist nirgends so deutlich dargestellt wie in Sophokles’ Tragödie „Antigone“, die zurecht als der Höhe- und Wendepunkt der griechischen Kultur gilt. Als dem Bruder von Antigone eine ehrenvolle Beerdigung verweigert wird, da er aus Sicht des herrschenden Königs Kreon als Feind des Staates aufgetreten war, lässt sie keinerlei staatliche Gesetze und Vorschriften gelten und beruft sich auf religiöse Bindungen und Riten, die für sie größere Bedeutung haben. Aus Sicht des Staates ist sie von religiösem Wahn befallen.

Um für die Politik eine rationale Antwort zu finden, wie solchem Ausbruch vorzubeugen ist (was dem König Kreon nicht gelungen war, und er stattdessen durch Antigone in eine persönliche Katastrophe gestoßen wurde), versteht Aristoteles die religiösen Empfindungen als psychische Ausnahmezustände. Ihnen muss medizinisch begegnet werden – und die einzig wirksame Medizin ist die Musik. In seinen Worten:

„Der Affekt nämlich, der in einigen Gemütern bei solchem Spiele sehr heftig auftritt, findet bei allen Gemütern statt, nur hier in minderer, dort in größerer Stärke, so der Affekt des Mitleids, der Furcht und ebenso der Begeisterung; denn auch zu diesem Gefühl sind einzelne Personen stark geneigt. Infolge der heiligen Gesänge aber sehen wir diese Leute, wenn sie die das Gemüt sänftigenden Weisen vernehmen, gleich solchen, die Medizinen und Purganzen genommen haben, wieder zur Ruhe kommen.“ (Aristoteles, Politik, 1342a)

Und das soll die Musik leisten, die Platon verbieten wollte: die Flötenmusik, die mit ihrer berauschenden und aufregenden Wirkung bei allen bacchischen und verwandten Stimmungen eingesetzt wurde, und dann später mit gleicher Wirkung durch den Dithyrambus und schließlich den Chorliedern der Tragödie.



Dionysus (holding thyrsos) and satyr (playing double-aulos). Attic Red-figure kylix by Makron, c. 480 BCE. Charlottenburg, Berlin.

Aristoteles versteht den Staat als einen natürlichen Körper, der wie eine Pflanze wachsen und gedeihen soll, und Aufgabe der Politik ist, das zu fördern (um im Bild zu bleiben: zu hegen und zu pflegen). Dann kann mit dem Staat die Gemeinschaft zu ihrer Erfüllung kommen und jeder einzelne das größte Glück erlangen. Wenn aber etwas die Entwicklung vom Wege abzubringen droht, dann sollte das am besten wie eine Krankheit des Organismus verstanden und nach dem Vorbild der Medizin behandelt werden.

Erst nachdem auch die religiösen Gefühle in diesem Sinn als krankhaft verstanden wurden, konnte die Musik als Medizin gesehen werden. In vielleicht etwas übertriebener Formulierung führt das zum Gebot: Gebt der Menge richtig dosiert eine Musik, wie sie früher in religiösem Kontext entwickelt wurde, und sie kann sich dann mit wohlberechneter Wirkung ausleben und wird ruhig bleiben und die staatliche Ordnung nicht angreifen, sondern kann im Gegenteil ihrerseits zum Glück finden und das Gelingen der Gemeinschaft zum vollen Erfolg führen.

Aristoteles hofft wie sein Schüler Alexander der Große den gordischen Knoten der Tragödie zu durchschlagen und mithilfe der Medizin den unlösbaren Konflikt von Politik und Religion einseitig zugunsten der Politik zu entscheiden.

Er lebte in einer Welt, wo niemand mehr überzeugend zu sagen vermochte, an welchen Gott oder welche Götter, an welche Mysterien oder Riten zu glauben ist. Und dennoch gab es weiter religiöse Gefühle, die Aristoteles in den Begriffen Furcht (mit der Betonung auf sprachlosen Schrecken), Mitleid (im Sinne tiefen Mitgefühls und nicht im Sinne ethisch berechneten Verständnisses, mit dem Ausdruck von tiefem Jammer wie um ein zu früh gestorbenes Kind) und Begeisterungsfähigkeit (enthusiasmo) zu fassen versuchte. Er ist nicht gegen diese Gefühle, aber er spürt, wie ihnen in seiner Zeit der Bezug zum Glauben an eine göttliche Macht verloren gegangen ist. Das gibt ihm die Gewissheit, nicht weiter nach den Ursachen des Glaubensverlustes fragen zu müssen, sondern pragmatisch eine Lösung suchen zu können mit den bewährten Methoden der Medizin.

Diese Darstellung bliebe irreführend, würde nicht erwähnt, dass Aristoteles auch die einzigartige Bedeutung der Musik zur Erholung nach körperlicher Ermüdung und erst recht „zur höchsten Lebensgestaltung (diagogé)“ in Zeiten der Muße sah. Was jedoch ihre kathartische Funktion betrifft, gab die Geschichte ihm unrecht, und daher mag seine Position im ganzen gefühllos und schwer nachvollziehbar zu sein. Aristoteles folgten Jahrhunderte der verschiedensten religiösen Wellen, aus denen schließlich das Christentum als Weltreligion hervorging, und eine Stagnation der Musik bis zur Gregorianik. Und doch droht dieselbe Geschichte sich heute zu wiederholen.

Aktualität von Platon und Aristoteles – vorläufige Thesen

Denn was geschah im 19. Jahrhundert? Da steht auf der einen Seite die Forderung nach absoluter Musik, und alles wird als krankhaft erklärt, was wieder an Religion erinnert, seien dies die späten Werke von Schumann (nicht zufällig mit Titeln wie „Gesänge an die Frühe“ und „Geister-Variationen“), Liszt, Wagner oder Bruckner.

Und auf der anderen Seite übernimmt Wagner zwar von Feuerbach die Kritik am Christentum und der Religion (die bis in einzelne Formulierungen der griechischen Religionskritik durch Xenophanes ähnelt), aber er spürt, dass etwas geschaffen werden muss, das an die Stelle der religiösen Ausdrucksmittel treten kann. Vom Grundansatz folgt er Aristoteles. Wie dieser spürt er, dass niemand mehr an einen Gott glaubt und empfindet im Innern eine religiöse Leere (Religion spricht ihn wirklich nicht mehr an).

Und niemand hat nach Aristoteles so überzeugend der Musik eine entscheidende Bedeutung gegeben für die Sicherung einer politischen Ordnung wie Wagner. Nietzsche spürt das Brüchige seiner Position. Und dennoch: Nachdem zunächst im 19. Jahrhundert die Richtung der absoluten Musik dominierte, hat sich im Wesenszug Wagner folgend die aristotelische Position im 20. Jahrhundert durchgesetzt, allerdings mit den überraschendsten Wendungen und Brüchen.

Mit der Kommerzialisierung der Musik nach 1945 wurde ein anderer, scheinbar noch erfolgreicherer Weg gefunden. Doch auch dort drohen überall religiöse Gefühle hervor zu brechen, sei es in den Massenhysterien, der an Heiligenverehrung erinnernden Idolisierung der Stars oder in extremen Auswüchsen wie Satanismus. Spätestens da droht die Duldung aller nur irgendwie denkbaren Musik an ihre Grenze zu stoßen und ist die klassische Frage nach „Musik und Politik“ neu zu stellen und wird sicher auch in absehbarer Zeit in das öffentliche Bewusstsein gelangen.

Viele Grüße,
Walter

Edwin Baumgartner

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  • »Edwin Baumgartner« ist männlich

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2

Mittwoch, 1. Februar 2006, 21:23

Hallo Walter!
Ein spannendes Thema, zu dem ich mich noch etwas sammeln muss, ehe ich voll einsteige.
Vorab nur eine Frage ad Wagner: Soll das heißen, Du interpretierst den "Parsifal" (so wie ich) nicht als religiöse Oper, sondern als weltliche Oper über ein religiöses Thema?
...

  • »Walter.T« ist männlich
  • »Walter.T« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 424

Registrierungsdatum: 9. April 2005

3

Mittwoch, 1. Februar 2006, 21:30

Hallo Edwin,

ja genau! Dieser Beitrag ist auch eine Vorbereitung zum Thema Wagner und Nietzsche, dessen Kritik am "Parsifal" ich ganz anders verstehen würde. Aber zu diesem Thema habe ich meine Gedanken noch längst nicht beieinander, vielleicht sind weitere Vorbereitungen nötig (übrigens auch zum Thema Wagner und Adorno, ich bin mir bewusst, dass ich Dir hier noch eine Antwort schuldig bin).

Viele Grüße,

Walter

Edwin Baumgartner

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  • »Edwin Baumgartner« ist männlich

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4

Mittwoch, 1. Februar 2006, 22:20

Hallo Walter, mir fällt ein Himalaya-Massiv vom Herzen! Es gibt noch jemanden, der den "Parsifal" so sieht wie ich! Und ich dachte schon, ich sei ein Dorftrottel. Was ich herumdiskutiert habe... Egal.

Für mich ist immer der Unterschied, ob ein Künstler "sich selbst erklärt" (ich sage dazu: in der Ersten Person erzählt) oder "etwas erklärt" (in der Dritten Person erzählt). Diese Verwechslung hat zumindest im Fall des "Parsifal" zu einem gewaltigen Wagner-Missverständnis geführt.

Eine Parallele, die mir im Zusammenhang eben einfällt, ist Janácek, der bekanntlich leidenschaftlicher Atheist war, aber im höheren Alter die "Glagolitische Messe" schrieb. Als eine Zeitung berichtete, nun sei der "Greis" "religiös" geworden, schickte Janácek eine Notiz: "Weder Greis noch religiös". Auch hier wurde die dritte Person mit der ersten verwechselt.

Beste Grüße
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