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Martin

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1

Samstag, 18. Februar 2006, 14:02

"Was sitzen sie da wie die vollgefressenen Schweine." - Der Komponist und das Publikum

Was für ein Verhältnis hat eigentlich der Komponist zum Publikum und wie hat sich dieses historisch entwickelt?

Dieser Satz: "Was sitzen sie da wie die vollgefressenen Schweine" stammt von Edward Elgar. Und zwar hatte dieser mit seiner 1. Sinfonie einen großartigen Erfolg gefeiert. Aber als dann die Uraufführung seiner 2. Sinfonie kam, da hatte der gute Elgar wohl die Befürchtung, daß sie durchfallen würde und in der Tat war diese Sinfonie wohl zunächst ein Mißerfolg. Und vor der Uraufführung der 2. Sinfonie fiel von Elgar dann dieser Satz.

Wie hat sich dies aber alles eigentlich entwickelt? Ich habe so ein bißchen den Eindruck, daß die Sitten im Verhältnis von Komponist und Publikum im Verlauf des 19. Jahrhunderts reichlich verwildert sind. Die Uraufführung von Bruckners 3. muß einer Hinrichtung gleich gekommen sein. So wie ich es gelesen habe, war Bruckners 3. im Publikum vor allem auch ein Heiterkeitserfolg.

Wären solche Heiterkeitserfolge zu Zeiten der Wiener Klassik möglich gewesen? Oder war das Publikum zu jener Zeit disziplinierter, so daß zwar vielleicht auch mal ein Werk "durchfiel", aber "Hinrichtungen" doch nicht statt fanden?

Man muß allerdings, wenn man sich über Bruckners Hartnäckigkeit angesichts seiner Mißerfolge wundert, immerhin bedenken: Bruckner schrieb zu einer Zeit als zeitgenössische Musik intensiv wahrgenommen und diskutiert wurde - diesen großen Vorteil hatte der arme Bruckner einem Komponisten aus heutigen Zeiten sicher voraus.

Dann fällt mir in diesem Zusammenhang natürlich noch Schönberg ein. Darüber habe ich gelesen, daß Konzerte des Schönbergkeises irgendwann nur noch "im privaten Kreise" statt fanden. Man gründete sozusagen einen Club und die "Öffentlichkeit" war schon nicht mehr zugelassen. Komischerweise drang diese "nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Musik" dann doch irgendwie in die Öffentlichkeit und bestimmte dann nach dem 2. Weltkrieg eben die Öffentlichkeit dessen, was als zeitgenössische Musik galt.

Wie sieht es heute aus? Zeitgenössische Musik wird nicht mehr hingerichtet. Allerdings wird sie auch nicht sonderlich wahrgenommen. Insgesamt habe ich den Eindruck, daß Beifall heute - nicht nur gegenüber dem Komponisten sondern auch gegenüber dem Interpreten - als ein Zeichen von Höflichkeit gilt, weshalb ich es mir dann überlege, ob man den Beifall nicht ohnehin ganz abschaffen sollte, und dazu übergehen sollte, nach einem Konzert "Buh" oder "Bravo" zu schreien, oder schweigend hinaus zu gehen.

Gruß Martin

Ulli

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2

Samstag, 18. Februar 2006, 15:30

RE: "Was sitzen sie da wie die vollgefressenen Schweine." - Der Komponist und das Publikum

Zitat

Original von Martin

Wären solche Heiterkeitserfolge zu Zeiten der Wiener Klassik möglich gewesen? Oder war das Publikum zu jener Zeit disziplinierter, so daß zwar vielleicht auch mal ein Werk "durchfiel", aber "Hinrichtungen" doch nicht statt fanden?


Salut,

im 18. Jahrhundert wurde ja noch überwiegend für das Publikum komponiert. Mozart beschreibt die Uraufführung seiner "Pariser" Sinfonie so:


[…] Ecce, die Sinfonie fieng an, Raff stunde neben meiner, und gleich mitten im Ersten Allegro, war eine Pasage die ich wohl wuste dass sie gefallen müsste, alle zuhörer wurden davon hingerissen – und war ein grosses applaudißement – weil ich aber wusste, wie ich sie schriebe, was das für einen Effect machen würde, so brachte ich sie auf die letzt noch einmahl an – da giengs nun Da capo. […]

[…] das Andante gefiel auch, besonders aber das letzte Allegro – weil ich hörte dass hier alle letzte Allegro wie die Ersten mit allen instrumenten zugleich und meistens unisono anfangen, so gieng ichs mit die 2 violin allein piano nur 8 tact an – darauf kamm gleich ein forte – mithin machten die zuhörer, |wie ichs erwartete| beym piano sch – dann kamm gleich das forte – sie das forte hören, und die hände zu klatschen war eins - […]


Der Komponist hat hier also bewusst auf einen positiven Publikumseffekt hinkomponiert - und gewonnen. Schön, wenn das ‚Patentrezept’ immer funktioniert hätte: Was hier gefiel, konnte [meistens viel schneller] woanders durchfallen, so berichtet Lorenzo Da Ponte über die Premiere des Don Giovanni in Wien:

[…] Ich schrieb an Mozart, dieser traf ein und gab die Rollen an den Abschreiber, der sich beeilte, sie zu verteilen. Die bevorstehende Abreise Kaiser Joseph II. beschleunigte die Mise en scène, und was soll ich sagen? Don Giovanni gefiel nicht! Alle Welt, Mozart allein ausgenommen, war der Ansicht, das Stück müsse umgearbeitet werden. Wir machten Zusätze dazu, änderten mehrere Stücke, und zum zweiten Male: Don Giovanni gefiel nicht! Dies hinderte den Kaiser aber nicht, sich zu äußern: „Dieses Werk ist himmlisch; es ist noch schöner als ‚Die Hochzeit des Figaro’: aber es ist kein Bissen für meine Wiener.“

Ich erzählte Mozart diese Worte, der mir, ohne sich irre machen zu lassen, antwortete: „Laßt ihnen nur Zeit, ihn zu kosten“. […]


Mozart hatte zwar [aus heutiger Sicht] sicherlich Recht, aber das damalige Publikum ebenfalls – und vor allem war es noch stärker und durchsetzungsfähiger: Was nicht gefiel, wollte auch nicht länger geduldet werden – wozu auch? Damals waren solche ‚Niederlagen’ für die Veranstalter kein großes Problem, denn es gab quasi ‚am Fließband’ Ersatz. Heute sieht das [leider] anders aus.

Wer sich als Komponist nicht dem ‚Willen’ des Publikums fügte – war weg vom Fenster und hatte es äußerst schwer, sich wieder einen Fensterplatz zu verschaffen. Joseph II. soll gesagt haben:

“Da Ponte, schreiben sie für Mozart, Martini und Salieri, denken Sie aber nicht mehr an Peticchio und Righini, die nur Gassenmusiker sind. […]

Den lebenden Komponisten Klassischer Musik fehlt meines Erachtens diese wichtige Konkurrenzsituation – davon abgesehen schreiben sie nicht unbedingt ‚gefällige’ Musik. Sie sind sehr viel individueller, was sicher kein Fehler ist, aber mit der Folge, eben häufig mis- oder gar nicht verstanden zu werden.

Zitat

Wie sieht es heute aus? Zeitgenössische Musik wird nicht mehr hingerichtet.


Die Todesstrafe wurde ja bedauerlicher Weise abgeschafft... :evil:

Die Ausführungen sind sicher nicht erschöpfend und auch nicht ganz treffend.

Cordialement
Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

Alfred_Schmidt

Administrator

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3

Samstag, 18. Februar 2006, 16:10

Alle Achtung, vom Betiteln der Trhead, da verstehst Du was, :D da übertrifft Du meine berühmt-berüchtigen provozierenden "Schlagzeilen um Längen - Eine Hohe "Einschaltquote" ist diesem Thema gewiß :D

Zitat

Ich habe so ein bißchen den Eindruck, daß die Sitten im Verhältnis von Komponist und Publikum im Verlauf des 19. Jahrhunderts reichlich verwildert sind. Die Uraufführung von Bruckners 3. muß einer Hinrichtung gleich gekommen sein. So wie ich es gelesen habe, war Bruckners 3. im Publikum vor allem auch ein Heiterkeitserfolg.


Ich galube eigentlich NICHT, daß die Sitten im 19. Jahrhundert "verwilderten" - das Gegenteil war der Fall.

Strenge Bekleidungs und Benimm-Vorschriften reglementierten das Konzertleben - strenger als heute.

Jedoch - Um ein Werk zu vernichten - noch dazu ein (damals) zeitgenössisches - da war jedes Mittel recht - zu allen Zeiten.

"Für solche Schweine spiele ich nicht." - Dieser Satz Beethovens ist Musikgeschichte

Wir kennen die Geschichte der Uraufführung von Rossinis Barbier von Sevilla, wo alles schief ging und das Publikum angeblich buhte
(Neuere Literatur verweist diese Story gelegentlich in den Bereich der Legende - aber egal ob real oder erfunden - die Story gibt ein gutes Zeugnis ab - was damals zumindest möglich gewesen wäre)

Der Skandal bei der Uraufführung des " Sacre du Printemps" ist auch gut dokumentiert.

Zitat

Wie sieht es heute aus? Zeitgenössische Musik wird nicht mehr hingerichtet


Das hängt davon ab.

Wer freiwillig in ein Konzert zeitgenössischer Musik geht, der weiß was ihn erwartet - warum sollte der die Musik "hinrichten" ?

Anders ist das schon mit den bereits von Edwin beschriebenen Sandwichprogrammen.
Sie sind aufgebaut, wie er es beschrieben hat - Lediglich meine Interpretation ist anders:

Man nehme ein unverdauliches Stück Moderne und füge es zwischen zwei Gustostückerln des Klassikrepertoires ein.
Wichtig ist hiebei, daß das moderne Stück in der MITTE ist, nicht am Anfang und nicht am Ende - sonst könnte ja das Publikum beispielsweise flüchten - in dem es wärhrend der Vorstellung den Saal verlässt. Das wird geschickt abgeblockt, indem man am Ende des Konzertes wieder jene Musik zu Gehör bringt, derentwegen das Publikum eigentlich gekommen ist.

In solchen Vorstellungen kommt es GELEGENTLICH zu "Hinrichtungen"
Natürlich sehen die heute anders aus als einst: Man erstickt das Stück in völligem Schweigen oder bestraft es (fast noch ärger) mit laxem , rasch ersterbendem Applaus :baeh01:

Freundliche Grüße aus Wien

Alfred

MIT ARBEIT VERSAUT MAN SICH DIE GANZE FREIZEIT

sagitt

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4

Samstag, 18. Februar 2006, 16:56

Hinrichtung

Sagitt meint:

Eine solche Hinrichtung erlebte das d-moll Konzert von Brahms bei seiner Uraufführung 1859 in Leipzig.Obwohl Brahms überaus selbstkritisch war, er hat systematisch alles vernichtet, was nicht seinen Ansprüchen entsprach, hat er diese Hinrichtung überlebt und nicht zum Strick gegriffen,sondern noch Jahrzehnte weiterkomponiert. So fiel er nie wieder durch.

Edwin Baumgartner

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5

Samstag, 18. Februar 2006, 19:43

Sag einmal Alfred, wenn Du Dir ein Brötchen machst, gibst Du da eine Scheibe Trockenbrot zwischen zwei Scheiben Schinken mit Majonäse außen dran?
Na siehst Du: Das Saftige, das, weshalb man den Sandwick eigentlich verzehrt, ist in der Mitte.
Beim Sandwichprogramm ist das just ebenso - zumindest bis zu dem heiß ersehnten Moment, da zwei moderne Werke einen Klassiker flankieren. Aber das haben wir ja leider noch nicht.

Allgemein ist das Konzertpublikum sehr unkritisch geworden: Es werden nicht nur neue Werke alle ungefähr mit dem gleichen Applaus bedacht, sondern auch die Leistungen von Dirigenten und Solisten - und wenn sie noch so jenseitig sind.
Nach einem "modernen" Werk habe ich im Konzertsaal ein einziges Mal ein Buh dezidiert für das Werk gehört, und zwar nach einer Aufführung von Werner Egks "Columbus". Und dieses Buh kam von einem, der hier bei Tamino ist und sich bis heute dafür nicht schämt. Aber der Kerl hat ja auch einmal Karajan ausgebuht. Kein Benehmen hat dieser Mensch nicht...!

Aber zurück zu den modernen Stücken: Sie finden weder unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, noch werden sie nicht wahrgenommen. Die Kritiklosigkeit des Publikums ist allerdings für mich unverständlich. Wenn die lustig zwischen Tonika und Dominante herumhüpfende Toccata eines österreichischen Komponisten, dessen Hauptbegabung in der Intrige liegt, denselben Applaus bekommt, wie die fabelhaft gebaute, mit viel Geschmack und Einfall komponierte Symphonie von Thomas Daniel Schlee, dann behaupte ich, dass das Publikum verlernt hat, zwischen schlecht, gut und den Abstufungen dazwischen zu unterscheiden.

Ich wäre froh, gäbe es die Hinrichtungen - wenn es auf der anderen Seite die Triumphzüge auch gibt. Und zwar sowohl bei Werken als auch bei Interpreten. Nur so bleibt das Musikleben lebendig und spannend.
...

Ulli

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6

Samstag, 18. Februar 2006, 20:25

Zitat

Original von Edwin Baumgartner

Allgemein ist das Konzertpublikum sehr unkritisch geworden: Es werden nicht nur neue Werke alle ungefähr mit dem gleichen Applaus bedacht, sondern auch die Leistungen von Dirigenten und Solisten - und wenn sie noch so jenseitig sind.


Salut,

ich erlebe oft in Konzerten, dass "einfach geklatscht wird, weil es eben so gehört" - da steckt sicherlich [egal bei welchem Komponisten und Ensemble] keine Anerkennung dahinter. Das Publikum fühlt sich offensichtlich auch unsicher. Würde sich einer einmal trauen, [im berechtigten Falle] "Buh" zu rufen, würden sicherlich auch mehrere "mit Einstimmen", eine Art "Herdentrieb". Allerdings werden herausragende Leistungen stets erkannt und spontan mit entsprechenden Bravi und Getrampel gefeiert.

Ich jedenfalls klatsche einfach nicht, wenn mir etwas nicht gefallen hat. Das merkt keiner, außer denen neben mir, die mich dann komisch schräg angucken. Aber der Fall ist eher selten.

Cordialement
Ulli
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(Vincenzo Geilomato Hundini)

Edwin Baumgartner

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7

Samstag, 18. Februar 2006, 20:59

Zitat

Allerdings werden herausragende Leistungen stets erkannt und spontan mit entsprechenden Bravi und Getrampel gefeiert.


Glückliches Elsaß!
Ich will etwas aus Wien berichten, ein paar Jahre her. Am Pult steht ein sehr bekannter, an sich sehr guter Dirigent, der in Wien gottgleich, vielleicht sogar karajangleich verehrt wird. Auf dem Programm: Mahler 3. Der Zufall will, dass ich auf dem Stehplatz stehe, also fast den ganzen Saal im Blickfeld habe.

Der erste Satz in viel zu langsamem Tempo, lähmend langweilig. Zweiter und dritter Satz: Das Orchester stößt an seine Grenzen, das Posthorn spielt viele Töne, einige hat Mahler sogar wirklich komponiert. Vierter Satz: Lähmend langsam, völlig undifferenziert, der Dirigent lässt die Altistin jämmerlich verhungern, Hauptsache langsam, langsamer, noch langsamer. Im fünften Satz wackeln die Einsätze bedenklich, dank hektischer, aber offenbar unverständlicher Zeichengebung setzt ein Musiker einen ganzen Takt zu früh ein, der, der gemeint war, setzt dafür gar nicht ein. Letzter Satz: Der Anfang ist wirklich schön, aber dann wird das Orchester wieder unsicher, der Dirigent rudert fast hilflos, der Höhepunkt kommt in ohrenbetäubender Lautstärke und totalem Chaos im Orchester.
Es war die absolut jämmerlichste Mahler-Darbietung, die ich je gehört habe.
Und was geschieht? - Das Publikum beginnt zu jubeln. Tosender Applaus, Bravo-Schreie, schließlich Getrampel und Standing Ovations.
Ich komme mir irgendwie blöd vor. Gut, ich hatte eine Partitur, aber was sich da abgespielt hat, muss einem auch ohne Partitur auffallen.
Vor mir schreien sich zwei relativ junge Damen die Seele aus dem Leib. Also frage ich sie, ob ihnen die Aufführung gefallen hat. Antwort: "Nein. Aber die haben halt einen schlechten Tag gehabt." Ich frage, warum sie dann gar so jubeln. Antwort: "Wir mögen den xy halt."

Ich habe nach diesem Konzert noch ein paar Leute gefragt, die mir durch besonderen Jubel aufgefallen sind. Nur ein einziger stand zu seinem Urteil - aber das war ein persönlicher Freund des Dirigenten.

Die Geschichte geht noch ein wenig weiter. Bei der Heimfahrt warte ich auf die Straßenbahn, als mich ein Herr anspricht und mich bittet, ob er einen Blick in die Partitur werfen könne. Dem Akzent nach kein Österreicher. Ich lasse ihn nachschauen, er reicht mir die Partitur kopfschüttelnd zurück und sagt: "Wenn ich mich nicht täusche, sind Sie meiner Meinung. Sind die Wiener immer so unkritisch?"
Nach einer Weile stellt sich heraus, dass der Herr aus Amsterdam kommt. Besonders jetzt hat er mein volles Mitgefühl...
(Aber so extrem schlimm war es wirklich nur dieses eine Mal, ich habe unter diesem Dirigenten auch grandiose Konzerte erlebt.)
...

Martin

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8

Sonntag, 19. Februar 2006, 09:04

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Wenn die lustig zwischen Tonika und Dominante herumhüpfende Toccata eines österreichischen Komponisten, dessen Hauptbegabung in der Intrige liegt, denselben Applaus bekommt, wie die fabelhaft gebaute, mit viel Geschmack und Einfall komponierte Symphonie von Thomas Daniel Schlee, dann behaupte ich, dass das Publikum verlernt hat, zwischen schlecht, gut und den Abstufungen dazwischen zu unterscheiden.


Ich denke, ein Werk bei seiner ersten Aufführung zu beurteilen, ist ungeheuer schwierig. Wenn ein Werk eine tollle eingängige Melodie enthält, die dann mindestens dreimal, besser vier oder fünfmal wiederholt wird, dann hat ein Stück eine gewisse Chance auch bei der Uraufführung mit Begeisterung wahrgenommen zu werden.

Abgesehen vom blöden "standardisierten Beifallsgeklatsche" hat neue Musik aber auch von daher einen schweren Stand, weil sich die Leute nun spätestens seit den 50ern abgewöhnt haben, konzentriert hinzuhören. Der Schlee hätte sowieso nur dann eine Chance gehabt, wenn er einen solchen Ruf gehabt hätte, daß sein Glanz schon bis Sibirien gedrungen wäre. Da dem nun wohl nicht so gewesen ist, haben die Leute die Sinfonie wohl einfach nur an sich vorüberrauschen lassen.

Und Elgars 2. ist ja bei den "vollgefressenen Schweinen" ja auch durchgefallen. Und der Elgar hatte einen Ruf und ich denke, die Leute, die bei der Uraufführung gesessen haben, haben da durchaus konzentriert zugehört. Übel nehmen kann ich es ihnen trotzdem nicht, das die Sinfonie durchgefallen ist, mir wollte sie beim ersten Hören auch nicht so gefallen.

Zitat

Ich wäre froh, gäbe es die Hinrichtungen - wenn es auf der anderen Seite die Triumphzüge auch gibt. Und zwar sowohl bei Werken als auch bei Interpreten. Nur so bleibt das Musikleben lebendig und spannend


Leute wie Tavener, Gorecki, Adams, Rautavaara, Arnold darf man als Rentner ja wohl nicht mehr zählen, sickern doch langsam ins Musikleben ein. Sie werden leider noch nicht, oder äußerst selten auf die Konzertprogramme gesetzt. Ob sich das ändert, weiß ich nicht. Vielleicht kommt ja irgendwann ein "musikalischer Messias", an dem man einfach nicht vorbeikommt, das würde die Dinge wohl grundlegend verändern.

Gruß Martin

Edwin Baumgartner

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9

Sonntag, 19. Februar 2006, 10:37

Zitat

Leute wie Tavener, Gorecki, Adams, Rautavaara,... sickern doch langsam ins Musikleben ein.


Gorecki einmal sogar in die britischen Pop-Charts, nämlich mit seiner grauenhaften Klagelieder-Symphonie.

Adams schreibt mittlerweile etwas komplexere Musik, mit der er sicherlich nicht das Repertoire auf seine Seite ziehen wird. Tavener ist, nach atemberaubenden Anfängen ("The Whale") zu einem geradezu stupiden Pärt-Epigonen verkommen, Goreckis beste Werke, etwa seine 2. Symphonie, werden nicht gespielt; Rautavaara, der ein ganz hervorragender Komponist sein kann (Opern "Thomas", "Vincent", Symphonien 1-3), ist auf den Geschmack des Geldes gekommen (kann man ihm nicht verübeln - oder doch?) und schreibt nur noch Kitsch.

In einer pluralistischen Gesellschaft auf den "Messias" hoffen, wäre unsinnig - und das ist IMO auch gut so, denn ich mag keine Führergestalten in Politik und Kunst.
Wenn ich aber merke, wie die grandiose 2. Symphonie von Henri Dutilleux, die ein echter "Reißer" auf moderner Basis mit glänzend ausgehörten Harmonien und wirklich anspringender Rhythmik ist, nach einer CD-reifen Auffürung unter Bertrand de Billy sogar im Wiener Musikverein gefeiert wird, als wär's ein Bruckner gewesen, keimt Hoffnung auf. Nicht so sehr für Dutilleux an sich, aber dafür, dass ein exzellenter Dirigent an einem glücklichen Tag (da gehören ein paar Element dazu, die ich insgesamt als "gute Stimmung" bezeichne) schon ein Werk durchsetzen kann.
Ich habe interessehalber ein paar Tage später in den 4 seriösesten Wiener Plattengeschäften gefragt, ob sie die Dutilleux-Symphonie hätten. Antwort jedesmal: "Die ist nachbestellt". Das sind nicht die Pop-Charts, aber es ist ein Lichtschein am Ende des Tunnels.
...

Martin

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10

Sonntag, 19. Februar 2006, 12:14

Lieber Edwin,

danke für Deine interessanten Hinweise.

Zitat

Original von Edwin Baumgartner

Zitat

Leute wie Tavener, Gorecki, Adams, Rautavaara,... sickern doch langsam ins Musikleben ein.



Gorecki einmal sogar in die britischen Pop-Charts, nämlich mit seiner grauenhaften Klagelieder-Symphonie.


Ich tue mich auch schwer mit der Beurteilung dieser Sinfonie. Also Mahlers 6. ist sie nun weiß Gott nicht. Irgendwie kam mir die Klangsprache zum Teil schon verdammt einfach vor. Aber ein bißchen was hatte das schon.

Zitat

Adams schreibt mittlerweile etwas komplexere Musik, mit der er sicherlich nicht das Repertoire auf seine Seite ziehen wird.


Würde mich interessieren, was Du da meinst, da ich mittlerweile von Adams schon einiges kenne. Immerhin landete der mal mit ein paar Sonderangeboten bei 2001, so lernte ich ihn dann kennen ( und es gibt da glaube ich immer noch so einiges bei 2001.) Aber was er im moment so schreibt, weiß ich nicht so genau.

Zitat

Tavener ist, nach atemberaubenden Anfängen ("The Whale") zu einem geradezu stupiden Pärt-Epigonen verkommen,


Ich kenne Pärt von einer Radiosendung her, wo er vorgestellt wurde. Ich fand es stinklangweilig, aber er hat seine Fans. Von Tavener habe ich den Protekting Veil mit Yo Yo Ma ( inzwischen ist das Stück auch bei Naxos raus gekommen). Eigentlich höre ich dieses Stück ganz gerne, obwohl es irgendwie auch seine Längen hat.


Zitat

Goreckis beste Werke, etwa seine 2. Symphonie, werden nicht gespielt;


Aber diese 2. Sinfonie ist vor einiger Zeit bei Naxos raus gekommen. Habe ich mir nicht zugelegt, da mich seine "weltberühmte" 3. nicht so vom Hocker gerissen hatte. Danke für den Tip, vielleicht hole ich sie mir mal.


Zitat

Rautavaara, der ein ganz hervorragender Komponist sein kann (Opern "Thomas", "Vincent", Symphonien 1-3), ist auf den Geschmack des Geldes gekommen (kann man ihm nicht verübeln - oder doch?) und schreibt nur noch Kitsch.


Den Eindruck des Kitsches hatte ich bei der Sinfonie "Angel of Light" ( seiner 7. glaube ich), auch. Die 3. fand ich viel besser.

Zitat

In einer pluralistischen Gesellschaft auf den "Messias" hoffen, wäre unsinnig - und das ist IMO auch gut so, denn ich mag keine Führergestalten in Politik und Kunst.


Ich hoffe nicht auf den "Messias", das war sicherlich auch ironisch gemeint. Anderseits ist nun der Messias, sofern wir ihn christlich betrachten, nun wirklich alles andere als eine klassische "Führergestalt". In der Kunst gibt es auch keine Führergestalten, sondern nur mehr oder weniger begnadete Künstler. Und ich könnte mir schon vorstellen, daß ein besonders begnadeter, ein sozusagen gottbegnadeter, und, um die christliche Rhetorik auf die Spitze zu treiben, ein "von Gott gesandter" Komponist ( insofern messianisch) das Musikleben tatsächlich aus seiner Lethargie ein wenig aufwecken könnte.

Sofern Elgar ja der Ausgangspunkt war, so kann man schon sagen, daß die besondere Begabung Elgars zweifellos ein Ausgangspunkt war für die Wiederbelebung der englischen Musik. In diesem Sinne wurde Elgar tatsächlich wie ein Messias gefeiert, seine erste Sinfonie hundertfach nachgespielt.



Zitat

Wenn ich aber merke, wie die grandiose 2. Symphonie von Henri Dutilleux, die ein echter "Reißer" auf moderner Basis mit glänzend ausgehörten Harmonien und wirklich anspringender Rhythmik ist, nach einer CD-reifen Auffürung unter Bertrand de Billy sogar im Wiener Musikverein gefeiert wird, als wär's ein Bruckner gewesen, keimt Hoffnung auf. Nicht so sehr für Dutilleux an sich, aber dafür, dass ein exzellenter Dirigent an einem glücklichen Tag (da gehören ein paar Element dazu, die ich insgesamt als "gute Stimmung" bezeichne) schon ein Werk durchsetzen kann.


Hat sich dieses Werk durchgesetzt? Ich habe ehrlich gesagt von diesem Komponisten noch nichts gehört. Vielleicht ist diese "Sensation" dann doch offensichtlich nicht zu mir gedrungen.

Zitat

Ich habe interessehalber ein paar Tage später in den 4 seriösesten Wiener Plattengeschäften gefragt, ob sie die Dutilleux-Symphonie hätten. Antwort jedesmal: "Die ist nachbestellt". Das sind nicht die Pop-Charts, aber es ist ein Lichtschein am Ende des Tunnels.


Die Popcharts müssen es ja auch nicht immer sein. Der Sensationserfolg von Goreckis 3. hat für die zeitgenössische Musik sicher ein bißchen was, aber doch nicht viel bewirkt. Vor allem dann, wenn Menschen, die sich für diese Musik begeistern, von den "Experten", den "Eingeweihten" dann gleich erklärt wird, daß das totaler Müll ist und daß sie sowieso nur einen schlechten Geschmack hätten. Ich habe das selbst erlebt, ich war mal im Mailkontakt mit einem belgischen Komponisten und ich wagte es, ihm gegenüber die Namen Tavener, Gorecki und Adams in den Mund zu nehmen und bekam gleich gesagt, daß das alles nur "äußerst ärmliche Musik", die er überhaupt nicht ernst nehme. Immerhin, den Arnold fand er auch gut. Dagegen lobte er den Sallinen, den ich mir dann mal anhörte, dem ich aber nicht viel abgewinnen konnte.

Wiegesagt, die Popcharts müssen es nicht sein, aber wenn zeitgenössische Musik vom normalen Klassikhörer überhaupt wahrgenommen wird, ist viel erreicht.

Gruß Martin

Edwin Baumgartner

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11

Sonntag, 19. Februar 2006, 14:12

Dann auf, Martin, und Dutilleux kennen lernen! Eine Wahnsinnsmusik! Besonders die 2.! Kammerorchester spielt gegen großes Orchester, teilweise polyrhythmisch. Klanglich entfernt an Messiaen orientiert. Der letzte Satz fährt einem so richtig in die Beine, das ist fast Big-Band-Sound zu großer Symphonik transformiert. Auch die 1. ist ein tolles Werk.
Dass sich der Name bis zu Dir noch nicht herumgesprochen hat, ist seltsam, Dutilleux gilt als der führende lebende französische Komponist der gemäßigteren Moderne.

Die 3. von Gorecki ist in der Partitur viel überzeugender: Da sieht man, wie viel er mit Kanontechniken usw. macht. Dennoch: Für mich eine totale Verarmung (wie auch der späte Rautavaara).

Von Adams ist etwa "El Nino" ein sehr spannendes Werk: Im Hintergrund steht da noch der Minimalismus, aber was über dieser Folie ausgebreitet wird, hat sich stilistisch von den reinen Repetitionsmustern längst emanzipiert. "El Nino" halte ich z.B. für ein schwieriger zu hörendes Werk als Dutilleux' 2.

Übrigens fällt mir jetzt noch ein Werk ein, das in Wien gewaltigen Erfolg hatte: "Golgotha" von Frank Martin (nur die Kritik hat's mit einer löblichen Ausnahme total verrissen...!).
...

Ulli

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12

Sonntag, 19. Februar 2006, 17:56

RE: "Was sitzen sie da wie die vollgefressenen Schweine." - Der Komponist und das Publikum

Salut,

da habe ich gerade ein passendes Zitat gelesen - es stammt nicht von einem Komponisten, aber von jemandem, der eng mit Komponisten zusammen gearbeitet hat und der ohne Komponisten heute wahrscheinlich gar nicht bekannt wäre:

Die große Kunst ist im allgemeinen zu hoch für die Menge; sie bedarf zuweilen eines oder zweier Jahrhunderte, um jene Jury des Genies zu bilden, welche endlich mit Kenntnis der Sache ohne Appellation und für die Nachwelt entscheidet.

Man merkt ihm an, dass er hier beleidigt war...

:hello:

Cordialement
Ulli
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Martin

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13

Montag, 20. Februar 2006, 20:42

RE: "Was sitzen sie da wie die vollgefressenen Schweine." - Der Komponist und das Publikum

Lieber Edwin,

ich habe mich ein bißchen über den Henri Dutilleux informiert. Mein Gott, der Mann ist ja uralt! Du sprichst vom führenden lebenden französischen Komponisten, vom "Licht am Ende des Tunnels" usw. und ich dachte natürlich, daß Du mir nun eine ganz große Hoffnung der französichen Musik präsentierst. Und nun ist oder wird der Mann 90, älter als der Arnold. Da bin ich aber doch jetzt sehr enttäuscht.

Das Thema ist ja "der Komponist und das Publikum" und wir müssen ja immer wieder sehen, daß wir den Bogen finden. Da Du nun Komponist und ich Publikum bin, frage ich mich natürlich schon, warum Du es Dich nicht traust, hier mehr Komponisten jüngeren Alters zu empfehlen und über die Beziehung von Komponisten, die ein bißchen jünger sind als 90, zum Publikum zu erzählen. Das hätte doch eigentlich eine Steilvorlage für Dich sein müssen. Oder stören Dich die "vollgefressenen Schweine"? Das habe ich, wie Alfred ganz richtig erkannt habe, zur Erhöhung der Einschaltquote als Threadtitel genommen.

Ich habe mich aber trotzdem mal bei Amazon umgesehen. Da gibts ne Aufnahme mit Barenboim und dem Orchestre de Paris, immerhin kostet die auch 10 Euro, ein richtiges Schnäppchen habe ich nicht gesehen, aber das kann man ja mal invistieren. Ist die gut? Oder kennst Du besseres? Anderseits wundert es mich natürlich schon, daß ich im deutschsprachigen Wikipedia nichts über ihn finden konnte und auf das englischsprachige ausweichen mußte. Irgendwann habe ich den Henri Dutilleux übrigens glaube ich doch mal gehört in einem Konzert in Hamburg, das ist mir wieder eingefallen, hat aber nicht so einen starken Eindruck bei mir hinterlassen.

Gruß Martin

Edwin Baumgartner

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14

Montag, 20. Februar 2006, 23:32

Hallo Martin!
Ad Dutilleux: Billiger ist die Aufnahmebei ARTE (ca. 6 Euro), da gibt's die "Métaboles" zur 2. Symphonie,die ein Hauptwerk von Dutilleux sind; besser (und teurer) ist die Aufnahme unter Münch, auch mit den "Métaboles" (Erato).
Barenboim ist aber musikalisch o.k. - und man kriegt beide Symphonien.

Zitat

warum Du es Dich nicht traust, hier mehr Komponisten jüngeren Alters zu empfehlen und über die Beziehung von Komponisten, die ein bißchen jünger sind als 90, zum Publikum zu erzählen.

Es geht nicht ums "trauen". Aber gerade Neue Musik ist eine extreme Geschmacksfrage. Ich würde niemals in einem öffentlichen Forum einen Komponisten wegen seiner Beziehung zum Publikum hinrichten - weder als zu publikumsfreundlich oder zu publikumsfeindlich.

Mit den Empfehlungen ist das ein anderes Problem: Ich kann Dir Stücke empfehlen, aber Du hast nichts davon, weil es sie nicht auf CD gibt. Andernfalls würde ich Dir rückhaltlos die Symphonie von Thomas Daniel Schlee empfehlen oder das Orchesterwerk "Island - ISLAND" von Thomas Herwig Schuler oder Werke von Alexander Wagendristel. Auch Christian Minkowitsch könnte ich wärmstens empfehlen, ein fantasievoller Komponist, der trotz konstruktiver Ansätze das sinnliche Klangerlebnis nie aus dem Blickfeld verliert. Alles sinnlos: Du kannst die Stücke nicht nachvollziehen, es sei denn, Du leistest Dir um 16 Euro die ORF-CD mit Schlees ebenfalls wunderbarem "Ricercar", Christoph Cechs vitalem Klavierkonzert und Lukas Ligetis "The Chinese Wall".

Es gibt auch in Frankreich eine sehr interessante jüngere Komponistengeneration, etwa Philippe Manoury - o.k., kein ganz junger, er müsste so ungefähr 55 sein: Seine Oper "60th Parallel" gibt's bei Naxos. Bei den Engländern ganz interessant ist George Benjamin, aber sein Frühwerk wie "At First Light" ist spannender als das, was er jetzt schreibt.

Ich sage nur gleich dazu, dass alle genannten Komponisten Deinem Geschmack, wenn ich ihn halbwegs richtig einschätze, eher nicht entgegen kommen werden.

LG
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15

Dienstag, 21. Februar 2006, 12:10

soll man jetzt den thread-starter ermahnen, sich an sein selbst gewähltes thema zu halten?! empfehlungen für musik des 20. jh. gibts schließlich in diversen anderen, auch entsprechend benannten threads.

florian

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16

Dienstag, 21. Februar 2006, 14:30

Vor Jahren hörte ich im Münchner Nationaltheater Peter Serkin mit Schönbergs Klavierkonzert, am Pult Wolfgang Sawallisch. Das Publikum dankte mit höflich kurzem Applaus. Vor wenigen Monaten spielte am selben Ort dieses Schönberg-Konzert Daniel Barenboim, Mehta dirigierte. Das Publikum raste und trampelte mit den Füßen vor sich hin. Waren die konservativen Münchner zu enthusiastischen Schönberg-Jüngern mutiert? Wohl kaum, denn bei Henzes "Bassariden" verließen sie scharenweise die konzertante Vorstellung. Ich bin mir ziemlich sicher, daß die Begeisterung der Prominenz der Interpreten galt. Daß solche Prominenz meist kritiklos gefeiert wird, dafür steht ein Erlebnis vor 40 Jahren in Stuttgart, als der weltberühmte Mario del Monaco den Siegmund in der Walküre auf Deutsch sang. Seine Darbietung war schlicht grauslich, eine Zumutung, denn was sich begab, war ein verzweifelter Kampf mit den Konsonanten. Das ging so weit, daß der Hochberühmte partiell nicht mehr dem Orchester folgen konnte. Das war peinlich genug. Aber noch peinlicher war die Reaktion des Publikums nach dem 1. Akt. Es tobte und raste vor Begeisterung, als hätte Signore del Monaco gerade den Otello, seine Paraderolle, zum besten gegeben.
Moderne Musik war im 18. und 19. Jh. etwas Alltägliches - jedenfalls in den Musik- und Kulturzentren. Das Publikum war durch Hausmusik recht gut vorgebildet. Heute zählt musikalische Vorbildung eher zu den Raritäten. Eine eigene Meinung sich zu bilden, wird immer schwieriger - besonders bei der Neuen Musik, aber nicht nur. Also folgt man sogenannten Meinungsführern (wie in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft), lässt sich vom Reklamerummel der Plattenindustrie beeinflussen und hat immer weniger Kriterien an der Hand, um selbst die Spreu vom Weizen trennen zu können. Wenn ich aber unsicher bin, weil mir eigene Maßstäbe fehlen (die zu erringen kostet ein bißchen Arbeit und eigenes Engagement), dann verwandelt sich anfängliches Interesse rasch in Gleichgültigkeit. Das musikalische Ereignis verkümmert zum gesellschaftlichen Ereignis, im schlimmsten Fall zum "Event".

Florian

Edwin Baumgartner

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17

Dienstag, 21. Februar 2006, 15:17

Es geht auch just anders herum.
Bei den Salzburger Festspielen dirigierte Daniel Barenboim im ersten Teil die (damals noch vier) "Notations" von Pierre Boulez und im zweiten Teil den Ersten Akt "Walküre" mit Siegmund als Domingo. Festspielchef Gérard Mortier hatte für eine Verjüngung des Publikums gesorgt - und dafür, dass viele Adabeis wegblieben. Das dürfte auch in diesem Konzert der Fall gewesen sein.
Jedenfalls wurden die "Notations" vom Publikum dermaßen bejubelt, dass Barenboim alle vier Stücke wiederholte - und der Erfolg war nochmals gewaltig.
Nach dem gut dirigierten, aber weder von Domingo noch den anderen sonderlich gut gesungenen "Walküre"-Akt hingegen war der Applaus merklich gedämpft und die Bravo-Rufe klangen eigentümlich forciert.

Etwas ganz Gegenteiliges spielte sich vor zwei Jahren im Theater an der Wien ab, wo Domingo in Gian Carlo Menottis jämmerlich daneben gegangener Oper "Goya" die Titelrolle sang. Menotti hatte zuvor die Spitzentöne aus Sicherheitsgründen tiefer gelegt, Domingo brüllte sich die Seele aus dem Leib, sang teilweise neben die Töne und war darstellerisch stocksteif. Der Jubel hingegen war, als habe man eben ein Wunder erlebt. Nur seltsam, dass jeder, absolut jeder, mit dem ich nachher über die Aufführung sprach, meinte, ihm habe weder das Werk noch Domingo gefallen. Aber gejubelt haben sie alle...
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Martin

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18

Dienstag, 21. Februar 2006, 21:37

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Ich würde niemals in einem öffentlichen Forum einen Komponisten wegen seiner Beziehung zum Publikum hinrichten - weder als zu publikumsfreundlich oder zu publikumsfeindlich.



Lieber Edwin,

darum geht es doch auch überhaupt nicht! Zunächst mal sehe ich überhaupt nicht ein, warum man einen Komponisten überhaupt wegen seiner Beziehung zum Publikum hinrichten sollte. Das interessiert einen Musikliebhaber doch eigentlich nur sekundär, der will gute Musik hören und der Charakter des Komponisten ist allerhöchstens "interessant", mehr nicht.

Ich habe übrigens noch mal bei der Quelle des Elgarzitats nachgeschaut ( ich hatte es aus dem Gedächtnis zitiert).

Die Quelle ist das Begleitheft der Elgar CD von Naxos, der 2. Sinfonie mit dem BBC Philharmonik unter Downes. Dort heißt es wörtlich:

"Was ist bloß mit dem Publikum los, Billy." soll Edward Elgar den Konzertmeister (...) gefragt haben. "Sie sitzen da wie ein Haufen vollgefressener Schweine ..."

Das ist nun das korrekte Zitat ( das ich wiegesagt aus dem Gedächtnis zitiert hatte) mit korrekter Quellenangabe. Da steht "soll", gut, aber wer wird schon dabei gewesen sein außer "Billy". Im Zusammenhang ist das Zitat vielleicht weniger dramatisch.

Noch mal: Es geht nicht darum, jemanden hinzurichten, noch darum jemanden bloß zu stellen. Selbst wenn wir mal davon ausgehen, daß das Zitat stimmt, würde ich es Elgar niemals übel nehmen. Der Mann stand sicher unter einem gewaltigen Druck, als er das sagte, er hat ja dann eine dritte Sinfonie auch nicht mehr fertig stellen können, vielleicht, weil er den Mißerfolg der zweiten ( die wunderbare Passagen enthält) einfach nicht verwinden konnte ( reine Spekulation, ich bin auch kein Elgarexperte).

Wie auch immer, die "Steilvorlage" bezog sich nicht darauf, daß Du hier jemanden bloß stellst. Nur zu dem Thema müßtest Du doch eigentlich etwas sagen können.

"Publikumsfreundlich", "publikumsfeindlich" - geht es darum? Ich finde es zum Beispiel sehr einsehbar und auch tolerierbar, wenn sich ein kreativer Künstler hinter Arroganz panzert. Nur bei "institutionalisierter Arroganz" bekomme ich meine Probleme, bei individueller dagegen habe ich auch kein Problem damit, als Konzertbesucher Mitglied eines "Haufens vollgefressener Schweine" zu sein.

Wenn aber jemand, allein aus der Tatsache heraus, daß er Komponist ist, glaubt, Arroganz verbreiten zu dürfen, dann mag ich das nicht ( womit ich nicht sage, daß dies ein verbreitetes Phänomen ist, denn soviele Komponisten kenne ich nicht, das sind alles Dinge, über die Du eigentlich etwas sagen können müßtest) aber als Persönlichkeit, als kreativer Künstler darf er meines Erachtens so arrogant sein, wie's geht ( solange dabei nicht die Selbstkritik völlig koppheister geht, aber das ist sein Problem).

Auch schon von daher verstehe ich nicht das, was Du oben gesagt hast. In Wahrheit kann das Publikum mit sehr viel Arroganz, wie auch Unfreundlichkeit des kreativen Künstlers leben. Glaube mir, Schweine sind sehr gutmütige Tiere, und wenn sie dann auch noch vollgefressen sind, kannst du alles mit ihnen anstellen.

Zitat

Aber gerade Neue Musik ist eine extreme Geschmacksfrage.


Das ist sie ganz sicher. Ich will ja auch nicht sagen, daß es nicht innerhalb der neuen Musik auch Musik gibt, die einfach nicht meinem Geschmack entspricht und die trotzdem gut sein kann. Trotzdem kommen wir so keinen Schritt weiter, weil wenn Du alles auf den Geschmack reduzierst, gibt es am Ende keine Diskussion mehr.

Meine Erfahrung mit Musik bis 1945 ist, daß ich durchaus differenzieren kann, zwischen Musik, die nicht unbedingt meinem Geschmack entspricht, die ich aber trotzdem auch ohne alle Einflüsterung hervorragend finde und Musik, die genausowenig meinem Geschmack entspricht, die ich aber trotzdem für schlecht halte.

Wenn du aber Urteilsvermögen mit Geschmack gleich setzt, dann gibt es keine Diskussion mehr. Natürlich ist eine Haltung wie sie hier in diesem Forum zum Ausdruck gebracht wird ( "Moderne Musik - sowas nehme ich sowieso nicht ernst") keine gute Gesprächsgrundlage. Nur fallen solche Haltungen ja nun auch nicht gerade vom Himmel, sondern da gibt es ja wohl auch wohl schon so gewisse Fehlentwicklungen.

Gruß Martin

Edwin Baumgartner

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19

Dienstag, 21. Februar 2006, 22:59

Hallo Martin!

Das wird jetzt wahrscheinlich wahnsinnig arrogant auf Dich wirken, aber es ist nicht so gemeint: Wenn Du mich als Komponist fragst, wie ich auf das Publikum reagiere - beim Komponieren eigentlich gar nicht.
Beim Schreiben eines Stücks ist das Publikum für mich meistens nicht präsent,es sei denn, der Auftraggeber bezieht es mit ein. Soll heißen: Als ich ein Stück für Schulorchester schrieb, von dem ich wusste, dass es als Zielpublikum primär die 1.-4. Klasse einer normalen Mittelschule (ohne spezifische musikalische Ausrichtung) hätte und auch von Schülern dieser Schule ausgeführt werden würde, habe ich zwar eine bestimmte technische Facette meiner Musik eingebaut, aber ich habe sowohl spiel- als auch anhörungstechnische Konzessionen gemacht.

Ich persönlich habe aber die größten Probleme,ein Werk zu entwickeln unter dem Aspekt "wie wird das Publikum wohl reagieren?". Und ich bin ziemlich überzeugt, dass kein Komponist so denkt.
Natürlich gibt es Möglichkeiten, einen Applaus zu erzwingen - und es gibt Möglichkeiten, eine totale Stille zu erzwingen. Aber so etwas als Selbstzweck einzusetzen, würde meiner Meinung nach nicht funktionieren.

Die Beziehung Komponist-Publikum geht natürlich in beide Richtungen. Wahrscheinlich zielt Deine Frage sowohl darauf ab, wie ich auf das Publikum reagiere als auch wie das Publkum auf mich reagiert.
Zum letzten Punkt kann ich nur soviel sagen: Meinen absolut größten Publikumserfolg hatte ich mit dem meiner Meinung nach schwächsten Stück, das ich geschrieben habe.
Meinen größten Misserfolg hatte ich mit einem Stück, das ich bis heute nicht für mein bestes, aber für ein ganz gutes halte. Ob mir der Misserfolg weh getan hat? -Ja, logisch. Aber damit muss man leben können - wie man auch damit leben können muss, dass man einige Werke für die Schublade schreibt.
Wichtig ist für mich die Arbeit am Werk selbst. Natürlich ist eine Aufführung ein Hochgefühl der besonderen Art, das werden Dir alle komponierenden Taministen bestätigen können. Aber das Erfinden von Musik macht mir persönlich einfach so viel Freude und Vergnügen, dass ich beim Schreiben wirklich an die Möglichkeiten, einen Erfolg herbeizuführen, als letztes denke.

LG
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Theophilus

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20

Mittwoch, 22. Februar 2006, 00:45

Zitat

Bei den Salzburger Festspielen dirigierte Daniel Barenboim im ersten Teil die (damals noch vier) "Notations" von Pierre Boulez und im zweiten Teil den Ersten Akt "Walküre" mit Siegmund als Domingo.

Eine hochinteressante Besetzung!

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Edwin Baumgartner

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21

Mittwoch, 22. Februar 2006, 09:55

Die Reihenfolge der Wörter ist wohl abgewogen, oh Theophilus!
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Uwe Schoof

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22

Mittwoch, 22. Februar 2006, 10:17

Hallo,

Zitat

Wenn Du mich als Komponist fragst, wie ich auf das Publikum reagiere - beim Komponieren eigentlich gar nicht

dies ist auch das Einzige, was ich als Musikhörer von einem Komponisten erwarte, dass er SEINE Musik macht. Der Erwartung anderer wegen aalgeglättete und dadurch vielleicht unpersönliche Musik ist nicht das, was mich wirklich interessiert.

Das autonome Komponieren ist natürlich ein Ideal; ich habe keine Erfahrung und Ahnung, wie ein Komponist damit umgeht, wenn er auf möglichst hohe Einnahmen durch die Kompositionen angewiesen ist. Auf jeden Fall haben mehrere gewagte und autonome Kompositionen die Musikgeschichte weiter gebracht; ansonsten wäre diese im trockenen Sand versickert.

Uwe
Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

Martin

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23

Mittwoch, 22. Februar 2006, 11:30

Zitat

Original von Uwe Schoof
Hallo,

Zitat

Wenn Du mich als Komponist fragst, wie ich auf das Publikum reagiere - beim Komponieren eigentlich gar nicht

dies ist auch das Einzige, was ich als Musikhörer von einem Komponisten erwarte, dass er SEINE Musik macht. Der Erwartung anderer wegen aalgeglättete und dadurch vielleicht unpersönliche Musik ist nicht das, was mich wirklich interessiert.



Ja, sicher, unpersönliche Musik interessiert keinen. Aber ich mag ja zum Beispiel sehr die Musik Malcolm Arnolds. Und ich finde zum Beispiel diesen einen Satz von ihm wunderbar ( sicher auch wieder aus irgend einem Begleitheft aufgeschnappt, weiß die Quelle nicht mehr): "Ich schreibe Musik, die ich selber gerne hören würde". Ein wirklich wunderbarer Satz, der anscheinend ja etwas völlig banales sagt, was aber anscheinend ja doch nicht so banal ist, und über den sich sicher diskutieren ließe.

Und vielleicht impliziert er ja sogar eine Kritik an manchem Komponistenkollegen, denn wenn Arnold meint, eine solche Musik zu schreiben, meint er vielleicht, daß manch anderer Komponist eine solche Musik eben nicht schreibt? Die Autonomie muß ein Komponist selbstverständlich nicht aufgeben. Aber wenn Malcolm Arnold seine eigene Musik so gut gefällt, daß er sie sogar selber hören möchte, dann ist das schon eine gute Grundlage, daß sie auch anderen gefällt.

Ansonsten: Der Dutilleux ( die Arte Nova CD) ist bestellt, die 3. von Lutoslawski werde ich mir mal vorknöpfen, Du siehst, Edwin, es geht bei mir voran!

Gruß Martin

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24

Mittwoch, 22. Februar 2006, 11:41

Gibt es von einem Komponisten das Statement, dass er Musik schreibt, die er nicht selber gerne hören würde?

Theophilus

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25

Mittwoch, 22. Februar 2006, 11:58

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Die Reihenfolge der Wörter ist wohl abgewogen, oh Theophilus!

Hab' ich mir gedacht, was aber nichts an der ungewöhnlichen Besetzung ändert! :D

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Edwin Baumgartner

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26

Mittwoch, 22. Februar 2006, 13:13

Hallo Kurzstueckmeister!
Ich kenne den Fall eines Komponisten, der geschrieben hat, was ihm gefällt, dem aber bewusst war, dass er damit rund 100 Jahre zu spät kommt. Also übergab er die Werke einem anderen Komponisten, der Modernismen hineinschrieb. Als man den ursprünglichen Komponisten einmal sagte, es sei doch seltsam, dass einige Stellen etwas modern klingen, sagte er: "Mir g'fallt das auch nicht, aber ich (hmh..., Anm.) schreib das halt für die Kritiker so."
LG
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klingsor

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27

Mittwoch, 22. Februar 2006, 13:21

hallo, wollte nicht auch schönberg eigentlich viel lieber 'romantisch' schreiben, 'konnte' es aber aus musikalischen/intellektuellen etc. gründen nicht mehr? (inwiefern das natürlich auch nur ein schnell dahinngesagtes bonmot (oder malmot) ist, kann ich nicht beurteilen ... was sagt man nicht so alles .... :D
--- alles ein traum? ---

klingsor

Edwin Baumgartner

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28

Mittwoch, 22. Februar 2006, 13:37

Nur stimmt das so nicht ganz: Schönberg hat ja wieder tonal geschrieben, etwa in der 2. Kammersymphonie. Später hat er dann auch Möglichkeiten gefunden, Zwölftontechnik und Tonalität zu verbinden - die "Ode an Napoleon" etwa ist IMO ein Stück, das voller romantischer Leidenschaft steckt. Auch das Klavierkonzert klingt eigentlich romantisch.
Meiner Meinung nach schreibt kein reifer Komponist gegen seinen eigenen Geschmack oder gegen seinen eigenen Intellekt, es sei denn, er parodiert etwas. Nur bringt er damit auch wieder seinen eigenen Geschmack zu Ausdruck.
...

klingsor

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29

Mittwoch, 22. Februar 2006, 13:58

da gebe ich dir völlig recht, edwin ...
vielleicht war es ein wenig mißverständlich geäußert oder aufgefaßt

wichtig ist das innere BEDÜRFNIS, das dann auch zum geschmack des kreativen wird ...

ich jedenfalls kann den ausspruch schönbergs vollkommen nachvollziehen, man fühlt sich dieser oder jener aussageform anheimgegegebn, liebt sie, kann aber nicht mehr so schreiben/komponieren/malen, aus einem inneren, intellektuellen, künstleriscjhem bedürfnis heraus ...

ich z.b. würde in meinem arbeiten auch gerne 'romantisch, symbolistisch etc.' schreiben, habe das auch, dann aber eingesehen, daß ich so nicht weiterkomme und meinen stil radikal geändert und wollte dies auch gar nicht mehr anders ... der geschmack hat sich eben geändert und auch das, was man aussagen möchte

vielleicht dann wieder im 'altersstil' .... ;)
--- alles ein traum? ---

klingsor

Siegfried

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30

Donnerstag, 23. Februar 2006, 11:07

RE: "Was sitzen sie da wie die vollgefressenen Schweine." - Der Komponist und das Publikum

Wenn ich an den alljährlichen "Almauftrieb" zur Premiere auf Bayreuths Grünen Hügel denke,dann wundert mich diese Überschrift nicht.
An diesem Tag gilt nur "Sehen und gesehen werden".Der Frust an Tristans Lust wird dafür gerne in Kauf genommen.Prominente Beispiele gibts genug,so daß Namensnennungen überflüssig sind.
Freundliche Grüße Siegfried