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Alfred_Schmidt

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1

Mittwoch, 5. April 2006, 12:20

Betrachtungen zum Wesen Anton Bruckners

Liebe Forianer

Anton Bruckner ist ein Fixstern in unserem Forum - haben wir doch einige sehr profunde Bruckner-Kenner unter uns, die teilweise weit über den Bereich unseres Forums bekannt sind.



Dennoch - was wissen wir über den Menschen Bruckner ?

Über den Lehrer ? Über den Komponisten im Umgang mit Medien (Zeitungen gab es ja schon - die Kritik ist ja nicht gerade zimperlich mit ihm umgegangen - die Karikaturisten ebensowenig) sein Verhältnis zur Religion -Gedanke drüber wie Bruckner denn nun zu interpetieren sei: WeiheVoll pseudoreligiös - oder eher sachlich . All das hat in diesem Themenkreis Platz. Vielleicht lerne ich was neues dabei

mfg
aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Holger_Grintz

unregistriert

2

Mittwoch, 5. April 2006, 15:55

das ist ein weites Feld....

ich werde hier im Laufe der Zeit zu folgenden Komplexen Bruckners Wesens etwas loslassen:

- Bruckner und die Frauen
- Bruckners Zählmanie
- Bruckners Ess- und Trinkgewohnheiten
- Bruckners Zeugnissammelwut
- Bruckners Religiosität
- Bruckners Unterwürfigkeit
- Bruckners Humor


Das soll jetzt aber keine "Reservierungsliste" sein, sondern erstes Brainstorming, das bestimmt nur einen kleinen Teil des gesamten Wesensspektrums Anton Bruckners abdeckt.

Edwin Baumgartner

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3

Mittwoch, 5. April 2006, 16:06

Ich glaube nur, dass wir uns gleich zu Beginn dieses Threads, den ich für einen der Spannendsten Komponisten-Threads bei Tamino halte, von Diskussionen verabschieden sollten betreffend Bruckners Bildungsniveau. Er war kein Bauerntrottel, der zufällig ein Genie war. Bruckner war ausgebildeter Lehrer - und gehörte damit nach den damaligen Verhältnissen in Österreich zum gebildeten Bürgertum.

Dass er durch seine Verhaltensweisen und sein Auftreten (als "Geschorener", nämlich bartlos und mit kurzgeschnittenem Haar traten vor allem Bauern auf, was Bewohnern ländlicher Gegenden in Österreich heute noch den Spottnamen "G'scherte" einträgt) der Meinung Vorschub leistete, man habe es mit einem "Deppen" zu tun, ändert daran nichts.
Manchmal frage ich mich, ob sich Bruckner nicht mit voller Absicht als Gottesnarr inszenierte.
...

Theophilus

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4

Mittwoch, 5. April 2006, 16:18

Kleine Ergänzung:

Zitat

als "Geschorener", nämlich bartlos und mit kurzgeschnittenem Haar traten vor allem Bauern auf, was Bewohnern ländlicher Gegenden in Österreich heute noch den Spottnamen "G'scherte" einträgt

Der Begriff "Gescherter" rührt daher, dass in feudalen Zeiten nur Personen von Stand das Tragen langer Haare erlaubt war. Personen von niederem Stand mussten mit kurz geschnittenem ("geschertem") Haar auftreten ("Bundesheerschnitt" ;) ).

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Edwin Baumgartner

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5

Mittwoch, 5. April 2006, 16:38

@Theophilus, teilweise off topic: Völlig richtig. Aber in weiterer Folge waren geschorener Kopf und bartloses Gesicht charakteristisch für Bauern. Deshalb wird das Wort "G'scherte" vor allem von Städtern für die Landbevölkerung verwendet, nicht vom Bürgertum gegenüber Arbeitern.
Bruckners kurz geschnittenes Haar und bartloses Gesicht muss in den Kreisen von Intellektuellen und Gelehrten (in denen er als Universitätsprofessor verkehrte) als Affront gewirkt haben. Ich könnte mir vorstellen, dass Bruckner mit Absicht so aufgetreten ist, um seine Außenseiterrolle zu unterstreichen.
...

nala

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6

Mittwoch, 5. April 2006, 16:39

er wurde ja auch belächelt wegen der zu kurzen Hosen (=Hochwasserhosen), dabei hatte es den simplen und einleuchtenden Grund, daß ihn lange beim Orgelspiel gestört hätten.

Ich würde gerne wissen, ob er als männliche Jungfrau gestorben ist....
WHEN MUSIC FAILS TO AGREE TO THE EAR;
TO SOOTHE THE EAR AND THE HEART AND SENSES;
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BigBerlinBear

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7

Mittwoch, 5. April 2006, 18:40

Edwin:

Zitat

Manchmal frage ich mich, ob sich Bruckner nicht mit voller Absicht als Gottesnarr inszenierte.


Ich bin überzeugt davon, daß es sich genau so verhielt. Wer einmal einen Blick in Bruckners Antritssvorlesung an der Wiener Universität vom 25. 11.1875 geworfen hat, dem ist nach wenigen Sätzen klar, daß es sich bei ihm nicht um einen Dorf-Deppen handelt, den es in die große, weite Welt verschlagen hat sondern wir begegnen jemandem, der glasklar zu formulieren versteht und ganz genau weiss, was er will.
Das "Gottesnarrentum" hat er sicher dazu gebraucht, um sich lästige Leute, die es in Wien (damals wie heute) reichlich gab, vom Halse, und wichtiger noch, von der Seele zu halten !
Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

klingsor

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8

Mittwoch, 5. April 2006, 18:42

na, das wird ja ein seeeehr spannender thread über einen meiner großen favoriten werden ... ich lese mit höchster spannung mit , kann aber außer ein paar anekdoten nichts wirklich gewichtiges über seine PERSON sagen, höchstens etwas über die musik ...aber die ist hier ja nicht gefragt ... :baeh01:
--- alles ein traum? ---

klingsor

Edwin Baumgartner

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9

Mittwoch, 5. April 2006, 20:59

Zitat

Wer einmal einen Blick in Bruckners Antritssvorlesung an der Wiener Universität vom 25. 11.1875 geworfen hat,


Interessant, dass Du genau diesen Text erwähnst. Ich stieß zufällig auf ihn - und er brachte mich zum Nachdenken. Selbst in diversen Vorlesungen an der Musikwissenschaft wurde Bruckner "zu meiner Zeit" noch als halber Trottel dargestellt. Nach der Lektüre dieses Textes brachte ich dann zwei Dozenten zur Verzweiflung, weil ich darauf insistierte, dass ein Beinahe-Analphabet nie und nimmer so etwas schreiben könne.
Für mich verblüffend ist dabei: Wenn man die Traktate dieser Zeit liest, fällt einem ein künstlich gewundener Stil auf, der absolut nicht präzise ist. Und gerade Bruckner, der die absurdesten Anreden und Grußformeln erfinden konnte (hat er dabei über die Eitelkeit dieser Zielpersonen eigentlich gewiehert vor Lachen?), formuliert klar, präzise, ohne einen sprachlichen Ausrutscher. Das muss ein hoch intelligenter Mann gewesen sein, der ganz einfach für sich selbst beschlossen hat, auf gewisse Dinge zu verzichten um seiner selbst definierten Wahrheit zu leben. Ich finde das wirklich bewundernswert.
...

BigBerlinBear

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10

Mittwoch, 5. April 2006, 22:04

Nala:

Zitat

Ich würde gerne wissen, ob er als männliche Jungfrau gestorben ist....


Hm, die biografischen Eckdaten lassen das vermuten. Seine Musik dagegen wirkt wenig asketisch. Letztendlich würde man dann nur wissen, daß auch jemand, der keinen Sex hatte, großartig komponieren konnte ! :baeh01:
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11

Mittwoch, 5. April 2006, 22:10

Zitat

Bruckner, der die absurdesten Anreden und Grußformeln erfinden konnte


Unvergesslich in diesem Zusammenhang der Anfang des Kondolenzbriefes nach dem Tode wagnsers an Cosima:

Hoch zu verehrende gnä. Frau, etc., etc.




:D :D :D :D :D :D :D
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Austria

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12

Donnerstag, 6. April 2006, 07:40

Zitat

Original von BigBerlinBear
Nala:

Zitat

Ich würde gerne wissen, ob er als männliche Jungfrau gestorben ist....


Hm, die biografischen Eckdaten lassen das vermuten. Seine Musik dagegen wirkt wenig asketisch. Letztendlich würde man dann nur wissen, daß auch jemand, der keinen Sex hatte, großartig komponieren konnte ! :baeh01:


Meine Theorie: EBEN DESWEGEN.

;-)
Austria
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Oolong

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13

Donnerstag, 6. April 2006, 08:35

Wenn dies so wäre - ich sage WENN ( und rufe die Herren Bach und Händel zum Beweis des Gegenteils in den Zeugenstand) - würde ich mir allerdings schon die Frage stellen, ob Bruckner nicht freiwillig auf die Symphonien 1-3 verzichtet hätte, wenn er statt ihre ohne die anderorts erwähnte Gummihose Glückseligkeit erlebt hätte... :stumm: :baeh01:

Gruß
Stefan
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BigBerlinBear

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14

Donnerstag, 6. April 2006, 08:55

Oolong:

Zitat

und rufe die Herren Bach und Händel zum Beweis des Gegenteils in den Zeugenstand)


Lieber Stefan, also Bach hatte aus 2 Ehen immerhin 20 Kinder, was zumindest nahe legt, daß er Sex hatte. Wie gut oder schlecht jener war, lassen wir mal dahingestellt.

Die Tatsache, daß Händel unverheiratet blieb, sagt ebenfalls nichts zu diesem Thema aus, aber dem trau ich zumindest zu, daß er Sex hatte, nur schien es in der Zeit, in der er lebte geraten, das nicht an die "große Glocke" zu hängen ! :D

Liebe Austria, hier haben wir gleich 2 Beispiele für Komponisten, die sowohl Sex hatten und deren Werke die allerübelsten dennoch nicht sind ! :D
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Holger_Grintz

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15

Donnerstag, 6. April 2006, 08:55

Zitat

"Er liebte oft und oft,
aber stets nur par distance und diskret"
Josef Kluger über Bruckner


Bruckner hegte kaum einen sehnlicheren Wunsch, als die Bindung an eine Lebensgefährtin.
Meist waren es sehr junge Mädchen, in die er sich "verliebte", er sprach von „Flammen“, Vertraute nannten es „Strohfeuer“.

Ob es ihm dabei eher um eine familiäre Ordnung oder auch um körperliches Empfinden ging, entzieht sich meiner Kenntnis. Gegenüber seinem Vertrauten Weinwurm sprach er des öfteren davon, dass er „verliebt“ sei.

Wenn man aber dann seine Vorgehensweise näher unter die Lupe nimmt, nämlich förmliche Briefe an die entsprechenden Damen, dann stellt sich schon die Frage, wie ernst es ihm mit dem Heiraten eigentlich war. Lediglich nach der Absage von Josefine Lang (Tochter eines Linzer Fleischhauers) soll er einen Tobsuchtsanfall bekommen haben – allerdings hatte er sich bereits zwei Wochen später mit Henriette Reiter, einer achtzehnjährigen Wienerin, bereits ein neues Opfer für seine Heiratspläne ausgesucht (1866, Bruckner war zu der Zeit 42 Jahre alt).

Ob er diese Pläne hegte, um nach außen ein geordnetes Leben zu dokumentieren, und nach innen dadurch die Möglichkeit geschaffen würde, sich zu 100% seiner kompositorischen Arbeit zu widmen, ist reine Spekulation.

Relativ sicher ist, dass Bruckner bis an sein Lebensende enthaltsam gelebt hat. So äusserte er im Jahr 1892 gegenüber dem Hamburger Musikkritiker Wilhelm Zinne, dass er in seinem ganzen Leben kein Verhältnis gehabt habe. Seiner Haushälterin Kathi Kachelmeyr beichtete er einmal, dass er in jungen Jahren einmal gesündigt habe:

er hatte ein Mädchen geküsst.

Austria

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  • »Austria« ist weiblich

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16

Donnerstag, 6. April 2006, 09:06

Hallo Bär,

Liebe Austria, hier haben wir gleich 2 Beispiele für Komponisten, die sowohl Sex hatten und deren Werke die allerübelsten dennoch nicht sind ! großes Grinsen

Ich meinte das so: die, die ein erfülltes Eheleben hatten, konnten aus dieser seelisch und körperlich gefestigten Beziehung kompositorisch schöpfen. Auch eine außereheliche Liebe (siehe Wagner) konnte/kann zu Höhenflügen animieren.

Die, die das nicht hatten, haben ihre Sehnsüchte und Träume sublimiert und in Musik umgewandelt. Es geht ja hier insbesondere um Bruckner - und ich halte rein gefühlsmäßig die wenigsten seiner Symphonien für "dem lieben Gott gewidmet", sondern sehr wohl auch als Ausdruck seiner höchst irdischen Empfindungen. Wir werden es jedoch nie erfahren.....

LG
Austria
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Oolong

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17

Donnerstag, 6. April 2006, 13:08

Hallo Austria,

das Bruckner seine für mich unzweifelhaft vorhandenen Sehnsüchte sublimiert hat, sehe ich genau so. Nur hat er sie direkt hörbar in Musik umgewandelt?
Ist es nicht eher so, daß er mit ihnen den Umweg über seine Religiosität ging, also quasi seine ausgeprägte Frömmigkeit in ihrer Wesensart durch seine unerfüllten Sehnsüchte zumindest mitgeprägt wurde?
Er hätte dann schon seine Arbeit dem lieben Gott gewidmet,dies aber tat er AUCH weil er von unerfüllten Sehnsüchten getrieben war!

Ein in der Seelsorge durchaus häufiger anzutreffendes, typisches Muster!

Leider weiß ich bisher zu wenig über Bruckner um dies tiefgründiger zu analysieren - aber Abhilfe naht:
Wolfgang Behks große Bruckner- Biografie ist schon gekauft und wird demnächst gelesen!

Gruß
Stefan
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Holger_Grintz

unregistriert

18

Donnerstag, 6. April 2006, 14:19

Zitat

Original von Oolong
Wolfgang Behks große Bruckner- Biografie ist schon gekauft und wird demnächst gelesen!


Das ist sehr spannend und kurzweilig geschrieben, man erfährt mit Sicherheit einiges über Bruckner, allerdings ist vieles, was dort zu lesen ist, nicht belegt.

Ich muss immer wieder über die Stelle lachen:

Zitat

[...] Bülow, der hypernervöse moderne Orchestererzieher, der 1865 im Hotel "Vier Jahreszeiten" die Partitur-Seiten der ersten Bruckner-Symphonie mit Staunen und Begeisterung durchgeblättert hat, verdient am Ende unser Mitleid, wenn er 1886 in einem Anfall von Gemütsumnachtung aus Budapest eine Depesche an das Wiener Obersthofmeisteramt richtet: "Lassen Sie sofort Anton Bruckner nach Sofia reisen. Er ist zum Fürsten von Bulgarien gewählt worden. Unterzeichner: Hanuschkoff." Es lag solcher Spitzbüberei die richtige Einschätzung von Bruckners später geradezu absurde Blüten treibende Eitelkeit zugrunde. In der Tat überlegte Bruckner, ob er sich für den bulgarischen Thron doppelt oder dreifach Wäsche einpacken soll. Da trifft ein weiteres Telegramm ein: "Schicken Sie sofort 10 000 Photographien Anton Bruckners nach Sofia, das Volk schreit nach dem Bild seines Fürsten." Erst jetzt erschrickt Bruckner über den höllischen Spaß und erklärt im Obersthofmeisteramt, "zum grossen Leidwesen der Weltgeschichte" könne er den bulgarischen Fürstenthorn nicht annehmen. [...]

Zitat aus: Wolfgang Johannes Bekh, Anton Bruckner, Biographie eines Unzeitgemäßen, Seite 367, Gustav Lübbe Verlag ISBN 3-7857-2037-8


Um das Wesen Bruckners zu verstehen, eignet sich imho Floros, Anton Bruckner, Persönlichkeit und Werk, besser. Floros zeigt die unterschiedlichen Bruckner-Bilder zunächst auf (vom karrieregeilen Manager-Typ bis zum einfältigen Trottel) und räumt dann mit einigen Vorurteilen gründlich auf. Zwar bleiben am Ende viele Fragen offen, wie sollte es auch anders sein, jedenfalls schreibt Floros nur das, was er selbst in umfangreichen Studien am Original-Material herausgefunden hat.

Das Zitat "Bruckner, ein einfältiger Mensch-halb Genie, halb Trottel" ordnet er Gustav Mahler zu. Max Auer, den Bekh auch zitiert, ordnet dieses Zitat Hans von Bülow zu. Möglich, daß beide es gebracht haben.

Oolong

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19

Donnerstag, 6. April 2006, 15:39

Danke Holger,

ich nehme die Anregung auf meinen Merkzettel - mal sehen, wieviele Fragen Bekh bei mir offen läßt.

Jene von Dir zitierte groteske Begebenheit ließ mich schon mal sehr breeeeiiiiit grinsen... :D

Bin gespannt auf Fakten UND Anekdoten!

Gruß
Stefan
Psalmen sprechen und Tee trinken kann niemals schaden!

Holger_Grintz

unregistriert

20

Freitag, 7. April 2006, 08:57

Guten Morgen allerseits,

ich hatte in der ersten reply oben mit Absicht zunächst die "Marotten" Bruckners genannt, und hatte eigentlich vor, zu jedem dieser Komplexe etwas zu schreiben.

Ganz unbewusst ist mir in meiner Hektik genau das passiert, was ich an Leuten kritisiere, die Bruckner nicht oder nur sehr wenig kennen:

Die Persönlichkeit Bruckners wird reduziert auf die vermeintlich negativen, skurrilen und abseitigen Eigenschaften dieses Mannes.

Der britische Regisseur Ken Russell beispielsweise hat dem Zählwahnsinn Bruckners einen ganzen Film gewidmet, den ich allerdings selber noch nicht gesehen habe und auch nicht schauen werde.

Würde ich ein Drehbuch zu einem Bruckner-Film schreiben, dann würde ich seine Kindheit, die Windhaager Zeit und St. Florian in den Mittelpunkt rücken.

Ausser Bruckner würde ich die Rollen Hanslick, Brahms, Wagner, Kathi und Weinwurm besetzen neben einigen Nebenrollen, wie seine Lehrer z.B.

Ich würde versuchen, herauszuarbeiten, wie geradlinig und konsequent seine "Karriere" eigentlich verlaufen ist, und wie er trotz des ständigen Widerstandes von aussen sich nie hat davon abbringen lassen, seinen eigenen Weg zu gehen.

Bei Bekh werden zwei Szenen beschrieben, einmal , wie Bruckner in eine tiefe Gruft steigt, und dann völlig verschmutzt aber hochstolz mit ein paar Knochenfunden wieder auftaucht.

Eine andere Szene ist Faszination Bruckners für Berge, so z.B. der Montblanc. Er musste, als er dort war, diesen unbedingt besteigen.

Diese zwei Extreme, nämlich das Dunkle, Tiefe und Abgründige und die Beklimmung höchster Gipfel----das ist für mich Bruckner, so sehe ich auch seine Musik.

Die vermeintlichen "Fehlausbildungen" in seiner Persönlichkeit und in seinem Wesen sehe ich als logische Konsequenz seines Lebenslaufs.

nala

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21

Freitag, 7. April 2006, 09:05

Guten Morgen Holger und alle anderen Frühaufsteher,

sehr schön, wie Du Bruckner beschreibst.

Daß man heute eher seine Marotten erwähnt, ist aber doch klar, oder?
Neben seiner überwältigen Musik, die fast unbegreiflich ist, bleiben eben die "Gschichtl'n" übrig, die sich leicht weiter erzählen und überliefern lassen.

Ich empfehle übrigens jedem von Ansfelden aus einen Spaziergang im Hochsommer, kurz bevor das Getreide geerntet wird. Vielleicht geht ein bisschen Wind und die Felder wogen, die Wolken treibt es über den Himmel. Das muss man erlebt haben!

Man bekommt im Bruckner-Zentrum einen Kopfhörer verpasst und wandert (wandelt) über den Bruckner-Wanderweg nach St. Florian. Während die 9. Sinfonie in den Ohren dröhnt, kommen die Türme des Stiftes in Sicht....
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22

Freitag, 7. April 2006, 10:51

Zitat

Original von Holger_Grintz
Der britische Regisseur Ken Russell beispielsweise hat dem Zählwahnsinn Bruckners einen ganzen Film gewidmet, den ich allerdings selber noch nicht gesehen habe und auch nicht schauen werde.

.


warum nicht? die ken russell filme waren immer recht lustig! wilde 70er jahre ästhetik halt, wobei dieser kleine brucknerfilm von später ist und recht harmlos, im vergleich zum mahler beispielsweise.

:beatnik:
erkenntnis braucht oft lange -selbst für selbsterkenntnis ist es nie zu spät

Edwin Baumgartner

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23

Freitag, 7. April 2006, 11:22

Ken Russell ist ja ein recht originelles Kerlchen, und ich als alter Horrorfilm-Fan mag ja seine "Schlangenfrau" recht gerne. Die Komponistenfilme sind freie Fantasien, um nicht zu sagen Delirien, über bestimmte Aspekte eines Komponistenlebens. Ganz amüsant, aber ohne biografischen Wert.

In der Schule lernten wir folgende Unterscheidung zwischen Bruckner und Mahler: Bruckner war der gesunde Landmensch, Mahler der nervöse Städter. Und das sei auch in der Musik zu merken.

Dass ich nicht lache!

Bruckners Neurosen dürften die Mahlers weit übertroffen haben - und während sich Mahler einer Psychoanalyse unterzog, dürfte Bruckner ja auch kurze Zeit in einem "Sanatorium" gewesen sein.

Ich glaube, dass vieles von Bruckners Schrullen teilweise einer Kompensation entspringt, teilweise einer Selbstinszenierung. Man machte sich in der Großstadt Wien lustig über den Oberösterreicher mit seinem Akzent - also übertreibt er ganz bewusst, iszeniert sich als "Bauernschädel", liebdienert, buckelt - und ironisiert auf diese Weise die städtische Welt - bis ihm dieses Wesen zu seinem eigenen Wesen wird.

Er soll auch an Verfolgungswahn gelitten haben. Mag sein. Tatsache ist aber, dass er verfolgt wurde, nämlich von Brahms und Umgebung. Tatsache ist auch, dass Wagner vielleicht schöne Worte gesagt, für ihn aber keinen Finger gerührt hat. Kaum ein Komponist war künstlerisch - und wahrscheinlich auch menschlich - so einsam wie Bruckner.

Ich erkläre mir auf eine gewisse Weise so auch seinen Zwang, dauernd Prüfungen ablegen zu müssen. Er will der Welt zeigen, dass er sein Handwerk kann - dann kann man seine Werke nicht als Dilettanten-Murks abtun, sondern muss anerkennen, dass sie mit Absicht so geschrieben sind.

Und man macht sich lustig über seinen Ehrgeiz. Genau dieser Charakterzug ist aber zu Bruckners Zeit den meisten Personen höheren Standes zu eigen - nie würde man sich über ähnliche Facetten des Ehrgeizes bei Hanslick, Brahms, Wagner etc. mokieren. Aber Bruckner, der Bauerntrottel, ist ein willkommenes Opfer. Er passt nicht in diese Gesellschaft - und diese Gesellschaft merkt gar nicht, dass Bruckner, wie ein Gottesnarr, ein Spiel zwischen Anpassung und Isolation betreibt, hier einmal ehrgeizig, dort augenzwinkernd, da bäuerlich, dort intellektuell brillant. Er selbst entscheidet, wie er auftritt - und er macht es, um sich Freiräume zu schaffen, sowohl um Feinde wie auch um Freunde in einer gewissen Distanz zu halten.
...

nala

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24

Freitag, 7. April 2006, 12:31

über sein Talent befragt, woher es komme, antwortete Bruckner: "Der liebe Gott hat's mir geben." Einmal sagte er: "Wenn mi der Herrgott zu sich ruaft und mi fragt: >Was hast mit dein Talent angfangen, mit dem i di beschenkt hab?< dann werd i Ihm mei Te Deum zu Füßen legen und Er wird mir ein gütiger Richter sein."
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Holger_Grintz

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25

Freitag, 7. April 2006, 12:55

Zitat

Original von Edwin Baumgartner

Bruckners Neurosen dürften die Mahlers weit übertroffen haben - und während sich Mahler einer Psychoanalyse unterzog, dürfte Bruckner ja auch kurze Zeit in einem "Sanatorium" gewesen sein.



Mahlers Psychoanalyse hat glaube ich genau einen Nachmittag gedauert (bei Freud auf der Couch), Bruckner hat meines Wissens mindestens vier Wochen in Karlsbad?? verbracht, und eine Wasserkur gemacht, weil er kurz vor dem "Irrsinn" stand.
Das muss ich aber noch mal nachschauen, ich weiss es aus dem Kopf nicht mehr ganz genau.

Austria

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26

Freitag, 7. April 2006, 13:10

@Holger

ja, Mahler traf Freud in Leiden (nomen est omen).

Bruckner war in Bad Kreuzen.

LG
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  • »helmutandres« ist männlich

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27

Freitag, 7. April 2006, 15:21

Türme in Sicht

Zitat

Original von nala
...
Ich empfehle übrigens jedem von Ansfelden aus einen Spaziergang im Hochsommer, kurz bevor das Getreide geerntet wird. Vielleicht geht ein bisschen Wind und die Felder wogen, die Wolken treibt es über den Himmel. Das muss man erlebt haben!

Man bekommt im Bruckner-Zentrum einen Kopfhörer verpasst und wandert (wandelt) über den Bruckner-Wanderweg nach St. Florian. Während die 9. Sinfonie in den Ohren dröhnt, kommen die Türme des Stiftes in Sicht....


Hmm, genauso war's im letzten August, nur die Türme kommen eigentlich nicht in Sicht. Bei der letzten Station steht man eher plötzlich vor ihnen. Was aber auch sehr beeindruckt.

  • »helmutandres« ist männlich

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28

Freitag, 7. April 2006, 15:39

Das Interesse am Menschen Bruckner

unterstreicht das Rätsel, das seine Musik für uns ist.

Eine zusammenhängende Deutung, fürchte ich, werden wir weder von dem einen noch von der anderen in unserem jetzigen Weltverständnis je erfahren. Ohne ins mystische oder mystifizierende ausweichen zu wollen, empfinde ich seine menschliche Existenz als Sublimat einer uns (noch) nicht zugänglichen Ordnung, die sich - vielleicht - eines Tages über seine Musik erschließen wird.

nala

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  • »nala« ist weiblich

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29

Freitag, 7. April 2006, 16:12

Türme in Sicht

Hmm, genauso war's im letzten August, nur die Türme kommen eigentlich nicht in Sicht. Bei der letzten Station steht man eher plötzlich vor ihnen. Was aber auch sehr beeindruckt.
__________________

.... :hello: vielleicht bin ich anders gegangen....... *laaaach


... und noch ein Gschichterl:
In Linz übernahm Bruckner neben seiner Tätigkeit als Domorganist auch die Leitung eines Gesangvereins. Besonders das piano-Singen hatte es ihm angetan, es war ihm immer zu laut. Einmal, mehrfach schon hatte er eine pianissimo-Stelle abgeklopft, vereinbarten die Chormitglieder einfach nur stumme Mundbewegungen zu machen. Bruckner sagte am Schluss der Stelle: "So war's wunderschön!"
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Edwin Baumgartner

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30

Samstag, 8. April 2006, 11:16

RE: Türme in Sicht

Wenn nalas Geschichte stimmt (also wirklich passiert ist und nicht nur von Bruckner-Biografen wie dem einfallsreichen Göllerich erfunden wurde), wäre das wieder so eine typische Bruckner-Anekdote, die man auf zwei Arten sehen kann: Der etwas naive, ein wenig vertrottelte Bruckner, der der gute Miene zum bösen Spiel macht. Oder der witzige und schlagfertige Musiker, der einen Scherz sofort in die Gegenrichtung kehrt.
Ebenso die andere Geschichte, in der Bruckner eine unvorbereitete Dissonanz mit dem unangekündigten Besuch der Schwiegermutter verglich. Im Zusammenhang mit dem tradierten Bruckner-Bild die Aussage eines Dorfdeppen. Aber jetzt stellen wir uns einmal vor, Strawinskij hätte das gesagt - jeder geriete in Entzücken wegen dieses intellektuell brillanten Bonmots...!
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