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  • »Johannes Roehl« ist männlich
  • »Johannes Roehl« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 11 228

Registrierungsdatum: 12. August 2005

1

Freitag, 14. April 2006, 17:43

Die Brockes-Passion

Ich eröffne mal einen eigenen thread hierfür, wenn die Moderatoren es für klüger erachten, kann der Text aber auch an "Passionsmusik außer Bach" angehängt werden.)

Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus

ist das Passions-Oratorium von Barthold H(e)inrich Brockes (1680-1747) betitelt.

Dieser Text wurde von Keiser (1712), Telemann (1716), Händel (1716/17) und Mattheson, der zur Passionszeit 1719 alle Vertonungen der drei vorhergehenden sowie seine eigene in Hamburg aufführte, sowie etlichen weiteren Komponisten (u.a. Stölzel) vertont. Auch Teile des Textes zu Bachs Johannespassion basieren auf dem Brockesschen Text.
Man vergleiche etwa den "Eingangschor" (in Händels Vertonung der einzige Chor außer den Turbae und Chorälen):

"Mich vom Stricke meiner Sünde zu entbinden, wird mein Gott gebunden.
Von der Last der Eiterbeulen mich zu heilen, läßt er sich verwunden."

mit der Alt-Arie (Nr. 7) der Bachschen Johannespassion

"Von den Stricken meiner Sünden
mich zu entbinden
wird mein Heil gebunden.
Mich von allen Lasterbeulen
Völlig zu heilen
Läßt er sich verwunden."

(Bach besaß eine Abschrift der Händelschen Brockespassion; ich weiß aber nicht, ob er diese Vertonung und die der anderen schon kannte als er die Johannespassion schrieb. Eine Gemeinsamkeit gibt es in der Arie mit Choreinwürfen "Eilt ihr angefochtnen Seelen")

Ich kenne bisher nur Händels Version, um die soll es hier zunächst gehen.
Es scheint bis heute nicht ganz geklärt, was Händel bewog, dieses Werk zu komponieren. Im Booklet meiner CD (Brilliant, ursprgl. bei hungaroton erschienen) wird die Vermutung geäußert, Mattheson habe in einer Art "Wettbewerb" die beiden berühmtesten deutschen Komponisten Händel (der ja eigentlich schon in England lebte) und Telemann sowie die Hamburger Lokalmatadore Keiser und sich selbst nebeneinanderstellen wollen. Es ist jedenfalls so weit ich sehe Händels einziges größeres geistliches Werk in deutscher Sprache (es gibt eine frühe "Johannespassion" (1704), allerdings unsicherer Autorschaft). Außerdem komponierte er die schönen "9 deutschen Arien", ebenfalls auf Texte von Brockes (aus dessen
berühmten Sammlung "Irdisches Vergnügen in Gott", die Brockes Dichtkunst m.E. von einer wesentlich besseren Seite zeigen als die Passion)

Die Sprache Brockes (einer der bekanntesten geistlichen Dichter dieser Zeit und Ratsherr der Stadt Hamburg!) ist gewöhnungsbedürftig (d.h. stellenweise unerträglich, s.o.), von barocker Drastik und Symbolik. Dazu basiert der Text des Evangelisten und der Personen zwar natürlich auf den Evangelien, ist aber ausgeschmückt und in Versform inklusive Reimen gefaßt.
Zusätzlich zum Evangelisten, Christus, Petrus und kleinen Rollen (Judas, Pilatus etc.) gibt es zwei allegorische Figuren, denen die kommentierenden und kontemplativen Arien zugedacht sind: die "Tochter Zion" (die heimliche Hauptrolle, sie hat mit Abstand am meisten Arien) und "die Gläubige Seele". Der Part des Petrus ist anders als z.B. in Bachs Passionen fast opernhaft ausgestaltet; er hat nicht weniger als 4 Arien. Insgesamt ist Händels Vertonung ziemlich opernhaft; es gibt sehr viel häufiger kleine "Dialoge" zwischen den Figuren (und sogar zwischen der Tochter Zion und Jesus!), ein erschrecktes Auffahren der Jünger, als Jesus sie im Garten zum Wachen ermahnt usw.

Es ist nicht leicht, dem Werk Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, da man sich kaum vom übermächtigen Eindruck der Bachschen Passionen lösen kann. Händels Passion ist jedoch in vieler Hinsicht völlig anders (abgesehen davon, dass vermutlich auch der eifrigste Händel-Freund die Brockes-Passion nicht für eines seiner Hauptwerke halten wird). Sie war nicht zunächst zur Verwendung im Gottesdienst, sondern für wirkliche Konzerte in der Passionszeit gedacht. Daher enthält sie nur relativ wenige,
größtenteils sehr einfache Choräle und außer den turbae nur einen Chor. Man darf also auch keine mächtigen und mitreißenden Chöre wie in den späteren Oratorien (oder im Dixit Dominus) erwarten. Es ist ziemlich lang, ca. 3 Stunden, die 106 einzelnen Nummern sind aber oft sehr kurz (Arien oft nur ca. 2 min). Dadurch ergibt sich, trotz vieler opernhafter Momente, weder der Eindruck einer fast atemlosen dramatischen Erzählung wie in Bachs Johannespassion noch die epische, aber wohlstrukturierte Breite und mystische Tiefe der Matthäuspassion. Ich will nicht näher auf einzelne Stücke eingehen, nach meinen bisherigen Eindruck (ich habe das Stück
jetzt zweimal recht kurz hintereinander gehört, davor vor vielleicht zweimal in den letzten beiden Jahren) stehen durchaus großartige Stücke neben eher routinierten. Der Bookletautor meint, dass Händel sich in diesem Genre anscheinend weniger "wohlgefühlt" ("at ease") habe als in seinen größten Werken. Das sähe man u.a. an den Stücken der Passion, die er für spätere
Werke adaptierte (Esther, Deborah, Athalia, die kenne ich alle nicht) und die dort besser und angemessener wirken würden. Er schiebt das auf das vorgegebene Libretto, das Händel nicht die gewohnten Freiheiten ließ und auf die Distanz von Händels Persönlichkeit zum Pietismus des Texts. (Ich finde das nur mäßig überzeugend, kenne indes eben weder die Vertonungen der Konkurrenten noch die genannten Händel-Oratorien.)

Interessant wären Kommentare der Barock und Kirchenmusikspezialisten, die vielleicht Keisers oder Telemanns Brockes-Vertonungen kennen.

Die Hungaroton/Brilliant-Einspielung ist von weitgehend ordentlicher Qualität; einige der Solisten sind gut oder sehr gut oder (Evangelist: M. Klietmann, Petrus: Guy de Mey (Tenor), Tochter Zion: M. Zadori (Sopran), auch Christus: Istvan Gati und Judas: D. Minter (Altus)), bei anderen (glücklicherweise fast nur für die Minirollen wie die Mägde oder die falschen Zeugen eingesetzt) hört man doch sehr deutlich den ungarischen Akzent (Tenor-Arien) oder andere Unzulänglichkeiten. Der "Stadtsingechor Halle", relativ groß und teils mit Knabenstimmen besetzt, wird seiner vergleichsweise bescheidenen Aufgabe aber durchaus gerecht.

Diese Einspielung ist bei "Brilliant Classics" sehr preiswert zu haben, wer Interesse an Barockmusik jenseits der zentralen Werke hat, sollte sich das Werk unbedingt mal anhören.
Es gibt so weit ich weiß nur eine einzige weitere Gesamtaufnahme, aus den 60ern (ARCHIV), unter August Wenziger mit seinerzeit sehr berühmten Sängern, die in der Reihe DG Originals wiederveröffentlicht wurde, aber schon wieder vergriffen ist; ich habe sie nie gehört.




viele Grüße und schöne Ostertage

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

ThomasBernhard

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2

Samstag, 15. April 2006, 02:12

RE: Die Brockes-Passion

Hallo Johannes,

Finde ich richtig, daß die Brockes-Passion (ist ja eben nicht nur Händel) ihren eigenen Thread bekommt. Ich besitze die Wenzinger-Aufnahme und habe sie vor ein paar Monaten nach langer Zeit mal wieder gehört. Das Werk hat mir immer besser gefallen, die Wenzinger-Aufnahme ist mir teils etwas zu langsam, aber ich bin sehr froh, sie zu haben. Daß in der Brockes-Passion Händels keine "großartigen Chöre" sind, stört mich wenig, da sie doch voller interessanter Arien, Duette, etc. ist.
Ich denke, daß man sich nach und nach sogar einigermaßen an Brockes drastische Sprache gewöhnen kann, mir bereitet sie kaum noch Bauchschmerzen (bin durch Bachkantatenlibretti imunisiert).

Es ist jetzt leider zu spät um zu suchen, ich muß morgen weiterschreiben: Es gibt glaube ich eine Arie, die im Parodieverfahren später im Dixit Dominus übernommen wurde.

Der Parallelen zur Bach´schen Johannespassion sind noch mehr: man denke an die Arie vom blutgefärbeten Rücken, der dem Himmel gleiche...
Frauen und Kinder zuerst

good night and good luck

thomasbernhards-1[ätttttt]yahoo[punkt]de

klingsor

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3

Samstag, 15. April 2006, 13:31

RE: Die Brockes-Passion

hallo, ich habe bereits mehrfach (kurze) anläufe gemacht, mir die brockes-passion von händel zu gemüte zu führen , aber immer wieder gelangweilt oder sogar genervt aufgegeben ... aber unabhängig vom thread wollte ich es nochmals versuchen .. so schlecht kann sie doch gar nicht sein :beatnik:

kann mir ein kundiger evtl. die stellen sagen, die bes. gut sind, damit man lust gewinnt? ich habe auch die brillant-aufnahme ...danke im voraus und wunderbare auferstehungstage

:hello:
--- alles ein traum? ---

klingsor

musicophil

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4

Samstag, 15. April 2006, 15:27

RE: Die Brockes-Passion

Zitat

Original von klingsor
hallo, ich habe bereits mehrfach (kurze) anläufe gemacht, mir die brockes-passion von händel zu gemüte zu führen , aber immer wieder gelangweilt oder sogar genervt aufgegeben


Hallo Jörg,

Mir passierte es auch so.
Ich habe mich durchrungen, aber war nicht sonderlich beeindruckt.
Noch immer nicht, und ich habe diese Passion mindestens dreimal gehört. :rolleyes:
Auch meine Ausführung ist Brilliant, eine Händel-Box. Nicht soooo teuer, also kein weggeschmissenes Geld. :yes:

LG, Paul
Wirklich schöne Musik rührt

klingsor

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5

Samstag, 15. April 2006, 17:24

hallo, paul,
ja, das stimmt. habe es vorhin mal wieder angegangen ...fand es diesmal besser als sonst ... recht nett, aber wie du sagst , kein bleibender eindruck ,
ich werde mich wohl auch mal durch die 3 cds kämpfen ...

viell. ist aber seine johannis-passion interessanter ( die mini-sinfonia war ja recht schmerzerfüült)...ich denke aber, daß diess werk ein fragment ist (beginnt ja recht direkt mit der geißelung) ...leider gbts ja keinentext bei brillant ;(

frohe ostern ..hoffe, das paketchen ist schon da ... ;)

:hello:
--- alles ein traum? ---

klingsor

BigBerlinBear

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6

Samstag, 15. April 2006, 20:43

Wenn ich mir überlege, es gäbe von Händel nur die Werke auf deutsche Texte:
Ausser ein paar Spezialisten interssierte sich dann kaum jemand für seine Musik. Sowohl die "Deutschen Arien" wie auch die beiden Passionen haben mich, ich gebe es zu, immer von Herzen gelangweilt. Die "Brockes-Passion", die ja von ziemlich vielen Komponisten der Zeit vertont wurde, fand ich in ihrer Kleinteiligkeit und Kurzatmigkeit immer besonders ermüdend...
Dabei hat der Text wirklich seine Meriten, sowohl Telemann wie auch Mattheson
haben die Dichtung ansprechend vertont.
Ich sehe den Grund darin, (das mag vielleicht für einige paradox klingen, das Händel die deutsche Sprache einfach nicht lag !) Die wenigen Briefe auf deutsch, die von ihm erhalten sind, kommen derart gestelzt und unbeholfen einher, daß man sich nur wundern kann. Derselbe Händel, der sich sowohl in italienisch, französisch und später auch in englisch präzise ausdrücken kann, ist im deutschen unbeholfen wie jemand, der die Sprache nur mangelhaft beherrscht. Kein Wunder, daß darunter seine Vertonungen auf deutsche Texte leiden. Ständig wird kolportiert, daß seine Aussprache des englischen grauenhaft gewesen sei, das ändert aber nichts daran, daß er allen Feinheiten
und Versponnenheiten der englischen Sprache auf unnachahmliche Weise
nachgehen kann. Seine Zeitgenossen haben das mit Dankbarkeit zur Kenntnis genommen und es ist völlig verständlich, daß er unter diesem Aspekt den "Eingeborenen" Purcell als "Nationalkomponist" abzulösen !
Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

wimmus

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7

Sonntag, 8. April 2007, 22:49

Keiser: Brockespassion / Les Talens Lyriques

m letzten Moment sah ich, dass das grossartige Ensemble Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset gestern, am Ostersamstag erstmals in Köln gastierte und zwar mit Keisers "Brockespassion". Ich sofort hin, auch um mit Händels "Brockes" vergleichen zu können, die ich am Mittwoch in BR4 gehört habe (unter Nicholas McGegan). Es sangen:
Kristina Hansson
Monique Zanetti
Judith van Wanroj
Clare Wilkinson
Damien Guillon
Anders Dahlin
Emiliano Gonzales Toro
David Lefort
Matthew Brook
André Morsch

Alle ausgezeichnet, wovon Matthew Brooks kerniger Bariton am meisten Eindruck gemacht hat.

Hier mein Eindruck. Vielleicht gehört meine Beschreibung eher in den Tread 'Konzerte', aber hier im Thema 'Brockes' passt es ja vielleicht auch rein.

Also, zuerst mal fragte ich mich, warum die Keiser-Version so rar ist (ich hatte sie bislang noch nie gehört). Meine Meinung ist natürlich nur spekulativ, aber an der Qualität kann's nicht liegen. Vielleicht ist es - wie oben beschrieben - die Kleinteiligkeit, die ja auch in Händels Version nicht unproblematisch ist; das Werk ist wegen der Fülle an teils sehr kurzen Arien nicht sehr übersichtlich (ich habe 40 Arien gezählt, mehrere Ariosi, 2 Duette, 1 Terzett). Ja und dann spekuliere ich weiter: der Protestantismus hat sicher mit den teils tänzerischen Arien seine Probleme gehabt. Bei Geck lese ich ("Bach", Seite 420), dass "konservative Kreise und Teile der Geistlichkeit angesichts der Tatsache Alarm schlagen, dass das schon an sich sittenverderbende Opernwesen nun sogar auf die geistliche Musik übergreift ...". Und das trifft sicher auf die Brockespassion von Keiser zu.
Hier oben im Forum wird ja darauf hingewiesen, dass Händels Version nicht so sehr eingängig für unser Ohr ist. Er versucht natürlich Keiser zu übertreffen, tut es aber eher durch Zurücknahme seiner Möglichkeiten, komponiert subtil und gefühlvoll wo Keiser farbiger und zackiger ist.
Händel hat z.B. die Geißelungszene mit ihrer krassen Beschreibung (so ähnlich stelle ich mir die Drehbuchpassage von Mel Gibsons 'Passion' vor...) sehr intensiv instrumental gestaltet, auch die Stelle, in der die Gläubige Seele singt "Dem Himmel gleicht sein buntgefärbter Rücken, den Regenbögen ohne Zahl als lauter Gnadenzeichen schmücken...".
Das klingt bei Keiser (bzw. bei Rousset) flimmernd, funkensprühend. Keiser fällt nicht nur hier eher ein Tanzrhythmus ein und ist nicht nur hier opernhafter als Händel. Natürlich fehlt hier die Gefühlstiefe und Erhabenheit der Bachschen Passionen, was man aber auch nicht vergleichen soll.
Dies nicht als Einwand, eher als Überlegung, warum Keiser heute nicht mehr so populär ist. Was aber überhaupt auch am drastischen Text von Brockes liegen kann.
Aber so wie das Les Talens Lyriques gespielt haben: einfach grandios, trotz der so kleinen Besetzung:
Travers- und wahlweise Blockflöte
Oboe
3 Fagottspieler
3 Erste Geigen
3 Zweite Geigen
Viola
Violoncello
Kontrabaß
Laute
Cembalo und Orgel

Alles so herrlich fließend, aus einem Guß gespielt, in perfekter Balance, herrliche Flöten-/Fagottsoli, häufig das so reizvolle perpetuierende Cello, ohne Pause in zwei Stunden mit nie nachlassender Aufmerksamkeit gespielt.
Und da Christophe Rousset nicht nur ein so exzellenter Musiker sondern sicher auch ein guter Kaufmann ist, könnte ich mir vorstellen, dass da noch eine CD folgen wird. Und ich bin sicher, dass ich zu den Käufern gehören würde...
Wimmus

cimbria

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  • »cimbria« ist männlich

Beiträge: 8

Registrierungsdatum: 4. März 2007

8

Dienstag, 22. Mai 2007, 11:56

RE: Keiser: Brockespassion / Les Talens Lyriques

Hallo Wimmus,

es gibt einen ganz einfachen Grund, warum die Brockes-Passion von Keiser heute so rar ist - und der ist nichtmal musikalischer Natur. Im Grunde sind sehr viele Musiker sehr interessiert an dem Werk, und CPO hatte sogar schon eine CD davon gepreßt. Leider mußte diese CD wieder eingestampft werden, weil der angebliche Rechteinhaber nach § 71 UrhG, Herr Dr. Gerhard Ropeter aus Hardegsen, eine Verbreitung verboten hat. Auch die Aufführung von "Les Talens Lyriques" wollte er stoppen (obwohl ihm Nutzungshonorare angeboten wurden), hat dann aber vom Einsatz einer einstweiligen Verfügung Abstand genommen, da seine Rechte nach § 71 UrhG aufgrund des sogenannten Motezuma-Urteils des Oberlandesgerichtes Düsseldorf mehr als fraglich sind. Trotzdem möchte Herr Ropeter anscheinend eine höchstrichterliche Entscheidung in diesem Fall.
Woher ich das weiß? - Ich bereite selbst eine Ausgabe der Brockes-Passion von Keiser vor, die im Juni 2007 erscheinen soll. Und auch ich habe bereits einen Brief von Herrn Ropeters Rechtsanwalt auf dem Tisch, mit bereits vorformulierter strafbewährter Unterlassungserklärung.
Es ist doch wirklich beschämend, daß ein solches Meisterwerk dem öffentlichen Musikleben vorenthalten wird, nur weil eine einzige Person sich in seinem kindlichen Stolz verletzt sieht, oder?

Viele Grüße und wenn ihr Fragen habt, ich beantworte sie gerne
Cimbria

wimmus

Schüler

  • »wimmus« ist männlich

Beiträge: 103

Registrierungsdatum: 23. Februar 2007

9

Mittwoch, 27. Juni 2007, 23:07

Keiser: Brockespassion

Hallo Cimbria,
das ist ja superinteressant.
Wenn's da was Neues gibt, lass es uns hier wissen!

Viel Erfolg bei Deinem Projekt!
Wimmus

Bernhard

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  • »Bernhard« ist männlich

Beiträge: 3 511

Registrierungsdatum: 26. Februar 2007

10

Freitag, 21. März 2008, 17:49

Brockespassion von Telemann

Guten Tag

Telemanns Brockespassion wird gerne mit Bachs Johannes- und Matthäuspassionen verglichen, Passionen von Brockes sind allerdings keine Liturgische Passionen sondern Passionsoratorien, also quasi "geistliche Opern". Diskutiert wird, dass z.B. 1739 in Leipzig die Telemannsche Brockes Passion aufgeführt wurde, ob aber in einer Kirche oder in einem Konzertsaal ist ungewiss.
Opernhafter auch dadurch, dass der Choranteil kleiner und die solistischen Anteile größer sind. Die Arien wurden für Opernsänger geschrieben, sie waren zur Passionszeit "arbeitslos" und hatten Zeit Passionsoratorien zu singen. Telemann "versündigt" sich gelegendlich in seiner Brockespassion und bedient die Eitelkeiten seiner Sänger vornehmlich der Sopranisten z.B. mit exhibitionistischen Koloraturen. In Frankfurt sangen sie seinerzeit zwei berühmte Opernsängerinnen, eine weiterte Partie, die einer gläubigen Selle und des Judas sang ein italienischer Kastrat. Aber neben ausgezeichneten Vokalsolisten verfügte Telemann über vorzügliche Instrumentalsolisten, in vielen Arien werden obligate Instrumente (z.B. Violine, Viola d´amore oder Oboe) mit besonderen Anforderungen betraut.
Opernhaft ist auch die Overtüre der Brockespassion, die opulente Passion fängt nicht mit einem Eingangschor an.

Gruß :hello:

aus der Kurpfalz

Bernhard

bachiana

Schüler

  • »bachiana« ist weiblich

Beiträge: 100

Registrierungsdatum: 6. April 2008

11

Dienstag, 10. März 2009, 22:26

RE: Keiser: Brockespassion / Les Talens Lyriques

Zitat

Original von cimbria
... Leider mußte diese CD wieder eingestampft werden, weil der angebliche Rechteinhaber nach § 71 UrhG, Herr Dr. Gerhard Ropeter aus Hardegsen, eine Verbreitung verboten hat. Auch die Aufführung von "Les Talens Lyriques" wollte er stoppen (obwohl ihm Nutzungshonorare angeboten wurden), hat dann aber vom Einsatz einer einstweiligen Verfügung Abstand genommen, da seine Rechte nach § 71 UrhG aufgrund des sogenannten Motezuma-Urteils des Oberlandesgerichtes Düsseldorf mehr als fraglich sind. ...


Nachdem vor kurzem der BGH im Fall "Motezuma" entschieden hat (ich habe die Pressemitteilung des BGH für Interessierte mal unten angehängt, auch wenn's vielleicht eher in einen Vivaldi-Thread passen würde ;) ) würde mich ja brennend interessieren, ob sich das auf den oben angesprochenen Fall "Keiser" irgendwie auswirkt.

Denn wenn, wie die Kantorei Hardegsen auf ihrer Homepage stolz berichtet, selbst Bach die Keiser'sche Brockes-Passion mehrmals aufführte, kann ja spekuliert werden, ob diese Komposition nicht bereits zu Lebzeiten Keisers veröffentlicht war. Der BGH erachtet dafür offenbar als ausreichend, wenn "die Zahl der Kopien ausreicht, um dem interessierten Publikum die Kenntnisnahme des Werkes zu ermöglichen."

Ob man die cpo-Aufnahme (wenn ich mich nicht irre, mit Hermann Max und der kleinen Kantorei?) jemals wieder hören wird, hängt wohl auch davon ab, ob cpo noch ausreichend Interesse an einer Vermarktung der Aufnahme hat, um notfalls eine gerichtliche Auseinandersetzung zu riskieren. Für alle interessierten Musikhörer wäre es ja zu wünschen. (Naja, im schlimmsten Fall endet der Urheberrechtsschutz 25 Jahre nach der ersten Veröffentlichung; das könnte man vielleicht sogar noch erleben...)

Wäre interessant, wenn Cimbria sich hier nochmal melden würde. Soweit ich weiß, hat sein Verlag ja erstmal darauf verzichtet, die Noten der Brockespassion nach Deutschland auszuliefern. Dort besteht bestimmt ebenfalls Interesse an einer Klärung der Rechtslage.

Zitat

Bundesgerichtshof entscheidet Streit über Vivaldi-Oper "Motezuma"

Der u. a. für das Urheberrecht zuständige I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat entschieden, unter welchen Voraussetzungen ein Werk bislang "nicht erschienen" ist mit der Folge, dass dem Herausgeber der Erstausgabe ein Verwertungsrecht nach § 71 UrhG zusteht. Im Handschriftenarchiv der Klägerin, der Sing-Akademie zu Berlin, wurde im Jahre 2002 die Komposition des 1741 verstorbenen Komponisten Antonio Vivaldi zur Oper "Motezuma" entdeckt. Die Oper war im Jahre 1733 unter Leitung Vivaldis am Teatro S: Angelo in Venedig uraufgeführt worden. Während das Libretto der Oper bekannt blieb, galt die Komposition lange als verschollen.

Die Klägerin gab Faksimilekopien der aufgefundenen Handschrift heraus. Sie ist der Ansicht, sie habe damit als Herausgeberin der Erstausgabe des Werkes ("editio princeps") nach § 71 UrhG das ausschließliche Recht zur Verwertung dieser Komposition erworben. Nach dieser Bestimmung steht demjenigen ein solches dem Urheberrecht ähnliches Recht zu, der "ein bislang nicht erschienenes Werk … erstmals erscheinen lässt". Die Klägerin verlangt von der Beklagten, der Veranstalterin des Düsseldorfer Kulturfestivals "Altstadtherbst", Schadensersatz, weil diese die Oper im September 2005 in Düsseldorf ohne ihre Zustimmung aufgeführt hat.

Landgericht und Berufungsgericht haben die Klage abgewiesen. Die Revision der Klägerin hatte keinen Erfolg. Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass derjenige, der als Herausgeber der Erstausgabe ein entsprechendes Verwertungsrecht an einem Werk beansprucht, grundsätzlich die Darlegungs- und Beweislast dafür trägt, dass dieses Werk "nicht erschienen" ist.

Da es in aller Regel schwierig ist, das Nichtvorliegen einer Tatsache darzulegen und nachzuweisen - zumal das Nichterschienensein eines jahrhundertealten Werkes - kann der Anspruchsteller sich allerdings zunächst auf die Behauptung beschränken, das Werk sei bislang nicht erschienen. Es ist dann Sache der Gegenseite, die Umstände darzulegen, die dafür sprechen, dass das Werk doch schon erschienen ist.

Der Anspruchsteller genügt seiner Darlegungs- und Beweislast, wenn er diese Umstände widerlegt. Nach diesen Grundsätzen hat die Klägerin - so der Bundesgerichtshof - nicht hinreichend dargelegt, dass Vivaldis Komposition zur Oper "Motezuma" "nicht erschienen" ist. Ein Werk ist nach § 6 Abs. 2 Satz 1 UrhG erschienen, wenn Vervielfältigungsstücke "in genügender Anzahl" der Öffentlichkeit angeboten oder in Verkehr gebracht worden sind. Das ist der Fall, wenn die Zahl der Kopien ausreicht, um dem interessierten Publikum die Kenntnisnahme des Werkes zu ermöglichen.

Danach ist - so der BGH - davon auszugehen, dass die Komposition zur Oper "Motezuma" bereits im Jahre 1733 "erschienen" ist. Aus den von den Parteien vorgelegten Stellungnahmen namhafter Musikwissenschaftler geht hervor, dass damals die für venezianische Opernhäuser angefertigten Auftragswerke - und um ein solches handelte es sich bei der Oper "Motezuma" - üblicherweise nur während einer Spielzeit an dem jeweiligen Opernhaus aufgeführt wurden; zudem wurde regelmäßig ein Exemplar der Partitur bei dem Opernhaus hinterlegt, von dem - wie allgemein bekannt war - Interessenten (etwa auswärtige Fürstenhöfe) Abschriften anfertigen lassen konnten.

Ob es sich auch im Falle der Oper "Motezuma" so verhalten hat, kann zwar heute nicht mehr festgestellt werden. Da die Klägerin jedoch keine Anhaltspunkte für einen abweichenden Ablauf vorgetragen hat, besteht auch in diesem Fall eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass bereits mit der Übergabe des Notenmaterials an die Beteiligten der Uraufführung und der Hinterlegung eines Exemplars der Partitur bei dem Opernhaus alles getan war, um dem venezianischen Opernpublikum und möglichen Interessenten an Partiturabschriften ausreichend Gelegenheit zur Kenntnisnahme der Komposition zu geben.

Urteil vom 22. Januar 2009 - I ZR 19/07 - Motezuma LG Düsseldorf - Urteil vom 17. Mai 2006 - 12 O 538/05 OLG Düsseldorf - Urteil vom 16. Januar 2007 - 20 U 112/06, ZUM 2007, 386 Karlsruhe, den 23. Januar 2009 Pressestelle des Bundesgerichtshofs 76125 Karlsruhe Telefon (0721) 159-5013 Telefax (0721) 159-5501

Bernhard

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12

Mittwoch, 11. März 2009, 15:06

RE: Brockespassion von Telemann

Guten Tag

Zitat

Original von Bernhard
Guten Tag

Telemanns Brockespassion wird gerne mit Bachs Johannes- und Matthäuspassionen verglichen,

Bernhard


Demnächst fällt der Vergleich leichter:



Rene Jacobs hat Telemanns Brockespassion jetzt neu mit dem
RIAS Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin
eingespielt.

Gruß :hello:

aus der Kurpfalz

Bernhard

klingsor

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Registrierungsdatum: 26. April 2005

13

Donnerstag, 12. März 2009, 02:07

RE: Brockespassion von Telemann

soeben bestellt. hört sich ja extrem vielversprechend an ...

:hello:
--- alles ein traum? ---

klingsor

cimbria

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  • »cimbria« ist männlich

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Registrierungsdatum: 4. März 2007

14

Sonntag, 26. April 2009, 06:20

Liebe Forianer,

da melde ich mich doch nochmal zurück bezüglich der Brockes-Passion von Reinhard Keiser. Inzwischen habe ich tatsächlich vorerst von einer Auslieferung des Werkes nach Deutschland und Österreich abgesehen, Herr Ropeter ist doch ein zu unangenehmer Zeitgenosse und hat anscheinend zu viel Geld übrig, welches er gerne seinen Anwälten in den Rachen wirft. Das Motezuma-Urteil könnte - meiner Laienmeinung entsprechend - in der Tat als Präzedenzfall herhalten. Die Passion ist in mindestens 4 verschiedenen Quellen überliefert und müsste eigentlich doch im Sinne des Urhenerrechtsgesetzes als herausgegeben zu betrachten sein. Allerdings wurde ich von mehreren Seiten gewarnt, es nicht unbedingt darauf ankommen zu lassen, denn die Spitzfindigkeiten im Gesetzesdeutsch sind für den Normalbürger nicht immer nachvollziehbar. Um ganz sicher zu gehen, riet mir mein Rechtsanwalt seinerzeit, ich solle eine Feststellungsklage einreichen. Aber ich muss ehrlich gestehen, dass ich das Geld, welches ich dafür hätte zunächst einmal verauslagen müssen, einfach nicht hatte. Es geht hier um einen Betrag, der sich knapp im fünfstelligen Bereich bewegt. Das war mir die Sache einfach nicht wert. Es gab zwar einen Haufen Vorbestellungen - gerade aus Deutschland - aber ich möchte einfach keinen Ärger. So bleibt das Stück also noch ein bisschen in der Versenkung. Und ich lasse Herrn Ropeter - mit dem ich übrigens immer Kontakt gesucht habe, aber nur ganz giftig von seiner Frau am Telefon abgewiesen wurde - für den Moment die Genugtuung der Besitzer des Werkes zu sein.
So sieht es aus, dafür gibt es bei mir aber auch andere schöne Noten zu kaufen. Ich weise nur darauf hin, dass bald eine Gesamtaufnahme der Ode "The Passions" von William Hayes (1708-1777) voraussichtlich bei Harmonia Mundi erscheinen wird... und in einem Jahr folgt dann hoffentlich auch "The Fall of Jericho", es bleibt also spannend.

Viele Grüsse
Cimbria

SchallundWahn

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Beiträge: 872

Registrierungsdatum: 5. Juni 2012

15

Freitag, 5. April 2013, 12:30

Eigentlich bin ich keine große Liebhaberin von geistlicher Musik, selbst Bachs Matthäus-Passion hat es trotz, ohne Frage, ihrer Großartigkeit nicht leicht. Seltsamer Weise hat Telemanns Brockes Passion da schon beim ersten Hören deutlich mehr zugesagt als die meisten geistlichen Werke überhaupt, vielleicht weil sie etwas "opernhaft" ist. Sie kommt mir natürlicher vor, weniger religiös-verinnerlicht (wahrscheinlich ist das der Grund).

Kenne diese Aufnahme von Jacobs und dem RIAS:



Von den Hörschnipsel her, spricht mich allerdings auch diese eher unbekannte (glaube, die erste Aufnahme des Werkes überhaupt) an:

Sie klingt äußert intim, fast profan, weniger vergeistigt.
"Die Glücklichen sind neugierig."
(Friedrich Nietzsche)