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Andrew

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Donnerstag, 22. Juni 2006, 20:56

Andrew: Unverzichtbare Klassikaufnahmen

Liebe Taminos und Paminas,

als eine ganz besondere, unverzichtbare Klassikaufnahme möchte ich vorstellen:
Edward Elgar: Cellokonzert op. 85 und Sea Pictures op. 37 mit Jacqueline du Pré (Cello), Dame Janet Baker (Mezzosopran) und dem London Symphony Orchestra unter Leitung von Sir John Barbirolli

Edward Elgar schrieb sein Cellokonzert 1919, gleich nach dem Ersten Weltkrieg. Der Krieg mit seinen Schrecken und seinen Auswirkungen auf das geistige und künstlerische Leben hatte Edward Elgar in eine Schaffenskrise geführt. Eine Ära, die Elgar durch seine Musik zumindest in England mit geprägt hatte, war unweigerlich zu Ende gegangen. So kann man Elgars Cellokonzert vielleicht auch als melancholischen Abgesang auf eine zu Ende gegangene Zeit interpretieren. In diesem Abgesang entfaltet die Musik der Spätromantik noch einmal eine besondere, schwermütige Schönheit. Ian Parrott formuliert es so: „Es ist ein eigenartiges Werk, komponiert von einem einsamen Mann in der Kriegszeit, der begreift, dass die künstlerischen Werte seiner Welt sich unwiderruflich geändert haben.“

Sir John Barbirolli hat als Neunzehnjähriger die Uraufführung von Edward Elgars Cellokonzert miterlebt. Viele Jahre später war Barbirolli einer der Juroren, der über eine Auszeichnung der jungen Cellistin Jacqueline du Pré zu entscheiden hatte. Er wurde aufmerksam auf die junge Künstlerin. 1965 spielten beide – Jacqueline du Pré im Alter von zwanzig Jahren und Sir John Barbirolli als Fünfundsechzigjähriger - gemeinsam das Cellokonzert von Edward Elgar in der vorliegenden Studio-Aufnahme ein. Es war die erste Aufnahme von Jacqueline de Pré. Diese Einspielung macht Elgars Cellokonzert bekannt und berühmt über England hinaus und trug auch nicht wenig dazu bei, Elgars Musik insgesamt mehr Beachtung und Anerkennung zu verschaffen.

Barbirolli hat noch weitere (Live-)Einspielungen des Konzertes mit du Pré vorgenommen. Später entstand auch eine Aufnahme, in der ihr Ehemann Daniel Barenboim das Philadelphia Orchestra dirigierte. Die hier vorliegende Studio-Aufnahme hat eine besonders konzentrierte und ausdrucksstarke Atmosphäre.

Die Einspielung der fünf Sea Pictures als bloße Beigabe auf dieser CD zu bezeichnen, wäre mehr als unangemessen. Über die den Orchesterliedern zugrunde liegenden Texte mag es unterschiedliche Meinungen geben. Elgar verwendete zeitgenössische Gedichte. Sea Picture II, In Haven, liegt ein z.B. Gedicht seiner Frau zugrunde. Der Vortrag der Sea Pictures durch die Mezzosopranistin Dame Janet Baker, auch hier wunderbar begleitet vom London Symphony Orchestra unter Leitung von Sir John Barbirolli, ist große und ausdrucksvolle Kunst. Musik und Text entsprechen einander und bringen einander auf optimale Weise – manchmal sanft und manchmal stürmisch-mitreißend - zur Geltung.

Diese CD ist eine meiner persönlichen Lieblings-CDs, und man darf sie wohl auch zu den wichtigen Aufnahmen des 20. Jahrhunderts zählen.


Mit freundlichen Grüßen, Andrew
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Andrew« (8. Oktober 2010, 13:45)


Andrew

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Dienstag, 11. Juli 2006, 23:43

Nicht nur zur Weihnachtszeit ...

Liebe Taminos und Paminas,

ich möchte die folgende CD als bedeutende, für mich unverzichtbare Klassikaufnahme vorstellen:

Praetorius, Michael (1571-1621): Christmette. Lutheranische Messe zum Weihnachtsmorgen. Gabrieli Consort & Players, McCreesh

Michael Praetorius, geb. 1571(?), wuchs in einem Pfarrhaus auf, das von streng konservativer lutherischer Theologie und Frömmigkeit (= lutherische Orthodoxie) geprägt war. Er studiert einige Semester Theologie an der "Viadrina" in Frankfurt an der Oder und bricht dann das Studium ab. Ab etwa 1594 ist er als Musiker im Dienst des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg. Hier wurde er Hofkapellmeister und Hoforganist und lebte die meiste Zeit in Wolfenbüttel. Nach dem Tod des Herzogs war er in Dresdner Diensten, kehrte dann aber nach Wolfenbüttel zurück, wo er 1621 verstarb.

In seiner relativ kurzen Schaffenszeit hat Prätorius eine enorme Wirkung entfaltet. Ihm verdanken wir nicht nur bedeutende und wirkungsreiche musiktheoretische Schriften, sondern auch eine große Fülle von Kirchenkompositionen. Prätorius sah seine Aufgabe darin, die Musik der Reformation an seine Zeit weiterzugeben. Aber auch weltliche Musik, wie z.B. die bekannte Sammlung von Tänzen unter dem Namen TERPSICHORE verdanken wir ihm.

Die vorliegende CD hat den bescheidenen Titel „Christmette - Lutheranische Messe zum Weihnachtsmorgen, wie sie um 1620 stattgefunden haben könnte.“ Aufgeführt wird eine lutherische Weihnachtsmesse, wie sie mit den kirchenmusikalischen Möglichkeiten einer größeren Stadt, wie z.B. Lüneburg, hätte gefeiert werden können, mit Musik von Michael Prätorius, Johann Hermann Schein und Samuel Scheidt. Liturgische Grundlage dieser Messe ist die Wolfenbütteler Agende von 1569, die wiederum auf Luthers Liturgiereform zurückgeht, d.h. die Grundstruktur der römischen Messe wird in etwa beibehalten, aber um einen umfangreicheren Wortteil erweitert und für die Beteiligung der Gemeinde geöffnet. Ausgestaltet wird sie mit Musik um 1620.So ist die vorliegende CD nicht nur musikalisch, sondern auch liturgiegeschichtlich und theologisch enorm interessant.

Paul McCreesh (Jahrgang 1960) gründete 1982 das Ensemble Gabrieli Consort & Players. Schon seine erste CD-Veröffentlichung rekonstruiert einen prachtvollen Vespergottesdienst, wie er Mitte des 17. Jahrhunderts in Venedig hätte stattfinden können.

Im Herbst 1993 wurde die vorliegende Einspielung in der Kathedrale von Roskilde in Dänemark mit Gabriele Consort and Players (mit historischen Instrumenten), dem Knabenchor und Kirchenchor der Kathedrale in Roskilde und Timothy Roberts an der Orgel unter Leitung von Paul McCreesh aufgenommen.

Aufgeführt, nein - fast muss man sagen: gefeiert wird ein etwa achtzigminütiger Weihnachtsgottesdienst vom besinnlichen Introitus, bekannten Weihnachtsliedern (Vom Himmel hoch, Quem pastores laudavere, Wie schön leuchtet der Morgenstern, In dulci jubilo) und festlicher Orgelmusik (allein schon das „Nun lob mein Seel’ den Herren" :angel: ) bis hin zum fröhlich-pompösenen Ausklang „In dulci jubilo“ mit Trommeln und Trompeten.

Ich habe gelesen, dass diese Einspielung mit mehreren namhaften Preisen ausgezeichnet wurde und von einigen Rundfunksendern jedes Jahr zu Weihnachten gesendet wird. Für mich ist die CD inzwischen zu einem festen Bestandteil von Weihnachten geworden.


;)Pssst: Manchmal höre ich sie auch zwischendurch, sogar im Sommer!

:hello:Mit freundlichen Grüßen, Andrew
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Freitag, 28. Juli 2006, 20:34

Die Neunte

Unter den sehr guten Einspielungen der neunten Symphonie Beethovens ist diese Aufnahme mit Karl Böhm aus dem Jahr 1980 für mich eine Jahrhundert-Aufnahme.

Karl Böhm dirigiert die Wiener Philharmoniker, als Solisten singen Jessy Norman, Brigitte Fassbaender, Placido Domingo, Walter Berry.

Diese Aufnahme ist keineswegs unumstritten. Bemängelt werden in der Kritik die Langsamkeit der Einspielung, sowie der fehlende mitreißende Schwung.

Ich habe hier eher den Eindruck, dass Böhm sich auf die Musik einlässt. Böhm gibt der Musik Raum, so dass sie sich entfalten kann. Was Karl Böhm hier mit den Wiener Philharmonikern bietet, ist eine Einspielung, die ich etwas vollmundig „erfüllte Zeit“ nennen möchte.

Jenseits aller vordergründigen Effekte nimmt sich Böhm mit seinem Orchester die Zeit, die Symphonie so farbenreich und spannungsvoll zu gestalten, dass man – so wie es in einer Kritik dieser CD heißt – wirklich das Gefühl hat, nicht nur einen Dirigenten mit einem Orchester zu hören, der diesem Werk seinen persönlichen Stempel aufdrückt, sondern man hört Beethoven. Viele Einzelheiten und Klangfarben werden wahrnehmbar, die sonst untergehen oder vorbeihuschen …

Zitat von »Edwin Baumgartner«

Ja, aber jetzt komme ich wieder einmal mit meiner "musikalischen Relativitätstheorie": Zumindest mir geht es so, daß ich bei einem objektiv angemessen langsamerem Tempo, bei dem ich eben mehr Details höre, dieses Tempo subjektiv als schneller empfinde, weil man eben mehr Information verarbeiten muß.
Genau das ist es, was ich sagen wollte.
Ich empfinde diese Aufnahme als an jeder Stelle intensiv, konzentriert und spannend. Für mich ist es d i e Einspielung der Neunten und eine wunderschöne Abschiedsgabe des großen Dirigenten. Es war, wenn ich richtig informiert bin, seine letzte Aufnahme.


Mit freundlichen Grüßen von der Küste, Andrew
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Dienstag, 7. November 2006, 20:24

Leon Fleisher und George Szell

Georg Szell gehört zusammen mit Reiner, Ormandy, Dorati und Solti zu den ungarischen Dirigenten, die sehr erfolgreich und prägend in den USA wirkten. Wenn ich richtig informiert bin, stammen alle fünf aus Budapest. Georg Szell (György Széll, geb. 1897) wurde 1946 Chefdirigent des Cleveland Orchestra und nahm dieses Amt bis zu seinem Tod im Jahr 1970 wahr.

In dieser Zeit gestaltete er das Orchester zu einem der besten Sinfonieorchester der Welt. Die Einspielungen z.B. der Sinfonien von Schumann, Dvorak und Brahms, aber auch Einspielungen von Bruckner und Beethoven zählen heute noch zu den Referenz-Aufnahmen.

Mit dem 1928 in San Francisco geborenen Pianisten Leon Fleisher arbeitete Szell in den 50er und 60er Jahren zusammen. Es entstanden in der Zeit von 1956 bis 1962 u.a. die legendäre Einspielung der Klavierkonzerte von Brahms (1958 und 1962), Beethoven (1959 und 1961), (Grieg (1960), Schumann (1960).

Mitte der 60er Jahre erkrankte Fleisher und konnte die rechte Hand fortan nicht mehr gebrauchen, da sie von einer Lähmung befallen worden war. "In den ersten zwei Jahren fiel ich in eine tiefe Depression", erzählt Fleisher, "Klavierspielen, das war für mich alles, und ich hatte das Gefühl, mein Leben sei vorbei." Fleisher widmete sich dann der Lehre und trat seitdem als linkshändiger Pianist auf. Seit Ende der 90er Jahre kann er durch eine neue Behandlungsmethode seine rechte Hand wieder gebrauchen und tritt auch heute noch als Pianist auf.

Die Aufnahmen der Brahms-Konzerte sind in diesem Forum ausreichend gewürdigt worden. Ich möchte an dieser Stelle auf die Aufnahme der Beethoven-Klavierkonzerte, besonders auf die Einspielung der Klavierkonzerte Nr. 3 (14. April 1961) und Nr. 4 (10. Januar 1959) hinweisen.

Es ist eine überaus kraftvolle und ausdrucksstarke Interpretation, die an die relativ kurze Zusammenarbeit zweier großer Musiker – dem damals gut dreißigjährigen Fleisher und dem doppelt so alten Georg Szell - erinnert. Glücklicherweise hat Sony sie wieder veröffentlicht.


Mit freundlichen Grüßen, Andrew
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Mittwoch, 13. Dezember 2006, 23:17

Pathetique ohne Pathos

"Die Musik des 19. Jahrhunderts sollte uns erheben, uns aus der Alltagswelt herausreißen. Für mich sind Würde und Unschuld die Schlüssel zu ihrem Charakter. Sentimentalität, Bombast und Vibrato sind ihre Gegner."



So programmatisch formuliert Roger Norrington, der seit 1998 Chefdirigent beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR ist. In Oxford 1934 geboren hat Norrington englische Literatur studiert und einige Jahre bei der Oxford University Press gearbeitet. Dann studierte er u.a. bei Adrian Boult Musik. Besonderes Aufsehen erregten seine Einspielungen von Werken des 19. Jahrhunderts mit historischen Instrumenten, so die Gesamtaufnahme der Beethoven Sinfonien und Klavierkonzerte mit den London Classical Players (Klavier: Melvyn Tan). 1997 wurde er zum Sir geadelt.

Über seine Arbeit mit seinem Orchester und die Veränderungen, die er dort angestoßen und geprägt hat, äußert er sich in einem Interview mit Jörg Hillebrand:

Jörg Hillebrand: Herr Norrington, brauchen Sie keine historischen Instrumente mehr?

Roger Norrington: Die kurze Antwort ist: nein. Natürlich finde ich alte Instrumente immer noch faszinierend, aber hier in Stuttgart (lacht und zeigt durchs Fenster auf die Hochhäuser von Tokio) habe ich entdeckt, wie wenig ich sie brauche. Ich habe zwanzig Jahre mit ihnen gearbeitet und die Lektionen gelernt, die man von ihnen lernen muss. Jetzt kann ich sie auf ein modernes Orchester anwenden. Früher dachte ich, man könne die beiden Lager nicht zusammenbringen – bis ich nach Stuttgart kam. Wohl habe ich Kammerorchester wie St. Luke’s dazu gebracht, ohne Vibrato zu spielen, aber ich nahm an, dass dies mit Sinfonieorchestern kulturell zu schwierig sei – bis ich nach Stuttgart kam. Sie haben es versucht, und sie haben gehört, wie schön es war. Und ich erkenne mehr und mehr, dass der Klang sich von dem eines historischen Instrumentariums kaum unterscheidet.



(…)

JH In der Presse macht der Begriff "Stuttgart sound" die Runde. Sie selbst sprechen poetischer vom "pure tone". Das ist doch mehr als nur Non-Vibrato, oder?

RN Technisch ist es nicht viel mehr. Aber klanglich. Der reine Ton ist nicht Musik minus etwas, sondern Musik plus etwas. Er gibt uns die Möglichkeit, viel mehr Ausdruck zu entwickeln.

JH Welche sind die klanglichen Vorzüge des reinen Tons?

RN Klarheit. Transparenz. Die Konsonanzen sind wärmer und reicher, weil die Obertöne nicht dauernd von ihren Nachbarn angerempelt werden. Die Dissonanzen ihrerseits sind kraftvoller. In normalen Orchestern gebraucht die Flöte Vibrato, die Klarinette hingegen nicht, das Cello wohl, das Horn nicht, und oft spielen sie die gleiche Melodie. Bei uns sprechen alle Instrumente dieselbe Sprache und erzielen so eine fantastische Übereinstimmung. Natürlich zwingt uns diese Sprache zum Phrasieren. Ohne Phrasierung wäre sie tot. Sie macht uns also musikalischer. Und dann ist da noch diese Unschuld, diese Ehrlichkeit.

In dieser Arbeit sind – neben einer viel beachteten Aufnahme der Beethoven-Sinfonien - beeindruckende Einspielungen von Orchesterwerken der Romantik und Spätromantik entstanden, z.B. Brahms, Bruckner, Tschaikowsky, Mahler.



In diesem Zusammenhang ist eine bemerkenswerte Aufnahme der sechsten Sinfonie von Tschaikowsky. In einer sehr sehenswerten Fernsehdokumentation wurden neulich die Proben zu diesem Werk, Norringtons Erläuterungen zu Werk auf Aufführungspraxis sowie dann die Aufführung selbst gesendet. Meiner Meinung nach eine großartige und ansprechende Aufnahme, die zu einer veränderten Rezeption romantischer Musik beitragen kann.



Peter Iljitsch Tschaikowsky: Symphonie Nr. 6 + Wagner: Symphonische Auszüge aus Parsifal
RSO Stuttgart, Norrington (bei Hänssler)

Mit freundlichen Grüßen, Andrew
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Freitag, 9. Februar 2007, 20:33

Poesie und Wärme - Bachs Suiten für Violoncello mit Pablo Casals

„Als ich elf Jahre alt war, hörte ich zum ersten Male Cello spielen. Seither habe ich ein zärtliches Verhältnis zu diesem Instrument, dem ich mein leben lang treu geblieben bin.“

So schreibt Pablo Casals in seinen Lebenserinnerungen.



Er erzählt, wie er dieses Instrument zum ersten Mal erlebte:

„Mein Vater nahm mich mit ins Konzert. Der Cellist war Josep García, ein Lehrer an der Musikschule Barcelona, ein schöner Mann (...). Seine Gestalt passte irgendwie zu seinem Instrument. Als ich sein Cello erblickte, war ich fasziniert; noch nie hatte ich so etwas gesehen. Als dann der erste Ton aufklang, war ich vollends überwältigt … Dieser Cello-Klang Hatte etwas so zartes, Schönes, Menschliches, ja so Menschliches an sich. Nie zuvor hatte ich solch einen schönen Ton vernommen. Glanz erfüllte mich. Als das erste Stück vorbei war, sagte ich zu meinem Vater: ‚Vater, das ist das wundervollste Instrument, das ich je gehört habe, das will ich spielen!’ Von jener Zeit an ... war ich mit diesem Instrument verheiratet. Für den Rest meines Lebens sollte es mir Freund und Lebensgefährte werden."


In seinen Lebenserinnerungen „Licht und Schatten auf einem langen Weg“ (aufgezeichnet von Albert E. Kahn) erzählt Pablo Casals von jenem denkwürdigen Tag, an dem er als dreizehjähriger Jugendlicher von seinem Vater ein Cello bekommt und in einem Musik-Antiquariat die Noten von Bachs Cello-Suiten entdeckt, die er so berühmt machen sollte, wie sie ihn berühmt gemacht haben:

„Aus zwei Gründen werde ich diesen Nachmittag mein Leben lang nicht vergessen. Ersten kaufte mir mein Vater das erste Cello in voller Mensur – was war ich stolz, ein solch wunderbares Instrument zu besitzen! – und dann machten wir halt vor einem Musikalien-Antiquariat in der Nähe des Hafens.

Ich durchwühlte eben einen Stoß Musikalien, als mir plötzlich ein Bündel zerfledderter und stockfleckiger Notenblätter in die Hände fiel. Es waren die Solosuiten von Johann Sebastian Bach – Stücke für Cello allein! Ich schaute ziemlich fassungslos drein: Sechs Suiten für Violoncello solo? Welcher Zauber, welches Geheimnis verbarg sich hinter diesen Worten! Nie hatte ich von der Existenz dieser Suiten etwas gehört; Niemand – auch meine Lehrer nicht – hatte sie vor mir auch nur erwähnt. Ich vergaß, wozu wir den Laden eigentlich betreten hatten. Ich konnte nur noch auf die Notenblätter starren und sie streicheln. Die Erinnerung an diese Szene ist mir auch heute noch nicht verblasst. Heute noch, wenn ich den Einband dieser Suiten betrachte, fühle ich mich in jenen alten, modrigen Laden zurückversetzt, in dem es ein bisschen nach salziger Meeresluft roch.

Ich jagte nach Hause, presste dabei die Noten an mich, als ob es Kronjuwelen wären, und in meinem Zimmer angelangt, stürzte ich mich kopfüber in diese Musik, las sie, studierte sie wieder und wieder. Ich war damals dreizehn Jahre alt, aber die folgenden achtzig Jahre hat sich mein Staunen über diese meine Entdeckung nur noch vergrößert. Diese Suiten eröffneten mir eine ganz neue Welt. Ich begann, sie mit unbeschreiblicher Erregung anzuspielen; sie wurden meine Lieblingsstücke. Ich studierte sie und arbeitete an ihnen die nächsten zwölf Jahre Tag für Tag, (…) ehe ich den Mut aufbrachte, eine jener Suiten öffentlich im Konzert vorzutragen.

Bis dahin hatte kein Geiger, kein Cellist jemals eine der Bach-Suiten ungekürzt gespielt. Man spielte einzelne Sätze (…). Aber ich spielte die Suiten ganz – vom Präludium an durch alle fünf Tanzsätze mit sämtlichen Wiederholungen, die jedem der Stücke seine wundervolle Einheitlichkeit, seinen Duktus, seine Struktur, seine architektonische und künstlerische Fülle verleihen. Man hatte diese Suiten für akademisches Zeug gehalten, für mechanischen Etüdenkram ohne musikalische Wärme.

Man muss sich das einmal vorstellen. Wie konnte ein Mensch sie kalt finden – sie, die Poesie, Wärme und Raumgefühl förmlich ausstrahlen! Sie sind die Quintessenz von Bachs Schaffen, und Bach selbst ist die Quintessenz aller Musik.“


Was soll man noch hinzufügen? Ich bin von beidem begeistert, von Casals, dessen interessante und lesenswerte Autobiografie ich mir noch einmal vorgenommen habe, und vor allem von Bachs wunderbaren Cello-Suiten. Ich habe die von Naxos remasterte Einspielung und bin mit der Klangqualität gut zufrieden:


Johann SebastianBach:
Cellosuiten BWV 1007-1012
Klaviertranskriptionen aus BWV 478, 564, 811, 1003, 10678
Pablo Casals, Cello solo;
Nikolai Mednikoff, Blas-Net, Otto Schulf, Klavier


Freundliche Grüße aus dem Land, in dem man genauso wie in Casals Musik-Antiquariat die salzige Meeresluft riechen kann ...

:hello: Andrew
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Donnerstag, 2. August 2007, 00:49

Ein frischer Beethoven ...

Christopher Hogwood gehört zu den zu den prägenden Musikern der historischen Aufführungspraxis. Er hat sich als Cembalist, als Musikwissenschaftler und besonders als Gründer und Dirigent der Academy of Ancient Music einen Namen gemacht.

Hogwood wurde am 10. September 1941 in Nottingham geboren. Er studierte Musik und - genau so wie Emma Kirkby - klassische Philologie. Zu seinen musikalischen Lehrern zählen u.a. Raymond Leppard, Zuzana Ruzickova und Gustav Leonhardt.

Zunächst war er in der Academy of St. Martin in the Fields tätig und orientierte sich dann stärker auf die historische Aufführungspraxis hin. Er wurde Gründungsmitglied des Early Music Consort.



1973 gründete er die Academy of Ancient Music (neu). Schwerpunkt der musikalischen Arbeit war vor allem Musik des achtzehnten Jahrhunderts. Es entstanden Referenzaufnahmen u.a. von Werken Händels (Orchesterwerke, Messias), Vivaldis, Haydns und die zurzeit hier im Forum diskutierte Einspielung der Mozart-Sinfonien – die erste Gesamtaufnahme in HIP.

1986 erschien die Aufnahme der ersten beiden Beethoven-Sinfonien mit Hogwood und der Academy of Ancient Music:

()


Ludwig van Beethoven: Symphony No 1 & 2
The Academy of Ancient Music on authentic instruments directed by Christopher Hogwood
L'Oiseau-Lyre

Für mich, der ich die Beethoven-Sinfonien bisher in meiner Plattensammlung in den Einspielungen von Klemperer (heute immer noch meine am häufigsten und liebsten gehörte Gesamtaufnahme!), Karajan und Solti kannte, war das eine völlig neue Erhörung, einen so frisch und transparent, so durchhörbar und detailreichen Beethoven kennen zu lernen.

Ich halte diese Aufnahme für eine der besten Einspielungen der ersten beiden Sinfonien Beethovens.

Mit freundlichen Grüßen, Andrew
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Sonntag, 13. April 2008, 20:14

Concerto par Clemenza pour Clement primo Violino e direttore al theatro a vienna

Als „unspielbar“ galt Beethovens Violinkonzert lange Zeit bei vielen Künstlern. Vielleicht brauchte es deshalb Zeit, um zu seinem Erfolg zu kommen.

Es ist das einzige Solokonzert, das Beethoven nicht für das Klavier geschrieben hat. Beethoven hat das Werk im Auftrag von Franz Clement, Konzertmeister am Theater an der Wien, komponiert. Erst zwei Tage vor der Uraufführung am 23. Dezember 1806 war das Werk fertiggestellt. Später fertigte Beethoven (oder einer seiner Schüler?) für einen Londoner Musikverlag eine Bearbeitung des Konzertes für Klavier an, die sich jedoch nicht durchsetzte.

Das Violinkonzert D-Dur, Opus 61 hatte einen langen Weg zum Erfolg. Die Reaktionen waren bei der Uraufführung nicht sehr begeistert. Vielleicht hat die besondere Schwierigkeit des Violinparts genauso dazu beigetragen wie die Tatsache, dass das Werk einen stark symphonischen Charakter hat, und der Solist sich trotz seiner anspruchsvollen Aufgabe nicht gefällig und elegant brillierend vom bloß begleitenden Orchester abhebt.

Lange Zeit wurde das Werk nicht aufgeführt. Mendelssohn-Bartholdy, einer der großen Wieder-Entdecker der Musikgeschichte, der seine Zeitgenossen u.a. wieder auf Bachs Matthäuspassion aufmerksam gemacht hat, hat mit dem 13jährigen Joseph Joachim Beethovens Violinkonzert am 27. Mai 1844 in London nach langer Zeit wieder aufgeführt. Eine Aufführung neun Jahre später unter Leitung von Robert Schumann in Düsseldorf etablierte das Werk. Seine Karriere begann, und heute liegen viele wunderbare Einspielungen vor.

Für eine besonders gelungene Aufnahme halte ich die Einspielung mit Thomas Zehetmair und dem Orchestra of the 18th Century unter Leitung von Frans Brüggen.


Ludwig van Beethoven:
Violinkonzert op. 61 + Romanzen Nr. 1 & 2 f. Violine & Orchester
Künstler: Zehetmair, 18th Century Orchestra, Brüggen
Label: Philips , DDD, 97


Thomas Zehetmair wurde 1961 in Salzburg geboren. Er studierte am Mozarteum und nahm an Meisterkursen u.a. bei Nathan Milstein teil. Unter den Dirigenten, mit denen er auftrat, sind besonders viele mit einem historisch informierten Ansatz wie z.B. Brüggen, Gardiner, Hanoncourt, Mackerras, Norrington. Ein Schwerpunkt neben dem klassisch-romantischen ist für Zehetmair neue Musik. So hat er u.a. das ihm von Heinz Holliger gewidmete Violinkonzert uraufgeführt. Besonders ausgezeichnet wurde er für seine Einspielung der Violinkonzerte Karol Szymanowskis.



Außerdem wirkt Zehetmair in verschiedenen Ensembles für Kammermusik mit und gründete 1994 das Zehetmair Quartett und betätigt sich als Dirigent. Er ist seit 2002 Chefdirigent der Northern Sinfonia und wirkt als Gastdirigent bei der Camerata Acadamica Salzburg mit.

Frans Brüggen gehört mit zu den Wegbereitern der historischen Aufführungspraxis. Er war der erste, der am Amsterdamer Konservatorium Blockflöte im Hauptfach studierte. Er wurde der wohl bedeutendste Künstler dieses Instrumentes im 20. Jahrhundert. Schon mit 21 Jahren wurde er Professor am Konservatorium in Den Haag. Brüggen verdanken wir eine Vielzahl hochwertiger Einspielungen Alter Musik.



Bald empfand Brüggen ein Ungenügen an den Aufführungen der Orchestermusik des 18. Jahrhunderts. Und so begann seine zweite Karriere als Dirigent des „Orchestra of the 18th Century“, das er 1981 gründete. Er sagt dazu in einem Interview:

„Es kam, weil ich allmählich unzufrieden wurde mit den Haydn- und Mozart-Aufführungen unserer guten modernen Sinfonieorchester. Ich wünschte mir mehr Nähe zum Komponisten – stilistisch gesprochen, noch abgesehen mit alten Instrumenten – und experimentierte ein bißchen mit Gastdirigaten. Aber dann habe ich mich doch entschieden, mich an die Spezialisten mit ihren Mozartschen Instrumenten zu wenden.“

Die hier vorliegende Aufnahme des Violinkonzertes (und der beiden Romanzen) ist für mich eine der großartigsten Einspielungen dieses Werkes. Zehetmair spielt die Kadenz von Wolfgang Schneiderhan mit der sich deutlich artikulierenden Pauke. Der Solist nimmt seine Rolle charaktervoll ein, und gleichzeitig bleibt die symphonische Balance erhalten. Hier wird kein Weichzeichner eingesetzt, sondern ausdrucksvoll und klar, mal kraftvoll und energisch, mal zart und schwebend wird Beethovens Violinkonzert gespielt.



Eine zweite Referenzaufnahme neueren Datums hebt die Pauke noch deutlicher hervor und gestaltet einige Stellen als Dialog zwischen Violine und Pauke. Der Solist Christian Tetzlaff sagt in einem Interview: „Dadurch entsteht eine frappierende Zweigleisigkeit. Einerseits sind da die naiven, schönen Melodien, die bitte auch so gespielt werden sollen, und andererseits gibt es dieses unerbittliche Paukenmotiv, das mit seinen militärischen Assoziationen das absolute Gegenteil darstellt.“ Tetzlaff hat für diese Einspielung die Kadenz, die Beethoven für die Klavierfassung des Konzertes komponiert hat, für die Violine transkribiert.

Eingespielt wurde diese Aufnahme innerhalb der Züricher Einspielung der Orchesterwerke Beethovens mit dem Tonhalle Orchester unter Leitung von David Zinman.


Ludwig van Beethoven:
Violinkonzert op. 61 und Romanzen Nr. 1 & 2 für Violine & Orchester
Künstler: Christian Tetzlaff, Tonhalle Orchester Zürich, David Zinman
Label: Arte , DDD, 2004


Wie gut, dass ich mich nicht zwischen beiden Aufnahmen entscheiden muss, sondern mich an beiden erfreuen darf.

Freundliche Grüße von der südlichen Nordsee, Andrew
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Samstag, 30. Mai 2009, 09:04

Die vollendete Unvollendete

Schon 1987 legte Charles Mackerras eine vielgelobte Einspielung der Sinfonien 8 und 9 von Schubert vor. Mit dem Age of Enlightenment Orchestra spielte er eine historisch informierte und instrumentalisierte Fassung der Sinfonien 5, 8 und 9 ein.

Zwölf Jahre später erschien eine zweite Einspielung dieser Sinfonien mit dem Scottish Chamber Orchestra, mit der Mackerras, wie es in einer Rezension heißt, „mit dem schlank besetzten Schottischen Kammerorchester eine an kammermusikalischer Feinarbeit, rhythmischer Präzision und pulsierender Lebens-Zugewandtheit vorbildliche Interpretation des vielgeschundenen Monuments“ vorgelegt.


Franz Schubert:
Symphonien Nr. 8 & 9
Scottish Chamber Orchestra, Mackerras
Telarc , DDD, 98

Diese überaus spannende, klare und akzentuierte Einspielung ist für mich die schönste Einspielung dieser beiden Schubert-Sinfonien.

Charles Mackerras wurde am 17. November in Schenectady, im US-Bundesstaat New York geboren. Er wuchs auf in Australien, studierte und spielte Oboe in Sydney. In London studierte er Dirigieren und kam dann durch ein Stipendium nach Prag, wo die gemeinsame Zeit mit Václas Talich entscheidend für Mackerras wurde.

Mackerras wurde nie ein Mainstream-Star. Und doch war und ist er ein wichtiger Inspirator für die Musik, der an mehreren Stellen Schwerpunkte gesetzt und Impulse gegeben hat, z.B. seine Aufführungen des Opernwerkes von Leos Janacék, seine Einspielungen von Händels Messias, der Operetten von Gilbert und Sullivan, der Sinfonien Mozarts (mit dem Prager Kammerorchester) und zwei viel gelobte Aufnahmen der Sinfonien Beethovens. Diese kurze und subjektive Auswahl zeigt etwas von dem weiten Spektrum dieses großartigen Dirigenten.

In einer der vielen Lobreden über Mackerras heißt es bezeichnend:

Zitat

Bis heute ist er einer der ganz wenigen Dirigenten, die treffsicher CD-Meilensteine produzieren. Daß es je wieder Dirigenten geben wird, die sich auf so unauffällige Weise in den Olymp dirigieren, ist zu bezweifeln.



Über Schuberts Unvollendete schreibt Sir Charles Mackerras

Zitat von »Sir Charles Mackerras«

Es gibt viele verschiedene Ansichten, warum Schubert dieses Werk unvollendet ließ, und ich selbst habe manchmal die Sinfonie in einem Konzert beendet, indem ich das von ihm weitaus unorchestrierte Scherzo spielte und das Ganze mit einem Finale aus der Begleitmusik zu ‚Rosamunde’ abschloss. Jedoch ist das Ende des zweiten Satzes derart schön, dass man dem nichts in überzeugender Weise hinzuzufügen vermag. Schubert ließ im Ganzen fünf Sinfonien unvollendet, aber diese Sinfonie in h-moll, die in der nahe verwandten Tonart E-Dur abschließt, scheint nichts weiter zu brauchen, nachdem die Cellos und Bässe im Pizzicato in die Tiefen hinabsteigen und der Klang des gesamten Orchesters zuerst anschwillt, um dann wieder abzuklingen. Ein perfekter Abschluss zu einem perfekt proportionierten Werk.


Freundliche Grüße von Andrew
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

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10

Freitag, 22. April 2011, 15:49

Morgen, Mittag und Abend - ein Tag mit wunderbarer Musik

Die Sinfonien 6 – 8 sind die einzigen zugleich thematisch und gestalterisch zusammenhängenden Werke unter den Sinfonien Haydns und tragen die Titel „Le Matin“ (Der Morgen) für Nr. 6, „Le Midi“ (Der Mittag) für Nr. 7 und „Le Soir“ (Der Abend) für Nr. 8. Es gibt sogar die Vermutung, dass eine vierte Sinfonie mit dem Titel „La Nuit“ (Die Nacht) verloren ging. ?(

Ob alle Titel von Haydn selbst stammen, ist unklar. Die Namensgebung "Le Midi" geht wohl auf ihn selbst zurück. Es sind jedoch nicht nur die beigelegten oder von Haydn so gewählten Namen, die diese Sinfonien in einen Zusammenhang stellen. Auffällig ist, dass die Sinfonien vier Sätze, Nr. 7 „Le midi“ sogar fünf Sätze, aufweisen. Als dritter Satz liegt jeweils ein Menuett vor. Die drei Sinfonien sind an vielen Stellen von zahlreichen Soli geprägt, die vermutlich auf die hervorragende personelle Besetzung des Orchesters der Familie Esterházy schließen lassen. Deren Solisten hat Haydn in der Komposition dieser Werke besonders bedacht und herausgestellt. Haydn gibt ihnen die Möglichkeit, zu „brillieren“.



Als Entstehungszeit dieser Sinfonien wird das Jahr 1761 angenommen. Es ist das Jahr, in dem Haydn seine Stelle als Vize-Kapellmeister am Hof Esterházy antritt. Vielleicht hat er sich mit diesen Sinfonien eingeführt und mit seinem musikalischen Programm und mit seinem Können vorgestellt. Ob er sich darüber hinaus auch bei seinen Musikern beliebt machen wollte, um seine Position gegen den ihm nicht gerade wohlwollenden Kapellmeister Werner stärker zu machen, ist wohl auch nicht ganz auszuschließen. Vielleicht hat Haydn mit der Komposition dieser Werke sogar eine Anregung seines Dienstherrn Prinz Paul Anton Esterházy aufgegriffen. Viele „vielleicht“s: sie erhellen die persönliche Situation des frischgebackenen Vizekapellmeisters an einem bedeutenden Hof.

Haydn führte sich mit diesen Sinfonien, unter denen die Nummer 8 „Le soir“ den Abschluss bildet, bei seinem neuen Dienstherrn und dessen Familie sowie auch in seinem Orchester gut ein. Die Beziehung zu seinem vorgesetzten Kapellmeister Gregor Joseph Werner war von diesem aus nicht ungetrübt, nannte dieser Haydn doch einen „Modehansel“ und "Gsangelmacher" und war durchaus nicht der hilfreiche kollegiale Vorgesetzte, der dem Jüngeren Türen öffnete. In der Aufteilung der Arbeit kam es zu einem Agreement, in dem Haydn für die weltliche Musik und die Leitung des Orchesters zuständig war, während der Chef die Vokalkapelle weiterführte und das Ressort der Kirchenmusik bediente.

Für Haydn war es der Beginn eines Dienstverhältnisses, das er viele Jahre innehaben sollte und das Haydn selbst überaus dankbar mit diesen Worten beschrieb: „wurde ich […] als Capell Meister bey S: Durchl: dem fürsten an- und aufgenohmen, allwo ich zu leben und zu sterben mir wünsche." Auch wenn Haydn seine letzten Lebensjahre als sehr erfolgreicher freischaffender Künstler verbrachte, war er zeitlebens dankbar, dass ihm die Stelle am Hof der Familie Esterhazy für eine lange Zeit eine finanziell gut gestellte und wirtschaftlich sorgenfreie Existenz als Musiker und Komponist ermöglichte.


Besonders empfehlen möchte ich die großartige, kraftvolle und farbige Aufnahme dieser Sinfonien mit dem Concentus musicus Wien unter Leitung von Nikolaus Harnoncourt:


Joseph Haydn:
Symphonien Nr. 6-8 "Die Tageszeiten"
Concentus Musicus, Harnoncourt



Mit etwas mehr Understatement und in harmonischer, erfrischender HIP-Spielweise musiziert das Freiburger Barockorchester unter der Leitung von Petra Müllejans. Auch dies ist eine sehr empfehlenswerte Einspielung:


Joseph Haydn:
Symphonien Nr. 6-8 "Die Tageszeiten"
Freiburger Barockorchester, Petra Müllejans


Die beste Einspielung außerhalb der HIP ist wohl die der Academy of St. Martin in the Fields unter Leitung von ... na wer wohl ? ... Neville Marriner. Beste, quicklebendige, fröhliche Academy-Spielweise, so wie wir Sir Neville und seine Mannschaft lieben. Auch diese Aufnahme empfehle ich sehr. Da sie längere Zeit vergriffen war und seit einem dreiviertel Jahr wieder erhältlich ist, poste ich sie auch hier:


Joseph Haydn:
Symphonien Nr. 6-8 "Die Tageszeiten"
Academy St. Martin, Neville Marriner




Viel Gutes habe ich gelesen über Trevor Pinnock und The English Concert, die diese Werke ebenfalls mustergültig aufgenommen haben. Das kann ich mir bei diesem herausragenden Ensemble auch nicht anders vorstellen, so wie es bei diesen wunderbaren und vielschichtigen Werken Haydns auch undenkbar ist, dass es nicht mehrere beste Einspielungen gibt - im Falle des Zweifels immer die, die ich gerade hören darf.

In diesem Sinne, beste Grüße von der Nordseeküste von Andrew
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

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Sonntag, 21. Oktober 2012, 14:25

Meinen Beitrag Nr. 1.500 möchte ich zwei – wie ich meine – herausragenden Aufnahmen von Symphonien Anton Bruckners widmen. Beide hat Günter Wand mit dem Sinfonieorchester des NDR aufgenommen. Beide Aufnahmen dokumentieren in besonderer Weise die lebenslange Auseinandersetzung Wands mit dem Werk Anton Bruckners und seine besondere Verbundenheit mit dem NDR-Sinfonieorchester. Beides hat nachhaltig gewirkt.

Im Alter von siebzig Jahren wurde Günter Wand Chefdirigent des Orchesters. Er selber äußert sich in einem Interview sehr persönlich zu den Motiven, in diesem Altar eine solche Aufgabe zu übernehmen:

„Was mich nun eigentlich bewogen hat, nach Hamburg zu kommen? Vielleicht war es der Wunsch, mich noch einmal so zu Hause fühlen zu können, wie ich das in Köln beim Gürzenich erlebt habe. Aber das ist ein sehr vermessener Gedanke. Ich vermag fast nicht zu glauben, dass man so etwas zweimal im Leben erfahren könnte …“


Günter Wands Arbeit mit dem Orchester hat dieses auf lange Zeit geprägt. Nach der langen Aufbauzeit des Orchesters mit dem legendären Hans Schmidt-Isserstedt war Günter Wand die zweite prägende Dirigentenpersönlichkeit für die NDR-Sinfoniker.

Wands lebenslanges Bemühen mit Bruckners Sinfonien hat sich in zahlreichen qualitativ hochrangigen Aufnahmen niedergeschlagen, die die Hörerfahrung der Werke Bruckners bei vielen Menschen geprägt hat.

Ich selber habe Bruckner spät entdeckt. Eine Zufallsbegegnung vor wenigen Jahren: ein günstiger Gelegenheitskauf aller Sinfonien (Jochum, Dresdener Aufnahme) machte mich neugierig, aufmerksam. Ich begann, die CDs intensiv zu hören und bekam später die Gesamtaufnahme aller Sinfonien mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester von meiner Frau geschenkt. Viele einzelne Aufnahmen kamen hinzu. Bruckners Musik bedeutet mir inzwischen viel. Die Aufnahmen von Günter Wand sind für mich immer die gefühlte Heimat, von der aus ich gern andere Interpretationen kenne lerne, zu der ich aber auch immer wieder gern zurückkehre. In den letzten Wochen habe ich mehrere CDs mit Einspielungen der Symphonien Bruckners mit dem NDR-Sinfonieorchester unter Günter Wand kennengelernt und bin beeindruckt und berührt von diesen Aufnahmen.

In meiner Jugendzeit (Niedersachsen!), waren das NDR-Sinfonieorchester und sein Dirigent Hans Schmidt-Isserstedt so etwas wie Synonyme, auch noch lange nach „Schmisserstedts“ Tod 1971. Günter Wand ist mit seinen neun Jahren von 1982 – 1991 der Dirigent, der die längste Zeit nach Kultperson Hans Schmidt-Isserstedt das Orchester leitete und prägte. Für die NDR-Sinfoniker begann eine neue Glanzzeit, die u.a. in viel beachteten Abonnement-Konzerten und Gastspielen in Deutschland, Europa und in den USA sowie in herausragenden Plattenaufnahmen ihren Ausdruck fand.

Wolfgang Seifert weist darauf hin, dass Günter Wand mit dem NDR-Sinfonieorchester mehr Plattenaufnahmen gemacht hat, als alle Chefdirigenten vor ihm und nach ihm zusammen! Seine Aufnahmen der Sinfonien von Brahms, Beethoven und Mozart gelten bis heute als mustergültige Einspielungen mit einem „konventionellen“ Orchester. Mit dem NDR-Sinfonieorchester hat Günter Wand die Symphonien 3 – 9 von Anton Bruckner aufgenommen, die 8. und die 9. sogar zweimal – wenn ich das richtig sehe.

Aus dieser Reihe möchte ich besonders 2 Einspielungen hier als persönliche Referenzen hier einstellen:



Anton Bruckner:
Symphonie Nr. 8
Sinfonieorchester des NDR, Günter Wand (1987)


1987 gibt Günter Wand mit dem NDR-Sinfonieorchester das Abschlusskonzert des Schleswig-Holstein Musikfestivals im Lübecker Dom und dirigiert dabei die Achte von Bruckner. Dies ist Wands erste „Live-Recording“ mit dem NDR-Orchester. In der Fernsehaufnahme ist dieser überragende Mann mit 75 Jahren so jung und vital zu sehen, wie er ein hohes Maß an Ruhe, Konzentration und Energie ausstrahlt, das sich auch in seinen Gesten ausdrückt. Der etwas nachhallende Klang im Dom stört mich in dieser Aufnahme nicht.

Zwei Jahre später nimmt er die Fünfte von Bruckner mit seinem Orchester auf.



Anton Bruckner:
Symphonie Nr. 5
Sinfonieorchester des NDR, Günter Wand (1989)


Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine „Live Recording“.

Über Wands Beziehung zu Bruckner und die besondere Bedeutung der fünften Symphonie für seinen Weg als Dirigent ist viel gesagt und geschrieben worden – auch hier im Forum kann man das nachlesen. Das möchte ich hier nicht alles wiederholen.

Günter Wands Bruckner-Aufnahmen mit dem NDR-Sinfonieorchester haben zwischen den Kölner und Berliner Aufnahmen eine besondere Bedeutung. Sie stellen nach den Kölner Aufnahmen eine weitere Entwicklung des Dirigenten dar, während die Berliner Aufnahmen wiederum eine andere Atmosphäre haben.

In einer Urkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik aus dem Jahr 1990 für Günter Wand wird zum Ausdruck gebracht, was seine Kunst und Arbeit als Dirigent und seine Aufnahmen charakterisiert:

Man „begegnet in Wands Interpretationen einer Verbindung von akribischer Partiturtreue, überlegener Klang- und Formdisziplin und temperamentvoller Direktheit des Musizierens …“

Mich beeindruckt, wie ein Dirigent es leisten kann, diese Meisterwerke so aufzuführen, dass sie so weite Klangräume eröffnen und gleichzeitig so viele Details hörbar machen, dass die Interpretation so mitreißend und gleichzeitig so filigran ist, dass sich ein so vitales und weiträumiges Klangvolumen entfalten kann und gleichzeitig alles so transparent ist, und zuletzt: dass man Musik in einer eher nüchternen Weise präsentiert, die das Gefühl viel unmittelbarer anspricht, als eine „Inszenierung der Gefühle“.

Diese Einspielungen bringen die Großartigkeit der Werke Anton Bruckners angemessen zum Ausdruck, so dass ich diese Symphonien immer wieder gern mit großem Respekt und großer Sympathie höre und die Musik etwas in meinem Inneren zu berühren vermag, das den Genuss schöner Musik deutlich übersteigt.

Dass ich auf Bruckners Werke gestoßen bin und Günter Wands Interpretationen kennenlernen konnte, verdanke ich nicht zuletzt Anregungen aus dem Tamino-Forum.


Freundliche Grüße von der südlichen Nordsee, Andrew
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12

Mittwoch, 5. Juni 2013, 21:37

Auch diesen runden (1.600sten) Beitrag möchte ich hier einstellen und eine Aufnahme empfehlen, die mir sehr wichtig ist.

Die Musik wurde Paavo Järvi bereits in die Wiege gelegt. Am 30. Dezember 1962 wurde er, als Ältestes von drei Kindern der Familie Järvi in der Stadt Tallinn geboren, die heute wieder Hauptstadt von Estland ist.
Schon sein Vater, Neeme Järvi, ist ein bekannter Dirigent. Neeme Järvi und seine Frau Liilia haben insgesamt drei Kinder, die alle eine musikalische Laufbahn eingeschlagen haben. So begann er bereits, als die Familie noch in Tallin lebte, sein Studium. Dies beschäftigte sich mit den Schwerpunkten Percussion und Dirigieren.



Dann entschloss sich die ganz Familie, in die USA auszuwandern. Nach der Einreise im Jahr 1980 setzte Paavo Järvi sein Studium fort. Zunächst war er am Curtis Institute of Music eingeschrieben. Anschließend schrieb er sich am Los Angeles Philharmonic Institute ein. Dort lernte er unter anderem bei Leonard Bernstein, der als Komponist und Dirigent weltberühmt wurde.
Sehr lange hat Paavo Järvi in einer Band ist Esland Schlagzeug gespielt. Doch nach seiner Ausbildung zum Dirigenten nahm er nun diese Laufbahn in Angriff. Als einer von zwei Leitern des Kungliga Filharmoniska Orkestern war er in Stockholm in den Jahren 1995 bis 1998 tätig.

Inzwischen nimmt Paavo Järvi gleich mehrere Aufgaben wahr. So ist er zum einen im Jahr 2001 als Chefdirigent des Cincinnati Symphony Orchestra eingesetzt worden. Und auch in Deutschland wurden die Qualitäten des Dirigenten sehr bald erkannt. Paavo Järvi wurde im Jahr 2004 an die Deutsche Kammerphilharmonie in Bremen berufen, wo er die Rolle des künstlerischen Leiters übernahm.

Auch in Frankfurt am Main hat der Dirigent Aufmerksamkeit erzielen können. Dort beriefen ihn die zuständigen Herren im Jahr 2006 zum Chefdirigenten des Sinfonieorchesters des Hessischen Rundfunks.

Besonders gut gefällt mir seine Einspielung der 2. Symphonie von Gustav Mahler:


Gustav Mahler:
Symphonie Nr. 2

Natalie Dessay, Alice Coote, HR SO Frankfurt, Paavo Järvi
Label: Virgin, DDD/LA, 2009


Diese Aufnahme hat für mich eher etwas Zurückhaltendes, sie wirkt nicht so zupackend und gefühlvoll. Und darin wirkt diese Einspielung stärker auf mich als andere. Traumhaft ist der Einsatz des Chores Orféon Donostiarra, der so zart und klar akzentuiert einsetzt. Die Solistinnen Natalie Dessay (Sopran) und Alice Coote (Mezzosopran) sind großartig. Noch nie habe ich das Urlicht so unaufdringlich und anrührend gehört. Das Orchesterspiel empfinde ich als sehr differenziert, mal feierlich und kraftvoll, mal eher zart und verhalten. In einer Rezension lese ich:

„Der estnische Dirigent hat zu Mahler ein entspanntes Verhältnis. Er entdeckt in der Musik kein nervöses Leiden, keine Hysterie, keine Schreikrämpfe; er gibt auch nicht den Radiologen, der die Symphonie röntgen lässt und dann nur noch Einzelstimmen findet. Järvi wird vielmehr zum Begleiter seines Orchesters und steuert es wie von fern bei dem Projekt, dass sich unter genauester Befolgung von Mahlers Wünschen die fünf Sätze von selbst entwickeln. Dabei ist die Streubreite der Dynamik und Farbkraft des Frankfurter Orchesters so auffallend wie seine Brillanz …“.

Insgesamt wirkt diese Aufnahme auf mich meditativer und subtiler als andere Aufnahmen. Ich finde hier nichts Gewolltes, Zudringliches oder Gefühliges, sondern in der Zurückhaltung liegt für mich das, was mich emotionaler mehr anspricht.

Von den älteren ist mir die mit Klemperer (die „Bayerische“) die Liebste:


Mahler: 2. Symphonie:

Harper, Baker, SOBR, Klemperer


Über diese Aufnahme urteilt RONDO:
"Sie galt bislang als strengste und geschlossenste Interpretation des damals schon achtzig Jahre alten Klemperer und als “ehernes Gesetzeswerk”, enthüllt aber jetzt im hervorragend aufgelösten Klangbild des 24-Bit-Remasterings ungeahnte Transparenz, große Innenspannung und dramatische Wucht. Allein das mit “antiker” Unwiderruflichkeit und Größe, fast wie das Orakel von Delphi, verkündete “Urlicht” der jungen Janet Baker ist beispiellos und hebt das Ganze in den Rang eines unangreifbaren “Mahler-Monuments”."

Dazu muss man eigentlich nichts mehr schreiben. Es gibt viele wunderbare Einspielungen dieser herrlichen Symphonie (Solti, Kubelik, Neumann, Mehta, Rattle, Jansons, Nott sind z.B. empfehlenswerte Aufnahmen)

Aber Klemperer und Järvi sind mir die liebsten.

Freundliche Grüße, Andrew
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

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Samstag, 16. Juli 2016, 09:02

Der 'Brahms aus Oldenburg' - Albert Dietrich

Als Beitrag Nr. 1900 möchte ich hier gern wieder einmal etwas einstellen. Da ich in den letzten Tagen viel in diesen CDs gehört habe, möchte ich sie hier gern empfehlen. Selbstzitate sind immer ein bisschen ... naja ... ?( :untertauch: Aber es ist auch wenig sinnvoll, den Text noch einmal ganz neu zu schreiben. Und weil dies hier ja mein persönlicher Spielplatz ist, mach ich das einfach:


"Der Dritte im Bunde" - so bezeichnet eine CD-Besprechung den Dirigenten und Komponisten Albert Dietrich, der mit Robert und Clara Schumann, Joseph Joachim und vor allem mit Johannes Brahms eng befreundet war und fast dreißig Jahre lang als Hofkapellmeister in Oldenburg wirkte. Der 'Dritte Mann' ist vielleicht zutreffender, denn er ist der eher unbekannte Mitkomponist der berühmten F.A.E. Sonate, die Robert Schumann und Johannes Brahms gemeinsam mit Albert Dietrich für ihren Freund Joseph Joachim komponiert haben, und der sie bei dem Empfang sogleich nach Empfang der Noten mit Clara Schumann am Klavier aufführte und die einzelnen Sätze den richtigen Komponisten zuordnete.
Zu seinen Wirkungszeiten war Albert Dietrich ein angesehener Orchesterleiter und gehörte zu den gern aufgeführten Komponisten.



Albert Hermann Dietrich wurde 1829 in der Nähe von Meißen geboren. Er besuchte die Kreuzschule in Dresden und nahm während seines Jura-Studiums Privatunterricht am Leipziger Konservatorium. Danach wurde er Schüler bei Robert Schumann und freundete sich mit dessen Kreis an, z.B. mit Joseph Joachim. Besonders prägend wurde die lebenslange Freundschaft mit Johannes Brahms.

Ein Zeichen dieser freundschaftlichen Verbundenheit war die gegenseitige Widmung von Werken. So hat Schumann seinem Freund Albert Dietrich seine ‚Märchenerzählungen‘ op. 132 gewidmet, und Brahms widmete dem Freund seine „Sechs Gesänge“ op.7. Albert Dietrich wiederum widmete sein erstes Klaviertrio Robert Schumann und seine Symphonie Brahms. In seinem berühmten Aufsatz „Neue Bahnen“ drückt Schumann seine besondere Wertschätzung von Albert Dietrich aus und nennt ihn einen „hochaufstrebenden Künstler der jüngsten Zeit“.

Ein besonderes Zeugnis der Freundschaft war 1853 die gemeinschaftliche Komposition der Joseph Joachim zugeeigneten Sonate F.A.E. nach Joachims Leitspruch ‚Frei aber einsam‘. Durch dieses Werk, zu dem Dietrich immerhin den Kopfsatz beitrug, ist sein Name heute noch bekannt.

Albert Dietrich wurde Musikdirektor in Bonn und amtierte dann von 1861 bis 1890 als Hofkapellmeister am großherzoglichen Theater in Oldenburg. Er prägte für lange das Musikleben in der Residenzstadt. Clara Schumann und Joseph Joachim konzertierten in Oldenburg, und Johannes Brahms kam mehrere Male zu Konzerten nach Oldenburg, in denen er als Pianist oder als Dirigent auftrat. Später hat Albert Dietrich seine „Erinnerungen an Johannes Brahms“ als Buch veröffentlicht.



Während seiner Tätigkeit war Albert Dietrich auch ein sehr geschätzter und oft aufgeführter Komponist von kammermusikalischen Werken, Chormusik, Bühnenwerken, Instrumentalkonzerten und der groß angelegten Symphonie, die er seinem Freund Brahms widmete. Auch eine Oper mit dem Titel ‚Robin Hood‘ hat er hinterlassen.

Albert Dietrich zog in seinem Ruhestand zunächst nach Leipzig und dann nach Berlin. Dort verlieh die Akademie der Künste ihm in Anerkennung seines Schaffens den Titel eines Professors. Er starb 1908 in Berlin. Seine Werke sind später in Vergessenheit geraten. Das Staatsorchester Oldenburg unter der Leitung von Alexander Rumpf hat seine Symphonie, sein Violinkonzert und sein Konzertstück für Horn und Orchester auf zwei CDs eingespielt, die 2007 bei CPO erschienen sind. Zurzeit sind diese wunderschönen Aufnahmen in einer Sonderaktion erhältlich.


Albert Dietrich (1829-1908)
Symphonie d-moll op.20
+Violinkonzert d-moll op. 30; Introduktion & Romanze op. 27 für Horn & Orchester

Elisabeth Kufferath (Violine),Marie Luise Neunecker (Horn), Oldenburgisches Staatsorchester, Alexander Rumpf
Label: CPO, DDD, 2007


In Oldenburg gibt es eine Albert Dietrich Gesellschaft. Klickt man die Homepage an, so wird man um Geduld gebeten. Ich bin gespannt, was uns da erwartet.

Von der F.A.E. Sonate gibt es ja mehrere interessante Einspielungen, zuletzt die von Isabelle Faust (Violine) und Alexander Melnikov (piano) auf historischen Instrumenten. Immerhin hat Albert Dietrich den ausdrucksstarken und umfangreichen ersten Satz verfasst, und dieser Mitwirkung verdankt er wohl in erster Linie sein Fortleben in der musikalischen Gegenwart. Ich selber habe diese schöne Aufnahme der FAE-Sonate zusammen mit seinem hörenswerten Klaviertrio, gespielt vom Clara Wieck-Trio:


Dietrich: Klaviertrio Nr. 1 op. 9
+Dietrich / Schumann / Brahms: FAE-Sonate für Violine & Klavier

Künstler: Clara Wieck Trio
Label: Christophorus, DDD, 96


Freundliche Grüße, aus ca. 75 km Entfernung von Albert Dietrichs langjähriger Wirkungsstätte,
Andrew
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Samstag, 8. April 2017, 20:28

Ich liebe Brahms: Meine 'big five'

Brahms ist für mich ein Komponist, dessen Musik mich schon als Jugendlicher sehr berührt und interessiert hat. Hier meine fünf Lieblingsgesamtaufnahmen der Sinfonien:



Brahms mit dem NDR-Orchester und Hans Schmidt-Isserstedt :
Das ist eine der beiden Brahms-Aufnahmen, mit denen ich 'groß' geworden bin. Bis zum Alter von Anfang 30 hatte ich gar keine anderen und habe erst da auf CD umgestellt. Ich habe diese Einspielungen auch nur auf LP und höre sie ab und zu auch noch mal. Eine ernsthafte, konzentrierte, nicht so sentimentale aber doch tiefgehende Interpretation - so habe ich das immer empfunden. Mit dieser Einspielung habe ich Brahms kennen und lieben gelernt.



Brahms mit dem Philharmonia Orchestra und Otto Klemperer:r
Das ist meine zweite Brahms-Aufnahme, die mich sehr geprägt hat. Die habe ich inzwischen auch auf CD. Für mich immer noch die stärkste Gesamtaufnahme mit ihre Kraft, mit ihrem Tiefgang, mit ihrer großen 'Brahms-Pranke' und ihrer ...ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, da schwingt etwas für mich mit, das ist aber vielleicht auch nur der 'Mythos Klemperer'.


Brahms mit dem NDR Sinfonieorchester und Günter Wand:
Die Einspielungen knüpfen für mich an Schmidt-Isserstedts Aufnahmen an und weisen die gleichen Tugenden auf, sind insgesamt aber für mich noch lebendiger und transparenter - und auch noch ein Tickchen mitreißender.


Brahms mit dem Scottish Chamber Orchestra und Charles Mackerras:
"The Four Symphonies, in the style of the Meiningen performances ...." Etwas skeptisch war ich schon, als ich diese Ankündigung las. Das Ergebnis war für mich umwerfend, eine herrlich klangschöne, transparent-romantische Einspielung mit konzentrierter Kraft, fast schon kammermusikalisch schwebend in den langsamen Sätzen, ungemein kraftvoll da, wo es muss oder soll. Für mich eine herrliche Aufnahme, die ich gern unter meinen 'big five' einordne.


Brahms mit den Berliner Philharmonikern:
Eigenartig: Diese Aufnahmen erinnern mich schon ein wenig an Klemperer: "unerbittlich" (Entschuldigung an die Phrasen-Beschwerdezentrale), sehr kraftvoll und wuchtig, gleichzeitig aber auch sehr pointiert und transparent (Bläser, besonders auch Holzbläser). Nicht sentimental aber doch mit Gefühl, Energie und Klarheit. Für mich auch eine der stärksten Aufnahmen.

Freundlich grüßt von der norddeutschen Küste Andrew
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“