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Ulli

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1

Freitag, 14. Juli 2006, 14:12

Jan Vaclav Vorisek (1791 - 1825)


Jan Vaclav Vorisek
nach einer Lithographie von Josef Lanzedelli


Etwa ein halbes Jahr vor Mozarts Hinscheiden, nämlich am 11. Mai 1791, wurde Jan Vaclav Vorisek [auch Jan Hugo] im nordostböhmischen Wamberg geboren. Er entstammte einer Familie von Musiklehrern, so dass es klar ist, dass er ersten Musikunterricht von seinem Vater Vaclav Vorisek [1749-1815] erhielt. Dieser war seit 1777 Rektor der Wamberger Schule. Jan Vaclav Vorisek soll bereits als siebenjähriger Knabe diverse Orgelposten in der Umgegend bekleidet haben und im Alter von 10 Jahren als Pianist u.a. auch in Prag aufgetreten sein. In Prag besuchte er ab etwa 1806 das Kleinseitner Gymnasium und studierte im Anschluß daran von 1811-1813 Philosophie an der Prager Universität. Zugleich nahm er Unterricht in Musiktheorie und Klavier bei V. J. Tomasek, der sein musikalisches Talent förderte.

1813 zog Vorisek nach Wien um, wo er bereits kurz darauf – 1814 – Ludwig van Beethoven persönlich kennen lernte. Dessen 3. Sinfonie „Eroica“ hatte er bereits 1806 in Prag hören können. Beethoven äußerte sich lobend über den talentierten Böhmen, Unterricht hingegen nahm Vorisek bei J. N. Hummel, der so viel Vertrauen in den jungen Musiker setzte, dass er ihm 1816 bei seinem Abgang von Wien alle Schüler überließ. Seit 1822 war er 2. Hoforganist und nach dem Tode des 1. Hoforganisten V. Ruzicka rückte er 1823 auf diesen Posten auf.

Seit 1811 bereits litt Vorisek an Lungentuberkulose, welche sich 1824 vehement verschlechterte. Wie eine Flucht vor der Krankheit gestalten sich seine Genesungsversuche in Graz, in Böhmen bei seinem Bruder Frantisek und Karlsbad. Er starb am 19. November 1825 verarmt in Wien und wurde auf dem Währinger Friedhof [heute Schubert-Park] beigesetzt.

Vorisek beteiligte sich wie Franz Schubert [D718], Ludwig van Beethoven, Carl und Josef Czerny, J. N. Hummel, F. X. Mozart, A. Hüttenbrenner, K. Kreutzer, Franz Liszt, Maximilian Stadler und V. J. Tómasek an den Variationen über einen Walzer von Anton Diabelli.

Zusammen mit Schuberts drei Deutschen für Klavier D971 erschienen einige Werke Voriseks 1823 in einem Sammelband original deutscher Tänze für das Pianoforte.

Über eine angeblich tiefe Freundschaft zu Franz Schubert schweigen sich alle in meinem Besitz befindlichen Lexika gegenseitig an.

Am bekanntesten ist vermutlich seine 1823 komponierte Sinfonie in D-Dur.



Scottish Chamber Orchestra
Sir Charles Mackerras
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

Wulf

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2

Freitag, 14. Juli 2006, 14:41

Die es - wie ich bereits darauf hinwies :evil: - in einer wesentlich besseren Einspielung gibt, nämich dies hier:




;)

LG
Wulf.
Carreras, I'll never stop saying Carreraaaas!
(Leonard Bernstein)

Wulf

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3

Freitag, 14. Juli 2006, 14:47

Ein ebenfalls sehr schönes Werk Voriseks ist seine späte Klaviersonate op. 20. Sind die beiden äußeren Sätze, eher virtuos und mit viel Tastenläufen versehen, befindet sich das Juwel im zweiten Satz.

Es gibt immerhin zwei Einspielungen dieser Sonate:



Gute Interpretation, hat den Vorteil, daß man noch andere Werke Voriseks kennenlernen kann.

und schließlich diese:



Was soll man da noch sagen? Demidenko ist ein Klaviergott! :jubel:
Interessant sind Demidenkos Anmerkungen im Booklet, auch bzw. v.a. bezüglich Vorisek!!

Die zweite Scheibe ist unbedingt zu empfehlen.

LG
Wulf.
Carreras, I'll never stop saying Carreraaaas!
(Leonard Bernstein)

Alfred_Schmidt

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4

Samstag, 18. Juni 2016, 20:45

Nach einer beinahe 10 Jahre dauernden Pause werde ich versuchen diesen Thread wieder auf den letzten Stand zu bringen. Von "Erweitern" kann man nämlich nicht sprechen, wurden doch beinahe all einst hier empfohlenen Aufnahmen inzwischen gestrichen, soll heißen: aus den Katalogen entfernt Indes - es gibt aber glücklicherweise auch Neuaufnahemen. Ich bleibe bei DIESEM Thread, und starte keinen neuen, weil das kompositorische Gesamtwerk Vorizeks an die 24 Werke mit Opuszahl umfasst. Das meiste davon ist Klaviermusik, soll heissen: für Klavier Solo. Ein Klavierkonzert ist mir nicht bekannt, allerdings schrieb Vorisek ein paar Stücke für Klavier und Orchester. Ich konnte es zwar nicht verifizieren, aber wie es scheint, existieren auch einige Werke ohne Opuszahl.
Seit 2014 sind bei GRAND PIANO drei Folgen mit Klavierwerken - interpretiert von der niederländischen Pianistin Biljana Urban (mit tschechischen Wurzeln) erschienen (vermutlich ist damit die Serie abgeschlossen) Die Qualität der Stücke ist naturgemäß unterschiedlich, es sind Jugendwerke dabei, beispielsweise das recht einfach gehaltene Stück "Stammbuchblatt" in A- Dur. Ws ist - ebenso wie die Imprompus in F-dur und in B-dur, aber auch die Eclogue C-Dur - nicht im äussert kurzen Werkverzeichnis bei WIKIPEDIA enthalten, was meine These von der Existen weiterer unnummerierter Werke stützt - Wie viele es allerdings sind, weiß ich natürlich nicht. Persönlich Favoriten auf dieser CD fand ich in "Thema und Variationen B-Dur op. 16", sowie in den beiden Rondos op. 18 Nr. 1-2. Besonders die Nr 1 in C.dur hat noch sehr viel, das an Mozart erinnert - eher ungewöhnlich, wenn man bedenkt daß Vorisek knapp vor Mozarts Tod geboren wurde und der Zeitgeschmack sich geändert hatte als er sie schrieb.....

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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Maurice

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5

Samstag, 18. Juni 2016, 21:18

Diese Scheibe befindet sich in meinem Regal – damit bin ich sehr zufrieden:


Vorícek, Jan Václav Hugo (1791-1825)
Messe B-flat major
Symphony D major


Czech National SO., Prague Chamber Chorus
Paul Freeman


Außerdem gibt es von der Symphony eine weitere Einspielung:

Deutsche Kammerphilharmonie,
Thomas Hengelbrock

Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

Alfred_Schmidt

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6

Samstag, 18. Juni 2016, 23:07

Weil ich soeben eine CD mit einer Messe von Voricek sehe: Laut Wikipedia gibt es noch einige weitere geistliche Werke, welche aber bislang nie gedruckt wurden, also nur handschriftlich überliefert sind. Im Übrigen übertreiben die Booklet Texte gern, wenn sie relativ in Vergessenheit geratene Komponisten promoten möchten, so wird beispielsweise Vorisek zu einem bedeutenden Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts erklärt. Wenn man bei Wikipedia nachsieht, in welchen Sprachen Einträge über ihn existieren - und wie ausführlich oder wenig ausführlich die gehalten sind. Indes habe ich mir die Mühe gemacht im berühmten "Wurzbach" (Constantin von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 60 Bände (Wien 1856–1891) nachzuschlagen, sozusagen DEM Standardwerk seiner Zeit, wenn nach Berühmtheiten mit Bezug zu Österreich gesucht wurde. Zuerst sah es nach Fehlanzeige aus, dann aber fand ich in unter Worzischek (so spricht man den Namen aus, und so hat er auch unterschrieben) Der Beitrag war relativ ausführlich, was dafür spricht, daß er um 1889 noch hohes Ansehen genoss.(?) Aber dann beklagt Wurzbach , daß man den Namen des Komponisten in Riemanns Musiklexikon und Bremers Handlexikon der Musik diesen Namen vergeblich sucht, wo doch so viele Norddeutsche Komponisten 2. Reihe (er umschreibt es elegant in lateinischer Sprache) dort zu finden sind. "Denn über den klassischen Wert seiner Kompositionen - insbesonderen jenen für die Kirche - sind doch sämtliche Musikkenner einig"
Der "Wurzbach" ist eine Goldgrube: Dort fand ich dann auch die endgültige Bestätigung, daß zahlreiche Gelegenheitswerke und einige Lieder ohne Opuszahl existieren.....

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Alfred_Schmidt

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7

Sonntag, 21. August 2016, 00:14

Und hier nun der Eintrag im "Wurzbach"
Die traurige Erfahrung lehrt, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass solch ein Projekt auf "ewig" im Internet verbleibt. Daher habe ich hier den gemeinfreien Text von 1889 hierher kopiert, der die Wurzbachsche Eigenart hat besonders ausführlich, um nicht zu sagen weitschweifig zu sein. Wir atmen hier - auch stilistich - einen Hauch des 19. Jahrhunderts

Worzischek, Johann Hugo (Compositeur, geb. zu Wamberg im Königgrätzer Kreise Böhmens am 11. Mai 1791, gest. in Wien am 19. November 1825).
Der jüngste von vier Geschwistern, zeigte Johann Hugo, dessen Vater Wenzel Schullehrer und Organist in Wamberg war, frühzeitig großes musicalisches Talent und erhielt schon im Alter von drei Jahren abwechselnd Unterricht im Clavierspiel und im Gesange. Die Bitten des Knaben, das Clavier mit der Violine vertauschen zu dürfen, blieben unberücksichtigt; aber der Kleine bewog den jungen Schulgehilfen seines Vaters, ihn in den wenigen freien Stunden heimlich im Violinspiele zu unterweisen.
Im Alter von fünf Jahren, nach einem Unterricht von nur neun Monaten, spielte er bereits in einem Quartett von Pleyel die erste Violine, womit er seinen Vater zum Geburtstage überraschte und zu Thränen rührte. Darauf beschränkte sich aber der ganze Unterricht, welchen er auf der Violine genoß, denn der Vater setzte ausschließlich das Clavierspiel fort, worauf nach einiger Zeit die Orgel an die Reihe kam. Dabei wurden die verschiedenen Lehrgegenstände nicht vernachlässigt, weil die Musik als Lebensberuf ausgeschlossen war.
Im Alter von sieben Jahren mußte der Knabe einen in Jenikau wohnenden Verwandten während dessen halbjähriger Kränklichkeit als Organist vertreten. Hier fand er nun volle Gelegenheit, sich im Orgelspiele zu vervollkommnen und zu einem geschickten Organisten heranzubilden. Nachdem der Verwandte n Jenikau wieder genesen, kehrte Worzischek in das Elternhaus zurück und setzte wie vordem seine Studien fort; in den Ferienmonaten aber nahm ihn der Vater auf seine bald größeren, bald kleineren Kunstreisen, die zu Fuß gemacht wurden, mit, theils um dem Knaben Gelegenheit zur Ausbildung in seiner Kunst zu verschaffen, theils um durch das Erträgniß der Kunstleistungen desselben eine kleine Zubuße zur Erhaltung und Erziehung seiner Familie zu gewinnen.
Auf einer dieser Reisen kamen Vater und Sohn in das Prämonstratenserstift Tepl. Vom Pater Organisten mit auf den Chor genommen, bat der Knabe denselben, ihn das Hochamt auf der Orgel spielen zu lassen. Der geistliche Herr, in Anbetracht der Jugend des Bittstellers über diese Bitte befremdet, lehnte deren Erfüllung ab. Als aber während des Hochamtes der Pater eine Stelle falsch gespielt hatte, machte ihn der Knabe auf den Fehler aufmerksam. [125] Nun gingen dem Mönche erst die Augen auf, und er übergab seinen Platz vor der Orgel sofort dem jungen Künstler, der auch mit der ganzen Unbefangenheit, die ihm eigen war, die ihm völlig unbekannte Messe durchspielte.
Als Worzischek zehn Jahre zählte, gewann der Vater die Ueberzeugung, daß der Sohn daheim kaum mehr etwas erlernen werde, und er brachte ihn daher nach Prag in das Haus seiner Gutsherrschaft Wamberg, der verwitweten Gräfin Kolowrat-Liebsteinský, welche den Knaben in großmüthiger Weise aufnahm und unterstützte. Doch sollte derselbe diese Wohlthat nicht lange genießen, denn schon in zwei Jahren ward ihm die edle Wohlthäterin durch den Tod entrissen, und er mußte sich, während er das Gymnasium und den philosophischen Curs besuchte, durch Unterricht im Clavier seinen Lebensunterhalt verdienen.
Eilf Jahre hielt er sich bereits in Prag auf, ohne daß sein damals schon bedeutendes Talent irgend Jemands Aufmerksamkeit erweckt hätte. Dann lernte er den zu jener Zeit im Dienste des Grafen Bucquoy stehenden trefflichen Musiker Wenzel Tomaschek kennen, der sich bald des talentvollen Jünglings annahm und ihm unentgeltlichen Unterricht im Generalbasse ertheilte. Aber auch dieser hielt nicht lange vor. „Wir kamen leider nur bis zum Septimen-Accorde“, äußerte sich Worzischek in späteren Jahren öfter, wenn von Tomaschek die Rede war.
So blieb er denn auch im Punkte der Composition auf sich selbst und auf das Studium der Werke musicalischer Classiker und der vorzüglichsten Lehrbücher angewiesen. Den größten Nutzen zog er bei diesen Studien aus den Fugen und Präludien des großen Bach, deren Durchspielen er immer wieder vornahm, so daß er dieselben später ganz aus dem Gedächtniß vorzutragen im Stande war.
Während seiner Studienjahre besuchte er in den Ferienmonaten die Heimat, und wenn er auf seinen Ausflügen in eine Kirche kam, so geschah es nicht selten, daß er dann bei verschlossenen Kirchenthüren sich ganz in sein Orgelspiel versenkte. So waren die Jahre seiner wissenschaftlichen Ausbildung dahingegangen, ohne daß man auf den gediegenen Clavierspieler und Organisten, der er damals bereits war, aufmerksam geworden wäre. Erst als er anläßlich eines Wohlthätigkeitsconcertes zur Mitwirkung eingeladen, eine ganz neue große Sonate von Dussek (Le retour de Paris) mit aller Meisterschaft spielte, erstaunte man nicht nur über das junge, bisher unbeachtet gebliebene große Talent, sondern auch das Tonstück fand solchen Beifall, daß es sozusagen in Mode kam und in Kürze die ganze Auflage desselben vergriffen wurde.

Noch lebte er in Prag in ziemlich kümmerlichen Verhältnissen, bis ihm 1813 der Professor der Statistik, Dr. Joh. Nep. Zizius, ein geborener Chrudimer, als derselbe sein Vaterland besuchte, in Prag kennen lernte. Zizius, ein ebenso tüchtiger Musikkenner als großer Musikfreund, entdeckte sofort in Worzischek den elementaren Genius, dem nur Gelegenheit geboten werden mußte, die gebundenen Schwingen zu lösen und zu entfalten, und forderte den Künstler auf, nach Wien zu kommen und dort seine Studien fortzusetzen.
Worzischek erkannte wohl die Wahrheit dieses Rathes, und ohne die Schwierigkeiten zu bedenken, die sich bei Ausführung desselben ihm entgegenstellen würden, begab er sich 1813, damals 22 Jahre alt, nach Wien. War schon der Kampf ums Dasein in Prag kein geringer, in Wien verminderte sich [126] derselbe um nichts, sondern wurde unter völlig veränderten Verhältnissen und ganz fremden Menschen nur noch fühlbarer. Aber Worzischek verlor nicht den Muth und arbeitete mit riesigem Fleiße unentwegt an seiner künstlerischen Ausbildung.
Als ihm dann Gelegenheit geboten ward, Moscheles, Meyerbeer und Hummel zu hören und sie persönlich kennen zu lernen, fachte dies seinen Muth noch mehr an und bestärkte ihn in seinem Vorhaben, sich ausschließlich der Musik zu widmen. Sein Vorbild aber wurde Hummel, dessen Werke und Spiel er mit der größten Aufmerksamkeit studirte, und dem er im letzteren mit so glücklichem Erfolge nachstrebte, daß dieser Meister ihn vor allen übrigen in Wien weilenden Clavierspielern als seinen Stellvertreter erwählte und ihm, als er Wien verließ, seine sämmtlichen Clavierlectionen übertrug. Nun besserten sich auch mit einem Schlage Worzischek’s mißliche Verhältnisse, sein Ruf und Ansehen als Clavierspieler und Musicus überhaupt wuchsen zusehends, und er wurde in den besten Kreisen bekannt und gesucht. Auch war ihm nun Gelegenheit geboten, in Concerten und musicalischen Veranstaltungen öffentlich aufzutreten, was Alles zur Steigerung seines musicalischen Rufes wesentlich beitrug.
Außer Moscheles hatte er keinen Nebenbuhler in Wien, und Beide wetteiferten sozusagen um die Palme des Sieges. Beide in ihrer Spielweise gänzlich verschieden, konnten, ohne Einer den Anderen zu beeinträchtigen, sehr gut nebeneinander bestehen. So geschah es auch, daß Beide öfter an einem Abend und in einer Gesellschaft spielten, und wenn Moscheles durch sein feines, höchst brillantes Spiel unseren Worzischek übertraf, so war ihm dann dieser im freien Phantasiren, im Fugenspiele, im augenblicklichen Schaffen und in wohlgeordneter Wiedergabe des Geschaffenen weit überlegen.
Durch dieses musicalische Leben und Treiben waren die juridischen Studien, welche Worzischek in Wien bereits begonnen hatte, für mehrere Jahre in den Hintergrund gedrängt worden. Nun aber faßte er den Entschluß, sie zu beendigen, um dann doch in den Staatsdienst zu treten. Hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß er sich im ausschließlichen Dienste der Kunst nur zu rasch aufreiben würde, fühlte er das ruhige Fortleben in einem sicheren Dienste für seinen Körper zuträglicher, waren es Einflüsse von Seiten ihm befreundeter Personen, oder waren es andere Motive? es ist nicht bekannt, was ihn seinem ehemaligen Entschlusse, die Musik als Beruf zu wählen, abtrünnig machte. Kurz, er beendete mitten im erwähnten musicalischen Leben die rechtswissenschaftlichen Studien und legte am 4. Mai 1822, damals bereits 31 Jahre alt, bei dem k. k. Hofkriegsrathe als Conceptspracticant den Eid ab. In diesem Verhältnisse trat er dem bekannten Musikgelehrten und Kunstfreunde Hofrath Kiesewetter von Wiesenbrunn näher, der ihm zeit seines Lebens ein liebevoller und einflußreicher Gönner blieb und ihm immer wieder Gelegenheit verschaffte, zum Selbstgefühl seiner Kräfte zu gelangen. Da Kiesewetter in seinem Hause häufig Privatconcerte veranstaltete, in welchen besonders „alte Musik“ mit großem Eifer und Verständniß gepflegt wurde, vertrat Worzischek dabei die Stelle des Capellmeisters. Fünf bis sechs Jahre, bis an sein Lebensende, war er an diesen Kunstübungen thätig und gab nicht bloß Proben seines eminenten Verständnisses alter Meister, [127] sondern auch eines Eifers seltener Art, wodurch eben das Interesse für dergleichen nicht nur sich erhielt, sondern von Jahr zu Jahr stetig wuchs, so daß sein Tod eine fast unausfüllbare Lücke in diese Aufführungen riß.
Auf Kiesewetter’s Vorschlag wurde Worzischek 1818 zuerst zweiter, dann erster Orchesterdirector des österreichischen Musikvereines und zugleich dessen berathendes Ausschußmitglied. Als dann am 26. November 1822 der zweite Hoforganist J. Bapt. Henneberg mit Tode abging und der Concurs zur Wiederbesetzung dieser Stelle ausgeschrieben wurde, unterzog sich auch Worzischek demselben und leistete in Beantwortung der Concursfragen so Gediegenes, daß die zur Beurtheilung versammelte Commission, bestehend aus dem obersten Musikgrafen Moriz Grafen Dietrichstein, dem Hofrath v. Mosel, den beiden Hofcapellmeistern Eybler und Salieri und dem Componisten Abbé Stadler, einstimmig ihre Bewunderung über diese Leistung aussprachen und der Künstler auch schon in wenigen Tagen – am 10. Jänner 1823 – das Decret als zweiter k. k. Hoforganist erhielt.
Nachdem er darauf die erbetene Enthebung aus dem Staatsdienste erhalten hatte, widmete er sich mit allem Eifer seiner neuen Beschäftigung, die ja mit seinem ganzen Streben und Trachten Hand in Hand ging. Im Jahre 1824 rückte er zum ersten Hoforganisten und dadurch in eine höhere Gehaltsstufe vor. Er sollte nicht lange auf diesem Posten thätig sein. Im Sommer 1325 unternahm er eine Reise nach Gratz, wo ihm eine glänzende Aufnahme bereitet und von dem dortigen Musikvereine das Diplom eines Ehrenmitgliedes verliehen wurde, und nach seiner Rückkehr aus dieser Stadt begab er sich auf ärztlichen Rath nach Karlsbad. Von da kehrte er noch leidender nach Wien zurück. Lange dauerte sein Siechthum, während dessen er seine erste Messe für die k. k. Hofcapelle wohl vollendete, aber ihre Aufführung nicht mehr erlebte. Endlich erlag er im Spätherbst 1825 seinem Leiden im Alter von erst 34 Jahren, hinweggerafft aus einer Thätigkeit, deren Glanz erst begonnen hatte.
Als Mensch war Worzischek eine ungemein liebenswürdige Erscheinung. Von gefälligem Aeußern, von frühauf an Verkehr mit den Menschen gewöhnt, durch seine Verhältnisse auf sich selbst angewiesen und durch Unterrichtertheilen in guten Familien verkehrend, später zu Wien in höheren Kreisen freundlich aufgenommen, hatte er sich in seinem Benehmen eine Weise angeeignet, die in Verbindung mit seiner wissenschaftlichen Bildung und seinen ausgebreiteten gründlichen Musikkenntnissen ihn zum Lieblinge nicht nur seiner mitstrebenden Kunstgenossen, sondern auch der feinen Gesellschaft machte, in die er gern gezogen wurde. Er hatte Vieles vor anderen Kunstgenossen voraus, die meist eben nur an ihrer Kunst Genüge finden, im Uebrigen gar Vieles zu wünschen übrig lassen und daher nur auf die kleinsten Kreise beschränkt bleiben. Sein früher Tod hinterließ eine fühlbare Lücke und erweckte umso tieferes Bedauern, als man fühlte, daß mit ihm eine bedeutende eben im künstlerischen Wachsen begriffene Kraft dahingegangen sei. Ist es einfaches Uebersehen oder ein Symptom, daß man diese dem deutschen Süden angehörende Kraft im Norden nicht völlig würdigt, indem man Worzischek’s Namen in Riemann’s „Musik-Lexikon“ und in Bremer’s „Handlexikon der [128] Musik“ vergebens sucht, worin doch so viele norddeutsche musicalische dii minorum gentium vorkommen? Denn über den classischen Werth seiner Compositionen, insbesondere jener für die Kirche, sind doch sämmtliche Musikkenner einig.

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Alfred_Schmidt

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  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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8

Sonntag, 21. August 2016, 21:48

Es ist interessant, dass man auch noch so ausführlichen informationstexten etwas hinzufügen kann.- Insofern ist das Tamino Klassikforum statischen Lexika oder Fachzeitschriften überlegen. Constantin von Wurzbach erwähnt in seinem Lexikon (das er als Einzelperson verfasst hat - alle 60 Bände) - der Originaltext ist auf Wunsch im vorangegangen Beitrag dieses Threads nachzulesen - dass Vorisek im Alter von 22 Jahren nach Wien kam und dort Moscheles, Meyerbeer und Hummel persönlich kennenlernte. Daß er auch Beethoven aufsuchte, das wiederum können wir von Exmitglied Ulli im Eröffungsbeitrag dieses Threads erfahren. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Vorisek suchte nämlich Beethoven auf, um ihm sein Opus 1 - 12 Rhapsodien für Klavier - zu zeigen. Beethoven empfing ihn und äusserte sich positiv über die Komposition. Wir sehen daraus, daß Beethoven viel kontakfreudiger und freundlicher war als im gemeinhin nachgesagt wurde. Schubert hätte wohl gern ähnliches unternommen wie Vorisek, aber er getraute sich nicht sein Idol anzusprechen.
Genau diese 12 Rhapsodien finden wir auf Folge 3 der GRAND PIANO Serie mit sämtlichen Klavierwerken Voriseks.
Die einzelnen Stücke sind sehr unterschiedelich, im Sinne von abwechslungsreich. Der belgische Musikwissenschafter Harry Halbreich war der Ansicht, Vorisek wäre einer der wenigen Wiener Komponisten, die man mit Beethoven vergleichen könnte. Leider ist Herr Halbreich am 27. Juni 2016 verstorben.

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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WolfgangZ

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  • »WolfgangZ« ist männlich

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9

Montag, 22. August 2016, 00:41

Ich habe mal bei Wikipedia die Opus-Bezifferung zur Diskussion gestellt - vor rund einer Woche, allerdings noch ohne Antwort. Es geht mir um die Opuszahl der Sinfonie, welche in diversen CD-Produktionen 24 lautet, in der Online-Enzyklopädie aber 23, während dort 24 der Messe zugeordnet wird. Offensichtlich ist also dieses Opus-System nicht wirklich brauchbar - von wem auch immer es stammt.

:hello: Wolfgang
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  • »Johannes Roehl« ist männlich

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10

Montag, 22. August 2016, 09:35

Es wäre historisch nicht allzu ungewöhnlich, dass unterschiedliche Opuszahlen in Drucken der Sinfonie auftauchten. Das galt z.B. für etliche Haydn-Quartette, die ursprünglich unter anderen als den heute üblichen Opusnummern publiziert wurden. Dvoraks Verleger gab frühen Werken später höhere Opusnummern, so dass es auch manchmal zwei gibt.

Eine Messe kann man auf dieser ordentlichen Aufnahme hören (die Doppel-CD ist billiger, beide dürften nur minimale Informationen enthalten).


lutgra

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  • »lutgra« ist männlich

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11

Montag, 22. August 2016, 11:06


Meine einzige Aufnahme der Vorisek Symphonie ist diese hier, sinnigerweise gepaart mit einem Klavierkonzert, das 170 Jahre später entstand.

Maurice

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  • »Maurice« ist männlich

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12

Montag, 22. August 2016, 11:30

Offensichtlich ist also dieses Opus-System nicht wirklich brauchbar -

oder aber diese Online-Enzyklopädie … :baeh01:

vielleicht hat auch der Korrektor etwas verwechselt … :untertauch:
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WolfgangZ

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13

Montag, 22. August 2016, 11:40

Nein, an Wikipedia liegt es ausnahmsweise nicht, sondern das bzw. die Werk-Systeme scheinen tatsächlich nicht zu funktionieren und sind verzichtbar:

http://imslp.org/wiki/Symphony,_Op.23_(Voříšek,_Jan_Václav (1) :

Voříšek's Op. 24 is his Mass in B flat (edited in MAB II 15). Though the symphony was never published with any opus number, it seems to be Op. 23, which is missing in Voříšek's numbering (in Grove it goes up to 26). It bears Op. 23 in some recordings.

(1) Das Zitat entstammt dem Artikel. Warum er (bei mir zumindest) bei der direkten Verlinkung leer bleibt, entzieht sich meinem Fassungsvermögen. :S

:hello: Wolfgang
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Alfred_Schmidt

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  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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14

Dienstag, 3. Oktober 2017, 02:10

Vorisek 6 Impromptus op 7

Ich weiß nicht, warum ich die Vorisek in willkürlicher Reihenfolge hier vorstelle, vermutlich war zeitweise manches nicht lieferbar. Die auf der gezeigten CD sechs Impromptus op 7 sind ein Meisterwerk lyrischer Klavierliteratur und eine logische Weiterentwicklung der Werke seiner Vorbilder. Weiter oben im Thread wurde der belgische Musikwissenschaftler Harry Halbreich (1931-2016, eigentlich Speziaist für Musik des 20. Jahrhunderts) von mir zitiert, der Vorisek mit Beethoven vergleicht.
Dem würde ich nicht beipflichten. Aber auch zu Mozart gibt es genügend Distanz. Die ist schon zeitlich bedingt. Gegenüber Beethoven fehlt die "aggressive" Attitüde. Fast spielerisch, in jedem Falle aber entspant perlen hier die Töne, Ohrenschmeichler par excellence, allerdings (ein Paradox) eher ernst als heiter, ein gelegentlich durchschimmernder melancholischer - zumindest aber nachdenklicher - Unterton ist unüberhörbar.. Das Booklet weist als eventuelles Vorbeld auch Voriseks Lehrer Tomasek hin, bei dem hatte er aber allerdings nur kurz Unterricht. Das kann ich ausserdem nicht kommentieren, denn Tomasek ist mir nicht so vertraut - das soll sich aber ändern.

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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