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Felix Meritis

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Registrierungsdatum: 8. Juli 2012

181

Montag, 13. Januar 2014, 00:00

nteressant in diesem Kontext ist zu bemerken, daß Boccherini 1795, also 3-4 Jahre vor der Pathétique, ein Streichquartett komponiert hat (op. 52 N°2 G.233), dessen zweiter Satz ein Andantino patetico ist.

In diesem Opus gibt es auch noch andere interessante Satzbezeichnungen. So ist z.B. der erste Satz des grandiosen f-Moll Quartetts mit "Allegretto appassionato" bezeichnet! Irgendwie bizarr: "Allegretto" und "appassionato" kombiniert klingt widersinnig.....

Jacques

Anfänger

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182

Montag, 13. Januar 2014, 09:43

Lieber Jacques, herzlichen Dank für Deine wirklich sehr lesenswerten Ausführungen!

Kein Wunder, meine Beiträge bestehen fast nur aus Zitaten! Trotzdem, vielen Dank, ich kann nur das Kompliment erwidern. :hello:
Goulds Tempo ist hier allerdings eindeutig zu schnell - er spielt Presto und nicht Allegro.


Allegro und Presto sind nicht sehr unterschiedlich z.B. in den Finalen der Quartetten op. 59. Hier kommt noch das Con brio dazu. Aber Du hast recht, es ist im Grunde zu schnell, es sei denn, Gould hat nur wie gesagt den Kontrast zwischen dem Grave und dem Allegro im Auge,

Gould dagegen barockisiert auch hier, er verschiebt das Gewicht zugunsten der Bewegungsfigur der Begleitung.


Keine ganze Dekonstruktion, er bringt viel zu Tage, und man entdeckt so sehr interessante Dinge in der Begleitung.

Das Erstaunliche ist, daß ihm das alles gelingt.


Das ist der Knackpunkt.
Ich zitiere mich :
"Beethoven weiß genau was er will und schreibt es mit Akribie in die Partitur. Da er der größte Komponist der Musikgeschichte ist, muß man den zahlreichen und genauen Anweisungen seiner Partituren folgen, es sei denn, man ist mindestens so genial wie er (ist aber niemand)"
Nun ja, Glenn Gould wäre kein schlechter Kandidat!
Hier hat man es sowieso mit einem außergewöhnlichen Fall zu tun. Wenn man ein Werk mit einem bestimmten Interpreten entdeckt und es bewundert, ist es sehr schwer – zumindest für mich - eine grundverschiedene Interpretation zu akzeptieren, besonders bei der heiklen Frage der Tempi, die manchmal grotesk erscheinen können. Das Besondere an die Pathétique ist ,daß sie ziemlich strapazierfähig ist, sei es von den Tempi oder von der Dynamik her. Ganz anders z.B.die Appassionata. Hier, im Beethovens Reich der Extremen, sind Bach und Mozart nicht geduldet.
Es stimmt schon, dass es nicht die « authentische » Pathétique ist, aber sie ist so fantastisch gespielt, daß man Lust hat, diese Aufnahme immer wieder zu hören und nicht nur ein Mal als eine bloße Kuriosität.
Herzliche Grüße
Jacques

Jacques

Anfänger

  • »Jacques« ist männlich

Beiträge: 85

Registrierungsdatum: 11. Dezember 2013

183

Montag, 13. Januar 2014, 12:34

"Allegretto" und "appassionato" kombiniert klingt widersinnig.....

Ganz richtig lieber Felix. Bei Beethoven ist es übrigens noch widersinniger : Adagio sostenuto Appassionato e con molto sentimento (3. Satz der Hammerklaviersonate). Vielleicht könnten wir eine Erklärung in der komplizierten Affektenlehre finden?
Wenn man aber dieses Allegretto appassionato hört, stellt man fest, daß Leidenschaften eine Rolle spielen: es sind grosse Kontraste, Gefühlsausbrüche, das Ganze ist irgendwie fieberhaft.

Boccherini hat, denke ich, wie kein anderer Komponist, die ganze Palette der Empfindungen und Charaktere in seiner Musik ausgedrückt. Hier eine Auswahl :
Allegro bizzaro , allegro risoluto, allegro brioso assai, allegro e con forza, allegro e con imperio, andante flebile, andantino lentarello, andantino con grazia, andantino pausato, larghetto affetuoso, tempo di minuetto amoroso, minuetto militare, Pastorale amoroso (*) ma non lento, allegretto smorfioso (**)...

(*) amoroso Sätze sind ganz zarte Geschöpfe.
(**) smorfioso heißt «geziert »
Es gibt sogar ein Streichquartettsatz, der einfach komisch wirkt. Manche Melodien Boccherinis wirken auch unwiderstehlich naiv. Richtige Trauermusik gibt es auch.

des grandiosen f-Moll Quartetts

Das hast Du sehr schön bezeichnet. :jubel: Dieses Quartett ist tatsächlich der Gipfel dieses wichtigen Opus. Ein bißchen Beethoven im Adagio und ein der gelungensten Finale von Boccherini.

Herzliche Grüsse
Jacques

Felix Meritis

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Beiträge: 2 208

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184

Montag, 13. Januar 2014, 14:03

Boccherini hat, denke ich, wie kein anderer Komponist, die ganze Palette der Empfindungen und Charaktere in seiner Musik ausgedrückt.

Man könnte überlegen, ob das nicht seinen Ursprung in der spanischen Kultur hat. Dort wird Leidenschaft ja sehr ernst genommen!
Am fantastischten sind übrigens die Satzvorschreibungen in Clementis g-Moll Sonate aus op. 50:

I: "Largo patetico e sustenuto - Allegro ma con espressione"
II: "Adagio dolente"
III: "Allegro agitato, e con disperazione"

Hier habe ich eher die italienische Oper als Vorbild im Verdacht.

William B.A.

Erleuchteter

  • »William B.A.« ist männlich

Beiträge: 17 376

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185

Montag, 13. Januar 2014, 14:29

Werdet ihr nicht langsam ein wenig off topic, lieber Felix und lieber Jacques?

Liebe Grüße

Willi :) ?(
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Dr. Holger Kaletha

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186

Montag, 13. Januar 2014, 15:05

Allegro und Presto sind nicht sehr unterschiedlich z.B. in den Finalen der Quartetten op. 59. Hier kommt noch das Con brio dazu. Aber Du hast recht, es ist im Grunde zu schnell, es sei denn, Gould hat nur wie gesagt den Kontrast zwischen dem Grave und dem Allegro im Auge,

Lieber Jacques,

man hat ja mehrere andere Beethoven-Klaviersonaten zum Vergleich, z.B. die op. 7 und die op. 22. Da ist das Allegro con brio doch reichlich weit von einem Presto entfernt. Nur den Kontast zwischen der Grave-Einleitung und dem Allegro im Auge zu haben, ist letztlich eine etwas abstrakte Sicht. Gould selbst betont die Motivverwandtschaft. Durch einen zu starken "Bruch" des Tempos wegen werden diese Bezüge doch sehr in den Hintergrund gedrängt. Zudem ist die Folge eines zu raschen Tempos immer eine gewisse Eindimensionalität. Die Kontraste, die motivisch-thematischen Entwicklungen verlangen eine gewisse Bedächtigkeit des Fortschreitens, damit sie hörbar werden. Gould ging es freilich nicht darum, sondern den motorischen Impuls. Das ist sehr konsequent, aber letztlich eine reduktive Sicht. :hello:

Herzliche Grüße
Holger

Jacques

Anfänger

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187

Montag, 13. Januar 2014, 17:49

Werdet ihr nicht langsam ein wenig off topic, lieber Felix und lieber Jacques?

Dachte ich selbst, lieber Willi, bevor Du es sagst! Ich fühle mich trotzdem unschuldig, weil ich alle meine Beiträgen mit einem Beethoven-Stempel poste :baeh01:
Also ich fasse mich kurz, lieber Threaddirektor:
@Felix: Was Du schreibst ist sehr interessant.
@Holger: Das weiss ich und diskutiere es nicht. Ich habe nur von der Qualität der Musik gesprochen.

Herzliche Grüsse :hello:
Jacques

Jacques

Anfänger

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Beiträge: 85

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188

Montag, 13. Januar 2014, 17:51

@Holger: Das weiss ich und diskutiere es nicht. Ich habe nur von der Qualität der Musik gesprochen.

Oh Gott, das gehört zum Pathetique-Thread! Sorry

William B.A.

Erleuchteter

  • »William B.A.« ist männlich

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189

Montag, 13. Januar 2014, 23:37

Zitat

Jacques: Also ich fasse mich kurz, lieber Threaddirektor:...
Ich bin nicht der Threaddirektor, lieber Jacques. Die Ehre gebührt Felix.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

William B.A.

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  • »William B.A.« ist männlich

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190

Montag, 13. Januar 2014, 23:40

Walter Klien


Beethoven, Sonate Nr. 8 c-moll op. 13 “Pathétique”
Walter Klien, Klavier
AD: 1964
Spielzeiten: 8:36-4:55-4:06 – 17:37 min.;
Walter Klien, dessen hier vorliegende Aufnahme ich zufällig entdeckt habe, gehört zu den Schnellen im Lande. Er ist zwar noch erheblich langsamer als Glenn Gould, aber nicht wesentlich langsamer als Wilhelm Backhaus, dennoch klingt, zumindest im Kopfsatz, nichts verhetzt.
Er packt gleich im ersten Forte-Akkord kräftig zu, und seine Fortissimi sind krachend, er geht auch schön auf p zurück, aber ich meine dennoch, dass er das Crescendo in Takt 4 etwas kräftiger hätte ausführen können. In Takt 8 klingt das wesentlich prägnanter, vor allem in der Begleitung. Die anschließenden Legatobögen gefallen mir sehr gut. Das Grave ist dann mit 1:42 auch nicht „zu“ kurz.
Im Allegro die molto e con brio geht es munter zur Sache, wobei ebenfalls die ersten beiden Crescendi ab Takt 15 und 23 mir noch nicht ausgeprägt genug sind, desgleichen das ab Takt 35. Dafür gefallen mir die Rinforzandi in Takt 27 und 28 sowie die Sforzandi in Takt 31 und 32 gut und auch die absteigenden Sforzandi ab Takt 45.
Das Seitenthema ab Takt 51 ist sehr schön musiziert mit schön hervortretenden Sforzandi und einem sanft abfallenden Decrescendo ab Takt 85. Auch die tremolierenden Figuren ab Takt 89 gefallen mir sehr gut, einschließlich der beiden langen sehr kleinschrittig, aber dieses Mal genügenden Crescendi ab Takt 94 und 105 und der beiden folgenden Legatobögen , dem zweiten als Crescendo. Ein veritabler Fortissimo-Akkord (Takt 132) leitet zur Wiederholung der Exposition über.

(Um einmal die Tempi in Relation zu setzen, kann man davon ausgehen, da er für die Exposition genau so lange braucht wie für das Grave, dass er das Allegro molto etwa 10mal so schnell spielt wie das Grave- nur so ein Nebengedanke von mir).

Nach der Wiederholung der Exposition spielt er den ersten Graveeinschub in den Forte-Auftakt-Akkorden nicht ganz in der dynamischen Spitze wie am Anfang, was mich aber nicht stört, und die letzten beiden tiefen Töne spielt er so leise, dass man es, wenn es das gäbe mit pppp bezeichnen müsste, das habe ich zum ersten Male so gehört, und das ist jetzt immerhin schon meine 17. Pathétique-Betrachtung.
Nun folgt die Durchführung, die an (wogender Bewegung) zunimmt. Auch hier hätte ich mir das Crescendo ab Takt 149 etwas prägnanter gewünscht. Im nächsten Abschnitt nach den tiefen Pianissimi steigert sich Klien diesbezüglich und spielt ab Takt 171 und 179 zwei vortreffliche Crescendi, die von der langen absteigenden Achtel-Kette abgelöst werden. Wieder folgen die absteigenden Crescendi mit den begleitenden Zweier-Halben-Oktav-Figuren und nach den neuerlichen Wechselnoten in Takt 219/220 wird das Seitenthema wiederholt mit einem grandiosen Decrescendo ab Takt 245, das zu den Tremoli führt. Auch in diesem Abschnitt sind die Crescendi wieder vorzüglich ausgeführt einschließlich des langen Legatobogens und er großartigen Steigerung zum zweiten Grave-Einschub, der ja hier im p steht und hier in Takt 297 prächtig crescendiert und anschließend decrescendiert wird, Toll auch das letzte Crescendo in der abschließenden kurzen Allegro-Coda.

Das Adagio ist zwar ziemlich zügig, aber äußerst berückend musiziert, sehr transparent und mit Crescendi, die auf der Basis des anfangs gewählten Pianissimo nicht viel brauchen, um genügend hervorzutreten, und auf den Kulminationspunkt, den von mir so genannten „Sonnenaufgang“ von Takt 41 bis 43 zustrebt, der hier nicht hinter Nebel verschwindet, sondern richtig strahlt. Allerdings verlegt er dann das Crescendo von Takt 50 um einen Takt vor nach einem berückenden pp in den Takten 44 bis 48. Die Wiederholung des Hauptthemas ab Takt 51 und die Oktavierung ab Takt 59 ist dann allerdings wieder großartig.

Das Rondo Allegro nimmt Walter Klien auch sehr schnell, nur Glenn Gould ist da noch 20 Sekunden schneller und beachtet auch hier die Crescendi ab Takt 12 und 31 und spielt die Legatobögen schön aus. Im Gegensatz zu dem vom Tempo her durchaus vergleichbaren Gould strukturiert er das Stück dynamisch viel besser, spielt es m. E. viel ernsthafter, achtet besser auf die Feinheiten, z. B. auf das Crescendo in Takt 49/50, das nur aus drei Noten besteht aber prägnant kommt. Hier ist ein Pianist, der nicht zeigen will, wie gut er ist, sondern der das Stück so gut wie möglich wiedergeben will. Auch das Crescendo ab Takt 56 gelingt ihm, wenngleich er nicht unbedingt bei ff herauskommt. Das ist leichtes, tänzerisches, souveränes Klavierspiel, das uns zeigt, wie schön der Satz fließen kann, obzwar mit höherer Fließgeschwindigkeit. Das zeigt uns auch, wie gut Walter Klien das temporale Binnenverhältnis der drei Sätze gestaltet hat. Auch der Dur-Einschub fügt sich wunderbar ein, er ist ja durch die Viertel und Halbe ein Innehalten und mündet in ein wiederum sehr schön ausgespieltes Crescendo ab Takt 101 und dann wieder ab Takt 107, wo die Tremoli die Bewegung wieder intensivieren. Und dann bis zum ff in Takt 117 führen. Auch in der Wiederholung des Hauptthemas fließt es weiter mit dem Crescendo ab Takt 140, dabei in der Grunddynamik immer schön im Piano bleibend und mündet schließlich in ein mustergültig musiziertes Calando in Takt 167 bis 170. Auch in der neuerlichen Wiederholung des Hauptthemas bleibt Klien seiner melodisch-dynamischen Linie treu, lässt es weiter fließen, gestaltet die Legatobögen bis zur codaähnlichen dynamisch-rhythmischen Steigerung ab Takt 182, wo er natürlich auch mächtig zulegt und hält dann im nach Dur transponierten Hauptthema in Takt 202-204 mit dem herrlichen Decrescendo von p nach pp noch einmal inne, schließt dann mit den drei ff-Takten eine insgesamt vorzügliche Aufnahme ab.
Schade dass es nicht mehr (Beethoven) von Walter Klien gibt.

Liebe Grüße

Willi :thumbsup:
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

William B.A.

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191

Dienstag, 14. Januar 2014, 22:34

Stephen Kovacevic


Beethoven, Sonate Nr. 8 c-moll op 13 „Pathétique”
Stephen Kovacevic, Klavier
AD: Juni 1998
Spielzeiten: 8:48-5:33-4:13 – 18:34 min.;

Stephen Kovacevic nimmt den Kopfsatz fast genauso schnell wie Walter Klien, das Grave nur geringfügig langsamer, lässt sich aber in den Forte-Schlägen zu Beginn von Takt 1, 2 und 3 noch dynamischen Spielraum nach oben, und auch die ff waren nicht so kräftig wie bei Klien. Das Crescendo in Takt 4 und jenes in Takt 8 kommen prägnant, in Takt 8 auch in der Begleitung.
Das Allegro die molto ist etwa gleich schnell wie das von Klien, aber die Crescendi führt Kovacevic kräftiger aus als Klien, einschließlich der Rinforzandi und Sforzandi. Der Dynamikrahmen ist also bei ihm bis dahin (Takt 50) etwas enger, aber genauer ausgeführt.
Ich finde seine Gestaltung des Seitenthemas vorzüglich, die Struktur tritt deutlich hervor, allerdings ist diese Aufnahme auch 31 Jahre später entstanden, und der Klang kann nur als sehr gut bezeichnet werden. Auch der Tremolo-Abschnitt ab Takt 89 mit den langen Crescendi ist wirklich gut musiziert bis hin zur Steigerung am Ende der Exposition mit dem satten ff-Schlag. Die Wiederholung der Exposition ist genauso gut.
Der Grave-Einschub ist sehr organisch eingefügt und endet mit einem berückenden Decrescendo. Dann folgt die Durchführung mit guter dynamischer Gestaltung und tief und leise grummelnder Basslinie ab Takt 163, die in kräftige Crescendi übergeht bis hin zu den absteigenden Achteln, die in die Wiederholung des Hauptthemas übergeht mit der längeren Passage mit den begleitenden Zweier-Halben-Oktav-Figuren, denen mehrere absteigende Halbe-Figuren in der rechten Hand gegenüberstehen, die nach den Wechselnoten in Takt 219/220 wieder das Seitenthema einleiten.
An deren Ende folgt wieder ein schön ausgeführtes Decrescendo und die sich anschließenden Tremoli. Nach der neuerlichen Steigerung nach ff folgt der zweite nun in p stehende Grave-Einschub mit einem kräftigen Crescendo in Takt 297, Decrescendo- toll und knackige Minicoda.

Das Adagio cantabile ist traumhaft. Ich sitze da, und schon beim zweiten Ton beginnt es in meinem ganzen Körper zu schauern, dann der erste Moll-Einschub, noch leiser, wieder Gänsehaut, die Crescendi in Takt 24 und 26 blühen regelrecht auf- meisterhaft auch das Crescendo-Decrescendo in Takt 27 und 28, dann die wiederum ergreifende Wiederholung des Hauptthemas und das sehr schön durchgehaltene pp in der zweiten Moll-Eintrübung, an deren Ende natürlich ein unvergleichlich majestätischen „Sonnenaufgang“ stehen muss. Das alles ist so herrlich gespielt, dass es mir direkt in die Seele geht.- Die Pianissimi in Takt 66- atemberaubend und auch die beiden sin in Takt 67 und 69 anschließenden Crescendi/Decrescendi und die letzten drei Rinforzandi. Dieses Adagio von Kovacevic gehört zum Schönsten, Sanglichsten, was ich in diesem Thread bisher gehört habe. Vielleicht liegt es ein wenig mit daran, dass sich Kovacevic für diesen Satz die nötige Zeit genommen hat.

Das Rondo nimmt er auch zügig, nur unwesentlich langsamer als Klien, dennoch fließt es, dynamisch schön strukturiert. Ab Takt 33 reißt er in der Begleitung einige Töne nur an, auch das klingt ungewohnt, aber nicht falsch. Auch in den wechselnden Achtelfiguren staccatiert er, in Takt 50 sogar den ganzen ersten Akkord, der allerdings auch so gekennzeichnet ist. Auch in der Wiederholung des Hauptthemas bleibt der Fluss erhalten. Die Dur-Stelle wird wunderbar integriert. Nach der Steigerung ab Takt 101 rauschen die gegenläufigen Sechzehntel-Triolen kräftig dahin bis zur ff-Steigerung und neurlichen Themenwiederholung. Das Dolce ab Takt 133 ist wirklich weich und fließt munter dahin, auch kleineste dynamische Erhebungen zeichnend bis in das Calando hinein- und im Schlussteil erweitert Kovacevic den dynamischen Spielraum, den er am Anfang noch nicht voll ausgeschöpft hat, noch einmal kräftig. Ich habe schon einmal eine ähnliche Pathétique gehört, weiß aber nicht mehr, welche es war. Diese ist jedenfalls ganz ausgezeichnet.

Liebe Grüße

Willi :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup:
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

William B.A.

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192

Dienstag, 21. Januar 2014, 22:06

Paul Lewis


Beethoven, Sonate Nr. 8 c-moll op. 13 “Pathétique”
Paul Lewis, Klavier,
AD: 2005-2006
Spielzeiten: 9:48-5:23-5:21 – 20:32 min.;

Paul Lewis nimmt das Grave schwer im Sinne von langsam, schwermütig, nicht mit Pranke, sondern mit moderater Dynamik. Er braucht denn auch 2:11 min. für das Grave. Die Crescendi und Sforzandi beachtet er, vor allem hat mir das Crescendo in Takt 7 und 8 in der Begleitung gefallen.
Der temporale Gegensatz im Allegro di molto fällt natürlich durch das langsame Grave besonders auf, und auch in diesem ersten Teil der Exposition bis Takt 50 ist die dynamische Ausgestaltung sehr deutlich. Die Sforzandi im Seitenthema könnten etwas deutlicher kommen, ebenso das Rinforzando in Takt 79, obwohl das nachfolgende Decrescendo dennoch deutlich ist.
Die Tremoli strömen dahin und die beiden langen Crescendi wachsen schön empor, das f in Takt 125 ist noch zurückgenommen, er spielt die Ganzen-Akkorde in der rechten Hand quasi als Crescendo, so dass er dann in Takt 132 doch im ff angelangt ist.
Der erste Grave-Einschub nach der Wiederholung der Exposition kommt doch deutlicher als das Original-Grave und das Decrescendo in Takt 136 ist ganz ausgezeichnet.
Auch die Durchführung gefällt mir in ihrer ganzen dynamischen Bandbreite jetzt voll und ganz. Nach den absteigenden Achteln folgt das Hauptthema wieder mit den Oktaven-Halben jetzt in der Begleitung, und die drei Crescendi in der Abwärtsbewegung kommen wieder recht ordentlich, dann wieder das Seitenthema, das ihm wieder besonders gut gelingt. Munter geht es dahin zur nächsten Steigerung und dem zweiten Grave-Einschub, den er im Takt 295 p, spielt, dann in 296 pp, dann in Takt 297 ein tolles Crescendo und ein ebenso tolles Decrescendo- meisterlich! - und dann die Kurzcoda - nun im vollen Fortissimo endend.

Der ganze erste Teil des Adagio Cantabile ist regelrecht ergreifend und Lewis steigert den Ausdruck in der ersten Molleintrübung noch, indem er von p/pp noch geringfügig weiter nach pp geht- grandios!- Auch was dann folgt: Takt24 cresc.-, wieder leichtes Zurückgehen, dann wieder Cresc. Und alles im Bereich zwischen p und pp bis zur Wiederholung des Hauptthemas, wo er m. E. völlig zu Recht wieder im pp beginnt. Auch die zweite Molleintrübung ab Takt 37 im pp ist wieder atemberaubend, dazu passt ein etwas weniger heftiger „Sonnenaufgang“. Weiter geht es im pp mit schönem Crescendo in Takt 50 und neuerlichem Hauptthema. Auch die Oktavierung ab Takt 58 ist ganz bezaubernd, ebenso die abgeklärte Fortsetzung im pp mit den beiden deutlichen, aber durchaus organischen Crescendi/Decrescendi in Takt 67 und 69 und den drei Rinforzandi in 70, 71 und 72 und das Verhauchen in Takt 73- ein großartiger Satz.

Das Rondo nimmt er auch nicht zu schnell, es pass halt voll und ganz in das temporale Binnenverhältnis. Wie auch schon vorher spielt er ganz hervorragend die Legatobögen aus, die fließenden Crescendi nicht vergessend, nach der ersten veritablen ff-Steigerung in Takt 58/59 dann die Wiederholung des Hauptthemas, in das sich organisch die Durabwandlung einfügt. Schon geht es durch die wogenden Sechzehntel zur zweiten Steigerung und zur nächsten Wiederholung des Hauptthemas mit dem neuerlichen toll musizierten Dolce, und weiter wogt es (moderat) in den Achteln bis hin zum vorbildlichen Calando, dann nimmt er Fahrt auf um ansatzlos in die Coda ab Takt 182 zu gleiten. Die spielt er sehr dynamisch und erreicht am Schluss wieder ein sattes Fortissimo.

Liebe Grüße

Willi :thumbsup: :thumbsup:
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William B.A.

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193

Mittwoch, 22. Januar 2014, 17:55

John Lill


Beethoven, Sonate Nr. 8 c-moll op. 13 “Pathétique”
John Lill, Klavier
AD: ?
Spielzeiten: 9:11-6:03-4:54 – 20:08 min.;

John Lill nimmt das Grave nahezu genau so breit wie Paul Lewis, wobei er das dynamische Spektrum nach oben (ff) und nach unten (pp) noch etwas mehr ausdehnt als Lewis . Das Crescendo ab Takt 8 und die anschließenden Legatobögen gefallen mir sehr gut.
Im Allegro di molto e con brio, das mir temporal ausreichend schnell erscheint, hätte er das Crescendo ab Takt 36 deutlicher setzen können, während mir die Rinforzandi und die Sforzandi als deutlich erscheinen.
Das Seitenthema ab Takt 51 spielt er sehr flüssig und schließt es mit einem sehr schönen Decrescendo ab Takt 85 ab, an das sich die tremolierende Sequenz ab Takt 89 anschließt, in der er die beiden langen Crescendi sehr kleinschrittig steigert und die Bögen und die anschließende Steigerung bis Takt 132 genügend kräftig ausführt.
Nach der Wiederholung der Exposition legt er m. E. auf den ersten Akkord im ersten Grave Einschub in Takt 133 auf der Eins etwas mehr Gewicht als an der Originalstelle, ein Umstand, der mir schon bei mehreren Pianisten aufgefallen ist, und er decrescendiert schon in den einzelnen Takten
Vom fp zu einem pp, so dass er in Takt 136 schon bis zum ppp decrescendieren muss.
Die Durchführung spielt er dann dynamisch wieder vorschriftsmäßig mit den rollenden Oktaven, zunächst in der rechten und dann ab Takt 171 in der linken Hand, unterbrochen von dem fein grummelnden tiefen Achteln. Auch die Steigerung ab Takt 179 und das voraufgegangene Crescendo ab Takt 171 gelingen ihm sehr gut, ebenso wie die zur Reprise überleitenden absteigenden Achtel.
In der Reprise ab Takt 195 könnten dann die letzten beiden Crescendi vor den Wechselnoten ab Takt 211 und 215 etwas stärker ausgeführt sein.
Das Seitenthema fließt dann wieder munter dahin mit vorbildlichen Sforzandi und einem schönen Decrescendo ab Takt 245, das zu der Tremolo-Passage mit den beiden langen Crescendi und den sich anschließenden Bögen in die letzte Steigerung vor dem zweiten Grave-Einschub führt. Hier ist seine Ausführung der ersten beiden Takte im Pianissimo schon verständlicher, da sich durch das mustergültige Crescendo in Takt 297 ein veritables Decrescendo ergibt und ein knackiges abschließendes Allegro.

Das Adagio nimmt Lill erheblich langsamer als Lewis und spielt die ganze Passage bis Takt 16 in einem betörenden pp. In der ersten Molleintrübung setzt sich das fort, was m. E. die Wirkung noch steigert, und auch die beiden Crescendi in Takt 24 und 26 sowie das Crescendo/Decrescendo in Takt 27 und 28 dehnen sich nur zwischen pp und p aus. Diesen niedrigen dynamischen Level verleiht dem Satz eine ungeheure Transparenz, vor allem in der Struktur der Begleitung. Bei Lill fällt das Crescendo nach der zweiten Molleintrübung ab Takt 41 deutlicher und der „Sonnenaufgang“ somit kräftiger aus. In der Wiederholung des Hauptthemas bleibt er auf dem pp-Niveau, wodurch das Crescendo trotz der geringen Ausdehnung von pp nach p doch deutlich zu vernehmen ist. Auch bei der Oktavierung ergibt sich durch die Beibehaltung des pp m. E. eine nochmalige Wirkungssteigerung, auch die Rinforzandi in Takt 70 bis 72 sind logischerweise dementsprechend dynamisch niedriger. – Ein großartig musizierter Satz!

Das Rondo ist etwas kürzer als bei Lewis und vergrößert somit den temporalen Unterschied zum Adagio etwas mehr. Es fließt sehr schön dahin. Auch die Crescendi arbeitet Lill wieder schön heraus.
Auch die Dur-Sequenz knüpft organisch an die Wiederholung des Hauptthemas an und ist wunderschön gespielt. Auch das Crescendo in den wogenden Sechzehnteln tritt deutlich hervor.
Auch die Wiederholung des Dolce ab Takt 134- traumhaft, das Calando desgleichen, danach dann ab Takt 182 das erwartete Durchstarten, die große Steigerung ein letztes Decrescendo (bis ppp), dann die drei abschließenden Fortissimo-Takte- trotz einiger kleiner Anmerkungen im Kopfsatz eine sher gute Gesamtleistung!

Liebe Grüße

Willi :thumbsup: :thumbsup:
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Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

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194

Mittwoch, 22. Januar 2014, 20:59

Lazar Berman Mailand 26.2.1975



Allseits beliebte Klassiker wie Beethovens "Pathetique" sind durchaus nicht ungefährlich für Interpreten: Es droht das Einerlei der Ununterscheidbarkeit der vielen passablen Aufnahmen. Lazar Bermans Live-Aufnahme ragt hier eindeutig aus der Flut von Einspielungen heraus. Als einer der wenigen schafft er eine wirklich penibel sorgfältige Interpretation, die über jeden einzelnen Ton nachgedacht hat und zugleich eine sehr persönliche, unverwechselbare Sicht auf das Werk. Daß er einfach ein großer Pianist ist, zeigt schon die Gestaltung der Grave-Einleitung. Das fp wird zum Ereignis. Wuchtig, aber ohne schwerfällig zu wirken. Berman erreicht das nicht zuletzt durch das zeitversetzte Spiel: der Melodieton C wird "nachgeschlagen", was dem Akkord zugleich aufreizende Expressivität verleiht. Darauf folgt ein ungemein besinnlich-nachdenklich gespieltes Antwort-Motiv im Piano, bei dem Berman seine feinsinnige Schattierungskunst demonstriert. Ansonsten gestaltet er die Einleitung kraftvoll, kontrastreich und in großen Blöcken denkend. Der chromatische Absturz in die Tiefe ist der Auftakt zu einem dramatisch aufgewühlten Hauptthema - Berman betont die Kontinuität von Grave-Einleitung und Allegro. Der Ton des Hauptthemas ist eher mf als p. Bemerkenswert sind aber sein hochmusikalisches und klug durchdachtes Changieren, etwa wenn er das zweite Sforzato Takt 27, 28 zurücknimmt. Die Energie und Wucht, mit der das Hauptthema auftritt, kontrastiert dann um so deutlicher mit dem Seitenthema - eine Sternstunde von Berman. Das ist nicht nur ungemein flexibel und tänzerisch leicht, sondern phänomenal auch, wie sich die melodieführenden Stütztöne herausheben.

Höchst bemerkenswert auch das Adagio cantabile. Berman ist ein großer Melodiker auf dem Klavier. Aber Melodieseligkeit, die zum Klischee werden könnte, vermeidet er ganz bewußt. Statt dessen wird das Thema mit russischem Expressivo punktgenau ausphrasiert mit einer ungemein perspektivischen Abstufung der Begleitung. Eine ganz persönliche Note kommt im Mittelteil zum Vorschein. Die Sechzehnteltriolen werden Portato gespielt, die Figur gewinnt damit Substanz, wird zum "Gedanken", der in verschiedenen Abschattungen wiederkehrt. Aufregend ist die aufsteigende Baßfigur Takt 48 ff. Hier demonstriert Berman seine überragende Fähigkeit, Tonräume nach hinten zu öffnen. Es ist fast schon dämonisch, wie dieses Motiv dort im Hintergrund "rumort". Das Portato der Sechzehnteltriolen verzahnt zudem das Adagio mit dem Rondo-Finale - auf einmal wird die rhythmische Verwandtschaft mit dem 2. Rondothema (Takt 43 ff.) deutlich. Das Finale ist kraftvoll und präzise gespielt, verzärtelt das Allegro nicht zum Allegretto - aber verzichtet zugleich souverän auf jede virtuose Übertreibung. Am Schluß zeigt Berman dann sein "Feuer" - das ist Klaviervirtuosität erster Kategorie. :)

Schöne Grüße
Holger

Glockenton

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Mittwoch, 22. Januar 2014, 21:40

Lieber Willi,

wie ich sehe, besitzt Du sowohl die Brendel-Aufnahmen als auch die CD des Brendel-Schülers Lewis.
Wäre es zuviel verlangt, Dich zu bitten hier ein paar Aussagen zum Vergleich der beiden Pianisten zu machen? Es müsste ja nicht in Arbeit aussarten....

Mich würde vor allem die mittlere und die späte Philipps-Aufnahme Brendels im Vergleich zu Lewis interessieren, vielleicht auch noch einen kurzen Satz zum Thema Aufnahmequalität.
Bei Online-Vergleichen ist mir aufgefallen, dass ich die mittlere Einspielung gegenüber der letzten ab und zu bevorzugte, weil sie bei den von mir verglichenen Musikabschnitten agogisch etwas strenger zu sein schien, was ich im Verhältnis zum Grundpuls und zum Notentext damals als "natürlicher"empfand. Aber die spätere brendelsche Sicht wird ja auch ihre Meriten haben. Da müsste man genauer hinhören....

Dass ich mir irgendwann beide, wenn nicht gar alle drei Einspielungen als Ergänzung zum völlig anderen , aber mich ebenfalls überzeugenden Gulda-Ansatz holen möchte, ist ja ohnehin klar.
Trotzdem würde ich einmal gerne wissen, welche CD Du wähltest, wenn Du nur eine der drei Einspielungen behalten dürftest, und warum.

Natürlich nur, wenn es Deine Zeit irgendwann einmal erlaubt :-)

Gruss
Glockenton

William B.A.

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Mittwoch, 22. Januar 2014, 22:11

Lieber Glockenton,

die drei Brendel-Versionen hatte ich ja in den Postings Nr. 91, 95 und 97 besprochen, und da war ich bei seiner mittleren und seiner späten Aufnahme gleichauf. Das ist natürlich nicht bei jeder Sonate so. Ich wüsste also im Moment nicht, welche ich mitnehmen würde. Tatsache ist auch, dass ich seinen "Schüler" Paul Lewis nicht weit hinter ihm sehen würde, und wie ich jetzt beim Nachschauen entdeckte haben in Posting Nr. 33 zwei damalige Taminos namens Romeo und Julia über die Aufnahme von Paul Lewis ähnliche Einsichten gewonnen wie ich. Das ist also eine spannende Sache. Ich habe vor, in einigen Jahren, wenn wir mit diesem Mammutprojekt durch sein sollten, meine sämtlichen Rezensionen in ihrer jeweiligen Bewertung nebeneinander zu stellen und dann sehen, was dabei heraus kommt.

Liebe Grüße

Willi :)
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Glockenton

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197

Donnerstag, 23. Januar 2014, 21:33

Lieber Willi,

vorerst vielen Dank für die Antwort :-)

Ich habe soeben einmal die Auschnitte des Anfangs der Nr. 8 c-moll op. 13 verglichen, und zwar Brendels letzte Philipps-Aufnahme und die HMF-Aufnahme mit Paul Lewis.
Die Unterschiede sind erstaunlich gering. Zunächst denkt man, dass der Hauptunterschied im Flügelklang besteht. Wenn man es öfter hört, fällt bei Brendel eine etwas bewusstere Artikulation (nur am Anfang beim beim kurzen Akkord vor dem verminderten Klang) auf und ein ganz wenig deutlicheres Bestreben, den Zusammenhang trotz der langen Noten nicht zu verlieren.
Ansonsten habe ich eigentlich noch nirgends eine solche Gleichheit in der Grundauffassung erlebt...doch, es gibt noch einen anderen Fall: Ketil Haugsand und Gustav Leonhardt (ebenfalls Schüler und Lehrer).
Haugsand ist der einzige Cembalist auf Erden, bei dem Du Dich vertun kannst und tatsächlich glaubst, dass da der Leonhardt spielt.

Ich finde so etwas übrigens sehr in Ordnung. Wenn man von einer Interpretation durchdrungen und überzeugt ist, muss man nicht nur um der eigenen Profilierung willen es einfach irgendwie anders machen. Es muss aus einem herauskommen...

Gruss
Glockenton

William B.A.

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198

Sonntag, 26. Januar 2014, 19:14

Radu Lupu


Beethoven, Sonate Nr. 8 c-moll op. 13 “Pathétique”
Radu Lupu, Klavier
AD: 1973
Spielzeiten: 10:09-7:01-5:06 – 22:16 min.;

Radu Lupu nimmt das Grave sehr langsam und auch dynamisch nicht so weit nach oben wie etliche andere, aber er geht auf der anderen Seite auch statt zum p gerne bis zum pp hinunter. So kommt in den beiden ff-Stellen kein richtiges Fortissimo zu Stande. Für das Grave braucht er 2:16 und gehört damit zu den langsamsten.
Das Allegro die molto e con brio ist dann dementsprechend auch nicht so schnell, die Rinforzandi und die Sforzandi sind ordentlich, doch das Crescendo ab Takt 35 hätte deutlicher ausfallen können.
Das Seitenthema lässt er schön fließen, ebenso die Tremoli ab Takt 89, und die beiden langen Crescendi treten dann auch deutlich hervor, und anschließend kommen die Legatobögen schön und leiten zur dieses Mal stärker vorgetragenen Steigerung zur Wiederholung der Exposition.
Nach der Wiederholung der Exposition kommt der erste Grave-Einschub dynamischer als das Original und das abschließende Decrescendo in Takt 136 geht sehr weit in den Dynamik-Keller.
Die Durchführung ist auch vorbildlich musiziert, und die wogenden Pianissimi ab Takt 163 gefallen mir auch sehr gut.
In der Reprise kommen die Crescendi gut, das Tempo bleibt unverändert, die Sforzandi zwischen Takt 223 und Takt 240 hätten deutlicher kommen können. Die Steigerung zum zweiten Graveeinschub ist dann wieder in Ordnung, ebenso der Einschub selber. Bis hierhin kann man sagen, dass Lupu die leisen Passagen besser gelingen als die lauten bzw. dass er das ff nicht so forciert wie andere., allerdings mit Ausnahme der kurzen Allegro-Coda, da straft er mich Lügen.

Das Adagio cantabile nimmt Lupu ebenfalls sehr langsam und strukturiert den ersten Abschnitt bis Takt 16 dynamisch etwas anders als z. B. der vorher von mir rezensierte John Lill. Lupu hebt die oktavierte Passage mit Überleitung ab Takt 8 an, was ja durchaus legitim ist und den langsamen Vortrag besser zusammenhält. Ähnlich verfährt er mit der ersten Molleintrübung. Hier crescendiert er ebenfalls die höheren Lagen. Auch das kommt gut. Auch die folgende Passage ab Takt 26 strukturiert er dynamisch sehr geschickt, indem er die dynamische Spannweite nun etwas ausweitet, allerdings nicht über das vorgeschriebenen Maß hinaus.
Auch in der Themenwiederholung ab Takt 29 hält er sich an die p-Vorschrift. Die zweite Molleintrübung nimmt er sehr leise (pp/ppp). Das klingt hier sehr spannend. Und führt zu einem schön erblühenden „Sonnenaufgang“, danach zu einer berückenden pp-Passage bis zur neuerlichen Wiederholung des Hauptthemas. In der neuerlich Oktavierung hebt er wiederum den Dynamiklevel etwas an, das zeigt, als wie wichtig er diese Stellen ansieht.
Das Adagio hat mir auf jeden Fall besser gefallen als der Kopfsatz, es war langsam wie der Kopfsatz, aber dynamisch schlüssiger und sehr spannungsvoll musiziert.

Das finale Rondo fügt sich temporal am besten in die Reihe der vielen Vorgänger ein. Damit gehört er in der Tat zu den Schnelleren. Auch dynamisch ist im ersten Teil alles in Ordnung, auch die Dur-Passage fügt sich in der Wiederholung des Hauptthemas gut ein. In der folgenden Tremolo-Passage ab Takt 107 spielt er ein schönes Crescendo. Auch im nächsten Abschnitt beachtet er die dynamischen Vorzeichen und spielt die Dolce-Legatobögen sehr schön, auch das integrierte Crescendo, ebenso den folgenden Abschnitt einschließlich des Calandos.. Auch die folgende Bewegung nimmt er gut auf zur Vorbereitung des codaartigen Schlussabschnittes, in dem er noch einmal temporal und dynamisch etwas zulegt.

Insgesamt eine Interpretation mit durchaus Stärken im lyrischen Bereich, aber auch einigen Schwächen im dynamischen Bereich vor allem im Kopfsatz!

Lieb Grüße

Willi :)
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William B.A.

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199

Montag, 27. Januar 2014, 16:53

Alfredo Perl


Beethoven, Sonate Nr. 8 c-moll op. 13 “Pathétique”
Alfred Perl, Klavier
AD: 1994
Spielzeiten: 8:46-5:56-4:29 – 19:01 min.;

Alfredo Perl spielt das Grave mit kräftigen Anfangsakkorden und guten Fortissimi in Takt 5 und 6 und einem sehr schönen Crescendo ab Takt 8, auch in der linken Hand. Temporal ist er mit 1:46 min. in der schnelleren Hälfte.
Das Allegro di molto e con brio spielt er schneller, da hat er ein sehr ähnliches Zeitgefühl wie Korstick.
Die dynamischen Vorschriften beachtet er gut. Auch das Seitenthema bleibt in diesem raschen Fluss, und das Rinforzando in Takt 79 hebt er schön aus diesem Fluss hervor und lässt ein diskretes Decrescendo folgen. Auch die Tremoli fließen schön dahin und er gestaltet die beiden langen Crescendi in kleinen Schritten sehr organisch und schließt die Exposition mit einem schönen Legatobogen und der kräftigen Steigerung ab.
Auch der erste Grave-Einschub ist mustergültig musiziert und schließt mit einem sehr schönen Decrescendo ab.
Die Durchführung beginnt dynamisch sehr pointiert und in den Halben-Oktaven weiter rasch fließend, aus den grummelnden Achteln ein kräftiges Crescendo erwachsend, auch in der Wiederholung, die zu dem Übergang mit den absteigenden Achteln führt und zur Reprise. Mit diesmal moderateren Crescendi und dem sich anschließenden Seitenthema. Auch das lange Decrescendo ab Takt 245, obwohl dynamisch enger gefasst, ist immer noch deutlich zu vernehmen, ebenso wie die beiden langen Crescendi in den Tremoli, die dann über den langen Bogen zum letzten Anstieg vor dem zweiten Graveeinschub führen, auch wieder sehr kräftig musiziert. Die drei Generalpausen hält er, wie ich finde, ein wenig länger aus wie schon gehört, was die Spannung natürlich noch erhöht, hin zur schwungvollen Kurzcoda.

Das Adagio ist im Gegensatz zum raschen Kopfsatz ziemlich langsam, ungefähr im Tempo Korsticks, aber doch noch deutlich rascher als Lupu. Dynamisch bleibt er bis Takt 16 auf einer Stufe, (p/pp). In der ersten Moll-Eintrübung, auch im pp begonnen, crescendiert er kaum merklich, gerade so, dass sich etwas bewegt- großartig- und die Takte 23-28 mit den beiden Kurzcrescendi sind auch genauestens ausgeführt. Auch die Wiederholung und die „Sonnenaufgangs“-Sequenz sind sehr ausdrucksvoll musiziert. Auch die Wiederholung, wieder fast durchgehend im Legato- überragend.

Das Rondo spielt er deutlich schneller als Lupu, aber nicht ganz so schnell wie Korstick. Da kann man mal sehen, was in einem einfachen Allegro für Tempounterschiede stecken können. Es fließt sehr schön, dabei beachtet er sehr wohl die Staccati ab Takt 41, überflüssig zu sagen, dass auch die Dynamik stimmt. Auch die Dur-Sequenz passt sich schön ein. Er spielt sie bis zum Crescendo in der Oktavierung in einem ätherischen Pianissimo. Vorbildlich ist auch das Crescendo in den wogenden Sechzehnteln. Auch die Wiederholung des Hauptthemas mit den Achteltriolen und den beiden langen Legatobögen ab Takt 133 wieder sehr schön fließend, dann weiter führend zum Calando, das ich noch selten so schön ausgeführt gehört habe. Dann folgt die stärkere Bewegung zum Coda-ähnlichen Ende hin, das er auch sehr expressiv ausführt, vor allem die ständig zwischen der rechten und linken Hand wechselenden Sforzandi kommen sehr schön zum Ausdruck, ebenso wie der „geheimnisvolle“ Schluss mit dem bei Perl bis ins ppp gehende Decrescendo und dann der ff-Abschluss.
Eine großartige Aufnahme!!

Liebe Grüße

Willi :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup:
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William B.A.

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200

Montag, 27. Januar 2014, 18:17


Beethoven, Sonate Nr. 8 c-moll op. 13 “Pathétique”
Maurizio Pollini, Klavier
AD: 9/2002
Spielzeiten: 8:34-4:38-4:21 – 17:33 min.;

Maurizio Pollini spielt ein dynamisch durchaus expressives, aber mit 1:22 min. mir etwas zu rasches Grave. Da fehlt mir ein wenig Pathos und Schicksalsschwere.
Das führt dann dazu, dass das Allegro di molto e con brio sich temporal nicht so sehr vom Grave unterscheidet, wie es m. E. sollte. Demgegenüber ist das Allegro im ersten Teil mit dem Hauptthema dynamisch wieder sehr gut ausgeführt, vor allem auch die Halben-Oktaven in der Begleitung prägnant, und die ersten vier Sforzandi in Takt 53, 54, 61 und 62 sehr schön deutlich, die späteren nicht mehr so, aber dann stimmt in den Tremoli die Dynamik wieder. Allerdings kommen in der Wiederholung der Exposition auch alle Sforzandi klar und deutlich Auch die Überleitung zum ersten Grave-Einschub stimmt. Und dieser ist auch dynamisch sehr gut ausgeführt, samt dem ausgezeichneten Decrescendo.
Auch die Durchführung gefällt mir gut nebst der tiefen Achtelfiguren im pp ab Takt 163, die zur Steigrung ab Takt 179 und den überleitenden absteigenden Achteln und der Reprise führen. Diese wird wieder dynamisch sehr ausgewogen und temporal unverändert vorgetragen. Im Seitenthema lässt Pollini wieder schön die Sforzandi hervortreten und leitet mit einem schönen Decrescendo zu der Tremolo-Passage über. Diese leitet er in einer wiederum schönen dynamischen Steigerung zum zweiten Grave-Einschub über, der auch wieder ziemlich rasch, mit deutlich (gegenüber Perl) kürzeren Generalpausen wohl dynamisch zu überzeugen weiß- dann die kurze Allegro-Coda- temporal wieder nicht sonderlich kontrastierend zum Grave-Einschub.

Auch das Adagio kontrastiert temporal m. E. nicht genügend mit dem voraufgegangenen Allegro di molto e con brio. Es ist sogar schneller als das von Glenn Gould (übrigens auch im Grave des Kopfsatzes), wobei Gould aber dynamisch nicht annähernd auf der Höhe Pollinis ist, der als Grunddynamik nach meiner Ansicht im ersten Teil ein p wählt. Allerdings habe ich das erste Crescendo in Takt 24 von Perl auch deutlicher Gehört als von Pollini, ab Takt 26 stimmt es dann wieder. Die „Sonnenaufgangs“-Stelle spielt Pollini prächtig, wie ich ja überhaupt dynamisch kaum Vorbehalte habe. auch nicht in der Moll-Sequenz ab Takt 44. Zu seinen dynamischen Feinheiten gehört auch noch ein feines Eigensummen, wie ich es in den abschließen Rinforzandi ab Takt 70 wieder feststellen konnte.

Das Rondo scheint mir temporal sogar etwas flotter zu sein als das Allegro die molto e con brio aus dem Kopfsatz, fast, als wären die Satzvorschriften getauscht. Aber hier kommt natürlich Pollinis Virtuosität voll zum Tragen. Die dynamischen Spitzen werden voll ausgespielt, und die Dur-Sequenz spielt er sehr schön warm und fügt sie nahtlos ein. Auch das Crescendo in den wogenden Sechzehnteln ab Takt 107- prächtig, ebenso die Wiederholung des Hauptthemas mit dem berückenden Dolce, die folgende Passage, auch sehr schön gespielt, allerdings empfand ich das Calando bei Perl berückender, der Schlussteil mit der Zunahme der Bewegung ist ausgezeichnet musiziert. Hier läuft es ja auch auf die temporale und dynamische Schlusssteigerung hinaus.
Eine Aufnahme, über die ich in Teilen anderer Meinung bin als Tobias (Posting Nr. 120), aber wie gesagt, das ist nur meine Meinung.

Liebe Grüße

Willi :)
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William B.A.

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201

Dienstag, 28. Januar 2014, 18:57

Swjatoslaw Richter


Beethoven, Sonate Nr. 8 c-moll op. 13 “Pathétique”
Swjatoslaw Richter, Klavier
AD: 1956
Spielzeiten: 7:35-5:27-4:31 – 17:33 min.;

Swjatoslaw Richter nimmt das Grave zwar genau so schnell wie Maurizio Pollini, setzt aber deutlichere Akzente durch das kraftvolle Auftaktforte und die beiden veritablen Fortissimo-Stellen in Takt 5 und 6, und auch das temporale Binnerverhältnis seiner Interpretation ist mir schlüssiger, weil sein Allegro di molto e con brio wirklich schnell ist und sich so genügende vom Grave absetzt, und weil vor allem sein Adagio cantabile wieder genügend langsam ist und sein abschließendes Rondo auch in dieses Zeitverhältnis passt. Sein temporales Gefüge der einzelnen Sätze hat viel Ähnlichkeit mit dem eines Alfredo Perl oder eines Michael Korstick: schnell, da, wo es schnell sein soll, langsam, da, wo es langsam sein soll.
Auffällig ist neben der allgemein schnellen Gangart des Allegros noch, neben den selbstverständlich präzise gearbeiteten Crescendi, wie stark er die Rinforzandi in Takt 27 und 28 sowie die Sforzandi in Takt 31 und 32, 38 und 42 nimmt. Das verleiht dem Ganzen schon vorwärtsdrängenden Abschnitt noch zusätzlichen Schub.
Das Seitenthema schnurrt behände dahin und auch die langen Crescendi im tremolierenden Teil sind schön herausgearbeitet und die Steigerung am Ende der Exposition kraftvoll. Die Wiederholung der Exposition leitet dann an ihrem Ende zu einem wiederum kraftvollen Forte-Auftakt im ersten Grave-Einschub in Takt 133 sowie in Takt 134 und 135, in Takt 136 dann ein sehr eindrucksvolles Decrescendo.
Die Durchführung nimmt dann an Dynamik zu, und die grummelnden Achtel sind kräftiger als schon mal gehört, und auch die Crescendi im Anschluss in Takt 171 bis 175 und ab Takt 179 sind mächtig. Nach den schnell perlenden Abwärts-Achteln geht es dann in die Reprise mit dem sich anschließenden wieder traumhaft gespielten Seitenthema, das er mit einem sehr schönen Decrescendo abschließt, an dessen Ende er m.E. kaum merklich retardiert.
Flink geht es nun dem zweiten Grave-Einschub zu mit einer wiederum sehr kräftigen Steigerung und mit kürzeren Generalpausen gespielt, aber einem wieder umwerfenden Decrescendo: das geht über p in Takt 295 über sf in Takt 297 zu einem nahezu Piano Pianissimo am Ende von Takt 298- toll!

Das Adagio cantabile ist traumhaft in pp gespielt, durchgehend bis Takt 23, vielleicht mit einer kleinen Einschränkung, dass die Crescendi in Takt 24, 26, 27/28, hätten etwas stärker herausgearbeitet werden können. Bei Richter fällt mir auch generell auf, wie genau er die Staccati spielt. Sein Legato-Spiel ist auch großartig, und es fällt auch auf, dass zwischen seinem Piano und seinem Pianissimo noch ein ziemlicher Unterschied ist. Obwohl diese Aufnahme nur in Mono ist, ist sie sehr transparent, man kann vor allem die in pp gespielte Begleitung, in der z. B. in Takt 48 bi 50 unisono gespielten Sechzehntel-Akkorden aufsteigende, noch darunter liegende Sechzehntel Staccati gegenüber stehen, sehr gut unterscheiden. Wie hätte das wohl in Stereo geklungen.

Das Rondo ist etwas langsamer gespielt als das Allegro die molto e con brio aus dem Kopfsatz, aber dynamisch wieder sehr ausgewogen mit deutlich gesetzten fp-Schlägen. Behände fließen die Legatobögen dahin, bis es zur ersten „Atempause“ kommt: im p in Takt 44 mit Auftakt nimmt er das Tempo deutlich zurück. Ich weiß nicht, ob ich das schon einmal so gehört habe, aber es gefällt mir. Nach dem Crescendo in Takt 50 nimmt er das ursprüngliche Tempo wieder auf. Auch die Dur-Sequenz mit dem sich anschließenden crescendierenden wogenden Abschnitt fügt sich organisch ein und führt in der ff-Steigerung zur Wiederholung des Hauptthemas in dem mir auffällt, dass er in Richtung der von mir sogenannten „Atempause“ (Takt 154 mit Auftakt) deutlich acceleriert, vielleicht, um dieses „Innehalten“ noch deutlicher zu machen. Innerhalb dieser Phrase, in Richtung des Calando, zieht er zunächst wieder an, um dann das Calando wieder deutlich zu spielen- frappierend! Auch der Schlussabschnitt ist dynamisch gesteigert und wieder in hohem Tempo gespielt mit dem kurzen p-Decrescendo-pp-Einschub und den drei ff-Schlusstakten.
Swjatoslaw Richter – der (etwas eigenwillige) Meister der leisen und lauten Töne, des schnellen und langsamen, des dramatischen und lyrischen Spiels.

Liebe Grüße

Willi :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup:
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Christian B.

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202

Mittwoch, 29. Januar 2014, 23:18

Kocsis

Inzwischen ist Willi schon bei Richter angekommen und nähert sich damit langsam dem Ende des Alphabets - ich hatte gehofft, dass er auch die unbekannt gebliebene 91er Aufnahme von Zoltan Kocsis der Pathétique bespricht. Kocsis geht bei op. 13 meines Erachtens einen sehr radikalen Weg und allein deshalb muss er hier zumindest kurz erwähnt werden. Leider besitze ich nicht die Noten dieser Sonate, um seine Aufnahme so detailliert würdigen zu können, wie dies Willi hier so wunderbar vorführt.

Aber schon allein ein Blick auf die Zeiten macht deutlich, in welche Richtung es bei Kocsis geht: I: 8:06 (ohne Wiederholung der Grave-Einleitung), II: 4:41, III: 3:56 (!).

Ja, schneller spielt das wohl keiner, aber genauer vermutlich auch nicht. Denn trotz dieser irrsinnigen Zeiten sind bei Kocsis Details zu hören, die bei manch anderer pedallastigen Aufnahme untergehen. Doch ein schnelles Tempo muss ja noch nicht sinnhaft sein, hier aber steckt ein Konzept dahinter, das es in sich hat und auch dem Charakater des Werks entspricht: Kocsis legt die Sonate konsequent als stürmische, frühe Sonate an, in der das Subjekt aufbegehrt. Dadurch gewinnt er bspw. dem musikalischen aufsteigenen Kernmotiv des ersten Satzes eine viel stürmischere, ja geradezu aufschreiende Qualität ab. Wenn man das einmal so gehört hat, wirken viele langsamere Aufnahmen geradezu betulich und altbacken. Und im Finale zündet Kocsis regelrecht die eine odere andere Rakete, das ist mitreißend und pianistisch unvergleichlich! Willi, wenn Du die Philips-Aufnahme (mit den Sonaten #1,5,17) nicht mehr bekommst, stelle ich sie Dir gerne für eine Besprechung zur Verfügung.

Beste Grüße,
Christian

William B.A.

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203

Donnerstag, 30. Januar 2014, 02:36

Lieber Christian,

Als ich dein Posting las, war ich gerade Auf der Rückfahrt von Köln, wo ich einen großartigen Klavierabend mit Mitsuko Uchida erlebt habe, die vor der Pause Schuberts G-dur-Sonate D.894, und nach der Pause Beethovens Diabelli-Variationen spielte. Ich habe sie jetzt zum vierten Male live errlebt, und immer mit Beethoven und (oder) Schubert, und jedes Mal wird das Erlebnis intensiver. Dieses Mal kamen mir schon nach dem ersten Schubert-Akkord die Tränen in die Augen. Vielleicht schreibe ich ja zu dem Abend im entsprechenden Thread ja noch etwas.
Wass nun den von dir beschriebenen Zoltan Kocsis betrifft, so würde ich die umgekehrte Vorgehensweise empfehlen, dann könntest du auch richtig in den Beethoven-Sonatenthread mitmachen:
-Gib am großen Urwaldfluss den Namen "Istvan Mariassy" ein, da erscheint dann auf der ersten Seite u. a. die dreibändige Gesamtausgabe der Noten aller Beethoven-Sonaten im Urtext aus dem Tandem-Verlag. Es gibt noch zwei Exemplare, das erste "Gebraucht, gut, ungelesen, mit Transportspuren m Schuber", für 14,99 €. Wäre das nichts? Ich habe diese Ausgabe seit Jahr und Tag (damals bei Aldi gekauft!!).
Von Zoltan Kocsis habe ich eine Beethoven-Sonate, und zwar die Nr. 32, auf einer DVD mit einem Programm, das er 1998 im "Teatro Sociale" in Bellinzona, in der Schweiz aufnahm, und das hat es in sich:

- Mozart: Fantasie Nr. 3 c-moll KV 475,
- Beethoven: Sonate Nr. 32 c-moll op. 111,
- Schubert: Sonate Nr. 21 B-dur D.960;

Ich werde mal schaun, ob ich noch was von Kocsis finde. Richter war übrigens meine 24. Rezension der Pathétique. Jetzt kommen noch Rubnstein und Serkin. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Liebe Grüße

Willi :)
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JLang

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204

Donnerstag, 30. Januar 2014, 23:31

Ich mußte mich berufsbedingt leider länger aus diesem thread ausklinken, weil ich für Besprechungen einfach Zeit brauche. Danke Dir, lieber Willi, daß Du ihn weiterhin mit Deinen schönen Besprechungen füllst :). ich habe mir für das Wochenende einen vergleich zweier "Lyriker am Klavier" Barenboim und Kempff vorgenommen und werde hier dann auch wieder regelmäßiger beitragen.

Herzliche Grüße
JLang
Gute Opern zu hören, versäume nie
(R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

William B.A.

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205

Samstag, 1. Februar 2014, 22:04

Arthur Rubinstein


Beethoven, Sonate Nr. 8 c-moll op. 13 “Pathétique”
Arthur Rubinstein, Klavier
AD: April 1962
Spielzeiten: 8:44-5:35-4:42 – 19:01 min.;

Arthur Rubinstein gehört zu den Schnellen im Grave mit 1:27 min, gestaltet die Forte-Auftakt-Akkorde und die beiden Fortissimi mit ausreichender, nicht grenzwertiger Dynamik, und sein Crescendo ab Takt 8 und seine folgenden Legatobögen sind sehr schön gespielt.
Das allegro di molto e con brio ist jetzt im Vergleich zum Grave nicht so wahnsinnig schnell, sonst wäre er mit dem Satz in weit unter 8 Minuten fertig. Die Rinforzandi und Sforzandi gestaltet er deutlich und die Crescendi etwas moderat.
Beim Seitenthema nimmt er das Tempo zurück, was mir ganz gut gefällt. Die Sforzandi im Seitenthema sind moderat, sie sind in dem entspannten Melodiefluss integriert, der auch von den Tremoli nicht unterbrochen wird. Die beiden langen Crescendi sind gut vernehmbar, aber nicht übertrieben. Die Legatobögen und die große Steigerung am Ende der Exposition sind sehr ordentlich.
Beim Grave-Einschube nach der Wiederholung der Exposition mache ich auch bei Rubinstein, die Feststellung wie bei verschiedenen seiner Kollegen, dass er den auftaktigen Forte-Akkord in Takt 133 kräftiger nimmt als in Takt 1, die anderen beiden dann wieder etwas zurücknimmt und auch ein fabelhaftes Decrescendo spielt.
Die Durchführung nimmt er in der Spitze dann auch eher im mf, lässt dabei die Oktaven-Halbe in der rechten Hand und später in der linken Hand schön fließen und nimmt hier auch die Crescendi kräftiger, die in drei kräftigen Sforzandi münden und zur absteigenden Achtel-Leiter führen und damit zur Reprise. Im ersten Teil vor den Wechselnoten in Takt 219/220 kommen die Crescendi auch vernehmlich. Das Seitenthema spielt er so bedächtig wie zu Beginn, ebenso die Tremoli, aber wiederum mit schönen langen Crescendi, die dann, Schwung aufnehmend zur abschließenden veritablen Steigerung vor dem zweiten Grave-Einschub führen, mit kürzeren Generalpausen, aber schön absteigendem Decrescendo und kernigem Allegro-Abschluss.

Das Adagio cantabile spielt er mit deutlichem Tempounterschied zum voraufgegangenen Allegro und beginnt hier in berückendem pp. Ich habe das Gefühl, dass er den Satz auch als einen Höhepunkt dieser Sonate versteht und dem Adagio die ihm zustehende Zeit einräumt. Auch die erste Moll-Eintrübung verbleibt zunächst im pp, wobei er in der Begleitung die Dynamik kaum merklich anhebt. Die Crescendi in den Takten 24, 26 und 27/28 arbeitet er sehr subtil heraus. Auch ab Takt 29, bleibt er eher am unteren Rande des p. In der zweiten Molleintrübung ab Takt 37 beschleunigt er kaum merklich, nutzt aber die Steigerung zum „Sonnenaufgang“ voll aus. Das strahlt. Die neuerlich Molleintrübung ab Takt 45 spielt er wieder sehr verhalten, und im Crescendo in Takt 50 retardiert er sehr schön zur Wiederholung des Hauptthemas. Die Oktavierung spielt er sehr lucide und bewegend., wieder retardierend und mit sehr schönen Rinforzandi m Schluss und einem betörenden pp in Takt 73.

Im Rondo Allegro hebt er vernehmlich die Stimme, hier beginnt es schon mit einem guten p und führt zu einem deutlichen Crescendo unter dem ersten langen Legatobogen und einem sehr schönen Dolce. Spätestens ab Takt 41 fällt mir dann immer auf, dass ich auch etwas zu seinen Staccati sagen muss, die sehr schön kommen. Er lässt es dann auch sehr schön weiterfließen in den wechselnden Achtelfiguren hin zu der Fortissimo-Steigerung und zur Weiderholung des Hauptthemas. Es sei auch an dieser Stelle ergänzt, welch schönen bronzenen Ton der seinem Flügel vor allem in den mittleren, aber auch in den tiefen Lagen entlockt. Die Dur-Passage fügt sich nahtlos ein, die Achtelläufe erst in der linken, dann in der rechten Hand sind klar und deutlich, schön auch die Steigerung in den tremolierenden Sechzehnteln. Zum Fortissimo hin und zur neuerlichen Wiederholung des Hauptthemas, in dem er das Dolce wieder berückend vorträgt. In der folgenden Staccato-Passage ab Takt 151 führt er zu einem Calando hin, das er grandios spielt. Nach der neurlichen Wiederholung nimmt er die Bewegung und die Dynamik zur Coda auf: dann ff-p-decr-pp-ff-Schluss- Großartig!!

Liebe Grüße

Willi :thumbsup: :thumbsup:
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
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William B.A.

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206

Dienstag, 4. Februar 2014, 21:31

Rudolf Serkin


Beethoven: Sonate Nr. 8 c-moll op. 13 “Pathétique”
Rudolf Serkin, Klavier
AD: Dezember 1962
Spielzeiten: 9:29-5:52-4:17 – 19:38 min.;

Nun bin ich also bei meiner 26. und vorläufig letzten Aufnahme des op. 13 angelangt. Welch ein zufälliges? Zusammentreffen der beiden unteren Zahlen aus der 13er-Reihe.
Rudolf Serkin ist im Grave mit 1:32 min auf der schnelleren Seite, verleiht aber den auftaktigen Forteschlägen die nötige Schwere, vor allem die Fortissimo-Akkorde sind sehr respektabel und die Crescendi ebenfalls.
Im Allegro di molto e con brio geht es mit frischer Fahrt weiter, die Crescendi könnten hier etwas deutlicher sein, die Rinforzandi und Sforzandi sind es jedoch.
Das Seitenthema fließt schön dahin mit moderaten Sforzandi und einem schönen Decrescendo am Schluss der Trillerketten. Die Tremoli mit den beiden äußerst kleinschrittigen Crescendi schließen sich an und die Schlusssteigerung am Ende der Exposition ist sehr kräftig.
Das also ist des Pudels Kern. In der letzten Aufnahme finde ich doch noch einen Pianisten, der das ganze Grave wiederholt. Ohne dies wäre er bei knapp unter 8 Minuten herausgekommen. Aber die Wiederholung gefällt mir. Mir gefallen überhaupt Wiederholungen. Vielleicht liegt das an meinem Lehrerberuf, in dem die Wiederholungen auch das Salz in der Suppe waren.
Die gesamte Wiederholung ist wie vor. Auch der erste Grave-Einschub ist wieder überzeugend mit schönem Decrescendo am Schluss.
Auch die Durchführung mit den Oktaven-Halben fließ behände dahin, ebenso die grummelnden Bässe und die beiden kräftigen Crescendi, das zweite mit sehr schönem dreimaligen Sforzando zu den absteigenden Achteln, die Reprise einleiten. Im ersten Teil könnten die vier Crescendi wiederum etwas kräftiger sein. Das Seitenthema ist dynamisch wieder tadellos mit einem schönen Decrescendo. De beiden langen Crescendi sind wieder deutlich ebenso wie der Übergang zum zweiten Grave-Einschub, der vorbildlich musiziert ist ebenso wie der knackige Brio-Abschluss.

So schnell, wie der Kopfsatz musiziert ist, so langsam ist im Vergleich dazu das Adagio, dessen ersten Teil der im Piano nimmt, ebenso wie die erste Molleintrübung. Die Satzbezeichnung cantabile nimmt er wörtlich, nicht nur das Klavier lässt er sehr schön singen, er selbst summt auch mit. Die Crescendi in Takt 24 und 26 sowie Cresc./Decresc. In Takt 27/28 gestaltet er sehr sorgfältig und die ersten beiden, von p ausgehend, auch dementsprechend kräftig. Die zweite Molleintrübung beginnt er schön im pp, spielt dann aber ein kräftiges Crescendo mit einem veritablen „Sonnenaufgang.
Die Mollsequenz ab dem Decrescendo in Takt 44 spielt er sehr schön mit abschließendem Crescendo als Überleitung zur Reprise.
Die spielt er wie vorgeschrieben im p, ebenfalls die Oktavierung, und ausgehend vom pp in Takt 66 spielt er die beiden Cresc./Decr. In Takt 67 und 69 sowie die drei abschließenden Rinforzandi und den Schlusstakt exzellent- ebenso wie den ganzen Satz, nicht sentimental, aber gefühlvoll.

Das Rondo geht auch rasch fließend von statten, hier mit aufmerksam gesetzten dynamischen Akzenten. Die Crescendi in Takt 49/50 und 56 kommen deutlich, und bereiten den ff-Übergang zur Wiederholung des Hauptthemas vor. Die Dur-Sequenz fügt sich wunderbar ein, das Crescendo in den wogenden Sechzehnteln ab Takt 107 habe ich auch schon deutlicher gehört. Der nächste Haupttonabschnitt wird in gleicher Weise eingeleitet wie der vorige. Hier spielt er den Dolce-Abschnitt wie schon den vorigen sehr ausdrucksvoll, und dieses Mal auch das anschließende Crescendo unter dem Legatobogen. Auch die Überleitung zum Calando sowie das Calando selbst sind gelungen. Das lange Crescendo ab Takt 179 leitet sehr kräftig zum codaartigen Schlussabschnitt, in dem ich mir die beiden letzten ff noch etwas kräftiger gewünscht hätte
Eine runde Interpretation!

Liebe Grüße

Willi :thumbsup:
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Dr. Holger Kaletha

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Mittwoch, 5. Februar 2014, 22:31

Solomon



Solomon ist bei Tamino ja doch etwas unterrepräsentiert - und ich muß zugeben in meiner Wahrnehmung auch. Dieser Mangel soll mit dieser Besprechung - und auch der Mondscheinsonate - nun endlich behoben werden.

Begonnen habe ich aber zunächst mit der Klaviersonate op. 10 Nr. 3. Ich muß sagen, daß ich mit Solomon hier nicht richtig warm wurde - das ist mir alles einfach zu britisch distinguiert - spannungslos.

Bei der "Pathetique" habe ich gemischte Gefühle. Die Stärke von Solomon ist eine fast schon meditative Versenkung in eine Stille, wie z.B. in der Durchführung des Allegro. Auch der langsame Satz im melodischen Teil beeindruckt durch die konzentrierte Spannung, eine völlig unschwelgerische Schönheit. Aber sein Spiel hat dann eben doch nicht diese atemberaubende Präzision und ausgekochte Feinheit eines Lazar Berman. Die Sechzehnteltriolen Takt 37 ff. auch körperlich-rhythmisch, aber eher spannungslos. Manchmal kommt in seinem Spiel sogar eine gewisse Derbheit auf. Im Vergleich mit Bermans Dämonie wirken die aufsteigenden Bässe Takt 48 ff. völlig ohne Mysterium, positivistisch vordergründig. Sehr irdisch unmetaphysisch auch das Finale - das aber in der Folge durchaus Finesse entwickelt. Die Grave-Einleitung beginnt mit Dehnungen, die Gewicht geben sollen: Fermaten auf den Vierteln und der 16tel-Pause. Das ist differenziert gestaltet, aber es fehlt mir etwas die klare Linie. Das Hauptthema ist treffend charakterisiert, das Seitenthema ein bisschen blaß. Irgendwie springt bei mir der Funke nicht über.

Es werden noch Besprechungen folgen von Kocsis, Cziffra, Backhaus, Richter, Ashkenazy, Kempff und Brendel (Vergleich alter und neuer Aufnahmen). :hello:

Schöne Grüße
Holger

William B.A.

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Mittwoch, 5. Februar 2014, 23:40

Lieber Holger,

ich muss mich noch entschuldigen, dass ich auf deine Berman-Rezension noch nicht reagiert habe, aber ich hatte an den Tagen gerade viel um die Ohren. Ich habe nach deinen begeisterten Worten mir mal die Hörschnipsel angehört. Das hat mich schon beeindruckt, vor allem das Adagio. Ich ahbe eine Frage , it das Stereo. Nach dem Aufnahmedatum müsste es das eigentlich sein. Ich frage deswegen, weil der Klang mir manchmal ein wenig eng und mittig erscheint. Schade, dass es von ihm nicht mehr Beethoven gibt.
Bei Solomom habe ich auch schon vor einiger Zeit reingehört, konnte mich aber auch noch nicht recht entschließen.

Liebe Grüße

Willi :)

P.S. Nach der formidablen Mitsuko Uchida am 29. Januar in Köln, (Schubert, G-dur-Sonate, Beethoven, Diabelli-Variationen), wartet am 19. Februar Elena Bashkirova auf mich, auch schon mein drittes Konzert mit ihr, bei Uchida waren es bis jetzt vier.
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209

Donnerstag, 6. Februar 2014, 09:06

Lieber Holger,

ich muss mich noch entschuldigen, dass ich auf deine Berman-Rezension noch nicht reagiert habe, aber ich hatte an den Tagen gerade viel um die Ohren. Ich habe nach deinen begeisterten Worten mir mal die Hörschnipsel angehört. Das hat mich schon beeindruckt, vor allem das Adagio. Ich ahbe eine Frage , it das Stereo. Nach dem Aufnahmedatum müsste es das eigentlich sein. Ich frage deswegen, weil der Klang mir manchmal ein wenig eng und mittig erscheint. Schade, dass es von ihm nicht mehr Beethoven gibt.
Bei Solomom habe ich auch schon vor einiger Zeit reingehört, konnte mich aber auch noch nicht recht entschließen.

Liebe Grüße

Willi :)

P.S. Nach der formidablen Mitsuko Uchida am 29. Januar in Köln, (Schubert, G-dur-Sonate, Beethoven, Diabelli-Variationen), wartet am 19. Februar Elena Bashkirova auf mich, auch schon mein drittes Konzert mit ihr, bei Uchida waren es bis jetzt vier.

Lieber Willi,

die Berman-Aufnahme ist ein Konzertmitschnitt aus Mailand, die Klangqualität zwar nicht "highendig", aber noch akzeptabel. Stereo ist das! :) Das sind wahrlich schöne Konzerte! Ist E. Bashkirowa solo unterwegs oder mit Ehemann Daniel Barenboim?

Herzliche Grüße
Holger

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210

Donnerstag, 6. Februar 2014, 10:10

Ich hatte vergessen zu erwähnen, daß ich noch Alfred Cortots Darlegung der Pathetique aus einer seiner Meisterklassen habe. Da spielt er die Sonate zwar nicht komplett durch, aber der Klavierphilosoph Cortot ist natürlich immer ein großer Gewinn! (Ich hoffe nur, ich halte da mit meinem inzwischen etwas aus der Übung gekommenen Französisch mit!) :hello: