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MarcCologne

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Sonntag, 18. Februar 2007, 17:43

Die Bachkantate (050): BWV23: Du wahrer Gott und Davids Sohn

Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer!

Hier ist wieder Radio BaRockoko – Ihr Lieblingsmusiksender mit dem steten Ohr an der aktuellsten Musik von heute!
Ich begrüße Sie zur heutigen Sonntagmorgen-Ausgabe unserer Sendung „Kirchenmusik aktuell“ mit einer sicherlich ganz besonders interessanten und hörenswerten Übertragung aus Leipzig, wo heute ein kirchenmusikalischer Leckerbissen der besonderen Art auf Sie wartet, liebe Hörerinnen und Hörer!
Aber ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen und gebe daher auch direkt ab an meinen Kollegen vor Ort, Christian Friedrich Henrici – ein junger Kollege, der vor allem die aktuelle Leipziger Literatur- und Musikszene nun schon seit ein paar Jahren beobachtet und daher über fundierte Kenntnisse der örtlichen Begebenheiten verfügt.


Auch von mir einen ganz besonders guten Morgen, verehrte Damen und Herren an den Rundfunkempfängern im Lande!
Hier meldet sich Christian Friedrich Henrici live aus der Leipziger Thomaskirche, wo am heutigen Sonntag Estomihi, dem 7. Februar im Jahres des Herrn 1723, im Rahmen des heutigen Gottesdienstes die Kantoratsprobe des letzten noch verbliebenen Kandidaten für das neu zu besetzende Amt des Leipziger Thomaskantors, Herrn Johann Sebastian Bach, gebürtig zu Eisenach, derzeitig tätig in Köthen, stattfinden wird.

Wir werden die Aufführung der beiden Probestücke, die er dazu extra verfertiget hat, im Rahmen unserer Sendung „Kirchenmusik aktuell“ für Sie live übertragen, damit Sie sich einen Eindruck darüber verschaffen können, wie es aktuell im laufenden Auswahlverfahren hier in Leipzig um die Kirchenmusik bestellt ist. Schließlich ist der Posten des Leipziger Thomaskantors einer der traditionsreichsten und angesehensten dieser Art im ganzen Reiche.

Bevor ich Ihnen nun aber den Kandidaten Herrn Bach ein wenig näher vorstelle, möchte ich Sie vor Beginn des Gottesdienstes noch kurz über die bisherigen Geschehnisse hier in der Stadt informieren, da ich davon ausgehe, dass die meisten von Ihnen – fern dieser schönen Stadt lebend – sich nicht unbedingt auf dem neusten Stand hierzu befinden:

Der bisherige Thomaskantor, der hochgeschätzte Herr Johann Kuhnau, ist bedauerlicherweise im vergangenen Juni im Alter von 62 Jahren von uns gegangen. Dieser hochgelehrte und verständige, brave Mann hatte das Amt des Thomaskantors seit Anno 1701 (als Nachfolger von Johann Schelle) inne gehabt und war davor der Thomaskirche bereits seit 1684 als Organist verbunden gewesen.
Herr Kuhnau war außerdem Doktor der Juristerei und auch als Schriftsteller, er verfasste mehrere unterhaltsame und lehrreiche Musiker-Romane, erfolgreich tätig gewesen – eine überaus seltene Kombination, wenn Sie mich fragen. Außerdem haben seine beim Publikum äußerst beliebten Klavierstücke, die im Druck erschienen und sich allzeit gut verkauft haben, seinen Namen und sein Renommee weit über die Grenzen Leipzigs hinaus bekannt gemacht. Und er wird sicher immer im Gedächtnis der Bürger dieser Stadt bleiben.
Als Thomaskantor hat Herr Kuhnau allezeit einen die traditionellen, althergebrachten Werte der Satzkunst wahrenden Kirchenmusikstil vertreten – er verstand sein Handwerk wohl und legte zeitlebens großen Wert darauf, diesen Stil gegen die „wilden, wuchernden Unsitten des Opernwesens“ zu verteidigen, wie er sich immer auszudrücken pflegte. Mit dieser Ansicht ging er allerdings nicht mit allen Leipzigern konform, denn die welsche Opera findet auch hier in der Stadt nach wie vor große Freunde und begeisterte Befürworter, auch wenn unsere hiesige Opera nach 27 Jahren regulärem Spielbetrieb vor 3 Jahren wieder schließen musste und momentan nur noch zur Messezeit zur Ergötzung der Bürger wie der Messegäste aus aller Herren Länder ihre Pforten öffnen kann. Es ist halt ein teures Unterfangen...

Seit Herrn Kuhnaus Ableben im vergangenen Sommer wogten nun innerhalb des Leipziger Stadtrats die Meinungen hin und her, ob man als Nachfolger nunmehro einen ähnlich braven und eher konservativ gestimmten Mann zum Thomaskantor wählen, wie es Herr Kuhnau gewesen, oder ob man nicht eher einen dem modernen Musikstile nicht abholden Musikus erwählen solle.
Gar zu gern hätte man sich für den mittlerweile hochberühmten Herrn Telemann entschieden, der hier in Leipzig vor 20 Jahren als Student weilte und bereits zu dieser Zeit den schon damals häufig kränkelnden Herrn Kuhnau kompositorisch unterstützte und dabei beachtenswerte Werke für die Musik in St. Thomas schuf. Herr Telemann war außerdem damals Leiter der hiesigen Oper, eine berufliche Kombination, die Herr Kuhnau allerdings nicht gerne sah...
Jedenfalls wurde Herr Telemann noch im letztjährigen Juli als Nachfolger im Amt des Thomaskantors gewählt, sagte allerdings ab, nachdem er in Hamburg, wo er derzeit als Kantor des Johanneums und der fünf Hauptkirchen tätig ist, eine Gehaltserhöhung erhalten hatte. Eine Entscheidung, die ich persönlich gut nachvollziehen kann. Herrn Telemanns Posten in Hamburg ist schließlich auch nicht ohne Renommee, da überlegt man sich solch beruflichen Wechsel lieber zweimal.

Die daraufhin zur Kantoratsprobe eingeladenen Herren Hofkapellmeister Johann Christoph Graupner (derzeit am Darmstädter Hof) und Johann Friedrich Fasch (zur Zeit am Hofe zu Anhalt-Zerbst) konnten nach vielversprechenden Beweisen ihres musikalischen Könnens zum großen Bedauern des Leipziger Stadtrates jedoch nicht in die engere Wahl gelangen, weil ihre derzeitigen Brotgeber offenbar nicht bereit sind, auf deren exzellente Fähigkeiten zu verzichten und sie daher nicht aus ihren Diensten freigeben wollen.
Nun – im Falle von Herrn Graupner ist zwar noch kein offizielles „Nein“ aus Darmstadt eingetroffen, aber in Insiderkreisen hält man derzeit die Ohren offen und was da aus dem höfischen Umfeld des hessischen Landgrafen immer deutlicher zu uns herüberschallt, lässt wohl nicht darauf hoffen, dass er ihm die Entlassung gewähren wird.

Somit ist die heute stattfindende Kantoratsprobe des weiteren Kandidaten Herrn Bach nunmehr natürlich von besonderem Interesse – wenn er sich wacker schlägt, stehen seine Chancen nicht schlecht, das Amt des Thomaskantors übernehmen zu können.

Doch nun will ich Sie zunächst nicht weiter mit meinen Worten langweilen, verehrte Hörerinnen und Hörer, denn ich sehe, dass die Musiker hier in der mittlerweile komplett gefüllten Thomaskirche ihre Instrumente stimmen und Herr Bach samt dem Thomanerchor ebenfalls Position bezogen hat. Der Gottesdienst scheint nun zu beginnen und nach dem Verklingen der ersten der beiden Probe-Kantaten, die jeder Bewerber hier abzuliefern und aufzuführen hat, melde ich mich wieder zu Wort. Hier nun also das Programm der ersten Kantate:



BWV 23: Du wahrer Gott und Davids Sohn
Kantate zum Sonntag Estomihi (Leipzig, 7. Februar 1723)



Lesungen:
Epistel: 1. Kor. 13,1-13 (Das "Hohelied der Liebe")
Evangelium: Luk. 18,31-43 (Jesus und die Zwölf gehen nach Jerusalem; Heilung eines Blinden)


Vier Sätze, Aufführungsdauer: ca. 20 Minuten

Textdichter: unbekannt
Choral: Deutsches Agnus Dei ( 1528 )


Besetzung:
Soli: Sopran, Alt, Tenor; Coro: SATB; Oboe d’amore I + II, Zink, Posaune I - III, Violino I/II, Viola, Continuo


1. Aria Duetto Sopran, Alt, Oboe d’amore I + II, Continuo
Du wahrer Gott und Davids Sohn,
Der du von Ewigkeit in der Entfernung schon
Mein Herzeleid und meine Leibespein
Umständlich angeseh’n, erbarm dich mein!
Und lass durch deine Wunderhand,
Die so viel Böses abgewandt,
Mir gleichfalls Hülf und Trost geschehen.

2. Recitativo Tenor, Oboe d’amore I + II, Streicher, Continuo
Ach! gehe nicht vorüber;
Du aller Menschen Heil,
Bist ja erschienen,
Die Kranken und nicht die Gesunden zu bedienen.
Drum nehm’ ich ebenfalls an deiner Allmacht teil;
Ich sehe dich auf diesen Wegen,
Worauf man
Mich hat wollen legen,
Auch in der Blindheit an.
Ich fasse mich
Und lasse dich
Nicht ohne deinen Segen.

3. Chor SATB, Oboe d’amore I + II, Streicher, Continuo
Aller Augen warten, Herr,
Du allmächt’ger Gott, auf dich,
Und die meinen sonderlich.
Gib denselben Kraft und Licht,
Lass sie nicht
Immerdar in Fünsternüssen!
Künftig soll dein Wink allein
Der geliebte Mittelpunkt
Aller ihrer Werke sein,
Bis du sie einst durch den Tod
Wiederum gedenkst zu schließen.

4. Choral SATB, Oboe d’amore I + II, Zink, Posaune I - III, Streicher, Continuo
Christe, du Lamm Gottes,
Der du trägst die Sünd’ der Welt,
Erbarm’ dich unser!
Christe, du Lamm Gottes,
Der du trägst die Sünd’ der Welt,
Erbarm’ dich unser!
Christe, du Lamm Gottes,
Der du trägst die Sünd’ der Welt,
Gib uns dein’n Frieden. Amen.


Nachdem nun diese erste der beiden Probekantaten von Herrn Bach verklungen ist, melde ich mich kurz zurück, liebe Hörerinnen und Hörer.
Wenn ich mich hier in der Thomaskirche so umsehe, erblicke ich durchweg zufriedene und erfreute Gesichter: Den Zuhörern hat diese Musik bislang, so scheint es, gut gefallen.

Da ich mich auch persönlich ab und an ein wenig mit der Dichtkunst beschäftige, lassen Sie mich kurz auch ein paar Worte zur von Herrn Bach vertonten Kantatendichtung des leider nicht namentlich genannten Poeten sagen:
Das Evangelium des heutigen Sonntags besteht bekanntlich aus zwei Teilepisoden.
Da ist zum einen die Ankündigung Jesu’, dass er mit seinen Jüngern nun nach Jerusalem gehen werde, um dort sein Wirken zu vollenden, wie es in den Verkündigungen der Propheten steht. In Jerusalem erwarten ihn Gefangenschaft, Schmähungen und der Tod, aber auch die Auferstehung nach dreien Tagen. Doch die Jünger verstehen nicht, was er mit diesen Ankündigungen meint.
Und dann gibt es die Geschichte vom Blinden, dem Jesus und die Jünger auf dem Weg nach Jerusalem in der Nähe von Jericho begegnen. Der blinde Mann erfährt, dass Jesus vorübergeht und ruft ihn zu sich mit dem Worten: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich mein!“ Als Jesus ihn nun fragt, was er von ihm möchte, bittet er ihn darum, ihn wieder sehend zu machen. Mit den Worten „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“ schenkt Jesus ihm daraufhin das Augenlicht und der Mann und alle Umstehenden preisen Gott.

Die soeben verklungene Kantate bezieht sich nun eindeutig auf diese zweite Episode des heutigen Sonntagsevangeliums, während die nach der Predigt erwartete Kantate sich mit der ersten Episode befassen wird – ich habe bereits einen Blick in den Text dieser noch folgenden Kantate werfen können.

Der Textdichter der soeben vorgetragenen Kantate versteht es jedenfalls ausgezeichnet, die Botschaft der Geschichte vom blinden Mann auf die heutige Gemeinde zu übertragen, zum Beispiel mit Worten wie „Aller Augen warten, Herr, du allmächtiger Gott, auf dich.“
Das ist sehr treffend formuliert und spricht die Zuhörer an, da bin ich ganz sicher.
Noch dazu, wo Herr Bach eine derart eindringliche Musik zu diesen Worten komponiert hat!
Allein das Duett zu Beginn mit den herrlichen Oboenstimmen, die mit den beiden Gesangsstimmen in einen Dialog treten, war ergreifend in seiner Wirkung.
Das folgende orchesterbegleitete Rezitativ zeigte sehr anschaulich, dass Herr Bach es anscheinend trefflich versteht, Textdeklamation und musikalischen Fluss zu einer glücklichen Verbindung zu bringen – hier habe ich des öfteren schon Beispiele anderer Compositeurs hören müssen, die dabei gar zu hölzern und floskelhaft wirkten.
Auch ist mir nicht entgangen, dass Herr Bach in den Oboenstimmen und der der 1. Violine die Choralmelodie zu „Christe, du Lamm Gottes“ hat erklingen lassen, wenn auch gut versteckt in langen Notenwerten. Aber es scheint mit eine raffinierte Idee zu sein, dieses Rezitativ auf diese Weise mit einer weiteren musikalischen Botschaft zu füllen, die auf die kurz bevorstehende Fastenzeit hinweist – wer Ohren hat zu hören, der höre genau hin...

Und natürlich hat Herr Bach es sich nicht nehmen lassen, den Thomanerchor in dieser Kantate ausgiebig zu bedenken. Schließlich soll in der heutigen Kantoratsprobe ja auch gezeiget werden, dass er nicht nur Musik für Solostimmen, sondern auch für einen vierstimmigen Chor nach allen Regeln der Kunst zu komponieren vermag.
Und ich würde sagen: Dies ist ihm wohlgelungen!
Zwei prächtige Chorsätze sind in dieser Kantate direkt hintereinander erklungen, wobei der zweite erneut den Choral „Christe, du Lamm Gottes“, also die verdeutschte Fassung des lateinischen „Agnus Dei“ zum Thema hat – eine sehr beeindruckende Passionsmusik, die durch den hierfür extra hinzugeorderten dreistimmigen Posaunenchor plus einem Zinken als Oberstimme eine besondere Gewichtung erhält.

Wie ich von Herrn Bach vor dem heutigen Gottesdienst in einem kurzen Gespräch erfahren habe (er hatte nicht allzu viel Zeit, denn er war, wie er zugeben musste, doch etwas nervös ob des guten Gelingens und Zusammenspielens aller Kräfte), hat er diesen Schlusschoral noch ganz kurzfristig zu der bereits fertig komponierten Kantate hinzugefügt. Eine Entscheidung, die er erst nach seiner Ankunft hier vor Ort getroffen hat, wohl unter dem Eindruck der Leistungsfähigkeit des Chores und sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass es hier in Leipzig absolut ungewöhnlich wäre, eine Kantate ohne Schlusschoral erklingen zu lassen. Ein Bruch mit dieser liebgewordenen, lange gepflegten Tradition im Rahmen einer Kantoratsprobe wäre wohl zu gewagt gewesen. Da hat Herr Bach wahrlich gute Berater gehabt und war so klug, sich an deren wohlmeinende Hinweise zu halten!

Die erwähnte Hinzunahme der Posaunenstimmen in den Orchestersatz des Schlusschorals brachte allerdings den instrumententechnisch bedingten Umstand mit sich, dass die ganze Kantate von der Grundtonart c-moll nach h-moll transponiert, die ursprünglich vorgesehenen Oboen durch Oboi d’amore ausgewechselt und die Streicher um einen Halbton niedriger gestimmt werden mussten.

Sie merken, meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, Herrn Bach scheint für diese Kantoratsprobe keine Mühe zu viel gewesen zu sein!

So – nun möchte ich Sie aber nicht länger ablenken und mache nun den Äther frei für die Übertragung der Sonntagspredigt (der Herr Pastor hat soeben die Kanzel betreten), an die sich dann die zweite Kantate der heutigen Kantoratsprobe anschließen wird.
"Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
(Georg Christoph Lichtenberg, 1773)