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Milletre

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31

Mittwoch, 3. September 2008, 23:48

Ich würde Don Basilio vorschlagen, sich einmal eine gute Aufnahme des Mendelssohn-Streichoktetts anzuhören. Vielleicht findet er hier das Bindeglied zwischen Orchester- und Kammermusik, denn dieses op. 20 von Mendelssohn steigt oft in orchestrale Höhenflüge, die man 8 Streichinstrumenten gar nicht zutrauen würde. Andererseits das funkensprühende Scherzo - einfach von hinreissender Meisterschaft, obwohl der Komponist hier noch sehr jung war und kaum Erfahrung in dieser Musikform sammeln konnte.

Es gäbe noch viele Werke, die man Einsteigern empfehlen könnte. Ich will mich hier mit Schostakowitschs Trio op. 67 begnügen, vor allem dann, wenn die Flageolett-Einleitung des Cellos auch meisterlich gelungen ist (was sehr oft leider nicht der Fall ist) - und natürlich seine Streichquartette sowie das Klavierquintett.

Da fällt mir auch gleich Schumanns Klavierquintett ein ...
Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Milletre« (3. September 2008, 23:51)


Michael Schlechtriem

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32

Donnerstag, 4. September 2008, 00:18

Zitat

vor allem dann, wenn die Flageolett-Einleitung des Cellos auch meisterlich gelungen ist (was sehr oft leider nicht der Fall ist)

Ist extremst schwer, vor allem nervlich.
Wenn's nicht geklappt hat, bitte Nachsicht mit dem Cellisten oder selber besser machen.
;)
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Fairy Queen

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33

Donnerstag, 4. September 2008, 07:16

Vor lauter Rätsel übersehe ich hier noch die interessantesten Threads :untertauch:

Mich fasziniert Kammermusik viel stärker als Symphonik und zwar : je kleiner die Besetzung desto lieber!

Ich fürchte, dass liegt einerseits an meiner eingeschränkten Aufnahmefähigkeit im Auseinanderhören und Mitverfolgen, andererseits aber auch an meiner grossen Liebe zur kleinen Form, zum Intimen, insbesondere zum Liedgesang, den ich in der instrumentalen Kammermusik als Lieder ohne Worte- wiederfinde.

Allgemein sind hier Cello und Klarinette meine Lieblingsinstrumente und das Klaviertrio meine Lieblingsformation.
Über die Klaviertrios habe ich auch Beethovens Musik leiben gelernt-jawoll!!!! :D

In der Frz. Kammermusik finde ich die Kombination mit "ätherischen "Instrumenten und den impressionistischen Klangfarben wie Harfe, Flïote oder Celesta besinders faszinierend.

Für mich ist übrigens Liedgesang ncihts anderes als Kammermusik, denn hier ist ein Piansit keinesfalls nur Begleiter sondern Partner-spätestens seit Beethoven . Bei Debussy oder Hugo Wolf ist manchmal sogar eher der Sänger Begleiter......

Kammermusik mit Gesang ist auch eines meiner Steckenpferde; Wenn ichz.B. an die Chansons madegasses von Ravel oder die Lieder mit Streichquartett von Chostakovich denke :angel:

Wenn ich es recht überlege, ist Kammermusik in dieser Definition neben der Oper eigentlich meine meist gehörte Musik überhaupt. Daneben gibt es nur Klavier-Solo oder Solo-konzerte, allerdings weit weniger .

Fairy Queen
Leben zeugt Leben, Energie erschafft Energie. Man wird reich , indem man sich verschwendet. (Sarah Bernardt)

Milletre

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34

Donnerstag, 4. September 2008, 22:49

Zitat

Original von Michael Schlechtriem
Wenn's nicht geklappt hat, bitte Nachsicht mit dem Cellisten oder selber besser machen.
;)


Das war nur eine Feststellung, keine Kritik.

... selber besser machen ... ist etwa so, als würde ich Ihnen empfehlen, den "Elfentanz" schneller und virtuoser als Slava zu spielen.
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Michael Schlechtriem

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35

Donnerstag, 4. September 2008, 23:31

Zitat

Das war nur eine Feststellung, keine Kritik.


Es war auch von meiner Seite nur eine Feststellung und Empfehlung, im Falle eines Scheiterns nachsichtig mit dem Interpreten zu verfahren und sich dabei zu vergegenwärtigen, wie sauschwer das ist.

Für alle, auch für die größten.
Diese Stelle ist eine der härtesten Nüsse für einen Cellisten, auch wenn sie gar nicht so schwer oder virtuos erscheint.

Aber die Nerven müssen mitspielen, und da liegt das Problem für- fast- jeden.
Deshalb klappt es so selten "meisterlich".

Danke für Ihre Empfehlung. :D

Aber das wird in diesem Leben nichts mehr, ich empfinde Elfen nicht als Hummeln unter MG-Beschuss, und dafür ist mir meine Zeit zu schade.
;)

Grüße an Sie
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Milletre

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36

Freitag, 5. September 2008, 12:33

Zitat

[ ich empfinde Elfen nicht als Hummeln unter MG-Beschuss, und dafür ist mir meine Zeit zu schade.
;)

Grüße an Sie


Ich bitte Sie, solch kleine Meisterhafte Piecen wie ebendiesen Popper oder von einem Kreisler nicht zu gering zu achten - immerhin hat Rostropowitsch mit dem "Elfentanz" bei den Festspielen in Salzburg als encore das Publikum furios hinausgeschmissen.

Weiters wäre meine Wiener Mentalität nicht zu vernachlässigen, denn wir Wiener lieben nicht nur Bach, Dvorák und Mozart, sondern eben auch die Stücke, die unserer Lebensart entsprechen, wie Johann Strauß und auch die vorgenannten Popper und vor allem Fritz Kreisler.

Und vor allem lieben wir das Cellokonzert von Brahms*!

Herzliche Grüße aus Wien.

* als ich einmal nach einem Dvorák-Konzert den Truls Mörk nach seinem Lieblingskonzert fragte, sagte er: "Natürlich das von Brahms - wenn er eins geschrieben hätte!"
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Michael Schlechtriem

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37

Freitag, 5. September 2008, 13:46

Zitat

Ich bitte Sie, solch kleine Meisterhafte Piecen wie ebendiesen Popper oder von einem Kreisler nicht zu gering zu achten

Keine Sorge, ich schätze diese Werke auch sehr, aber ich bin nicht der richtige Typ Cellist dafür, das können andere besser.

Ich bleibe da eher bei Korngold. :yes:


Herzliche Grüße nach Wien.
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SMOB

Profi

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38

Donnerstag, 9. Oktober 2008, 20:44

Da ich gerade Kammermusik höre und dieses Thema sehe, muss ich auch mal
meinen Senf dazu abgeben.

Ich mag sie prinzipiell sehr, da hier, meinem Empfinden nach, es wird jetzt vielleicht etwas psychologisch, mehrere gleichberechtigte "Köpfe" die Musik gestalten.

Bei Solowerken hat ja zweifellos nur einer das Sagen, sowohl im Vorhinein (Tempogestaltung;wer dominiert oder hält sich zurück an welcher Stelle...) und bei der Ausführung.

Und am anderen Ende der Skala bei den Orchesterwerken ist eher Teamarbeit gefragt
denn die zweite Geige sollte zum Beispiel als homogene Gruppe erscheinen und nicht als Ansammlung
von Individualisten. Daher ist Absprache nötig, die zwangsläufig nur vor der Aufführung, beim Üben stattfinden kann oder das simultane Aufeinanderreagieren
im Konzert. Letzteres ist schwer möglich. Bleibt also nur das Absprechen im Vorhinein. Dies ist aber limitiert durch knappe Übezeit, vielleicht durch die unterschiedlichen Möglichkeiten der Musizierenden Stücke in der von einer Person geforderten Weise
zu interpretieren, das Abweichen einzelnder innerhalb einer Instrumentengruppe (auch wenn es nur wenige sind).

Diese Liste lässt sich sicherlich noch fortsetzen.

Die Theorie lautet also zusammengefasst, dass die Kammermusik (in der Mitte stehend) als Einzigste Musikform die Möglichkeit
des simultan miteinander Gestaltens bietet.

Wenn ich mir gerade so die Violin- und Harpsichordkonzerte von JS Bach anhören,
bin ich zum Beispiel fasziniert wie in diesem Falle sich das warmherzige Spiel von Laredo so wunderbar mit dem Analytischen von Gould ergänzt.

:hello:
"Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten" Gustav Mahler

Signor.abate

Anfänger

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Beiträge: 29

Registrierungsdatum: 23. Februar 2009

39

Donnerstag, 5. März 2009, 13:53

Letzten Endes ist es vielleicht einfach eine Frage der Gewohnheit ob man Kammermusik mag oder nicht.
Solange eine einzelne Geige oder Oboe als Gefiepe oder Gequietsche empfunden wird, wird man für Kammermusik nichts empfinden können.
Mich fasziniert der Klang einer Geige, ich höre sie viel lieber als eine ganze Horde von Geigen.
Ob das letzten Endes durch Gewohnheit gelernt werden kann oder doch in irgendwelchen "Geschmacksnerven" fest verankert ist, mag ich nicht zu beurteilen. Aber vielleicht pobieren einzelne Gegner von Kammermusik das mal aus, sie müssten sich dafür Kammermusik suchen die ihrem eigenen Musikgeschmack so nah wie möglich kommt und nach einer längeren Zeit des Versuchs hier mal berichten.
----------------
Wieder mal taucht hier die Frage auf warum sind unsere Musikgeschmäcker eigentlich so verschieden? Gibt es Faktoren mit denen man Musikvorlieben erklären kann (z.B. psychologisch)?
Vielleicht wäre ja eine Diskussion dazu ein eigenes Thema hier wert

rappy

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40

Donnerstag, 5. März 2009, 15:00

@Signor: Schau mal hier: De gustibus non est disputandum - oder doch ?
Vielleicht kannst du die Diskussion ja wieder beleben. :yes: Finde das Thema auch interessant!

Inzwischen antworte ich mal - etwas verspätet :D - auf JRs Beitrag:

Zitat

Na, dann schau Dir mal die threads hier im Forum oder die Anzahl der erhältlichen Tonträger an...

DAS kann aber tausend andere Gründe haben. Die wahrscheinlichsten:
- die Sinfonien sind einfach besser
- sie sind länger und bieten mehr Diskussionsstoff
- Sinfonien vermarkten sich wegen ihres Rufes generell besser und erlangen so größere Bekanntheit

Zitat

Daß Chopins Klavierkonzerte seine besten Werke sein sollten, ist eine eher exotische Ansicht


Ok, Chopin war vielleicht nicht das beste Beispiel, aber bei den anderen beiden hast du ja aus gutem Grund nicht widersprochen ;)
Mozart wäre auch noch zu nennen...

Zitat


Wirklich?
Worauf stützt sich die Wahrscheinlichkeitsabschätzung?


Logik ;) Bin mir aber selbst nicht mehr sicher, ob es zutrifft, müsste man mal genauer untersuchen...
Woher hast du eigentlich die Behauptung, dass Brahms nicht viel von Einfällen hielt? Gibts da ein entsprechendes Zitat?
Immerhin strotzen seine Werke ja nur so vor guten Einfällen, oder?

Zitat

Soloklaviermusik faßt man i.A. eher nicht unter Kammermusik. Abgesehen davon biete ich bei Beethoven "Wellingtons Sieg", die Ouverturen/Schauspielmusiken "Ruinen von Athen", "König Stephan", "Namensfeier", die Chorfantasie und sicher noch ein paar Sachen, die ähnlich deutlich gegenüber der 5. oder 7. Sinfonie zurückstehen wie op.49 u.ä. gegenüber op.53.


Das war tatsächlich eine ziemlich unüberlegte Aussage von mir :D
Vielleicht triffts eher zu, wenn man die Orchesterwerke auf Sinfonien und Konzerte von Komponisten ab Beethoven (je aufwendiger die Orchestration, desto wahrscheinlicher?), die sowohl Kammer- als auch Orchestermusik komponiert haben, beschränkt....
Bin mir aber auch hier nicht mehr sicher.
"Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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41

Donnerstag, 5. März 2009, 16:25

Zitat

Original von rappy

Zitat

Na, dann schau Dir mal die threads hier im Forum oder die Anzahl der erhältlichen Tonträger an...

DAS kann aber tausend andere Gründe haben. Die wahrscheinlichsten:
- die Sinfonien sind einfach besser
- sie sind länger und bieten mehr Diskussionsstoff


Ziemlich sicher nicht "besser". Länger sind sie nur minimal, abgesehen davon zweifle ich daran, daß die Beliebtheit eines Werks davon abhängt, ob es 25, 35 oder 45 min dauert. Nein, Orchestermusik ist nunmal beliebter, aber nicht weil sie besser ist. Gründe wurden ja oben schon genannt. Nimm doch hier im Forum z.B. zwei sehr aktive Hörer und Poster von Orchestermusik, Norbert und Teleton. Beide haben anscheinend an Kammermusik nicht genügend Interesse, um dazu zu posten, auch wenn sie sie vielleicht hören.

Zitat


Zitat

Daß Chopins Klavierkonzerte seine besten Werke sein sollten, ist eine eher exotische Ansicht


Ok, Chopin war vielleicht nicht das beste Beispiel, aber bei den anderen beiden hast du ja aus gutem Grund nicht widersprochen ;)
Mozart wäre auch noch zu nennen...


Bei Grieg kann man schlecht widersprechen, weil er überhaupt nur ein einziges vollwertiges Orchesterstück in Konzert/Sinfonie-Umfang geschrieben hat! Bei Schumann sehe ich keinen Qualitätsunterschied zwischen Klavierkonzert, -quintett und -quartett. Auch von der restlichen Kammermusik würde ich viele Stücke jedenfalls höher schätzen als seine 1. oder 3. Sinfonie.
Der unbestrittene Rang von Mozarts Klavierkonzerten ändert m.E. nichts daran, daß die Instrumentalwerke, die ihm am meisten Mühe machten bzw. als ehrgeizigste und anspruchsvollste gesehen werden, die 6 Haydn-Quartette und die 4 späten Quintette gewesen sind. Ungeachtet der zusätzlichen Arbeit der Instrumentation (die Mozart bekanntlich mitunter zwischen zwei Billard-Partien im Café zu erledigen pflegte ;), machte es ihm offenbar eher mehr Mühe 6 Quartette zu schreiben als ebenso viele Klavierkonzerte.

Zitat


Zitat


Wirklich?
Worauf stützt sich die Wahrscheinlichkeitsabschätzung?


Logik ;) Bin mir aber selbst nicht mehr sicher, ob es zutrifft, müsste man mal genauer untersuchen...
Woher hast du eigentlich die Behauptung, dass Brahms nicht viel von Einfällen hielt? Gibts da ein entsprechendes Zitat?


Es ist ein Klischee, das ich schon so oft gehört habe, daß mir präzise Quellenangaben nicht leicht fallen. Die ersten beiden Ergebnisse einer Google-Suche "Brahms + Einfall" sind hier:
Wolf über Brahms
Wolf soll "es - fiel - ihm - wie - der - mal - nichts - ein" der Anfangsphrase der 4. Sinf. unterlegt haben...
Eggebrecht Festschrift, S. 337
Was ich nicht explizit finde, aber zu erinnern meine, ist eine explizite Äußerung von Brahms selbst, daß er den bloßen Einfall gering schätze, es ihm dagegen auf die Ausarbeitung ankäme.

Deine "Logik" wäre ja, daß es mehr Mühe (wg. Orchestration) macht, eine Sinfonie oder ein anderes Orchesterwerk zu komponieren, man deshalb diese Mühe nur besonders gelungenen Werken/schlagenden Einfällen angedeihen läßt. Ich habe natürlich keine Ahnung, was genau im Kopf von Komponisten vorgeht, ob sie Einfällt potentiellen Werken zuordnen oder Werke einer bestimmten Gattung planen und sie dann entsprechende Einfälle haben. Ich bezweifle aber, daß Sinfonien einfach instrumentierte Klavier- oder Kammermusikstücke sind. Der Anspruch, zumindest des Streichquartetts, auf besondere Konzentration, besonders kunstvollen Satz, Gleichberechtigung der Stimmen usw. unterscheidet es beim späten Haydn ebenso wie bei Beethoven, Brahms und wohl auch noch am Beginn des 20. Jhd. sehr deutlich von Orchesterwerken. Zumindest bis etwa in die Mitte des 19. Jhds. scheint die Arbeit der Ausarbeitung von Skizzen/Gedanken für volles Orchester kaum wesentlichen Mehraufwand gegenüber der Komposition eines Quartetts bedeutet zu haben. Aber auch später oder im 20. Jhd. bezweifle ich, daß man eine Korrelation vornehmen kann. Ich weiß aber nicht genug über Biographien, Arbeitsweisen usw., um das wirklich beurteilen zu können. Brahms war überall furchbar perfektionistisch und veröffentlichte nichts, womit er nicht voll zufrieden, scheute sich jahrelang sowohl vor der Sinfonie wie vorm Streichquartett (und -quintett); Schumann schrieb anscheinend sowohl Sinfonien als auch Quartette innerhalb weniger Tage nieder, wenn ihn die Muse ergriff.

Mir scheint bei überhaupt keinem Komponisten seit Haydn, der sowohl ernstzunehmende Kammer- wie Orchestermusik komponiert hat, die These gerechtfertigt, daß die Orchestermusik tendenziell "besser" bzw. die Kammermusikstücke überwiegend den Charakter von Vorbereitungs-, Übungs- oder Nebenwerken hätten (Es mag freilich sein, daß man als Übungs- etc. Stücke häufiger Kammermusik schreibt. Aber diese Stücke sind ja nur ein verschwindend kleiner Teil eines Oeuvres, wenn überhaupt erhalten.) Selbst wenn es solche Komponisten geben sollte, dann blieben immer noch genügend Gegenbeispiele, z.B.: Schumann, Brahms, Berg, Schönberg, Bartok, Schostakowitsch. Sogar bei Ravel und Debussy, wo man der Instrumentation vielleicht besonders hohen Rang einräumen wird, stehen die Kammermusikwerke nicht zurück, auch wenn es nicht sehr viele sein mögen.

:hello:

JR
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Ulli

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42

Donnerstag, 5. März 2009, 17:41

Zitat

Original von Johannes Roehl

Zitat

Original von rappy

Zitat

Na, dann schau Dir mal die threads hier im Forum oder die Anzahl der erhältlichen Tonträger an...

DAS kann aber tausend andere Gründe haben. Die wahrscheinlichsten:
- die Sinfonien sind einfach besser
- sie sind länger und bieten mehr Diskussionsstoff


Ziemlich sicher nicht "besser".


Das sehe ich auch so - zumal man den Spieß ganz leicht umdrehen kann (aber dann wird auch kein Schuh daraus):

- die Quartette sind einfach besser
- sie (sind länger und) bieten mehr Diskussionsstoff
- Quartette vermarkten sich wegen ihres Rufes generell besser und erlangen so größere Bekanntheit

...man muß nur den richtigen Bezugspunkt auswählen.

Außerdem wären sie noch

- für ein "gehobeneres" Publikum :P
- zum ganz leicht selbermusizieren :D


:]

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

Alfred_Schmidt

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43

Montag, 3. Oktober 2011, 22:29

Ja -was bewundere ich eigentlich an der Kammermusik ?

Das erste, was mir heute dazu einfiel, ist, daß ich ja gar nicht dlle Werke der Kammermusik bewundere - ebensowenig wie alle Opern , alle Werke für Soloklavier oder sinfonische Musik.

Dasjenige, das ich aber "bewundere" - oder ersetzen wir es durch das realistischer wort "mag" ist die gute Durchhörbarkeit, und der gut differenzierbare Klang der einzelnen Instrumente. Ich glaube, daß an ein Streichquartett (ich meine hier die Musiker) höhere Ansprüche gestellt werden, als an ein Orchester. Jeder Fehler wird wie mit einer akustischen Lupe hervorgehoben, jeder Unterschied zwischen den Temperamenten der Musiker kann zur Katastrophe führen....

Kammermusik geniesst den Ruf, introvertiert und intellektuell zu sein - ich glaube, daß beides nicht stimmt -zumindest nicht in unserer Zeit.

mfg aus Wien

Alfred

PS: Hier können natürlich auch jene schreiben, denen Kammermusik nichts zu sagen hat - und warum

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

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44

Dienstag, 4. Oktober 2011, 17:58

Ich habe das ganz oben schonmal geschrieben. Ich bewundere nicht unbedingt etwas spezifisch an der Kammermusik. Ich meine auch nicht, dass man pauschal sagen kann, Kammermusik wäre einfacher, schwieriger, differenzierter oder schlichter, expressiver oder intellektueller als andere Musik.

Es ist nur einfach so, dass fast alle Komponisten, die ich besonders schätze, sehr viel sehr gute Kammermusik komponiert haben, oft anteilmäßig schlicht mehr oder teils auch bessere Stücke als etwa in der Orchestermusik. Wenn ich in erster Linie ein Verdi-, Wagner-, Mahler-Fan wäre, wäre das vielleicht anders. Aber wenn man Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms schätzt, muss man doch einfach ihre Kammermusik hören. Was würde man sonst verpassen!

Auch wenn ein Anfänger fast immer mit Orchesterwerken (und einigen Klavierwerken, evtl. auch Opernhighlights usw.) einsteigt und das bei mir auch nicht anders war, habe ich recht bald begonnen, Kammermusik zu hören, weil mir die andere Musik dieser Komponisten so gefiel: Beethovens Streichquartette, Brahms' Klavierquintett und Klarinettenwerke, Mozarts Klarinettenquintett u.a. Nach Beethovens Sinfonien zumindest einige seiner Kammermusikstücke zu hören erschien mir eine ganz naheliegende Entwicklung, selbst wenn ich etwa gleichzeitig oder vielleicht schon vorher Brahms-Sinfonien und etwas später einige von Bruckner und Mahler kennengelernt habe. Ich bin auch immer noch der Ansicht, dass ein Beethoven-Quartett "näher" an einer Beethoven-Sinfonie ist als eine Mahler-Sinfonie (und ich finde fast alle Beethovenquartette zugänglicher als fast alle Mahler-Sinfonien, sofern ich das heute, nachdem ich die Stücke schon lange kenne, überhaupt noch beurteilen kann).
Natürlich hat das gedauert, es gab ja so viel Musik zu entdecken, und manche Stücke habe ich erst viele Jahre später kennengelernt (zB Schumanns und Mendelssohns Kammermusik)

Es gibt natürlich Aspekte, die eng mit der tatsächlichen Besetzung zu tun haben. Extrembeispiele wie Bachs (und auch Reger, Kodaly, teils schon Biber u.a.) Werke für Violine oder Cello solo üben allein aufgrund der Tatsache, was hier ein einzelnes Instrument, das nicht einmal richtig Akkorde spielen kann, zu leisten vermag, eine große Faszination aus:

"http://www.youtube.com/watch?v=ZvOEwGlwgJo&feature=related"

Ebenso gibt es Nuancen des Ausdrucks, die nur bei solistischer Besetzung wie im Streichquartett, Cellosonate u.ä. möglich sind.

Ich kann verstehen, dass der Klang eines Streichquartetts für viele Hörer erstmal nicht sehr attraktiv ist.
Seltsamerweise habe ich das nie so empfunden; vielleicht "neutral", aber nicht "spitz" oder "kratzig" oder es hat mich jedenfalls nicht gestört. Sicher ist der Klang, selbst bei Spitzenensembles nicht immer einschmeichlerisch. Aber darin kann eben auch eine besondere Intensität liegen. (Wobei ich auch nicht verstehe, warum eine Sologeige im Violinkonzert weniger "quietschig" oder "kratzig" sein sollte als im Quartett...)

Insgesamt tue ich mich, wie gesagt schwer, etwas zu finden, was ich an Kammermusik mag, was ich nicht ebenso an Orchester- oder Klaviermusik mögen würde. Auch wenn ich es versuchen könnte, wären solche Erklärungen für mich persönlich "nachträglich" und würden nahelegen, es gäbe isolierbare Aspekte die mich an der Gattung faszinieren, während mich doch die konkreten Stücke oder höchstens vielleicht noch die stilistischen Besonderheiten von Beethoven/Haydn/Brahms/usw. begeistern.
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Wolfram

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45

Dienstag, 4. Oktober 2011, 21:14

Ich finde exakt dasselbe an Kammermusik toll wie an anderer Musik. Was genau das ist läßt sich bekanntlich nur schwer beschreiben.
Zwar ist Kammermusik häufig "Musik für Musiker", daher etwas schwerer zugänglich, aber die Mühe lohnt sich. "Intellektuell" halte ich für eine verkürzte und unnötig abschreckende Bezeichnung. Die Eroica ist ebenso komplex und herausfordernd wie die Quartette op.59 usw.
Zwar ist manchmal die Struktur bei Kammermusik schwieriger zu erkenne, weil die Klangfarbenkontraste usw. geringer sind, dafür hat man es aber mit weniger Stimmen zu tun, was manches wiederum leichter verfolgen läßt.

Jedem von diesen Sätzen möchte ich voll und ganz zustimmen!

Mich fasziniert an der Kammermusik, dass der Komponist strukturelle Schwächen des Werkes nicht mit raffinierter Instrumentierung kaschieren kann.

Nicht umsonst wählte Mozart ausgerechnet die Gattung "Streichquartett", als er Haydn sein Können unter Beweis stellen wollte. In der Nachfolge finden sich häufig - nicht immer - die ausgesuchtesten Kompositionen eines Komponisten in der Kammermusik. Oder sagen wir es so: Einige der Kompositionen, die zu den interessantesten des Komponisten zählen.

Beethoven: Späte Streichquartette (trotz opp. 106, 109, 110, 111, 125 und Missa solemnis)
Schubert: Streichquartette 13-15 und Streichquintett (trotz der beiden letzten Sinfonien, der späten Klaviersonaten und der Winterreise)
Brahms: das kammermusikalische Spätwerk (na ja, bei op. 114 bin ich mir noch nicht sicher ... )
Schönberg: Streichquartette und Streichtrio
Bartok: Streichquartette
Schostakowitsch: Streichquartette

Erst recht wird in der 2. Häfte des 20. Jhds. das Streichquartett zur "Vorzeigegattung".
Viele Grüße, Wolfram

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46

Dienstag, 4. Oktober 2011, 21:48



Erst recht wird in der 2. Häfte des 20. Jhds. das Streichquartett zur "Vorzeigegattung".


Ob das so ist, wage ich angesichts der Pluralität der neueren Musik kaum zu beurteilen. Ligeti, Carter, Rihm? ich weiß nicht, was es alles noch gibt (allerdings allein an Auftragskompositionen für das Arditti-Quartett ziemlich viel) und wie relevant das gesehen wird.

Es war jedenfalls Vorzeigegattung von 1785 bis 1820 oder so. In der Literatur wird oft darauf hingewiesen, dass Beethoven sich ungewöhnlich lange Zeit ließ. Sehr verbreitet war als op.1 eine Reihe von Quartetten. Beethoven bedachte dagegen praktisch alle anderen Gattungen: Trio, Klaviersonate, Violin/Cellosonate und Streichtrio mit einer Reihe von Werken, bevor er sich Quartetten zuwandte.

Eine interessante Beobachtung scheint mir aber, dass das Streichquartett die Zeiten als Gattung wesentlich besser überstanden hat als die Sinfonie (und auch als die Klaviersonate und andere Kammermusikgattungen). Mag sein, dass im 19. Jhd. nach Beethoven beide zwischenzeitlich etwas "akademisch" wirkten. Im Umbruch zum 20. Jhd. und in dessen Verlauf gibt es aber wieder viele zentrale Streichquartette. Außer den von Dir genannten würde ich noch die zwei von Berg und die vereinzelten, aber sowohl beliebten wie hochoriginellen Werke von Debussy und Ravel nennen.
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farinelli

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47

Dienstag, 4. Oktober 2011, 22:05

"quietschig" oder "kratzig"

Also, für mich war der Streichquartettklang immer der Idealklang schlechthin. Man kann damit alles ausdrücken. Auch das Satztechnische daran, das ja eigentlich ein Mysterium ist - Inbegriff der Kunst. Der erste Orchestersatz, den ich halbwegs (mit der Partitur in der Hand) begriffen habe, war der von Beethovens Violinromanzen. Später, bei Mahler oder Debussy, faszinierten mich wiederum die kammermusikalischen Aspekte im Orchestersatz, die Einzelfarben. Hochbombastische Orchestralwirkungen sagen mir weniger zu. Lieber Schönbergs "Verklärte Nacht" in der solistischen Besetzung - überhaupt, ein Streichsextett, diese schier unbegrenzten Möglichkeiten. Linie, Kontur, Farbe und doch auch Körper, Dichte, Fülle.

Beethovens Streichquartette ziehe ich den Sinfonien (rein was meine Hörgewohnheiten angeht) oder gar den Klaviersonaten bei weitem vor. Sie nutzen sich nicht so ab und sprechen anders, intimer, persönlicher zu mir, ihre Gestalten sind flexibler, unvorhersehbarer - für mich ein anheimelnder Kosmos (anders als die unbewohnbare Fünfte). Gerade die späten mit ihrem ausufernden Zug ins Autistische (na ja, natürlich auch die Klaviersonaten Nr. 30 und 32). Man kann sich darin verlieren ...

:hello:
Zerging in Dunst das heilge römsche Reich

- uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

Milletre

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48

Dienstag, 4. Oktober 2011, 23:06

Großartig gesagt, lieber farinelli! Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf die beiden Bücher des Guarneri-Quartetts hinweisen, die mit vielen Notenbeispielen versehen sind. Mir gefiel vor allem das des ersten Violonisten A.Steinhardt "Von der Kunst, aufeinander zu hören" über alle Maßen - wärmstens zu empfehlen!
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49

Mittwoch, 5. Oktober 2011, 10:05

Der "intime" Charakter ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Obwohl Beethovens Quartette auch schon seinerzeit in öffentlichen Konzerten aufgeführt wurden und wir ja heute durch Tonträger auch großbesetzte Musik privat genießen können, so besteht hier wohl tatsächlich ein Unterschied nicht im Umfeld, sondern in der Musik selbst. Und vielleicht sind es diese Stimmungen, die Kammermusik so außergewöhnlich und einzigartig machen.

Ich würde nie sagen, dass zB der "Dankgesang" in op.132 in einem nachvollziehbaren Sinne "besser" sei als das adagio der 9. Sinfonie (oder umgekehrt). Aber diese Art "Entrücktheit" und Intimität ist wohl in der Orchestermusik einfach nicht möglich. (Das gilt natürlich nicht nur für das Spätwerk, sondern ebenso für den Eroica-Trauermarsch und den langsamen Satz aus op.59,1, ebenfalls wohl eine "Trauermusik", aber völlig anders.)
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)