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MarcCologne

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Beiträge: 1 036

Registrierungsdatum: 4. Juli 2005

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Montag, 28. Mai 2007, 00:07

Die Bachkantate (087): BWV173: Erhöhtes Fleisch und Blut

BWV 173: Erhöhtes Fleisch und Blut
Kantate zum Pfingstmontag (wahrscheinlich Leipzig, 29. Mai 1724)



Lesungen:
Epistel: Apg. 10,42-48 (Schluss der Petrus-Predigt vor Cornelius; der Heilige Geist kommt auch auf die Heiden; Taufe der Heiden)
Evangelium: Joh. 3,16-21 (Also hat Gott die Welt geliebt)


Sechs Sätze, Aufführungsdauer: ca. 17 Minuten

Textdichter: unbekannt


Besetzung:
Soli: Sopran, Alt, Tenor, Bass; Coro: SATB; Traversflöte I + II, Violino I/II, Viola, Continuo




1. Recitativo Tenor, Streicher, Continuo
Erhöhtes Fleisch und Blut,
Das Gott selbst an sich nimmt,
Dem er schon hier auf Erden
Ein himmlisch’ Heil bestimmt,
Des Höchsten Kind zu werden,
Erhöhtes Fleisch und Blut!

2. Aria Tenor, Traversflöte I + II, Streicher, Continuo
Ein geheiligtes Gemüte
Sieht und schmecket Gottes Güte.
Rühmet, singet, stimmt die Saiten,
Gottes Treue auszubreiten!

3. Alto solo Alt, Streicher, Continuo
Gott will, o! ihr Menschenkinder,
An euch große Dinge tun.
Mund und Herze, Ohr und Blicke
Können nicht bei diesem Glücke
Und so heil’ger Freude ruh’n.

4. Aria Sopran, Bass, Traversflöte I + II, Streicher, Continuo
Bass
So hat Gott die Welt geliebt,
Sein Erbarmen
Hilft uns Armen,
Dass er seinen Sohn uns gibt,
Gnadengaben zu genießen,
Die wie reiche Ströme fließen.
Sopran
Sein verneuter Gnadenbund
Ist geschäftig und wird kräftig
In der Menschen Herz und Mund,
Dass sein Geist zu seiner Ehre
Gläubig zu ihm rufen lehre.
Beide
Nun wir lassen uns’re Pflicht
Opfer bringen,
Dankend singen,
Da sein offenbartes Licht
Sich zu seinen Kindern neiget
Und sich ihnen kräftig zeiget.

5. Recitativo Sopran, Tenor, Continuo
Unendlichster, den man doch Vater nennt,
Wir wollen dann das Herz zum Opfer bringen,
Aus uns’rer Brust, die ganz vor Andacht brennt,
Soll sich der Seufzer Glut zum Himmel schwingen.

6. Chorus SATB, Traversflöte I + II, Streicher, Continuo
Rühre, Höchster, unser’n Geist,
Dass des höchsten Geistes Gaben
Ihre Würkung in uns haben!
Da dein Sohn uns beten heißt,
Wird es durch die Wolken dringen
Und Erhörung auf uns bringen.



Was war zu Pfingsten 1724 eigentlich los bei Bachs?
Irgendwie scheint Johann Sebastian in dem Jahr ein bissel unter Zeitnot gelitten zu haben.
Die Kantate, die er in dem Jahr am Pfingstsonntag aufführte (BWV 59), fällt aufgrund ihrer knappen Viersätzigkeit und den merklich zurückgenommenen aufführungs- und besetzungstechnischen Umständen gerade für eine Festtagskantate schon irgendwie aus dem Rahmen.
Und die Kantate, die er nun einen Tag später, also zum Pfingstmontag 1724, mit hoher Wahrscheinlichkeit erstmals in dieser Form aufführte, präsentiert sich "lediglich" als eine Parodie der Köthener Glückwunschkantate BWV 173 a, die dort im Zeitraum zwischen 1717 und 1722 entstanden sein dürfte.
Nicht, dass ich die Musik dieser Kantate schmälern möchte, aber es fällt halt auf, dass Bach zu Pfingsten 1724 auffällig viel Musik aus älteren Werken wiederverwertet, bzw. für kleinere Besetzungen und nicht in gewohnt anspruchsvoll-virtuosem Stil schreibt.
Alles wirkt betont einfacher und bescheidener dimensioniert, als man es gerade zu einem hohen Kirchenfest wie Pfingsten von Bach eigentlich erwarten würde.
Der unbekannte Textdichter der hier besprochenen Kantate hat nicht nur - wie eigentlich üblich - in geschickter Weise die Arientexte der weltlichen Glückwunschkantate für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen in geistliche, dem Pfingstereignis und dem Evangelium für den heutigen Feiertag angepasste Verse umgewandelt, er hat dies auch mit den beiden Rezitativen (Nr. 1 und 5) getan - ein recht selten praktiziertes Verfahren, da zumeist die kurzen Rezitative einer Kantate schnell neu komponiert waren und in ihnen in freier Dichtung individueller auf den jeweiligen Evangeliumstext eingegangen werden konnte, um einen größeren Bezug zum aktuellen Festtag herstellen zu können, als dies oftmals in den Arien möglich war.
Aber in der hier besprochenen Kantate werden selbst diese Rezitative silbengetreu mit neuem, geistlichen Text versehen, so dass die schon vorhandene Musik hier dem Ganzen wirklich einfach nur noch "übergestülpt" werden musste, was für mich ein Zeichen dafür ist, dass Bach tatsächlich aus irgendwelchen Gründen unter großer Zeitnot gestanden haben muss. In einigen Sätzen hat Bach allerdings die Stimmlagen geändert (die Glückwunschkantate beginnt z. B. mit Rezitativ und Arie für den Sopran).

Die originale Glückwunschkantate besaß natürlich keinen Schlusschoral, sondern einem zweistimmigen "Chorus" und so verzichtet auch ihre pfingstliche "Schwester" auf selbigen und endet mit einem "normalen", fröhlich-unverbindlichen Schlusschor - hier hat Bach den zweistimmigen Schluss-Satz zur chorischen Vierstimmigkeit erweitert.

Die in der Glückwunschkantate nach dem Rezitativ Nr. 5 folgenden weiteren 2 Arien fehlen in der parodierten Version des Werkes - hier folgt nach dem Rezitativ sogleich der Schlusschor. Fehlte am Ende sogar die Zeit, zwei weitere Arien umzutexten?

Die ursprünglichen Satzanfänge lauteten (man vergleiche einmal mit den neuen geistlichen Satzanfängen):
Nr. 1 "Durchlauchtster Leopold"
Nr. 2 "Güld'ner Sonnen frohe Stunden,/ Die der Himmel selbst gebunden"
Nr. 3 "Leopolds Vortrefflichkeiten"
Nr. 4 "Unter seinem Purpursaum/ Ist die Freude/ Nach dem Leide"
Nr. 5 "Durchlauchtigster, den Anhalt Vater nennt"
Nr. 8 "Nimm auch, großer Fürst, uns auf"

Dem heiteren Anlass des Glückwunsches an den fürstlichen Landesvater entsprechend, herrscht in der ganzen Kantate ein fröhlich-tänzerischer Charakter vor, der natürlich zu einem festlich-freudigen Kirchenfest wie Pfingsten gut passt.

Im als Aria bezeichneten Duett, das an 4. Stelle steht, schafft es der Textautor sogar, ein Zitat aus dem bekannten Evangeliumstext des heutigen Feiertags unterzubringen: "Also hat Gott die Welt geliebt" - wirklich raffiniert eingebaut, das muss man ihm lassen! :yes:

Diese Kantate hat Bach übrigens entweder 1727 oder 1728 erneut aufgeführt - ebenso im Jahr 1731; aus diesem Jahr stammt die uns heute überlieferte Fassung.
Es kann also sein, dass die Version aus dem Jahr 1724 in einigen Punkten von der uns heute bekannten abwich - evtl. waren 1724 die beiden nun nicht mehr enthaltenen Arien der Glückwunsch-Kantate in dieser Version doch noch in parodierter Form musiziert worden? Oder die Umstellungen der einzelnen Stimmlagen erfolgte erst für die 1731er Aufführung?
Nichts genaues weiß man leider nicht... ;)
"Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
(Georg Christoph Lichtenberg, 1773)