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Johannes_Krakhofer

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Beiträge: 3 419

Registrierungsdatum: 24. Februar 2005

1

Samstag, 30. Juni 2007, 15:58

Stimmen, die wir niemals hören werden: Gaetano BERENSTADT, das Monster mit der Engelsstimme

Hallo!

Heute möchte ich euch einen Kastraten vorstellen, der nicht nur wegen seiner Stimme bekannt war, sondern auch aufgrund seines Aussehen traurige Berühmtheit erlangte:

GAETANO BERENSTADT


Geboren um das Jahr 1690 (manche Quellen nennen den 7.Jänner 1687) in Florenz als Sohn einer deutschen Familie. Der Vater war Pauker an der Kapelle des Großherzogs der Toskana, weswegen er schon früh Gesangsunterricht erhielt. Seine schöne Sopranstimme fiel sehr angenehm auf und so entschloss man sich ihn kastrieren zu lassen.

Er lernte am Koservatorium in Florenz und wurde schon im Jahre 1707 oder 1708 in Frauenrollen, so wie es damals üblich war, auf die Bühne geschickt. Er hatte in Florenz großen Erfolg und so wurde er nach Bologna, Rom und Neapel eingeladen und trat dort in Opern von Porpora und Vinci auf.

Im Jahre 1717 ging er nach London, um in Händels Opernhaus zu singen. Da er keinen Sopran, sondern "Nur" einen Alt hatte, wurde für ihn die Rolle des Argante transskripiert und drei neue Arien hinzugefügt. Die Aufführungen waren Riesenerfolge, doch als Händel ihm antrug den Rinaldo zu singen, lehnte er ab, denn er wusste, dass er nie für die ganz großen Rollen geeignet sein würde. Grund war nicht etwa sein Gesang, sondern sein Aussehen.

Die Hormone hatten, wie bei allen Kastraten verrückt gespielt, bei ihm allerdings besonders stark.
Bei einer Körpergröße von ca.185 cm hatte er ca. 130 cm lange Beine und viel zu kurze Arme. Auch sein etwas korpulenter Bauch und sein nicht gerade schönes Gesicht trugen dazu bei, dass er sich nie um die großen Rollen riss.
Gerüchten zufolge war er immer eine lächerliche Gestalt, denn wenn er sprach, sprach ein Koloss mit Piepserstimme, so entstellt war er.

Doch wenn er auf der Opernbühne stand, wurde er vergöttert.

Nach London ging er nach Mailand, Rom und Venedig, ehe er 1723 wieder nach London zurückkehrte.

Händel, der dort gerade große Erfolge feierte, nahm ihn mit offenen Armen auf. Er komponierte drei Rollen für ihn:

Den Tolomeo im Julius Cäsar, den Adelberto im Ottone und den Flavio in der gleichnamigen Oper.

Er war damit Mitglied eines der besten Ensembles der Welt, den auch Senesino, Cuzzoni uva waren damals bei Händel.
Hier die Uraufführungsliste des Giulio Cesare, in dem die Creme de la Creme der damaligen Londoner Opernszene auftrat:

Cleopatra - Francesca Cuzzoni (Sopran)
Giulio Cesare,- Senesino (Alt-Kastrat)
Cornelia- Anastasia Robinson (Alt)
Sesto- Margherita Durastanti (Sopran)
Tolomeo - Gaetano Berenstadt (Alt-Kastrat)
Nireno- Signor Bigonzi (Alt-Kastrat)
Achilla - Giuseppe Maria Boschi (Bass)
Curio - Mr. Lagarde (Bass)

Er trat aber auch in Opern von Bononcini und Ariosti auf, weswegen ihn Händel feuerte, denn Auftritte bei der Konkurrenz duldete er nicht!


Von London aus kehrte der ruhelose Geist nach Rom zurück, wo er in Opern von Sarro, Hasse und Vinci auftrat.
Im Jahre 1726 begegnete er Caffarelli, der in Sarros "Il Valdemaro" sein Bühnendebüt gab. Berenstadt gab damals die Titelrolle, den Valdemaro!

1727 geht er nach Neapel, dort gerät er in einen heftigen Streit mit Porpora, der mit wüsten Beschimpfungen wie "Porco tedesco" (Deutsches Schwein) endete.

Berenstadt beschloss sich zu rächen und löste damit einen großen Skandal aus.

Und das war so:
Vinci und Porpora komponierten beide an einer Oper "Siface", der dasselbe Libretto zugrunde lag. Vincis Oper sollte 2 Wochen nach der Porporas Premiere haben und Vinci, der selbst nie von sichüberzeugt war, hatte Angst vor dem Wettstreit. Berenstadt versprach ihm ihm zu helfen, denn er habe noch eine Rechnung mit Porpora zu begleichen.

Caffarelli war der Star in Porporas Oper und damals war es Mode die Generalprobe zu besuchen, um sich ein Bild über die Musik zu machen. Denn war die Generalprobe ein Hit, wurde das erzählt und die Leute strömten in die Premiere!
Berenstadt maskierte sich und nahm ganz oben Platz. Mitten in der ersten großen Arien Caffarellis öffnete er ein Säckchen Schnupftabak und blies diesen in Richtung Zuschauerraum. Die verduzten Zuschauer blicken nach oben und bekommen ihn direkt in die Nase und beginnen zu niesen.
Der unerfahrene Caffarelli macht einige Fehler und das niesende Publikum stürmt aus der Generalprobe und schimpft über Caffarelli.
Porpora tröstet seinen Star und erklärt, dass das nur die Probe gewesen sei und er sein besten geben solle.
Das tat er, aber kaum jemand kam zur Premiere.

Berenstadt hatte es Porpora heimgezahlt. Ach ja Vincis Oper kam sehr gut an, nicht zuletzt durch Gizziello, dem sogar Caffarelli applaudierte!

Berenstadt zog sich 1734 von der Bühne zurück, da sein Rheumatismus, bedingt durch die Disproportionalität, unerträglich wurde.

Insgesamt hatte er 55 Rollen im Repertoire, über 30 waren extra für ihn geschrieben worden.

Nach 1734 verschwindet er aus der Geschichte, wann er wirklich gestorben ist, weiß man nicht!


So das war Teil 4 der Reihe "Stimmen, die wir niemals hören werden". Ich hoffe ihr habt Freude beim Schmökern!

LG joschi
Den Mozart und den Wagner hör´ich gerne, wenn ich jausen
nur beim Herrn Stockhausen kriegt mein Hamster Ohrensausen

(Erste Allgemeine Verunsicherung)

musicophil

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Beiträge: 7 091

Registrierungsdatum: 19. Februar 2006

2

Samstag, 30. Juni 2007, 16:14

RE: Stimmen, die wir niemals hören werden: Gaetano Berenstadt, das Monster mit der Engelsstimme

Zitat

Original von DonBasilio
So das war Teil 4 der Reihe "Stimmen, die wir niemals hören werden". Ich hoffe ihr habt Freude beim Schmökern!

Und wie. :jubel: :jubel: :jubel:
Wirklich schöne Musik rührt

Joseph II.

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Beiträge: 11 056

Registrierungsdatum: 29. März 2005

3

Samstag, 30. Juni 2007, 16:19

Grandios! :yes: :jubel: :hello:
Bin schon ganz gespannt auf weitere Stimmen, die wir niemals hören werden. :)
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Johannes_Krakhofer

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Beiträge: 3 419

Registrierungsdatum: 24. Februar 2005

4

Sonntag, 1. Juli 2007, 01:29

Zitat

Original von Felipe II.
Grandios! :yes: :jubel: :hello:
Bin schon ganz gespannt auf weitere Stimmen, die wir niemals hören werden. :)


Danke für die Blumen.

@ Felipe und all die anderen Interessierten:
Ihr könnt gespannt sein.

Ich werde mich demnächst mit Jenny Lind, Gizziello, Farinelli, Anton Raaff, Domenico Annibale, Faustina Bordoni, Vittoria Tesi uva auseinandersetzen.

Aber nicht nur diese Reihe wird fortgeführt. Auch der Opernführer wird erweitert, Komponistenthreads hab ich auch einige in Arbeit und Allgemeine Musikhistorische Threads nehmen schön langsam Gestalt an! Achja, im Schellackforum will ich auch einiges tun!

Ihr seht, ich bin ein vielbeschäftigter Mann! :D :D

LG joschi

PS: Bei genauerem Interesse einfach eine PN an mich, dann werd ich euch Rede und Antwort stehen.
Den Mozart und den Wagner hör´ich gerne, wenn ich jausen
nur beim Herrn Stockhausen kriegt mein Hamster Ohrensausen

(Erste Allgemeine Verunsicherung)