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salisburgensis

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Beiträge: 2 305

Registrierungsdatum: 16. Februar 2005

1

Sonntag, 1. Juli 2007, 12:03

Es erhub sich ein Streit - Musik zum Michaelistag

Liebe Tamini (und solche, die es werden wollen),

obwohl es bis zum Michaelistag noch einige Zeit hin ist - er wird in hiesigen Gefilden am 29. September gefeiert - , möchte ich dieses Thema eröffnen. So bleibt genug Zeit für Interessierte, sich die passende Musik zu besorgen... :D

Der Erzengel Michael gilt nach christlicher Vorstellung als Bezwinger des Teufels. Man kann u.a. in der Offenbarung des Johannes, Kapitel 12 davon lesen. Er hat aber nicht nur kriegerische Funktionen als Anführer der himmlischen Heerscharen und damit als Patron der Soldaten, er gilt auch als Heilkundiger, der beispielsweise Heilquellen entspringen ließ. Auch soll er es gewesen sein, die bei Auszug des Volkes Israel aus Ägypten die Wasser der Roten Meeres teilte.

Am Michaelistag wird aber nicht nur den Heldentaten des namengebenden Erzengel gedacht, sondern auch aller anderen guten Engel.

Nun aber zur Musik: die dramatische Geschichte des Kampfes zwischen Michael und dem Teufel in Gestalt eines Drachen bietet offenbar eine prima Grundlage für Vertonungen. Die Textstellen aus der Offenbarung regten jedenfalls etliche Komponisten an:

Zitat

Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen. Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott. Und sie haben ihn überwunden cdurch des Lammes Blut und ddurch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt, bis hin zum Tod. Darum freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen!


So lautet der Text in der revidierten Luther-Fassung. In der originalen beginnt die Textstelle mit: Und es erhub sich ein Streit im Himmel...

Unter diesem Titel finden sich nun zahlreiche Vertonungen, zum Beispiel von Johann Sebastian Bach (BWV 19 & 50), Matthias Weckmann, Heinrich Schütz, Georg Philipp Telemann und vielen anderen mehr.

Gerade aus dem Barock gibt es besonders viele dieser Vertonungen, weil zu der Zeit musikalische Schlachtengemälde generell sehr beliebt waren und es sich hier geradezu von selbst anbietet, ein solches einzubauen.

Ausdrücklich hinweisen möchte ich für den Moment nur auf ein Stück, nämlich jenes von Johann Christoph Bach, der in Eisenach Organist war.

Er war der wahrscheinlich bedeutendste Bach in der Generation vorm großen Thomaskantor Johann Sebastian. Dieser schätzte die Werke seines Verwandten außerordentlich, sodass sich in dem Notenarchiv, in welchem er Werke aus seiner Familie sammelte, recht viele Stücke von Johann Christoph enthalten sind.

Dazu zählt auch die mit nicht weniger als 22 obligaten Stimmen besetzte Kantate Es erhub sich ein Streit. Zwei 5stimmige Chöre streiten mit 4 Trompeten, Pauken, Streichern, Fagott und Basso Continuo.

Sebastian Bach hat dieses Stück in Leipzig auch zur Aufführung gebracht und noch sein Sohn Carl Philipp Emmanuel schwärmte davon: "Das 22stimmige Stück ist ein Meisterstück. Mein seliger Vater hat es einmahl in Leipzig in der Kirche aufgeführt, alles ist über den Efeckt erstaunt."

Und in der Tat, die Effekte in diesem Stück sind gewaltig und zahlreich. Nach einer einleitenden Sinfonia, die nur die Streicher bestreiten, beginnt der Kampf. Die Pauke gibt den Marschtakt vor, die Trompeten blasen zur Attacke, die Streicher lassen ihre Bogen schnellen... Nach und nach steigert sich das Getümmel zu einer gewaltigen Schlacht. An deren Ende setzt Christoph Bach eine erhebende Tonartwechsel zur Textzeile "und siegete nicht", womit natürlich der Drache gemeint ist.

Ein weiteres Beispiel für die direkte musikalische Umsetzung des Textes ist die sehr ungewöhnliche Modulation auf die Textzeile "der die ganze Welt verführt".

Auf folgenden Aufnahmen läßt sich das Ganze nachhören:



Das Alt-Bachische Archiv
Werke von Johann, Georg Christoph, Johann Christoph, Johann Michael & Johann Sebastian Bach

Cantus Cölln, Concerto Palatio,
Konrad Junghänel




Alt-Bachisches Archiv - Die Familie Bach vor Johann Sebastian

Musica Antiqua Köln
Reinhard Goebel



herzliche Grüße,
Thomas
Da freute sich der Hase:
"Wie schön ist meine Nase
und auch mein blaues Ohr!
Das kommt so selten vor."
- H. Heine -

Bernhard

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Beiträge: 3 511

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2

Sonntag, 1. Juli 2007, 12:14

Guten Tag

habe beide CDs der Kölner Ensemble, bei der Kantate "Es erhub sich ein Streit" bevorzuge ich eindeutig die Einspielung mit der Musica antiqua Köln. :jubel: :jubel:

(Damit weihte ich vor über 20 Jahren meine damals neue CD-Anlage ein :hahahaha: )

Gruß aus der Kurpfalz

Bernhard

Masetto

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Beiträge: 1 783

Registrierungsdatum: 29. April 2006

3

Sonntag, 1. Juli 2007, 12:59

Luzifer, der höchste der Seraphim, meuterte mit seinen Engeln gegen Gott, weil sie es nicht für richtig hielten, dass Gott die Menschen "dumm" hielt. So habe ich es gelesen. Im Ergebnis wurde er in einen Drachen verwandelt und aus dem Himmel gebannt. Auf Seiten Gottes kämpfte Michael mit seinen Engeln. Da muss mächtig was los gewesen sein, was natürlich Anlass für große Musik bietet.

Neben dem bereits erwähnten Altbachischen Archiv gibt es noch diese CD hier:



Enthalten sind große Kantaten Bachs zum Michaelistag, die aufgrund ihrer Prächtigkeit selbst aus dem übrigen Kantatenschaffens Bach zweifelsfrei herausstehen.

Enthalten sind BWV 50: Nun ist das Heil und die Kraft.

Der Titel zitiert eine Stelle aus der Offenbahrung, die weiter oben von Thomas wiedergegeben wurde. Es handelt sich bei diesem Stück nur um einen Chor in Form einer gewaltigen Fuge. Hier wird der Sieg über den Drachen gefeiert. Und das natürlich mit Pauken und Trompeten und einem gewaltigen Chor in Form einer gigantischen Fuge. Sehr leuchtend und prächtig.

Bei diesem Stück handelt es sich um ein Fragment. Es ist nur ein Anfangs- oder Schlusssatz - vielleicht für ein größeres Werk Bachs, welches verlohrengegangen ist. Es gibt Stimmen, die dieses Stück nicht Bach zuschreiben möchten. Leider existiert kein Autograph. Allerdings spricht vieles dafür, dass es von Bach ist.

Weiter enthält diese CD BWV 130 "Herr Gott, dich loben alle wir".

Diese Kantate ist einfach gigantisch. Der Eingangschoral ist prächtig ausgestaltet. Kräftig mit Pauken und Trompeten. Überall ist Rhythmus. So muss es klingeln, wenn Engel in den Krieg ziehen.

In einer wunderbaren Bassarie, die vor Kraft strotzt, begleitet von Trompeten wird das Geschehen um den alten Drachen geschildert, der vor Neid brennt und stets aufs neue Leid dichtet. Dabei rumort es im Continuo ordentlich. Vor dem Schlusschoral gibt es noch eine himmlische Tenorarie "Lass oh Fürst der Cherubinen". Diese Arie bringt die Dankbarkeit für den Beistand der Engel zum Ausdruck.

Dann gibt es noch ein weiteres Highlight auf dieser CD. JS Bachs Version von "Es erhub sich ein Streit", BWV 19. Auch hier wird vom Streit im Himmel berichtet. Die Kantate führt direkt ins Geschehen. Muss man einfach gehört haben.

Ich will und kann aber an dieser Stelle nicht die Beschreibungen der Kantaten im Bachkantatenthread vorwegnehmen.
29.08.1958 - 25.06.2009
gone too soon

Masetto

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  • »Masetto« ist männlich

Beiträge: 1 783

Registrierungsdatum: 29. April 2006

4

Montag, 2. Juli 2007, 22:22

Die Kantate von Johann Christoph Bach ist überwältigend.
Der stampfende Rhythmus am Anfang. Der Aufmarsch der Engel. Am Ende diese pure Harmonie des Sieges in der auch Wehmut mitschwingt und Wut.

Hut ab.
29.08.1958 - 25.06.2009
gone too soon

Oolong

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  • »Oolong« ist männlich

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Registrierungsdatum: 13. Mai 2005

5

Dienstag, 3. Juli 2007, 08:40

Zitat

Original von Masetto
Luzifer, der höchste der Seraphim, meuterte mit seinen Engeln gegen Gott, weil sie es nicht für richtig hielten, dass Gott die Menschen "dumm" hielt. So habe ich es gelesen. Im Ergebnis wurde er in einen Drachen verwandelt und aus dem Himmel gebannt. Auf Seiten Gottes kämpfte Michael mit seinen Engeln. Da muss mächtig was los gewesen sein, was natürlich Anlass für große Musik bietet.


Nicht ganz, lieber Tilo!

Michael, kämpft gegen Satan, die alte Schlange, den Drachen. Satan ist NICHT Luzifer, auch wenn es oft gleichgesetzt wird! Ohne in die Untiefen wissenschaftlicher Dämonologie hinabzusteigen nur soviel: Luzifer war der römische Lichtbringer, der Morgenstern und wurde dann in Abgrenzung zur römischen Götterwelt von den frühen Christen mit den biblischen Schilderungen des Engelssturzes in Verbindung gebracht. Als heidnische Gottheit gehörte er zum Kreis des Bösen!

Übrigens- Seraphim war er ohnehin nicht! Erzengel, wenn schon! Und deren oberster war stets Michael, der Engelfürst!

Und nun Schluß mit theologischer Besserwisserei - die Musik zählt und ist grandios!!! :jubel: :jubel:

Herzliche Grüße von
Stefan
Psalmen sprechen und Tee trinken kann niemals schaden!

Bernhard

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  • »Bernhard« ist männlich

Beiträge: 3 511

Registrierungsdatum: 26. Februar 2007

6

Donnerstag, 23. April 2009, 23:56

Michaelisvesper v. Praetorius

Guten Abend

Eine Michaelisvesper, rekonstruiert aus dem reichhaltigen musikalischen Schaffens Michael Praetorius,
und wie sie irgendwann in den Jahren vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs am Vorabend
des Hochfestes des Erzengels Michael in Wolfenbüttel hätte stattfinden können, ist auf dieser



CD eindrucksvoll eingespielt.
Der Knabenchor Hannover, eine Choralschola und einige Vokalsolisten, begleitet vom Ensemble The Syrius Viols,
dem Johann-Rosenmüller Ensemble und dem Bremer Lautten Chor,
haben diese klangschöne Aufnahme, die durch durch Phantasie bei der Instrumentalbesetzung
und der Choraufstellung besticht, höchst eindrucksvoll eingespielt.

Gruß :hello:

aus der Kurpfalz

Bernhard