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petra

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1

Samstag, 10. November 2007, 21:39

Der ganz ferne Klang. Fernando de Lucia

Liebe Schellackfreunde,

wer die Aufnahmen des italienischen Tenors Fernando de Lucia (1860-1925) zum ersten Mal hört, fühlt sich in eine andere Zeit zurückversetzt: ein Singen voll mit Ornamenten und Kunstfiguren, Temporückungen, Mezzavoce und messa di voce - und ein Sänger, der bereits zu Lebzeiten mit seinem Singen stark polarisierte, und mit seinen Aufnahmen eine noch zwiespältigere Nachwelt zurückließ. Für die einen steht vor dem Auge des Ohrs ein zärtlicher „Rokoko-Kavalier“ (ein Wort, das Kesting gern für ihn verwendet), andere hören nur enervierende Manierismen, wie z.B. Toscanini, der einige Aufnahmen des Neapolitaners aufhob, um einmal am Tag lachen zu können.

Dann die Stimme: Sie war relativ klein und dunkel getönt; er musste seine Aufnahmen häufig um einen halben oder gar einen ganzen Ton transponieren. Charakteristisch war ein ausgeprägtes enges, schnelles Vibrato, das manchmal zum Tremolieren neigte.
Und außerdem sticht beim Forte-Singen manchmal ein grelles „eee“ hervor, das wohl dazu diente, die Stimme nach vorne zu bringen.

Wer das alles liest, ohne de Lucia gehört zu haben, mag sich fragen, warum dieser Sänger seinerzeit als „Gloria d´Italia“ bezeichnet wurde.
Ich habe ihn zum ersten Mal in Duetten mit der französischen Sopranistin Josefina Huget gehört – und war plötzlich im Fin-de-siècle gelandet. Ich hörte einen nicht mehr jungen Sänger, der seinen stimmlichen Zenit vielleicht schon überschritten hatte, aber als wirklicher Tenore di Grazia mit einer Eleganz, Zärtlichkeit und Delikatesse sang, die mich über die oben schon erwähnten Schwachpunkte hinweghören ließ. Und Josefina Huget ist in diesen Duetten eine kongeniale Partnerin.

Es gibt Aufnahmen, in denen auch ich seine Verzierungen und Rubati als maniriert empfinde: „Parmi veder le lagrime“ aus „Rigoletto gehört z.B. dazu, auch mit „De’ miei bollenti spiriti“ mag ich mich nicht so recht anfreunden.
Sein „La donna é mobile“ zeigt jedoch keinen zynischen Macho, sondern einen sanften, höfischen Hedonisten. Sehr gut gefällt er mir auch in der Musik Rossinis. Seine Aufnahmen von „Se il mio nome“ und „Ecco ridente“ sind meiner Meinung nach wunderbar poetisch gesungen.

Einiges zu seiner Biographie (aus Kutsch-Riemens: Unvergängliche Stimmen)
geboren am 11. 10. 1860 in Neapel;
studierte Gesang bei Benjamino Carelli und bei Vincenzo Lombardi;
debütierte 1885 am Teatro San Carlo als Faust (Gounod);
danach Gastspiele in vielen europäischen Opernhäusern;

Wenn er auch wie das Relikt aus einer vor-veristischen Zeit klingt, so hat er doch in Uraufführungen einiger veristischer Opern Mascagnis mitgewirkt: 1891 in „L’ Amico Fritz“, 1895 in „Silvana“, 1898 in „Iris“. Große Erfolge hatte auch er an der Oper Covent Garden als Turiddu und Cavaradossi, und an der Met sang er den Canio.

1910 erhielt er eine Professur am Konservatorium San Pietro a Majella (Neapel);
1921 sang er bei der Trauerfeier für Caruso Stradellas „Pietà, Signore“.

Besitzt ihr Aufnahmen dieses Sängers? Könnt ihr euch mit seinem Stil anfreunden, oder lehnt ihr ihn als selbstgefälligen Manieristen ab? Eue Meinung würde mich interessieren.

:hello: Petra
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sobinov

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2

Samstag, 10. November 2007, 22:08

Ich hatte „La donna é mobile" (Aufnahme von 1902) als russische(!) Gramophone &Typewriter Pressung (2. Pressstempel, c. 1903) und habe sie oft Besuchern auf meinem Trichtergrammophon vorgespielt. Wenn man immer nur die Caruso Version hört ist de Lucia ausgesprochen erfrischend.

Die zweite Aufnahme von 1902 in meiner Sammlung, "Ah! non mi ridestar" (Werther/ Massenet), hat mich dagegen weniger begeistert. Beide Platten habe ich vor ein paar Jahren im Tausch abgegeben - gegen eine frühe Aufnahme (von 1903, aus Wilna) des berühmten Kantors Gershon Sirota.

Stephan

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Montag, 12. November 2007, 13:54

Liebe Petra,

danke für den Thread über de Lucia. Bis heute ist er trotz klangschönerer und angenehmer timbrierter Stimmen als Rossini-Tenor unerreicht geblieben. Das Timing und die Phrasierung, die er schnellen und verzierten Passagen zu geben versteht, sind konkurrenzlos, insbesondere das "Ecco ridente" in einer Liga für sich.

Mit seinen Verdi-Aufnahmen bin ich weniger glücklich, die enge Stimme und das eigenwillige Timbre (natürlich auch das extreme Vibrato) scheinen mir da nicht im richtigen Metier.

Ein kompletter Sänger also in keinem Fall, leider auch niemand, der wußte, welche Beschränkung ihm gut getan hätte.

Die wenigen Highlights aber rechtfertigen den Ruhm dieses sehr sophisticated agierenden Sängers.

LG,

Christian

petra

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4

Dienstag, 13. November 2007, 10:05

Lieber Stephan, lieber Christian,

de Lucias Verdi-Aufnahmen sind auch meiner Meinung nach oft nicht der große Wurf. Im Vergleich zu Carusos vollem, stärker vom Verismo geprägten Aussingen ist es zwar auch für mich reizvoll, einmal so einen stilistischen Gegenpart zu hören. Aber Verdis Musik hat doch einen anderen Duktus als die Bellinis oder Rossinis, und da können seine Rubati, die ich sonst sehr gern höre, die doch etwas strengere Linie schon manchmal sehr aufweichen.

Bei "La donna" è mobile" stört mich der weichere Ausdruck nicht so sehr, da es den Herzog als höfischen Hedonisten gut rüberbringt, Manricos "Ah, si ben mio" klingt jedoch auch in meinen Ohren etwas arg gedehnt. Das elegische "Parigi, o cara" mit Josefina Huguet höre ich allerdings von ihm sehr gern.

Und die "Sophistication" in seinem Singen höre ich deshalb so gern, weil sie nie akademisch wirkt, sondern mit viel Poesie verbunden wird.

LG
Petra
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Johannes_Krakhofer

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5

Dienstag, 13. November 2007, 10:15

de Lucia-Rossini

Zitat

danke für den Thread über de Lucia. Bis heute ist er trotz klangschönerer und angenehmer timbrierter Stimmen als Rossini-Tenor unerreicht geblieben. Das Timing und die Phrasierung, die er schnellen und verzierten Passagen zu geben versteht, sind konkurrenzlos, insbesondere das "Ecco ridente" in einer Liga für sich.


Hallo Christian!

Wie viele Rossini-Tenöre/Opern kennst du?

Ich mag de Lucias Art zu singen überhaupt nicht. Das er eine klangschöne und angenehm timbrierte Art hatte streite ich nicht ab und auch nicht seine aus musikhistorisch äußerst interessante Gesamteinspielung des Almaviva-Parts für Rossini-Sänger ein Maßstab war, ebenso nicht, aber ich halte seinen Gesang einfach nicht aus.

Sein Rossini sprüht nicht vor italienischer Energie, sondern wirkt für mich gebremst und zwanghaft perfekt wirkend-wollend. Ihm fehlt die Leichtigkeit, die Flatterhaftigkeit eines Rossini-Tenores und daher hört es sich für mich oft nur wie Heulerei, entschuldige diese harte Ausdrucksweise, an.

De Lucia mag von Bedeutung sein, wenn man die "historische" Rezeption von Rossini-Arien untersucht, da kommt man an ihm sicherlich nicht vorbei, aber künstlerisch ist er im Rossini-Fach total uninteressant und langweilig.

LG joschi
Den Mozart und den Wagner hör´ich gerne, wenn ich jausen
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(Erste Allgemeine Verunsicherung)

Il Grande Inquisitore

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6

Dienstag, 13. November 2007, 12:47

Lieber Joschi,

da kann ich Dir überhaupt nicht zustimmen. Erstens: Ich halte sein Timbre gerade nicht für angenehm, sondern für eng und nasal. Mir ging es allerdings um die technische Beherrschung und die Umsetzung der sängerischen Schwierigkeiten in eine musikalische Linie. In diesem Punkt habe ich bis heute keinen vergleichbaren Rossini-Tenor gehört. Die Energie und Verve ist für mich da weniger entscheidend, aber das spielerische Lächeln in de Lucias Vortrag als bemüht wirkende Perfektionsbestrebungen zu sehen - dem widerspreche ich komplett. Der Stil erinnert mich sehr an Plancon im Baßfach.

Als Rossini-Tenöre (zentral dabei der Almaviva) kenne ich einige, Jadlowker, Clément, Wunderlich, Alva, Araiza, Güra, Florez etc. Keiner dieser Genannten erreicht de Lucia wirklich, auch wenn Jadlowker seine Virtuosität erreicht (hier aber wirklich ein störendes, trockenes Timbre zu Gehör bringt) und Clément eine wunderbar lyrische Version des Ecco ridente singt, jedoch manche Fioritura ausläßt. Wunderlich und Alva singen ungenau, Florez sehr gut, aber gegen Ende reicht die Geläufigkeit für schnelle Passagen nicht aus. Araizas Vortrag leidet unter den dauernden Aspirationen, Güra ist mit der Almaviva-Rolle komplett überfordert.

LG,


Christian

petra

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7

Dienstag, 13. November 2007, 19:04

Ich stimme Christian zu: Das Timbre de Lucias ruft auch bei mir nicht gerade Begeisterung hervor. Es gibt ja Sänger, die auch mit über 50 noch jugendlich klingen, de Lucia gehörte nicht dazu.

Ich vergleiche jedoch gern unterschiedliche Gesangsstile, und betrachte sein Singen im Kontext des Fin-de-siècle und in der Gesangsschule des 19. Jh. Die Rubati mögen manchen irritieren, mir gefallen sie, ebenso die Verzierungen und das Verhaltene seines Singens, das ich gerade nicht als langweilig empfinde; nur bei Verdi sehe ich seinen Stil manchmal als problematisch an.

Und eine Frage, die mir vielleicht jemand beantworten kann, der sich mit der Gesangstechnik bessser auskennt als ich: Die Art des Singens, insbesondere die subtile Wort-Ton-Verbindung erinnert mich manchmal ein wenig an Tito Schipa. Nun ist Schipa wohl nicht mehr als typischer Belcantist zu bezeichnen, aber gibt es da vielleicht dennoch Parallelen?

LG
Petra
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Theophilus

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8

Dienstag, 13. November 2007, 20:06

Der neue De Lucia

Hallo

Auf Ö1 gab es vor einigen Jahren eine interessante Sendung mit einem deutschen Tonmeister und Liebhaber alter Schellacks. Er berichtete, dass viele gängige Transfers von alten Platten klanglich stark daneben liegen, weil man sich beim Transfer nicht genug Gedanken über die Geschwindigkeit der Originalaufnahme gemacht habe. Es gab damals keine verbindliche Drehzahl und selbst bei einem Label konnten im Laufe der Jahre ziemlich unterschiedliche Geschwindigkeiten vorkommen (möglicherweise waren die Antriebe damals auch nicht sonderlich langzeitkonstant). Bei den unterschiedlichen Gesamtaufnahmen von Caruso kann diese Problematik auch beobachtet werden, aber dies ist nur die Spitze des Eisberges. Viele Künstler leiden durch falsche Transfers und jener, dem wohl am Schlimmsten mitgespielt wurde, ist Fernando de Lucia.

Dieser Tonmeister hat eine Reihe von De Lucia Schellacks penibel auf korrekte Aufnahmegeschwindigkeit analysiert, neue Transfers erstellt und dabei auch sehr sorgfältig entzerrt. Die Beispiele, die in dieser Sendung gebracht wurden - herkömmlicher Transfer und korrigierter Transfer - waren spektakulär. Im ersten Moment glaubte man, einen anderen Sänger zu hören, bis dann die Technik wiedererkannt wurde. Gerade bei De Lucia kann man alles vergessen, was so im Handel herumgeistert, das Timbre ist völlig daneben. Man sollte sich an die Tranfers halten, die Christian Zwarg im Eigenverlag vertreibt ("http://www.truesoundtransfers.de/") und man macht eine ganz neue Erfahrung.


(Ärgerlicherweise gibt es dort in der Zwischenzeit schon einen ganzen Schatz an neuen Transfers zu heben, so dass ich diesen Link unter die für mich verbotenen einstufen musste... ;( )

Ciao

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petra

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9

Dienstag, 13. November 2007, 20:51

Hallo Theophilus,

vielen Dank für den Tipp; der Link eröffnet ja wirklich eine Fundgrube!
Dass die Soprane durch die Aufnahmetechnik nicht so richtig rüberkamen, war mir bekannt (da leidet wohl Nellie Melbas Stimme am meisten), dass die männlichen Stimmen derart unter falschen Geschwindigkeiten bei der Aufnahme litten, wusste ich bisher nicht.

Ich habe die meisten Sänger aus dem 19. Jh. durch Rundfunksendungen entdeckt, die ich auf Kassette mitgeschnitten habe. Diejenigen, die ich am liebsten höre, will ich mir nach und nach auf CD gönnen, aber meine Sammlung ist noch winzig und wächst auch recht langsam. Aber da werde ich sicherlich bei Christian Zwarg öfter mal einen Blick riskieren.

Danke und viele Grüße
Petra
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Theophilus

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10

Dienstag, 13. November 2007, 22:00





Übrigens: Für Wiener habe ich vielleicht einen Tipp. Ich habe bereits Truesound-CDs bei Da Caruso gesehen! Da hat man vielleicht die Möglichkeit, die Katze im Vorhinein zu begutachten.

Ciao

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Il Grande Inquisitore

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11

Dienstag, 13. November 2007, 22:04

Lieber Theophilus,

ich schließe mich dem Dank an, wieder ein gefährlicher Link.

Eins treibt mich noch um: Ich bin absoluter Ignorant, was Aufnahmetechnik angeht. Daher lauert bei mir immer der Zweifel, man könne mit heutigen Verfahren Stimmen "aufhübschen". Dieser Verdacht wurde durch eine Episode bei Kesting, meinen besonderen Liebling McCormack betreffend, genährt: Durch Veränderungen am Abspielgerät wurde die Aufnahme plötzlich frei, elegant und klangschön, obwohl (wenn ich mich recht erinnere) sie nicht in der Originaldrehzahl abgespielt wurde.
Ich unterstelle wirklich niemandem etwas, aber gehen diese neuen Remastering-Verfahren wirklich näher ans Original oder "verbessern" sie eher die Stimmen? De Lucia mußte sich ja schon zu Lebzeiten heftiger Kritik an seinem Stil und seinem Tremolo stellen, daher könnten auch die Timbre-Probleme historisch sein.
Aber, wie gesagt, ich weiß es schlicht nicht, bin immer sehr vorsichtig angesichts neuer technischer Verfahren. Ich denke aber, über kurz oder lang werde ich mir mal etwas aus diesem Katalog bestellen und dann vergleichen.

Für Deine Eindrücke wäre ich sehr dankbar, liebe Grüße,


Christian

Antracis

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12

Dienstag, 13. November 2007, 23:22

Zitat

Original von Il Grande Inquisitor
Durch Veränderungen am Abspielgerät wurde die Aufnahme plötzlich frei, elegant und klangschön, obwohl (wenn ich mich recht erinnere) sie nicht in der Originaldrehzahl abgespielt wurde.



Lieber Christian,

das Problem ist ja gerade, dass - wie Theophilus oben auch schreibt - man halt nicht weiß, was im Einzelfall die "Originaldrehzahl" ist. Die Schwankungsbreite bei den akustischen Aufnahmen soll zwischen ca. 68 - 88 (!) Umdrehungen gelegen haben, die Aufnahmegeschwindigkeiten wurden erst standardisiert, als McCormack und Caruso schon lange auf Wolken sangen. Die Tonhöhe kann man nicht als Referenz nehmen, weil es ja durchaus sein kann, dass der Sänger transponiert hat. Darauf wurde Jahrzehntelang bei Überspielungen (die ja darüberhinaus oft von engagierten Laien vorgenommen wurden) keine Rücksicht genommen. Es gilt also, aus Vergleichsaufnahmen und anderen Zeitdokumenten die wahrscheinlichste Zahl zu rekonstruieren. Es handelt sich also durchaus nicht um "Verschlimmbesserungen", sondern um einen fundamentalen Schritt zu einer möglichst korrekten Wiedergabe der Aufnahmen.

Nur mal eine erschreckende Zahl: Die Anthologie "The Record of Singing" zum gleichnamigen Buch von Michael Scott bestand aus 234 Titeln, davon mußten über 60 bei der Neuauflage hinsichtlich der Abspielgeschwindigkeit korrigiert werden, was natürlich unter Umständen eine gänzlich andere Bewertung der Aufnahmen ergibt. Auf der Caruso-Edition bei Naxos bietet Ward Marston ja beispielsweise in Zweifelsfällen auch alternative Geschwindigkeiten, wenn die Unsicherheit sehr groß war (Beispiel Vol. 3, bei "Bella figlia dell´amore." in der Aufnahme 20/2/1907, einmal in Partiturtonart, einmal einen Halbton tiefer - was ja für einen Tenor schon eine Welt ist)

Letztendlich ein ungemein spannendes Feld. Steane, durch dessen "Grand Tradition" ich mich gerade wälze (endlich :] ), geht ebenfalls auf diese Problematik ein. Der Vorteil des "Sammlers" in LP-Zeiten war halt auch vor allem, dass Plattenspieler mit stufenlosem Drehzahlreglern vorhanden waren, so dass man verschiedene Möglichkeiten selbst ausprobieren konnte.
Irgendwie mußte man ja auch die Zeit bis zum nächsten Gehaltsscheck rumkriegen. :D

Gruß
Sascha

Johannes_Krakhofer

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13

Dienstag, 13. November 2007, 23:26

Hallo Christian!

Ich sehe schon wir haben einen total entgegengesetzten Geschmack:

Du schwärmst von Clément, den ich ebenfalls nicht anhören kann. Die Almaviva-Aufnahmen von 1904 klingen erstens sehr verzerrt und zerstören daher einiges vom Timbre. Seine Koloraturen klingen in meinen Ohren gequält und unsauber, er gibt den Almaviva wie einen einsamen Wolf, weswegen er wahrscheinlich so heult. :D

Die technische Beherrschung des Rossini-Faches streite ich ihm nicht ab, allerdings die Interpretation des Almaviva (den mehr hat er meines Wissens nicht eingespielt [von Rossini]) halte ich für absolut un-italienisch. Da fehlt die Leichtigkeit, die Verspieltheit, der "Affetto", den Rossini von seinen Sängern fordert. Bei de Lucia klingt das alles so geplant, so künstlich, absolut unspontan.

Zitat

bemüht wirkende Perfektionsbestrebungen

passt genau. Aber es bleibt bei den Bemühungen. Er singt hier eine Buffo-Rolle, für die man einfach Spontaneität braucht, bei den "bösen" Tenorrollen bei Rossini kann ich ihn mir gut vorstellen.
De Lucia ist ein ungeeigneter Almaviva, aber vielleicht wäre er als "Seria-Tenor" bei Rossini besser gewesen.

Ich möchte dir jetzt nichts unterstellen, aber ich glaube, dass du vom Almaviva auf das komplette Rossini-Fach schließt. Daher meine etwas dreiste Frage, wie viele Rossini-Opern kennst du?

Zu den Rossini-Tenören: Jadlowker kenne ich nur vom Hörensagen [zumindest im Rossini-Fach, aber bei deutschen Rossini-Sängern bin ich skeptisch]
Wunderlich ist kein Rossini-Tenor.
Alva singt ungenau und unsauber, ihn stelle ich auf eine Stufe mit Clement. "der heulende Wolf." Er hat mich sogar mal zum Abdrehen bei einer Cenerentola gebracht, was ich sonst, gerade bei dieser Oper, nie mache.

Araiza hat eine strahlende Höhe und ein ebensolches Timbre. Er ist ein perfekter Rossini-Held, der erstens weiß, wie er die Koloraturen und Verzierungen anzubringen hat, er beachtet den Affetto. Leider hat die schwereren Rossini-Helden auch probiert, die ihm nicht so liegen.

Zitat

Florez sehr gut, aber gegen Ende reicht die Geläufigkeit für schnelle Passagen nicht aus.

Was meinst du mit Geläufigkeit?

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Theophilus

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Mittwoch, 14. November 2007, 00:30

Hallo Christian

Wie gesagt, die Beispiele, die innerhalb der Sendung gebracht wurden, waren wirklich beeindruckend. De Lucia klingt, wie schon mehrfach erwähnt, recht gewöhnungsbedürftig. Herkömmliches Material klingt im Vergleich zu Zwargs Transfers geradezu falsch.

Er behauptet von sich, die Originale nur sehr behutsam zu bearbeiten. Keinerlei Filterorgien. Er besitzt weltweite Kontakte und viele Sammler stellen ihm Schellacks zur Verfügung, so dass er immer über relativ gutes Ausgangsmaterial verfügt. Die Hauptarbeit liegt in der Frequenzanalyse, die an einem ersten Transfer gemacht wird. Für jede einzelne Nummer wird mittels Software die richtige Drehzahl ermittelt, mit der dann der heiße Transfer gemacht wird.

Die Truesound-Transfers haben sich schon einen recht guten Namen gemacht und besitzen in ihrer Nische einen ähnlich guten Namen wie bei populärerem Material Größen wie Ward Marston und Mark Obert Thorn. Ich habe vor kurzem eine Aufnahme von Alexander Girardi aus dem Jahr 1912 gehört. Und es war schon erstaunlich, wie stimmig sich das Timbre anhörte.

Ciao

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Theophilus

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15

Mittwoch, 14. November 2007, 00:45

Zitat

Original von Antracis
... Auf der Caruso-Edition bei Naxos bietet Ward Marston ja beispielsweise in Zweifelsfällen auch alternative Geschwindigkeiten, wenn die Unsicherheit sehr groß war (Beispiel Vol. 3, bei "Bella figlia dell´amore." in der Aufnahme 20/2/1907, einmal in Partiturtonart, einmal einen Halbton tiefer - was ja für einen Tenor schon eine Welt ist).

Das ist ein interessanter Punkt. Ich denke, man sollte in diesem Fall versuchen, das Pferd von der anderen Seite her aufzuzäunen. Wenn man von Carusos Aufnahmen Spektralanalysen macht und über entsprechende Software verfügt, müssten sich Überspielungen mit falscher Geschwindigkeit aufspüren lassen, bzw. müsste sich die richtige Abspielgeschwindigkeit ermitteln lassen. Denn wenn Caruso um einen Halbton tiefer singt, wandert das Spektrum nicht einfach linear mit, sondern muss sich auf charakteristische Weise verändern, da ja sein Körper anders resonniert. Das ist vielleicht noch ein wenig Zukunftsmusik, aber sicherlich machbar.

Ciao

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sobinov

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16

Mittwoch, 14. November 2007, 10:38

Herr Zwarg hatte in meiner Gegenwart einige seltene Aufnahmen aus meiner Sammlung auf seinen PC überspielt. Ich erhielt davon eine Kopie, teilweise mit verschiedenen Geschwindigkeiten und Entzerrungen, auf CD. Ich benötigte Material um untersuchen zu lassen, ob die betreffende Aufnahme (von c. 1893) von einem Kind oder einer Frau stammte. Leider kam die anschließende kriminaltechnische Untersuchung (Stimmerkennung), vermittelt über einen Bekannten dann doch nicht zustande. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben ...

In einem anderen Fall konnte zweifelsfrei eine frühe Raubpressung, eine Schallplatte von 1899, durch direkten Vergleich mit Zwargs reichhaltigem, gespeichertem Material identifiziert werden. Er ließ dabei das Original auf dem rechten Kanal und die vermutete Kopie auf dem linken Kanal laufen. Der Verlauf der Schallkurven ließ keinen Zweifel an der Tatsache der Fälschung aufkommen. Emile Berliner hatte die Raubpresserei schon vor über 100 Jahren angeklagt. Damals musste er sich jedoch auf sein Gehör verlassen, da die Produktfälscher sein eingepresstes Label bei der Kopie natürlich wegließen. Vor Gericht hatte er keinen Erfolg und kam damals auf die Idee, seine Markenzeichen ("Schreibender Engel" und "Die Stimme seines Herrn") mit in den Rillenbereich einzupressen. Die Kunden haben das offenbar nicht gutgeheißen - dieses Experiment wurde nach wenigen Aufnahmen abgebrochen.

Die Überspielungen auf CD sind für die weite Verbreitung der frühen Aufnahmen viel wert, allerdings macht man sich damit von den Klangvorstellungen der jeweiligen "Tonmeister" (jeder kann auf diesem Gebiet nach Lust und Laune tätig werden) abhängig. Das Original ist, wie die oben angeführten Beispiele zeigen, eben unübertroffen - und viele Schellackplatten und Hartwachswalzen sind nach wie vor für vertretbares Geld zu kaufen. Auch die originalen Abspielgeräte werden regelmäßig über ebay z.B. verkauft, wobei man mit etwa 500 EUR für brauchbare Qualität rechnen sollte.

Stephan

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17

Mittwoch, 14. November 2007, 11:20

Vielen Dank an alle für die Auskünfte und die eigenen Erfahrungen mit dem Thema.

@Joschi: Tja, was soll ich da streiten? Soll ich andere Autoritäten als mich anführen, die die meisten Deiner Wertungen verwerfen? Geschmack ist halt sakrosankt, auch wenn ich Deine Parameter nicht recht teile.
Mit Geläufigkeit meinte ich die Möglichkeit zur leichten und präzisen Ausführung schneller Koloraturen (etwa rascher Skalen).
Zu den Rossini-Opern: Ein paar sind mir schon geläufig (Cenerentola, Guillaume Tell, Scala di Seta, Barbiere, Turco in Italia), ich habe aber relativ deutlich gemacht, daß ich den Almaviva als Referenzpart meinte.
Daß Du ausgerechnet Araiza, den ich vom Timbre her schätze, als Muster sauberen Koloratur- und Ziergesangs anbringst, verwundert mich. Ein leicht meckernder, stetig aspirierter Vortrag, nichts besonders Positives in meinen Ohren.

LG,

Christian

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18

Mittwoch, 14. November 2007, 13:55

Hallo Christian,
du dürftest weit und breit der Einzige sein, der Florez "Geläufigkeit", so wie du sie interpretierst, abspricht!
Was Araiza betrifft: Wenn der nur eine Spur von gemeckert hätte, wäre er nicht lange Zeit mein Lieblingssänger gewesen, denn gegen Meckern bzw. ein Meckervibrato (siehe Calleja) bin ich absolut allergisch. Es gibt einige (auch berechtigte) Vorwürfe, die man ihm machen kann, aber das höre ich wirklich zum ersten Mal.
Wieder ein schönes Beispiel, wie subjektiv Stimmen empfunden werden :D
lg Severina :hello:

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19

Mittwoch, 14. November 2007, 15:02

Liebe Severina,

bitte nicht mißverstanden zu werden: Ich habe nicht kategorisch erklärt, Florez fehle es an Geläufigkeit. In meiner Version seines "Ecco ridente" (Pesaro 2007) empfand ich die Geläufigkeit am Ende der Arie als nicht ganz ausreichend für die rasanten Läufe. Das war schon alles, und insgesamt - das habe ich aber auch deutlich geschrieben - schätze ich Florez' Vortrag sehr.
Araiza (in der Aufnahme mit Baltsa und Thomas Allen) hat kein Meckervibrato - er aspiriert aber so stark, daß die einzelne Tonattacke meckernd bzw. leicht meckerig wirkt. Es ist schlicht nicht so ganz sein Fach. Übrigens habe ich ihn auch vor ein paar Jahren live gehört und war erschrocken über ein gewaltiges Tremolo.

LG,

Christian

severina

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20

Mittwoch, 14. November 2007, 17:53

Lieber Christian, wenn du Araiza erst vor wenigen Jahren live erlebt hast, glaube ich dir deine Kritik sofort, da befand er sich leider schon in einer stimmlich sehr bedenklichen Verfassung. Aber in den Achtziger- bis Mitte der Neunzigerjahre war er als Rossinitenor in seiner Generation konkurrenzlos.
lg Severina :hello:

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21

Mittwoch, 14. November 2007, 18:23

Gänsehaut

Hallo

Auf der Truesoundtransfers-Homepage kann man zwei Beispiele aus zwei neu erschienenen CDs von Frieda Leider anhören (Hallenarie und Don Giovanni). Nach über 80 Jahren ist bei diesen sensationellen Aufnahmen noch immer Gänsehaut garantiert!

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

musicophil

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22

Mittwoch, 14. November 2007, 18:44

RE: Gänsehaut

Zitat

Original von Theophilus
Auf der Truesoundtransfers-Homepage kann man zwei Beispiele aus zwei neu erschienenen CDs von Frieda Leider anhören (Hallenarie und Don Giovanni). Nach über 80 Jahren ist bei diesen sensationellen Aufnahmen noch immer Gänsehaut garantiert!

Lieber Theophilus,

Das "Du kennst nun den Frevler" ist, trotz eines etwas schleppenden Dirigats, wirklich eine Rachearie. :jubel:

LG, Paul
Wirklich schöne Musik rührt

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23

Mittwoch, 14. November 2007, 20:41

Auch wenn Off thread,

die Leider in Or sai chi l'onore ist auch schon in den "normalen" Aufnahmen (etwa bei Preiser) absolut umwerfend und meine Favoritin als Donna Anna.

LG,

Christian

petra

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24

Samstag, 5. Januar 2008, 19:59

Ich habe gerade eben Fernando de Lucia zum ersten Mal als Lohengrin gehört. Einerseits bin ich begeistert über die Delikatesse und die feinen Nuancen, mit der er die Brautgemach-Szene (mit Josefina Huguet), die Gralserzählung und den Abschied singt.

Wagner gehört zu den Komponisten, zu denen ich bisher wenig Zugang hatte und ich suche immer nach Sängern, die in seiner Musik Gesang und Deklamation vereinen können. Und bisher bin ich, was Aufnahmen aus der Schellackzeit angeht, oft bei Sängern gelandet, die nicht aus der Bayreuth-Tradition stammen, z.B. Walter Widdop oder Aureliano Pertile, den ich als Lohengrin sehr gerne höre.

Aber hier bei de Lucias Aufnahmen frage ich mich, so schön es sich anhört und so gern ich sie höre, ob das nicht stilistisch arg verfemdet ist, da Wagner zwar italienischen Wohllaut, aber nicht unbedingt die Stilelemente des Belcanto wollte. Oder irre ich mich da?

Wie beurteilt ihr diese Aufnahmen?

:hello: Petra
"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann." - Francis Picabia

petra

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25

Sonntag, 11. Mai 2008, 22:45

Eigentlich für diesen sommerlichen Pfingstabend viel zu traurig, aber in meinen Ohren eine Aufnahme für die einsame Schellack-Insel:

Die Canzone "Fenesta che lucive", gesungen von Fernando de Lucia.

LG Petra
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petra

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26

Montag, 23. Juni 2008, 08:19

Hallo zusammen,

Zitat

Original von Theophilus:
Man sollte sich an die Tranfers halten, die Christian Zwarg im Eigenverlag vertreibt ("http://www.truesoundtransfers.de/") und man macht eine ganz neue Erfahrung.


ich habe jetzt Theophilus´ Empfehlung ( :hello: ) aufgegriffen und mir zwei CDs aus diesem Katalog bestellt.
Mein Eindruck: Die Spuren von Abnutzung und Beschädigung sind aus den Aufnahmen weitgehend getilgt, die Aufnahmen sind dabei jedoch absolut nicht zu Tode gefiltert worden. Die Stimme de Lucias tritt viel deutlicher hervor, erscheint mir von dem bisherigen „Trichterklang“ und dem etwas „eierigen“ (weil mit zu langsamer Drehzahl aufgenommen?) Klang befreit, jedoch – entgegen Christians Befürchtung, die auch ich ein wenig hegte – absolut nicht „aufgehübscht“ oder künstlich. Man hat den Eindruck, dass hier mit viel Liebe zum Detail gearbeitet wurde; das charakteristische Timbre ist jedenfalls meiner Meinung nach unverkennbar erhalten geblieben.

Zitat

Original von Antracis: :
Die Tonhöhe kann man nicht als Referenz nehmen, weil es ja durchaus sein kann, dass der Sänger transponiert hat. Darauf wurde Jahrzehntelang bei Überspielungen (die ja darüberhinaus oft von engagierten Laien vorgenommen wurden) keine Rücksicht genommen.


Und hierin könnte auch ein Grund liegen, warum bei den alten de Lucia-Aufnahmen ein besonders falscher Eindruck entstanden sein kann: Gerade dieser Sänger hat ja seiner kurzen Höhe wegen sehr oft transponiert. Irgendwo habe ich einmal die Vermutung gelesen, de Lucia sei eigentlich ein Bariton gewesen, also eher ein „Tenor kraft Willensakt“. Für einen baryton martin erscheint mir das Timbre jedoch wiederum zu tenoral gefärbt, aber das können Gesangsexperten hier sicherlich besser beurteilen.

Ach ja, als Liebhaberin von Aufnahmen,die zwar im 20. Jh. gemacht wurden, stilistisch aber noch aus dem 19. Jh. herüberwehen, werde ich mir wohl den tanzenden Euro hier oben häufiger als Warnung vor Augen führen müssen ;) – allein von de Lucia gibt es dort 12 CDs :faint:, und aus dem Katalog ist er wahrlich nicht der einzige, den ich gern höre :faint: :faint: - da gibt es wirklich noch einige Schätze zu heben ...

:hello: Petra
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Antracis

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27

Freitag, 19. Dezember 2008, 12:49

Zitat

Original von petra

Ach ja, als Liebhaberin von Aufnahmen,die zwar im 20. Jh. gemacht wurden, stilistisch aber noch aus dem 19. Jh. herüberwehen, werde ich mir wohl den tanzenden Euro hier oben häufiger als Warnung vor Augen führen müssen ;) – allein von de Lucia gibt es dort 12 CDs :faint:, und aus dem Katalog ist er wahrlich nicht der einzige, den ich gern höre :faint: :faint: - da gibt es wirklich noch einige Schätze zu heben ...

:hello: Petra


Liebe Petra,

kennst Du die Aufnahmen des russischen Tenors Ivan Kozlovsky ? Ich finde sie im Zusammenhang mit dem Stil des 19. Jahrhunderts und vor allem im Speziellen mit dem Gesang von de Lucia sehr interessant. Kozlovsky hat noch in der 40er Jahren Aufnahmen gemacht, die stilistisch vollkommen im Geiste des 19. Jahrhunderts stehen und in ihren Extremen manchmal sogar de Lucia zu übertreffen scheinen. Exzessiver Einsatz von messa di voce und mezza voce, sowohl dynamische Extreme wie auch solche des Tempos. Interessant vor allem auch Aufnahmen von Rigoletto und La Traviata. Das wirkt stilistisch oft befremdlich, es stellt sich aber die Frage, ob dieses Singen nicht näher an den Uraufführungen der Stücke dran ist, als unsere heutigen Hörgewohnheiten. Auch im aktuellen Diskurs des Gedda-Threads stellte ich mir die Frage, ob er vom Sängertypus als Duca wirklich fehlbesetzt ist, oder doch eigentlich viel mehr historisch korrekter, als beispielsweise ein Domingo, der für viele heuzutage das Bild eines Herzogs prägt. Man Vergleiche dazu auch Stimmen, die Florez als zu leichtgewichtig für den Herzog ansehen.
Wie auch immer, ich plane im neuen Jahr, zu Kozlovsky einen eigenen Thread zu eröffnen, nachdem ich weitere Aufnahmen gehört habe. Vielleicht können wir angesichts dessen auch nochmal die grundsätzliche stilistische Thematik diskutieren, die hier im Thread schon angerissen wurde.
Interessierten empfehle ich diese CD



die für wenig Penunse einen guten Eindruck vom Sänger vermittelt. Aufgrund der aus dem Rahmen fallenden technischen Möglichkeiten sicher für jeden Gesangsliebhaber keine Fehlinvestition, allerdings cave: Alle Aufnahmen sind, den zeitlichen Umständen entsprechend, in russischer Sprache gesungen.

Liebe Grüße
Sascha

petra

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28

Samstag, 20. Dezember 2008, 12:47

Lieber Sascha,

ich kenne leider nicht sehr viele Aufnahmen von russischen Tenören der Schellackzeit, aber von den wenigen, die ich kenne, höre ich die Ivan Koslovksys am liebsten. Sein Timbre gefällt mir ausgesprochen gut und sein Duca, von dem ich leider auch nur Ausschnitte gehört habe, entspricht genau dem Bild, das ich von dieser Figur habe – leichtlebig, verspielt, charmant, die Rücksichtslosigkeit nicht demonstrativ, sondern eher indirekt zum Ausdruck bringend. Viele Tenöre des 20. Jh.s (leider auch Jussi Björling) haben ihn eher als vordergründigen Macho angelegt, vielleicht eine Folge des Verismo?

Über einen Koslovsky-Thread mit Diskussion der stilistischen Thematik würde ich mich daher freuen. Passenderweise steht auf meinem Wunschzettel auch Michael Henstocks Biographie über Fernando de Lucia, von der ich mir durch Berichte von Zeitzeugen auch Anmerkungen zum Stil seiner Zeit erwarte. Besonders interessant finde ich in dem Zusammenhang die Frage, wie dieser ja noch ganz am Belcanto geschulte Sänger auf den Verismo reagiert hat, dessen Werke er ja zum Teil gesungen und mit bekannt gemacht hat. Das was ich bisher an veristischen Schnipseln auf den Samplern gehört habe, gefällt auch mir, die ich nicht unbedingt ein Fan des Verismo bin, sehr gut, gerade weil de Lucia – wie auch z.B. Nellie Melba oder Mario Ancona – diese Musik nicht mit den später üblichen Drückern aufgeladen hat, sondern „nur“ in stilistischer Hinsicht ganz richtig ohne die Verzierungen des Belcanto singt.

Koslovsky seinerseits ist für mich auch deswegen ein interessanter Sänger, weil er noch wesentlich später, in der Blütezeit des Verismo, sehr stark auf die Stilmittel des Belcanto gesetzt hat. Mich würden z.B. auch seine Ausbildung und sein Werdegang in dieser Zeit interessieren. Er hat ja in den 40er und 50er Jahren eine ganze Reihe von Gesamteinspielungen in russischer Sprache gemacht; seinen Orfeo z.B. würde ich sehr gern hören, seinen Duca, Puccinis Rodolfo oder auch einige Rollenporträts aus den mir leider noch viel zu wenig bekannten russischen Opern.

Die von Dir empfohlene CD wäre sicherlich ein schöner Einstieg, und ich werde mir auch einmal wieder die Kassette mit den Filmen der Reihe „Belcanto- Tenöre der Schellackzeit“ heraussuchen, von denen ja auch einer Koslovsky gewidmet war.

Liebe Grüße
Petra
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29

Freitag, 29. Mai 2009, 15:57

De Lucia ist wirklich noch alte Schule. Er hat auch einiges an verismo-Rollen gesungen, mit Erfolg (bis Caruso kam...). Zwischen Schipa und De Lucia gibt es auch für mich einige Parallelen. Beide sind nicht gerade mit einer üppigen Naturstimme gesegnet, aber beide haben daraus das absolute Optimum herausgeholt. De Lucia war ein selbstkritischer Perfektionist, er arbeitete bis jeder Ton auch wirklich saß. Unvorstellbar perfektionierte Atemtechnik, auch bei Schipa. Mit der Höhe hatte er es nicht so und hat wirklich viel transponiert, daher auch die oft unstimmigen Wiederveröffentlichung was "pitch" betrifft. Da meckert er oft wirklich wie eine Ziege. Bei korrekter Tonhöhe hört man eine angenehme dunkel timbrierte warme Stimme, oft recht eigenwillige Tempi und Verzögerungen. Kein Sänger für Einsteiger, aber einmal gehört kehrt man gerne wieder zu ihm zurück.
Und für die neapolitanischen Lieder sind für mich die beiden erste Wahl.
Auch für seine Schüler mußte De Lucia sich nicht genieren:
Georges Thill
Gianna Pederzini
noch jemand - der fällt mir jetzt nicht ein (Bidu Sayao war glaube ich eher Schülerin von De Reszke?)
Von Michael Henstock gibt es eine sehr gelungene De Lucia Biographie.
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30

Samstag, 1. September 2012, 16:03

Wieder ein Thread in dem ich heute gestöbert habe. Dabei ist mir aufgefallen, daß es - soweit ich es in der Eile verfolgt habe - bei jpc keine CDs mit Aufnahmen von ihm gibt - und das obwohl er über 200 Schallplatten (Schellacks - mit 2 Arien pro Platte) aufgenommen hat.
Daher habe ich hier zu youtube verlinkt, wo es noch einige Arien zu hören gibt. Hier steht nun vorerst eine für alle



mit freundlichen Grüßen
aus Wien
Alfred

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