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Gerrit_Stolte

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1

Dienstag, 1. März 2005, 13:18

Konzerte und Bekleidungsvorschriften

Hallo,

die Moderation hatte freundlichst :P darauf hingewiesen, dieses Thema nicht im Thread über die Gaumenfreuden zu diskutieren. Also nun ein separater Thread:

Muss man sich entsprechend kleiden, um der Musik und den ausführenden Musikern den gebührenden Respekt zu bezeugen? Ich halte das für ziemlich überflüssig. Wie Claus schon andeutete, ist es mir völlig schnuppe, was jemand anzieht, wenn er ins Konzert oder in die Oper geht.

Es gibt Menschen, die sich keinen Anzug leisten können, aber dennoch ins Konzert gehen - weil sie die Musik lieben Und es gibt Menschen, die jeden Monat tausende von Euro für Kleidung ausgeben, aber deren Charakter derart verdorben ist, dass die Musiker besser auf deren "Respekt" verzichten können. Dass die Gelackten dann oft auch lediglich um des guten Tones willen ins Konzert gehen, braucht wohl nicht weiter ausgeführt werden ... Liebe zur Musik ist da oft nicht zu bemerken.
Gruß,
Gerrit

C.Huth

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2

Dienstag, 1. März 2005, 13:22

Hallo Thorsten

danke für den Thread - ich hatte gerade auch einen erwogen.

Wollte nur noch anmerken, dass sich für mich die Achtung vor der Musik nicht darin niederschlägt, in welchen Kleidern ich ihr entgegentrete - zu Hause werfe ich mich auch nicht in den Anzug, um Beethovens Eroica zu hören, sondern sitze durchaus im Morgenmantel auf meinem Hörplatz. Sondern vielmehr darin, dass ich mich mit ihr beschäftige und auseinandersetze.....

Nicht, dass man mich falsch versteht: Wer gerne im Anzug, im Smoking, im kleinen schwarzen, im Abendkleid in die Oper oder ins Konzert geht, mag das machen. Mir ist das recht. Ich erwarte nur umgekehrt, dass auch recht ist, dass ich das nicht mache.....

Beste Grüsse,

C.
Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

Karsten

Profi

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Registrierungsdatum: 16. Januar 2005

3

Dienstag, 1. März 2005, 13:43

Zitat


Original von Ulli:
also ehrlich... ich finde, man sollte der Musik und - nicht zuletzt - den ausübenden Künstlern einen gewissen Respekt zollen - mit anständiger Kleidung!!

Da muss man sich nur mal die Interviews und "musikalischen" Fragebögen von Künstlern in einschlägigen Werbe- und Fachblättern anschauen. Immer, wenn es um's Publikum ging ("Welche Publikum ist ihnen das liebste?" oder dergleichen), dann loben oder "wünschen" sich die Künstler Eigenschaften wie Aufmerksamkeit, Neugier, Aufgeschlossenheit, Begeisterungsfähigkeit usw. Das Mitbringen und "Zeigen" solcher Eigenschaften ist der "wahrhaftigste" Respektbeweis sowohl Künstler als auch Musik gegenüber.

Aber vielleicht ist jemandem mal von einem Musiker gehört/gelesen, der eine "ordentliche Abendgarderobe" zu den absoluten Essentials zählt...

Gruß
Karsten

P.S. Ja, ich gehe auch mal in Jeans und Turnschuhen ins Konzert... :yes:

Antracis

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4

Dienstag, 1. März 2005, 13:52

Interessant ist, dass in der Regel bei diesem Thema die eigenen Ansichten häufig auf die Künstler übertragen bzw. projeziert werden, um Sie zu rechtfertigen.
Der überzeugte Anzugträger meint nicht selten des Künstlers Leistung mit dem Anzug angemessen zu honorieren, ja unterstellt dem Nicht-Anzugträger sogar eine Herabwürdigung des Ausübenden durch nicht angemessene Kleidung. Umgekehrt glaubt der "Nicht-Beanzugte" widerum , dem Musikus durch seine legere Kleidung einen Gefallen zu tun, vielleicht sogar von Ihm als tiefgründiger Musikgenießer enttarnt zu werden ?

Ach ja, Psychoanalytiker haben in unserer Gsellschaft einen immensen Spaß. :D

Wie auch immer, ich erscheine im Konzert ohne Anzug, da ich einen solchen auch sonst nicht trage. Ich ziehe halt "normale" Klamotten an. Keine, die ich zum Sport tragen würde. Ich verdamme aber auch Anzugträger nicht, jedem das seine. Vollidioten sind mir im Konzertsaal nämlich schon in jeder Kleidung begegnet.

Gruß
Anti

Alfred_Schmidt

Administrator

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5

Dienstag, 1. März 2005, 14:06

Ich wolltem uins eigentlich diesen "Konflikt" ersparen, aber offenbar geht das nicht anders.........................

Hier sieht man auch schon eine grundlegenden Auffassungsunterschied:
Die feine Gesellschaft stellt Regeln für die Bekleidung auf, siehe Bekleidungsvorschriften in der Oper, aber sie drängt nicht drauf, daß die eingehalten werden. Wer die Regel bricht, wird lediglich dergestalt "bestraft", daß er ignoriert wird.
Das erklärt auch, warum amerikanische Touristen mit Jeans und Rucksack in die Oper dürfen: Man betrachtet sie nicht als vollwertig (obwohl man dies natürlich in der Öffentlichkeit nie zugeben wird, aber glaubt mir: Es ist (mehrheitlich) so.)
Wer dies in Kauf nimmt, der hat ja heutzutage (gegenüber früher) kein Problem. Lediglich imn den Genuss eines Opernabonemment wird er nie kommen, die werden hier üblicherweise vererbt und wenn eines frei ist, weil es zurückgegeben wurd, so warten schon etliche aus bestem Haus (oder aber mit Referenzen aus besten Häusern) auf die Zuteilung.
Konzertbetrieb ist, im Gegensatz zum Abhören via CD, nunmal ein gesellschaftliches Ereignis, wer das negiert, begibt sich in die alleinige Abhängigkeit von staatlichen Subventionen, und wohin das führ sieht man ja.
Ich selbst ging in meiner Jugend nur sehr aufwendig gekleidet in die Oper, wobei ich in meiner Jugend auch vor einem Hauch Make up nicht zurückschreckte, was eine Arbeitskollegin die mich zufällig sah, am nächsten Tage fragte: Gestern in der Loge, waren das SIE ?? Sie sind ja regelrecht schön, das hab ich noch nie bemerkt !! " (davon ist leider nichts mehr geblieben X( )

Tja mit Musik hat das wahrlich wenig bis nichts zu tun, aber sehr wohl mit Konzerbetrieb und Opernerlebnis. Wenn man, wie Herr Mortier es jahrelang praktizierte die Salzburge Festspiele "populär" machen möchte, dann bleibt am Ende ein Festival wir tausend andere, und das wäre schade, ven das "Einzigartige" verloren ginge.

Machen wir uns nichts vor: Glyndbourne war selbstverständlich ein musikalisch hochwertiges Festival, aber gekommen sind die Leute in erster Linie, weil es ein gesellschaftliches Ereignis war.

Wenn der Besuch von Konzerten zum "Alltagserlebnis " wird, dann wird die "Klassische Musik im Konzert" aussterben, weil sie dann jenen vielbespuckten Anhängerkreis verliert, der das meiste davon finanziert.

So und jetzt bitte ich um maßvolle Antworten, ich bin erst am Abend wieder online, werde aber dann alles genau lesen.

Ich selbst hätte dieses Thema NIE angeschnitten ("darüber spricht man nicht, das ist unfein, jeder muß wissen wie er sich zu kleiden hat")
Aber ihr habt es ja nicht anders gewollt.........

mit freundlichen Grüßen aus Wien

Alfred

MIT ARBEIT VERSAUT MAN SICH DIE GANZE FREIZEIT

Karsten

Profi

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6

Dienstag, 1. März 2005, 14:15

Zur Kleidung der Musiker:

Vielleicht sollte man sich auch vergegenwärtigen, dass der "Einheitsdress" eines Profi-Musiker-Ensembles (Orchester, Chor...) in erster Linie schlicht und einfach "Arbeitskleidung" ist, die auf gewissen Traditionen beruht. In den Proben (oder bei Aufnahmen), wo sich die Musiker ja besonders "intensiv" mit der Musik auseinandersetzen, tragen sie Alltagskleidung - wieso beschwert sich da eigentlich niemand? ;)

Im Rahmen von Überlegungen, wie man mehr Jugendliche für klassische Konzerte gewinnen könnte, wurde einmal von Seiten der Orchestermitglieder der Vorschlag abgelehnt, in Alltagskleidung aufzutreten. Dies hat einfach dem Selbstverständnis der Musiker widersprochen: die einheitliche Kleidung (sei es Frack oder Anzug) unterstreicht eben die Einheit des Ensembles als ein Klangkörper. Man tritt eben als EIN Orchester, EIN Chor auf.

Gruß
Karsten

Heinz

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7

Dienstag, 1. März 2005, 14:38

Wurde Gulda eigentlich schon mal im Frack gesehen, oder Nigel Kennedy...?

Ich denke, es hängt schon auch damit zusammen, welches Zielpublikum man ansprechen möchte.

Albus

Profi

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8

Dienstag, 1. März 2005, 15:28

Tag,

von Künstlern lernen? - Zum Beispiel Paul Badura-Skoda, erschien im Fernsehstudio von Radio Bremen im Frack: "Die Hammerklaviersonate ist unsere Neunte!" Setzte sich langsam an den bereiten Flügel. Das Publikum an den Fernsehern hatte verstehen können: ein Fest stand bevor.

Konzert, Oper, Bekleidungsvorschriften: die Tatsache der sozialen Schichtung - Egalität hin und her - findet sich in den Platzkategorien wieder. Es gibt auch den Lebenszyklus von der Galerie, den Sichtplätzen, über die oberen Rangreihen, eine Loge hier oder dort, bis auf einen der besten Plätze (wo die zu finden sind sagt einem der Beranek, Concert Halls and Opera Houses). Trifft man dort auf das bekannte Ehepaar Soundso, gewissermaßen unter Freunden, dann hebt festliche Kleidung die Stimmung ins Festliche. Möge die Gelegenheit dem Fest als Anlass und Stoff dienen. Dann ist's wunderbar, so dabei zu sein.

Die soziale und personale Situation macht, dass man zum Fest beiträgt oder befindet 'anything goes'.

MfG
Albus

Ulli

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9

Dienstag, 1. März 2005, 16:38

Zitat


Original von mir selbst

[...] mit anständiger Kleidung!!


Salut,

da hab' ich ja was ins Rollen gebracht...

Ich selbst trage übrigens auch nicht unbedingt einen Anzug, aber ein "schickes" Hemd mit einer passenden Kravatte, einer dunklen Stoffhose (braun, schwarz, dunkelblau)... so geht's doch, oder?

Was würde denn das Publikum sagen, wenn das Orchester in Pullis und Jeans herumlungerte?

Zitat


Das Mitbringen und "Zeigen" solcher Eigenschaften ist der "wahrhaftigste" Respektbeweis sowohl Künstler als auch Musik gegenüber.


Das gehört ohnehin dazu, egal welche Kleidung man trägt.

Zitat


Wurde Gulda eigentlich schon mal im Frack gesehen, oder Nigel Kennedy...?


Das ist ja schon wieder eine eigene Kunstform.

Viele Grüße, Ulli


(Hoffe, Alfred, Du bist nach Deiner Rückkehr nicht zu entsetzt).
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

Theophilus

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10

Dienstag, 1. März 2005, 16:46

Hallo Heinz

Zitat

Wurde Gulda eigentlich schon mal im Frack gesehen


Natürlich, ist aber schon ziemlich lange her (ca. 35 - 40 Jahre). ;)

Ciao

Ciao

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C.Huth

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11

Dienstag, 1. März 2005, 17:58

Hallo Alfred,

in Wien mögen die Uhren ja noch anders ticken, aber ich kann mir dosierten Widerspruch freilich nicht verkneifen......

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
Hier sieht man auch schon eine grundlegenden Auffassungsunterschied:
Die feine Gesellschaft stellt Regeln für die Bekleidung auf, siehe Bekleidungsvorschriften in der Oper, aber sie drängt nicht drauf, daß die eingehalten werden. Wer die Regel bricht, wird lediglich dergestalt "bestraft", daß er ignoriert wird.


Freilich: Wenn *das* die Elite der Klassischen Musik ist, mag ich auf sie verzichten ;) Ich dachte eigentlich immer, dass eine offene Haltung zur guten Erziehung gehört, hier muss ich gerade lesen, dass es eher nicht so zu sein scheint.

Zitat


Konzertbetrieb ist, im Gegensatz zum Abhören via CD, nunmal ein gesellschaftliches Ereignis, wer das negiert, begibt sich in die alleinige Abhängigkeit von staatlichen Subventionen, und wohin das führ sieht man ja.


Offen gestanden verstehe ich Deinen Brückenschlag zwischen dem gesellschaftlichen Ereignis (zweifellos, aber ist das ein Grund, mit dem man begründen kann, wie man sich zu kleiden hat??) zu den Subventionen nicht: Der Industriemagnat samt Gattin sitzt auf teuren Plätzen, keine Frage, aber seine Karte ist genauso subventioniert wie die des Studenten in Jeans auf dem Stehplatz. Dieser Realität muss man schon in die Augen sehen....

Und klar, es gibt wohlhabende Leute, die sich als Mäzene betätigen. Das ist löblich. Das ist wichtig. Wichtig dabei ist aber auch, denke ich, dass das auch mit einer gewissen Offenheit und aus dem Bewusstsein heraus gemacht wird, dass Kunst essentiell ist.

Zitat


Ich selbst hätte dieses Thema NIE angeschnitten ("darüber spricht man nicht, das ist unfein, jeder muß wissen wie er sich zu kleiden hat")


Ich denke, es ist gerade wichtig, ein Thema wie dieses anzusprechen, wenn man sich gegenseitig besser kennenlernen will in solch virtuellem Raum!

Freundliche Grüsse,

C.
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Theophilus

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12

Dienstag, 1. März 2005, 19:39

Hallo C.H.

Zitat

Der Industriemagnat samt Gattin sitzt auf teuren Plätzen, keine Frage, aber seine Karte ist genauso subventioniert wie die des Studenten in Jeans auf dem Stehplatz. Dieser Realität muss man schon in die Augen sehen....


Das große Einmaleins reicht aus, um deine Aussage zu widerlegen. Nehmen wir der Einfachheit halber an, dass die WSO im Durchschnitt 300,-- für eine Karte verlangen müsste, um subventionsfrei operieren zu können. Dann hat der Magnat, der 250,-- bezahlt hat, zwar auch eine subventionierte Karte, sie ist aber keinesfalls genauso subventioniert wie die 5,-- Stehplatzkarte des Studenten.

Ansonsten stimme ich dir zu, dass Alfreds Argumentation eine ziemlich weiter Brückenschlag war. Er hat zwei Fakten in Verbindung gebracht, die zwar jede für sich Sinn machen, aber doch auch weit auseinanderliegen.

Aber auch deine Argumentation scheint auf etwas tönernen Füßen zu stehen. Wenn ich dich recht verstanden habe, willst du in Jeans und T-Shirt auf eine Veranstaltung gehen, bei der nach allgemeiner Gepflogenheit eine angemessene Kleidung erwartet wird. Jetzt reicht es dir nicht, dass du problemlos akzeptiert wirst, sondern du willst auch noch willkommen sein, obwohl du es bist, der sich gegenüber der vorhandenen Gesellschaft (un)bewusst abgrenzt. Das ist zwar im utopischen Sinn vielleicht eine wünschenswerte Vorstellung, in der Praxis spielt es das aber nicht (du weißt schon: "Gleich und gleich gesellt sich gern").

Ciao

Ciao

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Alfred_Schmidt

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13

Dienstag, 1. März 2005, 21:31

Zunächst einmal:

Ihr wart alle wunderbar! Keine Klassenkämpfe in meiner Abwesenheit :D

Nun nehm iche Stellung zu einzelnen Aussagen:

Zitat

Ich dachte eigentlich immer, dass eine offene Haltung zur guten Erziehung gehört, hier muss ich gerade lesen, dass es eher nicht so zu sein scheint.


Das ist jetzt die Frage, WER hier WOZU erzogen werden soll?

Ich weiß nicht wer die Sendung gesehen hat (es handelte sich um eine Art deutscher Opernball-Verschnitt), Da wurde ein älterer Herr (in irgendeiner Organisationsfunktion) gefragt, wie er , der er doch adelig wäre den Titel xy führe (Es folgte ein ellenlanger Name) im Interview angesprochen werden möchte. Der Adelige dachte kuirz nach und machte dann einen "Kompromissvorschlag" in dem er einge Zeilen de Zitels wegließ. Darauf folgte die Frage: Was denn den Adel vom den Bürgerlichen unterscheide (Schlechtes Benehmen der Moderatorun, solch eine Frage stellt man´nicht !!) Der adelige Herr dachte etliche Sekunden nach, man sah förmlich wie Wahrheitsliebe und gure Erziehung miteinander rangen. Schließlich begann er zu erklären, daß es natürlich auch sehr viele Nicht-Adelige gäbe mit hohem Niveau und ethischem Bewusstsein, jedoch beim Adel sei dies gewissermaßen schon der übliche Standard, auf den könne man bauen. Dann folgte noch ein mühsam herausgewürgtes Statement, daß man in unsererer modernen Zeit natürlich beste Kontakte auch zu Nicht-Adeligen pflege. Natürlich - - "aber manchmal.....
...ist man halt lieber unter seinesgleichen"

Also man IST ja offen, man lässt es (im Gegensatz zu früher) zu, daß sich jeder kleidet wie er möchte. Wirklich feine Leute rümpfen auch nicht die Nase, machen keine spitzen Bemerkungen, sie geben sich (scheinbar) ungezwungen. Aber an sich bist Du für die schon "erledigt", man wird es Dir aber NIE sagen oder zeigen, es sei denn, du würdest um die Hand ihrer Tochter anhalten.
Dann würdest Du mit Sicherheit (mit Gold verbrämt) erfahren, was Du wirklich in deren Augen wert bist, und daß es bei aller Weltoffenheit einfach UNDENKBAR wäre....... ;)



------------------------------------------------------

Zu den Musikern:

Da gibt es verschieden Ansichten.

Wenn wir davon ausgehen, daß der Konzertbetreib immer noch mehrheitlich von einem elegant-konservativen Publikum beherrscht wird,
so ist es für die Musiker sicher angenehmer in einer Kleidung aufzutreten sie sie mit dem Publikum auf eine Stufe stellt,
als in eine Overall (jetzt übertrieben formuliert)
Viele Musiker träumen sowieso davon eine Karriere als gefeierter
Solist zu haben, dann müssen sie sehen, daß ihnen Leute aus
Billigländern vorgezogen werden und sie sitzen, wenn sie Glück
in irgendeinem besseren Orchester, einer von vielen.
Jetzt willst Du diesem, ohnedies unter seinem Wert gehandelten Musiker
noch vorschreiben er solle in Jeans und Turnschuhen auftreten, nur daß er ein Publikum aus Jeans- und Turnschuhträgern nicht verschreckt ??
(Das ist ein bisschen viel verlangt, meine ich)

--------------------------------------------------------------------------------

Mein Brückenschlag zu den Subventionen war unverständlich ?
Bitte sehr, gerne . (übrigens die Oper ist Subventioniert, der Wiener Musikverein nicht oder kaum) Alles kommt aus privater Hand. Der amerikanische Mäzen Alberto Vilar versprach, einen der vier neuen Säle des Wiener Musikvereins mitzufinanzieren. GegenLeistuing: Der Saal solte Vilar-Saal heißen. Leider ging Herrn Vilar das Geld aus. Macht nichts, in Wien ist man flexibel: Der Mlliardär Stronach sprang mit rund 5 Millionen Teuro ein, dafür heiß der Saal jetzt nach seiner Firma Magna-Saal. (Gut daß nicht MCDagobert der Sponsor war !!)
Hier geht es nicht um Musik, hier geht es um persönliche Eitelkeiten.
Es ist eine Ehre den Muisikverein zu sponsern, diejenigen die ihn sponserten wurden unsterblich, eine der Straßen die ihn umgeben heisst Dumbastraße, nach jenem Industrieellen der 1870 den Bau überhaupt erst ermöglichte.
Aber das wäre für ein Turnschuhpublikum völlig uninteressant, da ist nichts zu holen, weder Gegengeschäfte noch gesellschafliche Reputation.
Un dann- hier schließt sich der Kreis,- muß die öffentliche Hand einspringen. - wenn sie will und kann.

-------------------------------------------------------------------------

Nun noch zu Gulda und (wie heißt der andere ???? :D)

Gulda wurde hier als äusserst talentiertes "Enfant Terrible" gesehen und akzeptiert, solange er Klavier spielte, redete er ja nicht.....:D


Tja, und was hat nun das Ganze gebracht ?
Jeder von uns wird so gekleidet ins Konzert gehen wie er will ......

mit freundlichen Grüßen

aus Wien

Alfred

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Susanne

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14

Dienstag, 1. März 2005, 22:39

Kleiderordnung

Eine Bekannte von mir, die in Finnland lebt, hat mir vor Jahren mal erzählt, daß es in Finnland völlig normal ist, daß man beim Besuch eines klassischen Konzertes oder einer Oper sowohl auf Anzugträger stößt als auch auf Gothic Rocker mit schwarzem Ledergewand. Und man sitzt sehr freundschaftlich zusammen, als wäre es die normalste Sache von der Welt. Dieses bestätigte sich mir selbst, als wir abends in unsere Lieblings-HardRock-Bar gingen und sich mir das gleiche Bild präsentierte.
8)

Also, ich gebe ja zu, daß ich schon ziemlich eitel bin und mich für den Opern-/Konzertgenuß "zurechtmache", aber so, daß zu meinem Stil paßt und ich nicht das Gefühl habe, mich zu verkleiden. Ich käme mir z.B. in einem pompösen Abendkleid verkleided vor.

Aber ist es nicht auch ein Genuß, gerade bei den Salzburger Festspielen, die Leute in ihren Kleidern zu beobachten? ;)

Ich glaube, die Musiker interessiert es reichlich wenig, was die Leute für eine Kleidung tragen. Die größte Honorierung, die man als Publikum dem Musiker geben kann, sind z. B. Standing Ovations und nicht der Boss-Anzug.

Viele Grüße aus der Kälte,
Susanne

Heinz

Profi

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15

Dienstag, 1. März 2005, 23:28

Alfred schrieb:

Zitat


Jetzt willst Du diesem, ohnedies unter seinem Wert gehandelten Musiker noch vorschreiben er solle in Jeans und Turnschuhen auftreten, nur daß er ein Publikum aus Jeans- und Turnschuhträgern nicht verschreckt ?? (Das ist ein bisschen viel verlangt, meine ich)


Hallo Alfred,

ich glaube eigentlich nicht, daß irgend jemand von einem Musiker verlangt, daß er mit Jeans und Turnschuhen auftritt. Aber ein Musiker sollte so auftreten dürfen, wenn er sich damit wohler fühlt. Ansonsten kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen, daß sich bei mir noch nie jemand beschwert hat wegen meiner Jeans und meiner Turnschuhe - weder als Konzertbesucher noch als Musiker auf der Bühne. Okay, es gab einige vorsichtige Versuche, mir karierte Hemden auszureden, aber das ist eh zwecklos :D :D :D

Gruß
Heinz

Theophilus

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16

Dienstag, 1. März 2005, 23:59

Hallo Heinz

Zitat

Aber ein Musiker sollte so auftreten dürfen, wenn er sich damit wohler fühlt.


Offensichtlich hast du nie ein Bild von Friedrich Gulda gesehen, wenn er im gewagten Hawaii-Hemd auf der Bühne saß und herrlichsten Mozart spielte. :)

Ciao

Ciao

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Ulli

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17

Mittwoch, 2. März 2005, 00:04

Salut,

nochmals meine persönliche Ansicht darüber, um das klarzustellen, da ich niemandem etwas böses will (zumindest diesbezüglich nicht):

Ich bin kein Verfechter der Kleider-Machen-Leute-Theorie, will meinen: Ich zolle dem von mir besuchten Künstler nicht durch den ggfs. vorhandenen Wert meiner Kleidung meinen Tribut, sondern ich bin einfach der Ansicht, dass eine gewisse angemessene Kleidung auch etwas über die Wertschätzung des Gegenübers aussagt. Ich will mich nicht mit Kleidung präsentieren, sondern lediglich ein angemessenes Erscheinungsbild abgeben.

Würden nun alle Konzert- oder Opernbesucher in "leichter" Kleidung herumirren, würde das ganz schön an dem Flair eines solchen "Festes" kratzen, oder?

Viele Grüße
Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
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Ulli

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18

Mittwoch, 2. März 2005, 00:08

Zitat


Offensichtlich hast du nie ein Bild von Friedrich Gulda gesehen, wenn er im gewagten Hawaii-Hemd auf der Bühne saß und herrlichsten Mozart spielte.


Salut,

der Künstler steht ja wohl auch an dem Abend im Mittelpunkt und ist eigentlich selbst schon ein Stück Kunst, was durch seine Kleidung - die ja letztlich doch irgendwie sein Inneres preisgibt - noch verstärkt wird. Der Künstler leistet ja immerhin während des Konzertes etwas, während der Besucher lediglich auf dem Stuhl hockt und (vielleicht) zuhört.

Grüße, Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

Gerrit_Stolte

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19

Mittwoch, 2. März 2005, 00:18

Zitat

Original von Ulli
Ich bin kein Verfechter der Kleider-Machen-Leute-Theorie


Zitat

Würden nun alle Konzert- oder Opernbesucher in "leichter" Kleidung herumirren, würde das ganz schön an dem Flair eines solchen "Festes" kratzen, oder?


Entschuldigung, aber der zweite Satz widerlegt Deinen ersten. Und zwar radikal.

Wie wäre es, wenn jeder das anzieht, was er für angemessen hält und was er sich leisten kann? Anzüge kosten 'ne ganze Stange Geld, für die man sich locker ein paar Konzertkarten kaufen kann. Da sind mir Jeans allemal lieber als ein Anzug, der meinen Genuss in keinster Weise steigert.

Sidenote: Komme gerade von einem Konzert (beide Chopin-Konzerte arrangiert für Klavier mit Streichquintett, wow?!), in dem zwei Damen sich genötigt sahen, trotz Husten Karten zu erwerben (an der Abendkasse und schon hustend). Die haben während des Konzerts jeweils sechs (!) Hustenbonbons gelutscht: sechs Mal Knistern über mehrere Sekunden, danach sechs Mal Hustenanfall (nachdem das Bonbon den Schleim gelöst hat). Waren hervorragend gekleidet, aber Ihr Verhalten gegenüber den Musikern und dem Rest des Publikums war respektlos, da hätten sie auch ungewaschen und stinkend kommen können.

Aber vielleicht haben Sie ja geglaubt, Sie dürften das, von wegen Tickets bezahlt und gute Kleidung und die lauten Musiker sollen doch einfach mal ruhig sein, wenn sich die Gesellschaft trifft ...da kann man ja gar nicht mehr quatschen.
Gruß,
Gerrit

Gerrit_Stolte

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20

Mittwoch, 2. März 2005, 00:29

Zitat

Original von Theophilus
Hallo C.H.

Zitat

Der Industriemagnat samt Gattin sitzt auf teuren Plätzen, keine Frage, aber seine Karte ist genauso subventioniert wie die des Studenten in Jeans auf dem Stehplatz. Dieser Realität muss man schon in die Augen sehen....


Das große Einmaleins reicht aus, um deine Aussage zu widerlegen. Nehmen wir der Einfachheit halber an, dass die WSO im Durchschnitt 300,-- für eine Karte verlangen müsste, um subventionsfrei operieren zu können. Dann hat der Magnat, der 250,-- bezahlt hat, zwar auch eine subventionierte Karte, sie ist aber keinesfalls genauso subventioniert wie die 5,-- Stehplatzkarte des Studenten.


Deine Rechnung zeigt, dass Du das große Einmaleins nicht beherrschst. Die 250-Euro-Karten wären eher an der 1000-Euro-Grenze ohne Subventionen.
Gruß,
Gerrit

Theophilus

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21

Mittwoch, 2. März 2005, 00:38

Hi T.M.

Zitat

Die haben während des Konzerts jeweils sechs (!) Hustenbonbons gelutscht: sechs Mal Knistern über mehrere Sekunden, danach sechs Mal Hustenanfall (nachdem das Bonbon den Schleim gelöst hat). Waren hervorragend gekleidet, aber Ihr Verhalten gegenüber den Musikern und dem Rest des Publikums war respektlos, da hätten sie auch ungewaschen und stinkend kommen können.


Ein ganz krasses Beispiel, das in ähnlicher Form leider 'Bühnenalltag' ist. Gutmütiger Kerl der ich bin, kommt mir doch schon regelmäßig die Galle hoch, wenn ich mitanhören muß, wenn in der Oper die ganze Pause vertratscht wird und dann nachdem das Licht wieder ausgegangen ist und der nächste Akt beginnt, rundherum die Lutschbonbons ausgewickelt werden. Ich habe noch nicht herausfinden können, was die Leute davon abhält, das zwei Minuten früher zu machen, wo sie niemanden stören. Aber die Rücksichtslosigkeit hat Methode...

Ciao

Ciao

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Alfred_Schmidt

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22

Mittwoch, 2. März 2005, 00:45

Zitat

Deine Rechnung zeigt, dass Du das große Einmaleins nicht beherrschst. Die 250-Euro-Karten wären eher an der 1000-Euro-Grenze ohne Subventionen


Das ist ja im Prinzip wurscht.

Tatsache ist, daß die 250 Euro Karte um 245 Euro WENIGER subventioniert werden musste, als die des Studenten.

Wobei all jene Spenden, die eitle Millionäre machen um in goldenen Lettern in eine Marmortafel eingraviert werden noch nicht ins Kalkül gezogen wurden, sie entlasten den Magnaten, den Studenten jedoch nicht.

Beste GRüße
aus Wien
Alfred

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Theophilus

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23

Mittwoch, 2. März 2005, 01:16

Hallo T.M.

Zitat

Deine Rechnung zeigt, dass Du das große Einmaleins nicht beherrschst. Die 250-Euro-Karten wären eher an der 1000-Euro-Grenze ohne Subventionen.


Das ist Unfug. Die WSO hat ca. 2200 Plätze. Nach deiner Rechnung würde also ein Abend 2,2 Millionen Euro Kosten. Die WSO ist ein Luxusbetrieb, aber so teuer ist sie auch wieder nicht (die WSO hat nahezu 100% Auslastung, du kannst das nicht mit den Auslastungszahlen der meisten Häuser in der Bundesrepublik vergleichen! :D )!

Ciao

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der Lullist

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24

Mittwoch, 2. März 2005, 01:19

Hallo,

Mit der Kleidung halte ich es so, ich bin ohnehin eher konservativ gepolt, auch wenn man das mir nicht ansieht wenn ich im Atelier stehe, doch wenn ich könnte würde ich den ganzen Tag im Frack rumlaufen...

Ein Konzert, bzw. eine Oper ist für mich ein ganz besonderes Ereignis, wozu es wegen der Investition, nicht allzu oft kommt.
Um dieses Gefühl des Besonderen noch zu unterstreichen werfe ich mich dann in Schale. Das hat weder mit Respekt vor den Künstlern zu tun (Von der Bühne sieht man das Publikum eh kaum und es interessiert auch nicht) noch mit Hintergedanken in der Art "seht her ich trage eine Krawatte - jetzt bin ich wer..." (Obwohl man im Kaufhaus mit Kulturbindfaden wesentlich besser bedient wird).

Ich mache es für mich.

Ulli

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25

Mittwoch, 2. März 2005, 10:00

Kleider machen Leute (?)

Salut, Thorsten und alle anderen,

Nein, meine beiden Sätze, die Du zitierst, widersprechen sich in keinster (gesteigerter negativer Superlativ, den es nicht gibt) Weise:

„Kleider machen Leute“, die Novelle von Gottfried Keller, auf die ich mich beziehe, handelt im Kern von einer (von dem Schneidergesellen) hingenommenen Hochstapelei. Hingenommen deshalb, weil er es zwar nicht geplant, aber auch nichts dagegen unternommen hat, dass die Menschen, denen er begegnet, ihn für einen „elitären“ Mann halten, der er (eigentlich) nicht ist. So ist es jedenfalls von dem Schriftsteller gewollt und dargestellt. Am Rande sei bemerkt, dass er es meiner Meinung nach noch eher ist, als die wirkliche „Elite“ in dieser Novelle.

Will meinen: Für mich kommt eine solche „Hochstapelei“ nicht in Frage, da ich lediglich Kleidung trage, die ich mir leisten kann und will und die „im Rahmen“ ist, also keine Angeberei oder gar Hochstapelei. Ein Anzug oder Frack oder dergl. befindet sich überhaupt nicht in meiner Garderobe...

Was widerspricht jetzt meiner Ansicht, dass „angemessene“ Kleidung für ein Konzert oder eine Oper in Frage kommt? Eben dies ist (im verallgemeinerten Übertragenen, was Sinn einer Novelle oder Fabel ist) die Aussage der Novelle, oder irre ich?

Wichtig ist eben auch, dass die Betrachter der Szene sich selbst betrügen, wenn sie glauben, dass die gut gekleidete Person etwas besonderes darstellt. Und dem ist eben in vielen Fällen nicht so. Da gebe ich Euch allen Recht!

Und noch etwas: Das Bonbon-Papier-Geknister gehört doch wohl auf eine Ebene mit der „Kleiderordnung“? Was gibt es da zu unterscheiden?

Nun zu der Praxis:

Ein praxisnahes Beispiel hier aus der Region: In Baden-Baden existiert das bekannte Casino, die Spielbank. Dort ist ein Zutritt ausschließlich Menschen in „angemessener“ Kleidung – also Frack oder Anzug mit Kravatte – gestattet. Egal, ob sie Geld haben oder nicht. Kommerziell gesehen macht das natürlich keinen Sinn, da sicherlich viele mit viel Geld die Spielbank verschmähen, weil sie „keinen Bock“ haben, sich in Schale zu werfen. Die „Kleiderordnung“ ist in diesem Fall allein für das „gepflegte“ Ambiente verantwortlich und gewollt.

Das soll jetzt nicht heißen, dass Jeans- und Turnschuhsträger nicht gepflegt sind...

@Alfred und C. Huth: Ich finde auch, dass so ein "Online-Wettstreit" nützlich ist und Spaß macht. Immerhin ist die klassische Übersetzung von "Wettstreit" = "Konzert", im positiven Sinne gemeint.

Viele Grüße
Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

Heinz

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26

Mittwoch, 2. März 2005, 10:11

Zitat

Original von Theophilus
Offensichtlich hast du nie ein Bild von Friedrich Gulda gesehen, wenn er im gewagten Hawaii-Hemd auf der Bühne saß und herrlichsten Mozart spielte. :)
Ciao



Ich find ja eh, daß ein Hawaii-Hemd besser zu Mozarts Musik paßt als ein schwarzer Frack ! (Wenn sichs nicht grad um das Requiem handelt)

Theophilus

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27

Mittwoch, 2. März 2005, 10:30

RE: Kleider machen Leute (?)

Hi Ulli

Zitat

Das Bonbon-Papier-Geknister gehört doch wohl auf eine Ebene mit der „Kleiderordnung“? Was gibt es da zu unterscheiden?


Dass ersteres eine Störung im Kunstgenuss ist, während zweitere - wenn überhaupt - eine rein periphere Geschichte ist, die die Veranstaltung an sich nicht tangiert...

Ciao

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Karsten

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28

Mittwoch, 2. März 2005, 10:32

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
Zu den Musikern:
[...]
Jetzt willst Du diesem, ohnedies unter seinem Wert gehandelten Musiker
noch vorschreiben er solle in Jeans und Turnschuhen auftreten, nur daß er ein Publikum aus Jeans- und Turnschuhträgern nicht verschreckt ??
(Das ist ein bisschen viel verlangt, meine ich)

Wie kommst du da drauf?

Ulli

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29

Mittwoch, 2. März 2005, 10:57

RE: Kleider machen Leute (?)

Zitat


Original von Theophilus

Dass ersteres eine Störung im Kunstgenuss ist, während zweitere - wenn überhaupt - eine rein periphere Geschichte ist, die die Veranstaltung an sich nicht tangiert...


Da scheiden sich eben die Geister...

Gruß, Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
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Alfred_Schmidt

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30

Mittwoch, 2. März 2005, 11:25

Hallo,

Es ist lediglich eine Frage der Einstellung

Edle Kleidung (ich meine damit nicht unbedingt teure, es gibt genug Beipiel. Wenn eine Kleiderserie beispielsweise "Chef" heißt, bedeutet das nich unbedingt daß sie qualitativ hochwertig ist, sie könnte unter Umständen lediglich überteuert sein.....) signalisiert guten Geschmack, ein anspruchsvolles Wesen, das sich selbst nicht als "einer von vielen" sonderm als "etwas besonderes" sieht, diese Leute gehen dan halt ins Reastaurant anstelle einen Frißconter aufzusuchen und einen dubios riechenden BigDreck hinunterzuwürgen, den ich nicht einmal meiner (nicht mehr lebenden) Katze zugemutet hätte. Sie verwenden gut riechendes Eau de Cologne, wobei sie eben auf andere, für sie unwesentliche Dinge verzichten, um sich das alles leisten zu können. Wenn man die Handy-Rechnungen diverser Jugendlicher auch nur erahnt, wenn man sieht wie überteuert manches T-Shirt ist, dan weiß man was ich meine.
Die elegante Kleidung in Konzert und Oper ist lediglich ein "Symbol" für "gehobenen Geschmack", und wer wollte den nicht für sich beanspruchen ? Wir haben heute die Freiheit und so aufwendig zu kleiden, wie wir wollen. Das war nicht immer so: Frühere Jahrhunderte bestimmten, welche Hutformen und welche Farben dem Adel vorbehalten waren (ein Extremfall der Hermelin, der für Monarchen bestimmt war) um den Unterschied zum Bürgertum zu betonen. Ich fühle mich nicht verkleidet wenn ich mich elegant kleide, sondern umgekehrt, ich fühle mich "unterstrichen" (im Sinne von betont), meine Bewegungen werden eleganter, die Kleidung passt zu meine Sprache und zu meinem Lebensgefühl. Der "Lullist" hat es trefflich beschrieben: Ich mache es für MICH.

Freundliche Grüße aus Wien

Alfred

MIT ARBEIT VERSAUT MAN SICH DIE GANZE FREIZEIT