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Knusperhexe

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31

Friday, July 7th 2017, 9:36am

Jetzt weiß ich nicht, ob ich Dich um Dein feines Gehör beneiden soll. Auf jeden Fall bin ich schwer beeindruckt. Übrigens kommt bald einen neue Humperdinck-Publikation raus: https://www.amazon.de/gp/product/3939256…=A3JWKAKR8XB7XF
Regietheater? Nein, danke!

Hosenrolle1

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  • "Hosenrolle1" is male

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32

Monday, August 7th 2017, 12:33am



https://www.youtube.com/watch?v=MMhCE_RbrE4

Beide Seiten dieser Aufnahme wurden am 23.1.1914 aufgenommen, die Aufnahme ist also über 100 Jahre alt; die Platte selbst allerdings stammt aus den frühen bis mittleren 20er Jahren. Üblich für viele akustische Aufnahmen klassischer Werke war, dass man Konzessionen bezüglich der Instrumentierung machen musste; so hört man auf dieser Platte kein volles Orchester, sondern ausschließlich laute Blech- und Holzblasinstrumente, um halbwegs hörbare Töne zu erzeugen. Eine Basstuba
ersetzt einen Kontrabass oder eine Klarinette die Violinen (obwohl es 1914 bereits sog. Strohgeigen gab, die man hätte verwenden können). Die Aufnahme habe ich auf YouTube hochgeladen, falls sich jemand dafür interessiert.


Seite 1

beginnt mit Fragmenten aus der Ouvertüre. Zuerst hört man das „Hokuspokus“-Motiv der Hexe (Takt 36-39, nur Melodie), danach nochmal von Takt 36 an bis Takt 43, diesmal wird die Melodie von den dazugehörigen Akkorden begleitet.

Plötzlich geht es von Takt 68-89 weiter, wobei die erste Note von Takt 89 als Anfang für die erneute zweimalige Wiederholung des Hokuspokus-Motivs dient.

Es folgt das Tanzduett der Titelfiguren; zuerst Gretels Aufforderung „Brüderchen, komm tanz mit mir“, Hänsels „Tanzen soll ich armer Wicht“, und dann das jeweilige „Mit den Füßchen tapp tapp tapp“ der beiden. Das Tanzduett wird in dieser Form (wieder mit Hänsels Einwurf) noch einmal wiederholt, und damit endet Seite 1.


Seite 2

beginnt mit dem Hexenritt (den unheimlichen Effekt der Halbtontriller in Takt 13 hört man hier besonders deutlich heraus), der etwa in Takt 18 übergeht in die letzten Takte, das ruhige Ende, das normalerweise von den Streichern gespielt wird.

Darauf folgt „Ein Männlein steht im Walde“, in der ein Kuckuck hineinruft, das kurze Solo der Clarinette, und damit ist Seite 2 auch schon wieder vorbei. Hier musste ich an die berühmte Kurzopern-Serie denken, wo Opern stark zusammengerafft vorgestellt wurden.


Natürlich läßt sich so eine alte Aufnahme nicht wirklich gut rezensieren, das hier ist eine völlig bearbeitete und umarrangierte Version, die mit dem Original nicht zu vergleichen ist. Dennoch ist die Klangqualität für eine akustische Aufnahme von 1914 ziemlich gut geworden; wenn Melodie und Begleitung zusammen gespielt werden, kann man die einzelnen Instrumente gut heraushören. Auch damals gab es gute und schlechte Aufnahmetechniker, die wussten, wie man ein Ensemble ideal
positioniert, um den bestmöglichen Klang herauszuholen!

Positiv auch, dass das Tempo hier nicht, wie auf vielen anderen klassischen Schellackaufnahmen, extrem gehetzt ist, sondern durchweg „gemütlich“. Und es ist doch interessant, eine HuG-Aufnahme zu hören, die zu Lebzeiten des Komponisten entstand.


(Nebenbei, die Platte hat, wie es damals üblich war, keine sog. "Einlaufrille", sondern, in diesem Fall, eine den Rand der Platte umlaufenden Ring, der die Aufnahmerille schützen sollte. Man musste [und muss] also die Nadel genau zwischen diese Rille und die Aufnahmerille legen. Diese Form der Rille verschwand mit dem Aufkommen der ersten elektrischen Aufnahmen ab 1925.)







LG,
Hosenrolle1
„Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit.“ (Voltaire)

Hosenrolle1

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33

Monday, August 7th 2017, 4:36pm



https://www.youtube.com/watch?v=zK1875WY5lg

Frederick Hippmann mit seinem Künstler-Orchester



Bei dieser Platte handelt es sich nun um eine weitere "Hänsel und Gretel - Fantasie", diesmal von der Firma ODEON, aufgenommen im Jahr 1938.

Allerdings ist diese Platte eine Nachkriegspressung, erkennbar an zwei Dingen: zum einen steht rund ums Label der Satz „Hergestellt unter der Zulassung Nr. B-502 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung“, zum anderen ist das Label auf einfachem Papier gedruckt, da man nach dem Krieg sparsam umgehen musste.


Die Fantasie beginnt mit dem Anfang des Hexenritts, der plötzlich durch den Lockruf der Hexe unterbrochen wird. Danach wird recht lange "Ein Männlein steht im Walde" gespielt, bevor es mit "Brüderchen, komm tanz mit mir" weitergeht. Interessant ist, dass hier auf einmal eine E-Orgel mitmacht, aber auch, dass, wie in der Fantasie von 1914, bei den Worten "tapp tapp tapp" etc. ein Klopfen zu hören ist.

Nach dem Tanzduett geht es weiter mit dem Lied des heimkehrenden Vaters, Rallalala. Dieses wird durch den Jubelgesang der Kuchenkinder abgelöst: "Die Hexerei ist nun vorbei!".

Es folgt der Abendsegen, der übergeht in den Knusperwalzer - "Juchei, nun ist die Hexe tot". Danach folgen kurze Passagen aus der Traumpantomime, bevor die Fantasie endet mit den letzten, fröhlichen Takten der Oper.

Angenehm ist hier doch die wesentlich bessere Qualität der Aufnahme, die hier elektrisch ist, und bei der man nun auch Streichinstrumente hört.

Interpretatorisch finde ich die Platte auch in Ordnung, wenngleich sie mich nicht vom Hocker reißt. Manchmal wirkt mir die Musik etwas zu gehetzt, zu ungeduldig. Eine sehr schöne Wendung kommt bei 2:34, als das "Rallalala" des Vaters plötzlich in das "Die Hexerei ist nun vorbei" übergeht, eingeleitet durch fröhlich in die Höhe aufsteigende Streicher.

Was mich wiederum etwas stört ist, dass da die Solovioline für meinen Geschmack die ganze Aufnahme dominiert, selbst beim Abendsegen, wo man sich vielleicht einen satteren Streichersound wünscht. Gerade auch beim Abendsegen hätte ich mich gefreut, wenn man die beiden Stimmen von H. und G. instrumental gehört hätte, stattdessen hört man quasi "nur" den Orchesterpart.

Die kurzen Auszüge aus der Traumpantomime finde ich persönlich nicht sehr "fantasievoll" zusammengestellt, eher unmotiviert.

Weiß vielleicht jemand, ob in "Ein Männlein steht im Walde" auch eine E-Orgel spielt? Oder ist das ein anderes Instrument, vielleicht oktaviert durch eine Piccoloflöte?



LG,
Hosenrolle1
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34

Monday, August 7th 2017, 9:18pm

Hexenritt:



https://www.youtube.com/watch?v=saOaMnBLFN4


Knusperwalzer:



https://www.youtube.com/watch?v=JKGLIjEIe6g

Mitglieder des Orchesters der Staatsoper, Berlin
Dirigent: Kapellmeister Clemens Schmalstich

Aufgenommen im Beethoven-Saal zu Berlin
"Knusperwalzer" bearbeitet von Hans Steiner



Diese Aufnahme hier stammt aus dem Jahr 1929 und wurde im Oktober/November aufgenommen. Es handelt sich dabei wieder um eine 25 cm Platte, auf Seite 1 hört man den „Hexenritt“, also das Vorspiel zum zweiten Akt, auf Seite 2 den Knusperwalzer, in einer instrumentalen Version.

Der Dirigent war Clemens Schmalstich, immerhin ein Schüler Humperdincks. Das Orchester ist das der Staatsoper Berlin.

Für Schellackfreunde interessant ist hier sicher, dass die Aufnahme im Beethoven-Saal gemacht wurde. Dieser Saal wurde 1898 in der Köthener Straße 32 in Berlin als Erweiterung und Ausweichquartier für das Berliner Philharmonische Orchester gebaut. In diesem Saal wurde auch viel aufgenommen, bis er im 2. Weltkrieg zerstört wurde.

Aber zur Aufnahme selber: auf der ersten Seite befindet sich der Hexenritt, der allerdings 7 Takte nach Ziffer 67 beendet wird; die Hörner werden immer leiser, statt der nun eigentlich einsetzenden Streicher, die das Stück zu Ende bringen, hört es auf, was ich sehr schade finde.


Klangtechnisch darf man natürlich nicht zu viel erwarten, besonders penetrant wurden die Oboe (die ziemlich trötig klingt) und die Clarinetten aufgenommen, die Streicher und vor allem das Blech sind hingegen viel zu leise.

Das merkt man schon beim ersten Horneinsatz, Ziffer 61, Takt 3-5, die von Humperdinck zwar im fortissimo notiert werden, aber im Streicherklang völlig untergehen. Das Stück beginnt in einem normalen Tempo, doch dann wirkt es plötzlich sehr gehetzt, dann wieder etwas ruhiger, was ich ebenfalls nicht wirklich berauschend finde. „Wuchtig“, wie der Komponist notiert, ist das nicht. Ab Ziffer 62 gibt es auch einige kleine Unsauberheiten beim Blech, das mit dem raschen Tempo gar nicht mitkommt und etwas verzögert einsetzt.


Das Stück wird immer weiter gehetzt, als wolle man die Aufnahme in der zur Verfügung stehenden Zeit noch fertig bringen, und so gehen schöne Effekte – natürlich auch wegen der Tontechnik – verloren; ich denke da etwa an den wabernden Klang der 1. und 2. Violinen 9 Takte nach Ziffer 64, wo beide Instrumentengruppen in Gegenbewegung geführt werden.
Und auch der plötzliche Horneinsatz im fortissimo, Ziffer 67, der noch einmal das Hexenmotiv schmettert, und der etwa von Georg Solti besonders effektvoll und gruselig umgesetzt wurde, verliert sich hier im Klangbrei.

___

Die zweite Seite bringt den Knusperwalzer, der mir klanglich schon besser gefällt, hier trötet keine Oboe so herum, und auch den Streicherklang empfinde ich hier als ein wenig präziser.

Wie schon erwähnt hört man den „Knusperwalzer“ instrumental, was ich schon mal sehr gut finde, weil man dadurch einmal hören kann, wie instrumentiert wurde. Andererseits bekommt man aufgrund der Tonqualität auch nicht allzuviel davon mit.

Gespielt wird von Ziffer 191 bis exakt 8 Takte nach Ziffer 197 (bei 198 explodiert der Ofen). Statt des explodierenden Ofens wird der Knusperwalzer von vorne noch einmal wiederholt.
Wie auch beim „Hexenritt“ vermisse ich hier das Blech, besonders die „kräftig gestossenen“ fortissimo-Hörner bei Ziffer 193, oder die wuchtige Basstuba, die gleich zu Beginn des Stückes im tiefsten Register Lärm machen darf. Dieses Problem höre ich allerdings leider bei vielen Aufnahmen, der Knusperwalzer könnte so voll und satt klingen, stattdessen hört man meistens nur die höheren Töne, besonders die Streicher.



LG,
Hosenrolle1
„Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit.“ (Voltaire)

Hosenrolle1

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Date of registration: Aug 3rd 2017

35

Tuesday, August 8th 2017, 6:35pm



Hänsel: Eugen Hug
Gretel: Brigitte Lindner
Vater: Hermann Prey
Mutter: Ilse Gramatzki
Hexe: Edda Moser
Sandmännchen: Ursula Roleff
Taumännchen: Thomas Frohn

Kölner Kinderchor
Gürzenich-Orchester Köln
Dirigent: Heinz Wallberg



Im Jahr 1974 nahm Heinz Wallberg, dessen 1970er Einspielung ich bereits besprochen habe, diese Oper erneut auf, und auch diesmal sind die Titelpartien (und nicht nur diese, dazu später mehr) mit Kindern besetzt. Hier darf die Gretel zumindest von einem echten Mädchen gesungen werden, was der 1970er Version versagt geblieben ist.

Warum man in dieser zweiten Wallberg-Aufnahme Kinder genommen hat weiß ich nicht, auch nicht, ob das Wallbergs Wunsch war, oder nur Zufall.
Meiner Meinung nach ist diese Aufnahme nur dazu geeignet, um sie mit einer Partitur zu hören, und einzelne Instrumente genauer zu hören, denn ich finde sie vollständig misslungen. Es gibt rein gar nichts, was da zu loben wäre.

Es fängt schon bei der Besetzung an.

Viele mögen es passend oder schöner finden, wenn man die Titelpartien mit echten Kindern besetzt. Ich persönlich bin dagegen, weil ich denke, dass Humperdinck diese Partien für ausgebildete Opernsängerinnen geschrieben hat, die auch über ein Wagnerorchester hörbar bleiben. Es bleibt natürlich Geschmackssache, ob man echte Kinder in diesen Rollen akzeptiert, und es mag sicherlich junge SängerInnen geben, die diese Partien besser gesungen hätten, aber auf dieser Aufnahme höre ich das, was ich von einer Kinderbesetzung in dieser Oper leider erwarten muss: zu dünne Stimmen, zu kurzer Atem, teilweise gehen die Stimmen trotz Studioaufnahmen in bestimmten Lagen in den Orchesterwogen unter.

Die Gretel klingt ein wenig älter als der Hänsel, Brigitte Lindner hat eine vibratoarme, helle Stimme, aber das ist auch schon alles. Besonders in den Lauten Passagen, oder Stellen, die mehr Atem benötigen, stößt sie schnell an ihre Grenzen. Die Stimme ist zu dünn für dieses Orchester.

Ihr kann ich aber noch zuhören, was auf DIESEN Hänsel von Eugen Hug absolut nicht zutrifft! Auch bei ihm die gleichen Probleme wie bei Lindner, dazu kommt aber eine Aussprache, die fürchterlich ist. Ich habe keine Ahnung, wer diesem Jungen beigebracht hat, Wörter so übertrieben manieriert auszusprechen. Das muss man selbst gehört haben, das kann man nicht schriftlich transkribieren. „Verkauf ich mein Bääättlain“ oder „Arbaitän? Wo dänkst du hin?“.

Das macht auch den Abendsegen kaputt: Lindner spricht die Wörter normal aus, Hug jedoch nicht. Leider hat man den Text geändert; statt „vierzehn Englein“, was besser klingt, wird „vierzehn Engel“ gesungen – statt dem „lein“ auf der vierten Viertel hört man „geeel“, was einfach nicht passt.
Generell merke ich, dass beide mit ihren Rollen absolut überfordert sind, und sich sehr auf ihre Melodien und speziell beim Hänsel auf die Aussprache konzentrieren, so dass es überhaupt keine Rollengestaltung gibt. Egal welche Situation gerade herrscht, der Vortrag klingt immer gleich. Man hört zwei Kinder, die sich mit Erwachsenenpartien abmühen, aber ganz sicher nicht Hänsel und Gretel.

Hermann Prey singt den Vater (ein paar Jahre später wird er ihn erneut unter Solti singen), und meiner Meinung nach übertreibt er es zu sehr mit seiner Darstellung eines Angeheiterten. Bei der Hexenballade versucht er besonders schaurig zu singen, was aber, wie gesagt, für mich viel zu übertrieben klingt, zu gewollt.

Im Wald werden die Echos ebenfalls von Kindern gesungen (leider nicht so, wie Humperdinck es notiert hat, mit den Lautstärkeabstufungen, und mit zu lautem Kuckucksruf), und der Sandmann ebenfalls. Auch hier wieder das Problem mit dem zu kurzen Atem und der zu dünnen Stimme, wenngleich mir Ursula Roleff, die diese Partie singt, von den Kindern auf dieser Aufnahme noch am besten gefällt.

Das Taumännchen von Thomas Frohn (wieder ein Kind) hat die gleichen Probleme.

Die Hexe wird von Edda Moser gesungen, oder besser gesagt, gekreischt. Es mag sein, dass sie berühmt ist und große Partien wie die Königin der Nacht etc. meisterhaft bewältigt hat – aber die Hexe von ihr ist für mich unerträglich! Sie nimmt diese Rolle nicht ernst, stattdessen kreischt sie herum, wie so viele andere leider auch, die meinen, dass es mit ein bisschen herumkreischen getan ist. Und wenn sie nicht kreischt, dann wirkt sie eher wie eine angeheiterte High Society-Lady aber nicht wie eine böse alte Hexe, von der eine Gefahr ausgeht.

Der Kölner Kinderchor am Ende singt aber, und das gehört auch gesagt, sehr ordentlich. Beide Stimmen sind klar durchhörbar, kein Matsch, kein Verwaschen, und eine deutliche Aussprache. Auch werden Wörter nicht abgehackt gesungen.

Auch das ist ein Punkt, den ich bereits angesprochen habe: wenn Hänsel und Gretel von erwachsenen Sängerinnen gesungen werden, dann mischen sich die kräftigeren Stimmen der beiden im Idealfall so, dass sie den Chor noch verstärken, ihm sozusagen mehr Fundament geben, OHNE ihn zu übertönen. Da die Titelpartien hier von Kindern gesungen werden, fällt das weg.


Nun zum Dirigat, bzw. zur Tontechnik, denn auch hier hat diese Aufnahme ihre Probleme. Sie hat ein für mich eigenartiges Stereopanorama. Manche Instrumente sind in der Mitte, andere wiederum sind nur auf einem Kanal zu hören, was besonders über Kopfhörer sehr unnatürlich wirkt. Anders gesagt: es wirkt, als ob es nur Mitte, links und rechts gibt, aber nichts dazwischen.

Das fällt schon in den ersten Takten der Ouvertüre auf, wo man das 4. Horn ziemlich nahe und laut auf dem linken Kanal hört, was so klingt, als hätte man es separat aufgenommen und den Balanceregler dann bis zum Anschlag nach links gedreht. Dieses Stereopanorama wirkt auf mich deswegen irritierend, und ich denke, 1974 hätte man das wesentlich besser hinbekommen können, wie etwa die 1969er Aufnahme unter Suitner beweist. Das macht es auch schwieriger, das Dirigat angemessen zu bewerten, denn ich weiß nicht, ob der Dirigent oder die Tontechnik dafür verantwortlich sind, dass man bestimmte Instrumente besonders deutlich hört, die eigentlich nicht SO zu hören sein sollten.

Davon einmal abgesehen ist der Klang etwas hallig, nicht so extrem wie etwa bei Lehmann 1953, aber besonders in lauteren Passagen, in denen das ganze Orchester beteiligt ist, hört man hauptsächlich die Blechbläser und die (leidergottes Stahlsaiten-)Streicher, das Holz geht mit seinen Klangfarben öfter mal unter.

Auch hier kann ich schlecht beurteilen, ob die Tontechnik daran schuld ist, oder ob Wallberg nicht darauf geachtet hat.

Das Dirigat hat mich aber zu keiner Zeit vom Hocker gerissen, wie man so schön sagt. Die Partitur bietet viele Gelegenheiten, Gänsehaut, Spannung etc. zu verbreiten, aber Wallberg nutzt sie meist nicht. Der Hexenritt klingt nicht wirklich bedrohlich, der forte-Ausbruch zu harmlos (und die nachklingenden Hörner sind zu laut, auch hier vielleicht wieder wegen der Tontechnik?), das Potential der Echoszene wird nicht genutzt, sie wird schnell übergangen, wenngleich man auch hier schön die tiefe Bassclarinette hören kann.

Auch die schöne Stelle ab RZ 125 – 126, als das Knusperhaus aus dem Nebel auftaucht klingt unspektakulär, die weichen Hörner ab 126 haben für mich keine Wirkung, weil es einfach zu schnell gespielt wird. Von der Verwunderung und dem Staunen über diese Erscheinung merke ich nicht viel.

Ich selber höre diese Aufnahme nie ganz, weil ich sie für eine der schwächsten halte, und sie weder gesanglich noch musikalisch noch tontechnisch überzeugen kann.

Momentan besitze ich zwei Versionen, zum einen die CD, die offenbar 1988 herauskam, sowie die Schallplattenbox. Zu den Schallplatten muss ich sagen, dass auf diesen fast durchgehend ein sehr hoher Pfeifton zu hören ist. Anfangs dachte ich, dass es an meinem Plattenspieler oder den Lautsprechern liegt, aber nachdem ich sie über verschiedene Spieler und Anlagen angehört habe, und das Pfeifen auch dort zu hören war, wird es wohl an der Platte liegen. Auf der CD fehlt dieses Pfeifen zum Glück.


Die Schallplattenbox bietet ein zweiseitiges Booklet.

Darin enthalten sind zwei kurze Aufsätze, mit den Titeln „Musikalisches Märchen zwischen Mythos und Idylle", sowie „Handlung und Musik“. Im ersten Aufsatz wird kurz auf die Entstehungsgeschichte und den Komponisten eingegangen, im zweiten gibt es eine Inhaltsangabe mit winzigen Infos zu Ton- und Taktarten sowieso Humperdincks Musik im Allgemeinen.

Weiters gibt es jeweils ein Bild von Eugen Hug sowie Brigitte Lindner, dazu ein Bild von Heinz Wallberg beim Dirigieren. Wie interessant.

Die CD-Box bietet ebenfalls ein Booklet, in dem der erste Aufsatz aus der Plattenbox übernommen wurde, jedoch der zweite Aufsatz wurde durch eine neue Synopsis ergänzt, die sich weniger interessant liest.

Ein Beispiel: über den „Hexenritt“, dem Vorspiel zum zweiten Akt, wird im Vinyl-Booklet geschrieben:

Quoted

„Als Zwischenaktmusik und Vorspiel zum zweiten Bild begibt sich eines der orchestralen Glanzstücke Humperdincks: der furiose Hexenritt, ein an Wagner und Liszt geschultes Tongemälde, das mit rhythmischem Elan und Bizarrerie den nächtlichen Ritt der Knusperhexe auf dem Besenstil schildert.“


Im CD-Booklet steht nur:

Quoted

Track 10 Vorspiel – Der Hexenritt


Ein bisschen ärgerlich ist es für mich auch immer, wenn die Verfasser solcher Zusammenfassungen irgendwelche Dinge hinzuerfinden. So steht im Vinyl-Booklet korrekterweise: „In wilder Hast eilen die Eltern in den Wald, um Hänsel und Gretel vor der Hexe zu retten.“

Im CD-Booklet aber heißt es: „Der Vater stärkt sich noch mit einem Schluck Kümmel, dann stürzt er der Mutter nach.“ Laut Partitur nimmt er nur die Kümmelflasche vom Tisch und eilt ihr nach. Dass er noch einen Schluck trinkt ist höchstens eine Interpretation des Verfassers.

Auch in solchen Sätzen wie „Sich selbst hat er ein Fläschchen seines Lieblingslikörs gegönnt, das bei seiner Heimkehr schon nicht mehr ganz voll ist“. Was soll das?

Dann schon lieber musikalische Informationen, wie etwa diese hier aus dem Vinyl-Booklet: „Es wird düster und unheimlich (chromatische Färbungen und Tremoli im Orchester). Die Waldnatur belebt sich unheimlich (…)“

Schade dass man diese Zusammenfassung aus der Plattenbox nicht übernommen hat. Dafür bietet das CD-Booklet ein vollständiges deutsches Libretto (keine Übersetzungen). Leider hat man hier bei Duetten oder mehreren Stimmen und unterschiedlichen Texten beide Stimmen nicht getrennt notiert, sondern zusammengefasst.

Auch hier ein kurzes Beispiel: die Sopranstimmen im Kinderchor singen „Drum singt und springt, drum tanzt und singt, dass laut der Jubelruf durchdringt den Wald“, während die Altstimmen singen „Drum singt und springt, drum tanzt und singt, denn Kuchenheil uns Allen winkt“. Das mit dem Kuchenheil hört man auch sehr deutlich in der Aufnahme, aber im Booklet steht davon nichts. Zum Mitlesen also nur bedingt geeignet.

Ein Fehler hat sich im ersten Aufsatz dennoch eingeschlichen: bei der Uraufführung am 23. Dezember 1893 sang NICHT Pauline de Ahna den Hänsel, da sie wegen einer Fußverletzung nicht spielen konnte. Die Gretel dieser Produktion musste den Hänsel übernehmen, und eine neue Gretel wurde engagiert. Erst ab der zweiten Aufführung war de Ahna dabei.

Mein Fazit: nur ein typisches 70er Jahre-Experiment, das auf Kosten der Oper und der Dramatik geht.



LG,
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„Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit.“ (Voltaire)

wega

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36

Friday, August 11th 2017, 10:55pm

Cluytens- Aufnahme von 1964

Hallo,
eine meiner ersten Aufnahmen war die Cluytens-pielung von Hänsel und Gretel von 1964
Hier die Bewertung:

Irmgard Seefried (Hänsel): 3 (gibt sich Mühe, klingt aber zu alt für die Rolle, stimmliche Probleme sind erkennbar)
Anneliese Rothenberger (Gretel): 3 (sie singt unsauber, viel Effekthascherei, das konnte sie damals eigentlich wesentlich besser)
Elisabeth Höngen (Hexe): 4 (beachtliches Rollenporträt, eine sehr dämonische Hexe, nur auch hier nicht mehr die beste stimmliche Verfassung)
Walter Berry (Peter): 5 (Idealbesetzung, sein eigener stärkster Konkurrent vgl. die Solti-Aufnahme)
Grace Hoffman (Mutter): 4 (hochachtbare, solilde Leistung)
Liselotte Makl (Sandmännchen, Taumännchen): 4 (beide Rollen kommen gut rüber, trotz der sehr unterschiedlichen stimmlichen Anforderungen)

Schöne Grüße
wega

Hosenrolle1

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37

Friday, August 11th 2017, 11:19pm



Hänsel: Barbara Scherler
Gretel: Gisela Pohl
Vater: Marcel Cordes
Mutter: Gertrud Burgsthaler-Schuster
Hexe: Lilian Benningsen
Sandmännchen: Gisela Knabba
Taumännchen: Oda Balsborg

NDR Chor, Kinderchor und Knabenchor des NDR
NDR Sinonieorchester

Dirigent: Carl Schuricht




Auf diese Aufnahme, die im Dezember 1962 gemacht wurde, war ich anfangs sehr gespannt, denn der Dirigent Carl Schuricht war ein ehemaliger Schüler von Humperdinck.

Problematisch ist auch hier wieder die Tontechnik: ein etwas stärkeres Grundrauschen, leicht wummernde Bässe, leider hört man hauptsächlich Streicher und Holzbläser, besonders die Hörner gehen stark unter, nicht nur während den Gesangsstellen.

Das Dirigat würde ich nur als routiniert bezeichnen, es gab keine Stellen, die mich besonders beeindruckt hätte. Schuricht verzichtet zum Glück (bis auf das schleppend langsame Morgenlied im 3. Akt) auf extreme Tempi, aber gerade bei so einer Tonqualität ist es wieder schwer, ein wirklich faires Urteil zu fällen. (Positiv muss ich erwähnen, dass die Oboe keineswegs trötig klingt, wie das etwa bei der Karajan-Aufnahme von 1953 noch der Fall war).


Ria Pohls Gretel ist für mich guter Durchschnitt; obwohl sie leider bei länger ausgehaltenen Tönen zu einem für mich störenden Vibrato und leichten crescendo neigt und ein bisschen zu reif für diese Rolle klingt, hat sie doch eine etwas hellere Stimme.

Der Hänsel von Barbara Scherler hingegen ist mir schon zu dunkel timbriert, wenngleich es auch hier wesentlich ärgere Beispiele gibt, so dass auch sie für mich guter Durchschnitt ist.

Wirklich überzeugend finde ich ihren Vortrag nicht, manchmal finde ich ihn ein bisschen sehr aufgesetzt – etwa, wenn sie beim Tanzduett im 1. Akt herumkichern – und generell auch zu damenhaft.

Leider merkt man schon früh in dieser Aufnahme, dass es nicht nur bei der Tonqualität Probleme gab; es gibt ein paar Schnitte, von denen ich annehme, dass es irgendwelche Probleme mit dem Masterband gab und man deswegen schnipseln musste.

Jedoch, einmal glaube ich, dass es eine Kürzung gab, die es in sich hat: im Tanzduett, bei Richtziffer 20, werden plötzlich 48 Takte Musik übersprungen, und es geht nahtlos bei RZ 24 weiter!
Schade, dass davon (und von den Schnitten) nichts im Booklet steht, auch keine Entschuldigung, dass es zu Beeinträchtigungen kommen kann, oder ähnliches)

Als die Mutter von Gertrud Burgsthaler-Schuster, die leider ziemlich alt klingt, nach Hause kommt, hört man gleich zwei Schnitte mitten im Gesang:
Statt „Nennt ihr das Arbeit, johlen und singen, wie auf der Kirmes tanzen und springen?“ hört man „Nennt ihr das Arbeit, jomes tanzen und springen?“, und direkt im Anschluss statt „Indes die Eltern von frühen Morgen“ nur „tern von frühen Morgen“. Das „Indes die El“ fehlt.

Der Vater von Marcel Cordes, der auch in der 1965er Aufnahme den Vater sang, gefällt mir wiederum besser, jedoch bei der Hexenballade übertreibt er es meiner Meinung nach ein bisschen mit dem „gruseligen“ Gesang.

Ja, die Waldszenen im 2. Akt verlieren durch die Tontechnik natürlich ihre ganze Atmosphäre, aber ich denke, auch vom Dirigat her war es ziemlich unspektakulär. Der laute, plötzliche Horneinsatz im „Hexenritt“ etwa kommt harmlos und zu leise daher. Die Echos klingen sehr diffus, und der Kuckuck schreit zu laut – was ja eigentlich schon fast komisch ist, denn die Instrumente, die auch mal laut oder sehr laut klingen sollen, klingen dafür viel zu leise.

Das Sandmännchen ist ebenfalls nur durchschnittlich, die Stimmen mischen sich im Abendsegen auch nicht so recht, und die Traumpantomime ist langweilig. An keiner Stelle wird Spannung oder Dramatik aufgebaut, die Musik tümpelt gleichmäßig vor sich hin.

Auf CD 1 geht es gleich weiter mit dem dritten Akt: das Vorspiel für dasselbe ist wiederum enttäuschend, besonders die Stelle 3 Takte nach RZ 109, dieses bedrohliche Motiv, von den tiefen Streichern intoniert, klingt weder „ausdrucksvoll“, wie Humperdinck es wollte, noch bedrohlich.

Das ganze Morgenlied, überhaupt die ganze Szene bis die Hexe kommt, nimmt Schuricht leider zu langsam, was umso bedauerlicher ist, weil man von der Musik, von der ganzen Instrumentation drumherum, von dem erwachenden Wald aufgrund der Tonqualität nichts mitbekommt.

Auch das Taumännchen, das im Gegensatz zum Sandmännchen heller klingt, wird für meinen Geschmack zu langsam interpretiert.

Die Stelle, wo die Kinder das Knusperhaus entdecken ist langweilig (wo ich bei Karajans Version fast Gänsehaut hatte), die Hörner, die ihr verführerisches, lockendes Motiv spielen, so gut wie gar nicht zu hören.

Dann endet CD 1 und auf der zweiten Disc geht es mit der Hexenszene weiter. Selbige ruft ihr „Knusper Knusper Knäuschen“ aus dem Haus und kichert hinterher. Oje … auch beim zweiten Mal kichert sie, aber zum Glück übertreibt sie es, sobald sie draußen ist, nicht. Trotzdem: die Stimme finde ich zu schwer, die Höhe klingt angestrengt, und die Textverständlichkeit besonders bei höheren Tönen ist auch nicht so berauschend.

Wieso Hänsel statt „trau nicht dem gleißenden Wort“ „trau nicht dem schmeichelnden Wort“ singt weiß ich nicht, und auch nicht, warum die Hexe im auch etwas zu steifen „Hurr Hopp hopp hopp“ statt „am lichten Tag“ „am jüngsten Tag“ macht.

Nach der ganzen Motzerei nun auch etwas Positives, nämlich der Kinderchor. Den hört man akustisch deutlich, er klingt nicht verschwommen, zu leise oder zu hallig, wie das bei manch anderen Aufnahmen der Fall ist.

Außerdem singt er schön und ausgewogen, keine der beiden Stimmen (Mädchen und Buben) wird übertönt. Die Art zu singen erinnert mich an diese alten Aufnahmen von Kinderliedern aus den 50ern und 60ern – es klingt zwar nicht „modern“, aber mir persönlich gefällt es sehr gut. Besonders schön die Stelle, wenn er singt: „O rühr auch mich, auch mich rühr an“ – das Legato, die Mischung der beiden Stimmen, beeindruckend :)
Positiv auch die Aussprache des Textes. Bei manchen Versionen hat man das Gefühl, als ob der Chor den Mund gar nicht bewegen würde beim singen, aber hier ist die Textverständlichkeit sehr hoch, die Worte werden sauber artikuliert.

Zum Glück vermeiden es die beiden Sängerinnen der Titelpartien, den Chor mit lautem Geplärre zu übertönen, auch am Ende, als „Schaut, o schaut das Wunder an“ gesungen wird.

Und ausgerechnet ganz am Ende kommt noch ein Schnitt: wenn alle zusammen „Gott der Herr die Hand uns reicht“ singen, fehlt das Wort „die“, so dass nun „Gott der Herr Hand und reicht“ herauskommt. Schade!
Ich habe ja schon erwähnt, dass es weder auf der Hülle noch im dürftigen Booklet (das übrigens nur zwei Bilder von B. Scherler und G. Pohl sowie eine Tracklist beinhaltet) ein Wort über diese Schnitte gibt.

Davon abgesehen steht auf der Außenseite auch nirgends, dass auf CD 2 auch noch die ganze Kurzoper unter Hermann Weigert von 1929 drauf ist; das steht am Ende des Booklets. Die Aufnahmequalität war nicht schlecht, das Rauschen ist natürlich da, stört mich aber nicht wirklich. Störender finde ich die starken Verzerrungen bei hohen Tönen, und solche Dinge wie unangenehmes Pfeifen, von dem ich nicht weiß, wo das herkommt. Ob da remastered wurde weiß ich nicht, darüber steht auch nichts weiter, nur eine Besetzungsliste der Aufnahme.

Das erklärt natürlich, warum man so viel Musik auf die 1. CD gepackt hat, obwohl ich da kein so großer Freund davon bin, weil die Tonqualität sicher mehr darunter leidet, wenn man die Disc bis zum Rand vollpackt (Laufzeit Disc 1: 70:37, Disc 2: 68:21).

Ich besitze die Aufnahme nur in der oben gezeigten Version , von anderen Versionen, etwa auf Schallplatte, ist mir nichts bekannt, abgesehen von einer Download-Version auf Amazon.

Mein Fazit: klangtechnisch eher enttäuschende Aufnahme, die trotz des Humperdinck-Schülers Schuricht nichts Besonderes ist. Die SängerInnen sind für mich allenfalls guter Durchschnitt, aber in jeder Rolle habe ich schon wesentlich besseres gehört. Nur der Kinderchor überzeugt mich hier wirklich.




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Tuesday, September 19th 2017, 3:38pm



Diese Aufnahme bietet gleich zwei verschiedene Versionen: zum einen ein paar Szenen aus der Oper, aufgenommen am 13.3.1958 in der Grundewaldkirche in Berlin, mit Lore Hoffmann als Hänsel, Erika Köth als Gretel und Helge Hildebrand als Sandmännchen.
Dirigent war Arthur Grüber, es spielen die Berliner Symphoniker.

Die CD beginnt mit „Suse, liebe Suse“, das bis zum Griesgram-Duett gespielt wird, dann folgt das gesamte Tanzduett, dann das Ende vom Hexenritt und das Männlein, das im Walde steht, bevor der Sandmann kommt und der Abendsegen gesungen wird.

Erneut singt Erika Köth die Gretel, diesmal in einer wesentlich besseren Qualität, denn die Aufnahme, die zwar leider das Orchester sehr hallig klingen lässt, ist dennoch frei von unangenehmen Verzerrungen, wie das bei der Matzerath-Aufnahme 2 Jahre früher der Fall war.
Jedoch finde ich sie hier etwas weniger überzeugend, ich habe das Gefühl, ihr Vibrato ist etwas stärker. Aber dennoch, immer noch eine angenehme helle Stimme, und auch das Crescendo im Abendsegen wird nicht laut plärrend intoniert; eine Falle, in die leider viele Sängerinnen tappen.

Der Hänsel von Lore Hoffman ist stimmlich für mich schon etwas zu dick, aber ganz ok. Auch guter Durchschnitt.
Das Sandmännchen klingt erfreulicherweise nicht wie eine trällernde Frau, sondern hat durchaus etwas leicht burschikoses an sich.

Den viel zu halligen Klang habe ich bereits erwähnt, ärgerlich ist aber, dass besonders die Hörner so gut wie unhörbar sind, was sogar bei eigentlich lauten „Solo-Stellen“ wie etwa 9 Takte nach RZ 20 bemerkbar ist.

__

Dann folgt die zweite Aufnahme, die laut Booklet mit I.1961 datiert ist, und in den Abbey Road Studios in London gemacht wurde.
Rudolf Kempe, der diese Suite selbst zusammengestellt hat, dirigiert das Royal Philharmonic Orchestra.

Die Suite beginnt mit der Ouvertüre. Danach folgt der Hexenritt, auf den noch einige Takte des Hagebuttenliedes folgen.

Das nun erklingende Vorspiel zum 3. Akt geht nahtlos in die Szene über, als die Hexe aus ihrem Haus kommt (RZ 140), was wiederum übergeht in das Duett VOR der Hexenszene, bevor es erneut einen Sprung zum spöttischen „Schau, schau wie schlau“ der Hexe macht.

Dann folgt der Knusperwalzer, der ebenfalls nahtlos in die Traumpantomime führt, bevor die CD nach 41 Minuten zu Ende ist.

Es ist doch herrlich, manche Stellen, die man sonst nur mit Gesang hört, einmal rein instrumental in voller Orchesterbesetzung in ordentlicher Tonqualität zu hören!

Der Klang ist druckvoll, dynamisch, hier gehen die Hörner nicht unter, vielleicht sind die Streicher ein wenig zu dominant im Gesamtklang, aber mehr habe ich da auch nicht zu beanstanden.

Besonders beeindruckt hat mich RZ 140 ohne Gesang, als das Orchester schildert, wie die Hexe sich heimlich anschleicht. Zusammen mit der Partitur war das ein einziges Erlebnis! Man vernimmt diese vielen kleinen Stimmen, man hört die unruhigen, unheilverkündenden Läufe der Streicher, man hört, wie die Alte sich anschleicht und näherkommt. Das meiste davon geht nämlich im Gesang unter.

In der Traumpantomime hat mir besonders gefallen, wie die Basstuba und die Bassposaune gemeinsam ihre kurzen Einsätze schmettern. Wer die Oper gut kennt weiß welche Stelle ich meine.

Ansonsten gefiel mir das Dirigat sehr gut, jedoch fand ich die wirklich spannenden oder dramatischen Momente zu harmlos, etwa den (von mir gern erwähnten) plötzlichen Horneinsatz gegen Ende des Hexenritts. Irgendwie scheinen Dirigenten den gerne verschleiern zu wollen, keine Ahnung warum.

Auf jeden Fall empfehle ich diese CD schon wegen der instrumentalen Suite jedem! Falls man eine Partitur zur Hand hat, empfehle ich zusätzlich, sich manche Stellen wie die schon erwähnte RZ 140 zu loopen und jede einzelne Stimme bei jedem neuen Durchgang durchzuhören, um einmal mitzubekommen, wie reich dieser Orchestersatz hier klingt, um die vielen Details, die sonst untergehen, zu erleben.


Noch etwas zum Booklet. Anfangs dachte ich „Oje, ein ganz dünnes Booklet, da wird nix drin stehen“, aber falsch gedacht. Es bietet Liner Notes von Thomas Voigt, der mir zunächst gar nichts gesagt hat. Nach einer Google-Suche fand ich heraus, dass er seit 1985 als freier Musikjournalist für Zeitschriften und Rundfunk-Redaktionen tätig ist, vor allem für das BR und WDR, und er von 1992-96 Redakteur bei der Zeitschrift „Opernwelt“ war.

Er schreibt vor allem etwas zu der vorliegenden Aufnahme, und wie sie zustande kam, schreibt aber auch etwas über die Oper selbst. Ich denke, gerade Eltern werden ziemlich direkte Aussagen wie die folgende nicht so gerne lesen, wenn sie sich die Aufnahme gekauft haben ;)

Quoted

Sollte Chlodwig Poth mit seiner Bildergeschichte Ein Ehestreit bei Humperdincks den Nagel auf den Kopf getroffen haben? Dass Humperdinck statt Hänsel und Gretel viel lieber Tristan und Isolde komponiert hätte? Hört man das üppige Orchester, diverse Leitmotive und besonders die Behandlung der Blechbläser, lässt sich kaum leugnen, dass Humperdinck seinem Bayreuther Herrn und Meister nacheiferte. Womit sich die Frage, ob Hänsel und Gretel eine Kinder-Oper sei, eigentlich schon erübrigt.

Denn im Theater haben Kinderstimmen gegen das Wagner-Orchester keine Chance. Und ob ausgewachsene Soprane mit plattgedrücktem Busen auf Kinder glaubhaft wirken, wage ich zu bezweifeln. Nein, für meine Begriffe ist Hänsel und Gretel ein Spezial-Vergnügen für Erwachsene – nicht nur im Theater, sondern auch auf Platte.

Obwohl die Infos lesenswert sind, haben sich trotzdem kleine Fehler eingeschlichen. So datiert Voigt die Cluytens-Aufnahme auf 1963, korrekt ist aber 1964.

Weiter meint er, dass die vorliegende Aufnahme mit dem Abendsegen und der Traumpantomime endet. Das ist falsch, denn nach dem Knusperwalzer geht die Musik direkt in die Traumpantomime über – einen Abendsegen gibt es (leider!) nicht.

Und er meint, dass die Cluytens-Aufnahme (neben der Karajan 1953er) in den Titelpartien „reizvolle Kontraste“ bietet. Absolut falsch! (Ok, subjektive Meinung von mir :stumm: …)



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Tuesday, September 19th 2017, 7:01pm

Gretel: Gisela Pohl


Lieber HR1, kannst Du mir bestätigen, dass es sich bei dieser Besetzung um eine Falschinformation handelt? Gemeint ist doch wohl - wie andeutungsweise auch aus deinem Text hervorgeht - Ria Urbahn, die nach ihrer Hochzeit auch den Namen Pohl benutze? Du sprichst folglich von Ria Pohl.

Der Online Merker hatte im Juni 2015 mit diesem Beitrag ihrer gedacht, den ich mir zu hier wiederzugeben erlaube:

Ria URBAN wird 90

Sie besuchte in den Jahren 1946-49 die Musikhochschule Köln und begann dann ihre Bühnenlaufbahn am Stadttheater von Hagen (Westfalen), wo sie als Gretchen im »Wildschütz« von Lortzing debütierte. Sie trat dort während einer Spielzeit auf und sang dann 1950-52 am Städtebundtheater Biel-Solothurn in der Schweiz, 1952-53 und 1954-56 am Landestheater von Innsbruck. 1956-57 war sie am Stadttheater von Saarbrücken, 1957-70 an der Staatsoper Hamburg engagiert. Hier wirkte sie u.a. 1963 in der Uraufführung der Oper »Figaro lässt sich scheiden« von Giselher Klebe als Fanchette mit, 1967 in der von Alexander Goehrs »Arden muss sterben«. Nachdem sie den Operettenkapellmeister Anton Maria Pohl (1917-55) geheiratet hatte, trat sie auch unter dem Namen Ria Pohl-Urban auf. Mit dem Opernhaus von Köln war sie zu Beginn der sechziger Jahre durch einen Gastspielvertrag verbunden; sie gastierte u.a. auch an der Staatsoper Berlin, an der Komischen Oper Berlin, am Stadttheater von Bern (Schweiz) und an der Königlichen Oper Kopenhagen. Auf der Bühne sang sie vor allem Partien aus dem Koloratur- und dem Soubrettenfach wie die Susanna in »Figaros Hochzeit«, das Blondchen in der »Entführung aus dem Serail«, die Zerline im »Don Giovanni«, die Pamina wie die Papagena in der »Zauberflöte«, den Amor in »Orpheus und Eurydike« von Gluck, die Marzelline im »Fidelio«, das Ännchen im »Freischütz«, die Anna in »Die lustigen Weiber von Windsor« von Nicolai, die Titelrolle in »Die Kluge« von C. Orff, die Micaela in »Carmen«, die Musetta in »La Bohème«, die Liu in »Turandot« von Puccini, die Miss Pike in »Albert Herring« von B. Britten, die Adele in der »Fledermaus«, die Nedda im »Bajazzo« und die Sophie im »Rosenkavalier«. Hinzu traten zahlreiche Operettenrollen; auch im Konzertsaal kam sie in einem umfangreichen Repertoire zu einer erfolgreichen Karriere.

Schallplatten: Privataufnahme der Kaffee-Kantate von J.S. Bach (mit Toni Blankenheim); Mitschnitte von Rundfunksendungen.
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Wednesday, September 20th 2017, 5:28am

Lieber HR1, kannst Du mir bestätigen, dass es sich bei dieser Besetzung um eine Falschinformation handelt? Gemeint ist doch wohl - wie andeutungsweise auch aus deinem Text hervorgeht - Ria Urbahn, die nach ihrer Hochzeit auch den Namen Pohl benutze? Du sprichst folglich von Ria Pohl.

Habe mir gerade das Booklet angesehen, zwar steht hier nichts über die Sänger, aber es findet sich eine Autogrammkarte von Gisela Pohl, die auch mit "Herzlich Gisela Pohl" unterschrieben ist. Die Sängerin hat relativ kurze, dunkle Haare und trägt eine Brille auf dem Foto.

Das hier ist sie: http://www.bach-cantatas.com/Bio/Pohl-Gisela.htm

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Monday, September 25th 2017, 6:30pm



Hänsel: Tina Hörhold
Gretel: Almut Wilker
Vater: Joakim Klüft
Mutter: Esther Lee
Hexe: Johanna Rutishauser
Sandmännchen: Martina Ramin
Taumännchen: Birgit Nath

Fuldaer Mädchenkantorei und Domsingknaben
Masurische Philharmonie
Dirigent: Paul Kantschneider


Aufnahme von 1997.
Die Tonqualität ist für das Alter der Aufnahme ein schlechter Witz. Der Hänsel ist stimmlich nicht so schlecht, klingt aber sehr gelangweilt.
Mieses Dirigat.
Das Booklet enthält das Libretto, zwei Figurinen von 1900 sowie Künstlerportraits und einen Aufsatz über die Entstehung der Oper.



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Monday, September 25th 2017, 7:06pm

Auf jeden Fall empfehle ich diese CD schon wegen der instrumentalen Suite jedem!


Lieber HR1, Deinem Rat bin ich gefolgt und habe mir die EMI-CD mit der Hänsel-und-Gretel-Suite unter Rudolf Kempe kommen lassen. Wunderbar. Du hattest alles dazu gesagt, so dass mir nur die Zustimmung bleibt. Opernsuiten liebe ich sehr. Sie lassen den Orchestersatz oft viel schöner und klarer hervortreten. Kempe hatten offenbar eine Neigung zu derartigen Bearbeitungen. In einem ganz anderen Fall habe ich ihn auch in bester Erinnerung. Er arrangierte eine Kurzfassung von Wagner "Rheingold" - allerdings mit Stimmen. Das war meine erste Begegnungen mit Wagners "Ring". Als ich dann die Gesamtaufnahme kennenlernte, hatte ich zunächst Schwierigkeiten, die Kürzungen und die bearbeiteten musikalischen Zwischenmusiken aus meinem Kopf herauszubekommen.

Zu Gisela Pohl. Ja, die gibt es wirklich. Wenn ich mich richtig erinnere, war ihr in der DDR eine vielversprechende Karriere vorhergesagt. Sie wirkte auch in etlichen Plattenproduktionen mit. Du hast das richtige Foto herausgesucht. In der Gesamtaufnahme von HuG unter Schuricht ist sie aber definitiv nicht der Hänsel. Die Angabe auf dem Cover ist ein Druckfehler. Bei diesem Label kam das öfter vor.
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Monday, September 25th 2017, 7:18pm

In der Gesamtaufnahme von HuG unter Schuricht ist sie aber definitiv nicht der Hänsel.

Den Hänsel singt Barbara Scherler, Gisela Pohl singt die Gretel.
Wie gesagt, im Booklet ist auch ein Foto von G. Pohl inkl. Autogramm abgedruckt, das lässt mich an einem Druckfehler doch stark zweifeln.



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Tuesday, September 26th 2017, 11:00am




Hänsel: Jennifer Larmore
Gretel: Ruth Ziesak
Vater: Bernd Weikl
Mutter: Hildegard Behrens
Hexe: Hanna Schwarz
Sandmännchen: Rosemary Joshua
Taumännchen: Christine Schäfer

Tölzer Knabenchor
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Dirigent: Donald Runnicles



Das Dirigat ist nicht mein Geschmack, es wirkt mir insgesamt zu steif. Die Sänger sind auch nicht so mein Fall.
Am Ende gibt es als Bonustrack erstmals den "Dessauer Schluss" zu hören, ein alternatives Ende, das Humperdinck eigens für eine Inszenierung von Cosima Wagner schrieb.



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Sunday, October 1st 2017, 6:34pm

Gisela Pohl singt die Gretel.
Wie gesagt, im Booklet ist auch ein Foto von G. Pohl inkl. Autogramm abgedruckt, das lässt mich an einem Druckfehler doch stark zweifeln.


Lieber HR1, ich mlchte nochmals auf Gisela Pohl zurück kommen. Musikwanderer brachte mich auf einen deutsch gesungenen "Belsazar", in dem sie den Daniel singt. Du kannst die Aufnahme bei Amazon streamen:

https://music.amazon.de/albums/B004YLZPY…d_bb_phfa_xx_xx

Gleich die Nummer 4 ist eine Daniel-Arie. Fürwahr, keine Gretelstimme.
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Sunday, October 1st 2017, 6:39pm

Das stimmt leider, lieber Rheingold1876.

Gerade bei solchen Rollen (Kinderrollen und Hosenrollen) bin ich immer gespannt, wie die besetzt und interpretiert werden, weil die m.E. doch schwieriger zu besetzen sind, als "gewöhnliche" Rollen (also Mann spielt Mann, Frau spielt Frau).



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Sunday, October 1st 2017, 8:40pm

Jetzt bin ich schon auf Deine nächste Ausgrabung gespannt.

Wirst Du auch diese da vorstellen?



Engelbert Humperdinck
Hänsel und Gretel
Oper in drei Akten

Als Kurzoper für die Heimbühne eingerichtet von
Hermann Weigert und Hans Maeder

Hänsel : Else Ruziczka
Gretel : Tilly de Garmo
Peter, ein Besenbinder : Eduard Kandl
Gertrud, sein Weib : Emma Bassth
Die Knusperhexe : Marie Schultz-Dornburg
Sandmännchen : Margarethe Wagener
Taumännchen : Margarethe Wagener

Mitglieder des Chors und des Orchesters der Staatsoper Berlin
Dirigent: Hermann Weigert

Auf vier doppelseitigen Platten elektrisch aufgenommen:
Grammophon 95297-95300 (1929)

Duration: 39 minutes
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Sunday, October 1st 2017, 9:07pm

Wirst Du auch diese da vorstellen?

Wieso stellst du sie nicht vor? :)

EDIT: Meine Sicht auf das Werk, SängerInnen etc. ist eh schon hinlänglich bekannt, da wären andere Sichtweisen auch mal interessant.



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Wednesday, October 4th 2017, 1:31pm





Hänsel: Suzanne Johnston
Gretel: Christine Douglas
Vater: Malcolm Donnely
Mutter: Elizabeth Campbell
Hexe: Margaret Haggart
Sandmännchen: Gail Robertson
Taumännchen: Kathryn McCusker

Dirigent: Johannes Fritzch (oder Fritzsch?)


Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1992, und wurde im Opernhaus in Sydney aufgezeichnet.

Ich besitze sie einmal in der oben gezeigten CD-Version von „Opera d´oro“ (erschienen 1999), sowie in einem privaten Fernsehmitschnitt, jedoch gibt es sie auch auf DVD (erschienen 2001), momentan aber nur in den Staaten und nicht bei uns.

Vorneweg: die Tontechnik ist, wenn man bedenkt, dass es sich um eine Aufnahme von 1992 handelt, absolut unterirdisch. Sie klingt so, als ob jemand auf dem schlechtesten und am weitesten entfernten Sitzplatz im Opernhaus einen Kassettenrecorder mitlaufen hat lassen – stark verrauscht, hallig, und eben weit entfernt.

Es ist mir sowieso ein Rätsel, wieso man Live-Mitschnitte auf Video auch auf CD herausbringt, denn selbst wenn die Inszenierung mir nicht gefällt, so kann ich das Getrampel und andere Bühnengeräusche zumindest zuordnen.
Diese Tonqualität macht es mir auch relativ schwer, das Dirigat halbwegs gut zu beurteilen.

Insgesamt finde ich es wenig beeindruckend, zwar gibt es keine extremen Tempi, die besonders störend wirken, aber es plätschert die meiste Zeit vor sich hin. Dass es live auch anders geht hat z.B. Christian Thielemann vor einiger Zeit bewiesen.

Störend finde ich z.B. schon in der Ouvertüre, dass 11 Takte vor Schluss die gespielten Akkorde nicht leise beginnen und immer lauter werden, sondern schon unverhältnismäßig laut anfangen, ohne Crescendo. Diese Stelle klingt so, wie Humperdinck sie notiert, schon sehr eindrucksvoll, als ob sich eine Tür öffnet. (Diesen Vergleich bringe ich öfter einmal, denn er beschreibt m.E. sehr gut den Eindruck, den diese Stelle auf mich macht).


Zu den Sängerinnen muss ich leider sagen, dass mir da keine einzige auch nur annähernd gefallen hat. Die Gretel klingt zu alt und hat ein unangenehmes Vibrato, der Hänsel ist für mich zu tief timbriert und hat ebenfalls ein Vibrato, das besonders bei den forcierten höheren Tönen unangenehm wird. Stimmen, die mich nach kurzer Zeit nerven und ermüden. Das gleiche gilt für die Mutter, das Sandmännchen und das Taumännchen sowie die Hexe.

Musikalisch gibt es vereinzelt Stellen, die mir gefallen haben, jedoch sind es meist keine ganzen Passagen, sondern, sondern tatsächlich nur Kleinigkeiten. So etwa 1 Takt vor RZ. 4, die kurze Einleitung der Streicher vor Gretels „Wenn die Not aufs höchste steigt“. Oft wird diese Stelle relativ schnell genommen, hier aber erklingen die Streicher sehr ausdrucksvoll und präsent.

Dass in englischer Sprache gesungen wird habe ich schon eingangs erwähnt, die Übersetzung ist leider an manchen Stellen gar nicht gelungen, besonders dann, wenn sie nicht mehr zur Musik passt. Ein schönes Beispiel ist die Stelle 2 Takte nach RZ. 38, wenn der Vater singt „sofern er kommandieren tut“, während die Trompete quasi marschartike, militärisch klingende Vorschläge spielt. In der engl. Übersetzung geht diese Anspielung verloren, da hier nicht vom kommandieren die Rede ist. Oper nur in Originalsprache!

Auch die Übersetzung ab RZ. 53 ist sinnentstellend, denn im Original singt der Vater „Ei juckt dich das Fell?“, holt einen Besen von der Wand, worauf die Mutter sagt „Den Besen, den lass nur an seiner Stell!“. Hier heißt es aber „The Ilsenstein! You must be insane!“, und die Mutter meint „It´s time now for them to be home again”.

Dafür knallt die Pauke mit ihrem Hexenmotiv auch wenigstens ordentlich bei dieser Stelle, wohingegen manche Interpretationen sehr verhalten gespielt werden.

Und auch das Zusammenspiel von Fagotten und Kontrabässen 2 Takte nach RZ. 55 klingt hier schön gruselig, sehr knorrig, wenn auch die Viertel auf der 1 des nächsten Taktes für meinen Geschmack zu kurz ausgehalten wird.

Beim nun folgenden Hexenritt gefällt mir nur die jeweils leicht tenuto genommenen Viertelnoten auf der 1 und der 3 (RZ. 61, Takt 11), der Rest ist unspektakulär. Keine Dramatik, keine Spannung.
Auch die Waldszenen lassen jede Atmosphäre vermissen, doch klingen die Echos wiederum gut, und sind tatsächlich sehr leise. Hier weiß ich nicht, ob das an der Tontechnik liegt. Ärgerlich sind hier wieder der zu laute Kuckuck, und Gretel, die ihr „Ist jemand da?“ zu lange singt, wodurch die kleine Pause zwischen ihr und dem Echo wegfällt.
Die Traumpantomime ist ein einziger Klangbrei, den man nicht beurteilen kann.

Der 3. Akt gefällt mir musikalisch schon ein wenig besser. Bedauerlich finde ich zwar, dass es vor RZ. 136 keine (eigentlich vorgeschriebene) kurze Pause gibt, dafür lässt der Dirigent hier öfter mal die Zügel locker; als etwa die Hexe bei RZ. 165 die Backofentüre öffnet, finde ich die sich immer wilder und lauter aufschwingenden Streicher sehr eindrucksvoll.

Auch bei „Hurr hopp hopp hopp“ wird es noch einmal richtig laut, wenn auch der englische Text wieder völlig unsinnig ist.

Als die Hexe in den Ofen fliegt, lässt sie einen schönen Schrei los, und zwar keinen hohen, kein Gekreische, sondern einen schaurigen tiefen, fast schon ein Krächzen.

Den Kinderchor kann ich leider ebenfalls nicht beurteilen, denn ich höre ihn nicht. Bei seinem Auftritt hört man nur das Orchester, und auch später wird es nicht viel besser. Tut mir leid.
Zur Inszenierung möchte ich nicht viel sagen, zu viel Klamauk, zu viel Effekte.

Die CD Ausgabe ist leider minderwertig. Obwohl mir die Hülle nie(!) heruntergeflogen ist, obwohl keine Teile abgebrochen sind und auch nie etwas verbogen wurde, lässt sie sich nicht schließen, und die Halterungen des Deckels halten gar nichts. Noch schlimmer: die beiden CDs stecken auf einer schwarzen Plastik-Halterung, wie man es gewohnt ist, allerdings ist diese Halterung völlig lose und fällt heraus, wenn man nicht aufpasst.

Das Booklet enthält einen Hinweis darauf, dass der Schlagersänger Engelbert Humperdinck nicht wirklich so heißt, dazu eine Synopsis und eine Tracklist. Das war´s.
Zur Schreibweise des Dirigenten: auf der Rückseite der Hülle steht "Fritzch", laut Wikipedia heißt er aber "Fritzsch". Ob das ein Druckfehler ist oder aber die englische Version des Namens weiß ich nicht.

Man erwirbt hier also eine tontechnisch miserable Live-Aufnahme voller Geräusche und Getrampel, mit einem durchschnittlichen Dirigat, schlecht besetzten Sängern sowie einer minderwertigen CD Hülle mit einem „Booklet“, in dem nichts steht. Wenn einem diese Einspielung – warum auch immer – wichtig sein sollte, dann würde ich empfehlen, sich zumindest die DVD zu importieren, oder zu warten, bis sie vielleicht einmal bei uns erscheint. Die DVD gibt es seit 2001, bis jetzt kam bei uns noch nichts heraus.



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Thursday, October 5th 2017, 8:27am

Deutsche Staatsoper eröffnet mit "Hänsel und Gretel"

Weil es am ehesten hier passt: In der Deutsche Staatsoper in Berlin wird es am 8. Dezember 2017 (die Jahreszahl muss man in Berlin immer dazuschreiben :D ) mit Humperdincks "Hänsel und Gretel" die erste neue Opernproduktion geben. Das wäre dann auch die richtige Eröffnung.
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Thursday, October 5th 2017, 5:05pm



Hänsel: Gwyneth Jones
Gretel: Elfriede Pfleger

Tonhalle-Orchester Zürich
Dirigent: Boris Mersson


Bei dieser Platte mit einem, wie ich finde, nicht wirklich passenden Cover, handelt es sich um eine Single der „MMS“, der „Musical Masterpiece Society“, was immer das sein soll. Diese Aufnahme kann ich überhaupt nicht datieren, ich vermute 60er Jahre, vielleicht frühe 70er?


Seite 1 beginnt mit „Suse, liebe Suse“, die Gretel von Elfriede Pfleger klingt in der Mittellage viel zu alt, in der Höhe jedoch wieder jünger. Vom Hocker reißt mich ihre Gretel aber nicht.
Der Hänsel von Gwyneth Jones ist fürchterlich! Nicht nur, dass sie ständig mit der Sprache kämpft, klingt sie zu tief, zu alt und zu leise für diese Rolle. Leider ist das Orchester schlecht zu hören, ebenfalls recht hallig im Hintergrund.

Es folgt das Tanzduett, und dann ist Seite 1 auch schon zu Ende.

---

Seite 2 beginnt mit „Ein Männlein steht im Walde“, mit einem irgendwie unbeteiligt interpretiertem Clarinetten-Solo.

Es folgt der Knusperwalzer, bei dem die beiden Sängerinnen ihren ersten Einsatz knapp verpassen, und das Orchester so klingt, als wäre es nicht vollzählig. Ich höre keine Basstuba, keine Trompeten etc., hauptsächlich die Streicher. Dazu ist das Tempo zu schnell gewählt.

Die Platte endet mit dem Abendsegen, den die Gretel gut absolviert, aber der Hänsel versaut es. Wie Jones die Töne in die Länge zieht, und versucht, die Wörter korrekt zu singen, das ist nichts.


Auf der Rückseite der Hülle findet man eine kurze Biografie von Humperdinck, sowie ein paar Worte über seine Musik, besonders natürlich die in HUG. Der Schluss der Beschreibung hat mich auf etwas neues gebracht, das mir ebenfalls noch nicht so aufgefallen ist:

Zitat:
Die zauberhafte Komposition Abends will ich schlafen gehn ist wiederum Humperdincks eigene Schöpfung; ihr Anfangsthema ist eines der Leitmotive der Oper, das das Unschuldsvolle, Fromme, Kindliche im Gegensatz zum bösen Prinzip der Hexe verkörpert. Anklänge an die Themen beider Welten finden sich schliesslich im Knusperwalzer, der den Sieg des Guten, die Verbrennung der bösen Hexe begleitet.


Ich höre im Knusperwalzer keinen Abendsegen heraus, aber nachdem ich das las, fiel mir erst auf, dass das Cello und die restlichen Streicher das „Kommt, kleine Mäuschen, kommt in mein Häuschen“ der Hexe wiederholen.




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Friday, October 6th 2017, 10:48pm



Hänsel: Ann Murray
Gretel: Edita Gruberova
Vater: Franz Grundheber
Mutter: Gwyneth Jones
Hexe: Christa Ludwig
Sandmännchen: Barbara Bonney
Taumännchen: Christiane Oelze

Kinderchor der Staatsoper Dresden
Staatskapelle Dresden
Dirigent: Colin Davis


Ebenfalls im Jahr 1992 wurde diese Version unter Colin Davis in der Lukaskirche (so wie die Aufnahme unter Suitner 1969) aufgenommen.
Tontechnisch ist es von den bisher besprochenen für mich die beste Studioaufnahme. Die lauten Stellen klingen wirklich laut ohne zu verzerren, Oboen klingen schön und nicht trötig, Clarinetten haben einen warmen, holzigen Klang, die Fagotte tönen knorrig, und auch das Blech wird klar herausgestellt.

Nun nützt die beste Tontechnik nichts, wenn die Interpretation und/oder die Sänger nicht gut sind, doch ich bin größtenteils zufrieden mit dem Dirigat.


CD 1 beginnt, wenig überraschend, mit der Ouvertüre, und schon die Stelle, in der sich die tiefen Clarinetten mit dem Streicher-, Hörner- und Fagottklang mischen (8 Takte nach C) zeigt nicht nur, wie gut die Aufnahme klingt, sondern auch, welch schöne Klangfarben die Partitur bietet, und wieviel davon durch alte Aufnahmetechniken verloren geht. Solche Stellen gibt es viele, deswegen werde ich im weiteren Verlauf der Rezension nur auf einige wenige eingehen, was naturgemäß schwer fällt.
(Nebenbei, ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass das Cello in Takt 11-12 nach C um 3 Viertelnoten zu lange spielt, statt auf der ersten Viertel aufzuhören.)

Was mir weniger gefällt sind die letzten 7 Takte der Ouvertüre, die für meinen Geschmack zu „gerade“, zu starr gespielt werden; das habe ich schon gefühlvoller gehört.

Dann beginnt der erste Akt, und nun wird auch gesungen. Hier fällt leider auf, dass die Stimmen alle etwas zu viel Hall aufweisen.

Edita Gruberova singt hier erneut die Gretel, und nach wie vor kann ich keinen Gefallen daran finden. Man merkt an ihrer Aussprache, dass ihre Muttersprache nicht Deutsch ist, und obwohl sie an manchen Stellen schöne piano-Höhen hat und auch nicht zu vibratolastig singt, ist sie für mich keine Gretel.

Ann Murray singt den Hänsel, und auch hier frage ich mich, ob man bei der Auswahl der Sänger eher auf den großen Namen für´s Cover geachtet hat. Murray kann zwar wesentlich besser Deutsch als etwa Anna Moffo oder Jennifer Larmore, grobe Schnitzer ("Fischchen" statt "Füßchen" wie bei Moffo) gibt es da keine, aber auch hier merkt man oft an der Aussprache, dass sie keine Deutsche ist. Dazu kommt ihr irgendwie zu kultiviert wirkender Vortrag (als würde sie ein Oratorium singen), der alles andere als knabenhaft ist. Dieser Hänsel ist nicht burschikos, kein Lausbub oder etwas Ähnliches. Ihre Stimme weist ein größeres Vibrato auf, und bei höheren Tönen forciert sie gerne, was, verstärkt durch den Hall, für meine Ohren ziemlich unangenehm ist.
An eine Köth oder eine Grümmer (oder meinen Referenzhänsel :love: ) reichen beide nicht heran.

Nachdem Gretel Hänsel von einem Geheimnis erzählt hat, spielen die beiden Hörner (6 Takte nach RZ. 8) in den ersten drei Noten zwar kein wirklich weiches Legato, auf der vierten Note jedoch wird der Ton mit einem so herrlichen Vibrato versetzt, wie ich es in noch keiner anderen Aufnahme gehört habe. Das klingt so „ländlich“, schwelgerisch, und kündigt etwas Herrliches an, das sich dann als ein Topf Milch und die Aussicht auf Reisbrei entpuppt. Allein diese Stelle sollte man unbedingt einmal gehört haben! Wäre das Legato davor auch noch weicher, wäre diese Stelle einfach perfekt.

Auch die Stelle in den folgenden beiden Takten, wo Hänsel „Ein Geheimnis“ singt, klingen sehr schön; Murray singt hier sehr leise, und übertönt die Klangfarben der zusammenspielenden Violinen und Flöten, die das o.g. Hornmotiv wiederholen, nicht.

Dann kommt bald Gwyneth Jones, die viel kreischt, in der Mittellage aber irgendwie leicht brüchig klingt.

Der Vater von Franz Grundheber gefällt mir besser, kein besoffener Prolet, aber auch nicht zu kultiviert. Bei seinem Auftrittslied singt er die in der Partitur angegebene alternative zweite Strophe („Ach, wir sind ja gern zufrieden“).

Ein bisschen schade ist die Trompete 1 Takt nach RZ. 55, die ihr Hexenmotiv deutlich unsauber intoniert.

Gruselig, wie das Solo-Horn bei „Um Mitternacht, wenn niemand wacht“ hereinkommt.
Die letzten Takte des 1. Aktes nimmt Davis leider viel zu schnell, doch die Musik ist an sich schon dramatisch genug (besonders durch die plötzlich einsetzende Piccoloflöte), die muss man nun wirklich nicht auch noch runterhetzen.

Der Hexenritt beginnt schon sehr wuchtig, die Hörner gleich zu Beginn (ab Takt 2, RZ. 61) schmettern bedrohlich, und auch das 4. Horn hört man hier in der Tiefe knurren.

Und dann kommt wieder eine dieser Stellen, die ich besonders schön finde: zuerst wird das Hexenmotiv von den Clarinetten gespielt, dann gesellen sich die Violinen dazu, und nicht nur die dadurch entstehenden Klangfarben, sondern auch die unheimlichen Halbtontriller sind sehr deutlich hörbar. Oft hört man nur die Clarinetten, oder nur die Violinen, aber hier nicht.
Und gleich danach, wenn die Oboen und die Hörner übernehmen (Takt 11)!
Nicht nur, dass auch diese Stelle eindrucksvoll interpretiert wird, bietet diese Aufnahme endlich die Klangqualität, die so wichtig ist; die Oboen klingen nicht trötig, die Hörner nicht zu laut oder zu leise.

Etwas später, 8 Takte nach RZ. 63, spielt das Horn die Triole leider nicht sauber, das wäre aber wichtig, weil das Motiv von anderen Instrumenten ebenfalls gespielt wird.
Was mir auch gefallen hat waren die letzten Noten des Hexenritts, die Solo-Bratsche, die wirklich äußerst leise spielt.

9 Takte nach RZ 70 singt die Gruberova die kleine Koloratur, die Triole auf dem Wort „Blumen“, nicht korrekt.

Was mir selten, aber doch negativ auffällt ist, dass manche Übergänge der Holzbläser oft ein bisschen ruppig sind. Ein Beispiel: RZ. 72. Die Flöte spielt hier einen Triller, der (s. Legatobogen!) fließend in den nächsten Takt übergehen sollte; in diesem nächsten Takt sollten auch die anderen Bläser weich hereinkommen, jedoch setzen sie recht abrupt ein, nicht fließend, sondern mit einer minimalen Pause dazwischen, fast so, als hätte man zwei Takes etwas unsauber zusammengeschnitten.




Für mich enttäuschend bisweilen auch Davis´ Umgang mit Humperdincks Dynamikvorschriften, und generell mit atmosphärischen Stellen.

Ein sehr gutes Beispiel ist RZ. 76, Takt 5: Hänsel singt „Horch, wie es rauscht in den Bäumen“, worauf zwei instrumentale Takte folgen, die speziell in den Blechbläsern, pianissimo beginnen, im ersten Takt lauter werden bis zum piano, um im zweiten Takt zum pianissimo zurück zu diminuieren.

Davis fängt hier aber viel zu laut an, spielt auch kein Crescendo, und das unheimliche leise instrumentale Rauschen des Waldes, das Schaurige geht mir völlig ab, und auch das Violinen-Solo im Anschluss wird recht lieblos heruntergespielt. Am Ende des Hexenritts war die Bratsche so leise, wieso konnte man das nicht auch hier umsetzen? Die Aufnahmequalität hätte das ohne Probleme und Verluste erlaubt.

Und auch bei RZ. 78, wo alle Instrumente piano und pianissimo spielen sollten, geht es viel zu laut zu:



Hat die Tontechnik hier den Pegel so hochgeschraubt, oder wieso fehlen hier diese leisen Töne? Man hört zwar die Klangfarben der am Steg tremolierenden Streicher schön heraus, aber sie sind viel zu laut.

Positiv wieder bei RZ. 88, wenn Gretel singt „Da kommen weisse Nebelfrauen“, denn hier hört man die Altoboe wie auf keiner anderen Aufnahme unheimlich klagen.

Das Sandmännchen von Barbara Bonney (die Gretel der 1989er Aufnahme) ist ok, vibratoarm, aber vielleicht doch zu damenhaft.
Der Abendsegen ist eigenartig: Gruberova hält sich hier zwar schon sehr zurück, aber Murray singt so extrem leise, dass man teilweise die Tonhöhe gar nicht mehr definieren kann. Naja.
In der darauf folgenden Traumpantomime lässt Davis bei RZ. 101 die Blechakkorde feierlich-getragen erschallen, hetzt dann aber unverständlicherweise die 16tel Läufe der Streicher herunter, ohne jeden Ausdruck, und auch hier sind die letzten Takte (wie auch die die Ouvertüre) irgendwie zu gefühllos gespielt, ohne jeden Bezug zu den Takten davor. Gerade noch wurde es immer langsamer, und plötzlich geht es schnell zu Ende.

Nun beginnt der dritte Akt mit dem Lied des Taumännchens, das Davis sehr langsam nimmt. Ein ebenfalls zu damenhaft klingendes Taumännchen weckt Hänsel und Gretel, die alsbald auf die Hexe von Christa Ludwig stoßen.

Ich weiß leider die Quelle nicht mehr (ich glaube, es war ein Interview?), aber Ludwig selbst meinte später, dass es ein Fehler war, die Hexe in dieser Aufnahme zu singen. Sie war zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits 64 Jahre alt. Nun mag ich schon ihre frühere Interpretation von 1971 gar nicht, ich könnte von mir also nicht behaupten, dass diese Interpretation hier leider nicht mehr so gut ist. Ludwig klingt überraschenderweise gar nicht SO viel anders als damals, die Stimme ist nur ein bisschen „dicker“, die hohen Töne und manch andere Passagen klingen schon angestrengt, es fehlt das Tempo der früheren Aufnahme. Aber immer noch ist es viel Gekreische, und meistens wird auch wortundeutlich gesungen. Für mich nach wie vor keine Hexe, tut mir leid.

Bei „Hokus pokus“ mischen die Tontechniker plötzlich sehr viel Hall in die Stimme, um ihn dann plötzlich wieder abzudrehen. Keine Ahnung, was das sollte.

Dass die Gruberova keine Gretel ist beweist sie spätestens an den Stellen, wo sie sich fürchten soll. Bestes Beispiel ist ihr Satz „Hu, wie mir vor der Hexe graut!“, den sie so übertrieben und schlecht darbietet, als würde sie die Gretel schlecht parodieren.

Kurz bevor sie in den Backofen gestoßen wird, redet die Hexe noch irgendetwas vor sich her … „diese Gretel ist ja so dumm, alles muss man selbst machen“, oder so ähnlich. Unnötig.

Es folgt ein richtig lauter Knusperwalzer, der am Anfang – für mich ebenfalls unverständlich – immer wieder in seinem Fluss ausgebremst wird, aber als das letzte „Juchei!“ gesungen ist, gibt das Orchester Vollgas und schmettert ordentlich drauf los.
Der Kinderchor ist auch in Ordnung, persönlich hätte ich ihn mir ein wenig lauter gewünscht.

Ganz am Ende, auf dem Wort „reicht“, als das Orchester noch einmal in den letzten Takten das Abendsegen-Motiv spielt, hört man auch die wuchtige große Trommel mit viel Schalldruck. Nicht schlecht!

Insgesamt ist das Dirigat für mich ok, aber mich stört, dass Davis nicht wirklich auf die schaurigen Stellen achtet, leise Stellen zu laut nimmt, und auch die wilden Passagen (etwa im Hexenritt) irgendwie noch zu kontrolliert klingen.

Die Sänger wurden garantiert nur nach ihrem Namen gecastet. Ich frage mich, wieso trauen sich die Plattenlabels nicht, jüngere, vielleicht unbekanntere, aber geeignetere Sängerinnen zu nehmen? Hat man hier Angst, dass die Verkaufszahlen dann nicht stimmen? Das muss es sein.
_____


Ich besitze die Aufnahme in zwei verschiedenen Versionen. Einmal in der regulären Erstausgabe im Schuber mit Booklet, sowie in einer Sonderausgabe mit Puzzle, noch in Originalverpackung.
Das Booklet bietet das Libretto und mehrere Übersetzungen, eine Synopsis sowie einen Aufsatz über das Werk, dazu ein Bild von Humperdinck und mehrere Bilder der SängerInnen.
In der Synopsis finden sich leider ein paar eher kleinere, aber dennoch vermeidbare inhaltliche Fehler.

So heißt es etwa: „Als das Körbchen gefüllt ist, macht sich Hänsel übermütig über die Beeren her und ißt sie zum Entsetzen seiner Schwester alle auf.“
Das stimmt so nicht, denn Gretel isst ebenfalls von den Beeren, wenn Hänsel auch am Ende den Korb an den Mund setzt und den Rest verspeist.

Auch heißt es: „Gretel, die sich die magische Formel gemerkt hat, öffnet durch das Zauberwort das Ställchen und löst den Bruder aus seinem Bann“.
Sie löst den Bruder aus seinem Bann, öffnet aber nicht den Stall, und schon gar nicht öffnet das Zauberwort, oder besser, der Zauberspruch den Stall.

Und: "Mit einem lauten Knall explodiert der Ofen, und im selben Augenblick verwandeln sich die Lebkuchen in Kinder. Durch die Berührung von Hänsel und Gretel werden sie aus ihrer Erstarrung befreit“.
Die Lebkuchen verwandeln sich nicht in Kinder, vielmehr bricht die Lebkuchenhülle von den Kindern herunter, und sie werden erst durch den Zauberspruch von Hänsel wieder aus ihrer Erstarrung befreit, nicht durch die Berührung. Witzigerweise steht das sogar in den im Libretto abgedruckten Regieanweisungen.


Unnötig hingegen manche Aussagen in dem Aufsatz, etwa:

Quoted

„Dennoch hat der Komponist bis zuletzt bedauert, daß beliebte Motive wie das Ausstreuen der Kieselsteine und die Heimkehr der Kinder mit Unterstützung des rettenden Schwans nicht erhalten geblieben sind. Das für den vor allem durch sein Buch Kinder brauchen Märchen bekannt gewordenen Tiefen- und Kinderpsychologen Bruno Bettelheim zentrale Motiv der Rückkehr der Kinder, die nun, nachdem sie das Wasser überquert haben, an Erfahrung reicher und für das Leben reifer geworden sind, ging somit endgültig verloren, wie überhaupt der Bereich des Unbewußten, Symbolischen in der Oper zugunsten szenisch effektvoller Wirkungen und plakativer Darstellungsweisen weitgehend zurückgedrängt wurde.“

Was soll das? Ich möchte über die Entstehungsgeschichte des Werkes etwas lesen, und kein mehr oder weniger unterschwelliges Plädoyer für irgendeine Art von Inszenierungen. Ich bin ebenfalls kein Freund davon, wenn auf der Bühne nur seichtes Effekttheater zu sehen ist, auch bei HUG nicht, aber was hat das hier verloren? Und wieso wird hier Bruno Bettelheim überhaupt genannt, der mit seinen sexualisierten Deutungen Grimmscher Märchen nicht unumstritten ist?


Quoted

„Der Regisseur Arno Wüstenhöfer hat in Anlehung an Bruno Bettelheims Deutung der beiden Frauengestalten als guter und böser Elternteil eine Doppelbesetzung von Hexe und Mutter (…) vorgenommen“.

Schön für Herrn Wüstenhöfer. Was hat das mit dieser Aufnahme zu tun?


Quoted

„Die immer wieder versuchte Besetzung der Hexe als Spieltenor wurde vom Komponisten strikt abgelehnt“.

Dafür wird leider keine Quelle genannt (obwohl sie mich sehr interessiert hätte), aber Hauptsache ist, dass wir wissen, was irgendein Regisseur für Bettelheimsche Deutungen umgesetzt hat!

Auch für das Bedauern Humperdincks über die fehlenden Kieselsteine wird keine Quelle genannt, jedoch weiß ich ein Buch, in dem ein Brief oder ein Tagebucheintrag oder etwas ähnliches zitiert wird, in dem er sagt, dass der Morgengesang der Gretel irgendwie unnötig ist, und er das Kieselstein-Streuen gerne drin gehabt hätte.




LG,
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Hänsel: Frederica von Stade
Gretel: Ileana Cotrubas
Vater: Siegmund Nimsgern
Mutter: Christa Ludwig
Knusperhexe: Elisabeth Söderström
Sandmännchen: Kiri Te Kanawa
Taumännchen: Ruth Welting

Children´s Chorus of Cologne Opera
Gürzenich Orchester
Dirigent: John Pritchard



Im selben Jahr der Solti-Einspielung entstand auch diese Aufnahme unter Pritchard, und sie fristet bei mir mehr oder weniger ein Schattendasein, was seine Gründe hat. Der Reihe nach:

Die Tontechnik dieser Aufnahme ist besonders im Hinblick auf die erwähnte Solti-Aufnahme, aber auch auf Aufnahmen wie etwa unter Suitner 1969, ein schlechter Witz. Recht hallig, mit von mir zumindest subjektiv empfundenen geringem Dynamikumfang, der Klang ist irgendwie zugedeckt. Blechakkorde strahlen nicht, und wirklich durchhörbar ist da nichts. Viele Instrumente gehen unter, und die, die hörbar sind, klingen, wie schon gesagt, zugedeckt und verwaschen.

Dazu kommen auch wieder diese Spielereien mit dem linken und rechten Stereokanal bei den Gesangsstimmen, die gerne öfter mal nur links oder nur rechts zu hören sind, teilweise auch bei Duetten.

Ein besonders störendes Beispiel ist für mich die Echoszene; als Hänsel ruft „Wer da?“ hört man das „Wer“ in der Mitte, und das „da?“ auf dem linken Kanal. Das wirkt nicht nur völlig unnatürlich, es passt auch überhaupt nicht zu der Anweisung, dass Hänsel in den Hintergrund hineinruft, und vom Hintergrund (bzw. hinter der Szene), vom Ilsenstein her, die Echos antworten.

Nun ist diese Aufnahme der Solti-Version nicht nur tontechnisch, sondern für mich auch interpretatorisch absolut unterlegen.
Soltis Version war natürlich nicht „perfekt“, auch sie hatte ihre (für jeden natürlich anders empfundenen) Schwächen, aber es war eine Version, die gezeigt hat, was man alles aus dieser Partitur herausholen kann.
Und das geht mir bei Pritchard völlig ab.

Die Ouvertüre klingt schon langweilig und irgendwie unmotiviert vorüber, Spannung gibt es an keiner Stelle. Keine Dramatik, keine Freude, kein Grusel, nichts. Und so geht das leider die gesamte Oper hindurch. Alles klingt unmotiviert und belanglos, lustlos.

Die Clarinetten gleich zu Beginn des ersten Bildes in der Einleitung (ab Takt 2) interpretieren ihre Figur nicht wirklich legato, sondern spielen die punktierte Achtel und die Sechzehntel eher getrennt, was für mich irgendwie zu abgehakt klingt, vor allem weil die Flöten und die Oboe es legato nehmen.
Der Hexenritt ist ebenfalls unspektakulär, die große Trommel ab Takt 9 nach RZ. 64 hört man gleich gar nicht.

Besonders eigenartig ist aber, dass in diesem Vorspiel 5 Takte nach RZ 65 laut ein Becken spielt, wo gar keines notiert ist!

Musikalische Effekte bleiben meist ungenutzt, so etwa auch das von Humperdinck vorgeschriebene Crescendo der Pauken beim Krachen der Scheite. Hier ist es kein Crescendo, die Pauke bleibt relativ leise und wird nicht lauter.
Im vorletzten Takt der Oper, 10 Takte nach RZ 202, spielt die Piccoloflöte ihren Aufwärtslauf nicht legato, was nicht so wirklich zum restlichen Orchester passt.
Wie gesagt, wo Solti viel aus der Partitur herausholt, wo es Dramatik und Gänsehaut gibt, fehlt das bei Pritchard völlig.


Nun aber zum Gesang.

Ileana Cotrubas als Gretel gefällt mir alles in allem sehr gut, sie hat eine klare, helle Stimme, setzt ihr Vibrato dezent ein, versucht aber nicht durch übertriebenes Schauspiel oder Stimme verstellen wie ein kleines Mädchen zu klingen. Was mich ein bisschen stört ist, dass sie in der Mittellage öfter einmal zu viel Kraft in die Stimme legt, forciert, wohl um hörbar zu bleiben, was aber m.E. nicht notwendig gewesen wäre.

Manche Stellen gelingen ihr besonders schön, etwa der Anfang von „Griesgram hinaus, fort aus dem Haus“, manche aber ein wenig unsauber, etwa der Triller 1 Takt vor RZ6 auf „gram“, oder die kleine Koloratur 4 Takte nach RZ 8 auf dem Wort „Geheimnis“.
Auch hört man ein bisschen, dass die Cotrubas nicht Deutsch als Muttersprache hat. Es fällt nicht wirklich stark auf, aber dennoch denke ich, dass es schwieriger ist, seine Rolle zu gestalten, wenn man gleichzeitig darauf achten muss, die Wörter korrekt auszusprechen.

Frederica von Stade singt den Hänsel, leider hat sie mit der Sprache wesentlich stärker zu kämpfen als ihre Kollegin. Stimmlich finde ich sie schon etwas besser – zwar kommt auch sie nicht an meinen Referenz-Hänsel heran, doch hat auch sie eine vibratoarme, relativ helle Stimme in der Höhe und der Mittellage. Nur in der Tiefe erinnert sie mich stellenweise an die Fassbaender, aber diese Töne kommen eher selten vor. Ihr „Ein Geheimnis“ klingt sehr schön!
Stimmlich für mich einer der besseren Hänsel, nur darstellerisch und vor allem sprachlich nicht das Wahre.

Christa Ludwig, die 1971 noch die Hexe sang, darf hier als Mutter mit viel Vibrato und Gekreische auftreten. Für mich unerträglich. An zwei Stellen singt sie nicht den vorgegebenen Text, statt „kommt nur der Vater nach Haus“ singt sie „kommt erst der Vater nach Haus“, statt „ja wüsste man´s“ „tja wüsste man´s“.
Am ärgsten ist aber, dass sie bei „Was soll denn der Besen?“ die Notenwerte verändert. Statt einer Achtel und zwei Sechzehntel singt sie quasi eine Achteltriole, die überhaupt nicht zur Musik passt. Ob das Absicht oder ein Versehen war kann ich nicht beurteilen, aber es klingt nicht gut.

Den Vater von Siegmund Nimsgern wiederum finde ich gelungen, kein übertrieben polternder Suffkopf (Prey), aber auch kein kultivierter Herr (Dieskau), oder ein Wotan in klein (Adam).

Die Echos klingen sehr schön, sind aber wohl zu laut abgemischt, Kuckuck sowieso, und das Sandmännchen von Kiri te Kanawa hat ebenfalls ein bisschen mit der Sprache zu kämpfen, etwa wenn sie singt „Himmelsfernaa“. Ihr Sandmännchen klingt mir auch zu damenhaft.

Dann folgt aber auch schon der Abendsegen, und in wenigen Aufnahmen hört man diese zwar kurze, aber superschöne Stelle bei RZ 93, konkret bei den ersten beiden Vierteln.



Von Stade singt ihr „Linken“ punktgenau und quasi ohne Vibrato, die Cotrubas nur mit einem ganz feinen Vibrato, schönem Legato und sehr beseelt klingendem Ausdruck – dieser plötzliche Mischklang auf der 2. Zählzeit ist so herrlich … und er entsteht auch nur dann, wenn die beiden Stimmen und das Timbre miteinander harmonieren, wenn beide ohne Vibrato, oder nur die Gretel ein ganz feines Vibrato singt.

Ich glaube, die nächste Aufnahme, auf der ich die Stelle so schön gehört habe, kommt erst 1994 unter Runnicles. Mal schauen.

Ruth Welting weckt die schlafenden Kinder als Taumännchen, und gefällt mir mit ihrer wesentlich helleren Stimme, jedoch hat der Dirigent leider ein ziemlich schnarchiges Tempo gewählt, das zu sehr an das Sandmännchen-Lied erinnert. Von Lebhaftigkeit keine Spur.

Und dann kommt Elisabeth Söderström als Hexe, die ich großteils in Ordnung finde. Sie stellt die Hexe als alte Frau da, und klingt auch so; zusätzlich verändert sie ihre Aussprache, damit es wohl so klingt, als ob die Alte keine Zähne mehr hätte. Das „S“ klingt wie ein „Sch“. Das ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, leider ist dieser Kunstgriff unregelmäßig, denn manchmal spricht sie das „S“ sehr wohl deutlich aus.

Es ist angenehm, mal keine kreischende, ständig kichernde Hexe zu hören, die wie Ende 30 – Anfang 40 klingt, nur manchmal finde ich sie zu leise, sie geht öfter mal ein bisschen unter in den lauteren Orchesterstellen. Bei „´s ist alles eu´r Eigen“ nimmt sie nicht den hohen, sondern den tiefen Ton, und die grellen „Hi hi hi hi hi!“-Lacher nach Hänsels „Ich mag dich nicht!“ geraten zu harmlos und zu leise. Sehr bedrohlich finde ich diese Hexe nicht. Wie auch bei den Titelpartien finde ich die Stimmen besser als die Interpretation.

Der Kinderchor singt ganz ordentlich, und leider ist auch hier das Dirigat langweilig. Nachdem die Lebkuchenkinder befreit sind schleppt sich die Musik immer weiter, ohne Höhepunkte, ohne Lebhaftigkeit oder Freude.

Eine ebenfalls wichtige Stelle ist am Ende, wo sich – wie auch schon öfter erwähnt – die Stimmen von Hänsel und Gretel mit dem Kinderchor mischen sollten, ohne ihn zu übertönen. Hier finde ich das gut umgesetzt, weder Cotrubas noch von Stade trällern hier überlaut herum, und so darf der Chor auch angenehm volltönend klingen, dank der Stärkung durch die beiden Sängerinnen.

Mein Fazit: ich würde diese Aufnahme nur empfehlen, wenn man ein Fan von Cotrubas, von Stade oder einer der anderen Mitwirkenden ist, keinesfalls aber wegen des Dirigats oder der Tontechnik, die ich für die Zeit und angesichts manch anderer früherer Aufnahmen enttäuschend finde.
____


Ich besitze diese Aufnahme in zwei Versionen: einmal auf CD, und einmal in einer Vinyl-Box als Gesamtaufnahme.

Das Cover der CD-Box ist sicher Geschmackssache, mir persönlich gefällt es überhaupt nicht. Wesentlich störender ist für mich aber, dass es sich um eine aufklappbare, nicht verschließbare Papp-Box handelt, deren Buchrücken auch, bedingt durch die Bauart, schief ist, und somit nicht wirklich schön aussieht im CD-Regal. Die CDs selber sind wenigstens schön bedruckt, in deckendem hell- und dunkelbraun. Im Deckel der Hülle ist ein Booklet versteckt, das man mit ein bisschen Frickelei herausholen muss. Was sich aber nicht lohnt, denn es bietet lediglich eine komplett in Englisch gehaltene Inhaltsangabe sowie die Tracknummern der einzelnen Titel, die aber sowieso schon auf der Papp-Box stehen. Die zweite CD dient auch als CD-Rom, auf dem das Libretto enthalten ist. Naja.


Die Vinylbox ist da um Längen voraus. Bis auf den, wie ich finde, hässlichen (und mich sehr stark an Powerpoint erinnernden) Schriftzug des Titels finde ich das Cover vorbildlich gestaltet. Das Bild in der Mitte ist farbenfroh und atmosphärisch, erinnert an alte Märchenbücher, die Namen der Mitwirkenden sind ohne Schnörkel o.ä. deutlich zu lesen. Vielleicht hätte das Bild ein bisschen größer sein können, aber das ist Geschmackssache.
Öffnet man die Box, lacht einem ein dickes Booklet entgegen, das nicht nur das komplette Libretto enthält, sondern auch noch mehrere Bilder von den Aufnahmen im Erholungshaus in Leverkusen, den SängerInnen, sowie verschiedene Illustrationen zum Thema „Hänsel und Gretel“, und ein paar längere Aufsätze etwa über die Entstehung, manche davon auf Deutsch(!). Auch ein zur Oper geschriebener englischer Text von Bruno Bettelheim ist enthalten, und ein Foto von Humperdinck, das ich noch nirgendwo im Internet gefunden habe.

Wieso eine in Deutschland erscheinende CD-Box nur eine englische Inhaltsangabe bietet, eine amerikanische Vinyl-Box aber ein Libretto in vier Sprachen sowie mehrere längere Aufsätze auf Deutsch und Englisch sowie viele Bilder, verstehe ich nicht. Diese CD Box ist ein schlechter Witz.



LG,
Hosenrolle1
„Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit.“ (Voltaire)