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Jacques Rideamus

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Beiträge: 4 678

Registrierungsdatum: 15. Juli 2007

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Freitag, 28. November 2008, 18:47

ANDERSSON, Benny und ULVAEUS, Björn - CHESS

C H E S S

Schach

Musical in zwei Akten
Buch: Tim Rice, Robert Coe, Robert Nelson
Gesangstexte: Björn Ulvaeus und Tim Rice
Orchestrierung: Anders Eljas
Originalsprache: Englisch

Uraufführung: 14. Mai 1986 London (die nachfolgende Beschreibung folgt dieser Fassung)
Auszeichnungen: London Critics Circle Theater Award „Best Musical“ u. a.
Deutsche Erstaufführung: 5. Februar 2000 Baden Baden
Spieldauer ca. 2 Stunden

Personen:
Frederick - amerikanischer Schachmeister
Florence - seine Managerin und Sekundantin
Anatoly - russischer Schachmeister
Molokov - Anatolys Sekundant, Agent des KGB
Svetlana - Anatolys Frau
Der Schiedsrichter, Erzähler, Assistenten, Zuschauer

Ort und Zeit: Meran, Bangkok Mitte der 1980er Jahre

Handlung:

Erster Akt:
In Meran lässt sich der amerikanische Schachchampion Frederick von seinen Fans bewundern („Merano“), während sein russischer Gegner Anatoly zusammen und dessen Sekundant Molokov seinen Auftritt im Fernsehen mit Geringschätzung betrachten (Terzett: „Where I Want to Be – Wo ich sein will“). Bei der Eröffnungszeremonie („Opening Ceremony“) weist der Schiedsrichter auf die zu vereinbarenden Regeln hin. Während diese besprochen werden, stürmt Frederick aus dem Raum und überlässt es seiner Sekundantin Florence, mit dem Schiedsrichter, Anatoly und dessen Sekundanten weiter zu verhandeln (Quartett: „ A Model of Decorum and Tranquility – Ein Vorbild an Benehmen und Ruhe“). Später beschimpft sie ihn wegen seiner Disziplinlosigkeit, aber Frederick will nichts davon hören. Von der Tochter eines ungarischen Großmeisters, der nach dem ungarischen Volksaufstand 1956 verfolgt wurde, hätte er mehr Solidarität erwartet.

Florence aber ist Realistin. Sie weiß, dass einem in Wahrheit niemand beisteht ("Nobody on Nobody’s Side“). Das erste Spiel, das beide Seiten mit schmutzigen Tricks zu beeinflussen suchen, endet im Chaos. Auch ein Versöhnungstreffen führt nicht weit („Chess“). Dafür kommen sich Anatoly und Florence bei einem Ausflug in die Berge näher, denn sie entdecken viele Gemeinsamkeiten („Mountain Duet“). Im Verlauf der folgenden Spiele hat Frederick hat eine Verlustserie und gibt Florence die Schuld, die Frederick deshalb verlässt (Duett: „Florence Quits“). Anatoly gewinnt das Turnier und bleibt im Westen. Die Sowjets sind außer sich („Embassy Lament“). Reporter bestürmen Anatoly, sich öffentlich zum Westen zu bekennen, aber dieser antwortet mit einer eigenen Hymne auf alles, was ihm wichtig ist („Anthem“). Die einzigen Grenzen, die er zu respektieren gedenkt, sind die seines Herzens.

Zweiter Akt:
Ein Jahr später findet das Revanchematch in Bangkok statt. Frederick genießt das lokale Nachtleben („One Night in Bangkok“). Florence erscheint an der Seite Anatolys, mit dem sie inzwischen zusammen lebt. Florence macht sich Sorgen um ihre Zukunft mit Anatoly („Heaven Help My Heart – Himmel, hilf meinem Herzen“) und fürchtet die Reaktion der Sowjets, denn Molokov hat bereits einen Rivalen aufgebaut und zudem dafür gesorgt, dass Anatolys Ehefrau Svetlana die Sowjetunion verlassen darf. Angeblich darf sie das Turnier beobachten, tatsächlich aber soll sie ihren Mann von Florence trennen, damit dieser vor Kummer das Turnier verliert. Bei einem Fernsehinterview versucht Frederick Anatoly mit dieser Neuigkeit zu verunsichern. Florence dagegen provoziert er mit der Information, dass ihr geliebter Vater keineswegs ein Held, sondern ein Kollaborateur war. Florence und Anatoly werfen ihn hinaus, geraten aber gleich darauf selbst in einen Streit, weil Anatoly seinen Titel und Florence ihre Liebe verteidigen will („Argument“). Anatoly meditiert über sein Leben, in dem das Schachspiel nur eine Flucht aus seiner unglücklichen Kindheit war. Indessen stellt Svetlana Florence zur Rede, muss aber entdecken, dass nicht nur sie beide Anatoly lieben, sondern auch dazu verdammt sind, ihn zu verlieren („I Know Him so Well – Ich kenn ihn so gut“).

Anatoly erzielt einen spektakulären Sieg, muss aber erkennen, dass es sein letzter gewesen sein könnte. Er versucht vergeblich, mit Frederick eine Remis-Vereinbarung zu treffen (Ensemble: „The Deal, No Deal“), denn auch Frederick hat an einer schweren Kindheit zu tragen („Pity the Child – Hab Mitleid mit dem Kind“). Svetlana wirft Anatoly vor, in die Bewunderung der Massen geflüchtet zu sein und seine Familie im Stich gelassen zu haben. Anatoly erklärt sich damit einverstanden, zu seiner Familie zurück zu kehren. Florence und Anatoly bleibt nur, zu bedauern, dass sie zwar einander liebten, aber nicht vernünftig genug waren zu erkennen, dass Geschichten wie ihre kein Happy End haben (Duett: „You and I – Du und ich“)

Entstehungsgeschichte

Bereits 1982 schlug der Librettist Tim Rice, der schon die Texte von Andrew Lloyd Webbers „Evita“ und „Jesus Christ Superstar“ verfasst hatte, Andersson und Ulvaeus ein Musical um einen weltweiten Schachwettbewerb vor, der sich kritisch mit den Mechanismen des Kalten Krieges auseinandersetzen sollte und sehr frei aus den Vorgängen während des historischen Turniers von Meran entwickelt wurde, bei dem Bobby Fisher und Viktor Kortchnoi um den Titel des Schachweltmeisters kämpften. Rice überzeugte sie davon, das Projekt wie bei seinen beiden früheren Erfolgen mit Andrew Lloyd Webber mittels eines sogenannten Konzeptalbums zu lancieren, das 1984 heraus kam und danach in konzertanten Aufführungen in fünf europäischen Städten getestet wurde. Danach erwies sich die Londoner Premiere, die im wesentlichen auf diesem Album basierte, als großer Erfolg, und das Musical lief dort drei Jahre lang.

Für die Übernahme am Broadway musste jedoch das Buch drastisch geändert werden, denn die Geschichte wurde als zu verwirrend und die Figur des Amerikaners als zu negativ empfunden. Das neue Buch von Robert Nelson hatte aber keinen Erfolg, und das Stück wurde nach wenigen Wochen abgesetzt. Spätere Aufführungen griffen daher im wesentlichen wieder auf die Londoner Fassung zurück. Die Popularität des Konzeptalbums, sowie natürlich die von ABBA, sorgte für einen nachhaltigen Erfolg in London. Seither hat dieses Werk mit einzelnen Nummern wie „One Night in Bangkok“, „Anthem“ und „You and I“ die internationalen Hitparaden bereichert und wurde u. a. mit der „Goldenen Europa“ für das beste Album ausgezeichnet. Da man es mit relativ bescheidenen Mitteln inszenieren kann, konnte es sich auch im europäischen Theaterrepertoire etablieren. Allerdings erwies sich das Thesenstück in den meisten Aufführungen als wenig geeignet, die notwendige emotionale Identifikation des Theaterpublikums mit den, durchweg gebrochenen, Helden des Stückes zu erzeugen.

Als noch problematischer aber erwies sich schließlich der Zusammenbruch des Ostblocks bald nach der Premiere des Stückes, denn das unverhoffte Ende des Kalten Krieges raubte ihm die aktuelle Referenz und ließ es fast über Nacht als thematisch veraltet erscheinen. Ein überzeugender Erfolg wie in London wollte sich deshalb bislang nicht einstellen, weshalb es Tim Rice trotzintensiver Bemühungen nicht gelang, dem Stück eine zweite Chance am Broadway zu geben. So bleibt die lange Laufzeit der Londoner Uraufführung der einzige Hinweis darauf, dass in dem Stück mehr Theaterpotenzial steckt als ein eindrucksvolles Konzertstück, dem die Schallplatte problemlos gerecht werden kann.

Musik

Es verwundert nicht, dass Anderssons erster Ausflug in die Welt des Musicals ein Werk des Übergangs hervor brachte. Nach eigener Aussage schätzte er das Musical als Gattung zunächst nicht sehr, und nur wenige Werke der Gattung fanden Gnade vor seinen Ohren. Dazu gehörte Webbers EVITA, deren Librettist Tim Rice hörbar starken Einfluss auf Andersson und seinen Partner Björn Ulvaeus hatte. Dessen sogenannte Rockoper JESUS CHRIST SUPERSTAR mit ihrer Folge episodischer Tableaus war ein weiteres Modell für Anderssons Partitur, die vor allem in einzelnen Nummern wie „One Night in Bangkok“, „I Know Him so Well“ oder dem Duett „You and I “ mit starken Einfällen überzeugt. Die Leichtigkeit, mit der sie sich aus dem Kontext lösen ließen und einzeln Hits werden konnten, verweist jedoch auch auf das Problem der Partitur, die sich zu stark auf die Attraktivität ihrer Einfälle verlässt, vor dem Hintergrund einer allgegenwärtig melancholischen Stimmung aber zu wenig Entwicklung zeigt. Dies belegen auch die radikalen Umstellungen der Broadwayfassung, die zwar erfolglos blieb, deren Platteneinspielung gegenüber dem englischen Original aber kaum nennenswert zurücksteht.

CD-Tipp Stockholmer Konzertfassung von 1994: Göteborg Symphonieorchester unter Leitung von Anders Eljas; Tommy Korberg (Anatoly), Karin Glenmark (Florence), Anders Glenmark (Frederick), Lena Ericsson (Svetlana). Mono Music

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