Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 63 C-Dur "La Roxelane"

  • Besetzung: Flöte, je 2 Oboen und Hörner, Fagott, Streicher (Urfassung: + 2. Fagott, Trompeten/Pauken)


    Entstanden 1777-1779 (deutlich später als 66-69) zunächst auf der Basis einer Schauspielmusik, die Haydn 1777 für das Schauspiel "Soliman II. oder die drei Sultaninnen" eines gewissen Charles Simon Favart komponierte, zusammengestellt und danach auch als Sinfonie gespielt; die heute übliche Endfassung stammt von 1779.
    Robbins Landon hat eine "Urfassung"rekonstruiert; der erste Satz basiert jeweils auf der Ouverture zur Oper "Il mondo della luna" (1777); allerdings fehlen bei der Endfassung die Trompeten und Pauken und es gab weitere kleine Änderungen in der Instrumentation. Die rekonstruierte Fassung hat überdies ein anderes Menuett und Finale, das von einem Sinfoniefragment vom Ende der 1760er Jahre liegengeblieben war. Der Variationensatz ist in beiden Fassungen identisch. (Mir ist die rekonstruierte Fassung nicht bekannt, vermutlich ist sie nur in der Dorati-Box enthalten?) Diese rekonstruierte Fassung ist allerdings so zu Haydns Zeiten wohl nie erklungen, denn das zum Finale der Erstfassung gehörende Menuett hatte er sofort durch das spätere ersetzt.


    (NB die Incipits/Satzanfänge bei Haydn 100&7 sind verkehrt (müßte stattdessen 53 sein) und die Partitur ist die der rekonstruierten Fassung? Menuett und Finale sind jedenfalls ganz andere Stücke als bei Fischer und auch die dortigen Aufnahmen Doratis und Hogwoods sind die der üblichen Fassung... hat der Hiwi anscheinend gepennt.)


    1. Allegro 3/4
    Ungeachtet der abgespeckten Instrumentation handelt es sich auch in der Endfassung um einen farbigen und eingängigen Satz. Gleich der Beginn kontrastiert die Streicher mit dem vom Dreiklang bestimmten Hauptthema mit einer Antwort der Bläser. In Überleitungspassagen wird ein wichtige Motiv mit einem punktierten Auftakt bereits ein wenig verarbeitet. Auch die dynamischen Kontraste lassen verstehen, daß wir es mit einer Buffa-Ouverture zu tun haben. Es gibt ein Zwischenthema in den Geigen (mit pizzicato-Begleitung der anderen Streicher) und ein beschwingtes in der Schlußgruppe in den Oboen und Bratschen zu Synkopen der Geigen.
    Die Durchführung beginnt recht dramatisch mit Tremoli und dem punktierten Motiv; dann erklingt die Bläserpassage vom Anfang in einer klagenden Mollvariante; es folgt eine weitere Verarbeitung des punktierten Auftakts aus dem Hauptthema. Die ausgedehnte Entwicklung des schlängelnden Zwischenthemas (das dann in der Reprise ausgelassen wird) bildet die Überleitung zur deutlich verkürzten Reprise.



    2. Allegretto o piu tosto allegro 2/4 c-moll
    Variationen über das volkstümlich-eingängige "Roxelane"-Thema, eine Art Romance wie z.B. auch in 53, 85 oder 100 (und ein ziemlicher Ohrwurm). Die Variationen sind entsprechend schlicht gehalten; hauptsächlich bestimmen Kontraste in der Instrumentation und der Moll-Dur-Gegensatz diesen Satz.
    Thema: Streicher mit Dämpfer
    1. Var.: (C-Dur) Oboen/Fagotte, nur sehr sparsam von Streichern unterstützt.
    2. Var.: (c-moll) figuriertes Flötensolo + Streicher
    3. Var.: (C-Dur) Streicher (bei Fischer solistisch) werden dem Orchestertutti gegenübergestellt
    4. Var.: (c-moll) Streicher (quasi da capo)
    5 Var.: C-Dur triumphaler Schluß, es beginnen Oboen/Fagotte (wie in der Var. 1), dann volles Orchester.



    3. Menuett
    Das Menuett wird bestimmt von einer kraftvollen Tutti-Phrase mit markantem Triolenauftakt, die dann mit einem "Abstieg" der Geigen im piano endet
    Im zweiten Teil fährt sich zunächst der Auftakt etwas fest und dann gibt es ein paar geheimnisvolle leise Töne, bis die Hauptphrase wieder einsetzt.
    Das Trio bringt ein gemütliches Tänzchen für Oboe + Fagott, von den Streichern pizzicato begleitet.



    4. Finale: Presto 2/4?
    Ein knapper Sonatensatz, lebhaft und energisch. Das Seitenthema klingt wieder wie direkt aus einer Buffa.
    Die Durchführung wirft das Doppelschlagsmotiv zuerst in den Streichern hin und her, das steigert sich vorübergehend in beinahe kontrapunktische Verwicklungen, dann Verarbeitung eines anderen Motivs. Der Repriseneinsatz ist ein wenig verschleiert, weil die tiefen Streicher das Anfangsmotiv übernehmen und ganz kurz markante Gegenstimmen auftreten; Ruhe kehrt erst mit dem Einsatz des Seitenthemas ein.



    Gewiß kein sehr tiefgründiges, aber ein sehr eingängiges und abwechslungsreiches Werk, dem anscheinend jedoch selbst der Beiname nicht zu weiterer Verbreitung verholfen hat.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo!


    Ich habe heute die Symphonie mit Genuß hören können, besonders der zweite Satz gefällt mir. Es ist nichts großartiges, aufsehenerregendes oder gar revolutionäres in der Symphonie, aber sie ist gut, stimmig und eingängig komponiert.
    Ich glaube, ich ernenne sie zu meiner liebsten in Haydns 60ern - kein besonders schmucker Titel, da ich mit den 60ern weniger anfangen kann als mit den 20ern, 30ern..., 100ern - aber immerhin.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    [...] eines gewissen Charles Simon Favart [...]


    Das war der, der u.a. auch "Die Fee Urgele" oder "Was den Damen gefällt" für Ignaz Joseph Pleyel [1757-1831] textete, neben Marie-Justine-Benoîte Favart und Harny de Guerville an dem von Mozart vertonten Singspiel "Bastien und Bastienne" (im frz. Original Les amours de Bastien et Bastienne) seine Finger im Spiel hatte und auch ansonsten nicht untätig gewesen ist. Verarbeitet wurde er (und seine Angetraute) in Jacques Offenbachs Madame Favart [1878]. Favart lebte von 1710 bis 1792.


    :hello:


    Ulli