Die Bewegungen beim Klavierspiel

  • Liebe Foristen, liebe Pianisten,


    sind die Bewegungen beim Klavierspiel von Bedeutung für eine gute Interpretation oder könnte man sie auch weglassen?


    Ich denke dabei an ein YouTube eines achjährigen Mädchens, deren Gestik zu einem enorm guten Spielergebnis führt, und ich glaube, dass sie ohne diese Gestik ein sehr viel weniger gutes bis vielleicht nur tonrichtiges Spiel erreicht hätte.


    Ich erlaube mir zu verlinken:


    "http://www.youtube.com/watch?v=ZEVp4HOeoXg&feature=channel_page


    Wie seht ihr die Dinge?


    Pianistische Grüße,


    Melisma :hello:



    habe den direkten Link mal aufgelöst. So wird es akzeptiert.
    Reinhard

  • Sagitt meint:


    ich sehe vor allem ein Kind, das mit bemerkenswertem Spiel beeindruckt.


    Es ist nicht die Fingerfertigkeit, sondern der interpretative Ansatz.Wo kommt so etwas her ?


    Wenn man acht ist ?


    Die Bewegung ist Ausdruck des Verinnerlichens.

  • Zitat

    Original von Melisma
    Liebe Foristen, liebe Pianisten,


    sind die Bewegungen beim Klavierspiel von Bedeutung für eine gute Interpretation oder könnte man sie auch weglassen?


    Ich denke dabei an ein YouTube eines achjährigen Mädchens, deren Gestik zu einem enorm guten Spielergebnis führt, und ich glaube, dass sie ohne diese Gestik ein sehr viel weniger gutes bis vielleicht nur tonrichtiges Spiel erreicht hätte.


    Hallo Melisma,


    ich hatte in meiner Jugend mal einen - fürchterlichen (!) - Klavierlehrer, der mir solche "Ruderbewegungen" beigebracht hat. Später ist mir dieser Unsinn dann Gott sei Dank wieder abgewöhnt worden. Denn so kann man nie im Leben eine Chopin-Erüde bewältigen. Die ganz Großen und im besonderen die absoluten Klangkünstler unter den Pianisten zeichnen sich durch eine äußerst ergonomische Technik aus: Man sieht überhaupt kaum, daß sich etwas bewegt. Beispiel: Rubinstein, Michelangeli. Schau Dir das am besten mal auf DVD an.


    Beste Grüße
    Holger

  • Hallo Melisma,


    solche Bewegungen sind sicher nicht nötig für eine gute Interpretation und könnten somit auch weggelassen werden. Nun können wir natürlich nur Mutmaßen, ob die Ursache im konkreten Fall ein Klavierlehrer ist, der solche Ruderbewegungen fördert, oder ob die Bewegung vielleicht einfach nur "Ausdruck des Verinnerlichens" ist, wie sagitt schreibt?


    Ich tendiere als Laie zumindest zu dem Glauben, dass ein zuviel solcher Bewegungen den Fortschritt eher hemmen muss, als dass ich mir vorstellen könnte, dass es diesen fördert (wobei einem Kind sicher auch nicht die Freude am Spielen genommen werden sollte). Es gibt nur ganz wenige Fälle, wo ein erfolgreicher erwachsener Pianist noch wirklich starke Ruderbewegungen macht. Olli Mustonen ist so ein Beispiel. Da mag ich allerdings gar nicht hinschauen, wenn ich ihn im Konzert spielen sehe...


    Bei der kleinen 8-jährigen Annie im Video, geht das mit dem Anschauen schon eher. Habe mir noch ein weiteres Video von ihr angeschaut: "Annie (8 years old) plays Chopin Nocturne Op. 72, No. 1 in E minor", dort fällt es mir schon schwerer mir die Ruderbewegungen anzuschauen. Aber was sie da in dem Alter dem Klavier an Musik entlockt ist schon toll - keine Frage!


    Gerne will ich Dr. Holger Kalethas Beispielen aber noch ein paar hinzufügen. Erst vor kurzem erlebte ich Gabriela Montero in einem Konzert - wer ihre Musik hört, kann die Spielfreude heraushören - besonders auch in ihren Improvisationen - dabei sitzt sie dann aber sehr ruhig vor dem Klavier.
    Oder Marc-Andre Hamelin, der als einer der größten Virtuosen gilt, der auch die höchsten Schwierigkeiten bei Stücken meistert, die vielen als unspielbar gelten - er bewegt sich nicht mehr, als eben nötig!


    Wobei ich jetzt nicht verlange, dass alle Pianisten starr wie Roboter da sitzen sollten. Aber doch lieber alles im rechten Maß...
    Sicherlich ist es auch eine Sache des Charakters. Ein schönes Beispiel ist noch das Klavierduo des Geschwisterpaares Katia & Marielle Labeque - da ist Marielle sehr ruhig und Katia deutlich lebhafter (wenn auch zum Glück nicht mit solchen Ruderbewegungen, wie bei Mustonen)
    Sollte sich z.B. eine Klavierschule etablieren, die solche Ruderbewegungen als absolut nötig ansieht, dann hätte ich als Zuschauer doch Probleme dem auch zuzusehen...


    Viele Grüße
    Frank

  • Schönen Dank für die vielen Antworten! - Habe mir Hamelin angehört mit "Ungarischer Rhapsodie" von Liszt. - Ja, er wirkt ziemlich ruhig und souverain, ohne großartige Bewegungen interpretiert er das Werk.


    Und trotzdem möchte ich doch einmal das Klavierspiel auf diesem hohen Niveau mit dem Höchstleistungssport vergleichen. - Ist es denn nicht auch so, dass der Sportler ein besseres Ergebnis aus der Bewegung heraus erzielt? -
    Oder hinkt der vergleich?


    Pianistische Grüße,


    Melisma :hello:


    P.S. Verstehe nicht wirklich, warum das Verlinken unerwünscht ist! - Man hat doch viel schneller den Link angeklickt, als erst einmal unter dem angegebenen Namen zu suchen!

  • Zitat

    Original von Melisma
    Und trotzdem möchte ich doch einmal das Klavierspiel auf diesem hohen Niveau mit dem Höchstleistungssport vergleichen. - Ist es denn nicht auch so, dass der Sportler ein besseres Ergebnis aus der Bewegung heraus erzielt? -
    Oder hinkt der vergleich?


    Er hinkt durchaus nicht, liebe Melisma: zum einen befinden sich die Muskeln der Finger am Unterarm und wachsen mit zunehmendem Spiel und zum anderen beruhen gute Klavierschulen (Czerny, Liszt, Chopin) auf einem ausgeklügelten System des Einsatzes der Fingermuskeln. Hebel- und Rotationsgesetz werden dabei konsequent angewandt, weshalb etwa das Spiel mit zu langen Fingernägeln in diesem Sinne falsch ist, da es den Aktionsradius und somit Kraftaufwand vergrößert. Es gilt ferner auch noch, nie immer gleich zu üben, da sonst die Fehler miteingeübt werden, sondern einfallsreiche Variationen dabei einzusetzen.


    LG und viel Freude am Spiel


    Micha:hello:

  • Alfred Brendel hat in einem seiner Bücher (ich glaube in: Ausgerechnet ich. Gespräche mit Martin Meyer) über sich berichtet, dass er nach ersten Filmaufnahmen von sich dermaßen erschrocken sei, dass er optisch ganz Anderes zum Ausdruck brächte als er am Klavier musikalisch auszudrücken dachte, dass er sich eine strenge Übung vor dem Spiegel verordnet habe, um dem wieder Herr zu werden.


    :hello:


    Wer perfekten Zusammenhang zwischen Körperbewegung und Musik einmal sehen möchte, sehe sich einmal den Dirigenten Evgeny Mravinsky an: Wie ein Marionettenspieler, bei dem jede Fingerbewegung sofort identifizierbare hörbare Änderung hervorruft. (YouTube machts möglich...)
    :jubel: :jubel: :jubel:

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Auch wenn der Faden schon älter ist...


    sind die Bewegungen beim Klavierspiel von Bedeutung für eine gute Interpretation oder könnte man sie auch weglassen?


    Das Ergebnis ist es, was zählt. Nicht, wie ein Interpret sich bewegt, welches Gesicht er beim Spielen macht, usw. usf.


    Ich empfehle immer, beim Beurteilen von (Klavier-)Musik die optischen Eindrücke auszuschließen. Also die Videoaufzeichnungen nicht dabei anzusehen, gegebenenfalls die Augen zu schließen, um sich ganz auf das Gehörte konzentieren zu können.

  • Warum nur bei Klaviermusik?


    Weil es musikalische Gattungen gibt, bei denen optische Eindrücke mit eingepreist sind (etwa Ballett, oder Oper). Aber Du hast völlig recht: zur Beurteilung des musikalischen Anteils alleine (z.B. beim Schwanensee oder Nußknacker) reicht wiederum nur das unabgelenkte, bzw. aufmerksame, Hören.


    Viele Grüße
    Chris