Der beste lyrische Tenor nach Wunderlich

  • Liebe Forianer


    Der Titel sagt vielleicht nicht alles über die Zielsetzung dieses Threads aus, denn zusätzlich ist noch die Vielseitigkeit des Fritz Wunderlich gefragt.
    Der Tod von Fritz Wunderlich riß eine IMO nicht zu füllende Lücke in die Sängerlandschaft. Meiner Meinung nach ist es bis heute nicht wirklich gelungen einenädiquaten Ersatz zu finden, der alle oder zumindest fast alle Tugenden von Fritz Wunderlich vereint.
    Da wäre zunächst die Bandbreite vom Schubertlied , übers Oratorium bis hin zur Oper. Dann wäre noch das unverwechselbare Timbe gefragt, und last but not least der stets ädiquate Vortrag, der Schmelz.....


    Wenn ich als Einleitung erklärt habe, ein ädiquater ersatz wäre nicht zu finden, dann apelliere ich jetzt: Lasst es uns wenig versuchen.


    Nominierungen und Begründungen werden gern gelesen


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Fritz Wunderlich war auf jeden Fall eine Ausnahmeerscheinung und zu ersetzen ist solch ein Sänger mit Sicherheit nicht.


    Von den heutigen Sängern würde ich zwei nennen, die für mich besonders gute lyrische Tenöre sind.


    Da ist einmal Jonas Kaufmann. Sein Timbre ist allerdings ein ganz anderes, nicht jeder mag es. Technisch und interpretatorisch reicht er IMO durchaus an Wunderlich heran. Auch er singt Mozart, Verdi, Puccini, auch er ist ein sehr guter Liedinterpret (Schumann, Schubert, Strauss, Britten usw.). Als Oratoriensänger ist er ebenfalls schon in Erscheinung getreten (Schöpfung, Elias ). Außerdem singt er demnächst schon seine 3. Wagnerpartie, d.h. er strebt inzwischen doch auch ins Heldentenorfach.


    Der zweite Tenor ist Piotr Beczala. Er bewegt sich auch zwischen Mozart und Verdi, hat auch Strauss-Lieder gesungen. Auch sein Timbre kommt etwas mehr an das von Wunderlich heran. Leider kenne ich ihn noch nicht so gut und weiß deshalb auch noch nicht allzuviel über ihn.


    Liebe Grüße
    Jolanthe

  • Zitat

    Original von musicophil
    Eindeutig Flórez !!
    Eine nie zu verkennen Stimme. Volumen reichlich. Auch Schmelz. :D
    Kurz :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:


    LG, Paul


    Das ist ja alles gut und schön und nichts gegen Florez, aber Alfred geht es wohl auch um die Vielseitigkeit eines Tenors.


    LG


    Jolanthe

  • Wunderlich selbst sagte nach Angeben seiner witwe , dass Nicolai Gedda die schönste aller Stimmen in seinem Fach gehabt habe .


    Man muss sicherlich diese Ausnahemsänger persönlich erlebt haben , um zu versuchen , sich ein möglichst objektives Bild zu machen .


    Bedenken sollte man , dass Fritz Wunderlichs Karriere viel zu kurz gewesen ist , um erahnen zu können , welche Möglichkeiten er noch gehabt hätte .


    Nicolai Gedda kommt rein stimmlich Wunderlich sehr , sehr nahe . Gedda war ein bedeutender Liederinterpret , ein meist überragender Opernsänger ( Ausnahme für mich seine Rolle in "Madame Butterfly" ) .
    Geddas schwerestwiegende Defizite finden wir in seiner Autobiographie !


    Simoneau war ein wundervoller Interpret des Liedes , der Requiem , der Opern , die er gesungen hat .


    Nicht zu vergessen Anton Dermota .


    Alfred und Operus werden Fritz Wunderlich höchstwahrscheinlich noch auf der Bühne erlebt haben .


    Wunderlich hat für mich bleibende Eindrücke hinterlassen .


    Und grossartige Einspielungen dazu .


    Viele Grüsse ,



    Frank

  • Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze brechen für Hans Peter Blochwitz. Obwohl hier im Forum schon mehrfach lobend erwähnt, gibt es immer noch keinen eigenen Thread!
    Geboren am 28. September 1949 in Garmisch-Partenkirchen. Er studierte zuerst Informatik, bevor er sich dem Gesang widmete.
    Obwohl sich seine Opernkarriere nach seinem Debüt im September 1984 als Lenski in Frankfurt rasch entwickelte (Scala, Genf, Brüssel, Amsterdam, Paris, Zürich, Hamburg), reserviert Hans Peter Blochwitz geraume Zeit für Konzerte. Ganz besondere Aufmerksamkeit widmet Blochwitz auch dem Lied. Er hatte großen Erfolg in der Welturaufführung von Hans Zenders Bearbeitung von Schuberts «Die Winterreise» in Frankfurt im September 1993. Er ist seit 1999 Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Bern.



    Ausführliches Portrait gibt es hier demnächst zu seinem 60. Geburtstag in diesem Herbst!


    LG


    :hello:

  • Sagitt meint:


    Ich habe mich ja nicht getraut....obwohl ich in diesem Forum für diesen Sänger immer wieder eine Lanze gebrochen habe.


    Es ist gar nicht die Kontroverse, die ich ja wegen Blochwitz in diesem Forum schon reichlich hatte.


    Eher, weil ich anerkenne, dass Hans Peter Blochwitz eines nicht konnte, was Wunderlich eindeutig beherrschte. Das lyrische Fach in der italienischen Oper, Alfredo, Rodolfo und andere.Er hat davon einiges in Deutsch ( leider) gesungen und Rodolfo in italienisch.


    DAS stand Hans Peter Blochwitz nicht zu Gebot. Schon sein Auftitt bei der missa solemnis zeigt seine Grenzen. Wobei dies der Eindruck von der CD ist. Ich hatte einmal das Vergnügen, neben ihm Liebesliederwalzer von Brahms zu singen, habe keine kleine Stimme, aber meine überhaupt nicht neben ihm gehört.


    Aber sonst:


    - mehrfach hat er sich im Blindversuch gegenüber Wunderlich bei der schönen Müllerin durchgesetzt
    -seine Bach-Aufnahmen sind teilweise grossartig ( Evangelist in der Matthäus-Passion, die Qualität konnte er im Weihnachtsoratorium wegen der Raserei von Gardiner kaum zeigen, ausser der, es in diesem Wahnsinnstempo singen können, er erzählte mir, er sei mit dieser Version allerdings nicht einverstanden gewesen
    - in den Mozart-Partien Belmonte,Tamino und Ferrano hervorragend, meines Erachtens angemesser als Wunderlich ( weil mit schlankerer Stimme)
    Den Don Ottavio finde ich nicht so prägnant.
    -mehrfach hervorragend bei geistlicher Musik von Mozart, Krönungsmesse und davidde penitente.


    Ja, auch nach Jahrzehnten immer noch mein Favorit-Tenor.

  • Es ist überhaupt keine Frage, dass Firtz Wunderlich durch seine außergewöhnlichen stimmlichen Fähigkeiten, seine Emphase beim Singen und seine enorme emotional charismatische Ausstrahlung eine herausragende Sängerpersönlichkeit war.
    Nur ich sträube mich immer "Der Beste zu sagen". Auch in der Zeit von Fritz Wunderlich gab es mit Gedda, Simoneau, Dermota und Alva eine ganz Reihe weiterer überragender, lyrischer Tenöre. Wenn ich vergleichend urteilen will - was schwer genug ist - dann sollten die einzelnen Interpreten in gleichen Partien gehört und bewertet werden. Einigen wir und doch darauf, dass Wunderlich ein überragender Tenor war und ist, es aber auch noch andere wunderbare lyrische Tenöre in seiner Zeit gab.
    Ich kannte Wunderlich aus einigen privaten Begegnungen. Deshalb kann ich die Frage nach dem Menschen bedingt beantworten. Eine Persönlichkeit, die augenblicklich wirkte und Sympathie gewann. Ein Temperament, ein Feuer, eine Lebendigkeit, wie eine Kerze die an beiden Enden brennt und strahlt.
    Der Frage:Wer nach Wunderlich der beste, lyrische Tenor ist, weiche ich aus. Ich kann sie nicht beantworten. Erhoffe mir aber aus den weiteren Beiträgen der Taminos eine Antwort.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ich hab das "nach" aber verstanden als "der beste lyrische Tenor, den es nach dem Ableben Fritz Wunderlichs gegeben hat".


    Womit also nicht gesagt wird, Fritz Wunderlich sei der beste lyrische Tenor! Denn auch vor ihm gab es "universale Tenöre".
    Einfach eine Doppeldeutigkeit???


    LG, Paul

  • Florez oder Villazon kann man überhaupt nicht mit Wunderlich vergleichen. Die Karriere von Wunderlich war ja eine deutschsprachige. Ein deutscher Tenor, der das "Wunderlichfach"gesungen hat und jetzt weit darüber hinausgewachsen ist, heißt Jonas Kaufmann. Es gibt eigentlich für herausragende Sänger keine Nachfolger, weil sie Unikate sind.


    :hello:Herbert.

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    Florez oder Villazon kann man überhaupt nicht mit Wunderlich vergleichen. Die Karriere von Wunderlich war ja eine deutschsprachige. Ein deutscher Tenor, der das "Wunderlichfach"gesungen hat und jetzt weit darüber hinausgewachsen ist, heißt Jonas Kaufmann. Es gibt eigentlich für herausragende Sänger keine Nachfolger, weil sie Unikate sind.


    :hello:Herbert.


    da pflichte ich dir ungeschränkt bei, jeder Sänger ist ein Unikat, hat sein eigenes Timbre, Vergleiche kann man eigentlich nicht machen.


    :hello:

  • Von Vergleichen oder gar von Wunderlich-Klonen soll hier doch gar keine Rede sein. Alfred hat in seinem Eröffnungs-Thread lediglich gefragt, was so nach dem frühen Tod von Fritz Wunderlich an lyrischen Tenören nachgekommen ist!


    Dass es keinen 100%igen Ersatz für ihn gibt müßte uns allen doch klar sein.


    LG


    :hello:

  • Zitat

    Alfred
    Meiner Meinung nach ist es bis heute nicht wirklich gelungen einenädiquaten Ersatz zu finden, der alle oder zumindest fast alle Tugenden von Fritz Wunderlich vereint.


    Da wäre zunächst die Bandbreite vom Schubertlied , übers Oratorium bis hin zur Oper. Dann wäre noch das unverwechselbare Timbe gefragt, und last but not least der stets ädiquate Vortrag, der Schmelz.....


    Wenn ich als Einleitung erklärt habe, ein ädiquater ersatz wäre nicht zu finden, dann apelliere ich jetzt: Lasst es uns wenig versuchen.


    Wenn man einen Ersatz möchte, dann sollte er so ähnlich sein wie das Original, mit all seinen, wie Alfred schreibt "der alle oder zumindest fast alle Tugenden von Fritz Wunderlich vereint".


    Da fällt mir wirklich kein Tenor ein und mag er noch so gut sein, die Vorzüge, die Alfred anspricht, kenne ich von keinem heutigen Tenor.

  • Was neue Stimmen anbelangt. lebe ich immer sehr in der Gegenwart. Ein lyrischer Tenor, der mir auch sehr gut gefällt, ist der junge albanische Tenor Saimir Pirgu, der auch schön öfter an der Wiener Staatsoper aufgetreten ist. ( Jahrgang 1982? ).
    Seine Stimme ist sicher noch entwicklungsfähig.
    NDR Kultur brachte vor ca. einem Jahr eine Sendung über drei Teöre der Gegenwart, Kaufmann, Beczala und Pirgu.




    Die CD stammt bereits aus dem Jahr 2006. Damals war er wirklich noch blutjung. Inzwischen hat er auch schon mit großem Erfolg den Alfredo gesungen und die Stimem hat sich schon weiterentwickelt.


    LG
    Jolanthe


    Von der Moderation wurde ein anderer Link gesetzt, nun kann man
    die Tonbeispierle direkt über jpc hören - nur Cover Anklicken unddann Track wählen - - - MOD 001 Alfred

  • Der albanische Tenor Saimir Pirgu hat hier schon lange einen eigenen Thread, der aber kein großes Interesse im Forum geweckt hat.


    Am Beginn seiner Karriere war auch bei Peter Seiffert eine gewisse Ähnlichkeit mit Fritz Wunderlich vorhanden.


    Während er noch im Opernstudio in der Ausbildung war, sang er bereits an der Rheinoper Rollen wie den Fenton in den "Lustigen Weibern" oder den Baron Kronthal im "Wildschütz", später dann auch den Chateaneuf in "Zar und Zimmermann".


    Ähnliche Beispiele gab es noch mehrere, aber da Wunderlich schon mit 35 Jahren starb und keiner weiß, was später nachgekommen wäre (??), ist alles Weitergehende nur Spekulation! Max im Freischütz? Lohengrin? Tannhäuser?... Seiffert singt das alles längst, ist aber inzwischen Mitte 50, hat Wunderlich also schon 20 Jahre überlebt!


    LG


    :hello:

  • Zitat

    Der albanische Tenor Saimir Pirgu hat hier schon lange einen eigenen Thread, der aber kein großes Interesse im Forum geweckt hat


    Das liegt wahrscheinlich unter anderem daran, daß ihr keinen Link gesetzt habe, wo man die Stimme hören kann. Ich hab das geändert,
    nun können die Soundsamples gespielt werden....


    Die Stimme ist IMO sehr interessant....


    mfg


    aus Wien


    Alfred

  • Alfreds Beitrag spricht zwei Punkte an: Zum einen die Vielseitigkeit von Fritz Wunderlich und zum anderen die Frage nach möglichen Sängern, die diese schmerzliche Lücke füllen könnten.


    Ich nehme mal den zweiten Aspekt gleich vorweg. Ich sehe weit und breit niemanden, der in toto seine Nachfolge antreten könnte, Fritz Wunderlich war in mancherlei Hinsicht ein Ausnahmesänger und wird als solcher nicht zu ersetzen sein. Natürlich gab und gibt es auch nach ihm hervorragende (lyrische)Tenöre, Namen wie Hans Peter Blochwitz und Peter Seiffert sind ja schon gefallen, wie auch Florez und Villazon, aber das sind eben alles Sänger die für sich stehen und sich vermutlich auch selbst keineswegs als Nachfolger oder "Erben" von Wunderlich sehen.


    Eine Wertung, wer von ihnen der "größte" oder "beste" ist, mag ich nicht vornehmen, da dies zu sehr dem persönlichen Geschmack und der jeweiligen Rolle unterliegt, wie ich auch analog Operus zustimmen muss, dass Wunderlich keinewegs der absolut beste lyrische Tenor seiner Zeit war, einfach deshalb, weil jeder Mensch seine Stärken und Schwächen hat und ein Stimmfach zu umfangreiche Anforderungen stellt, als dass ein einzelner Mensch sie in jeder Hinsicht optimal erfüllen könnte.


    Zu Fritz Wunderlich:


    Zwar stimme ich grundsätzlich zu, dass er im wesentlichen zu den lyrischen Tenören gezählt werden kann, aber seine Stimme umfasste für mich noch wesentlich mehr. Natürlich war sie eher hell und beweglich mit leichter, strahlender Höhe, aber im Gegensatz zu manchen anderen lyrischen Stimmen konnte er eben nicht nur sanft und in leisen Kantilenen vor sich hinsäuseln, sondern bei Bedarf auch so richtig schmettern. Wer nicht weiß, was ich meine, möge sich nur mal seine Version von "Granada" anhören. Da verblasst so mancher ganz große Name neben ihm und er muss sich auch keineswegs hinter den bewussten drei großen Tenören verstecken, im Gegenteil: etwas später geboren hätte er dem einen oder anderen von ihnen womöglich sogar die Show gestohlen. Aber okay, lassen wir das, ist Spekulation.


    Spekulation ist natürlich auch, was aus dieser Stimme im weiteren Verlauf noch hätte werden können, so er länger gelebt hätte. Ich habe es ja schon angedeutet, meiner Meinung nach hat er ja schon zu Lebzeiten die engeren lyrischen Grenzen gesprengt, ich bin sicher, dass er auch im etwas dramatischeren Fach großartiges hätte leisten können, vielleicht nicht gerade als Otello, aber so ziemlich das ganze restliche Verdi-Repertoire könnte ich mir sehr gut vorstellen.


    Ich erwähne Verdi nicht ganz zufällig, denn zumindest in seinen späteren Werken komponierte er nicht einfach mehr oder weniger schöne Melodien, sondern die Musik dient in erster Linie dazu, die Gefühle der handelnden Personen auszudrücken. Verdi verlangt also nach mehr als nach reinem und womöglich innerlich distanziertem Schöngesang und eitle Stimmprotzerei ist gerade bei ihm tödlich.


    Genau dieses gefühlsbetonte Singen, mit "Emphase", wie Operus es nannte, war aber bezeichnend für Fritz Wunderlich. Halbheiten oder distanziertes Singen gab es bei ihm praktisch nicht, er war äußerst konzentriert und gab alles, und das mag durchaus auch darauf zurückzuführen sein, dass er selbst spürte, dass ihm nicht allzuviel Zeit blieb, um seine Kunst auszuleben.


    Diese Intensität im Ausdruck und in der Gestaltung, dieser Ernst und die absolute Konzentration auf das für ihn Wesentliche ergaben im Einklang mit seinem unverwechselbarem Timbre und seinem Schmelz eine Kombination, die in ihrer Art einmalig war und wohl auch bleiben wird. Das ist keine Wertung, ich bin nur ebenso wie einige andere hier der Meinung, dass wirklich große Künstler einmalige und unverwechselbare Erscheinungen sind und auch jeweils für sich betrachtet werden sollen.


    Meine letzte musikalische Begegnung mit Fritz Wunderlich liegt erst einige Tage zurück. Ich war gerade dabei für YouTube ein Video eines Sonnenuntergangs fertigzustellen, das ich mit Schuberts "Im Abendrot" vertonen wollte. Meine bis dato Lieblingsversion von Leo Slezak befriedigte mich in technischer Hinsicht nicht, also ging mein nächster Gedanke zu Fritz Wunderlich, da ich annahm, er müsste dieses Lied doch sehr gefühlvoll interpretieren.


    Nun, ich muss gestehen - unabhängig von der Gefühlsintensität - ich war etwas enttäuscht von der zur Verfügung stehenden Aufnahme. Seine Stimme schien mir etwas herb zu klingen, nicht so leicht wie erwartet zu fließen.


    Die Interpretation seines Sängerfreundes Hermann Prey gefiel mir da schon um einiges besser, klangschöner, müheloser... Schließlich gab ich aber dann den Damen den Vorzug und hatte lange an der Entscheidung zwischen Christa Ludwig und Vesselina Kasarowa zu knabbern, andere wie Sarah Walker waren da schnell aus dem Rennen. Letztlich entschied ich mich dann für Kasarowa, obwohl sie mindestens ebenso herb klingt wie Wunderlich, eher noch rauher, aber in Kombination mit Friedrich Haiders Begleitung war es genau das, was ich mir als Untermalung meines Videos vorgestellt hatte, auch wenn ich es ganz sicher nicht erwartet hätte, so rein dem Namen und der Erwartung(Vorurteil?) nach.


    Ich schreibe das nicht zuletzt, um zu demonstrieren, dass ich Fritz Wunderlich keineswegs anbete oder ihn für das tenorale Maß aller Dinge halte, aber er war wie gesagt ein einmaliger, unverwechselbarer Sänger mit unglaublicher Intensität, bei dem ich nur bedauern kann, dass er so früh gehen musste. Andererseits hat er der Welt in dieser kurzen Zeit so unwahrscheinlich viel gegeben, dass wir uns wahrlich nicht beklagen dürfen, vor allem, da ja doch etliche Aufnahmen von ihm existieren.


    Im allgemeinen habe ich es ja nicht so mit den Tenören, aber auf Fritz Wunderlich lasse ich nichts kommen. :D

  • Ich bin dabei, den hier schon genannten Jonas Kaufmann immer mehr als eine "Ausnahmeerscheinung" zu entdecken. Er könnte, meiner Meinung nach, in puncto Vielseitigkeit an Wunderlich anknüpfen.


    Anders als Rolando Villazon scheint Kaufmann mir mit seinem Stimmkapital klug zu haushalten. Anders als so viele der heutigen Tenöre scheint er sich nicht ausbeuten zu lassen und alles das zu singen, was die Stimme schon kann (und was natürlich dann auch Spaß macht), sondern er treibt kontinuierlich und sehr überlegt seine Karriere voran. Er ist klug und lernt aus den Fehlern vieler seiner Vorgänger und Mitstreiter.


    Wie Ihr bemerkt, ich sage das noch mit aller Vorsicht! :stumm:

  • Sagitt meint:


    Die Besonderheit dieser Stimme von Wunderlich war, dass er gleichzeitig grossartiger Interpret von Liedern war und Opernsänger.


    Die meisten hier genannten Tenöre sind nur Opernsänger. Die Kunst im Mikro-Bereich, dem des Liedes, fällt oft unbefriedigend aus.


    Selbst ein Sänger bei Francisco Araiza konnte mich beim Lied-Gesang nicht überzeugen.


    Das Lied hervorragend zu gestalten, ist die grössere Herausforderung, weil auf kleinstem Raum blitzschnelle Wechsel von Stimmungen gefordert werden, weil das echtes Piano gefordert wird,optimal zu verwirklichen durch Mischen von Brust-und Oberstimme.


    Wunderlich sang schon im italienischen Fach und zugleich immer wieder Lieder. Seine letzte Aufnahme ist ein Liederabend in Edinburgh.


    Das besondere war sein Spektrum. Die meisten guten Liedersänger können als lyrische Tenöre eigentlich nur alte Musik singen und Mozart. Ein Peter Schreier als Max fast eine Fehlbesetzung. Blochwitz hat dieses Repertoire überwiegend, und auf der Opernbühne total, gemieden.
    Andere hervorragende Liedersänger, wie Ernst Haefliger, taten das Gleiche.


    Gedda, der berechtigt immer wieder genannt wird, hat nach meiner Kenntnis im deutschen Repertoire keine Rolle gespielt, also nicht Schubert und Rollen für lyrische Tenöre in Opern.


    In dieser Kombination war Wunderlich sicher ziemlich einmalig.

  • Zitat

    Gedda, der berechtigt immer wieder genannt wird, hat nach meiner Kenntnis im deutschen Repertoire keine Rolle gespielt, also nicht Schubert und Rollen für lyrische Tenöre in Opern.


    Lieber Hans,
    gestatte, dass ich Dir in diesem Punkt widerspreche!
    Es gibt wohl kaum einen Tenor, der das deutsche Fach so umfassend (zumindest auf Tonträgern) abdeckt wie Nicolai Gedda. Hier nur ein paar Beispiele aus dem aktuellen Plattenkatalog:


    Cornelius: Nureddin im "Barbier von Bagdad"
    Kienzl: Evangelimann
    Mozart: Belmonte / Tamino
    Flotow: Martha - Lyonel
    Lortzing: Opernprobe, Zar + Zimmermann, Undine
    Weber: Euryante (Adolar), Freischütz (Max) Abu Hassan
    Wagner: Lohengrin
    Pfitzner: Palestrina
    und und und.....................


    Schubert: Die Zwillingsbrüder
    + eine sehr schöne "Müllerin"


    hinzu kommen dann noch mindestens ein Dutzend Operetten-Rollen wie Eisenstein, Barinkay, Zedlau, Sou-Chong ....


    LG


    :hello:

  • Lieber Herbert,


    Dein Hinweis, dass jeder Sänger ein Unikat ist, bringt die Diskussion kurz, knapp, treffend genau auf den Punkt.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Die vielzitierte Vielseitigkeit Wunderlichs hat sich allerdings auch dergestalt geäußert, daß er im völlig falschen Fach sang. Ich erinnere bloß an Cavalleria Rusticana. Und sein Italienisch war furchtbar. Nicht alles, was er gemacht hat, war gut, und nicht alles sollte man zum Beleg seiner Vielseitigkeit heranziehen.


    Kaufmann ist kein lyrischer Tenor. Er ist ein Spinto-Tenor, der jetzt auf dem Weg ist, ein Heldentenor zu werden. Seine Stimme ist bereits so baritonal, daß ich mich manchmal frage, ob er wirklich noch ein Tenor ist.


    Was die Threadfrage betrifft, hätte ich keine Probleme, sie zu beantworten: Meine Wahl wäre ALFREDO KRAUS. Ein wirlich vielseitiger Sänger, polyglott, ein großartiger Liedersänger. ich finde ihn sogar besser als Wunderlich. Er waußte ganz genau, wo sein Fach lag und bediente es vorzüglich.


    :hello:
    M.

  • Zitat


    Die vielzitierte Vielseitigkeit Wunderlichs hat sich allerdings auch dergestalt geäußert, daß er im völlig falschen Fach sang. Ich erinnere bloß an Cavalleria Rusticana. Und sein Italienisch war furchtbar. Nicht alles, was er gemacht hat, war gut, und nicht alles sollte man zum Beleg seiner Vielseitigkeit heranziehen.


    Es ist doch so, dass sehr viele Sänger im falschen Fach singen, das wäre mal ein neues Thema hier, aber...


    kaum ein Sänger hat während seiner Karriere ausschließlich Partien aus einem Stimmfach gesungen. Fritz Wunderlich etwa war ursprünglich ein reiner lyrischer Tenor, der gegen Ende seines Lebens immer mehr Partien aus dem Fach des tenore lirico spinto und sogar des jugendlichen Heldentenors sang.


    Plácido Domingo, eigentlich ein tenore spinto, hat während seiner Laufbahn auch Partien aus allen anderen Kategorien gesungen: vom Nemorino (Liebestrank, tenore di grazia) über Don Ottavio (Don Giovanni, lyrischer Tenor), Max (Freischütz) und Lohengrin (jugendlicher Heldentenor) bis Parsifal und Tannhäuser (Heldentenor).



    quelle: wikipedia

  • Sagitt meint:


    ich hatte mich unscharf ausgedrückt. Mit deutschem Repertoire meinte ich "Lieder". Ich kenne von Gedda nur ein Schubert-Lied ( es ist sonst im hiesigen Repertoire nichts ermittelbar). Das hat mir gut gefallen. Als Liedersänger war er mir nie aufgefalleb.


    Vielleicht eine Bildungslücke ?



    Jedenfalls hatte dieser Sänger auch eine grosse Vielseitigkeit.

  • Gedda gehört zwar nicht in diesen Thread, aber er hat sehr viele
    Lieder-Konzerte gegeben und es gibt mit ihm auch eine hervorragende
    Aufnahme der "schönen Müllerin". Ich finde auch sein Timbre attraktiv und ich finde, daß er Wunderlich haushoch überlegen war. Seine Dynamik, seine Pianokultur und seine Vielsprachigkeit hat Wunderlich nie besessen. Auch Josef Traxel ist für mich ein Sänger, der Wunderlich in allen gesangstechnischen Belangen überlegen war.
    Die Frage müßte also lauten: Wer ist der beste lyrische Tenor nach Schock, Wunderlich, Gedda, Traxel, Dermota, Häfliger, Alva, Simoneau und Kmentt?
    Dies ist natürlich meine persönliche, subjektive Meinung.


    :hello:Herbert.