Schumann: Carnaval op. 9

  • Bei den auf der Rarissimes-Anthologie versammelten Einspielungen aus den 60ern/70er ist Gelber allerdings jung, oft unter 30. Sie lohnt sich auf jeden Fall, wobei ich zugeben muss, den "Carnaval" nicht speziell in Erinnerung zu haben. Gelber hat(te) kein so großes Repertoire, aber bei Beethoven und Romantikern ist er hervorragend.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ja, Johannes, er war auch hervorragend mit Brahms.


    Ich besitze eine EMI- LP mit ihm, welche sich leider in einem Umzugskarton schon vor vielen Jahren festgesetzt oder abgesenkt hat. Und sie dort bisher keiner rausgeholt hat. :S
    Erstklassig !



    *****************
    Christian B.,
    danke auch. Deshalb werde ich sie mal, wie so vieles ;) , im Auge behalten... 8-)

  • Ein ganz wichtiger Interpret, wie ich finde.


    Jeder, der den Carnaval mehr als einmal auf CD/LP/Band oder Streamingzugriff haben möchte, sollte seine CD (die derzeit aus Japan kommt bei monetärem Zwischenabgriff der Amazonashölle) zumindest hören, wenn nicht gleich kaufen. Sein Carnaval ist ebenso überzeugend wie herausragend wie klangschön und klangrein.



    Hier ist der Link:



    Exkurs a)


    Die Kinderszenen, welche noch neben Carnaval und Kreisleriana auf der CD sind, habe ich als 15 jähriger geübt und gespielt (meine Klavierlehrerin Eleonore Koch aus Grosssachsenheim nördlich von Stuttgart /eine Monique Haas- Schülerin brachte mir mehrere Vorschläge, was WIR als nächstes lernen könnten. Ich wollte - wieder mal- Bartok. Aber den hasch doch grad eben schon gemacht, sah sie mich an. Dann sagen sie `s, bat ich. Dann nehmen WIR die Kinderszenen! Das sind Stücke nicht für Kinder, nicht über Kinder, sondern über das "geheime Kindliche", so ähnlich redete sie sich heraus. Ausserdem hatte ich noch keine Noten vom G. Henle Verlag (schwarze Schrift auf taubenblauem Grund). Gesagt, getan.


    Und wir machten die Stücke, die ich ziemlich leicht fand, eins nach dem anderen. Da ich aber bereits in den Sog der Pubertät geraten war, habe ich diese Stücke seit damals immer nur mit halbem Herzen geübt und mit halbem Ohr gehört.


    Exkurs b)


    Die passende Kreisleriana- LP mit Horowitz habe ich später gekauft, wohl 1972. Von den Stücken blieben mir die technisch komplexeren mehr in Erinnerung als die lyrischen. Die CBS- Platte hatte (und hat) einen enorm basslastigen Sound, der mir schliesslich unangenehm war. Ich habe sie nurmehr selten gehört.


    Hauptposting:


    Das erste Hören der remastered CD war eine Enttäuschung. Obwohl W. Kempff den Carnaval in 26 Min. 07, also insgesamt eher schnell spielt, hören sich die einzelnen Masken fast alle langsam gespielt an. Sofort aber auffallend war der klare und sehr schöne Klavierklang als Ergebnis des Remastering- Prozesses (von DGG). Ich habe hin und her überlegt, ob ich die CD am Threadende erwähnen möchte, entschloss mich aber sie nochmals- und ein drittes und viertes Mal zu hören.


    Der Zufall kam mir zuhilfe.


    Während der Davidsbündlermarsch in mir noch klang, spielte W.K. nun bereits die Kinderszenen, nach dem Carnaval der zweite Musikblock auf der CD - und später die Kreisleriana- und ich war ganz einfach fasziniert von seinem klaren und lyrischen, langsamen, polyphonen Klavierspiel. Es gelang mir, mich völlig darauf zu konzentrieren. Jede Figur erwuchs aus der anderen, oder sie war im Gegensatz zur anderen, oder eine Steigerung oder Abschwächung - immer passend. Dabei war kein überflüssiges Rubato oder Appassionato, sondern singendes, sehr klares und sehr differenziertes Klavierspiel. Ich hatte sofort das Gefühl, etwas versäumt zu haben, ihn nicht beachtet zu haben, ja -seine Botschaft nicht gehört zu haben, um mal ein Klischee und Faktum unserer derzeitigen Sprache zu bedienen. ;)
    Schnell zurück zum Carnaval, dem ich mich nun von der anderen Seite genähert hatte. Natürlich, mein Gemüt war nun von op. 15 und 16 "vorbereitet", ja konditioniert. Das Preambule spielt er schnell und ziemlich sauber, dessen Zwischenteil langsam wie niemand anders !!! Die Schnelligkeit der anderen Pianisten braucht er nicht. Ich habe das Gefühl, dass er sogar extra langsam spielt bei Papillons und Paganini, um Details auszubreiten, für die andere Pianisten aufgrund ihres immensen Tempos keinerlei Ausdrucksmöglichkeiten zu haben scheinen. Wichtig: nie hat man das Gefühl, dass er bemüht ist. Nie kommt er ausser Atem. Das Huschen der Figuren oder Masken, das Fantastische, Traumhafte, Momentane des "Bildes" ist nicht sein Sujet als Interpret. Doch macht er andere klavieristische Bonbons: sehr gezielt führt er rhythmische kleine Asymmetrien ein, sehr gezielt spielt er alle Zwischenmöglichkeiten des Anschlags von Legato bis Staccato aus, sehr gezielt verwischt er die meist glockenklaren Achtelläufe, wenn sie zu 16tel werden im C- Teil vom Davidsbündler- Schlussmarsch, mit feindosiertem Pedalgebrauch. Der Effekt ist eine Art rutschende Wahrnehmung, eine kleine Charakteränderung der Musik für Sekunden und das öfter, gutplaziert. U.v.m.
    Die Aufnahmen waren im Studio 1971 und 1972 entstanden (die Aufnahmen aus den 50er Jahren möchte ich mir auch noch näherbringen - später).


    Noch ein paar Details:


    im Pierrot werden einige klangliche und rhythmische Details ausgebreitet, an die ich niemals vorher gedacht habe, Eusebius ist vom Tempo her ziemlich fortziehend und nicht klischeehaft diffus- romantisch mit Rubati


    immer mehr, wie bei vielen anderen Pianisten- auch aus der allerersten Reihe, z.B. A.R. (ich getrau mich nicht !). Chiarina (Klara) ist ausdrucksmässig ziemlich neutral, wegen konstantem, aber nicht starrem Rhythmus und mit einer gewissen Binnendramatik, Estrella dagegen schwergewichtig und ernst. Folgerichtig ist in Pause kein suggestives Aufrauschen: auch hier spielt W.K. langsam, und dort mag ich das nicht !


    Um das Gefühlte und Gesagte zusammenzufassen, v.a. aber anders auszudrücken: hier ist ein Pianist, der - eigensinnig oder selbstbewusst- seine Zuhörer in seinen Bann ziehen kann, ohne ihre Aufmerksamkeit zu ermüden. Der uns zu verstehen gibt: Schnelligkeit der Finger ist relativ. Ich zeige euch meine Alternative ! Hört zu ! (v.a. in der heutigen Zeit so was von wichtig !)


    Das nächste Mal:


    die Kempff- Schülerin Mitsuko Uchida (wir hatten sie schon mal !) :)

  • Die passende Kreisleriana- LP mit Horowitz habe ich später gekauft, wohl 1972. Von den Stücken blieben mir die technisch komplexeren mehr in Erinnerung als die lyrischen. Die CBS- Platte hatte (und hat) einen enorm basslastigen Sound, der mir schliesslich unangenehm war. Ich habe sie nurmehr selten gehört.

    Wirklich? Ich finde gerade diese CBS-Aufnahmen sehr schlank und immer durchsichtig aufgenommen - gerade auch im Bass. Die RCA-Aufnahmen, die Horowitz machte, sind im Bass viel satter. Liegt das vielleicht an Deiner Anlage? :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Hallo Christian B. ,


    die frühere Aufnahme sollte um 1953/ 1954 gewesen sein. Ich habe sie auf Discogs jedoch in dieser Periode nicht gefunden. Ich glaube, das hat ein Forist im benachbarten Kreisleriana- Thread geschrieben, und jene soll noch beseelter sein als die obige (ja und vielleicht ist Discogs ja auch nicht immer vollständig).


    Hallo Holger,


    was das bassige Klangbild bei Horowitz auf seinen RCA- LPs angeht, bin ich d`accord. Es ist evtl. auch die Flügeleinrichtung auf der CBS- Lp für die "fetten" Bässe verantwortlich. Und es stimmt schon, das ist immer noch gut durchhörbar. (leider ist die LP noch in einem Karton.., hoffentlich täuscht mich meine noch rel. klare Erinnerung nicht in diesem Punkt.)
    MlG
    D.

  • Weiss denn einer, warum die entsprechende Horowitz Audio- CD einmal ganz billig und das andere Mal - in der genau gleichen Aufmachung- über 45 EUR kostet ?


    Zur besseren Orientierung stelle ich das Bildchen/ den Link nochmals rein:

  • Nach dem sicher herausragenden Wilhelm Kempff (1895 bis 1991) haben wir es jetzt mit seiner berühmtesten Schülerin


    Mitsuko Uchida (geb. 1948) zu tun


    (sein anderer "berühmtester" Schüler war Gerhard Oppitz !).


    M.U. ist zwar in Japan geboren, hat aber in Europa, Wien und London u.a. sehr viel mehr Zeit gelebt als in Fernost. Ihre Eltern waren japanische Diplomaten in Zentraleuropa. Ihre Lehrer waren neben W. K. noch Richard Hauser von der mdw im III. Wiener Bezirk, welcher sie bereits als 12 jährige unterrichtete, Stefan Askenase und Nikita Magaloff.


    Die CD, welche ich vorstellen möchte, ist 1994 für Decca UK in Snape Maltings, ehemalige Malzfabrik an der englischen Ostküste und u.a. Veranstaltungsort des Aldeburgh Festivals, aufgenommen worden. Die supergute Klangqualität der CD zeigt die fantastische Klangentwicklung von Halle und Bühne und die Fähigkeiten des Aufnahmeteams, die nahezu konkurrenzlos gut sind, die perfekte Flügeleinrichtung gar nicht zu erwähnen.



    Es ist diese CD:



    für 8,99 EUR, welche es auch als SACD gibt.
    Früher in unserem Thread hat moderato unter nachfolgendem Beifall darauf hingewiesen, dass diese eine seiner Lieblingsaufnahmen sei. Ich kann ihm nur vorbehaltlos zustimmen. Die Aufnahme ist einige meiner wenigen Favoritinnen unter allen in dieser Besprechungsfolge. W.K. spielt schnelle 26`07, M.U. dagegen 31`20. Dennoch wirkt die M.U.- Aufnahme schneller als die Kempff.`sche. Genau betrachtet ist es so, dass Uchida die lyrischen Stücke und Stellen bis zu 40% langsamer spielt als Kempff, dagegen die schnellen Stücke wesentlich schneller, ja zuweilen rasend. Und das bei unglaublich klarem und transparentem Spiel, z.B. bei Papillons und Pause. Wobei letzteres auf die Sekundenzahl bezogen, nicht so sehr ins Gewicht fällt.
    Sie beginnt - wie ihr Lehrer Kempff- recht schnell mit sehr eleganter und rhythmischer Phrasierung. Während W.K. im B-Teil des Preambule unbeirrt sein (langsames) Tempo durchzieht, forciert M.U. dieses schlagartig erheblich und bringt damit auch Wichtigkeit und Virtuosität ins Spiel. Für den nachfolgenden Pierrot, mittelschnell, wendet W.K. 0`53 auf, M.U. dagegen 1`45. Weiterhin hat der langsame Walzer von Valse noble seine ganz eigene Qualität und Ausdruck, ist dabei in der DOPPELTEN Zeit gespielt wie beim Lehrer. Dieses Ausspielen der Charaktere wirkt beileibe nicht befremdend oder irgendwie unproportional, sondern gut dem Ablauf der Masken angepasst. Coquette ist langsam und hübsch hüpfend, aber nicht zickig interpretiert. Auch Chiarina lässt die Pianistin hüpfen, was eine eigentümliche Spannung schafft, Chopin dagegen klingt bestimmt nicht chopinoid oder chopinesk, sondern neutral zurückhaltend.


    Wie ich bereits früher geschrieben hatte, sind einige schnelle Passagen so etwas wie "aufrauschend", z.B. Papillons und Pause. Jawohl, dieses wird erreicht durch eine technisch perfekte Spielweise von dynamischen
    Steigerungen innerhalb von Sekundenbruchteilen bis wenigen Sekunden. Solche Details können bei Frau Uchida plötzlich aufgesetzt und forciert wirken, sind jedoch meist sofort wieder geschehen und vergessen (?). Auch der am Schluss des Zyklus plazierte Marsch "Davidsbündler gegen Philister" ist fast eine verwegene Jagd, bei der M.U., welche diese Musik als 46- Jährige aufgenommen hat, ihre sehr , sehr hochentwickelte Technik voll in die Wagschale wirft.


    M.U. bringt uns den Carnaval als Wirbel des Fantastischen mit durchaus kalkulierter poetischer Grundhaltung dar und wirkt dabei fast immer natürlich.


    Mitsuko Uchidas CARNAVAL ist eine für heute sehr zeitgemässe Einspielung (cave: rec. 1994 !) gelungen mit fantastischer Interpretation, Klang und Technik, für die ich leicht je 5 Sterne vergeben würde, wenn ich müsste. :P



    MlG
    D.

  • Einen sachlichen Fehler möchte ich korrigieren:

    Auch Chiarina lässt die Pianistin hüpfen, was eine eigentümliche Spannung schafft, Chopin dagegen klingt bestimmt nicht chopinoid oder chopinesk, sondern neutral zurückhaltend.


    Ich habe M. Uchida (DECCA- Aufnahme) sowohl vor Wochen als auch zuletzt mit Carnaval gehört, sowohl vollständig als auch in Teilen, jedoch Chiarina, Chopin und Estrella zuletzt nicht mehr.


    Nun möchte ich statt des obigen Zitattextes neu einfügen:
    Während das mittig plazierte Chopin ziemlich wild und leidenschaftlich wirkt, teilweise als Effekt eines forcierten Tempos, sind die beiden Frauenmasken rhythmisch sehr pointiert, im Ausdruck aber eher zurückgenommen und ähnlich.


    MlG
    D.

  • Ich habe nochmals gesucht und eine Aufnahme des Carnaval von Wilhelm Kempff aus den 50er Jahren nirgendwo gefunden, v.a. nicht auf dieser älteren Einspielung:

    Ich habe auch nochmals diverse Discographien durchgesehen. Es scheint tatsächlich nur die Studioaufahme von 1972 bei der DGG zu geben. Erstaunlicher Weise wohl auch keinen Mitschnitt - ich habe welche von der Sonate Nr. 2 und der Fantasie op. 17 (BBC, Salzburg (Orfeo)), aber nicht vom Carnaval. In den 50igern bei der DGG hat er offenbar nur die Kreisleriana aufgenommen. :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Sagitt meint


    Ich habe noch-entfernt- C.Licad im Ohr.mit einer besonderen Interpretation.Leider ist die Aufnahme im Bermuda-Dreieck verloren gegangen und bei den relevanten streaming Diensten nicht gelistet.
    Vielleicht kennt jemand die Aufnahme?

  • Gerade sehe ich in der Amazonashölle, dass es von einem Second Hand- Versender eine SONY Aufnahme für weniger als 5 EUR gibt, mit dem von Cecile Licad gespielten Carnaval. Ausserdem sind die Papillons und die Toccata noch auf der CD.


    Das folgende ist gemeint:



    Leider kann man keine Schnipsel hören und auf YT habe ich auch keine Datei gefunden.
    MlG
    D.

  • Lieber Christian,


    besten Dank für den Link! Ich hätte zu gerne dieses Programm von ihr - leider ist die CD total vergriffen:



    Lieber Holger,
    es ist ja kürzlich eine Box erschienen mit allen Decca-Aufnahme von larrocha - und da finden sich zwei Bonus-CDs mit genau diesem Programm!
    Mit ein bisschen Geduld werde ich Dir das bis zum Jahresende zukommen lassen können. Vorher schaffe ich es nicht.
    Viele Grüße
    Christian

  • es ist ja kürzlich eine Box erschienen mit allen Decca-Aufnahme von larrocha - und da finden sich zwei Bonus-CDs mit genau diesem Programm!
    Mit ein bisschen Geduld werde ich Dir das bis zum Jahresende zukommen lassen können. Vorher schaffe ich es nicht.

    Lieber Christian,


    das ist ja super! Lieben Dank, dass Du da gleich an mich denkst! Lass Dir ruhig Zeit! Ich habe einfach zu viele DECCA-Sachen von ihr, deshalb hätte ich bei dieser Box fast nur Dopplungen. Ich hoffe allerdings, dass auch noch eine Box mit den RCA-Aufnahmen rauskommt. Da fehlt mir schon mehr - deshalb werde ich mir die dann holen! Gleich zwei gute Nachrichten heute Morgen - die andere, dass Trump endlich an die Leine genommen wird! :hello:


    Liebe Grüße
    Holger

  • Nach fast einem Monat Pause geht`s nun hier wieder weiter. Ich habe mich - nach einigem Hin- und Herüberlegen - für die Reihenfolge Geza Anda (1921- 1976) , Paul Badura- Skoda (geb. 1927), Jörg Demus (geb. 1928) entschieden. Danach soll eine junge Dame folgen, bevor es zu einigen "Russen" geht und noch zu mindestens zwei Giganten.


    Geza Anda (O:ndo gesprochen), 1921 Budapest -- 1976 Zürich





    Nach einer fundierten Klavierausbildung in seiner Geburtsstadt, u.a. bei Ernst von Dohnanyi an der Budapester Franz- Liszt- Musikhochschule, ist er später Schüler von Edwin Fischer geworden. Seine Pianistenkarriere nahm ab 1941 in Holland, Deutschland, Schweiz und Ungarn Fahrt auf. 1943 ist er von einer Tournee in die Schweiz nicht mehr nach Berlin zurückgekehrt und hat fortan in der Schweiz gelebt. Er war 2 x verheiratet, zuletzt als als schon etablierter Pianist mit einer Tochter aus einer sehr vermögenden deutsch- schweizerischen Industriellenfamilie.


    Anfänglich ist er mit dem klassisch- romantischen Klavierrepertoire in Europa und der Welt bekannt geworden, später liess er immer öfter mit Mozart und Schumann aufhorchen. In Salzburg konnte er schliesslich von Edwin Fischer dessen Meisterkurse übernehmen. Er ist oft bei den Salzburger Festspielen aufgetreten und seine Konzerte sind mehrfach mitgeschnitten worden, zuletzt am 15.08.1972. Es existieren mehrere ältere Carnaval- Mitschnitte mit ihm, u.a. von DGG (vielleicht später davon).


    Zuerst Bemerkungen zur dieser live- CD Aufnahme des Labels ORFEO, welche ursprünglich vom Österreichischen Rundfunk in Szene gesetzt worden ist. Bei diesem Konzert hat G.A. ausser dem Carnaval noch Bach BWV 826, Chopin b-moll Sonate op.35, und Ravel, Valses n.et s. gespielt. Die Aufnahme wird als ADD charakterisiert und ist "digitally remastered". Im Gegensatz zu vielen anderen CDs, z.B. Mitsuko Uchidas CD (s.o.), ist leider der Klavierklang ab den mittleren Lautstärken auf der T+A - Anlage verfremdet (wobei ich den Originalklang der LP nicht kenne). Dieser CD- Klang ist mittenbetont und bassarm, nicht direkt von harter Klangqualität, aber mit strengem Unterton. Ich möchte gestehen, dass ich mich an dieses Klangbild überraschend .schnell gewöhnen konnte, es aber bei jedem Neuauflegen der CD wieder als auffällig feststelle.


    Nun ja, ich habe weiter angehört !!! 8)


    A. spielt die 21 Masken, Zustände und Übergänge in 27`37, also durchschnittlich bis relativ schnell im Vergleich zu allen bisher besprochenen CDs und Clips. Die Stücke wirken so, als ob es für jedes Stück ein individuelles Tempo gebe. Nichts wird heruntergespielt oder gar -gejagt. Kurz nach dem Beginn mit geringfügigen akkordischen Unreinheiten im "Prolog" ist die "Valse noble" agogisch sehr sorgfältig abgestuft auf die Tasten gesetzt, was mit einem verhaltenen, intim erzählenden "Eusebius" so weiter geht. Bei vielen Stellen, auch in der Folge, entsteht der Eindruck, als ob der Pianist alle Zeit dieser Welt hätte ! Das "Sphinx" ist sehr misterioso. Beim nicht so schnellen "Papillons" folgt eine kleine rhythmische Überraschung der nächsten. Die beiden Frauenmasken "Chiarina" und "Estrella" werden sehr prononciert, teils richtig schwergewichtig genommen; das dazwischen liegende "Chopin" dagegen klingt wie ein langsamer Teil einer Chopin- Ballade (quasi vorweggenommen ?).


    Bei "Valse allemande - Paganini" wackelt zwar die Stimmführung zwischendurch etwas, G.A. erlaubt sich dann aber einen recht originellen Schluss (Cave: Liveaufnahme !). Die Passage hört sich dennoch sehr gut an. "Aveu" und "Promenade" lenken endlich hin zum "Davidsbündler Marsch", in den die Schumann`schen (erdachten) Geheimbündler mehr und mehr schweren Schrittes einfallen. Nun geht A. volles Risiko ein und kommt an die Grenzen seines ansonsten prächtigen, technischen Vermögens: das zunehmende Tempo hat nun einen unglaublichen drive, der Ausdruck wird sehr leidenschaftlich und empathisch.

    Die Konzertbesucher verdanken es ihm mit begeistertem Beifall (der dann kurzerhand und trocken ausgeblendet wird.. grrrr).


    A. versteht es, in seiner Gestaltung des Carnavals jederzeit vielfältig und interessant zu sein, ohne extreme klangliche und rhythmische Positionen zu beziehen. Die Musik wirkt auf mich, auch in ihren Teilen, stets vertraut. Man spürt nicht die Auswirkungen von Routine. Die Dynamik ist nicht überbetont, er bringt nichts Grelles oder Übertriebenes, wozu das poetisch- kompositorische Konzept des Zyklus verleiten könnte.


    Die vorliegende Interpretation möchte ich in einem gedachten Ranking ganz oben ansiedeln, die technisch- klanglichen Einwände mögen nicht in allen Wiedergabefällen einen substanziellen Mangel darstellen, sollten jedoch nicht ganz hinweggewischt werden (meine hier benutzte Anlage besitzt keinerlei Möglichkeit einer Klangregelung, womit ich zufrieden bin !)

  • Da jetzt zwei Pianisten kommen mit ähnlicher Geisteshaltung und Ähnlichkeiten in deren Interpretation, nämlich Paul Badura- Skoda und Jörg Demus, und erst dann Andreij W. Gawrilov und Lilian Akopova, möchte ich hier im Thread für etwas Abwechslung sorgen und den YT- Link für Gawrilov hier schon einstellen. Ist in erster Linie für die Am- Stück- Leser gedacht.


    ohne Aufnahmedaten, vermutlich 1989





    [youtube]

    '[/youtube]



    Vermutlich gleiche Aufnahme wie oben.

  • Nun weiter im Text mit Paul Badura- Skoda und Jörg Demus. Beide sind Österreicher, der erstere aus Wien 1927 geboren, der andere aus St. Pölten 1928 gebürtig. Beide leben noch und möchten noch einiges an Plänen verwirklichen (Stand Frühjahr 2018). Vom ersteren ist auf YT ein interessantes Interview plaziert, leicht zu finden über den obigen YT- Link. Ich durfte Herrn Prof. B.- Sk. im Stift Ossiach am gleichnamigen See vor einigen Jahren zur Kaffeezeit kennenlernen und ihm an der Theke einen Käsekuchen holen. Zuvor hatten ihm einige Klavierkinder ihre Stücke vorgespielt und ihm gezeigt, was sie schon gelernt hatten.


    Die beiden Pianisten werden i. ds. Rahmen von mir zusammen besprochen.


    Beiden gemeinsam ist eine Herangehensweise an den Carnaval- Zyklus ohne den Einsatz von extremen musikalischen Gestaltungsmitteln, man könnte beide Interpretationen als natürlich, oder organisch oder wie aus einem Guss nennen. Während B.- Sk. bei Edwin Fischer studieren konnte, 1947 den österreichischen Musikpreis gewonnen hatte und früh zu HvK und W. Furtwängler gefunden hatte und seine Weltkarriere somit begründet worden ist, musste J.D. noch "kurz" Soldat werden und sass nach Kriegsende zunächst etwas in Oberösterreich fest, bevor er sich schliesslich nach Frankreich zum berühmten Yves Nat auf den Weg machte, der sein Lehrer wurde. Dann zurück nach Saarbrücken, wo er bei Walter Gieseking studiert hatte. Als Solist und Lied- und Kammermusikbegleiter wirkte er fortan in Europa mit seinen Nachbarländern.


    Für J.D. gibt es mehrere Dutzend diskografische Hinweise, diese Zahl liegt für P. B.- Sk. bei mehreren hundert Aufnahmen. AMAZON vermarktet für den letzteren alle einzelnen Stücke (21) des Carnavals, auch als kleine Gruppen von einzelnen Stücken zusammengestellt, als Downloads für je weniger als ein € pro Datei.

    P. B.- Sk. hat sicher auch ein umtriebiges und kommunikatives Naturell, er geht auf (fast) alle zu. Er wirkte auch in der Kammermusik und nahm vieles von Mozart, auch von Schubert und Beethoven auf. Er konzertierte in der ganzen Welt, unterrichtete zahlreiche Schüler aller Altergruppen, sowohl über über die Zeit hinweg als auch in Sommer- und anderen Meisterkursen.


    Die von mir gehörte und besprochene Aufnahme stammt entweder aus 1951 (Westminster) oder aus der Serie Mosaico 1953. Die technisch- klanglichen Qualitäten sind überraschend begrenzt, aus dieser Zeit habe ich schon erheblich Besseres gehört. Eine CD gibt es sowohl in einer unten ersichtlichen Kopplung zu einem Fantasiepreis, als auch (in anderer Kopplung) sogar gebraucht und sehr preisgünstig. Möglicherweise liegt hier beiden Veröffentlichungen nur eine einzige Aufnahme zugrunde (jedenfalls wird bei Discogs und auch andernorts nichts weiteres genannt).


    (Tut mir leid, dass ich die Aufnahmedaten und -besonderheiten nicht genauer eruiert habe. Vielleicht weiss jemand mehr.)



    Zunächst der Link zur LP, die 1958 herausgekommen sein soll:




    (bitte auf das winzige Pünktchen bisschen weiter oben klicken !)


    Und nun die Dateien, denen meine Hörerlenisse zugrundeliegen:


    [youtube]

    [/youtube]




    Und die Dateien zu Jörg Demus (ich habe nur die erste von vieren verlinkt):


    [youtube]

    [/youtube]



    Während bei Jörg Demus lyrische und dynamisch- schnelle Passagen sicher gestaltet zueinander ins Verhältnis gebracht werden, mithin der Eindruck grosser Geschlossenheit entsteht, und keine gedehnten Tempi oder zu ausführlich gespielte Details stören, sind bei P. Badura- Skoda einzelne Highlights festzustellen, ohne dass diese den vorgebenen ästhetischen Rahmen zu sehr sprengten. Überraschend ist das enorme Tempo bei "Papillons". Die "Lettres dansantes" sind ausnehmend hübsch und plastisch geraten. Besonders dann der tolle "Wiener Walzer"rhythmus gegen Schluss der "Promenade" mit dem um Sekundenbruchteile vorgezogenen zweiten Viertel im Takt, was im "Davidsbündler"- Marsch, der ein Walzer ist, nochmals in abgeschwächter Form anklingt. Man fühlt sich schnell mal an den Tonfall der Walzer von der Strauss- Familie erinnert !

    Zum Schluss erinnert man sich an den Anfang des Carnaval und stellt fest, dass erstes und letztes Stück sehr langsam, ja breit und auch behäbig im Tempo genommen sind. Somit wirken erstes und letztes Stück wie eine Klammer, die den ganzen Zyklus zusammenhält. Auch das klingt - wie schon vorhin - sympathisch und halt eben vertraut.

    S`passt scho !!!


    Beide Interpretationen lassen exzellentes Klavierspiel hören, hie und da mit kleinen Bonbons garniert, in respektabler Klangqualität. Vielleicht wirkt Jörg Demus mit seiner Deutung insgesamt eine Spur schlichter und auch ernster. Die technische Qualität der Demus- Mitschnitte ist etwas besser als die bei Badura- Skoda.


    MlG

    Damiro

  • Im Gegensatz zu vielen anderen CDs, z.B. Mitsuko Uchidas CD (s.o.), ist leider der Klavierklang ab den mittleren Lautstärken auf der T+A - Anlage verfremdet (wobei ich den Originalklang der LP nicht kenne). Dieser CD- Klang ist mittenbetont und bassarm, nicht direkt von harter Klangqualität, aber mit strengem Unterton. Ich möchte gestehen, dass ich mich an dieses Klangbild überraschend .schnell gewöhnen konnte, es aber bei jedem Neuauflegen der CD wieder als auffällig feststelle.


    Nun ja, ich habe weiter angehört !!! 8)

    Lieber Damiro,


    ich habe nur kurz nachgehört. Die Aufnahme klingt ein bisschen harsch finde ich in den Höhen. Das kann natürlich an der Intonation des Flügels liegen (die Duplex-Skala bei Steinway hat so ihre Tücken) oder auch der Aufnahmetechnik oder an beidem. Aber es ist auch nicht so schlecht, dass man es nicht erdulden könnte. Das Konzert ist einfach außergewöhnlich! Ich habe auch mehrere Aufnahmen von Anda mit dem Carnaval - ich müsste mal schauen welche alle. Aber dieser Mitschnitt gefällt mir von ihm eigentlich am besten, wie ich es im Kopf abgespeichert habe.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Beitrag von Damiro ()

    Dieser Beitrag wurde vom Autor gelöscht ().
  • Holger,


    ich denke auch dass das Konzert und seine Aufzeichnung was besonderes waren, schon aufgrund der Tatsache, dass Anda an einigen Stellen ziemliche Risiken der technischen Bewältigung eingeht und dabei die Spannung noch steigert, v.a. im Schluss"marsch", der ein Dreivierteltakt ist - gut zu hören.


    Das mit dem speziellen Klavierklang ist ja auch bei Gieseking vor vier Monaten aufgetreten; du wirst dich erinnern, dass ich die CD umgetauscht hatte - ohne dass sich was gebessert hätte. Ich möchte dazu jetzt nichts weiter schreiben, eher weiter Infos sammeln. Meine Anforderung an das Hören ist aber ein viel natürlicheres Klangbild. Das erfüllen VIELE meiner neuen Klavier- CDs, v.a. die ohne digitales Remastering. :)

  • Einem Schlag ins Kontor dürfte jetzt das Hörerlebnis der Gawrilov- Dateien gleichen, um mal etwas Abwechslung in die (mehr gepflegte) sprichwörtliche Bude zu bringen. Ich hatte G. schon vor ein paar Monaten in meine Dateien-, bzw. Interpretationensammlung aufgenommen, später unwillkürlich "versteckt" (= fehlgespeichert) und heute morgen wieder gefunden. Gleichzeitig nun möchte ich nun überleiten und über die russischen und diesen nahestehenden Pianisten und den zahlreich vertretenen, immer gewichtiger vertretenen Pianistinnen sprechen.


    ****** Ich bin geflasht, wie meine Jungen sagen !:hail:=O


    Nein, um den berühmten Eishockeyspieler A. A. Gawrilov handelt es sich hier nicht, sondern um den Pianisten


    Andreij Wladimirowitsch Gawrilov, geb. 1955


    Der Dreijährige hat von seiner Mutter, einer armenischen Pianistin, ersten nachhaltigen Klavierunterricht bekommen, danach war Tatjana Kestner, eine Hch. Neuhaus- Schülerin, in Moskau seine Lehrerin, mit 19 Jahren gewann er 1974 den Tschaikowski Klavierwettbewerb. Zu seinem ereignisreichen und auch bizarren Leben möchte ich auf diesen Link verweisen und folgende Datei einverleiben:


    https://de.wikipedia.org/wiki/…_Wladimirowitsch_Gawrilow


    +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

    Die zugehörigen Hörbeispiele habe ich bereits in # 138 verlinkt !

    ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo



    Zunächst ist festzuhalten, dass das technische Vermögen des Pianisten sicher auf einer Ebene mit Kissin, Richter, junger und mittlerer Horowitz zu sehen ist. Ab den späten 80er Jahren wird es aber zunehmend schwieriger, die gehörten Werke zu vergleichen, da im digitalen Zeitalter einzelne Töne und Akkorde immer bequemer herausgeschnitten werden können und Spielfehler, Unreinheiten und sonstige unliebsame Geräusche der Aufzeichnung somit "ungeschehen" sind.


    Originell und attraktiv spielt G. die Akkordfolgen des "Preambule", wie ich es nie gehört habe, zunächst verzögert, dann Creszendo und etwas schneller. Obwohl Rubinstein, aber auch P. Badura- Skoda, M. Uchida und andere beim "Papillons" ein mächtiges Tempo vorlegen, übertrifft sie alle Gawrilov ganz lässig bei weitem. Es gelingt ihm sogar, dem Stück dabei ein bisschen Lyrik beizugeben. Beim folgenden "Lettres dansantes" hüpfen die Buchstaben nicht nur lustig in der Gegend herum, sondern sie weitspringen sogar im Ohr des geneigten Hörers, ein rhythmisches Erlebnis. Mit den zwei Stückchen "Pantalon und Columbine" tut sich eine Welt im Kleinen auf, die G. durchgestaltet und dabei gleichermassen sich lyrisch zurückhaltend und drängend virtuos ausdrückt. Etwas wunderlich ist allerdings die Darbietung der vorherigen "Sphinx", wobei für dieses üblicherweise statische Gebilde, das von manchen Pianisten sogar nur gedacht und nicht gespielt wird, ein musikalischer Ausdruck gesucht wird, den es so ganz sicher nicht hat.


    Während G. in der ersten Zyklushälfte mehrere lyrische Passagen wunderschön ausspielt und sie im Kontrast mit den dynamisch lebhafteren Teilen mit diesen verbindet, wobei in etwa ein Gleichgewicht entsteht, verschiebt sich diese Empfindung im zweiten Teil in Richtung Beschleunigung, Betonung, Unruhe und dann auch Hast und Hektik im weiterhin makellosen Spiel dieses aussergewöhlichen Pianisten. Alle Noten, Läufe und Akkorde bleiben zwar jederzeit klar und brillant, werden jetzt aber eine Portion zu laut, bedeutungsschwer, formal- dramatisch und leider damit auch unmusikalisch und flach.


    *** *** Ich bin natürlich weiterhin beeindruckt. :yes:


    MlG

    D.






  • Lieber Damiro,


    bei Gawrilow habe ich nur kurz reingehört und das hat mir gereicht - das ist nix! Das ist jedenfalls weit entfernt von seinen interpretatorischen Glanzleistungen (wie z.B. den Scriabin-Preludes). Und später, nachdem er aus dem Klavierzirkus ausgestiegen ist, hat er sich doch erheblich verändert, gerade was die Klangkultur angeht. (Das hat er selber auch gesagt.) Ich habe ihn in der Bielefelder Oetker-Halle mit dem Tschaikoswky-Konzert gehört. Das war in keiner Weise mehr forciert, sondern eine sehr poetische, in den Tempi eher episch-breite Darstellung mit einer fast schon Volodos-verdächtigen Klangfinesse. Von der Gawrilow-Härte von früher war nichts mehr da! :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Gavrilov habe ich in den späten 80ern mit dem Caranval live erlebt, das war noch extremer und leider auch noch härter gespielt als auf der Aufnahme. Ich habe mit dieser Einspielung einerseits auch Probleme wegen ihres metallischen Klangs und der von Damiro treffend beschriebenen Verschiebung "in Richtung Beschleunigung, Betonung, Unruhe und dann auch Hast und Hektik", aber andererseits ist der Carnaval für mich ein extremes Werk, und das will eben auch dargestellt sein. So kommt die ihm eingeschriebene "Unruhe" doch häufig viel zu kurz. Und deswegen möchte ich diese Aufnahme nicht missen.


    Viele Grüße

    Christian