Was faszinierte die Zeitgenossen an Karl Böhm?

  • Liebe Forianer,
    Insider werden wissen, daß Karl Böhm meine Klassikästhetik geprägt hat, vorzugsweise Wiener Klassik, denn ich biin nun mal kein Wagnerianer - und Richard Straußs Werken stehe ich emotionell eher distanziert gegenüber.
    Ich habe nie verstanden, warum in Böhms (Stereo-) Diskograpohie so viele Lücken klaffen. Zu seinen Lebzeiten hätte m ich Gustav Mahler nicht interessiert - heute aber bedaure ich, daß er offenbar keine relevanten Aufnahmen auf diesem Gebiet gemacht hat, Mahler hätte ihm eigentlich liegen müssen.


    Immerhin hatte er seit der Einführung der Stereophonie (bei DECCA ca 1955) bis zuz seinem Tod (1981) 26 Jahre Zeit,Schallplattenaufnahmen zu machen.
    Vieles wurde nie auf CD veröffentlicht - hingegen manche Live-Konzerte seiner Glanzzeit jetzt erstmals zugängig, gemacht.


    Dies nur zur Einleitung.
    Heute wird Böhm von vielen als grantelnder alter Mann gewsehen, der kein Feuer entfachen könne, konservativ und introvertiert. Man könne ihn ruhig vergessen.
    Im Forum gibt es einige Threads, die nicht nur Schmeichelhaftes über diesen Dirigenten sagen - und auch im realen Leben war er nicht immer angenehm - und auch nicht immer beliebt.-
    So boykottierten Ihn die Wiener, als er sich in seiner Funktion als Direktor der Wiener Staatsoper gewisser Versäumnisse schuldig machte , und in einem Interview öffentlich bekannte seine internationale Dirigentenkarriere sei ihm weit wichtiger als die Wiener Staatsoper. Böhm reagierte beleidigt und zog sich zurück - Die Staatsaoper ging an Herbert von Karajan.


    Dennoch -in der Nachkiregszeit galt Böhm in Wien als DER Mozartdirigent schlechthin, aber tstsächlich war er eher ein "Universaldirigent", der einfach (fast) alles dirigierte.


    Sein Dirigat wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunders von Zeitgenossen fasst als unübertrefflich gesehen, sein internationales Renommé war vorzüglich.


    Das wäre an sich nichts besonderes, da gab es einige.
    Auffallend jedoch ist, daß Böhm etwa im Gegensatz zu seinen Kollegen Karajan, Beecham, Furtwängler oder Celibidache - eher KEINE "charismatische Figur war - sondern ein nörgelnder Perfektionist - in Pinkto Sympathiewerten allenfalls mit Georges Szell vergleichbar.


    Und nun zur Frage:
    Was war es, das ihn bei Zeitgenossen so perfekt und strahlend erscheinen ließ, ein Glanz der heutzutage nicht mehr von alllen wahrgenommen wird.
    In Wien und Salzburg gab es gewisses Repertoire, wo selbst Karajan sich ihm gegenüber geschlagen geben musste - und dies auch akzeptierte......



    mfg aus Wien


    Alfred



    PS: Dieser TRhread weist mit bereits bestehenden zwar Ähnlichkeiten auf - ist aber anders konzipiert....

  • Karl Böhm ist in der Tat eine umstrittene Persönlichkeit. Manche mögen ihn, andere nicht. Ich erinnere mich etwa an die Aussage eines angehenden Dirigenten, der wirklich allen Ernstes behauptete: Böhm konnte gar nicht dirigieren – das Orchester spielte halt sehr gut, aber an ihm habe es nicht gelegen.


    Ich habe Böhm anfangs auch eher unterschätzt. Da ich nun nicht so der Mozartianer bin, kam ich auch erst relativ spät mit ihm in Berührung. Seine Mozart-Einspielungen sind sicher zeitlos, wenn man kein HIP mag. Mir gefiel sein Stil allmählich immer mehr. Habe dann auch seinen Strauss und Wagner kennen- und lieben gelernt. Überhaupt würde ich Karl Böhm nicht auf Mozart beschränken, er war vielmehr einer der bedeutendsten Wagner-Dirigenten der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, insofern Karajan und Solti durchaus ebenbürtig (m. M. n.).


    Zur Ausgangsfrage: Was faszinierte die Zeitgenossen an ihm?
    Nun, vielleicht war es eben gerade seine grantelnde Art, seine Bodenständigkeit, die ihn grad von seinem Landsmann Karajan, dem Mann von Welt (was dieser eigtl. im Grunde auch nicht war), abhob.

  • Lieber Alfred :



    "konservativ" und "introvertiert" finde ich eher angenehme Züge als das marktschreierisch Laute .


    Nun , kaum wird jemand daran zweifeln ( können ) , dass Karl Böhms "Tristan und Isolde" ( 1966 ) sowie sein gesamter "Ring" zu den Sternstunden der Wagnerinterpretationen gehören . Müsste ich mich für diese beiden Aufnahmen unter nicht wenigen entscheiden , dann doch diese ohne lange zu zögern ( dies weiss ich auch von Menschen , die Karl Böhm nicht so übermässig geschätzt haben . ) .


    Seine Strauß - Interpretationen haben doch ebenfalls bis heute einen ganz vorzüglichen Ruf .



    Böhms Mozart ist mit der beste mir bekannte .


    Manches von seinem Beethoven gilt trotz der immensen Konkurrenz als herausragend .


    Böhms Problem dürfte mit sein , dass er in sehr , sehr schwierigen Jahren , im Focus stand vor allem im Hinblick darauf , die lange Wiener grosse Musiktradition neu zu beleben und fortzuführen . Der Fall , den Du mit der Wiener Staatsoper angesprochen hat , ist vielleicht nicht unwichtig für die Böhm - Biographen .


    Karl Böhms Problem dürfte es auch gewesen sein , dass er ja hochbetagt verstorben ist , als es die CD noch nicht auf dem Markt gegeben hat .


    Die meisten der heute an Klassik Interessierten werden Karl Böhm kaum als Konzert- oder Operndirigent erlebt haben . ( Josef Krips übrigens auch nicht ; einen weiteren bedeutenden Mozartinterpreten in Wien ! ) .



    Meiner Meinung nach liegt es nicht an nicht aufgenommenen Mahleraufnahmen , wenn der Eindruck möglicherweise entstanden ist , dass Karl Böhms Kunst derzeit nicht "in Mode" ist .



    Wer jedenfalls in grossen Teilen des Repertoires sucht , der wird an Aufnahmen von Karl Böhm kaum vorbeikommen .



    Viele seiner Interpretationen bleiben doch ( für mich )
    Massstäbe setzend .



    Beste Grüsse




    Frank

  • Ich fand Böhm nicht schlecht, sondern hatte das Glück Krips und natürlich Van Beinum zum Vergleich zu haben (Mozart selbstverständlich).
    Sicher, Böhm konnte Mozart dirigieren. Aber sowohl Krips als Van Beinum konnten das auch. Und m.E. sogar oft besser.


    LG, Paul

  • Lieber Paul ,


    da Du ja auch Krips und auch van beinum live erlebt hast meine Frage :


    Meinst Du , dass es zwischen Böhm , Krips , van Beinum oder etwa Bruno Walter und Carlo Maria Giulini oder Krajan einen grossen Unterschied geibt , ob sie Opern von Mozart oder dessen Symphonien dirigieren ?


    Beste Grüsse ,



    Frank

  • Zitat

    Original von musicophil
    Sicher, Böhm konnte Mozart dirigieren. Aber sowohl Krips als Van Beinum konnten das auch. Und m.E. sogar oft besser.


    Lieber Paul,


    ich würde noch hinzufügen: Auch Karajan konnte Mozart dirigieren. Ich weiß, Du magst seinen Mozart nicht sehr, ich selbst schätze andere Dirigenten bei Mozart auch höher. Aber mindestens eine Aufnahme, sein zweiter "Figaro" von 1978, kann es durchaus mit den "Mozart-Päpsten" aufnehmen (m. M. n.).

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Lieber Paul ,


    da Du ja auch Krips und auch van beinum live erlebt hast meine Frage :


    Meinst Du , dass es zwischen Böhm , Krips , van Beinum oder etwa Bruno Walter und Carlo Maria Giulini oder Krajan einen grossen Unterschied geibt , ob sie Opern von Mozart oder dessen Symphonien dirigieren ?


    Ob Van Beinum eine Oper von Mozart dirigiert hat, weiß ich nicht. Bezweifle ich auch. Er hätte es zweifelsohne gekonnt.
    Seine Matthäusausführungen sind in meine Erinnerung noch immer Sternstunden. Haitink hat das erst gewagt als er weit in den 70 Jahre war,.
    Van Beinum hatte aber - bevor er Dirigent wurde - viel Sänger selbst am Klavier begleitet und Chöre dirigiert. Wußte also, was Sänger zustand.


    Krips war ein wunderbarer Mozartinterpret. Über Radio habe ich einmal eine Oper von ihm zerlegt gehört. Dauernd wurden Fragmente gedreht, und danach kommentiert. Durch Opernsänger und Musikologen.
    Unanim fanden sie es eine wunderbare Interpretation.


    Walter und Giulini konnten auch dieses elektrifizerendes vermitteln. Über Karajan schweig ich lieber. Das war kein Mozart, sondern Karajan.


    Und nein, Symphonie oder Oper ist nicht entscheidend (denke ich), wichtig ist Affinität mit der Musik des Komponisten.


    LG, Paul

  • Es ist keine Frage, daß der Mozart von Krips zu den wenigen gehört, die mit jenem von Böhm mithalten konnten, oder besser gesagt, der ein etwas anderes, gerinfügig strengeres Bild von Mozart entwickelte, als dies Böhm tat. Ich habe einige Langspielplatten des Labels Philips in meinem Archiv - die Überspielung auf CD - soweit ich sie habe und kenne - entrpricht leider nicht ganz dem Lever der Schallplatte - sie klingt belangloser.
    Aber das Thema war eigentlich, wearum Böhm zu Lebzeiten beispielsweise Karajans Mozart übertrtaf und zudem auch beliebter war als Joseph Krips und der vorzügliche Bruno Walter.
    Auch wenn sich das heute viele nicht vorstellen können - und wollen - der 70 oder 75 jährige Karl Böhm genoss in Wien (und auch in Salzburg) gerdezu gottähnlich Verehrung - ohne PR, ohne persönliche Caprioce, er lenkte keine Flugzeuge, war selten in der Boulevardpresse, kaum auf Partys - eigentlich aus heutiger Sicht betrachtet - esellschaftlich eine graue Maus (wiewohl er ein der Wiener Gesellschaft einflußreiche Freunde hatte). Daß er es dennoch geschafft hat zum "Mozart-Papst (und nicht nur das) zu avancieren - das grenzt irgerndwie an Zauberei...


    mfg
    aus Wien


    Alfred

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Auch wenn sich das heute viele nicht vorstellen können - und wollen - der 70 oder 75 jährige Karl Böhm genoss in Wien (und auch in Salzburg) gerdezu gottähnlich Verehrung...


    Lieber Alfred,


    Hast Du hier nicht gerade gezeigt, wo das Problem liegt? In Wien!!
    Wie war das außerhalb Österreich? Genoß er da dieselbe Achtung, die er bei Euch innehatte. Und verglichen mit den anderen Dirigenten??


    LG, Paul

  • Zitat

    Hast Du hier nicht gerade gezeigt, wo das Problem liegt? In Wien!!
    Wie war das außerhalb Österreich? Genoß er da dieselbe Achtung, die er bei Euch innehatte. Und verglichen mit den anderen Dirigenten??


    Mir fällt da eine Aussage ein, die Karl Böhm gern immer wieder gemacht haben soll (derzeit kein Beleg verfügbar - aus dem Gedächtnis zitiert:)


    Zitat

    "Sie können sich gar nicht vorstellen wie beliebt ich in Japan bin -
    so wie hier der Karajan"


    Aber er muß auch ausserhalb Österreichs sehr bekannt gewesen sein, denn die Deutsche Grammophon - einst Marktführer schliesst keine Langzeitverträge mit Künstlern ab, deren Bedeutung allenfalls eine lokale ist.


    Sie nahm sämtliche Mozartsinfonien mit ihm und den Berliner Philharmonikern auf, einige zudem noch mit den Wienern.
    Dann vetraute sie ihm den Schubert-Zyklus an - wieder mit den Berlinern. (ich glaube die Wiener waren damals an die Decca gebunden)


    Ebenso gibt es etliche Aufnahem von Beethoven Sinfonien , teilweise sogar wieder mit Wienern und Berlinern parallel


    Die beiden bedeutendsten Zauberflöten, eine für Decca, eine für DGG entstanden unter Böhms Stabführung.


    Und als Krönung hat er DREI "Cosi fan Tutte" Aufnahmen gemacht:
    Je eine für die Deutsche Grammophon, für EMI und für DECCA
    ich denke, die sagt schon sehr viel über seine Präsenz und seinen damaligen Marktwert aus....


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    ...
    Zu seinen Lebzeiten hätte mich Gustav Mahler nicht interessiert - heute aber bedaure ich, daß er offenbar keine relevanten Aufnahmen auf diesem Gebiet gemacht hat, Mahler hätte ihm eigentlich liegen müssen.
    ....


    Das hat sicherlich mit der Dialektik Mahler - Strauss zu tun. Dirigenten, die schon zu Strauss' Lebzeiten aktiv waren, gehörten fast immer dem einen oder anderen Lager an. Böhm hat kaum Mahler dirigiert, Bruno Walter Strauss nur in homöopathischen Dosen, ebenso Klemperer, während Kempe wieder kaum Mahler gemacht hat....


    :hello:

  • 1. 100% Zustimmung zu der von Dir angeschnittenen Dialektik Mahler - Strauss.
    2. Ergänzend dazu
    a) die Vermarktungs-Strategie seiner Plattenfirma
    Böhm ist deeer Mozart- und Richard Strauss-Dirigent, der natürlich auch Beethoven, Schubert und Wagner kann.
    b) in der Böhm-Biographie ("Ich erinnere mich genau") sagt Böhm, daß er sich spät für Mahler interessierte, aber seine Augenerkrankung ihn daran hinderte, sich mit diesem Komponisten zu beschäftigen.
    Inwieweit dies "Schutzbehauptung" ist, können wir natürlich nicht sagen.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Zitat

    Original von Rienzi
    b) in der Böhm-Biographie ("Ich erinnere mich genau") sagt Böhm, daß er sich spät für Mahler interessierte, aber seine Augenerkrankung ihn daran hinderte, sich mit diesem Komponisten zu beschäftigen.
    Inwieweit dies "Schutzbehauptung" ist, können wir natürlich nicht sagen.


    So unwahrscheinlich finde ich diese Behauptung aber nicht. Im Van Beinum Thread schrieb ich


    Zitat

    Und obwohl Van Beinum allmählich auch Komponisten meisterte, mit denen er eher Probleme hatte (z.B. Mahler)...


    LG, Paul

  • Ich weiß - einen Teil des hier eingestellten Youtube Clips habe ich schon mal in einem anderen Karl-Böhm-Thread gezeigt.
    Hier indes wurde er noch nicht eingefügt - weil wir vor 2010 (Wechsel auf neue Foren-Software) noch nicht die technische Möglichkeit hatten Videclips mit einzubinden.


    Was zeigt nun dieser Clip ?
    Im ersten Teil erleben wir Karl Böhm als unerbittlichen Beobachter und Gestalter, dem kaum je ein Fehler entgeht, und der jeden mehr oder weniger sarkastisch kommentiert. Auf naive Zuseher mag er verbittert und verbissen wirken - aber in Wirklichkeit ist er nur konzentriert. Im Mittelteil, Smalltalk und Austausch von Höflichkeiten. Danach Teile eines Konzertes. Der Maestro ist nun nicht mehr analytisch grübelnd, sondern voll Elan, ja teilweise sogar Aggressivität. Niemand, der diese Stellen gesehen hat, wird je wieder sagen wollen, Karl Böhm wäre ein "braver" Dirigent.
    Und die Ovationen des (durchwegs jungen) japanischen Publikums sprechen Bände. Dies nur als Antwort auf die Behauptung, Böhms Ruf könne lediglich in Wien so ausserordentlich gewesen sein......



    U4LlJxn-nu0


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Und wieder musste ich heute - im Thread "Mozartpapst Karl Böhm" erleben (erleiden) daß jemand Karl Böhm als zwar elegant, aber doch langweilig empfunden hat. Für alle, die Karl Böhm als alten gebrachlichen Mann ohne "drive" vor Augen haben - lange genug haben seine Feinde das vorgebetet - dem widme ich diesen Link zu einem Probenmitschnitt zu Beethovens Sinfonie Nr 7
    Karl Böhm als Energiebündel, daß dennoch, auch wenn er heftig agiert, ein eleganter Herr bleibt, der aber das Orchester unerbittlich "dirigiert" - in allen Bedeutungen und Doppelbedeutungen des Wortes.


    dMrL2sqUiko


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Nach längerer Pause wieder ein Clip
    Böhm bei der Probe mit den Wiener SYMPHONIKERN
    ein PERFEKTIONIST !!!!


    Das ist ein sehr schöner Film, den ich zwar kenne, der mir bei der erneuten Begegnung aber wie neu vorkommt. :) Ich liebe solche Probemitschnitte, weil sie nicht nur die Arbeitsweise eines Dirigenten offenbaren sondern auch tiefe Einblicke in die Strukturen von Musik geben. Böhm gibt sich als präziser Musiker, nicht als nicht als Philosoph oder als inhaltlicher Erklärer. Wer ihm unvoreingenommen zuhört, erfährt viele über Musik. Dabei muss man seinen Stil gar nicht sonderlich lieben. Bemerkenswert finde ich - neben dem Schwarzweiß - zwei Dinge, die diesen Film als sehr historisch kenntlich machen. "Morgen, meine Herrn!" und die Art und Weise, wie er zur Probe erscheint. Als komme er auf ein Podium, im dunklen Anzug und mit Krawatte. Die Probe also als Teil des Dienstes an der Kunst, der mit Würde und Stil zu absolvieren ist. Ich glaube, das war nicht nur für den Film so arrangiert. So war er wohl auch im wirklichen Leben.

  • Die große C-Dur vom Schubert ist ja auch eines der absoluten Highlights in Böhms Interpretationsschaffen. Am Ende ist mir seine Sicht auf das Stück die liebste, dann gefolgt von Wand.


    Die Probe macht mir auch deutlich, dass er nicht nur in der Probe gegrantelt hat, sondern seine Musiker durchaus auch lobte, und das gar nicht so selten.


    Gruß
    Glockenton

  • Die große C-Dur vom Schubert ist ja auch eines der absoluten Highlights in Böhms Interpretationsschaffen.


    Lieber Glockenton,


    Schuberts Neunte mit Böhm ist für mich immer wieder ein beglückendes Erlebnis, vornehmlich mit dieser Aufnahme:

    aus dem Jahr 1963, mit den Berliner Philharmonikern. Deutlich weniger gefällt mir seine letzte Version, ein Mitschnitt aus Dresden von 1980, der mir im Vergleich zu der Berliner Aufnahme recht zähflüssig daherkommt:


    Doch, es gibt immer noch eine Aufnahme von Schuberts Großer C-dur, die ich allen anderen vorziehe:

    Josef Krips mit dem London Symphony Orchestra (Aufnahme: 1958, STEREO).


    Aber hier ist ja von Karl Böhm die Rede, und es geht um die Frage, was die Zeitgenossen an ihm so fasziniert hat.
    Ich bin mit Böhms Aufnahmen praktisch groß geworden, sein Mozart zunächst, vor allem die erste Sinfonien-GA mit den Berliner Philharmonikern (DGG) ist noch heute für mich Spitze (während ich mit HIP nichts anfangen kann). Dann seine ersten Beethoven-Sinfonien, Nr. 1 (Decca), Nr. 3, 5 & 7 (DGG, mit den Berliner Philharmonikern), waren meine erste Bekanntschaft mit diesen Werken, wobei die Nr. 5 noch in Mono aufgezeichnet wurde (es war Böhm erste Produktion mit der DGG, 1953). Der spätere Zyklus mit den Wiener Philharmonikern kam erst zum Jubiläumsjahr 1970 heraus (was die 3. und 7. betrifft, ziehe ich die älteren Berliner Versionen vor).


    Wunderbar sind auch die Bläserkonzerte mit Wiener Solisten und den Philharmonikern, die Klavierkonzerte mit Mauricio Pollini u. Emil Gilels (DGG), und auch das Konzert Nr. 27 mit Wilhelm Backhaus, aufgenommen 1955 in den Wiener Sofiensälen. Hier ist es enthalten:

    Auch diese Aufnahme hat für mich besonderen Stellenwert, ich lernte das Konzert in der Kombination Backhaus/Böhm erstmals kennen.


    Dann die Mozart-Opern aus den 1960er Jahren (DGG), sämtlich referenzwürdig, und nicht zu vergessen die erste "Zauberflöte", vor allem aber die "Così" von 1955, beide für DECCA:, und beide bereits in Stereo:


    Kurz gesagt: Ohne Böhm wäre meine CD-Sammlung um vieles ärmer, vor allem aber mindestens 2 Meter kürzer :D !


    LG Nemorino

  • Und warum spielt Böhm nicht ein einziges mal die Große C-Dur im letzten Satz mit allen Wiederholungen, ist mir ein Rätsel.
    Aus diesem Grunde ziert keine mein Regal! :thumbdown:


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Und warum spielt Böhm nicht ein einziges mal die Große C-Dur im letzten Satz mit allen Wiederholungen, ist mir ein Rätsel.

    Das werden wir aus allseits bekannten Gründen auch nicht mehr lösen können. Es sei denn, dass ein noch lebender Teilnehmer bei den Aufnahmen in seinen Memoiren das Geheimnis lüften würde. Aber darauf will ich keinesfalls wetten. Ich persönlich, wenn ich das schreiben darf, finde es schade, dass Du Deine Ablehnung an diesem Detail aufhängst, finde es aber tröstlich, dass Du von "Zierde" schreibst. Als eine solche steht die Berliner Aufnahme nämlich auch bei mir im Schrank...
    :hello:

  • Ich habe noch nie verstanden, wie man eine Aufnahme wegen einer ausgelassenen Wiederholung ablehnen kann. :D
    Aber hier muss eben ein jeder nach seiner Façon selig werden.
    Fakt ist jedenfalls: Es gibt wenige Interpretationen der Großen C-Dur-Symphonie von Schubert, die Karl Böhm das Wasser reichen können, ob mit oder ohne alle Wiederholungen. Was nutzen mir sämtliche, wenn die Darbietung sonst mittelprächtig daherkommt. Karajan spielte auch nicht alle, seine "gleißende" 60er-Jahre-Einspielung ist trotzdem der Hit (danke nochmal an teleton).

  • Zitat

    Und warum spielt Böhm nicht ein einziges mal die Große C-Dur im letzten Satz mit allen Wiederholungen, ist mir ein Rätsel.


    Das Rätsel kann ich zwar nicht lösen, aber teilweise war es sicher eine Frage des Zeitgeistes. Es wird ja im Falle dieser Sinfonie immer wieder von "Himmlischen Längen gesprochen - und ausserdem wurden diese Aufnahmen für die Schallplatte macht. Mit ca 52 Minuten kommt Böhm hier sowieso ans Limit einer Langspielplatte, wobei zu beachten ist, daß man hier noch auf die Länfge der einzelnen Säzt zu achten hatte.
    Es gab aber Dirigenten, welche die Wiederholungen als "ermüdend für das Publikum" empfanden ...


    Die Fortsetzung des Threads verdankt ihr eigentlich "Joseph" II, der im Thread über Lists "LE Preludes" einen Clip mit Karl Böhm in seinen "besten Jahren" eingefügt hat. Dieser Clip zeigt ihn besonders feurig und dynamisch, einen eleganten erfolgsgewohnten Herrn am Pult, da ist nix "gewglättetes dahinter.


    Gegen Karl Böhm, einen meiner Götter am Dirigentenhimmel wurden Schmutzkampagnen ohne Ende geriten - ohne daß es sein Ansehen unter Kennern ernstlich gefährden konnte. Der Beitrag vom 14, August 2015 enthält einen Clip, wo man den Jubel des -durchwegs jungen - Japanischen Publikums erleben kann.
    Dieser Thread wurde aus unerfindlichen Gründen vom Netz genommen, aber von jemand anderem erneut eingestellt - Ich habe neu verlinkt.

    mfg aus Wien
    Alfred

  • Aus diesem Grunde ziert keine mein Regal!


    Lieber Fiesco,


    dann fehlt Deinem Regal ganz klar eine Zierde :( !


    Im Ernst, lieber Fiesco, legst Du immer so hohe Maßstäbe an? Ich bin eigentlich auch dafür, daß die Wiederholungen, wenn sie der Komponist ausdrücklich vorgeschrieben hat, gebracht werden. Aber ich bin auch gerne zu Kompromissen bereit.


    Alfred hat schon klar gesagt, warum Böhm & Zeitgenossen die Wiederholungen meist weggelassen haben, einfach wegen der begrenzten Speicherkapazität der LP. Und was Schuberts Neunte insonderheit betrifft, so weiß ich ehrlich nicht, ob wirklich alle Wiederholungen gebracht werden sollten. Das Werk gewinnt dadurch m.E. nicht "himmlische Längen", eher werden daraus endlose Längen ….
    Ich habe z.B. die Aufnahme von Jeffrey Tate mit der Staatskapelle Dresden (EMI) mit sämtlichen Wiederholungen, doch wenn ich das Werk hören will, landen meistens Krips, Böhm oder Szell (EMI, nicht die ältere von CBS) im Player. Und wenn ich es mal ganz rasant und mit "Schmackes" haben will, dann ist der Karajan von 1969 (DGG) mit den Berlinern an der Reihe.


    Wenig Verständnis habe ich allerdings, wenn die Wiederholungen in so kurzen Stücken wie den Beethoven-Sinfonien 1, 4 und 8, vor allem im Kopfsatz, ausgelassen werden, oder bei Haydn- bzw. Mozart-Sinfonien. Das kommt dann schon einer Verstümmelung nahe.


    Ziemlich überflüssig finde ich hingegen die Wiederholung im Kopfsatz der 2. Brahms-Sinfonie (Solti, Monteux z.B. bringen sie), dadurch wird der Satz für meine Begriffe zu sehr ausgedehnt, auf über 20 Minuten. Auch im 1. Satz von Beethovens EROICA muss nach meinem Empfinden die Exposition nicht unbedingt wiederholt werden. Außerdem sollte man bedenken, daß die Komponisten, wie überliefert wird, die Wiederholungen oft nur deshalb gefordert haben, damit sich ein Werk dem Hörer zunächst einmal einprägt. Die Konzertbesucher im 19. und der 1. Hälfte des 20. Jhdts. hatten ja keine Gelegenheit, die Werke auf Tonträger zu Hause zu hören. Aber, letztendlich ist es Sache jedes einzelnen, wie er es am liebsten hat. Zum Glück bietet die Plattenindustrie genügend Auswahlmöglichkeiten, so daß für jeden Geschmack gesorgt ist.


    LG Nemorino

  • Noch ein Wort zu Böhm: Wenn sein Name auf dem Cover bzw. Etikett steht, darf man eigentlich immer hohe Qualitätsansprüche an die Aufnahme stellen. Ich jedenfalls kenne von Böhm keine einzige Aufnahme, die ich als total verunglückt bzw. schlecht bezeichnen könnte. Da sind für meine Begriffe die Wiederholungen zwar nicht unwichtig, aber doch zumindest zweitrangig.


    LG, Nemorino

  • Hallo, ob ich hohe Maßstäbe anlege oder nicht, wenn der Aufbau stimmt ist es nicht langweilig, sondern eine Steigerung der Intensität! Das mit einer LP damals, OK, aber da hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben! :D
    Und lieber nemorino meine Regale zieren andere Aufnahmen der Großen!
    Und noch kurz zu Karajan, diese Bruckner Aufnahme der Großen C-Dur ist so grässlich, dafür gibt es im negativen keine Steigerung, rumms bumms und ohne Gefühl ! Bitteschön, das ist meine pers.Meinung, wem es gefällt!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Und noch kurz zu Karajan, diese Bruckner Aufnahme der Großen C-Dur ist so grässlich, dafür gibt es im negativen keine Steigerung, rumms bumms und ohne Gefühl !


    Lieber Fiesco,


    da liegen wir gar nicht weit auseinander! Ich würde z.B. diese Karajan-Aufnahme niemals jemand empfehlen, der das Werk noch nicht kennt. Es ist wie aus Chrom und Stahl, aber das Spiel der Berliner Philharmoniker, die dieses Tempo locker mithalten, ist schon der Bewunderung wert. Nicht umsonst habe ich ja geschrieben: Wenn ich das Stück mal mit Schmackes ….. etc.
    Ich habe über die Karajan-Aufnahme der Schubert 9 mal eine Rezension verfasst, mit der Überschrift: Viel Karajan - wenig Schubert! Das sagt doch eigentlich schon alles.


    Noch ein Wort zu den Wiederholungen: Gar kein Verständnis habe ich dafür, wenn im Konzertsaal sämtliche Wiederholungen geschludert werden, wie es mir vor etlichen Jahren mal in der Bonner Beethovenhalle passiert ist: Da standen die Beethoven-Sinfonien Nr. 5 & 6 auf dem Programm. Keine einzige Wiederholung wurde beachtet, noch nicht einmal im Kopfsatz der Fünften oder im dritten Satz der Pastorale, wo das Lustige Zusammensein der Landleute zu Ende war, ehe es recht begonnen hatte! Der Dirigent war damals übrigens kein Geringerer als Marc Soustrot!


    LG Nemorino

  • Um noch einmal auf die Eingangsfrage, unabhängig von einzelnen mehr oder weniger gelungenen Aufnahmen, zurückzukommen: Was faszinierte die Zeitgenossen an Karl Böhm?


    Die Antwort fällt mir nicht schwer: Es war sein unaufgeregtes, sorgfältiges Musizieren, seine persönliche Ausstrahlung, seine völlige Hingabe an die Musik. Oder, anders ausgedrückt: sein Charisma. Da war nichts von Attitüde, von Selbstdarstellung (von der sein berühmter Kollege Karajan ja nicht ganz frei war :D ), er stand da wie ein Diener der Kunst, der nicht sich selber, sondern nur das Werk des Komponisten in den Mittelpunkt stellte. Für mich war Karl Böhm einer, dem man den Titel "Kunstpriester" zuerkennen möchte, der mit der Musik eins wurde. In dieser Hinsicht könnte man ihn mit Wilhelm Furtwängler oder Eugen Jochum vergleichen, die einen ähnlichen Eindruck vermittelten, oder wie man beispielsweise Artur Rubinstein oder Wilhelm Kempff als Klavierspieler erlebte. Insofern war Karl Böhm einer der letzten Vertreter einer heute untergegangenen Künstlergeneration, die wenig Wert auf Glanz und Glimmer, aber umso mehr Wert auf künstlerische Wahrhaftigkeit legte.


    Wie ich schon im Beitrag 27 ausführte, kenne ich von Böhm keine wirklich schlechte Aufnahme, ganz gleich, ob er Beethoven, Bruckner oder Schubert aufführte. Untrennbar ist Böhms Name jedoch mit Mozarts Werk verbunden, seinen ihm zu Lebzeiten verliehenen Titel "Mozart-Papst" trägt er bis heute zu Recht. "Macht der Dirigent nichts", meinte Böhm einmal, "dann geht Mozarts Geheimnis verloren, und die Musik klingt leer. Macht er Zuviel, dann verlieren die Töne ihre selbstverständliche Schönheit - und die Musik klingt sentimental". Das heißt wohl: Nichts machend doch etwas tun! Böhm, der seinen Mozart lebenslang verehrte, hatte dieses Geheimnis im kleinen Finger …..


    LG Nemorino