Vivan le femmine! Viva il buon vino! – Wer war der beste Don Giovanni?

  • Nachdem bereits vor einiger Zeit die Frage nach dem besten Sachs (aus Wagners "Meistersingern") auf große Resonanz stieß, setze ich diese Reihe nun fort mit weiteren wichtigen Opernfiguren.


    Heute soll es um den Hauptcharakter aus der gleichnamigen Mozart-Oper gehen: Don Giovanni.


    Ähnlich wie beim Sachs gibt es auch hier unzählige sehr gute und auch sehr berühmte Interpreten. Welcher von ihnen der beste war, ist natürlich eine recht subjektive Frage. Ich habe indes bereits jetzt eine leise Vermutung, welcher Name hier besonders oft genannt werden wird, und werfe daher absichtlich einen anderen ein:


    Dietrich Fischer-Dieskau.


    Ich weiß, er war als Bariton nicht prädestiniert für diese Rolle und ist, wie an anderer Stelle bereits deutlich wurde, vielen Anfeindungen ausgesetzt gewesen (ironischerweise und vermutlich noch mehr auch als Sachs); gleichwohl ist er uns auf mindestens zwei Studio-Aufnahmen dokumentiert, nämlich unter Fricsay [1958] und Böhm [1967]; ferner auch auf einem sängerisch kaum zu überbietenden, leider schwer erhältlichen Mitschnitt von der Eröffnung der Deutschen Oper Berlin 1961 auf deutsch, ebenfalls unter Fricsay. Unter Fricsay '58 und '61 auf seinem Zenit, ist er unter Böhm m. E. immer noch eindrucksvoll.


    Wen würdet ihr benennen?


    :hello:

  • Für mich ist es ebenfalls Cesare Siepi (besonders in der unerreichten Aufanhem unter Krips, 1955, und natürlich in Salzburg). Aber Ezio Pinza steht ihm doch bestenfalls nur eine Nuance nach - auf diesem Olymp ist, finde ich, bequem Platz für die beiden. Dann folgen, in respektvollem Abstand, Ruggero Raimondi und Sir Thomas Allen.


    DiFiDi mag ich nicht so sehr (zu glatte, weiße Stimme für die Partie), aber der Mitschnitt von 1961 aus Berlin zeigt, daß er jedenfalls mitzureißen vermochte, auch aufgrund einer gehörigen Portion an vokal untermauerter darstellerischer Brutalität am Ende des 1. Aktes.


    Grüße!


    Honoria

  • Sagitt meint:


    Da soll einer den Verführer spielen und gleichzeitig dem Komtur ein Gegenpart sein.


    Das sind erhebliche Herausforderungen an die Stimme. Ich bevorzuge den dramatische Aspekt dieser Rolle.


    Deswegen war für mich eine Ideal-Verkörperung Nicolai Ghiaurov unter Klemperer ( ohnehin eine bemerkenswerte Aufnahme, auch wenn da wenig giocoso ist)

  • Mein Anfangsverdacht wurde bereits mehrfach genannt: Cesare Siepi.


    Wenn Baß, dann Siepi. Am besten unter Furtwängler. Da vereinen sich der m. E. beste (Don Giovanni-)Baß mit dem besten Dirigenten und der besten Restbesetzung. Traumhaft.

  • Ihr tendiert dann wohl eher zu Krips, vermutlich ein "mozärtlicher" Dirigent, der aber auch mal Wagner (!) dirigierte (Bayreuther "Meistersinger" 1961).


    :hello:

  • Als unübertroffene Legenden in der Partie des Don Giovanni gelten tatsächlich Ezio Pinza und Cesare Siepi.
    Wie häufig bei den kompetenten Tamino-Freunden wurden mehrheitlich diese beiden Sänger genannt und damit eine Übereinstimmung mit der Fachkritik erreicht.
    Interessant wäre jetzt noch zu wissen, wer von den heutigen Sängern auch nur annähernd in der Liga von Pinza und Siepi spielt. Mit fallen einige gute aber kein überragender aktueller Interpret ein. Thomas Hampson? Für mich stimmlich ausgezeichnet, in der Darstellung zu blutleer. Wer von Euch bietet mehr?
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ich fürchte, die Gegenwart hat ihren idealen Don Giovanni noch nicht gefunden. Wer baritonalen Wohlklang und eine gewisse stimmliche Eleganz möchte, ist bei Hampson (den ich hoch schätze!) sicher gut aufgehoben, aber er vermag es nicht, das Bedrohliche, ja abgrundtief Böse in Don Giovannis Charakter darstellerisch herauszuarbeiten, geschweige denn, ihm ein sängerisches Gesicht zu geben. Er ist damit nur ein weiterer nicht uninteressanter, aber nicht wirklich fesselnder Schurke...


    Wenn ein Baßbariton die Partie singt, fällt die Vermittlung der dunklen Seite naturgemäß etwas leichter - Raimondi hat in Loseys Film das zweifelhafte Privileg, nun wirklich gar keine liebenswerten Seiten zeigen zu dürfen, aber das Dämonische kommt natürlich (in einer reichlich uninspirierten sängerischen Umgebung mit der Ausnahme von José van Dam!) blendend zur Geltung und zeigt damit eine Facette der Figur, die eben in den 70er Jahren gern gezeigt wurde. Also auch nicht wirklich in der Gegenwart...


    Vielleicht ist es in einer Zeit, die noch für jede Sünde eine Entschuldigung findet, auch sehr schwer, diesen Charakter glaubhaft auf die Bühne zu bringen: rein stimmliche Bewältigung der Partie reicht eben nicht, man muß die Abgründe auch erfühlen und sie stimmlich und darstellerisch vermitteln können - da fällt mir leider kein heutiger Sänger ein, der Siepi und Pinza das Wasser reichen könnte.


    Grüße!


    Honoria

  • Zitat

    Original von Joseph II.
    Was haltet ihr von Samuel Ramey? (Falls ihn der überhaupt noch singt mit fast 70.)


    Nun, vor 25 Jahren war er ein sehr guter Don Giovanni (und kein schlechterer Leporello!!!)!


    :hello:

  • Für mich ist es klar Cesare Siepi, obwohl der Giovanni nicht eigentlich für seine Bass-Stimme konzipiert ist. Er war der Inbegriff des "blendend aussehenden Latin-Lovers" (NZZ). Ich habe ihn zwar selber nie gesehen, aber oft gehört; mancher Vokalausschnitt ist ein Musterbeispiel exemplarischen Legatosingens.

  • Zitat

    Was haltet ihr von Samuel Ramey?


    Ich will hier keine persönliche Stellungnahme Abgeben,aber ich erinnere mich an das Erscheinen der Emi Aufnahme 1985 mit ihm.
    Der Kritiker des Fonoforum (?) urteilte durchwegs positiv, bemängelte aber eine gewisse Indifferenz, die Stimme war ihm nicht charakteristisch genug.


    Ich finde man sollte bei der Beurteilung die durchaus vorhandene zwiespältige Persönlichkeit im Auge behalten.
    Don Giovanni war ja nicht in erster Linie "Macho" (obwohl man die Rolle natürlich auch so anlegen kann) sondern ebenso betörender Verführer - eine gewisse (vorgetäusche) Weichheit ist also mit Sicherheit kein Fehler.Somit kann es den "perfekten Don Giovanni gar nicht geben, weil die Figur eigentlich erst im Betrachter entsteht - und hier die Vorstellungen - so scheint mir - gewaltig divergieren...


    Ich habe - für diesen Thread kurz in drei Aufnahmen hineingehört-
    und zwar nur in EINE Arie: "La ci darem la mano"
    Ciesare Siepi bedarf keiner Erläuterung - er ist eine Idelbesetzung, er verkörpert IMO eher den Macho - natürlich mit aristokratischer Attitüde.


    Soeben habe ich mir auch Ramey angehört - und ich muß sagen er beeindruckt mich nicht besonders, ein wenig dünn (nach Siepi !!) und leicht "weinerlich flehend"


    Hingegen war - entgegen meinen Vorurteilen - KWangchul Youn (unter Bertrand de Billy) eine echte Überraschung.
    Eine elegante Stimme ohne "brutalen" Unterton, klangschön und verführerisch - sicher eine Hörprobe wert. (Track 16)



    Als "bester" Don Giovanni wird er wahrscheinlich nicht durchgehen...aber als konkurrenzfähiger schon...


    Wie gesagt es war nur EINE Schlüsselstelle, die Ergebnisse könnte bei anderen "Messpunkten" völlig anders aussehen. Aber als Anregung sollte es reichen...


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Hallo ,
    nach einer Verschnaufpause melde ich mich mal wieder - diesesmal ausnahmsweise auf dem Opernsektor.
    Auch ich bin der Meinung,daß Cesare Siepi ein herausragender Don Giovanni ist und zwar sowohl in der Krips- als auch in der Furtwängler-Aufnahme.
    Ein paar Worte zu den Dirigenten:
    Mir persönlich sagt Josef Krips mehr zu , d.h.der Gesamteindruck ist sehr überzeugend.
    Bei Furtwängler stören mich manchmal die getragenen Tempi, die dem turbulenten Handlungablauf der Oper scheinbar zuwiderlaufen.Die Schlußszene jedoch mit Don Giovannis Höllenfahrt macht keiner Furtwängler nach - er schafft hier eine Verdichtung, die schier atemberaubend ist.Mag sein,daß das schon mehr Bruckner als Mozart ist - ich kann mich dieser Wirkung jedoch nicht entziehen.
    Viele Grüße
    Santoliquido

  • Also, bei aller Bewunderung für Furtwängler - seine Giovannis klingen für meine Ohren nach düster-schwerem Beethoven, nach Goethe mit Faustus-Ernst, nach hochromantischem 40er Jahre-Bombast... aber nicht nach Mozart.


    :hello:
    M.

  • Zitat

    Original von santoliquido
    Die Schlußszene jedoch mit Don Giovannis Höllenfart macht keiner Furtwängler nach - er schafft hier eine Verdichtung, die schier atemberaubend ist.Mag sein,daß das schon mehr Bruckner als Mozart ist - ich kann mich dieser Wirkung jedoch nicht entziehen.


    Ich auch nicht. :D


    :hello:

  • ich bevorzuge den bariton in der rolle des don giovanni und da kann nur fischer-dieskau an erster stelle stehen,obwohl ich vielleicht persönlich
    durch die präsentation der fricsay-aufnahme in der schule und fast gleichzeitig durch die vom fernsehen direkt übertragene eröffnungsvorstellung der deutschen oper berlin programmiert bin.ich hatte fidi einige jahre später auch in der dt.oper berlin selbst erleben können.so verdichtet sich die sängerische leistung mit der darstellungskunst zu dem erstklasssigen gesamteindruck. don giovanni ist kein mephisto,sondern ein frauenverführer,der mangels voller befriedigung sich von einem sexuellen abenteuer in das nächste stürzt und dieses unerfüllte ewigsuchende kommt bei fidi am besten zum ausdruck.

  • Zitat

    Original von Fahrenberg
    ich bevorzuge den bariton in der rolle des don giovanni und da kann nur fischer-dieskau an erster stelle stehen,obwohl ich vielleicht persönlich
    durch die präsentation der fricsay-aufnahme in der schule und fast gleichzeitig durch die vom fernsehen direkt übertragene eröffnungsvorstellung der deutschen oper berlin programmiert bin.ich hatte fidi einige jahre später auch in der dt.oper berlin selbst erleben können.so verdichtet sich die sängerische leistung mit der darstellungskunst zu dem erstklasssigen gesamteindruck. don giovanni ist kein mephisto,sondern ein frauenverführer,der mangels voller befriedigung sich von einem sexuellen abenteuer in das nächste stürzt und dieses unerfüllte ewigsuchende kommt bei fidi am besten zum ausdruck.


    Danke für diesen Beitrag!
    100%ige Zustimmung! :jubel:

  • Dass ich hier noch nichts geschrieben habe.... :no: :no: :no:


    Also, einen besten kenne ich nicht, aber ich keine ein paar die bei mir echt tiefe Eindrücke hinterlassen haben.


    Aktuell kenne ich keinen, der sich so mit Haut und Haaren in die Rolle einlässt wie Simon Keenlyside. Seine Stimme passt optimal zu dem Verführer, seine Rollengestaltung liegt immer ganz nahe bei dem jungen wilden Adligen, aber es haftet ihm auch immer ein Hauch des Dämonischem an.


    Ich höre lieber einen Bariton in der Rolle als einen Bass, aber wenn einen Bas dann..... ja natürlich und das erklärt sich von selbst Cesare Siepi.


    Dann werfe ich noch einen Bariton in die Runde, der bislang noch nicht genannt wurde und der mindestens zweimal in zwei wirklich guten Aufnahmen festgehalten wurde: Ebehardt Wächter. Einmal in der immer noch Refferenz-Status genießenden EMI-Produktion unter Giulini, dann unter Karajan live aus Salzburg, an der Seite von L.Price und walter Berry. Ich würde ihn gerne mal sehen in der Rolle.


    Und nicht zu vergessen der junge (!) Thomas Hampson , dem ebenfalls eine ideale Verschmelzung mit der Rolle gelang.


    Fischer Dieskau ist toll in der deutschen Aufnahme aus der Deustchen Oper Berlin (leider bislang nicht auf DVD erschienen), ansonsten kann ich mit seinem Giovanni nichts anfangen. Samuel Ramey singt und spielt sicher toll, allerdings reißt er mich nicht mit. Der von Alfred genannte Kwangchul Youn hat auf der (durchaus empfehlenswerten) Platte von de Billy sicher einiges zu bieten, für mich klingt es aber zu gekünstelt, zu sehr "gemacht".

  • Auch für mich ist die Antwort leicht, da ich ein ziemlich genaues Bild davon habe, wie "mein" Don klingen soll.
    Er muss ein Mann sein, also eine gewisse Virilität im Timbre ausstrahlen, er braucht Charme und Espirt, sowie den gewissen Schmelz des Verführers, gleichzeitig muss er etwas hintersinnig, sinistren verkörpern können, das Dunkle im Don, den Zyniker, den der über Leichen geht um sein Ziel zu erreichen, der dem toten Komtur trotzt im Angesicht seines Untergangs.
    Deswegen kommen da für mich (bisher) nur zwei in Frage :
    Cesare Siepi und Nicolai Ghiaurov (mehr als bei Klemperer vereint er beides noch im Live-Mitschnitt von 1970 aus Rom)

  • Meine Giovannis: 1. Pinza 2. Siepi 3. Wächter, knapp dahinter kommen mehrere prominente ....


    Aber eine tolle Überraschung war für mich das Debut von Bo Skovhus - als wäre der junge Eberhard Wächter auferstanden!



    Erich

  • Auch für mich steht, wie schon aus vielen Beiträgen herauszulesen, Cesare Siepi an erster Stelle der "besten" Don Giovannis. Dann komme ich auch nicht an Fidi in der Fricsay-Einspielung vorbei, muß Nicolai Ghiaurov in der Klemperer-Aufnahme als einen der großartigsten Don Giovannis nennen. Zögern muß ich bei Bo Skovhus, hier vermisse ich das Dämonische, ebenso bei Franz Grundheber in der deutschen Fassung, die von Wolfgang Gönnenwein dirigiert wurde...