Haydn, Joseph: Symphonie Nr. 45 fis-moll "Abschied"

  • Erster Satz


    Das Stürmen und Drängen des ersten Satzes in fis-moll ist geprägt durch ein durchlaufendes drängendes Achtel-Stakkato, das mehr als die Hälfte der Spieldauer des Satzes beherrscht, um dazwischen Oasen ängstlicher Stille einen kurzen Platz einzuräumen. Das Unerbittliche dieser insistierenden Achteln erfährt eine Art Verdopplung dadurch, dass das Thema, die "Melodie" in ebenso gleichförmigen Vierteln bei der Sache bleibt, noch dazu in absteigenden Dreiklangsbrechungen. Die Kaskaden dieser herabstürzenden Viertelbewegungen, die nach zwei Takten auf einem anderen Akkord zur Ruhe kommen, wiederholen sich dreimal, einen Vordersatz und die Hälfte des Nachsatzes bildend, worauf die gebrochenen Akkorde das Tutti ergreifen und mit tremolierenden Sechzehnteln das Thema zu einem Abschluss bringen. Interessant ist nun natürlich die Führung des Basses über die gesamte Einheit des Themas, die Wahl der Harmonik und die gewählten Ambitus der drei durch die Abstiege der ersten Violinen markierten Abschnitte. Der Bass erfährt eine sukzessive Beschleunigung der Tonwechsel. Im erste Abschnitt bleibt er Orgelpunkt unter 2 Takten erste Stufe und 2 Takten Sekundakkord zweiter Stufe, wodurch das Zur-Ruhe-Kommen der ersten Violine durch die harmonische Spannung konterkariert wird. Diese staut sich über zwei Takte und führt zur Entladung der zweiten Kaskade, die eine Steigerung gegenüber der ersten darstellt, da der Ambitus durch je einen Ton oben und unten erweitert wurde - das ist dann ein Sextakkord auf der Dominante, der sich einfach in die Tonika auflöst, was dann zweitaktiges Verharren des Basses pro Ton bedeutet. Im Nachsatz, der so beginnt, wie der Vordersatz, ist der Bass eine Sext nach unten in den Terzton gewandert (der Ambitus ist also wieder gewachsen) und schreitet nun Taktweise chromatisch nach oben, um auf dem Baßton der zweiten Stufe zu verharren, worauf er, wie bereits beschrieben, die Akkordbrechungen viertelweise mitmacht.


    Die Überleitung zum Seitensatz ist durch dynamische Kontraste und dann durch Formation von Achtelmotiven bestimmt, ohne dass dadurch die Unerbittlichkeit des Flusses gestoppt würde. Überraschenderweise fährt der Seitensatz statt in A-Dur in a-moll herein und unterstreicht durch Monothematik die Ausweglosigkeit. Anstatt dass sich die Tonart korrigieren und festigen würde, wird man ins harmonisch Ungewisse geführt - zuletzt stabilisiert sich cis-moll, um erst in allerletzter Sekunde als Grundton der Dominante für das Einsetzen der Wiederholung zu dienen.


    So etwas wie Ruhe und Melodie findet sich erst mitten in der Durchführung. Bezeichnenderweise hat der Bass da kurz zu schweigen, und die erste Violine schwingt sich dreimal hinauf zu gebunden herabführenden Achtelketten, immer einen Ton höher, um zuletzt in elegantem Bogen zur Kadenz zu führen. Das wird fortgesponnen und mischt sich mit Erinnerungen an die Achtelfiguren aus der Exposition. Irgendwie verliert es sich einer typisch Haydnschen verlangsamten Fragegeste mit Generalpause darauf - Wohinein die Reprise donnert, die für das wohlgegliederte Hauptthema keine Geduld mehr hat und scheinbar beethovensche Diminution betreibt, einen Seitensatz auf h-moll vortäuscht und bis zum Schluss überhaupt sehr ungnädig ist.



    Zweiter Satz


    Der zweite Satz in A-Dur lebt von einem Wechsel rokokohafter Vorschlagsspielereien und gesanglichen Legato-Bögen, deren Abwärts-Zweiunddreißigstenketten an die Melodie in der Durchführung des ersten Satzes erinnern könnten. Als Drittes kommen noch Synkopen dazu, die ebenfalls auf den ersten Satz verweisen, wo sie in eher begleitender Funktion die beschriebenen Achtel- und Viertelmassen federnd abmildern.


    Fast hat man den Eindruck, als wollte Haydn nun einen ordnungsgemäßen Sonatenhauptsatz nachholen, wenn nun die Vorschläge zu Paaren von 32-stel/punktierter 16tel umgedeutet werden und mit dieser neuen Rhythmik die Modulation nach E folgt. Das Seitenthema ist auch tatsächlich ein neues (wenn auch mit verwandtem Material) und erfährt nach zwei Takten eine Moll-Eintrübung, die im Gegensatz zur Situation im ersten Satz - wenn auch umständlich und mit Fermaten-Unterbrechung - glücklich wieder zurück nach E-Dur findet.


    Nach der Durchführung erfährt das Hauptthema, das in der Exposition den Streichern vorbehalten war, eine festliche Unterstützung durch die Hörner, die ebenfalls in den allerletzten Takten des Satzes einen eher friedvoll-gefestigten Eindruck unterstreichen.



    Dritter Satz


    Das Menuett in Fis-Dur büßt seine Leichtfüßigkeit schon nach zwei Takten durch Tiefalterierung der sechsten Stufe ein, die denn auch gleich Tutti hereingeschmettert wird, worauf der Nachsatz, von vier auf acht Takte erweitert und sich synkopisch aufschwingend den Ausgleich bringt, bevor die Violinen, denen der eröffnende piano-Zweitakter vorbehalten war, im pianissimo einen zweitaktigen Abgesang spielen. Im Trio treten die Hörner solistisch auf mit einem Motiv, das durch fünffache Tonrepetition in Vierteln auffällt.



    Vierter Satz


    Beim Finalsatz in fis-moll fällt auf, dass nach dem leichtfüßigen Thema mit Unisono-Einschüben die Überleitung zum Seitensatz sehr breit angelegt ist, nach einem fortspinnenden Abschnitt ein sequenzierender, dann ein Orgelpunkt auf A, nach dem wieder modulierende Irritationen inszeniert werden, die sich in einer kollektiven Unisono-Achtelkette abwärts entladen, auf die endlich eine Kadenz und ein wildes Seitenthema folgen, das vom Wechsel leerer Saite/gegriffenem gleichen Ton lebt, von dem aus höhere Töne angesteuert werden, die wieder eine aufsteigende Linie ergeben. Das wird aber sehr rasch abgelöst durch eine weitere Achtelkette, die mit den folgenden Kadenzen eher den Eindruck einer Schlussgruppe ergeben als eines vollständigen Seitensatzes. Der Zweck dieser Schieflage offenbart sich nach einer recht modulations- und sequenzfreudigen Durchführung, wenn in der Reprise der Seitensatz seine harmonische Stabilität einbüßt und zu einer kurzen modulierenden Überleitung verkommt, durch die das vorbereitet wird, wofür die Symphonie besonders bekannt ist:


    Die von A-Dur nach Fis-Dur und vom Orchestertutti zum Violinduo modulierende Verabschiedung der heimwehgeplagten Orchestermusiker, die in weinerlich-versöhnlichem Tonfall die Rückkehr nicht nach Fürstenfeld sondern nach Eisenstadt in das offene Ohr des musikliebenden Fürsten raunen möchten. Dieses Adagio beginnt mit einem zweiteiligen viertaktigen Vordersatz, dessen gleich beginnender Nachsatz ins schier Unendliche gedehnt wird (man mag daher anzweifeln, dass meine Etikettierung mit dem Terminus "Vordersatz" gerechtfertigt ist). Wie auch immer, die Sechzehnteltriolen des Themas verselbstständigen sich zu einem unübersehbaren Haufen geschwätziger Seufzer- (und anderer) Motive, bevor sie sich zu eher abschließenden Figuren formieren, die die erreichte Dominanttonart E-Dur etwas polternd fixieren. Diese wird (in gewohnter Manier) nach e-moll umgedeutet, wo nach einem neuen, sequenzierten, aus dem bisherigen Material abgeleiteten (oder damit verwandten) Motiv die Jammerei wieder angeht und als letztes Tutti die eineinhalb Vorder-Nachsatz-Fragmente vom Beginn wiederholt werden. Die dem Charakter nach eher abschließenden Motive kommen nun viel eher und helfen den Bläsern, ihre Instrumente befriedigt fortschaffen zu können, bevor die Streicher einen Abschnitt mit neuem Material, bei dem sich die Sechzehnteltriolen in den nun unabhängig von den Celli geführten Kontrabaß verlagert haben. Diese merkwürdig nach unten verschobene solistische Einlage moduliert nach Fis-Dur, womit auch die Kontrabässe für heute fertig sind. Nun wird der Verlauf vom Anfang in Fis-Dur wiederholt und nach dem Vordersatz-Nachsatz-Fragment trollen sich auch die verbliebenen Tutti-Streicher, sodass die Abschlußgeste dem Konzertmeister und seinem Stimmführer-Kollegen von den zweiten Geigen bleibt.

  • Guten Morgen,


    stimmt die Legende, dass die Musiker, um ihren Dienstherrn auf ihre schlechte finanzielle Lage aufmerksam zu machen,
    im 4. Satz nach und nach das Podium verlassen ?
    Ich sah mal eine Aufführung in der dies mit theatralischen Effekten so gemacht wurde,
    dazu löschten sie noch die Lichter an ihren Pulten bis zum Schluss das Theater (fast) stockdunkel war.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Nein, die Legende stimmt in dieser Form nicht.
    Ganz abgesehen davon daß der Hof zu Esterhaza einer der sozialsten seiner Zeit war....


    Es ist jedoch eine überlieferte Tatsache, daß Fürst Esterhazy im Jahre 1772 (?) - entgegen der Tradition den Sommeraufenthalt in Esterhaza verlängerte - und nicht den gewohnten Befehl zum Aufbruch in die Ferien gab. Das war vor allem für die jungen Orchestermusiker, die heim zu ihren Frauen wollten, ein schwerer Schlag, und sie baten Haydn um Rat. Dieser komponierte eine Sinfonie (Nr 45), die heute unter dem Namen §Abschiedssinfonie" bekannt ist, wo im letzen Satz allmählich ein Instrument nach dem andern verstummt.
    Die Musiker waren instruiert worden, nach Abschluss ihres Parts, Noten und instrument einzupacken, die Kerze zu löschen, und das Podium zu verlassen.
    Als schliesslich die Sinfonie im Beisein des Fürsten gemäß den Anweisungen Haydns aufgeführt wurde, verstand dieser den Wink sofort und schickte schon am nächsten Tag die Musiker in den üblichen Urlaub....


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Egal, wieviel von der Anekdote authentisch und wieviel dazuerfunden ist, scheint mir eine Deutung des Finales als bloßer Gag den Gehalt der Musik zu verfehlen. Die vorhergehenden Sätze sind viel zu radikal, expressiv und experimentell, um solch eine Deutung zu rechtfertigen. Zwar steht das Finale einzigartig da, aber es gibt noch ein paar entfernt ähnliche Experimente. Die ungewöhnliche, ausgedehnte Coda (zwar im Tempo, aber auch mit Verzögerungen arbeitend) der Nr. 43 ist uns bereits begegnet, ebenso später das Finale von 67 mit einer Sonatenexposition und einem trioartigen Adagio-Teil anstelle einer Durchführung.
    Schon die Tonart der Sinfonie ist überdies ungewöhnlich, ebenso das eingetrübte Fis-Dur des Menuetts und die seltsame, stark kontrastierende ruhige Episode, die einen Großteil der Durchführung des Kopfsatzes ausmacht.
    Wenn die Nr. 44 vielleicht als Musterbeispiel für eine kompakte, geschlossene, strenge, "klassische" Sinfonie gelten haben, haben wir hier, bei vergleichbarer emotionaler Intensität eine "offene" Struktur. Haydns Stil war flexibel genug, um beides (und noch viel mehr wie die umliegenden Werke von 42-49 zeigen) möglich zu machen.


    Ich finde eine Interpretation Paul Bartholomäis vom Hessischen Rundfunk nicht unattraktiv, der in einer Moderation den "Abschiedsprozeß" nicht als ein Verdünnen, sondern als ein "Eindampfen" der Musik beschrieben hat.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich suchte nach Tomassini im Netz und fand da diese Zeile


    Zitat

    Die letzten, die vor dem Fürsten noch spielten, waren Joseph Haydn selbst und Lieblingsgeiger sowie Vertrauter Haydns, der erste Geiger Tomassini.


    LG, Paul

  • Zum ersten:


    Wie musicophil bereits richtig schreibt ist die Geschichte niet- und nagelfest - sie ist auch schriftlich festgehalten.


    Das entkräftet aber die Argumente von Marcus rohl nicht, daß die ersten Sätze ziemlich "experimentel" seien.


    Ich hätte es laienhafter in ertwa so formuliert, daß etwa der erste Satz so überhaupt nicht zum letzten passen wolle..


    Im Rahmen der Erstellung dieses Threads war der Kurzstückmeister bei mir, und wir hörten drei Einspielungen des Werkes.
    Unsere Ansichten deckten sich teilweise, teilweise divergierten sie stark.
    Das liegt nicht nur am persönlichen Geschmack, sondern auch an anderen Schwerpunkten: Während es dem Kurzstückmeister um das Werk an sich ging, um seine Struktur etc. war mir die Gesamtwirkung die sich durch eine Interpretation ergab, wichtig. Aber in Wahrheit geht es dabei ja auch um tontechnische Spitzfindigkeiten, denn der erreichte Gesamtklang, die Wirkung ist ja auch durch die Tontechnik manipuliert worden.


    Die erste Aufnahme im CD Player war jene des English Concert unter Trevor Pinnock. Überraschenderweise war sie (besonders gut beim 1. Satz hörbar) sehr rhytmisch akzentuiert, etwas , das man von Pinnock und seinem Ensembel eigentlich in dieser Form erwartet hätte.




    Diese ausgeprägte Rhythmik wurde (mir) eigentlich erst bewusst als ich die wesentlich weicher klingende Aufnahme mit Ton Koopman und seinem Amsterdam Baroque Orchestra auflegte.



    Sie verzichtet auf den harten Rhytmus, nicht aber auf Tempo und sie "swingt" IMO ein wenig.
    Bei den weiteren Sätzen fiel auf, daß die Koo0pman Aufnahme die Bläser etwas vordergründiger abbildete, was meiner Meinung nach der Lieblichkeit und Klangschönheit besonders zum Vorteil gereicht. Das Adagio ist bei dieser Aufnahme ein Ohrenschmaus, der letzte Satz ist sowieso nicht zu toppen.


    Interessant war nun den Vergleich mit Bruno Weil und "Tafelmusik" zu hören.



    Rasant und eilig , dabei wohl auch spritzig federnd, startet der erste Satz, von Koopmans Weichheit weit entfernt, aber dennoch keineswegs hart rhythmisch wie der erste Proband Pinnock.
    Wer solch einen Zugang mag, der wird ihn vermütlich "vor Lebensfreude überschäumend" bezeichnen. Ich höre hier gelegentlich an Harnoncouts Interpetationen gemahnenden "schräge Töne"
    Weriters fällt mir der große dynamische Spielraum auf.
    Die Bläser sind sehr klangschön eingefangen, aber etwas schlanker als bei der zuletzt beschriebenen Einspielung.


    Während der Kurzstückmeister, die drei Aufnahmen als "tendenziell ähnlich" einstufte, fand ich, daß die kleinen Unterschiede dennoch verschiedene Klangbilder und verschiedene Emotionen hervorbrachten...
    Einig waren wir uns aber wiederum in der Bewertung: Alle drei Aufnahmen sind hochwertig, man braucht keiner die Siegespalme zu überreichen...


    Der Kurzstückmeister wird vermutlich anschliessend meine Ausführungen kommentieren und korrigieren..


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Rasant und eilig , dabei wohl auch spritzig federnd, startet der erste Satz, von Koopmans Weichheit weit entfernt, aber dennoch keineswegs hart rhythmisch wie der erste Proband Pinnock.
    Wer solch einen Zugang mag, der wird ihn vermütlich "vor Lebensfreude überschäumend" bezeichnen. Ich höre hier gelegentlich an Harnoncouts Interpetationen gemahnenden "schräge Töne"


    Also Haydns Abschiedssymphonie, 1. Satz und "vor Lebensfreude überschäumend"
    :wacky:


    Mich hat es sehr beeindruckt. Das flotte Tempo hat was, und die Synkopen sind irgendwie federnder, treibender gespielt.



    Zitat

    Während der Kurzstückmeister, die drei Aufnahmen als "tendenziell ähnlich" einstufte, fand ich, daß die kleinen Unterschiede dennoch verschiedene Klangbilder und verschiedene Emotionen hervorbrachten...


    Ähnlich gut, nicht klanglich ähnlich - da fällt Koopman schon etwas heraus. Für den ersten Satz der Abschiedssinfonie kann es schon etwas aggressiver sein, sonst habe ich aber auch an ihm nichts auszusetzen.
    :hello: