Gerhard Unger - Idealer Tenorbuffo und noch mehr

  • Gerhard Unger, welch eine Freude ihn zu hören.......


    Mein 4 bändiges Metzler Musiklexikon verschweigt indes seine Existenz - indes handelt es sich dennoch um eine der prägnantesten und schönsten Buffo-Tenorstimmen die das 20 Jahrhundert hervorgebracht hat.
    1916 in Bad Salzungen geboren, begann er seine Karriere zunächst als Oratoriensänger und wechselte erst relativ spät zur Oper.
    Zu seinen Glanzrollen zählte der David in Wagners Meistersingern, die er mehrfach auf Schallplatte einspielte.


    Wikipidia, die ich üblicherweise nur selten zitiere schreibt treffend:


    Zitat

    Er besaß eine jugendlich helle, freundliche Stimme, ein sonniges Timbre und sehr viel komisches Talent.


    Besser kann man den Sänger gar nicht beschrieben.


    Leider ist vielles, was er aufgernommen hat (und in meinen Archiven vorhanden ist) derzeit nicht am Markt . was eine veritable Schande ist.


    Mir gefällt besonders sein coupletartiger Vortrag in diversen komischen Opern, besonders bei Lorzting und Dittersdorf, aber auch als Mozarts Pedrillo



    Ich habe hier eine Aufnahme von Dittersdorfs Oper "Doktor und Apotheker" als beispiel gewählt - und empfehle in den Track Nr 9 hineinzuhören "Wenn man will zu Mädchen gehen"


    Unger singt hier völlig richtig "MÄdechen" - und nicht wie heute oft üblich "MEEdchen" - und trotz aller Leichtigkeit - oder gerade deshalb bietet er hier hohe Kunst.


    In meinen Augen i ist er ziemlich konkurrenzlos - und das wird er - wie es aussieht auch für lange Zeit bleiben.


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Unbedingt zu erwähnen ist sein exemplarischer Pedrillo in der"Entführung", eine seiner besten Partien. Eine große Leistung war auch seine Charakterstudie als Narr in der legendären Boris-Aufführung mit Talvela und Frick in Stuttgart.
    Mein größtes Erlebnis mit ihm war ein Galakonzert in Pforzheim. Er sang da zusammen mit Hallstein, Prey und Frick. Quasi am Fließband sang er strahlend die Tenor- Bravour-Arien bis hin zum Lohengrin. Höhepunkt war der Postillon mit einem gehaltenen hohen D. Er hätte also nocn ein ganz anderes Fach erobern können, wenn die Figur so groß gewesen wäre wie die Strimme. Trotzdem ein ganz Großer!
    Herzlichst
    Operus
    :jubel: :jubel:

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  • Neben dem Pedrillo oder Jaquino sowie den Lortzing-Rollen habe ich noch diverse Operetten, in denen Gerhard Unger glänzen konnte - auch dort mit großer Wortverständlichkeit!
    Am meisten schätze ich - der mit Wagner nichts anfangen kann - eine schöne Recital-Platte von ihm, auf der er neben den Ausschnitten aus der Entführung "Frisch zum Kampfe" auch mit Arien aus "Don Giovanni" und "Cosi van tutte" glänzen kann, sowie mit der Sicilliana aus "Cavalleria Rusticana", der Serenade des Harlekin aus "Bajazzo" und aus dem Barbier von Bagdad. Als krönender Abschluß singt er dann die "Postillon"-Arie von Adam.


    Alfreds "Wikipedia"-Zitat weiter oben ist unvollständig, es geht weiter mit


    Zitat

    Im Alter von 52 Jahren klang er immer noch so frisch und enthusiastisch wie es seine Rolle verlangte.


    Was natürlich leicht untertrieben ist: Den "Mime" im Stuttgarter Ring sang er noch mit 70 Jahren!


    LG


    :hello:

  • Wie die Staatsoper Stuttgart meldet, ist der Kammersänger Gerhard Unger am vergangenen Montag im Alter von 94 Jahren verstorben. Der Tenor war langjähriges Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart.




    Zitat

    Gerhard Unger wurde am 26. November 1916 in Bad Salzungen geboren.
    Nach seinem Gesangsstudium in Berlin begann Unger seine Karriere zunächst als Konzert- und Oratoriensänger. 1947 debütierte er als Opernsänger in Weimar und war anschließend bis 1961 Mitglied der Staatsoper Unter den Linden. 1961 bis 1982 war er Teil des Stuttgarter Staatsopernensembles. Ab 1951 sang er zudem regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen. 1986 wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft des Staatstheaters Stuttgart verliehen. Unger feierte internationale Erfol ge unter anderem an der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper und der Metropolitan Opera New York. Der Tenor wurde vor allem für seine Darbietungen als David in "Die Meistersinger von Nürnberg" und als Pedrillo in "Die Entführung aus dem Serail" bekannt.
    Zu seinen letzten Auftritten auf der Stuttgarter Opernbühne gehörte neben der Hexe in "Hänsel und Gretel" und dem Sänger in "Der Rosenkavalier" auch seine gleichfalls erfol greichste Partie: Mime in Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" in der Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle.


    R. I. P.

  • Mein lieber Harald!


    Leider gibt es diese LP nirgendwo zu kaufen. Auf Flohmärkten ist sie mir auch noch nicht begegnet. Ich erinnere mich an eine Sendung "Im blauen Bock", wo er diese Bravourarie des Chapelou sang. Otto Höpfner fragte ihn, ob er noch höher als das "C" singen könne: An guten Tagen problemlos das "D", aber mit einem Schuß "Äppelwoi" würde er diesen Ton wohl besser treffen.



    Gruß Wolfgang

  • Lieber Wolfgang,


    diese Schallplatte wurde von der VEB Deutsche Schallplatte wohl vor 1961 aufgenommen. Kurz vor dem Mauerbau '61 hat es Gerhard Unger vorgezogen, im Westen zu bleiben, seinen Wohnsitz in Stuttgart zu nehmen und ein Engagement bei der dortigen Oper anzunehmen. Kann sein, dass die Eterna-Platte aus diesem Grund in der DDR nicht neu aufgelegt wurde und deshalb so selten ist.


    LG


    :hello:

  • Das letzte Mal erlebte ich Gerhard Unger als Mime im Stuttgarter Ponelle-Ring Anfang der 80er. Da war er stimmlich noch hervorragend drauf und von einer Bühnenpräsenz, um die ihn heute manch junger Kollege beneiden mag.


    Ein begnadeter Ausnahmekünstler, der unvergessen bleibt!


    :angel::angel::angel:

  • Aus gegebenem Anlass gerade gehört: "Gerhard Unger - die schöne Stimme". Sehr gut singt er das "Postillon-Lied" - samt hohem D!


    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


    "Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano

  • Wenn ich schon beim Suchen über Gerhard Unger stolpere, kann ich nicht umhin, einige Stuttgarter Erinnerungen aus den Sechzigern aufzufrischen. Besonders in den Jahren, in denen ich im Verstärkungschor mitgesungen habe.


    Sein David ist mir unauslöschlich in Erinnerung, weil ich die Angewohnheit hatte, nicht nur pflichtgemäß auf der Festwiese mitzusingen, sondern ab der Ouvertüre in der Kulisse zu stehen. Unger war an Bühnenpräsenz nicht zu übertreffen. Und wenn er dem Stolzing seine Lektion gab, wunderte ich mich, dass der so lange brauchte, um das alles (nicht) zu kapieren - bei so einem Lehrer!


    Von seiner leichten Höhe zu sprechen, heißt Eulen nach Athen tragen. Aber er hatte, um bei der Wahrheit zu bleiben nur eine gehauchte Tiefe. Doch wie er sie überspielte (etwa beim Mime), war eine Nummer für sich: Er sang dafür die Höhen mit Windgassen um die Wette - und gewann!


    Doch das Beste war (neben seinem konkurrenzlosen Pedrillo) der Hahn in der Pfanne in den Carmina burana. Er war einfach nicht tot zu kriegen! Ein Ausbund an Vitalität.



    Herzliche Grüße von Sixtus

  • Er war in der Tat einer der ganz Großen. In vielen Partien unvergesslich. Leider sind die beiden prägenden Vertreter des Tenorbuffofachs Gerhard Unger und der ebenbürtige Friedel Lenz von uns gegangen.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Er war in der Tat einer der ganz Großen. In vielen Partien unvergesslich. Leider sind die beiden prägenden Vertreter des Tenorbuffofachs Gerhard Unger und der ebenbürtige Friedel Lenz von uns gegangen.


    Herzlichst
    Operus


    Es gab immer und zu allen Zeiten führende und prägende Vertreter des Tenorbuffobachs, schon vor Heinrich Tessmer und Albert Reiss, dann Paul Kuen, Gerhard Stolze, die beiden von dir genannten, Erwin Wolfahrt und Werner Enders (beide sangen schon in den 1950er Jahren) Pang und Pong zusammen an der Komischen Oper Berlin, auch Horst Hiestermann, Heinz Zednik, Helmut Pampuch und viele andere, aktuell u.a. Andreas Conrad, viele andere wären zu nennen.
    Warum man nun Unger und dann auch noch Lenz als "die beiden prägenden Vertreter" über alle anderen stellen muss, erschließt sich mir nicht!

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • Ich hoffe, dass die beiden Stimmenexperten mir nicht gram sind, wenn ich in meiner Erinnerung Gerhard Unger als Charaktertenor bezeichnet habe, wobei ich die Bezeichnung "unreflektiert", aber doch bewusst :D aus dem Wikipedia-Artikel entliehen habe.
    Vielleicht könntest du, lieber Stimmenliebhaber, damit leben, wenn Hans geschrieben hätte: "..zwei der prägenden Vertreter", wobei aber auch etliche der prägenden Vertreter, die du genannt hast, ebenfalls schon von uns gegangen sind.
    Soviel ich weiß, lebt aber Heinz Zednik noch. Er ist ja in diesem Februar erst rüstige 76 geworden.



    Liebe Grüße
    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Vielleicht könntest due, lieber Stimmenliebhaber, damit leben, wenn Hans geschrieben hätte: "..zwei der prägenden Vertreter"

    Lieber Willi, selbstverständlich hätte ich damit leben können, zwei der bedeutendsten Vertreter in diesem Fach sind die beiden von "Operus" Genannten allemal, aber es gab eben auch noch eine ganze Reihe anderer bedeutender, und das kam in der Formulierung so nicht herüber.



    Ich würde hier u. A. auch Harald Neukirch erwähnen, den ich ebenfalls mit dem Rondo aus dem "Postillon von Lonjumeau" auf einer LP besitze. Gleichfalls auch mit einer enormen Höhe "D" ausgestattet.


    Lieber Wolfgang,


    ich hatte tatsächlich überlegt, Harald Neukirch auch zu nennen und hatte mich dann dagegen entschieden, nicht weil ich ihn nicht schätzen würde, sondern weil er eigentlich schon über dem Buffo-Fach sang, auch Ferrando (sang Unger auch), Walter von der Vogelweide, Sänger im "Rosenkavalier" (sang Unger auch) bis hin zum Nadir und einigem anderen mehr, aber er war natürlich auch ein exzellenter Pedrillo und David.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Warum man nun Unger und dann auch noch Lenz als "die beiden prägenden Vertreter" über alle anderen stellen muss, erschließt sich mir nicht


    Lieber Stimmenliebhaber,


    lobenswert, dass Du weitere führende Sänger im Tenorbuffofach nennst. Nur jeder hat wahrscheinlich in einer Reihe hervorragender Interpreten seine Favoriten und das sind bei mir nun einmal Unger und Lenz. Die beiden sind auch bei Tonaufzeichnungen stark berücksichtigt worden.
    Du erinnerst auch an den in Dresden sehr erfolgreich wirkenden Heinrich Tessmer. Der ganz dezente Hinweis bei der Schreibweise genügt. Ich muss und werde einen Strimmenkenner wie Dich nicht korrigieren. :hello:


    Herzlichst
    Operus

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  • Kleiner dezenter Hinweis meinerseits, der beweist, dass Stimmenliebhaber den Namen durchaus richtig geschrieben hat - leider war ihm im falschen Augenblick die Leertaste im Weg...


    Zitat

    Es gab immer und zu allen Zeiten führende und prägende Vertreter des Tenorbuffobachs, schon vor Heinrich Tessme rund


    ;)

  • So ist's! ;-)


    Und ein Stolze und ein Wohlfahrt waren doch bei Aufnahmen mindestens so stark vertreten wie ein Herr Lenz, oder?

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Ich stoße beim "Durchforsten" meiner LP-Sammlung auf eine lange vermisste Platte mit Sängern und Sängerinnen, die im Forum kaum Erwähnung finden. Hörenswert ist hier Gerhard Unger mit der Arie "Der Odem der Liebe" aus COSI VAN TUTTE von Mozart.

  • Da vermutlich diese Aufnahme kaum mehr zu bekommen sein wird, habe ich ein wenig gegooglet und das entsprechende File gefunden. Wir wissen nie wie lange diese Files online bleiben, (obwohl hier das Copyrigth IMO schon längst verfallen sein sollte)
    aber man kan die Arie immerhin momentan hören
    Gerhard Unger mal ausserhalb des Buffo- Fachs
    "Der Odem der Liebe" (Mozart: Cosi fan tutte"
    8AL3awHiGSM


    und als Draufgabe noch Unger als Don Ottavio aus Mozarts Don Giovanni
    EfGADgsPShM


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Ob diese Aufnahme mit meiner auf der LP identisch ist, kann ich beim ersten Hören nicht feststellen. Woher dieses laute knistern, das einer historischen Aufnahme gleicht kommt, ist mir rätselhaft. Auf meiner Platte, obwohl auch schon alt, ist nur minimales Laufgeräusch hörbar. Wie es auch sei, interessante Tondokumente eines Tenors, der mehr konnte als nur "Buffo".

  • Zitat

    Woher dieses laute knistern, das einer historischen Aufnahme gleicht kommt, ist mir rätselhaft


    Mir nicht. Entweder wurde die LP schlecht gelagert oder einmal nass abgespielt. Danach wird sie IMMER knistern (der verkrustete Staub, der von der Reinigunsflüssigkeit gelöst wurde und sich and an den Rillenflanken festgesetzt hat) Man muss solch eine Platte IMMER wieder nass spiele, was sich aber letztlich auch auf die Lebensdauer der Platte negativ auswirkt. Aber auch das offen Liegenlassen ohne Hülle für 1-2 Tage genügt um ein dauerhaftes Knistern zu erzeugen, Es handelt sich eindeutig um ein Vinyl-Produkt, Schellackplatten knistern icht, sie rauschen und bei Kratzern knacken sie vernehmlich. Die Aufnahm dürfte eine Eterna Platte um das Jahr 1960 ++3 Jahre gewesen sein, in der DDR gabs da noch vorzugsweise MONO....


    Wie dem auch sei, die Stimme wurde in beiden tracks recht naturgetreu eingfangen und ihr Timbre ist gut erkennbar....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Gerhard Ungar hat ein reiches Erbe auf Tonträgern hinterlassen, welches einerseits seine Vielseitigkeit verdeutlicht, andererseits die Pflege seines Kernrepertoires dokumentiert. Als der geborene David ist er auf mindestens acht "Meistersinger"-Aufnahmen verewigt. Rudolf Kempe hat ihn gleich für seine beiden Studioproduktionen (1951 und 1956) eingesetzt. Wenn ich sie mir wieder einmal vornehmen, dann auch wegen Unger. Andere Aufnahmen des Werkes sind bereits in diesem Thread genannt worden. Fünfmal ist er als Pedrillo in der "Entführung" auf Tonträgern festgehalten. Hervorheben möchte ich die Einspielungen unter Beecham und Krips, in denen Gottlob Frick den Osmin gibt. Beider gemeinsame Szenen dürften als Sternstunden der Plattengeschichte gelten. In sieben "Zauberflöten" ist er der Monostatos, unter Otto Klemperer zusätzlich noch ein Priester. Durch Merfachbesetzungen fällt Unger besonders im Karajan'schen "Rosenkavalier" der EMI auf, wo er der Haushofmeister bei Faninal, der Tierhändler, ein Kellner und einer der Lakaien ist. Er scheute sich also nicht, auch kleine Rollen zu übernehmen. Das macht ihn mir doppelt sympathisch. Solche Vielseitigkeit hat sich auch in diversen "Ariadnen" von Strauss niedergeschlagen. In dieser Oper bringt er es auf Brighella, Scaramuccio, den Offizier und den Tanzmeister. Als das Kleine Haus in Stuttgard, wo einst die Urfassung der "Ariadne auf Naxos" uraufgewführt wurde, mit eben dieser Fassung 1962 wiedereröffnet wurde, ist Unger als Brighella mit dabei gewesen. Die festliche Aufführung ist vor ein paar jahren mal im SWR wiederholt worden, leider aber nicht auf CD erschieen, was schade ist und vielleocht noch wird. 19Was noch? Mehrfach gibt es den etwas undankbaren Jaquino im "Fidelio" und einmal auch in der "Leonore" von der RAI, Goro in „Butterfly“ , verschiedentlich den jungen Diener in „Elektra“ sowie den vierten Juden in "Salome". Im Bayreuther Parsifal von 1952 ist er der dritte Knappe gewesen, im „Fliegenden Holländer“ unter Klemperer aus dem Londoner EMI-Studio der Steuermann, im „Tannhäuser“ von Konwitschny, ebenfalls bei der EMI produziert, der Heinrich der Schreiber, im "Tristan" von 1952 aus Bayreuth verleiht er dem jungen Seemann seine Stimme. In "Wozzeck" und "Lulu" von Berg sticht er einmal als gar nicht so schriller Hauptmann und einmal als Alwa hervor. In zwei Studioaufnahmen des "Barbier von Bagdad" von Cornelius (EMI und RCA) gibt er den Baba Mustafa Kadi. Unerwähnt bleiben darf auch die "Carmina burana" unter Frühbeck de Burgos von 1965 bei der EMI nicht. Den Besenbinder singt er in den "Königskindern", die Heinz Wallberg 1976 bei der EMI leitete. Und sind die Aufgaben noch so klein, Unger verschafft sich durch seine intensive Gestaltung und seinen unverwechselbaren jungenhaften Tenor, der nie zu altern schien, immer Gehör. Man findet ihn stets heraus.


    Einzelne Arien und Szenen sind für das Radio entstanden. Im Deutschen Rundfunkarchiv, Standort Babelsberg, haben sich folgende Aufnahmen erhalten, die ich als Liste anhänge:


    1. Flotow Martha Nur näher, liebe Mädchen
    2. Volkslied
    3. Quartett
    Lady: Rosemarie Rönisch
    Nancy: Gertraud Prenzlow
    Lyonel: Gerhard Unger
    Plumkett: Rolf Kühne
    Dirigent Robert Hanell
    4. Wagner Meistersinger Der Meister Tön und Weise (6.6.1957)
    5. Strauss Rosenkavalier Di rigor armato (21.12.1954)
    6. Beethoven Fidelio Jetzt, Schätzchen (6.6.1957)
    Marzelline: Ursula Engert
    Dirigent: Gerhard Pflüger
    7. Mozart Entführung Wenn der Freude Tränen fließen (6.6.1957)
    8. Frisch zum Kampf (6.6.1957)
    9. Mozart Gärtnerin aus Liebe O wie sehr dank ich (22.5.1955)
    10. Wo bin ich
    Sandrina: Jutta Vulpius
    11. Mascagni Cavalleria rusticana Siziliana (21. 12. 1954)
    12. Verdi Troubadour Einsam steh‘ ich (1956)
    13. Donizetti Lucia di Lammermoor Lucia vergib mir / Auf des Grabes düstrem Hügel (1955)
    Lucia: Jutta Vulpius
    14. Cilea Adriana Lecouvreur Gnäd’ge Fürstin
    Adriana: Renate Forst
    15. Halevy Die Jüdin Serenade des Leopold (10.3.1955)
    16. Er ist’s (Duett Rechea undLeopold)
    Recha: Ruth Keplinger


    Gerhard Unger war bis 1961 Mitglied der Deutschen Staatsoper im Ostteil Berlins. Als das große Haus an seinem angestammten Ort Unter den Linden wiedereröffnet wurde, ist er – was sonst? – der David in den „Meistersingern“ gewesen. Der Mitschnitt ist bei Walhall herausgekommen.



    1961 wurde die Mauer gebaut und die Teilung der Stadt vollzogen. Unger, der auch in Stuttgart lebte, kehrte nicht mehr in den Osten zurück. Der Intendant der Staatsoper, Max Burghardt, ein an sich aufrechter Mann, der von den Nazis verfolgt worden war, bezichtigte ihn öffentlich des Verrats. Nachzulesen in diesem großen Bildband über für Jahrgänge 1955-1960, der beispielsweise auf ZVAB verfügbar ist:



    Unter der Überschrift "Nach Fertigstellung des Buches notwendig gewordenes Vorwort" ist ein auf feinem Papier gedrucktes Einlegeblatt beigefügt. Darin ist nur noch von "Unger" die Rede. Mit der Weglassung des Vornamens sollte Menschen – wie übrigens auch in Stasiakten praktiziert – ein Teil ihrer menschlichen Würde genommen werden. Unger, der 2011 gestorben ist, hat den Fall der Mauer um mehr als zwei Jahrzehnte überlebt. Er ist wie viele andere Künstler in die Wirren der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte geraten. Auch daran muss ich denken, wenn ich seine Aufnahmen höre. Ob sich die Staatsoper je bei ihren verstoßenen Mitgliedern, so sie dennoch lebten, entschuldigte, ist mir nicht bekannt.

    Unger hat nach wie vor viele Verehrer. Seine Präsenz auf Tonträgern, die auch greifbar sind, ist vergleichsweise groß. Er ist stets bei seinem Leisten geblieben. Der Mime im "Rheingold" und im "Siegfried", den er sogar im riesigen Colon sang, war ehr die Ausnahme, die er sich gönnte. Gerhard Unger ist der Beweis, dass auch ein Buffor-Tenor eine bedeutende und sehr lange Karriere machen kann. Daran dürfen sich auch heute noch Sänger ein Beispiel nehmen. Schade, dass er als Liedsänger offenbar nicht in Erscheinung getreten ist. Oder weiß es wer anders? Ich kenne keine Dokumente und wäre für Informationen und Aufklärung sehr dankbar.


    Gruß Rheingold

  • Was Manfred in Beitrag 10 abgebildet hat, ist eine Single, die aktuell bei Ebay und sehr günstig bei Booklooker zu haben ist. Ich stelle mal eine Vergrößerung ein:


    Diese Single ist die Auskopplung aus einer ebenfalls beim DDR-Label Eterna 1961 herausgekommenen 25-cm-Platte. So hat sie ausgesehen:


    Und das ist das komplette Programm:
    Die Entführung aus dem Serail (Mozart)
    (01) Frisch zum Kampfe
    Don Giovanni (Mozart)
    (02) Nur ihrem Frieden
    Die Entführung aus dem Serail (Mozart)
    (03) In Mohrenland gefangen war
    Cosi fan tutte (Mozart)
    (04) Der Odem der Liebe
    ----
    Cavalleria rusticana (Mascgagni)
    (05) O Lola, rosengleich blüh'n deine Wangen
    Der Barbier von Bagdad (Cornelius)
    (06) So leb' ich noch
    (07) Vor deinem Fenster die Blumen
    Der Bajazzo (Leoncavallo)
    (08) O Colombine, hör den treuen Harlekin
    Der Postillon von Lonjumeau (Adam)
    (09) Freunde, vernehmet die Geschichte


    In der Tat ist diese Platte sehr selten, weil sie wohl gleich nach dem Mauerbau und Ungers Absage an die DDR wieder einkassiert wurde. Von einem "Verräter", wie ihn die Berliner Staatsoper titulierte (siehe Beatrag 25) durften keine Tonträger in Umlauf sein. Ich habe sie allerdings im Laufe der Jahre immer mal wieder auf Flohmärkten gesehen - und auch ein Exemplar erworben.


    Gruß Rheingold

  • Ob sich die Staatsoper je bei ihren verstoßenen Mitgliedern, so sie dennoch lebten, entschuldigte, ist mir nicht bekannt.

    Das wäre dann einer der ganz wenigen Fälle, dass sich die Barenboim-Staatsoper für ihre Vergangenheit interessiert hätte...


    Nun muss man allerdings auch mal auf dem Teppich bleiben und den Tatsachen ins Auge sehen: Unger hatte für die Spielzeit 1961/62 einen gültigen Vertrag als Ensemblemitglied der Staatsoper Berlin und hat diesen sehr kurzfristig gebrochen. Da ist der Frust des Intendanten darüber schon zu verstehen. Es ist auch die Frage, wer sich da eher bei wem entschuldigen müsste, der Vertragsbrüchige oder der kurzfristig vor den Kopf gestoßene Arbeitgeber? Gerade erst ist ein Profil-Fußballer für viele Monate gesperrt worden, weil er bei einem Club unterschrieben hat, obwohl er bereits mit einem anderen Verein einen gültigen Arbeitsvertrag hatte. Ich finde, solche normalen Anstandsfragen sollte man trotz der besonderen Situation des Mauerbaus 1961 nicht völlig außer acht lassen!


    Gerhard Unger ist der Beweis, dass auch ein Buffor-Tenor eine bedeutende und sehr lange Karriere machen kann.

    Nun, er war ja weit mehr als ein Buffo-Tenor. Solche pflegen in der Regel keinen Ferrando oder Don Ottavio zu singen.




    Oder weiß es wer anders?

    Bei Youtube findet sich zumindest keine einzige Liedaufnahme von ihm. Jutta Vulpius wusste zu berichten, dass er in seiner Wehrmachts-Zeit "U-Lieder" im Quartett sang:



    In jedem Fall vielen Dank für deinen Beitrag über Gerhard Unger und die Auflistung seiner Aufnahmen!

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • Lieber Marcel, ich bin da geblieben! Und habe gern in der DDR gelebt!!!


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.