Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 46 H-Dur

  • erster Satz


    Der Satz beginnt mit einem einprägsamen Kopfmotiv, das zunächst vordersatzartig melodisch fortgeführt mit einer Kadenz zu einem geschlossenen Ganzen abgerundet wird. Die Wiederholung des Kopfmotivs erfährt eine andere ausgedehntere Fortsetzung, deren Kadenz mit dem Beginn der Überleitung verschränkt wird, einem prägnanten aufsteigenden Motiv, das durch treibende Achteln im Bass begleitet wird, und sich mit synkopischen strahlenden Akkorden in den Bläsern abwechselt. Interessanterweise nehmen die Bläser die Wendung, die ganz am Anfang das Eingangsmotiv beantwortend zu einer kleinen abgeschlossenen Einheit ergänzt hatte, nun wieder auf, bevor zum zweiten Mal der musikalische Fluss eine Zäsur erfährt. Und das folgende Seitenthema klingt auch fast wie das Kopfmotiv, nur ist es etwas früher abgeschnitten (nur noch zwei Halbe und eine Viertelnote) und hat (als Überbleibsel von der Achtelbewegung im Bass während der Überleitung) einen launigen Kontrapunkt der zweiten Violinen als einzige Begleitung. Bisher sind also die Formteile sehr elegant miteinander verschliffen. Auch der Seitensatz beginnt mit einem Viertakter, dessen Harmonik eine Kadenz ergibt, wobei diesmal das verkürzte Kopfmotiv nach den ergänzenden Achteln in der zweiten Violine auf sich selbst (mit anderen Tönen) antwortet. Das rhythmische Muster setzt sich fort, bis es in einem Verminderten kulminiert, dessen Spannung sich in eine schlussgruppenartige Achtelfigur entlädt, die aber plötzlich im piano fortgeführt wird, und anstatt der jubelnden Bestätigung der Zieltonart, die zur Wiederholung der Exposition ermuntern würde, fährt das Überleitungsmotiv herein, in Moll. Aber nach etwas hin und her wird der Versuch mit der schlussgruppenartigen Achtelfigur wiederholt und statt in Moll beendet das Überleitungsmotiv nun in der richtigen Tonart die Exposition.


    Die Durchführung bringt nach etwas Kopfmotiv-Engführung irritierenderweise den ganzen "Vordersatz" des ersten Themas fast wörtlich - irritierend deshalb, weil er so wenig "drive" hat und nicht in der Dominanttonart sondern in der Haupttonart des Satzes gespielt wird. Das wirkt hier irgendwie deplatziert. Dafür kommt dann die im Seitensatz verkehrt gewesene Moll-Version des Überleitungsmotivs (variiert). Der Rest der Durchführung verläuft gewissermaßen wie zu erwarten. Dafür gibt sich die Reprise sehr bald wieder durchführungsartig, da das Kopfmotiv beim zweiten Auftreten wieder enggeführt wird. Man kann also sagen, dass Durchführung und Reprise auf sehr eigenwillige Weise zusammengeklammert sind, da in beiden sehr bald der Charakter des jeweils anderen Formteils dominant wird. Das Seitenthema wird übrigens fortgelassen (was dagegen spricht, es überhaupt so zu nennen), aber das irritiert nicht so sehr, da ja in der Exposition der größte Raum dem Spiel mit Schlussgruppen-Motiv und Überleitungsmotiv gewährt war.


    zweiter Satz


    Der erste Abschnitt ist geprägt vom taktweisen Wechsel einer gesanglich langsam-schwingenden Melodie und weiterführenden staccato-Sechzehnteln in h-moll, bis der Sechzehntel-Abschnitt beim dritten Mal verlängert wird und in ein strahlend-versöhnliches etwas auf der Stelle tretendes D-Dur-Tutti (immer noch im piano) mündet, unter dem die Sechzehntelkette weiterläuft um anschließend wieder die Führung übernehmend zu einem Abschluss in D-Dur zu führen. Nach zwei Takten legato-Klagens voller reibender Durchgänge und Vorhalte (durch den Vorhalt h wirkt der zweite Schlag zunächst wie h-moll) kommt eine Hoquetus-Passage. Um all den Wiederholungen, die hierbei stattfinden, etwas Einhalt zu tun, kommt eine Variante der zuvor klagenden legato-Kette nun im forte unisono mit rhetorisch Einspruch erhebender Wendung mit Sforzato am Schluss, worauf die weitermurmelnden Sechzehntelketten, das D-Dur abermals recht repetitiv bestätigend, den ersten Teil abschließen.


    Der B-Teil ließe sich auch als Durchführung lesen, es kommt kein wesentlich neues Material hinzu. A' oder die Reprise bietet anstelle des von mir als "strahlend-versöhnlich" beschriebenen Abschnitts einen sequenzierenden mit Vorhalten in den Bläsern.


    dritter Satz


    Nach einem festlich in H-Dur strahlendem Menuett kommt ein merkwürdig minimalistisches Trio mit ganztaktigen "Melodie-Noten" die auf 2-3 durch den Bass ihre harmonische Deutung erfahren. Aber nicht nur dieser Aufbau ist "so wenig, wie möglich", betrachtet man die Melodie selbst, zeigt sich, dass ihre stupid-naive Wirkung durch symmetrische Strenge der Konstruktion erreicht wird: Ausgehend von d wird der Tonumfang sukzessive oben (e), unten (cis) und wieder oben (fis) erweitert. d erscheint also etwa als horizontale Spiegelachse. Nun folgt der "Nachsatz", der gleich beginnt, dadurch dass statt des abschließenden fis aber wieder das zentrale d kommt, hat man den Eindruck einer den Vordersatz zurücklaufenden Kontraktion (wenn statt des d in Takt 5 das h darunter gewählt worden wäre, würde der Nachsatz den Spiegelkrebs des Vordersatzes darstellen, wenn wir jetzt mal diesen Zwölftonjargon schlampigerweise so anwenden, als wären Halbton und Ganzton dasselbe). Das zu wiederholen, wäre allerdings etwas langweilig, also wird die "Melodie" nun auf erste und zweite Violine aufgeteilt und zwar recht raffiniert so, dass nur ein einziger Ton neu dazuerfunden werden muss (das fis in Takt 9), der Rest dieses zweistimmigen Satzes ergibt sich daraus, dass stets ein Ton liegenbleibt, der sich dann fast immer durch den hinzutretenden Ton der anderen Stimme nach unten auflösen muss. Es klingt nach einer merkwürdig verwaschenen Variante der ersten Version. Nach dieser ersten Belebung treten im zweiten Teil die Bläser hinzu und es geht etwas munterer weiter, eine Wiederaufnahme des A-Teils unterbleibt.


    vierter Satz


    Das Finale in H-Dur gibt sich zunächst unbeschwert einhergaloppierend, nach zwei Zweitaktern folgt ein gleich beginnender Viertakter, der durch die Synkope im vorletzten Takt abschließender wirkt, worauf auch eine kurze Zäsur kommt und dann eine nach unten verlagerte verlängerte Variante des Ganzen - oder eine Fortführung die am Beginn und am Ende an den ersten Abschnitt erinnert. Es wird nun der Anfang unverändert wiederaufgenommen mit polternd beharrlichem Halbschluss, wodurch die Modulation zur Dominanttonart vorbereitet wird. Diese wird recht überraschend vorgenommen: Auf den Halbschluss folgt nach einer Zäsur ein kurzer fis-moll-Einwurf. Das motiviert ein sequenzierendes Aufbäumen des Tutti mit Vorhalten, woraus sich über dem in Achteln repetierten cis der ersten Violinen das aus dem Hauptthema abgeleitete Seitenthema ergießt, das sich in Engführung zwischen Bläsern und Bässen abwechselt. Das Absteigen der Sequenzen der Überleitung erfährt nun eine Variante in einer abwärts steigenden Umdeutung des Themas in den ersten Violinen, worauf die sequenzierten Vorhalte im Tutti wiederaufgenommen werden. Verblüffend, dass nun sukzessive die Instrumente fortgenommen werden und anstelle eines Abschlusses die ersten Violinen in Wiederholungen hängenbleiben und abbrechen. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass vor der Tutti-Sequenz zwei Takte lang eine reduzierte Version davon in den noch allein musizierenden Violinen gebracht worden war - ohne die aufsehenerregende Lösung vor dem Doppelstrich wäre das wohl etwas unmotiviert, so wird aber das Reduzieren der Besetzung, das die kläglich übrigbleibenden Violinen ermöglichte, vorbereitet, da ja das Tutti bereits wie ein hinzugeschaltetes Register wirkt, was man dann eben auch wieder wegnehmen kann.


    Während das ja als Abschluss der Exposition recht irritierend wirkt, ist es aber doch ein hervorragendes Mittel, den Übergang zur Durchführung zu verschleifen, die dann auch gleich ein ähnliches Fragment präsentiert. In der Folge kommt bald ein neuer Gedanke (Ausgleich zur Monothematik) - und dann kommt viel zu früh und recht unscheinbar die Reprise, die aber recht bald stark dramatisiert wird und durchführungsartig. Das bricht am Höhepunkt ab - Zäsur - und dann kommt noch eine Reprise, allerdings die eines falschen Satzes, nämlich des Menuettes, dessen Schlussabschnitt höchst elegant hineinmontiert wird nämlich als Schnittstelle die Mitte des B-Teils, die durch die Beschränkung auf die vom fis abwärts geführten Violinen eine Analogie zum Beginn des Finales hat. Der reprisenhafte Eindruck wird verstärkt dadurch, dass dieser vorne abgeschnittene B-Teil des Menuetts nun in die vollständige B-Teil-Wiederholung mündet und eine Coda bekommt, worauf der ganze Satz noch durch eine Finaltempo-Coda abgerundet wird.