Den "Klassikliebhaber" gibt es gar nicht (?)

  • Zunächst mal die Definition des Wortes "Klassikliebhaber" in diesem Thread: Eine etwas verallgemeinernde Bezeichnung für Leute, die aus freien Stücken regelmäßig, "klassische Musik " hören, bzw sich mit ihr auseinandersetzen.


    Und man sollte meinen, hier wäre ein Interessengruppe vorhanden mit annähernd gleichen Interessen. - Mitnichten.


    Während nämlich Fußballfreunde, Kaninchenzüchter, Photoamateure und Comuterfreaks ziemlich homogene Gruppen darstellen ist die Gruppe der Klassikliebhaber derart aufgesplittet , daß man von einer Interessengruppe gar nicht sprechen kann. Sie existiert eigentlich nur in der Form, daß es sich um Leute handelt, die Musik hören, welche nicht dem Pop, dem Jazz, dem Schlager oder der volksdümmlichen Musik zugeordnet werden kann.


    Untereinander können die Teilnehmer dieser Gruppe "Klassikliebhaber", "Klassikhörer", "Klassiksammler" etc. eigentlich nur wenig miteinander anfangen. Und DENNOCH müssen sie irgendwie miteinander auskommen.


    Glücklicherweise gibt es doch Berührungspunkte, aber sie sind nicht allzu stabil, wie wir im Forum durch die Jahre hin leidvoll erfahren mussten.


    Siehe auch unseren Parallelthread:
    Sind Klassikliebhaber Kommunikationsmuffel?


    der das Thema jedoch von einer anderen Seite her angeht



    mfg aus Wien


    Alfred

  • Lieber Alfred,


    warum stellst Du Dir selbst ein Bein? Unser Tamino-Klassik-Forum ist doch der deutlichste Beweis, dass sich hier Hunderte von Klassikliebhabern in den verschiedendsten Foren und Themen mit Schwerpunkt klassische Musik und Oper treffen.
    Das ist doch gerade Dein Verdienst, dass Du ein Sammelbecken, eine Begegnungsstätte und eine Diskussionsplattform für Klassikliebhaber geschaffen hast. Ich finde unsere Diskussionen darüber hinaus lebendig und spannend. Betone auch nicht das machmal Trennende. In der Regel sind die Übereinstimmungen groß und der Gedankenaustausch fruchtbar und harmonisch.
    Dein Vergleich mit den Hundezüchtern trifft also nur bedingt den Kern. Auf einer Hundeausstellung treffen sich halt auch die Dackel-, Pudel-, Boxer-, Schäfer-, Kampfhundezüchter. Sie lieben die verschiedensten Rassen und niemand würde bestreiten, dass alle Hundeliebhaber sind.
    Wau, Wau, Wuff, Wuff ! :D :D :D
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Untereinander können die Teilnehmer dieser Gruppe "Klassikliebhaber", "Klassikhörer", "Klassiksammler" etc. eigentlich nur wenig miteinander anfangen. Und DENNOCH müssen sie irgendwie miteinander auskommen.


    Wieso? Man kann ja bei seiner Splittergruppe bleiben ...


    Aber hier im Forum merkt man das schön, wie wenig man sich oftmals zu sagen hat. Ich verbinde mit Haydn formelle Abläufe, Abfolgen der Harmonik, Instrumentation und natürlich Wirkung der Musik, ob man sie nun analysiert oder nicht, eher Erhebung, Begeisterung, Erstaunen.


    Der nächste verbindet mit Haydn 5 Gesamtaufnahmen und 30 weitere einzelne Einspielungen, Tempi, unterschiedliche Zugänge der Musiker, gute Tontechnik, tolle Lautsprecher.


    Der nächste verbindet damit Ohrwürmer und Spaß.


    Das ist relativ inkompatibel. Läßt man die Musiktheorie und den Vergleich der Einspielungen weg, wird es schwierig. Dann kann man sich bezüglich Spaß oder Erbauung streiten ...
    :untertauch:

  • Ich denke schon, daß dies davon abhängt, was man unter "Klassikliebhabern" versteht. Per Definition wären es Menschen, die Klassik lieben, nur was davon?
    Es gibt in der sogenannten "Klassik" dermaßen viele Gebiete, daß es natürlich nicht möglich ist, daß alle genau das gleiche interessiert, und manche interessieren sich für Datails, die wieder andere so gar nicht interessieren. Dies liegt wohl in der Natur der Sache.
    Aufgrund derart breitgestreuter Interessen kann es schon mal sein, daß man nicht nur manchmal gegenteiliger Meinung ist, sondern, daß man sich quasi sozusagen in einigen Punkten "fremd" wird, nur auf welchem Gebiet gibt es dies nicht?
    Eines scheint mir allerdings allen Klassikliebhabern gemein zu sein: sie mutieren so nach und nach zu einer Art Sonderlingen, wenn auch besonders sympathischen:jubel: :jubel:


    LG Michael

  • Das kommt wohl auf die Sichtweise an...


    Ich bin schon als Jugendlicher nicht in die Disco gegangen, weil mich die Musik und der Lärm abschreckten. Wie oft habe ich mich dafür verspottet gesehen. Noch vor einigen Jahren sagte eine Kollegin zu mir, ich hätte was verpasst, wenn ich weder Disco noch Apres-Ski-Parties besuchte. Das habe ich nie so empfunden, aber dadurch wurde ich immer belächelt, und meine Mitschüler haben das weiss Gott nicht als sympathisch empfunden.

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Zunächst mal die Definition des Wortes "Klassikliebhaber" in diesem Thread: Eine etwas verallgemeinernde Bezeichnung für Leute, die aus freien Stücken regelmäßig, "klassische Musik " hören, bzw sich mit ihr auseinandersetzen.


    ...


    Untereinander können die Teilnehmer dieser Gruppe "Klassikliebhaber", "Klassikhörer", "Klassiksammler" etc. eigentlich nur wenig miteinander anfangen. Und DENNOCH müssen sie irgendwie miteinander auskommen.


    Wenn ich Deine Worte aufgreife und das Wort "Klassik" durch ein beliebiges anderes ersetze, das Du im Vergleich erwähnst, also "Pop" oder "Fußball" kommt das doch auf's gleiche raus, oder?


    Es gibt auch im Pop "Pophörer" und "Popsammler", die sich nicht viel zu sagen haben. Genauso Fußballfans in vernünftigem Rahmen :D und solche, die regelmäßig ins Stadion gehen. Die haben im Zweifelsfall auch nur eine kleine gemeinsame Schnittmenge.


    Und dieses Forum beweist doch, daß die verschiedenen Arten, Klassik zu hören und zu lieben, gut miteinander auskommen können.
    Daß es unterschiedliche Meinungen gibt, daß nicht jeder mit jedem kann und ähnliche Probleme sind ja nicht die Schuld der Klassik. Das liegt vermutlich daran, daß wir alle in erster Linie Menschen und erst in zweiter Linie Klassikliebhaber sind.


    :pfeif: Jürgen

  • Was ist denn ein Klassikliebhaber?


    Jemand der gelegentlich und mit Freuden ein Mozartklavierkonzert hört?


    Jemand, der gerne Andre Rieu hört?


    Jemand, der eine riesige Klassik-CD Sammlung hat?


    Jemand, der gerne auf Konzerte mit klassischer Musik geht?


    Jemand, der Noten und Partituren lesen kann?


    Jemand, der aus dem Stehgreif zu den ralevanten klassischen Komponisten kleine Vorträge halten kann?


    Jemand, der selber klassisch musiziert?



    etc...und jetzt haben wir das Thema unterschiedlicher Epochen und Gattungen noch gar nicht tangiert.


    Klassikliebhaber - das kann so unglaublich viel bedeuten, dass es wenig verwundert, wenn man kaum Gemeinsamkeiten findet.


  • ???


    Naja...


    Na


    Vielleicht?


    Jo


    Schadet zumindest nicht...


    Ein Fortgeschrittener!


    Die Verkörperung!


    :hello:

  • Genauso wie Alfred in der Einführung sehe ich es auch: von Homogenität kann kaum die Rede sein.


    Während die einen fröhlich ausgelassene Melodien zum Mitpfeifen mögen, interessieren sich die anderen für "trockene" Schönbergquartette. Die ersteren haben häufig wenig für das andere übrig und umgekehrt.


    Mir selber fiel es ganz besonders bei einem Besuch der Oper "Zar und Zimmermann" vor mehreren Jahren auf. Als da so ein Holzschuhtanz kam, war mir zum ersten Mal so richtig klar, dass der Unterschied zwischen klassischer Musik und klassischer Musik viel größer ist als der zwischen klassischer Musik und Jazz.


    Gruß,


    Uwe

  • Da Fußball angesprochen, glaube ich, dass es zwischen gewissen Klassik“fans“ und Fußball“fans“ niveaumäßig wenig Unterschiede gibt:
    Das hat ja die Vergangenheit im Forum gezeigt.
    Brüllen die einen im Stadion „Schiri, Du A…loch“, posten die anderen „Karajan, Du Nazi“. Beide Gruppen haben ein Feindbild und fühlen sich in ihrer Beschränktheit wohl.
    Nimmt man diese intellektuellen Randgruppen in ihrer auch qualitativen Marginalität heraus, bin ich der Meinung von Hans Sachs, dass Unterschiede Klassik zu anderen Sparten nicht gravierend sind.


    Versuch einer Selbstanalyse
    Tonträgersammeltrieb (war bei mir überdurchschnittlich)
    Konzert- und Opernbesuche (geht so)
    Anzahl der angehörten Musikstücke (2 bis 3 pro Tag)
    Musik-Ausbildung (nicht vorhanden)
    Ergebnis: Konsumdodel mit Neigung zur klassischen Musik

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Klassikliebhaber gibt es auch - ein ungewöhnlicher (?) Beitrag zum Thema


    Vor ein paar Tagen ist mir eine Studentenzeitung in die Hände geraten, wo die Studenten einige Dozenten nach ihrer Lieblingsmusik gefragt haben. Ich will die acht Antworten hier kurz aufzählen - die Schlussfolgerung überlasse ich Euch.


    Nr. 1: sie hört am liebsten "All mine" von Portishead. (Ihr Lieblingsband)
    Nr. 2: Er hört "klassische Musik" aber auch Underground und manche ungarische Discohits der 80-er und 90-er Jahre
    Nr. 3.: Absolute Lieblingsplatten: Keith Jarret "The Köln Concert", Michael Bublé "Its time", populäre Musik wie "Besho Drom" und "Belga"
    Nr. 4.: Sie hört klassische Musik, in erster Linie Barock und Romantik sowie Musik des 20. Jahrhunderts (Orff, Gershwin, Bartók, Strawinski), weiterhin Chansons (Piaf, Lakatos Krisztián) und Gospel
    Nr. 5.: Die Lieblingsmusik: Quimby und einige ungarische Ensembles, Kinderlieder und im Familienkreis Opern jede Menge
    Nr. 6.: Momentan sieht seine Hitliste so aus: Kurtag: Stele op 33, Olga Neuwirth, Luigi Nono, Sonic Youth, Thelonios Monk - die Liste ändert sich immer wieder
    Nr. 7: Madonna, Shlomo Bar, Edith Piaf. Eventuell Orgelmusik.
    Nr. 8: "Drive" von R.E.M., Alive von Pearl, Red Hot Chilli Peppers


    Für die Fehler (wenn es welche beim Abschreiben reingeschlichen sind) bitte ich um Entschuldigung (eile...eile...)
    Doch noch eine Schlussfolgerung:
    Ich glaube, die klassische Musik ist auf dieser nicht repräsentativen Liste gar nicht so schlecht vertreten...


    :hello: KP

  • Zitat

    Ich nehme an, dass unter Akademikern der Klassikliebhaberanteil deutlich höher ist, als unter Personen mit Pflichtschule und Lehre.


    Das ist natürlich eine verlockende Annahmen - Indes meine Erfahrung zeigt, daß das nicht so ist.


    Ich habe berufsbedingt viel mit Studenten zu tun, die sich etwas Geld dazuverdienen möchten. Diese Studenten sind nicht permanent die gleichen, die Fluktuation ist groß. Es ist mir jedoch binnen vier Jahren nicht gelungen einen einzigen ernstzunehmenden Klassikfreund darunter zu finden, ganz zu schweigen davon, für unser Forum zu begeistern.


    Ich würde die Klassikliebhaber eher unter gepflegten Verkäufern, Sektretärinnen und künstlerischen Menschen wie Designern suchen. Buchhändler, Bibliothekare, Schallplattenverkäufer, Geistliche, Schauspieler, Schriftsteller.
    Natürlich gibt es auch musikalische Akademiker, hier besonders Ärzte und Rechtsanwälte - aber eine Schwerpunkt lässt sich indes nicht ausmachen.


    Ferner finden sich viele eher depressive und alleinstehende Menschen unter den Klassikliebhabern....


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    ...


    Ich würde die Klassikliebhaber eher unter gepflegten Verkäufern, Sektretärinnen und künstlerischen Menschen wie Designern suchen. ...



    Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Ich habe mal an einem Institut an der Universität gearbeitet. Die Professoren waren was Klassik anging Gelegenheitshörer, die beiden Sekretärinnen hatten beide riesige CD Sammlungen und waren eifrige Konzertbesucherinnen.

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Ich würde die Klassikliebhaber eher unter gepflegten Verkäufern, Sektretärinnen und künstlerischen Menschen wie Designern suchen. Buchhändler, Bibliothekare, Schallplattenverkäufer, Geistliche, Schauspieler, Schriftsteller.


    Designer, Geistliche, Schauspieler und Schriftsteller kommen aber in Verdacht, Akademiker zu sein ... Design studiert man, Theologie auch, Schauspiel sowieso, bei den Schriftstellern bin ich mir unsicher, ob die Philosophie oder Germanistik oder sonst was konsumieren.
    :hello:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Designer, Geistliche, Schauspieler und Schriftsteller kommen aber in Verdacht, Akademiker zu sein ... Design studiert man, Theologie auch, Schauspiel sowieso, bei den Schriftstellern bin ich mir unsicher, ob die Philosophie oder Germanistik oder sonst was konsumieren.
    :hello:


    Bibliothekare studieren oft mindestens an einer Art Fachschule, die höheren Chargen bei größeren (Uni, Staats- etc.) Bibliotheken sind natürlich alles "Vollakademiker" (in D höhere Beamte).
    Es ist sicher richtig, das habe ich in einem anderen thread schon ausführlicher dargelegt, daß "Akademiker" heute eher fachspezifisch "technokratisch" ausgebildete Spezialisten sind und nicht mehr durchweg Bildungsbürger.


    Ich halte es aber für falsch, daß andere "Fangemeinden" wie etwa Fußballfans homogener wären. An dem akademischen Institut, an dem ich arbeite, gab es jahrelang zu jeder WM, EM und manchmal sogar für die Bundesliga ein Tipspiel, und ein Assistent schrieb nächtens persönliche Spielberichte und -kommentare fürs Internet. Bei einem Professor konnte man sicher sein, daß niemals ein Seminar- order Vortragstermin mit der Champions' League kollidieren würde.
    (Aufgrund personeller Änderungen und allgemeinem Niedergang gibt es das Tipspiel nicht mehr).


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    ...
    Natürlich gibt es auch musikalische Akademiker, hier besonders Ärzte und Rechtsanwälte - aber eine Schwerpunkt lässt sich indes nicht ausmachen.
    ...


    Die Wiener "Ärztequartette" waren ja legendär. Aber auch das dürfte sich in der Zwischenzeit "gebessert" haben....


    :hello:

  • Die Debatte ist hochinteressant. So richtig glauben kann ich daran erst, wenn Zahlenmaterial vorliegt.
    Auf Grund der Opern- und Konzertabos müßte ersichtlich sein, wer ein paar Buchstaben vor dem Vornamen trägt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß z.B. die Ergebnisse Wien - Köln so unterschiedlich wären.
    Ebenso müßte die Tonträgerbranche Befragungen haben, aus denen der Akademikeranteil an den Klassik-Konsumenten hervorgeht. Die mir bekannten IFPI-Befragungen (Markt- und Segmentsanteile) liefern dies nicht.


    Frage: Wer käme an diese Zahlen heran?


    Zu den Ärztemusikern gibt es das Slezak-Bonmot, daß er sich von einem Tenor auch nicht den Blinddarm herausnehmen ließe.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Es ist problemlos miteinander verträglich, daß eine (deutliche) Minderheit der Akademiker Klassikfreunde sind, aber eine (knappe) Mehrheit der Klassikfreunde Akademiker. Genau das ist m.E. der Fall.
    Wenn (Zahlen erfunden, aber von der Größenordnung etwa richtig) 20% der Bevölkerung Akademiker sind, von denen eine Minderheit von 30% Klassik hört, sind das 6% der Bevölkerung, damit eine knappe Mehrheit, nämlich 60% der 10% Klassikhörer von der Gesamtbevölkerung.
    (Wenn es nur 5 % Klassikhörer insgesamt sind, kann man jedenfalls im Beispiel die Zahl entsprechend anpassen, dann hören halt nur 15% der Akademiker Klassik.) Vor 50 Jahren waren vielleicht 5% der Bevölkerung Akademiker, daher waren sie damals vermutlich auch bei den Klassikhörern in der Minderheit).


    Ich halte es allerdings für falsch, daß ein besonders hoher Anteil von Juristen oder Medizinern Klassikfreunde sind. Nur ist deren Anteil an den Akademikern insgesamt zum einen sehr hoch (und früher bzw. bei der älteren Generation anteilmäßig noch wesentlich höher), zum andern sind die i.d.R. besonders standes- und statusbewußt und damit einfach "sichtbarer" als Chemiker, Sinologen oder Historiker. So etwas wie Bildungsbürger alter Art, inkl. Hausmusik o.ä. findet man m.E. am häufigsten noch in traditionellen kultur- und geisteswissenschaftlichen Fächern (natürlich teils auch wieder weil die dortigen Inhalte dem entsprechen): (Kunst)geschichte, Philosophie, Sprachen usw.


    Und immer aufpassen: the plural of anecdote is not data!


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Vergeßt mir nicht die Mathematiker - da kenne ich auch einige, die teils Liebhaber, teils Ausübende in verschiedenen Disziplinen sind oder waren.
    (Wobei ich mich gerne auf das dünne Eis begebe und Mathematiker eher zu den Geistes- als zu den Naturwissenschaftlern zähle, je nach Disziplin mehr oder weniger).

  • Zitat

    Original von Travinius
    Vergeßt mir nicht die Mathematiker - da kenne ich auch einige, die teils Liebhaber, teils Ausübende in verschiedenen Disziplinen sind oder waren.
    (Wobei ich mich gerne auf das dünne Eis begebe und Mathematiker eher zu den Geistes- als zu den Naturwissenschaftlern zähle, je nach Disziplin mehr oder weniger).


    Da Zahlen nicht so direkt in der Natur vorkommen, zählt man Mathematik eigentlich nicht zu den Naturwissenschaften (aber es ist natürlich auch keine Geisteswissenschaft i.e.S.) Auch ich kenne etliche musizierende Mathematiker/Informatiker/Physiker. Mir ging es aber eher um ein im weiteren Sinne bildungsbürgerliches Milieu. Und eben darum, daß man sich nicht dadurch täuschen lassen darf, daß es mehr Mediziner und Juristen gibt als die philosophische und naturwissenschaftliche Fakultät zusammengenommen, was aber nicht darauf schließen läßt, daß es prozentual dort mehr Musiker oder Musikfreunde gibt.


    viele Grüße


    JR

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    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Das Fußballbeispiel finde ich gar nicht so verkehrt, alle "Fans" lieben offensichtlich das Spiel als solches, aber fühlen sich doch mehrheitlich einem bestimmten Verein verpflichtet. Und der Feind ist die Mannschaft aus der Nachbarstadt, oder die, gegen die "wir" gerade spielen müssen.


    Andere Fußballliebhaber schweben eher über den Dingen, fühlen sich keinem bestimmten Verein zugehörig und schauen gern und interessiert jedes Spiel, das da kommt.


    Ich bin klarer Vereinsfan - mein Verein heißt 1. FC Barock, mit Borussia Klassik (kleine Provokation an die Wiener...) verbindet mich wenig, Eintracht Romantik mag ich nicht und bei Athletic Atonal bin ich immer ganz aus dem Häuschen, wenn sie mal wieder 0:12 untergehen.

  • Wer sagt denn, dass Fußballfreunde, Kaninchenzüchter, Photoamateure und Comuterfreaks relativ homogene Gruppen seien?


    Bei den Fußballfreunden gibt es z. B. auf der einen Seite diejenigen, die Sonntag für Sonntag zum Spiel ihres sechstklassigen Vereins gehen, in dem sie auch seit Jahrzehnten Mitglieder sind; auf der anderen Seite diejenigen, die alles sehen per Pay-TV und relativ vereinsungebunden am Spiel interessiert sind. Ferner gibt es natürlich aktive Hobbykicker.


    Bei den Fotoamateuren gibt es die Aufnahmefetischisten und die Entwicklungs- bzw. Nachbearbeitungsspezialisten. Die können auch nur bedingt miteinander reden.


    Bei den Computerfreaks gibt es die Hardwarefans, die Softwareentwickler, die Internetprofis, die Netzwerker, die Sicherheitsspezialisten usw. usw.


    Bei den Klassikfans ist es genauso - Konzert/Opernbesucher, CD-Sammler, Radiofischer, Gesangsspezialisten, Pianistenconnaisseurs, ... ja und? Toll!

  • Zitat

    Bei den Klassikfans ist es genauso - Konzert/Opernbesucher, CD-Sammler, Radiofischer, Gesangsspezialisten, Pianistenconnaisseurs, ... ja und? Toll!


    SOO habe ich die Einteilung eigentlich noch nie betrachtet.
    Weil ich hier zwar Verschiedenheit orte, die aber nicht wie eine Kluft zwischen den entsprechenden Gruppen klafft.


    Anders ist es schon mit den Divergenzen, zwioschen dem Zwölftonjünger und dem Vertreter der Mannheimer oder Wiener Klassik. Diese Gruppen verbindet gar nichts miteinander - allenfalls Abneigung gegen POP-Musik.... und oft nicht mal das...


    LG Alfred

  • Zitat

    Original von Wolfram
    Wer sagt denn, dass Fußballfreunde, Kaninchenzüchter, Photoamateure und Comuterfreaks relativ homogene Gruppen seien?


    Bei den Klassikfans ist es genauso - Konzert/Opernbesucher, CD-Sammler, Radiofischer, Gesangsspezialisten, Pianistenconnaisseurs, ... ja und? Toll!


    Hallo Wolfram
    Deine Ausführungen weisen in die wichtige Richtung der PLURALITÄT...
    und nun kommt noch das s u b j e k t i v e Moment dazu.
    Die Spannung steigt....denn unser Geschmack, unser Prägungshintergrund, unsere Vorlieben.......und...und....und


    Karajan ist der Grösste!!!???


    Alle (sehr sehr VIELE) lieben Anna (Netrebko)


    Glenn Gould war ein (toller) Spinner


    Operetten NEIN danke, weil sie hauptsächlich auf Klischees setzen



    Gottschalk ist cool und Lang Lang auch


    Zu viel Gefühl ergibt Sphagetti Oper (Donizetti/Bellini etc)


    In Wagner Opern gibt es kein Gefühl, das ist ALLES zu intellektuell


    Jonas Kaufmann ist der geilste männliche Sänger ("Bunte")


    In einer Operninszenierung möchte ich nostalgisch träumen


    Es gibt einen zwingenden Zusammenhang zwischen der Notwendigkeit zur Darstellung/Interpretation eines Opernstoffes in Bezug auf unsere Probleme heutzutage.....weil Kultur zur Unterstützung unseres gesellschaftlichen Bewußtseins eine wichtige Aufgabe zukommt


    Gruß......................."Titan"

  • Hallo,


    ich glaube, das Begeisterung für klassische Musik aus Erkenntnissen, Offenbarungen erwächst, die man beim Hören hat.


    Musik und Religion sind sich sehr ähnlich. Den wahren Klassikliebhaber gibt es sowenig wie den wahren Gläubigen.


    Viele Grüße,
    Olli

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Anders ist es schon mit den Divergenzen, zwioschen dem Zwölftonjünger und dem Vertreter der Mannheimer oder Wiener Klassik. Diese Gruppen verbindet gar nichts miteinander - allenfalls Abneigung gegen POP-Musik.... und oft nicht mal das...


    Ich kenne fast nur "Zwölftonjünger", die auch die Wiener Klassik mögen.
    Es gibt eher kaum welche, die nicht Wiener Klassik mögen.

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Ich kenne fast nur "Zwölftonjünger", die auch die Wiener Klassik mögen.
    Es gibt eher kaum welche, die nicht Wiener Klassik mögen.


    Es gibt schon ein paar (allerdings seltener 12tonjünger), für die die Musikgeschichte mit Beethoven erst richtig anfängt (und oft mit Mahler aufhört) und gar nicht so wenige Alte-Musik/Barock-Hörer, deren Interesse ab ca. 1760 rapide nachlässt.
    Aber insgesamt ist die Wiener Klassik sicher eine Schnittmenge vieler Hörertypen.
    Ich bin mir nicht sicher, ob die Vielfalt der Interessen rechtfertigt zu behaupten, dass es den Klassikliebhaber nicht gäbe, oder ob die Gemeinsamkeiten nicht doch überwiegen. Freilich bin ich, weil zunächst naiv von selbst auf andere geschlossen, doch überrascht worden, wie unterschiedlich Interessenschwerpunkte sein können. Ich habe z.B. immer viel stärker komponistenzentriert gehört als auf Gattungen bezogen, auch wenn man sich natürlich nicht alles gleich schnell erschließt. Aber mir ist nach wie vor schwer verständlich, dass es nicht wenige Hörer zu geben scheint, die ein dutzend Zyklen von Beethoven-Sinfonien im Schrank haben, aber seine Quartette oder Violinsonaten (weitgehend) ignorieren usw.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Es gibt unter denen, die Haydn, Mozart oder Beethoven toll finden, viele, die Webern doof finden.
    Es gibt unter denen, die Webern toll finden, fast keine, die Haydn, Mozart und Beethoven doof finden.


    (Statt Webern könnte man auch Zwölftonmusik der 2. Wiener Schule nehmen.)


    Alfred verbreitet hier eben permanent sein Vorurteil.

  • Lieber Alfred,


    "gepflegte Verkäuferin" o.k. Aber Du hast auch den gepflegten Beamten vergessen, oder Richter, oder Staatsanwalt. Die gibt es auch in Wien. Mein langjähriger ehemaliger Chef im Sozialministerium in Österreicher.


    Grüße aus Burgdorf bei Hannover


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)