Schumann - wo beginnen?

  • Ich wollte das zuerst an einen der bestehenden Threads anhängen, aber mir scheint es doch ratsamer, einen neuen zu starten (auch wenn wir noch ein anderes Jubiläumsjahr haben). Den Anlaß geben einige Bemerkungen Alfreds im Thread "Schumann 2010", in denen sich ein ziemlich distanziertes Verhältnis zu diesem Komponisten und (nehme ich mal an) seiner Musik zeigt. Nun gefällt nicht alles jedem, es soll auch gar nicht um den persönlichen Geschmack einzelner Diskutanten gehen, aber ein wenig wundert mich das in diesem speziellen Falle schon, da Alfred nicht nur Beethoven und Schubert, sondern soweit ich sehe auch Mendelssohn und Brahms durchaus schätzt. Da, wie über die Jahre von verschiedener Seite angemerkt wurde, hier im Forum, threads zu Werken Schumanns (mit einigen Ausnahmen) sich nicht gerade durch übermäßige Resonanz auszeichnen, scheint unser Administrator vielleicht kein Einzelfall zu sein.


    Zwar haben mir Schumanns Sinfonien und das Klavierkonzert eigentlich seit der ersten Begegnung sehr gefallen, aber bei dem vielleicht wichtigsten Teil seines Oeuvres, der Klaviersolomusik, kann ich einige Startschwierigkeiten immerhin ein wenig nachvollziehen.
    In diesem thread soll es nun aber, ungeachtet der Musikgattung, zum einen darum gehen, woran es liegen könnte, daß sich mancher mit Schumann etwas schwer tut. Zum andern sollen Werke empfohlen werden, die sich gut für "Einsteiger" oder "Distanzierte" eignen, um dem Komponisten überhaupt näher zu kommen, oder solche, die man für besonders zentral hält, um einen Eindruck seiner Stärken und Besonderheiten zu gewinnen.



    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich bin ein großer Freund von Orchestermusik. Da liegt es nahe, dass ich mich Schumann über seine Orchesterwerke genähert habe.


    Allen voran die Symphonien. Natürlich ist Schumanns Symphonisches Schaffen rein quantitativ nicht der Schwerpunkt seines Oevres, aber um einen Zugang zu finden, halte ich die Symphonien schon für geeignet.


    Einige, insbesondere kammermusikalischere Langsame Sätze (z.B. der langsame Satz aus der Rheinischen) wirken bisweilen wie instrumentierte Klavierwerke.


    Aufnahmen will ich jetzt hier gar nicht besprechen, hier geht es ja wohl mehr um die Werke selbst, wenn ich Johannes richtig verstanden habe.


    Das Klavierkonzert ist m.E. ein Werk, an dem kein Klassikhörer gut vorbeigenen kann. Sein Violinkonzert ist etwas sperrig beim ersten hören, vielleicht eher für 'fortgeschrittene Hörer'.


    Bei einem Konzert in der Tonhalle in Düsseldorf waren mal Die Gesänge der Frühe (anders, als der Titel glauben macht, späte Werke für Klavier solo) im Vorprogramm - sehr mitreissende Werke. Ansonsten empfehle ich kleinere Sammlungen, wie die Kinderszenen, am besten beim selbst spielen oder zumindest mit Notentext, um sich wirklich die Feinheiten und Subtilitäten dieser Musik erschließen zu können. Womit ich nicht sagen möchte, dass Schumann Musik fürs Auge geschrieben hätte, aber ich persönlich tue mich leichter damit, wenn ich den Notentext vor Augen habe.


    Ansonsten haben mich Schumanns einzelne Orchesterwerke (die diversen Ouvertüren zum Beispiel) schon seit vielen Jahren begleitet.

  • Hm. Woran das liegt, vermag ich nicht zu sagen. Im Schumannjahr 2006 wurde ihm ja auch kaum Beachtung geschenkt, das aber mag wohl eher an der Überrepräsentanz des Kollegen Mozart gelegen haben. Deswegen erhoffe ich mir 2010 etwas mehr.


    Mit den Orchesterwerken, insbesondere den Sinfonien, tu ich mich selbst auch schwer, zumal sie lange Zeit nur in bleischwer-romantischen nonHIP-Aufnahmen vorlagen (auch Gardiner vermochte mich nicht zu faszinieren). Mittlerweile schätze ich aber das Klavierkonzert und das Violoncellokonzert durchaus beim Genuß dieser Einspielung:



    Andreas Staier, Hammerflügel
    Christopher Coin, Violoncello


    Orchestre de Champs Elysees
    Philippe Herreweghe


    Die Soloklaviermusik wurde mit im Klavierunterricht durch das 'Album für die Jugend' verleidet - offenbar ein eher kontraproduktives Werk.


    Allerdings schätze ich die kanonoischen Studien für Pedalflügel und in der Folge das Klavierquintett op. 44 sehr - mittlerweile eine meiner Lieblingsplatten:



    La Gaia Scienza


    :jubel: :jubel: :jubel:


    Und beim Genre Streichquartett war ich auch neugierig und wurde hiervon sehr überzeugt:



    Drei Streichquartette op. 41
    Quatuor Kuijken


    Wenn es in der Richtung noch mehr gibt (vom Klavierquintett op. 47 suche ich noch eine adäquate Aufnahme!), bin ich Schumann garnicht so abgeneigt...


    :hello:


    Ulli

  • Auch ich gehöre wohl zu denen, die mit Schumann ihre Schwierigkeiten haben. Vielleicht allerdings nicht mit ihm persönlich, sondern der Zeit allgemein. Wenn ich es nämlich recht bedenke fallen mir mit Ausnahme vieler Werke Mendelssohns kaum Werke ein, die ab etwa Beethovens Tod entstanden sind, die ich WIRKLICH schätze und die mir innerlich ECHT gefallen.


    Aber gerade bei Schumann tu ich mich eben sehr schwer. Ich besuchte im letzten Winter ein Konzert, wo die beiden Klavierkonzerte von Schumann und Grieg, sowie Schumanns 1. Symphonie als Mittelstück gespielt wurden. Ein tolles Konzert bei dem mich alle drei Werke beeindruckt haben - aber innerlich warm werden konnte ich mit ihnen nach wie vor nicht. Ich kann sie mir anhören und genial finden...aber solcherlei Musik 'gefällt' mir innerlich einfach nicht - bislang.


    Vielleicht sollte ich ebenfalls versuchen mich Schumann auf der HIPen Seite zu nähern. Das könnte einige Probleme lösen denke ich.


    Das Klavierkonzert ist sicherlich eindrücklich genug um als Starthilfe zu dienen.


    :hello:


    Peter

  • Mich ist Schumann sozusagen "angeflogen", weshalb ich diese Schwierigkeit nicht direkt nachvollziehen kann.
    Vielleicht gelangt man zu Schumann eher durch seine reinen Klavierwerke, Arabesquen, Kreisleriana, und warum auch nicht, über die Kinderszenen: Oder gar über die symphonischen Etüden: einen Versuch ist es allemal wert, denke ich.
    LG Michael

  • Ich kann nur uneingeschränkt eine Empfehluung für die 1. Symphonie aussprechen, die schon programmatisch ein Werk für den Einstieg ist:
    Die Frühlingssymphonie.
    Der erste Satz ist in seinem stürmischen, heiter-strebenden Gestus hervorragend geeignet, um einen für die Musik Schumanns einzunehmen, man verspürt einfach gute Laune, wenn man ihn hört.


    Wer dann auch am Thema des 4. Satzes gefallen findet (vielleicht, weil es so an Anitras Tanz aus Peer Gynt erinnert...), kann sich darauf mit der Kreisleriana auch gleich dem Klavierwerk widmen, hier taucht es nämlich nochmals im letzten Satz ebenfalls auf.


    Großartig die Frühlingssymphonie mit Bernstein, die Bläser in der Andante un poco maestoso-Einleitung sind unübertroffen.



  • Man sollte sich immer die Frage stellen WARUM man einen Komponisten "ablehnt" - bzw abgelehnt hat"und wie lange man ihn schon nicht gehört hat.


    In meinem Fallle besteht die "Abneigung" gegen Robert Schumann - besser wäre hier "mangelnde Begeisterung" - seit meiner Jugend - die mein Klassikbild im wesentlichen geprägt hat. Meiner heutigen Einschätzung nach beruht sie auf einer falschen Erwartungshaltung.
    Ich erwartete mir hier eine Fortsetung der Linie der "Wiener Klassik" -
    und das konmnte Schuman beim besten Willen nicht bieten.


    Ich hörte mit 18(22) fast ausschließlich "Wiener Klassik" und einige Ohrwürmer des Mainstreams. Brahms war mir zu "modern" (heute wei ich: zu dick instrumentiert) Schumann errinnerte mich zuwenig an Schubert (was ich erwartet hatte) und von Mendelssohn liebte ich lediglich dei Musik zum "Sommernachtstraum" und die feurige "Italienische" sowie das 2. Violinkonzert. ich war geradezu süchtig auf melodische Ohrwurmthemen.
    Tschaikowsky war mir mit seinen Sinfonien zu wuchtig und zu wenig lieblich, Bruckner und Mahler konnte ich nicht ertragen. Im gegensatz dazu war ich vermutlich einer der ersten die Vivaldi , Viotti und Johann Christian Bach regelmäßig hörten. Hier fand ich was ich sucht: Vollendete Harmonie - und etwas, das ich nur in der Musiik - aber ansonst nicht liebe: einen lieblich- süssen - Unterton....


    Bildungsbürgerlich - wie ich nun mal bin :hahahaha: kaufte ich dennoch einige Mainstream Schumann-Einspieluingen, wobei ich nicht besonders wählerisch war. Die Interpreten besaßen größtenteils - abver durchaus nicht immer - große Namen, aber ob die Aufnahmen ideal waren, das weiß ich bis heute nicht. Ich werde im Jahr 2010 meine "Bekanntschaft mit Schuzmann" zu vertiefen versuchen - und ich sehe hier keine unüberwindbaren Hindernisse. Ob er je zu meinen "Lieblingen" zählen wird, das steht wohl eher in den Sternen....


    Ich danke übrigens Johannes Röhl für die Eröffnung dieses Treads - mit dem er - der Beteiligung nach zu schliessen - ins Schwarze getroffen hat....


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Man sollte sich immer die Frage stellen WARUM man einen Komponisten "ablehnt" - bzw abgelehnt hat"und wie lange man ihn schon nicht gehört hat.


    Das hab ich mich bisher bei Auswahl 'meiner Musik' eigentlich nie gefragt. Die Entscheidung wurde stets schnell gefällt: gefällt oder gefällt nicht. Die Frage nach dem Warum würde ja nichts daran ändern, außer daß vielleicht etwas mehr weiß, was ich aber gar nicht wissen muß.


    Vielleicht muß man ja, um Schumann wirklich lieben zu können, ein sehr melancholischer in sich gekehrter Mensch sein (gelegentlich bin ich das, aber nicht durchgehend).


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    Vielleicht muß man ja, um Schumann wirklich lieben zu können, ein sehr melancholischer in sich gekehrter Mensch sein


    Ja, ich denke das trifft es - bei mir zumindest zum Teil. Ich bin zwar sehr ruhig und zurückhaltend, aber nicht melancholisch in mich gekehrt, eigentlich schon sehr nach außen orientiert nur auf eine ruhige Art. Vielleicht fällt es dann schwer die größere Emotionalität solcher romantischer Musik nachzuvollziehen oder zu verstehn.


    Ich sehe bei Schumann auch kein unüberwindbares Hindernis, aber ich teile Alfreds "fehlende Begeisterung". Wie oben schon angedeutet. Ich finde das durch auch sehr gut oder gar genial, aber es ergreift mich nicht wirklich mit Begeisterung. Zu "schwer", zu intendierend. Nicht so allgemein und losgelöst wie die Musik Mozarst und seiner Zeitgenossen.


    :hello:


    Peter

  • Zitat

    Original von Peter Pasdzierny
    Zu "schwer", zu intendierend. Nicht so allgemein und losgelöst wie die Musik Mozarst und seiner Zeitgenossen.


    Das kommt natürlich durchaus auch auf die Stückwahl an ;) Nicht jedem Mozartfan gefällt sogleich das Rondo a-moll KV 511, wie ich jüngst (wieder einmal) erfahren konnte. Aber Fans sind eben keine Freaks :D


    Was mich neben dem Klavierunterricht mit Schumann persönlich verbindet, ist, daß ich einen erheblichen Anteil meiner Kindheit in unmittelbarer Nähe zu Schumanns Sterbehaus in Endenich und einen nicht unerheblichen Anteil derselben in diesem Sterbehaus (zwischenzeitlich von der Privatheilanstalt zur Musikbibliothek mutiert ;) ) verbrachte. Schumann war also in meinem Leben oft präsent, wenn auch nicht unbedingt musikalisch aktiviert. Dieser Anteil relativiert sich nun natürlich mit zunehmendem 'Alter', weshalb ich davon nicht mehr so arg profitiere wie einst und nun bewusster zur Schumannkonserve greife. Dennoch habe ich natürlich kaum Gelegenheiten ausgelassen, mir seine bekannten (und damals zugänglichen) Werke zu Gemüthe zu führen - so wie auch sein schicksalhaftes Ende in diesen Räumen, welches durch die Ausstellung stets präsent war.



    Ich glaube zwar kaum, daß 'Geliebte Clara' Ähnliches bewirken wird, wie es einst 'Amadeus' tat (zumal auch m. E. Brahms zu weit im Vordergrund steht, was aber in Anbetracht dessen Aussehens gar nicht so schlecht ist :D ). In diesem Film jedenfalls wird Schumann eher als Vollidiot und Versager dargestellt, was seinem Image sicher auch nicht sonderlich guttut, wobei ich den Film als solchen nicht gar so furchtbar fand. Leider ist das zu sehende Klavierspiel selten synchron mit dem, was man hört... und einige Szenen in diesem Film spielen am Originalschauplatz in Endenich...


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Ich erwartete mir hier eine Fortsetung der Linie der "Wiener Klassik" -
    und das konnte Schuman beim besten Willen nicht bieten.


    Zum Glück nicht, denn meine Erwartungshaltung für einen Romantiker ist und war eine ganz andere.
    Wie sehr Schumann für seine Zeit schon in die Zukunft greift kann man an der Form seiner Sinfonie Nr.4 erkennen: Blos weg von althergebrachten klassischen Vorschriften, losreißen von der Viersätzigkeit indem er alle 4Sätze ineinander übergehen läßt.


    :angel: Dies wäre auch das Werk, das ich für den Einstieg empfehlen würde. Die Sinfonie Nr.4 zeigt das typische Stimmungsbild, das ich von Schumann habe und erwarte.
    Natürlich sind auch alle weiteren Sinfonien gut als Einstieg geeignet, sowie das Klavierkonzert, eher als das Violinkonzert......
    Wer "deutsche Folklore" hören will muß die Sinfonie Nr.3 Rheinische hören. Uns sind diese Klange vertraut, aber beispielsweise einem Russen werden eher die Klange deutscher Folklore auffallen, genau wie wir in russischen Werken Elemente russischer Volksmusiken als auffallend empfinden.


    :jubel: Ein Werk Schumanns hat es mir ebenfalls angetan:
    Die Manfred-Ouvertüre !
    Hier erleben wir in 12Minuten den ganzen Schumann wie er leibt und lebt.
    Es kommt für mich auch nur noch eine Aufnahme in Frage =



    Bernstein mit den New Yorker PH
    SONY, 1960, ADD

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    In meinem Fallle besteht die "Abneigung" gegen Robert Schumann - besser wäre hier "mangelnde Begeisterung" - seit meiner Jugend - die mein Klassikbild im wesentlichen geprägt hat. Meiner heutigen Einschätzung nach beruht sie auf einer falschen Erwartungshaltung.
    Ich erwartete mir hier eine Fortsetzung der Linie der "Wiener Klassik" -
    und das konnte Schumann beim besten Willen nicht bieten.


    Wenn mir uns mal nur auf die Sinfonien konzentrieren, sehe ich das völlig anders. Man braucht m.E. nur ein winziges bißchen guten Willen, um Schumann hier sehr klar als "Fortsetzung" von Beethoven und Schubert zu hören (sofern ein großer, eigenständiger Komponist überhaupt als Fortsetzung gehört werden kann).
    Das habe ich nämlich schon bei Deiner Anmerkung im anderen thread nicht verstanden. Außer vielleicht Mendelssohn gibt es doch keinen berühmten Komponisten der 1830er/40er, der ähnlich deutlich an die Klassik (in den Sinfonien, bei der Klaviermusik ist es etwas anderes) anschließt. Die "Frühlingssinfonie" hat ein wenig von Beethovens 4. (und Schuberts 9., allerdings deutlich "leichter"), die 4. mit der thematischen Vereinheitlichung und dem Übergang zum Finale orientiert sich an Beethovens 5. Die 2. und 3. sind eigenartiger, mit der 2. hatte ich lange Schwierigkeiten. Aber die anderen drei fand ich auch mit ca. 18, als ich sonst fast nur Beethoven und Mozart hörte, deutlich eingängiger als Schuberts 9. oder Brahms' 1 (der 2. Satz der "Rheinischen" ist ein Ohrwurm, wie man ihn bei Beethoven lange suchen müßte).


    Daß man einzelne Vorlieben eben hat oder nicht, ist klar. Aber bei Schumanns 1.,4. und dem Klavierkonzert sehe ich wirklich überhaupt nicht, was jemand, der Beethovens und Schuberts Sinfonien liebt, da nicht mögen sollte.


    Ebenso gibt es natürlich Unterschiede auch in anderen Gattungen. Aber sind die "Dichterliebe", oder der Eichendorff-Zyklus op.39 wirklich so grundlegend anders als Die Schöne Müllerin oder anderes von Schubert, daß man die einen liebt, die anderen aber völlig kalt lassen?


    Und um ein Kammermusikwerk zu erwähnen: Das Klavierquintett Schumanns halte ich ebenfalls für zugänglicher als viele Kammermusikstücke Beethovens oder Schuberts.


    Zitat


    Ich hörte mit 18(22) fast ausschließlich "Wiener Klassik" und einige Ohrwürmer des Mainstreams. Brahms war mir zu "modern" (heute wei ich: zu dick instrumentiert) Schumann errinnerte mich zuwenig an Schubert (was ich erwartet hatte) und von Mendelssohn liebte ich lediglich dei Musik zum "Sommernachtstraum" und die feurige "Italienische" sowie das 2. Violinkonzert. ich war geradezu süchtig auf melodische Ohrwurmthemen.
    Tschaikowsky war mir mit seinen Sinfonien zu wuchtig und zu wenig lieblich, Bruckner und Mahler konnte ich nicht ertragen. Im gegensatz dazu war ich vermutlich einer der ersten die Vivaldi , Viotti und Johann Christian Bach regelmäßig hörten. Hier fand ich was ich sucht: Vollendete Harmonie - und etwas, das ich nur in der Musiik - aber ansonst nicht liebe: einen lieblich- süssen - Unterton....


    Nun hat aber Schumanns 4. (oder irgendeine seiner Sinfonien) doch wesentlich mehr mit Beethoven zu tun als Beethoven mit JC Bach, oder?


    (Das Rätsel für mich ist nun beinahe, warum Du überhaupt Beethoven und Schubert schätzt... ;))


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    (Das Rätsel für mich ist nun beinahe, warum Du überhaupt Beethoven und Schubert schätzt... ;))


    Naja: Beethoven repräsentiert die Macht, Schubert den Wiener Schmäh... 8)


    Wie dem auch sei, Schumanns Sinfonien sind mir auch etwas zu dick - auch Gardiner entschlackt da nicht wirklich so, daß ich das gerne hören würde. Ähnlich dickflüssig ziehen sich für mich auch Fescas (1789-1826) Sinfonien hin. Diesem Kram konnte ich bisher auch nichts abgewinnen, obwohl die bei cpo erschienene Einspielung hier mehrfach hochgelobt wurde... Ich könnte das in etwa so beschreiben, wie Mozart (im Film 'Amadeus') die welschen (hier: italienischen) Opern als (Liebes-) Quatsch verpönt. Geschmack eben...


    Diesem Zeug haftet irgendetwas Negatives an, mit dem ich mich nicht identifizieren kann; wobei ich negativer Musik i.W.S. nicht prinzipiell abgeneigt bin (z.B. Schubert).


    Eine wunderbare CD habe ich doch glatt vergessen zu nennen :O



    Bernarda Fink singt 'Frauenliebe und -leben' op. 42, begleitet von Roger Vignoles.


    Diese CD gehört ebenso zu den bereits oben von mir genannten drei sehr geschätzten Schumann-CDs aus meinem CD-Regal, wobei die Reihenfolge (persönliches Ranking) sich wie folgt darstellt und (2) und (3) sehr nahe beieinander liegen:


    (1) Für meine Clara - La Gaia scienza
    (2) Frauenliebe und -leben - Bernarda Fink
    (3) Streichquartette - Quatuor Kuijken
    (4) Solokonzerte - Staier/Coin

  • Zitat

    Original von Ulli
    Wie dem auch sei, Schumanns Sinfonien sind mir auch etwas zu dick - auch Gardiner entschlackt da nicht wirklich so, daß ich das gerne hören würde.


    Vermutlich bin ich irgendwie unsensibel, aber spontan würde ich Schuberts 8. und 9. oder auch Beethovens 9. eher als "dick" bezeichnen denn die "Frühlingssinfonie" (bei Schumanns 2. u.3. kann ich es eher nachvollziehen).


    Zitat


    Diesem Zeug haftet irgendetwas Negatives an, mit dem ich mich nicht identifizieren kann; wobei ich negativer Musik i.W.S. nicht prinzipiell abgeneigt bin (z.B. Schubert).


    Wieder eine Charakterisierung, bei der ich nicht sicher bin, wie ich sie verstehen soll. Mir fällt kaum ein Werk Schumanns ein, das ich als "negativ" in dem Sinne, wie es auf fast alles vom späten Schubert zutreffen könnte, bezeichnen würde. Die Sinfonien am allerwenigsten. Oder man nehme Dichterliebe vs. Winterreise. Sicher ist das beides tragisch, die Dichterliebe schließt aber immerhin mit einer Form ironischer Bewältigung, während in der Winterreise der Abstieg in die Verzweiflung unaufhaltsam ist. (Bitte solche groben Schlagworte nicht als angemessene Beschreibung dieser subtilen Liederzyklen auffassen!)


    :hello:


    JR

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  • Lieber Schumannfreunde und Skeptiker Schumanns ,



    im Grossen und Ganzen stimme ich Johannes R. zu .


    Doch man sollte weiter differenzieren .


    Als ich mit der Musik Robert Schumanns das erste Mal im Konzert Kontakt bekam , da war es ausgerechnet hier in Düsseldorf , wohin meine Eltern gezogen waren , als ich noch aufs Gymnasium ging .


    Es waren ein Konzert für Soloklaviermusik und das wohl bedeutenste der Konzerte der Klaviermusikliteratur der Romantik : sein a - Moll - Konzert .


    Wahrscheinlich hatte gerade Robert Schumann wenigstens einen Teil seiner letzten glücklichen Lebenstag hier ebenso erleben dürfen wie die vielleicht schmerzlichsten Stunden in einem eher zerrissenen Lebenslauf . Trotz alle depressiven Episoden war Schumann durchaus ein sehr lebensbehjahender und auch kämpferischer junger Mann gewesen mit sehr klaren Lebenszielen ( etwa als Jurastudent in Heidelberg mit seiner eigenen Durchsetzungskraft weg vom üblichen bürgerlichen Studium der Rechte hin zur Musik und zu Clara Wieck . Dies ist alles sehr genau dokumentiert . )


    Schumanns Genie zweigte und erfüllte sich in seinen Kompositionen für Klavier solo ( vor allem der Toccata , der C - Dur - Fantasie , den "Études symphoniques" opus 13 oder seinen beiden "Weltbildern" in dem "Carnaval" oder der "Kreisleriana" ) .
    Dass Schumann aufgrund seiner nicht behandelbaren Handerkrankung nicht in der Lage war ( anders als seine Zeitgenossen Liszt , Chopin oder Thalberg ) eigene Kompositionen öffenltich und somit publikumswirksam zu spielen lies ihn sehr leiden , drängte ihn in eine Ecke und half mit die wohl bedeutenste Pianistin der Zeit , seine Ehefrau Clara , zur einsamen Ikone hochzustilisieren .
    ( Man stelle sich vor Mozart, Beethoven oder Brahms wären nicht solch ausserordentlich gute Pianisten gewesen . Wer kann schon sicher sagen , wie ihre Werke dann aufgenommen worden wären )


    Das a-Moll-Klavierkonzert ist ein Höhepunkt der Gattung Klaviermonzert . Schumann erfüllte auch hier den Wunsch der damaligen grossen Pianisten nach Hochvirtuosem . Die immer weider zitierte fast schulnotenartige Abstufung der drei Sätze halte ich für nicht gerechtfertigt .



    Schumanns Violinkonzert leidet bis heute unter einem sehr unglücklichen Stern . Lange unterbewertet ( gemssen an den Konzerten von Beethoven und Brahms ) erlebte es nur einen Aufschwung als eine Art "Gegenkonzert" zu Mendelssohns e - Moll - Violinkonzert . Darüber hat unser Mitglied Walter T. mehrfach ausführlich geschrieben . Trotz der hohen Anerkenung durch die vier ersten Interpreten hat es sich bis heute nie richtig durchsetzen können , was seinem Rang nicht entspricht .



    Schumanns Kammermusik ist dagegen allgemein anerkannt ( s. Schumann - Handbuch ) und wird aufgeführt und aufgenommen .


    Seine vier Symphonien waren immer weit verbreitet gewesen ( schon zu Schumanns Lebzeiten ) und die realtiv vielen Aufnahmen und Interpretationen in Konzertabenden sprechen eigentlich eine eindeutige Sprache .
    Leider erkrankte Schumann ausgerechnet in Düsseldorf während seiner Konzerte so schwer , dass er nicht mehr in der Lage gewesen ist , seine eigenen Werke auch international durchzusetzen . Dazu kam dann , dass ihm aus gewissen Kreisen - zunächst in Düsseldorf selbst - vorgeworfen worden ist , seine Symphonien seinen nicht richtig orchestriert gewesen ( vulgo : bestimmte Zirkel der Düsseldorfer Gesellschaft wollten Robert Schumann einfach weghaben von seinem führenden Posten in der Düsseldorfer Musikszene ) . Wie überzeugend seine Symphonien klingen , das haben schon Bruno Walter , Mitropoulos , Celibidache und Wilhelm Furtwängler mit seiner überwältigenden Wiedergabe der d-Moll-Symphonie Nr. 4 ( DG ) bewiesen . George Szell ( CBS / LP ) hat seinen Interpretationen einen eigenen Text beigegeben . Carlo Maria Giulini hat in seiner Interpretation der 3. Symphonie in Es - Dur , der "Rheinischen" , alles das wiedergegeben , was allgemein als "rheinisch" im positiven Sinne bezeichnet worden ist .In allen Kompositionen zeigte sich Robert Schumann auch hier als eigenständiger kreativer Schöpfer bedeutender Kompoistionen .



    Das Liedgut ist seit seiner Entstehung als hochrangig anerkannt ( s. Schubert - Handbuch , dem ich sonst in vielen Fällen skeptisch gegenüberstehe ) .



    Auch das Opernschaffen , das nur ein Randdasein führt , hat zeitweis e durchaus für grosse Anerkennung gesorgt .



    Insgesamt halte ich Robert Schumann für einen der ganz grossen Komponisten .


    Und auch die letzten Lebensphase in dem damals selbständigen Endenich bei Bonn hatte kurze Phasen einer schöpferischen Gestaltungsmöglichkeit gehabt ; auch wenn Robert Schumann nie mehr mit seinen Skizzen und vollendeten kurzen Werken an seine frühere Leistungskraft wegen seiner schweren Erkrankung anknüpfen konnte .



    Schumann ist nicht auf die Jubiläumsjahre beschränkt , sondern allgegenwärtig als auch bahnbrechender Komponist .



    Beste Grüsse



    Frank


    _________________________________________________________


    "Schmerzen geben dem Leben seine n schönsten Reiz ,


    aber wir verlangen nach Auflösung" ( R. Schumann ; 19jährig )

  • ... Ach, immer dieser Blödsinn, wieder und wieder in allen Publikationen der letzten
    Jahrzehnte verbreitet, dass Schumann nach 1850 nicht mehr die Kraft für große
    Kompositionen hatte. Ja, ja, der Wahnsinn....


    Aber was ist denn mit den "Gesängen der Frühe", den "Geistervariationen"
    der "Sonate Nummer 3 - f-moll" in der Bearbeitung letzter Hand (um nur einige
    Beispiele zu nennen). --- Es gibt bis zum Impressionismus, bis zu Fauré und
    Debussy, kaum Stücke die so revolutionär ein völlig neues Klangbild erzeugen, eine
    neue Struktur in der Musik aufzeigen.


    Selbstredend ist das alles keine fröhliche Musik, das sind keine Hymnen (im
    konventionellen Sinne). Und genau das ist wohl auch das Problem, dass so viele mit
    Schumann haben: Kunst die aus den eher dunklen Teilen des Innenlebens
    hervorgeht, kratzt den Leuten zu sehr an ihrer Sicherheit der Welt gegenüber. Das
    wollen sie dann eben ungern hören.


    Und wir wollen gar nicht darüber nachdenken, was für Werke noch auf uns
    gekommen wären, hätten Frau Schumann und Herr Brahms nicht ein kleines
    Freudenfeuerchen gemacht, mit den letzten Werken Roberts.
    Die "Geistervariationen" scheinen dem ja nur knapp entronnen zu sein.


    Ich empfehle für den Anfang: "Sämtliche Klavierwerke" eingespielt von Jörg
    Demus. Eine ganz hervorragende Interpretation aus den späten 70ern (wenn ich
    mich recht entsinne) - 12 CDs, die es üblicherweise für rund 20 Euro gibt. Und dort
    dann, als besonders typische Stücke: die "Waldszenen" und die "Kinderszenen". Von
    den Liedern vor allem das eine: "Der Nußbaum" (gesungen von Elisabeth
    Schwarzkopf).



    .

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Wieder eine Charakterisierung, bei der ich nicht sicher bin, wie ich sie verstehen soll. Mir fällt kaum ein Werk Schumanns ein, das ich als "negativ" in dem Sinne, wie es auf fast alles vom späten Schubert zutreffen könnte, bezeichnen würde. Die Sinfonien am allerwenigsten. Oder man nehme Dichterliebe vs. Winterreise. Sicher ist das beides tragisch, die Dichterliebe schließt aber immerhin mit einer Form ironischer Bewältigung, während in der Winterreise der Abstieg in die Verzweiflung unaufhaltsam ist. (Bitte solche groben Schlagworte nicht als angemessene Beschreibung dieser subtilen Liederzyklen auffassen!)


    Ist auch wahrlich schwer zu erklären - auch fröhliche (oder nicht-schwermütige) Musik kann auf mich sehr negativ einwirken, nicht per se aber z.B. bei Schumann :D


    Während ich mich z.B. bei Schubert in der Winterreise suhlen kann (je nach Situation natürlich, nicht vom Fleck weg) oder auch in Mahlers 9. und 10. Sinfonie, so gelingt mir das bei Schumann überhaupt nicht. Es stößt mich eher ab, bis auf die 4 genannten CDs natürlich. Ich kann das nicht gut beschreiben.


    :hello:


    Ulli


  • Hallo, Florian!


    Bei aller Zustimmung bezüglich der Interpretation (und des Preises natürlich): Würdest Du meine Bedenken hinsichtlich der Klangqualität teilen - recht metallisch und leicht verwaschen? Wobei es mir schon gelingt, mich darauf nicht zu konzentrieren zugunsten der sonstigen Bedeutung dieser Einspielung.


    Besten Gruß, Wolfgang

  • Zitat

    Original von Ulli


    Während ich mich z.B. bei Schubert in der Winterreise suhlen kann (je nach Situation natürlich, nicht vom Fleck weg) oder auch in Mahlers 9. und 10. Sinfonie, so gelingt mir das bei Schumann überhaupt nicht. Es stößt mich eher ab, bis auf die 4 genannten CDs natürlich. Ich kann das nicht gut beschreiben.


    "Gut" beschreiben kann ich es auch nicht, und "abstoßen" wäre nun wirklich übertrieben. Aber es ist vielleicht ein allzu "romantizistischer" (statt romantischer) Optimismus, der diese Musik für mich prägt. etwas Rheinisch-Vorder- statt Fränkisch-Hintergründiges ... :untertauch:


    :hello: Wolfgang

  • Wer Robert Schumanns endogene Psychose und die progressive Paralyse negiert ( noch immer ! ) , der begeht fast ideologisch denselben Fehler , der den beginn des Schumann - Handbuches so "auszeichnet" .


    Nicht wahrhaben wollen , was Tatsachen waren ( seit den zugänglichen Forschungsergebnissen von Herrn Professor Franken , jetzt Freiburg i. Br. ) .


    Das Schumannbild wurde vorsätzlich gerade von Clara Schumann unerträglich geschönt ( letzte Lebensjahre ) , obwohl sie es sehr genau besser wusste !


    Schumann hatte seinerzeit eine für damalige Verhältnisse optimale Therpie bekommen ( jeder heutige GKVler wäre glücklich über solche Therpie und Pflege !!! ) .


    Johannes Brahms verdanken wir ganz wesetnlich , dass Robert Schumanns eigene Vorschriften wie auch Teile seine Kompositionen erhalten geblieben sind ( s. etwa die GA der Werke durch Clara Schumann unter Mitwirkung von Brahms ) .


    Dass dei beiden sich auch physisch eine Zeitlang geliebt haben , ist doch völlig gleichgültig , oder dass Felix Sch. höchstwahrscheinlich der Sohn von Brahms gewesen ist ( das nun kann "man" wieder sehr leicht in dem Lehrbuch der Gynäkologie von Prof. Schmidt - Matthiesen , Frankurt am Main , et coll schon seit 30 Jahren nachlesen . Verlag Schattauer . )


    Und wie oft gab und gibt es Beziehungen weltweit wie die zwischen Clara und Brahms ?!



    Frank

  • Ja, Schumann hat es mit Sicherheit verdient, in seinem Jubiläumsjahr ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu erhalten! Dass immer wieder die späteren Werke in "größeren Formen" gegenüber der Klaviermusik und den Liedern herabgewürdigt werden - schon gar das kurz vor seiner Einweisung in Endenich entstandene -, legt m.E. den Gedanken nahe, dass seine Musik teilweise noch missverstanden wird.


    Ich komme bei Schumann nur langsam voran, aber die Mühe lohnt, und es offenbart sich eine Perle nach der anderen. Ich finde viele Werke nicht besonders eingängig; an den Quartetten - sehr dichte, konzentrierte Werke - hatte ich viel länger zu knabbern als an den späten von Schubert und Dvorak oder den frühen von Mendelssohn, die ja insgesamt ein ähnliches Kaliber haben dürften, die Klaviermusik liegt zum Großteil noch kaum gehört in ihrer Box und ich taste mich langsam und Werk für Werk vor, und selbst die Symphonien fand ich nicht alle gleich eingängig: Die Zweite musste ich mir erst "schönlesen".


    Ein paar Sachen gingen mir trotzdem sofort ins Ohr: In erster Linie das Klavierquintett und das Klavierquartett, die dritte und vierte Symphonie und mit kleinen Abstrichen - da ich sie recht früh und ohne viel Romantik gehört zu haben kennengelernt habe - auch das Klavierkonzert und die beiden Konzertsätze opp. 92 und 134.


    Vieles kenne ich auch noch nicht, z.B. die Kammermusik für Soloinstrument und Klavier, das Cello- und das Violinkonzert, "Das Paradies und die Peri" und die Lieder. Da fände ich Hinweise sehr interessant, was besonders hörenswert ist (gibt es für Schumann eigentlich einen "Hauptwerk"-Thread? ;) ).



    Zitat

    In diesem thread soll es nun aber, ungeachtet der Musikgattung, zum einen darum gehen, woran es liegen könnte, daß sich mancher mit Schumann etwas schwer tut. Zum andern sollen Werke empfohlen werden, die sich gut für "Einsteiger" oder "Distanzierte" eignen, um dem Komponisten überhaupt näher zu kommen, oder solche, die man für besonders zentral hält, um einen Eindruck seiner Stärken und Besonderheiten zu gewinnen.


    Ich finde Schumanns Tonsprache sehr eigen, in gewisser Weise schroff und häufig wenig sanglich - viel weniger sanglich als Brahms oder Mendelssohn -, irgendwie auch rhythmisch häufig gegen den Strich gebürstet; aber ich kann das schlecht genauer beschreiben.



    Gruß,
    Frank.

  • Zitat

    Original von WolfgangZ


    "Gut" beschreiben kann ich es auch nicht, und "abstoßen" wäre nun wirklich übertrieben. Aber es ist vielleicht ein allzu "romantizistischer" (statt romantischer) Optimismus, der diese Musik für mich prägt. etwas Rheinisch-Vorder- statt Fränkisch-Hintergründiges ... :untertauch:


    :hello: Wolfgang


    Ungeachtet der gleichnamigen Sinfonie war Schumann freilich beim besten Willen kein Rheinländer... :rolleyes:


    Ich hatte den Thread eigentlich nicht dafür gedacht, nun wieder alles Mögliche (inkl. Geisteskrankheit), was einem bei Schumann so einfällt zu erörtern. Versuche, die Musik zu beschreiben sind natürlich willkommen, wenngleich ich mir davon nicht so viel erhoffe, sofern man nicht konkret an einzelne Werke anknüpft.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Lieber WolgangZ, was die Aufnahme anbelangt: sie hat relativ wenig
    Raumtiefe, mich stört das allerdings nicht, das "metallische" des Klangs
    gefällt mir sogar recht gut. Allerdings muss ich hinzufügen, dass ich oft
    Aufnahmen aus den 20er und 30er Jahren höre, ich bin also nicht so
    schnell zu schockieren, was Tonqualität anbelangt.




    Die Interpretation finde ich aber eben ganz hervorragend,
    zurückgenommen, uneitel, auf den Punkt. Zudem gibt es - meines
    Wissens - wenige Gesamteinspielung des Schumann´schen Klavierwerks.



    .

  • Zitat

    Original von Spradow
    Ich komme bei Schumann nur langsam voran, aber die Mühe lohnt, und es offenbart sich eine Perle nach der anderen. Ich finde viele Werke nicht besonders eingängig; an den Quartetten - sehr dichte, konzentrierte Werke - hatte ich viel länger zu knabbern als an den späten von Schubert und Dvorak oder den frühen von Mendelssohn, die ja insgesamt ein ähnliches Kaliber haben dürften, die Klaviermusik liegt zum Großteil noch kaum gehört in ihrer Box und ich taste mich langsam und Werk für Werk vor, und selbst die Symphonien fand ich nicht alle gleich eingängig: Die Zweite musste ich mir erst "schönlesen".


    Die zweite Sinfonie finde ich auch heute noch nicht ganz unproblematisch. Bei den Ecksätzen muß der Interpret etwas mithelfen und ganz überzeugend werde ich besonders das Finale wohl niemals finden. Aber die Binnensätze gehören zu den stärksten überhaupt, m.E. durchaus auf dem Niveau von Schuberts Großer C-Dur.


    Zitat


    Vieles kenne ich auch noch nicht, z.B. die Kammermusik für Soloinstrument und Klavier, das Cello- und das Violinkonzert, "Das Paradies und die Peri" und die Lieder. Da fände ich Hinweise sehr interessant, was besonders hörenswert ist (gibt es für Schumann eigentlich einen "Hauptwerk"-Thread? ;) ).


    Nein. Ich hatte kurz erwogen, statt diesem hier einen solchen zu eröffnen. Da ich aber z.B. die Chorwerke oder die einzelnen Konzertsätze selber nicht kenne (und Violin- und Cellokonzert nur ziemlich schlecht und nicht besonders mag), habe ich das lieber mal gelassen (und selbst die Stücke Schumanns, die ich kenne, kenne ich nicht sehr gut, verglichen mit z.B. Beethoven).
    Liederzyklen würde ich etwa in dieser Reihenfolge empfehlen:
    Dichterliebe op.48, op.39 (Eichendorff), op.24 (Heine), op.35 (Kerner), dann den Rest nach Belieben bzw. nach den ersten beiden jedenfalls die Heine-Balladen "Belsazar" und "Die beiden Grenadiere"


    Die Fantasiestücke etc. f. Klarinette bzw. Cello und Klavier sind schön, aber nicht essentiell. Wichtiger in der Kammermusik die drei Trios und die Violinsonaten; auch 3, wobei oft nur zwei eingespielt werden, die beste ist m.E. die 2., eine der großen Violinsonaten, die nicht hinter Brahms, Beethoven oder Franck zurücksteht. Aber für diese Sonaten gilt die "Widerborstigkeit" Schumanns in recht hohem Maße, dem Einsteiger würde ich sie eher nicht nahelegen.


    Zitat


    Ich finde Schumanns Tonsprache sehr eigen, in gewisser Weise schroff und häufig wenig sanglich - viel weniger sanglich als Brahms oder Mendelssohn -, irgendwie auch rhythmisch häufig gegen den Strich gebürstet; aber ich kann das schlecht genauer beschreiben.


    Bei der Rhythmik ist das wohl tatsächlich so; in den Klavierstücken gehen die Hände oft "eigene Wege". In einem englischsprachigen Forum sprach jemand bei einer langen Diskussion der "Kreisleriana" davon, daß man hier die bipolaren Stimmungen der Romantik (also z.B. Hoffmanns sentimentaler Kapellmeister Kreisler und sein zynischer Kater Murr oder Schumanns Florestan und Eusebius) als einen Strang und Bachsche Polyphonie als anderen Strang hat. Die Stimmen werden irregulär, asynchron, dissoziieren wie die Persönlichkeit. In dieser extremen Weise betrifft das aber nicht alle Werke.


    Zur Klaviermusik müßte ich mich nochmal ausführlicher äußern und vielleicht auch ein paar Werke vorher hören. Hier hatte ich als Eisnteiger echte Schwierigkeiten, weil ich jahrelang praktisch nur Klaviersonaten gehört hatte. Auf die kürzeren Stücke konnte ich mich nur schwer einstellen, die längeren wie die Fantasie C-Dur erschienen irgendwie strukturlos. Wenn man nicht wirklich gut in relativ kleinteiligem analytischem Hören ist und/oder sehr gute Literatur zur Hand, ist es daher m.E. besser (und so dürfte es auch eher gedacht sein), einfach möglichst offen und konzentriert zuzuhören und Strukturen erstmal zu vergessen.
    Ein wenig eine Ausnahme bilden die symphonischen Etüden, eine Reihe freier (aber oft noch ganz gut als solcher erkennbarer) Variationen.


    Die Sinfonien finde ich, wie oben gesagt, allerdings weitgehend weniger schroff als Beethoven oder den späten Schubert, wenngleich vielleicht nicht ganz so verbindlich wie Mendelssohns 4. o.ä.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Lieber Frank, ich negiere überhaupt nichts. Schumanns bipolaren und
    psychotischen Schübe sind Teil seiner Persönlichkeit gewesen, und es
    ist ja auch mitnichten so, dass er erst mit dem Sprung in den Rhein ein
    bißl seltsam geworden wäre. Ich will nur behaupten, dass die Qualität
    seiner Werke nicht darunter gelitten hat, sie mögen anders
    geworden sein in den "Zeiten des Wahnsinns", jedoch nicht schlechter.
    Ich halte die Geistervar. für wirklich revolutionär - geschrieben hat er die
    Stücke, wie du weißt, kurz vor seinem Wassergang.




    Ich weiß, es ist heute unpopulär geworden zu sagen, dass Genie und
    Wahn zusammengehören, nichtsdestotrotz verhält es sich meist so.
    Auch Beethoven war ja nicht der Normalste unter Gottes weitem
    Himmel - auch wenn ich bei ihm eher auf mindestens Asperger tippe.




    Und Schumann hat ja selbst in Enderich noch gespielt und komponiert.
    Und unzweifelhaft ist ja wohl auch, dass diese Kompositionen von Clara
    unter Anteilnahme des Herrn Joh. Brahms verbrannt wurden in sehr viel
    späteren Jahren, also wohlüberlegt. Möglicherweise haben die beiden
    nicht erkannt, was sie da vor sich hatten. Denn man könnte ja eine
    Linie ziehen von den Gesängen der Frühe über die Geistervar. hin zu
    den vernichteten Werken... ich meine, es ist recht gut abzuschätzen,
    wie die letzten Stücke geklungen haben müßten. Und am Rande: Mir ist
    es dabei völlig egal, ob Brahms und Clara Schumann zusammen im Bett
    waren (mir scheint das nicht belegt). Zudem: wenn ich mir das
    Jugendphoto von Felix Schumann anschaue, bezweifle ich, dass Brahms
    der Vater war.




    Aber darum geht es nicht: es geht nur um die Genialität des
    Schumann´schen Spätwerks - und um die Größe des Werkes
    insgesamt, und dieses hätte anders ausgesehen ohne seine psychische
    Verfasstheit.




    Und ob er an einer fortschreitenden Paralyse gestorben ist, halte ich
    auch nicht für so unzweifelhaft. Letztendlich geht aus den
    Krankenakten nur hervor, dass Schumann verhungert ist, weshalb er
    aber verhungert ist, scheint mir unklar.




    Beste Grüße florian




    .

  • Um es kurz zu machen und JR als Thread-Starter zu folgen:


    Es ist vermutlich eine sehr individuelle Entscheidung, womit man bei einem Genie wie Schumann beginnt. Das ließe sich auch für Mozart, Beethoven, Haydn, Händel etc. diskutieren. Wenn ein Komponist nicht im Wesentlichen für ein bestimmtes Genre bekannt ist, wie zB Wagner, dann muss jeder schon selbst wissen, welche Musik er für sich selbst lieber mag. Oder, falls man sich zunächst eher theoretisch dem Komponisten genähert hat, ob man diesem Interesse nachgibt. Oder einfach, wie das hier schon geschrieben wurde, ob man etwas im Konzert schätzen gelernt hat.
    Nachdem ich Schumann sehr schätze und viele Werke kenne, kann ich ex post sagen, womit ich NICHT angefangen hätte: Mit den Violinsonaten, dem Cello- und Violinkonzert, den Kammermusikwerken und den weniger bekannten Liedern, Duetten usw., Chormusik, Kirchenmusik.


    Damit schränkt man den Einstieg allerdings nicht wirklich ein, weil die meisten doch eher mit den bekannten Werken anfangen würden.
    Das Klavierkonzert ist sicher ein guter Start, wunderbar romantisch und von allen großen Solisten eingespielt, wodurch man sich auch seine Lieblingseinspielung gut raussuchen kann.
    Schön und herrlich eingängig sind die Liederzyklen Dichterliebe, Frauenliebe und -leben, Myrthen und die Liederkreise nach Heine und Eichendorff.
    Bei den Sinfonien ist es etwas schwieriger, weil sie ja nicht chronologisch stringent entstanden, sondern "verschachtelt". Die Rheinische ist mit ihrem melodischen Kopfsatz sicher ein guter Start, zB mit Bernstein, Thielemann, Szell oder Sawallisch. Karajan oder Barenboim gehen auch, aber ich bin nicht ganz zufrieden. Schön ist Skrowaczewski, für HIP ist Dausgaard eine gute Empfehlung.
    Ouvertüre, Scherzo und Finale ist übrigens eine gute Alternative statt der Sinfonien für einen Start, leider eher selten aufgenommen.
    Die Ouvertüren sind mitreissend, allerdings weniger Schumann-Charakter in meinem Empfinden.
    Zum Klavierwerk: Ich war vor 10 Tagen bei M Perahia in der Carnegie Hall (man gönnt sich ja sonst nichts) und die Kinderszenen waren der Höhepunkt des Abends, trotz der Konkurrenz durch Bach-Partita, Beethoven-Sonate und 3 Mazurken von Chopin.
    Schumanns Klaviermusik entspricht aus meiner Sicht am ehesten seinem Charakter. Es sind kurze, prägnante Stücke, aus denen sich die jeweiligen Zyklen zusammensetzen und die sein Genie voll offenbaren. Egal, ob Kinderszenen, Papillons, Carnaval, Faschingsschwank aus Wien, Novelletten, Waldszenen oder Kreisleriana, ich finde sie alle bezaubernd und sie gehören zum Schönsten, was für das Klavier geschrieben wurde. Mag sein, dass dem einen die Beethovensche Tiefe, der Mozartsche Witz oder die Bachsche Klarheit fehlen, sie sind keine schweren Königskronen, sondern kleine funkelnde Kostbarkeiten und mit Einspielungen von Kempff, Arrau, Perahia, Pollini hat man tolle Unterhaltung.


    Warum man sich mit Schumann schwer tut?
    Ich meine, er ist nicht so präsent, gerade was die großen Orchesterwerke angeht. Es gibt nicht ständig Neueinspielungen und auch relativ wenige Dirigate. Und die ganzen Theorien um seine Krankheit spielen vielleicht auch eine Rolle. Wer hört schon gern die Musik eines "Irren"?
    Schumanns Werk ist sehr groß, besteht aber aus sehr vielen eher weniger beachteten Teilen (Chormusik, Gesänge für mehrere Stimmen, geistl. Werke) und dann hat er eben keine Klaviersonaten 1 bis x geschrieben, was ihn auch weniger greifbar macht. Und bei den Liedern steht er ein wenig im Schatten Schuberts. Irgendwie ist er eine Art dauernde Nr. 2.
    Die Kammermusik ist bei den Romantikern überhaupt nicht ganz so präsent, s. Dvorak. Brahms bildet eine Ausnahme, der hat dafür nur 3 Sinfonien geschrieben und hatte mit den Schumanns und Beethoven reichlich Hausgötter für kleine Besetzungen.
    Doch zurück zu Schumann. Seine Karriere blieb krankheitsbedingt unfertig, dabei auch unglücklich. Er war kein großer Dirigent wie Mendelssohn, kein Maestro wie Brahms, die beide an großen Häusern Karriere machten. Man konnte ihn andererseits nicht mehr groß "entdecken", er und seine Frau waren schon berühmt. Bei Schumann stellt sich erst beim Hören bei vielen ein AHA ein.

  • Zitat

    Ungeachtet der gleichnamigen Sinfonie war Schumann freilich beim besten Willen kein Rheinländer... :rolleyes:


    Ich hatte den Thread eigentlich nicht dafür gedacht, nun wieder alles Mögliche (inkl. Geisteskrankheit), was einem bei Schumann so einfällt zu erörtern. Versuche, die Musik zu beschreiben sind natürlich willkommen, wenngleich ich mir davon nicht so viel erhoffe, sofern man nicht konkret an einzelne Werke anknüpft.


    So todernst war das nicht gemeint - ob nun Rheinländer oder Ostdeutscher ... ;)


    Aber um konstruktiv zu sein:
    Meine Sympathien begannen mit dem Klavierquintett, op. 44, auch heute noch mein Lieblingswerk des Nicht-Rheinländers Schumann und Inbegriff einer eher ungebrochenen Volksromantik. (Bitte jetzt nicht wieder mäkeln; es ist mir bekannt, dass Schumann kein ungebrochener Volksromantiker ist, aber ich halte dieses Werk eben für besonders volkstümlich und optimistisch und ungebrochen (von mir aus den langsamen Satz ausgenommen) ... und von daher für den Einstieg geeignet. :))


    Gleichzeitig gefällt es mir halt besser als die 3. Sinfonie!


    Besten Gruß, Wolfgang

  • Zitat

    Original von WolfgangZ


    So todernst war das nicht gemeint - ob nun Rheinländer oder Ostdeutscher ... ;)


    Aber um konstruktiv zu sein:
    Meine Sympathien begannen mit dem Klavierquintett, op. 44, auch heute noch mein Lieblingswerk des Nicht-Rheinländers Schumann und Inbegriff einer eher ungebrochenen Volksromantik.


    Was ist denn "ungebrochene Volksromantik"? Ich will nicht mäkeln, nur verstehen. Waren wir uns nicht anderswo einig, daß Romantik i.e.S. immer "gebrochen", oder eben ambivalent, bipolar, was auch immer ist?
    Das Ungebrochen-Volkstümliche versucht Schumann vielleicht (mit mäßigem Erfolg) in der "Rheinischen".


    Eine Erklärung, warum z.B. Alfred Schumann eher distanziert gegenübersteht, könnte sein, daß er hier nicht umhin kann, diese Doppelgesichtigkeit wahrzunehmen, während ihm bei Schubert anscheinend gelingt, sie zu ignorieren.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Eine Erklärung, warum z.B. Alfred Schumann eher distanziert gegenübersteht, könnte sein, daß er hier nicht umhin kann, diese Doppelgesichtigkeit wahrzunehmen, während ihm bei Schubert anscheinend gelingt, sie zu ignorieren.


    Könnte natürlich (nicht nur bei Alf) auch daran liegen, daß Schumann niemals in Wien Fuß gefasst hat (was er womöglich auch niemals wollte). Schumann war m. W. nur zweimal, relativ kurz, in Wien: 1838/39 und 1846/47.


    Wie sähe es um Schumann aus, hätte er sich seinerzeit in Wien niedergelassen und dort komponiert und konzertiert? Vermutlich wäre er heute doch weitaus präsenter und geschätzter... vielleicht hätten die Amadeusse um den Stephansdom dann Konkurrenz mit wandelnden Irren... :lips:


    :hello:


    Ulli