Klavierkonzerte als Zyklus - oder in Einzelveröffentlichungen ?

  • Liebe Forianer


    Diese Frage stellt sich natürlich nicht nur bei Klavierkonzerten, aber hier in besonderem Maße, weil es natürlich sehr viele prägende Pianisten gibt.


    Kaum jemand wird finanziell - und vor allem zeitlich in der Lage sein 20 verschiedene Zyklen von (beispielsweise) Mozarts Klavierkonzerten zu erwerben und vor allem - zu hören.
    (Das gilt natürlich auch für andere Komponisten und für alle Zeitalter.
    Beethoven, Hummel, Paisiello, Field, Haydn und viele andere)


    Daher bietet sich als Alternative die Einzelaufnahme an, die aber ihrersets kein geschlossenes Bild auf einen Pianisten und seinen Blick auf einen Werkzyklus ermöglicht, sodaß der Blick aufs Werk zumindest anfangs generell verstellt ist - bzw so erscheint.


    Die Einzelaufnahme jedoch bietet ihrerseits den Vorteil, daß (zumindestens theoretisch) nur Pianisten das Werk einspielen, denen es am Herzen liegt, und die daher eine Intewrpretation abliefern die ihnen am Herzen liegt.
    Ob die dann allerdings mit dem Werkszugang des einzelnen Hörers kompatibel ist - das ist wiederum eine andere Frage....


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Da es für mich nur einen einzigen Komponisten gibt, dessen Klavierkonzerte mich interessieren, aber nicht komplett auf 3 CDs passen, nämlich Mozart, stellt sich dieses Problem nur in diesem einzigen Falle in ganzer Schärfe.


    Die Konzerte Mendelssohns, Webers, Chopins, Bartoks, Brahms' gehen auf eine oder zwei CDs, daher gibt es keinen erheblichen Einspareffekt.


    Bei JS Bach, Beethoven, Prokofieff, Rachmaninoff (St. Saens' kenne ich bisher nicht), die 2-3 CDs benötigen, würde ich vermutlich eine GA empfehlen, die man ggf. durch Einzelaufnahmen ergänzt. Auch hier gibt es einige Konzerte eher selten einzeln bzw. unabhängig von GA (Bachs außer Nr.1 oder Prokofieff 4 oder 5 z.B.).
    Bachs und auch Beethovens Konzerte sind m.E. doch jeweils so ähnlich, daß es nicht unwahrscheinlich ist, daß einem derselbe Zugang bei allen gefällt.


    Bei anderen Komponisten mit "vielen" Konzerten, etwa Bach-Söhne, Haydn, Hummel reichen mir repräsentativ die bekanntesten Werke auf einer oder zwei Scheiben. (Obwohl ich die zwei oder drei Haydn-Konzerte jenseits des bekannten D-Dur ganz hübsch finde, habe ich bisher nie die Notwendigkeit gesehen, alle (inkl. zweifelhafter oder unterschobener) Werke haben zu müssen.)


    Bei Mozart hatte ich ziemlich lange keine GA. Teils weil die, als ich zu sammeln anfing, richtig teuer waren (als Schüler habe ich die CDs auch nach Preis gekauft), teils weil ich nicht wußte, ob mich die weniger bekannten Stücke ausreichend interessieren. (Die bekanntesten hatte ich wohl ums Mozartjahr '91 herum halbwegs beisammen; zu den wenigen, die deutlich später (ca. 1996) hinzukamen, gehörten 14/KV 449 und 22/KV 482). Als erste GA kaufte ich (viel später, ca. 2000) Bilson/Gardiner, weil ich eine HIP-Einspielung haben wollte. Barenboims kam dazu, weil es ein unschlagbares Sonderangebot gewesen ist. Weitere Gesamtaufnahmen möchte ich eigentlich nicht kaufen, obwohl mich Immerseels, aber auch die spottbilligen mit Brendel bzw. Schiff/Vegh schon reizen würden.


    Selbst bei Mozart würde ich aber, auch angesichts der sehr preiswerten Boxen, zu einer GA als Basis raten. Denn nicht nur die frühen Konzerte vor Nr.9/KV 271, sondern auch z.B. Werke wie 11/KV 413, 14/KV 449 oder 18/KV 456 findet man relativ selten auf einzelnen CDs. Man wird also andernfalls wesentlich mehr ausgeben müssen und sogar weniger Auswahl bei den Interpreten als bei einer GA haben.


    Dann kann man bei Konzerten oder Interpreten, die einen besonders interessieren, mit einzelnen CDs oder Duos ergänzen.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Salü,


    interessante Gretchenfrage. Man sollte vielleicht eine GA besitzen, damit man alle diesbezüglichen Werke eines Komponisten (seien es Konzerte, Sinfonien oder anderes) kennenlernen kann. Werke, die einem dann interessant - und die vorliegende Interpretation als unzureichend - vorkommen, kann man dann in Einzeleinspielungen hinzuerwerben.


    Manchmal ist es zudem fast unumgänglich, eine GA zu erwerben, da viele Einzelwerke nicht einzeln eingespielt wurden, z.B. bei den Sinfonien Haydns. Da stellt sich dann die Frage nach der Wichtigkeit der Vollständigkeit, ob man eben solche Mauerblümchen überhaupt haben und hören möchte.


    Wie herum man verfährt, ist natürlich die nächste Frage, ggfs. u.U. eine Frage des persönlichen Budgets. Kauft man zunächst Einzelausgaben, ist dann von einem Interpreten X fasziniert und legt sich dann die entsprechende GA zu, hat man natürlich Doppelungen. Kauft man eine GA, die überwiegend nicht gefällt, war die Investition für die Katz (wobei ja die Möglichkeit des Probehörens via jpc, amazon oder auch in namhaften Schallplattenläden besteht).


    Da man GAn im Regelfall nicht nonstop durchhört, entfällt eigentlich das Gegenargument des möglichen Gleichklangs und aufkommender Langeweile.


    :hello:


    Ulli

  • Ich stimme Johannes R. zu , dass W A Mozart eine Ausnahme darstellt wegen der Menge der komponierten Klavierkonzerte .
    Möglicherweise empfiehlt sich die GA mit R. Buchbinder als Grundstock . Aber hier bedarf es aus meiner Erahrung heraus schon einer Fülle von Ergänzungen : Clifford Curzon zuerst - überhaupt der vielleicht bedeuteste Mozartian - ; Clara Haskil , Monique Haas , KV von Argerich (EMI ) , die vier Konzerte , dei Motavev bei Hänssler aufgenommen hat , 467 durch Weissenberg mit Giulini ( EMI ) ..


    ( Bei seinen Klaviersonaten fiele mir dies leichter : Gieseking , L. Kraus ; Marta Deyanova ; sollte es alle Klaviersonaten durch Aldo Ciccolini geben , dann unbedingt dieser )


    Bei den beiden Brahms - Konzerten die Aufnahmen mit Claudio Arrau / Carlo Maria Giulini ( EMI ) und L. Fleisher / G. Szell .


    ( Bei den Klaviersonaten die wohl nicht mehr erhältlichen Interpretationen durch Arrau - LPs - ; Julius Katchen und Gerhard Oppitz ) .


    Dies liesse sich beliebig fortsetzen wie z.B. Beethoven als GAs :
    Emil Gilels / George Szell und Weissenberg / v. Karajan .


    Wie Ulli B. dies an anderer Stelle sehr sorgsam dokumentiert hat , gibt es alleine bei den Mozart-Konzerten schon alleine wegen der Frage der Nummerierung und Frage der Vollständigkeit nicht gerade leicht zu lösende Probleme .


    Viele Grüsse



    Frank

  • Hallo zusammen,


    wie schön, dass in dieser Frage nicht alle Ansichten gleich sind.
    Ich sammle gerne, vielleicht ist das sogar ein Fehler, Gesamtaufnahmen von Symphonien und Klavierkonzerten. Mir geht es so, wenn ich einmal alle diese Werke (auch Klaviersonaten) eines Komponisten kennengelernt habe, dann will ich auch vergleichen, wie gut es ein andrer gemacht hat und ein dritter. Sicherlich, man bleibt dran, aber man lernt immer wieder andere Aspekte, gleiche Stellen anders und manchmal auch nur andere Nuancen kennen, auch eine andere Art dieses oder jenes Pianisten, mit dem Stück umzugehen. Wenn man sich wundert, warum dieser Pianist für den Satz drei Minuten länger braucht als jener, obwohl doch eigentlich beide gleich schnell oder langsam spielen, dann stellt man fest, dass der eine, natürlich im Verein mit dem Dirigenten, Wiederholungen ausläßt und der andere nicht, und man stellt fest, was einem besser gefällt. Aber ohne Vergleich merkt mans nicht.
    So kommt es, dass ich eine ganze Reihe von Gesamtaufnahmen der Klavierkonzerte Beethovens und Mozarts habe, aber auch etliche von Brahms.
    Von denen in meinem Bestand schätze ich am höchsten ein bei


    Beethoven: Wilhelm Kempff/Ferdinand Leitner
    Alfred Brendel/Sir Simon Rattle
    Pierre-Laurent Aimard/Nikolaus Harnoncourt
    Krystian Zimerman/Leonard Bernstein


    Mozart: Alfred Brendel/Sir Neville Marriner
    Mitsuko Uchida/Jeffrey Tate
    Andras Schiff/Sandor Vegh
    Matthias Kirschnereit/Frank/Beermann


    Brahms: Emil Gilels/Eugen Jochum
    Alfred Brendel/Hans Schmidt-Isserstedt/Claudio Abbado
    Claudio Arrau/Bernhard Haitink
    Rudolf Buchbinder/Nikoluas Harnoncourt


    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • O ja - ich vergeliche auch sehr gerne.
    Aber ich habe halt beispielsweise 6 Klavierkonzerte mit Marriner/Brendel, 10 mit Beermann Kischnereit, 2 mit Gardiner Bilson, 4 Mit Abbado, Gulda etc etc, wobeis es etliche Überschneidungen gibt.
    Als Vorteil gegenüber den Gesamtaufnahmen wäre zu nenne, daß ich bei gleicher CD-Anzahl noch mehr Interpreten kennenlernen kann, bzw jene Aufnahmen auswählen kann, von denen ich glaube, daß die Interpreten besonders gut für das betreffende Werk geeignet sind.


    Ansonst: Übereinstimmung


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Hallo zusammen,


    für mich stellt sich diese Frage nicht. Nehmen wir Brahms: Ich mag die GA mit Gilels/Jochum, aber auch die Einzeleinspielung des 2. Klavierkonzertes von Brahms mit Richter/Leinsdorf.


    Nehmen wir Rachmaninow: Ich kann mit den GAn mit Rachmaninow am Klavier und Ashkenazy/Previn gut leben, freue mich aber auch, dass es die Aufnahmen des dritten Konzertes mit Horowitz (diverse) und Argerich gibt.


    Bei Mozart wurde Clifford Curzon schon genannt, ich möchte Gulda/Harnoncourt für Nr. 23 + 26 hinzufügen. Dass die genannten Interpreten keine GAn produziert haben, ist zwar schade, hindert mich aber nicht, die Einzelaufnahmen zu kaufen.


    Viele Ausnahmeeinspielungen sind eben keine GAn, so dass sich die Frage doch kaum stellt. Im Übrigen macht es natürlich Sinn, eine brauchbare GA zu haben und mit herausragenden EInzeleinspielungen zu ergänzen.

  • Auch hier gibt es m. E. kein entweder oder. Manche Einzelaufnahmen elektrisieren und werden bei Tamino so empfohlen, dass man diese einfach haben muss. Von jungen Interpreten existieren häufig nur Einzelaufnahmen. Auch denkwürdige Mitschnitte von Live-Konzerten fallen unter diese Rubrik.
    Will man sich allerdings eingehender mit dem Werk eines Komponisten beschäftigen und/oder die Entwicklung eines Pianisten nachvollziehen,
    empfiehlt es sich, Gesamteinspielungen zu wählen und zu studieren.
    Ich habe mir in letzter Zeit die Gesamtaufnahme aller Beethovensonaten mit Gerhard Oppitz schenken lassen. Momentan kaufe ich die ebenfalls bei Haenssler herauskommenden Schuberteinspielungen mit dem gerade in Großprojekten so erfolgreichen Oppitz. Übrigens im letzten Fono Forum von Ingo Harden hervorragend besprochen.
    Herzlichst
    Operus

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