Meine schlimmsten Opernerlebnisse

  • Nach meinem letzten Bohème-Besuch in Köln hat mir das Schreiben der Rezension geholfen, Wut und Frust abzubauen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich in letzter Zeit ziemlich viele, unbefriedigende Opernerlebnisse hatte. Sei es, weil die Stücke total verfremdet, die Sänger daneben oder eine werktreue Inszenierung völlig verschlissen war.


    Was waren eure schlimmsten Opernerlebnisse? Es kann ja auch mal an der Begleitung liegen, dass man sich wünscht der Abend möge doch bitte schnell vorübergehen ;) oder es passiert etwas unvorhergesehenes, wie z.B. meiner Tante, die sich nach dem Klobesuch den langen Rock versehentlich in ihr wollenes Unterzeug gestopft hat und nichtsahnend "offen Holland" durch das Foyer lustwandelte.


    Vielleicht hattet Ihr auch schon mal einen schnarchenden Nachbarn? Einen eifrigen Mitsummer oder einen Sextanerblasenkandidat neben Euch sitzen. Oder Ihr zählt mit zu den Sensibelchen, die sich nach dem Besuch der Salome übergeben mussten. Vielleicht wart Ihr aber auch nur frustriert weil Eure Lieblingsoper von einem wild gewordenen Regisseur verhackstückt wurde.


    Haut in die Tasten....

  • Bayerische Staatsoper:
    Karten für La Traviata von meiner Frau geschenkt bekommen. 2. Rang, Stehplatz, ganz außen. Man sah quasi nur 1/3 der Bühne, der Mann neben mir hatte ein Nebenhöhlenproblem und die Blechbläser, die man hervorragend sehen konnte, unterhielten sich mangels Arbeit unentwegt, bauten an ihren Instrumenten herum oder schrieben SMS. Meine Frau hat sich mehrfach entschuldigt.


    MET, vor 2 Wochen:
    Rosenkavalier in Starbesetzung, Fleming, Graham, Persson, Alagna, Dirigat de Waart, konventionelle Inszenierung mit Perücken und pipapo. 3,5 Stunden direkt unter der auf gefühlt 10°C eingestellten Klimaanlage neben einer Frau, die ständig mit ihrem Nachbarn schwätzen musste und der eine von den kleinen Raschelplastiktüten auf dem Schoß balancierte. Da wird aus dem Traum auch mal ein Albtraum.

  • Zu den "schlimmsten" Erlebnissen in der Oper gehören immer wieder die alten Damen, die ihre Tuberkel in der Gegend verteilen und dann ununterbrochen die Hustenbonbons aus den raschelnden Verpackungen schälen - möglichst langsam und möglichst während ruhiger Orchesterpassagen...

  • Tuberkel verteilende, kötzende Damen (oder auch Herren), Touristen in verschwitzt stinkenden Hemden und andere, die die Karten wohl nur genommen haben, um das Haus von innen zu sehen, was sie durch desinteressiertes Getuschel zeigen - ja liebe Nachbarn können einem schon auch den Abend schwer machen.


    Doch meist waren es erbärmliche Sänger, langweilige Dirigenten, wild gewordene Regisseure und Regisseusen, die mich dann und wann ansatzweise auf den Gedanken brachten, mich in selbstmörderischer Absicht von der Galerie zu stürzen. Vor allem, wenn ich ein Stück sehr liebe - da gibt es ja für jeden ganz persönliche Kultstücke - leide ich mehr als sonst.


    Erinnere mich an einen Carlos, wo dieser - wie heißt er doch - Ikardi-Purdi oder so - die Titelrolle gab und tiefste Verzweiflung samt Flucht-, Mord- und Selbstmordgedanken bei mir auslöste.


    Auch an eine Walküre, wo ich wegen Domingo & Meier im ersten Akt war, den zweiten dann irgendwie durchstand (die Todesverkündigung war aufgrund spezieller kakophonischer Bläserleistungen ein Abenteuer) und der dritte Akt vor allem Dank Orchester und Wotan (hab höflicherweise vergessen, wer das war) so erbärmlich rüberkam, dass ich oben beschriebener Absicht schon recht nahe war. In dieser Woche waren, soweit ich mich erinnere die Philharmoniker in Japan auf Tournee und der verbliebene Rest gab sich anzunehmenderweise Mühe - doch oftmals eher vergeblich ...


    Die schlimmste Aufführung der letzten Jahre war wohl eine Pique Dame im November 2007. Erstens schon die Inszenierung! Stammt ja von derselben "Opernmörderin" wie unser neuer Macbeth: Kinderheim in Rumänien. Unglaublich. Martina Serafin und Neil Scicoff gaben die Hauptrollen. Beide schafften es - neben einfach gräßlichen Passagen - immer wieder zu zeigen, dass sie jedenfalls noch im Stande waren, laut zu singen. Sehr laut und manchmal gleichzeitig, was einen schmerzerregenden physikalischen Effekt ergab. Nun die Frau Serafin hat wahrscheinlich nie viel anders gesungen, dafür hat sie lange Haare, ganz Natur, toll. Der Scicoff war - das muß man ja bemerken - früher einmal gut. Aber inzwischen. ... Oh jeh. Ergänzt wurde das kreischende Duo von Boaz Daniel, der einen Jeletzky vom Kaliber einer Konservatoriumsaufführung gab. Ja tatsächlich an diesem Abend war ich froh, wie's vorbei war.


    Ich geh übrigens inzwischen nur mehr selten in die Oper, was kein großer Fehler zu sein scheint.


    Aber auch zu Zeiten, wo ich noch im Haus am Ring quasi wohnte, gab es miese Abende. Da war doch irgendwann - ich glaube 1970 - eine Traviata mit einer Violetta (keine Ahnung, niemand Bekannter), die so kabarethaft grottenschlecht war, dass im Stehparterre ungeheuer "der Schmäh lief". Ich stand in der ersten Reihe und hörte von hinten alle Arten von witzigen Kommentaren, wir lagen ziemlich flach vor Lachen während der berühmten Arie. Am Aktende, Licht an, vor uns im Parkett steht ein Mann auf, dreht sich um, zeigt eine Polizeidienstmarke und ... hat meinen neben mir stehenden Freund und mich verhaftet und ins Wachzimmer des Opernhauses abgeführt! :D
    Wie dann das Ganze (natürlich) sehr schnell gut und auf echt österreichisch endete, ist eine andere Geschichte...

  • Liebe Brangäne,


    herzlichen Dank für obiges Posting ! Ich sehe Opernhäuser auch nur mehr selten von Innen. Früher war das Stehparterre mein Wohnzimmer.
    Im Laufe der Jahre werden so aus Opernfreunden langsam Masochisten.


    Liebe Grüße vom
    Operngernhörer :hello:

  • Zitat

    Original von Brangäne
    Erinnere mich an einen Carlos, wo dieser - wie heißt er doch - Ikardi-Purdi oder so - die Titelrolle gab und tiefste Verzweiflung samt Flucht-, Mord- und Selbstmordgedanken bei mir auslöste.


    Ich geh übrigens inzwischen nur mehr selten in die Oper, was kein großer Fehler zu sein scheint.


    Aber auch zu Zeiten, wo ich noch im Haus am Ring quasi wohnte, gab es miese Abende. Da war doch irgendwann - ich glaube 1970 - eine Traviata mit einer Violetta (keine Ahnung, niemand Bekannter), die so kabarethaft grottenschlecht war, dass im Stehparterre ungeheuer "der Schmäh lief". Ich stand in der ersten Reihe und hörte von hinten alle Arten von witzigen Kommentaren, wir lagen ziemlich flach vor Lachen während der berühmten Arie. Am Aktende, Licht an, vor uns im Parkett steht ein Mann auf, dreht sich um, zeigt eine Polizeidienstmarke und ... hat meinen neben mir stehenden Freund und mich verhaftet und ins Wachzimmer des Opernhauses abgeführt! :D
    Wie dann das Ganze (natürlich) sehr schnell gut und auf echt österreichisch endete, ist eine andere Geschichte...


    Ja der Ikaia-Purdy - der hat so manch undankbare Partie und Aufgabe "aufs Aug´ gedrückt" bekommen. War meistens recht solide (je nach Partie), aber mehr nicht. Mein Vater war einmal in einem Rigoletto mit Franco Bonisolli, wo er sich als Duca so aufgeführt hat, daß wütende Buhs von den Stehplätzen auf ihn eingeprasselt sind (bei den Vorhängen hat er dem Publikum dann sein Hinterteil entgegen gestreckt :rolleyes: ). Mein Vater hat hinuntergerufen "Pagliaccio!!" und wurde daraufhin abgeführt. - In ein Zimmerl, wo ihn ein sturzbetrunkener Billeteur bald wieder entlassen hat..... :D
    Sonst gibt´s oben auf der Galerie die üblichen "Völkerwanderungen", weil Touristen meist erbost sind, daß oben die Sicht nicht so ausgezeichnet ist...

  • Zitat

    Original von La Gioconda
    Mein Vater hat hinuntergerufen "Pagliaccio!!" und wurde daraufhin abgeführt. - In ein Zimmerl, wo ihn ein sturzbetrunkener Billeteur bald wieder entlassen hat..... :D
    Sonst gibt´s oben auf der Galerie die üblichen "Völkerwanderungen", weil Touristen meist erbost sind, daß oben die Sicht nicht so ausgezeichnet ist...


    Na servas, wenn man den Thread so anschaut, müssen unsere deutschen Forianer-Kollegen ja von den Wiener Opernfans das Schlimmste annehmen. Der Reihe nach werden sie abgeführt :hahahaha: :hahahaha:verhaftet - echt krass.


    Wir sind damals gleich wieder rausgekommen, weil der Vater von meinem Freund ein hoher Polizeioffizier war und meine Mutter mit dem damaligen Polizeipräsidenten befreundet war. Echt österreichisch eben. Wir haben beide kurz telefoniert, dann hat im Wachzimmer zweimal das Telefon geläutet und die Beamten haben sich höchsthöflich bei uns entschuldigt. Der Typ, der uns abgeführt hat, bekam angeblich ein Disziplinarverfahren. Der ärmste hat einfach die falschen mitgenommen. Zerst lachen's dauernd und dann das! :D

  • ...a propos - nebenan in Rheydt hab ich vor Unzeiten mal den "Baal" (Friedrich Cerha) gesehen...
    hab an die Musik NULL Erinnerungen, aber die Inszenierung (Eike Gramss) war KLASSE


    aber ich verrenn`mich :P


    in Duisburg mal in den "goldenen Hahn" (Rimsky-Korsakov) gegangen
    - war das e i n e Mal in meiner Opernkarriere, daß ich in der Pause ernsthaft erwogen habe, zu gehen...
    ...wird wohl an der Mugge gelegen haben - die Inszenierung (Pet Halmen) hat in mir allerdings auch nix bewegt...


    das ist es eigentlich schon mit wirklich SCHLIMMEM im Opernhaus - auf die meisten Regieeinfälle kann ich mich ja einlassen...
    UNeigentlich - ein OpernÄrgernis etwas anderer Art...
    o.k., ich mag mich nicht doppelt drüber auslassen; im Gästebuch der Oper Frankfurt hab ich mich (unter meinem Pseudonym "w.w") entspr. geäußert
    - sie haben es erfreulicherweise ungekürzt abgedruckt...


    :hello:
    micha

  • Zitat

    Original von Joseph II.
    Wieso wird man in österreichischen Opernhäusern wegen witzigen Kommentaren gleich verhaftet? :stumm:


    Nicht immer :hahahaha: Aber die Billeteure haben schon den Auftrag, dass Zwischenrufer sofort entfernt werden. Das geht allerdings nur am Stehplatz. Ich habe gehört, dass unser Direktor bei der Macbeth-Premiere die Anweisung gab, die Buh-Rufer während der Vorstellung rauszuschmeißen - was aber mißlang, weil die meisten auf den teureren Plätzen gesessen sind. Er soll geschäumt haben :-)


    Bei der letzten Macbeth-Vorstellung am 16.12. gab es nur noch einen Zwischenruf, wie einem Bericht vom Online-Merker zu entnehmen war:


    "Bis auf die laute Bemerkung eines Besuchers auf der Galerie: “Vagieß des Kindawagl ned, waunst obgehst” (hier im phonetischen Original), lief die Vorstellung störungsfrei ab. War das nun ein Hinterwäldler oder war die Dame ein weiblicher solcher, die ihn darauf rüde zurechtwies? "

  • Besonders toll ist es immer, direkt vor einem Pfeiler respektive einer Dame mit Turmfrisur zu sitzen... :no:


    Lustig war der "Don Giovanni" in Oldenburg: Verblüffte Blicke der umsitzenden Damen, als ich zum Gesang des Don die Lippen bewegte, und nach dem Umzug zu besseren Plätzen in der Pause empörte Blicke von zaghaft buhenden älteren Damen, weil ich "Bravo" gerufen hatte :D.


    Komme ja leider, leider kaum je in die Oper...

  • Meine schönen oder sogar tollen Opernerlebnisse überwiegen weit, sie machen 90% aus. Aber ein paar schlimme gab es auch.
    Vor ca. 10 Jahren in Duisburg: "Die Krönung der Poppäa", eigentlich eine tolle Aufführung, besonders von den Sängern, aber man konnte durch irgendein Loch die Beleuchter krakeelen hören, eine Reihe der Orchestermusiker lasen ungeniert Bücher oder quatschten, und am Schluss, beim berühmten "lieto fine", bei dem nur wenige Instrumentalisten spielen und ja nur Nerone und Poppäa singen, schlich der Rest des Orchesters mehr oder weniger (eher mehr) hörbar schon raus. Da habe ich mich wirklich beschwert - und es hat sogar genützt! Meine letzten schrecklichen Opernerlebnisse sind die "Tote Stadt" in Gelsenkirchen (März 2010), als Norbert Schmidtberg den Paul "versenkt" hat (wurde aber wettgemacht durch zwei andere Aufführungen, die besonders wegen Burkhardt Fritz toll waren), im Februar 2010 "Louise" in Düsseldorf, musikalisch schön, aber von der Inszenierung eine Katastrophe (Regietheater übelster Sorte), dann im März in Krefeld, weil trotz einer ordentlichen Gesamtaufführung ein englischer oder amerikanischer Tenor den Herrmann nicht sang, sondern brüllte. Das letzte Erlebnis ist vor einer Woche in der Wuppertaler Oper passiert, und zwar in der Urfassung von Martinus "Griechische Passion", ein sehr schönes Stück, in Wuppertal auch sehr gut aufgeführt - bis auf die Tatsache, dass von den drei Bässen, die Hauptrollen hatten, einer schlechter war als der andre.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Zitat

    Original von dr.pingel
    dann im März in Krefeld, weil trotz einer ordentlichen Gesamtaufführung ein englischer oder amerikanischer Tenor den Herrmann nicht sang, sondern brüllte.


    Diesen amerikanischen Tenor, dessen Name ich nicht nennen möchte, hatten wir in der vorletzten Aufführung der "Pique Dame" auch.


    Der kann einfach kein Piano singen. Wenn er es versucht, spricht die Stimme überhaupt nicht an. Naja, er wird das Haus zum Spielzeitende verlassen.


    LG Uwe

  • Also, ich habe echt viel Glück denn ein wirklich schreckliches Opernerlebnis ist mir nur einmal wiederfahren:


    Das war die öffentliche GP von der "Entführung aus dem Serail" in Münster. Das war zu Zeiten des fulminanten Rings, wo man auch noch irgendwo einen Mozart unterbringen wollte. Da wurde dann ein schmuckloser, schwarzer Kasten auf die Bühne gestellt, den man drehen und aufklappen konnte. Irgendeine komische Personenführung sollte das dann abrunden und der von Wyrsch berühmte Gazevorhang kam auch wieder zum Einsatz. Der damalige Belmonte schien den aber nicht leiden zu können und blieb - allen Versuchen Perdrilios trotzend, dem Bassa ihn vorzustellen ("Ja, wo issa den, der Baumeister?" - "ich weiß auch nicht, eben war er noch genau da" - "VORHANG!!") - der Szene einfach fern. Die Pause wurde vorgezogen, das auch musikalisch höchstens mittelprächtige Grausen ging danach weiter. Schade drum.

  • ICh finde es furchtbar wenn Schulklassen in die Oper gehen. Zumindeste in der Rheinoper ist deren benehmen einfach nur katastrophal. Es wird sich laut unterhalten und Handys klingeln ständig. Und wenn man dann dem Lehrer sagt, das sich seine Schüler doch bitte etwas leiser verhalten möchten,
    ist man gleich ein Spießer und es kommt die Frage ob ich denn nie im Teenageralter gewesen ware. Aber abgesehen davon altere Damen können sich auch sehr gut laut während der Vorstellung unterhalten.
    Mein schlimmstes Opernerlebnis war aber bei der Rigoletto Premiere in Düsseldorf. Als ich lautstark das Regieteam augebuht habe, meinte mein Nachbar ich sollte ihm aus den Augen gehen da ich ja keine Ahung von guten Inszenierungen hätte. Als ich ihn dann fragte, was daran denn gut sei, sagte er nur éinfach alles und die ganzen Buhrufer seien alle arrogant. Da ich nicht gehen wollte rief er dan das Aufsichtsperonal und wollte mich rausschmeissen lassen. Da ich zum Glück seit langen Jahren Stammgast der Rheinoper bin und er mich immer weiter beleidigt hatte wurde er dann schließlich rausgeschmissen. Vieilleicht hab ich ja wirklich keine Ahnung von guten Inszenierungen , obwohl ich nun schon seit über 25 Jahren Operngänger bin, aber diese war einfach nur schlimm. Da war der konzertante Rigoletto in Duisburg einfach um Klassen besser.

  • Zitat

    Original von rodolfo39
    ICh finde es furchtbar wenn Schulklassen in die Oper gehen. Zumindeste in der Rheinoper ist deren benehmen einfach nur katastrophal. Es wird sich laut unterhalten und Handys klingeln ständig. Und wenn man dann dem Lehrer sagt, das sich seine Schüler doch bitte etwas leiser verhalten möchten,
    ist man gleich ein Spießer und es kommt die Frage ob ich denn nie im Teenageralter gewesen ware.


    Hm, dazu möchte ich mal äußern.


    Ich selbst habe meine Opernkarriere (also Zuhörer wohlgemekrt) über Schuleintrittskarten begonnen. Das hat mir damals unheimlich viel bedeutet. Ich bin heute 36 Jahre alt. Das Thema ist also heute für mich gute 20 Jahre alt.
    Wir haben damals in der Oper nicht geschwatzt. Klingelnde Handys waren vielleicht damals noch nicht aktuell. Wir waren aber auch nicht als Klassen dort, sondern nur vereinzelt - eben die Leute, die es interessierte. Ich habe das als sehr positiv empfunden.


    Ich muss jedoch gestehen, vor ca. 14 Tagen sah ich eine Tosca in Ddorf, neben mir eine junge Familie. Positiv: Menschen versuchen ihren Kinden klassische Musik nahe zu bringen. Negativ: die ganze Oper hindurch wurde durchgequatscht. Ich bin bald ausgeflippt. Muss denn das sein? Ich hab dann mal rübergemeckert - und wurde sofort mit kinderfeindlichen Parolen bedracht. Und das bin ich nun wirklich nicht....

  • Ach herrlich!
    Gerade habe ich diesen thread entdeckt. Da kann ich mir mal was von der Seele schreiben. Ich sah nämlich Anfang der 90erJahre einen "trovatore" in der Hamburgischen Staatsoper, den man so als Opernparodie im Fernsehen hätte senden können - ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schrecklich das war.
    Ich beginne damit, dass ich über den Dirigenten schweige. Das Bühnenbild - die Inszenierung war damals schon uralt - bestand aus wechselnden schwarz-weissen Schlieren im Hintergrund und vier Holzgestellen, die man auseinander und wieder zusammenschieben konnte. Ihr Hauptsinn war, dass sie schwer und laut zu bewegen waren, was den Abend um mindestens eine Viertelstunde verlängerte, und, vor allem, dass die Choristen drüber fallen konnten, denn es war die ganze Zeit finster auf der Bühne. Personenführung gab es nicht.
    Den Manrico sang Lando Bertolini (in meiner Erinnerung hervorragend, genau wie Harald Stamm den Ferrando. Man hatte ihm eine rutschende Perücke gegeben, dazu hatte er einen langen kostbaren Umhang (Der ist doch arm, oder?), in dem er sich permanent mit seinem Schwert verfing. Für die Stretta tastete er sich zur Rampe und winkte rhythmisch mit seinem Schwert, als ob seine Patentante im Publikum säße. Dafür war der reiche Graf Luna ärmlich gekleidet, sang nur vorne in der Mitte und fuhrwerkte mit den Armen herum, als gäbe es eine Menge Verkehr zu regeln.
    Frau Varady hatte - wie so häufig - am selben Nachmittag abgesagt und man hatte eine junge Sängerin des Hauses überredet, bestochen oder genötigt, die Leonora zu übernehmen. Sie rang die Hände, wogte mit dem Busen und warf wahllos gepresste Töne aus. Vermutlich stand der schusswaffenbewehrte Intendant in der Gasse, sonst wäre sie geflohen.
    Die Azucena hatte eine erbärmliche Maske, unter der man sah, dass sie allerhöchstens 35 war. Sie sang mit drei Stimmen. Oben kreischte sie, unten brummte sie, in der Mitte kam nur heiße Luft. Dafür war sie angezogen wie eine Jahrmarktswahrsagerin der billigsten Sorte. Die Zigeuner sahen aus wie Papageien ohne Schnäbel, hämmerten während des berühmten Chores live auf der Bühne, irgendein Metallteil löste sich, flog ins Orchester und verursachte einen kurzfristigen musikalischen Kollaps.
    Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie albern dieser Abend war. Wenn da ein junger Mensch erstmals in die Oper geht, wird er nie wieder kommen!

  • Lieber Grillparzer,


    eben jene, von Dir zu Recht als "schrecklich" bezeichnete "Trovatore"-Aufführung konnte ich auch noch 1996 genießen. Musikalisch war es bei mir etwas besser (neben Stamm Olga Romanko, Vladimir Chernov und ein untersetzter isländischer Tenor, dessen Namen ich aber inzwischen vergessen habe). Eine wirklich lausige "Regiearbeit", dabei aber "schön traditionell" mit Schwertern, Rittern und Kettenhemden. Am liebsten hätte ich mit diesen Holzhaufen ein hübsches Autodafé veranstaltet... Besonders abtörnend war aber die lustlose Leistung des Chores, wobei besonders die historisch kostümierten Herren dadurch auffielen, dass ihre Kassenbrillen im grellen Scheinwerferlicht hübsch ins Publikum hinein reflektierten.


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Da kann ich auch etwas zu besteuern:


    Hatte am Samstag einen Opernneuling in die Kölner Butterfly geführt. Der hatte vorher fleißig das Libretto gelesen und war entsetzt, dass die Butterfly ständig mit blonder Perücke rumlief, dass es kein japanisches Teehaus gab und keinen Blütengarten. Gesanglich war es klasse. Nur meinte er auch, dass er das lieber auf deutsch gehört hätte.

  • Wir hatten vor Jahren mal eine ganz schlimme Travatore an der Rheinoper in Duisburg, wo alle Sänger als Kotüme weiße Bettlaken an hatten und aussahen wie Gespenster. In der Mitte des ersten Aktes rief auf einmal jemand ganz laut vom Rang aus: Mammi ich hab Angst, was natürlich zu lautem Gelächter führte und die AUfführung kurz unterbrochen werden musste. Nach der Arie des Manrico gab es von einigen Zuschauern Zugabe Rufe, worauf der Sänger sich zum Publikum wandte und laut fragte : Wollt ihr mich verar.... ?.und darauf immer noch mehr Zuschauer Zugabe riefen.