• Hallo,


    mehr als man glaubt gibt es quer durch die Opernlandschaft den Typus der Hosenrollen - meistens durch einen Mezzosopran besetzt.


    Ein, zwei Beispiele von Hosenrollen, bei welchen es die volle Absicht des Komponisten gewesen ist, um auf die Sprünge zu helfen:


    - "Le Nozze di Figaro" - Cherubino
    - "Un Ballo in Maschera" - Oscar


    Ich geb es offen zu, ich habe meine Mühe mit weiblichen Hosenrollen. Am meisten nerven mich aber Sängerinnen wie Janet Baker, die offenbar glaubt, es sei legitim, wenn Händel eine Opernpartie für einen Kastraten geschrieben hat, dass sie als Frau (nur weil sie den nötigen Stimmumfang habe) dazu berechtigt sei, einen Mann auf der Bühne zu ersetzen. Es ist auch keine Entschuldigung, weil sie wie ein Mann aussieht...
    Kllingt sehr antifeministisch, aber einen Julius Cäsar will ich entweder von einem Bass oder von einem Countertenor gesungen hören. Von einem Bass deswegen, weil gute Countertenöre dünn gesät sind und weil im Bärenreiter Urtext-KA der Julius Cäsar als Bass notiert ist.


    Wie steht Ihr so zu diesen weder weiblichen noch männlichen Partien? kann mir vielleicht auch jemand erklären warum es denn überhaupt zu Hosenrollen gekommen ist, da ich bisher noch keinem sachdienlichen Hinweis begegnet bin.
    Und wie habt Ihr es allgemein mit Frauen, die ihren Mann dennoch nicht wirklich stehen können?



    Gruss
    Christoph

  • Hallo Chr_Glaus!


    Mir fallen da noch einige Hosenrollen ein:
    Octavian/Quinquin aus dem Rosenkavalier
    Prinz Orlowsky aus der Fledermaus
    und Boris´Godunows Kinder (sein Sohn Feodor)


    Ich persönlich habe noch keinen Cherubin gesehen, wie ich ihn mir vorstelle, da die meisten Sängerinnen, die ihn gesungen haben, meinem optischen Ideal entsprechen.
    Gehört habe ich schon viele gute Pagen z.B: Edith Mathis, Angelika Kirschschlager, die ja für Hosenrollen prädestiniert ist. (Ein toller Octavian).


    Mir macht es nichts aus wenn Julius Cäsar von einem Mezzo gesungen wird, da ich keine Aufnahme kenne :D Kenne nur die Aufnhame mit Tebaldi (Cleopatra) und Siepi (Caesar) aus dem Jahre 1950.


    Die Hosenrollen in der Opera seria gefallen mir sehr gut, noch besser die ernsten Opern von Rossini (Z.B: Arsace in der Semiramis ist, für Alt geschrieben, wird aber meist von Mezzosopranistinnen gesungen (z.B. Marilyn Horne).


    Meist hat man ja jünglinge/oder Helden in der Opera seria als Countertenöre geschrieben, heute werden sie meist als Hosenrollen besetzt. Das ist zwar nicht im Sinne des Erfinders, aber auch nicht schlecht.


    Mfg Joschi

  • Salut,


    Du hast Dir mal wieder ein schönes Thema ausgedacht. Das erste, was ich dachte, als ich den Thread in der Liste sah, war natürlich "Cherubino", sicherlich eine der schönsten Hosenrollen der Klassik [als Epoche].


    Hosenrollen wurden grundlegend eingeführt, um eine ausgewogenere Verteilung der Stimmen in der Oper zu erreichen. Bei "männerlastigen" Libretti wurden im Besonderen die "jungendlichen Liebhaber" in eine Hosenrolle gesteckt, um das "Jugendliche" zu betonen aber eben grundlegend, um eine stimmliche "männerlastigkeit" zu vermeiden und um ein strahlenderes Gesamtklangbild zu erreichen. Mezzosoprani wurden deswegen eigesetzt, um den "Touch" ins dunklere Timbre zu erwirken, den z.B. ein "Kastrat" oder Countertenor selten erreicht.


    Nicht zu verwechseln sind die Hosenrollen mit Kastratenrollen. Kastraten wurden eigentlich zunächst in der Kirchenmusik eingesetzt [vgl. auch Bach], da Frauen gemäß des Gebots des Apostels Paulus in der Kirche zu schweigen hatten und man dennoch nicht auf Sopran- und Altpartien verzichten wollte. Kastratenrollen wurden dann später in der Oper als "Gag" eingesetzt.


    Hosenrollen finde ich insbesondere dann interessant, wenn sie [wie z.B. Octavian im "Rosenkavalier"] zu überaus interessanten Verwirrungen führen - hier wird Octavian von einer Frau in Männerkleidung gespielt und gibt sich als Frau aus... was will man mehr?


    Möglich, dass auch ein gewisser Hang zur Travestie eine Rolle gespielt hat.


    Bien cordialement,
    Ulli

  • Hallo Ulli


    Zitat

    Hosenrollen finde ich insbesondere dann interessant, wenn sie [wie z.B. Octavian im "Rosenkavalier"] zu überaus interessanten Verwirrungen führen - hier wird Octavian von einer Frau in Männerkleidung gespielt und gibt sich als Frau aus... was will man mehr?


    Als ich das las, hat wieder etwas bei mir geklingelt. Das, was du beim Rosenkavalier als willkommene Besonderheit empfindest (und ich kenne genügend Leute, die das eher im Gegenteil als eine Art überspannte Verkomplizierung betrachten), wurde auf einer anderen Ebene ganz gezielt eingesetzt.


    Im viktorianischen England waren Frauen auch auf der Bühne nicht erlaubt. Frauenrollen mussten also von Männern gespielt werden. Die damaligen Stückeschreiber haben das gerne in einer speziellen Form ausgenutzt: Wenn du dir Shakespeare-Komödien anschaust, wirst du relativ oft Frauen in Positionen finden, wo sie sich aus irgendeinem Grund als Männer verkleiden müssen. Das war bewusst herbeigeführt, da das Publikum aus der Tatsache zusätzlichen Reiz bezog, dass ein Mann, der eigentlich eine Frau spielte, sich im Stück wieder in einen Mann verwandeln konnte.


    Unbestätigten Gerüchten zufolge sollen seither diese verkleideten Frauen nie wieder so überzeugend gespielt worden sein...

  • Hallo,


    Schauen wir uns doch mal die Rolle des Prinzen Orlowsy in der Fledermaus an. (Die übrigens auf von Männern gesungen wurde - Wolfgang Windgassen beispielsweise)


    Man kann sie von verschiedenen Seiten betrachten.


    Wolfgang Windgassen ,in den 70er inter Karl Böhm legte die Rolle NICHT als Hosenrolle an, er spielte (IMO einen alten verlotterten aristokratische Säufer - durchaus glaubwürdig)


    Orlowsky in einer Hosenrolle - ein schöner russischer Prinz mitr vielen Lastern (unwillkürlich werde ich an Oskar Wilde erinnert und stelle mir die Frage : Welche Laster kommen da wohl in Frage ??? :P )


    Gut gegen Ende des Stückes übernimnt er zwar. damit für das Publikum keine Zweifel aufkommen - die "Ausbildung" von Adele, aber wie heißt es schon so am Ende der Operette : Wir wollen ihm den Glauben .... (hier beziehe ich mich aufs Publikum :P )......nich rauben.....


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

  • Salut,


    ich beziehe mich auf Theophilus: Natürlich hatte die "Hosenrolle" im reinen Schauspiel [teils] andere Hintergründe, als jene, welche ich [ohne ihn im eigentlichen Sinne zu nennen] in Bezug auf die Oper nannte. Hier stand sicherlich die Freude an der Verwechslungskomödie an erster Stelle und auch natürlich [wieder] das "paulinische Gebot" in abgewandelter Form. Da hast Du ganz Recht.


    In der klassischen Schauspielkomödie [comedia dell'arte] sei hier die Rolle der Beatrice [sie spielt die Rolle ihres Bruders Federico] aus Carlo Goldonis Il servitore di due Padroni genannt. Allerliebst...


    bien cordialement
    Ulli

  • Hallo,


    Frauen in Hosenrollen finde ich genauso unästhetisch wie Rotwein in Biergläsern, so schön sie auch singen (so gut er auch schmeckt).


    Uwe

  • Zitat

    Original von Uwe Schoof
    Hallo,


    Frauen in Hosenrollen finde ich genauso unästhetisch wie Rotwein in Biergläsern, so schön sie auch singen (so gut er auch schmeckt).


    Uwe


    Da kann ich Dir nur beipflichten. Ich fand den (oder besser: die) Cherubino in Figaros Hochzeit beim ersten Ansehen (ne Ausstrahlung im Fernsehen) einfach nur merkwürdig. :rolleyes: Nur leider gibt es keine Kastraten mehr. :D

  • Zitat

    Original von Uwe Schoof


    Woraus man logischerweise folgern könnte: ich die Oper dann überhaupt noch zeitgemäß?


    Uwe


    Hm, ich würde sagen: ja, wobei viele (nicht nur junge) Leute ja sowieso meinen, Opern seien generell überholt. Und so mancher Chorknabe kommt ja einem Kastraten auch ziemlich nah in seinem Gesang. Insofern sollte man die Hosenrollen doch mit solchen besetzen.

  • Nur das der Cherubino nie für einen Kastraten komponiert oder mit einem solchen besetzt war... Das "naturalistische" Verständnis von Theater entstand irgendwann im 19. Jhd. und ist ziemlich verfehlt (bei der Oper sowieso, auch die veristischste Oper ist genaugenommen so unrealistisch wie nur irgendetwas).
    Sowohl in der Antike als auch zu Shakespeares Zeiten (wie wir seit dem hübschen Film alle wissen) wurden alle Rollen von Männern gespielt; für Frauen wäre so etwas Frivoles wie Schauspielerei nicht in Frage gekommen. Im Barock war es völlig normal, Kastratenrollen (oder "männliche" Nebenrollen) mit Frauen zu besetzen; wir wissen von einigen Sängerinnen, die sich darauf spezialisierten. Auch heute ist es stimmlich sehr viel angemessener solche Rollen mit Frauen zu besetzten statt mit Countertenören (die seinerzeit nie in der Oper sangen). Transpositionen wie sie bis in die 60er bei Händel-Opern üblich waren finde ich musikalisch inakzeptabel (ein Duett Alt - Sopran wird da schonmal zu Alt - Tenor...)
    Gerade bei Cherubino macht dieses erotische Verwirrspiel (eine Frau singt einen jungen Mann, der zwischendurch als junge Frau verkleidet wird... :rolleyes: ) einen guten teil des Reizes der Figur aus.
    Das alles ist genausoviel oder wenig zeitgemäß wie es überhaupt zeitgemäß ist, 200 oder 300 Jahre alte Opern aufzuführen...Als wenn schon, denn schon!


    viele Grße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Interessant, meine Herren ! :D


    Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, und mir liegt fern, jemandem den seinen madig zu machen, aber dass das Thema so die Gemüter erhitzt, darüber bin ich doch mezzo....äh...bass erstaunt.


    Wenn eine Rolle mit jemandem aus dem anderen Geschlecht besetzt ist, erzeugt das Reibung, und diese Reibung erzeugt Wirkung – komische, erotische, abstrahierende, provozierende, je nachdem. Das mag nicht jeder wollen. Wenn eine Frau sich „die Hosen anzieht“ kommt, alle Bemühungen um Gleichberechtigung der letzten hundert Jahre hin oder her, immer noch ein Quäntchen Anmaßung dazu, und das findet auch nicht jeder schön. (Genauso übrigens, wie Männer, die auf der Bühne Frauenkleider tragen, gelegentlich auf Naserümpfen stoßen – allerdings eher bei Männern als bei Frauen, was nahe legt, dass dort das Frauenkostüm im Gegensatz zur Hosenrolle weniger als Anmaßung an das weibliche sondern als Abwertung des männlichen Geschlechts wahrgenommen wird – aber ich erspare euch die Früchte des Studiums der geschlechterforschenden Literatur ;)).


    Schaut man sich allein die musikalische Komponente an, so siegt m.E. der Mezzo nach Punkten vor dem Counter – oder gar dem Chorknaben. Ulli sprach ja schon über das Timbre; auch im Ausdruck dürfte eine erwachsene Sängerin gerade einem Chorknaben durch die Bank überlegen sein.


    Also, für mich war Brigitte Fassbaenders Orlofsky der einzige, allereinzige Grund, dass ich mir Otto Schenks Fledermaus (auf DVD, mit Schnellvorlauf-Funktion) angetan habe, und auch ansonsten darf bei mir jede/r alles singen. Ich glaube, ich würde erst dann ein Problem haben, wenn Füchslein Schlaukopf mit einem echten Caniden besetzt würde. Die können nämlich überhaupt keine Melodien halten.

  • Zitat

    Original von Christoph_Glaus
    Ich geb es offen zu, ich habe meine Mühe mit weiblichen Hosenrollen. Am meisten nerven mich aber Sängerinnen wie Janet Baker, die offenbar glaubt, es sei legitim, wenn Händel eine Opernpartie für einen Kastraten geschrieben hat, dass sie als Frau (nur weil sie den nötigen Stimmumfang habe) dazu berechtigt sei, einen Mann auf der Bühne zu ersetzen. Es ist auch keine Entschuldigung, weil sie wie ein Mann aussieht...
    Kllingt sehr antifeministisch, aber einen Julius Cäsar will ich entweder von einem Bass oder von einem Countertenor gesungen hören. Von einem Bass deswegen, weil gute Countertenöre dünn gesät sind und weil im Bärenreiter Urtext-KA der Julius Cäsar als Bass notiert ist.


    Ich habe Glucks Orpheus in drei Versionen. Zweimal auf CD und einmal auf DVD.
    Obwohl die DVD-Rolle von einer Mezzo gespielt wird, stört mich das nicht.


    Und dann beide CDs



    Die erste mit Baltsa ist nicht schlecht. Die zweite, mono, deutsch gesungen, gefällt mir sogar sehr gut. Teils Nostalgie (ich kaufte die LP-Aufnahme irgendwo zwischen 1960 und 1970). Aber vor allem, weil diese Rolle glaubwürdig von Dieskau gesungen wird.


    Vielleicht muß die Frage darum sein:
    Was ist glaubwürdiger? Eine Frau, die eine Hosenrolle spielt; ein Mann, der mit dem Falsetregister singt, oder ein Mann der das normale Register benützt. Alle drei Möglichkeiten sind Abweichungen des Originals. Und ist es dann nicht eher eine Geschmackssache?


    Es gibt natürlich noch ein Punkt, daß man im Betracht mitnehmen kann. Gluck hatte eine Version dieser Oper für Tenor geschrieben. Und wenn ich mich nicht irre, war das bei Mozarts Idomeneo (Idamante) auch. In jener Fälle ist besetzen der Rolle von einem normalen Mann vielleicht "minder schlecht" als die Alternative.


    LG, Paul

  • Buäh, Hosenrollen, da wird mir übel :X


    Die habe ich mehrere Stunden während 'La Clemenza di tito' ertragen müssen.
    Ich dachte ich würde mich mit der Zeit daran gewöhnen, aber Fehlanzeige.


    mit Grüßen
    Christoph

  • Prinzipiell habe ich keine Probleme mit Hosenrollen, aber ich erlebte in Köln einmal (ist gut 25 Jahre her) einen Oscar (Ballo) im fortgeschrittenen Stadium einer Schwangerschaft, was mir die Sache doch etwas erschwerte. Ein Raunen im Publikum begleitete denn auch jeden Auftritt des Pagen, der zumindest diesmal seine wahre Natur nicht verbergen konnte!
    lg Severina

  • Ich bin kein besonderer Fan von Countertenören, da ist mir die Besetzung mit einer Frau allemal lieber - jede Frau klingt männlicher als ein Countertenor! Und bei jenen Hosenrollen, die komponiert wurden, als die Hochblüte der Kastraten schon vorbei war, z. B. bei Verdi (Oscar, Tebaldo), Strauss (Page der Herodias [wegen der stark erotischen Komponente der Freundschaft mit Narraboth?], Octavian, Komponist), Janácek (Jano, Aljeja), ist die Besetzung mit einer Frau ja schon vom Komponisten vorgesehen.

  • Zitat

    Original von musicophil
    Und hast Du schon einen Idomeneo gehört, wo Idamante von einem Tenor gesungen wird?


    LG, Paul


    Salut,


    Arnold Östman bietet das in seiner Idomeneo-Einspielung aus 1991 mit einem ganz vorzüglichen Tenor: David Kuebler. Da wird auch die seltene Alternativarie Non temer, amato bene in der Fassung mit Solovioline geboten. Die Tenorversion der Oper Idomeneo ist ja authentisch von Mozart für eine Wiener Liebhaberaufführung umgestaltet worden. allerdings muß ich Matthias Recht geben, wenn er meint, dass die Tenorfassung den eigentlich sehr fein abgestuften Charakteren der Oper widerspricht: Das Alter der Acteure bestimmt mehr oder weniger die Stimmlage, d.h. je älter die verkörperte Figur, desto tiefer die Stimme. Idamante ist ja ein junger Liebhaber [nach der Originalfassung], daher ist die hohe Stimme durchaus gerechtfertigt.


    Diesbezüglich sehr interressant ist die neue Einspielung von Vivaldis Griselda mit zwei Counter-Tenören und zwei Sopranen, da kann man schön vergleichen, was einem "besser" gefällt. Ich kann ich wegen der insgesamt herausragenden Stimmen nicht entscheiden...


    Viele Grüße
    Ulli

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Das "naturalistische" Verständnis von Theater entstand irgendwann im 19. Jhd. und ist ziemlich verfehlt (bei der Oper sowieso, auch die veristischste Oper ist genaugenommen so unrealistisch wie nur irgendetwas).


    Gerade bei Cherubino macht dieses erotische Verwirrspiel (eine Frau singt einen jungen Mann, der zwischendurch als junge Frau verkleidet wird... :rolleyes: ) einen guten teil des Reizes der Figur aus.
    Das alles ist genausoviel oder wenig zeitgemäß wie es überhaupt zeitgemäß ist, 200 oder 300 Jahre alte Opern aufzuführen...Als wenn schon, denn schon!


    Leider hat niemand auf die oben zitierte Passage oder auf die ähnlich gelagerten Ausführungen von Roßweiße Bezug genommen. Ständig ertönen Rufe nach "Realismus", "Wahrscheinlichkeit" und "Echtheit" - und das in der wohl unrealistischsten, unwahrscheinlichsten und täuschendsten Kunstgattung überhaupt.


    Nun ist es jedem unbenommen, Frauen in Männerrollen abzulehnen. Aussagen wie "Buäh, Hosenrollen, da wird mir übel" lassen aber auf ein vielleicht etwas zu sehr festgelegtes Verständnis von Geschlechterrollen schließen. Gerade die Überschreitung der Grenze zwischen den Geschlechtern ist ein uraltes Faszinosum der abendländischen Kultur und durchaus kein Privileg der Oper - wenngleich hier besonders faszinierende Spielarten vorkommen: das oben von Johannes zitierte Verwirrspiel um Cherubino ist ein besonders schönes Beispiel für den virtuosen Umgang mit den verschiedenen Ebenen.


    Seit einigen Jahrzehnten werden in unserer Kultur die Grenzen zwischen den Geschlechtern mehr und mehr verwischt, nicht nur in puncto Frisur oder Kleidung, sondern auch beim Sozialverhalten oder in verschiedenen Subkulturen. Dass genau in diese Zeit auch z.B. die Renaissance der besonders artifiziellen Barockoper fällt, ist kein Zufall. Man kann das wohl kaum als Zeitgeistphänomen abtun.


    Schließlich muss man das Thema auch im Kontext der Entwicklung des Theaters sehen, das sich nun mal seit geraumer Zeit von "realistischen" Darbietungsformen wegbewegt - ob einem das gefällt oder nicht. Gerade wegen ihrer Künstlichkeit haben ja viele Regisseure des Sprechtheaters die Oper "entdeckt". Und auf der Sprechtheaterbühne sind auch neue Hosenrollen erfunden worden: Marianne Hoppe spielte z.B. König Lear in der Inszenierung von Robert Wilson (das ist in letzter Zeit fast schon wieder zur Manie verkommen).


    Das gleiche Problem wird ja z.Zt. auch im Thread über die von Frauenstimmen gesungene "Winterreise" verhandelt - auch hier nicht zufällig ein Phänomen der letzten 20 Jahre.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber musicophil Paul, an alle anderen Taminas und Taminos
    ich weiss nicht, ob es diese Aufnahme in Holland oder Deutschland z.Zt. auf dem Markt gibt, die DG hatte einen Live-Mitschnitt von den Salzburger Festspielen 1961 des Idomeneo unter Ferenc Fricsay, da singt Ernst Haefliger den Idamante :jubel: :yes:


    Liebe, herzliche Grüße :hello:
    hemmi (Bernd Hemmersbach)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Gerade bei Cherubino macht dieses erotische Verwirrspiel (eine Frau singt einen jungen Mann, der zwischendurch als junge Frau verkleidet wird... :rolleyes: ) einen guten teil des Reizes der Figur aus.


    Ebenso wie es sich in deiner Lieblingsoper, dem Hosen... äh Rosenkavalier mit demselbigen verhält.


    Also, ich mag Hosenrollen. Schmachtende Liebesduette zwischen Frau und Frau haben schon was sehr erotisches, ich denke da gerade an Annio und Servilia in der Clemenza.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Zitat

    Original von Ulli
    ...allerdings muß ich Matthias Recht geben, wenn er meint, dass die Tenorfassung den eigentlich sehr fein abgestuften Charakteren der Oper widerspricht: Das Alter der Acteure bestimmt mehr oder weniger die Stimmlage, d.h. je älter die verkörperte Figur, desto tiefer die Stimme. Idamante ist ja ein junger Liebhaber [nach der Originalfassung], daher ist die hohe Stimme durchaus gerechtfertigt.


    Lieber Ulli,


    Ich wiederhole mich

    Zitat

    Vielleicht muß die Frage darum sein:
    Was ist glaubwürdiger? Eine Frau, die eine Hosenrolle spielt; ein Mann, der mit dem Falsetregister singt, oder ein Mann der das normale Register benützt. Alle drei Möglichkeiten sind Abweichungen des Originals. Und ist es dann nicht eher eine Geschmackssache?


    Du redest von einem anderen Aspekt.
    Genauso wie ein junger Liebhaber (Don Ottavio, Tamino) nicht von einem älteren Sänger dargestellt werden kann, genauso kann eine an Schwindsucht leidende, fast tote, ausgezehrte Frau nicht von einer voluminösen Diva verkörpert werden (nein, Namen nennen wir nicht :D).
    Und ein Tenor hat ja eine hohe Stimme.


    Es gibt glaubwürdige Hosenspieler. Edith Mathis wurde bereits genannt. Mir steht einen Rosenkavalier bei (Fernsehen) mit Schwarzkopf, wo ich eine phänomenale Octavian sah.
    Es gibt auch andere Beispiele. Zuerst natürlich Idamante und Orpheus.
    Aber auch meine Mono-Ausführung der Orpheus mit Dieskau ist wunderbar. Er hatte damals noch eine jugendliche Stimme. Qua Register ähneln einen Bariton und Mezzo sich. Was ist also dagegen um (versuchsweise) Mezzorollen von Baritonen singen zu lassen.
    In Il re pastore könnte man zB einen Tenor den Hirt Aminta singen lassen (vielleicht einen hohen Bariton??).


    Und das Bastien und Bastienne von Knaben gesungen wird, finde ich viel schöner klingen. Und außerdem glaubwürdiger, als Erwachsenen sowas kindisches singen zu lassen.
    Das gilt übrigens auch für Hänsel und Gretel. Ich habe jene Oper einmal im Rundfunk gehört mit Knabensopran (Gretel) und Knabenalt (Hänsel). Es war eine Offenbarung.


    LG, Paul

  • Zitat

    Und hast Du schon einen Idomeneo gehört, wo Idamante von einem Tenor gesungen wird?


    Ja, bei der Brilliant Classics Mozart Edition Vol.2 singt Adolf Dallapozza den Idamantes. Gedda singt den Idomeneo, Rothenberger, Moser, Schreier, Büchner sind auch noch dabei!!!
    Ganz gute Aufnahme!!


    Ebenso:
    Aus Glyndebourne mit Richard Lewis in der Titelrolle und Leopold Simoneau als Idamantes. Sena Jurinac ist auch mit dabei!!
    Super Aufnahme!!


    LG Joschi