Daniel Barenboim - weit überschätzt!?

  • Ich meine, Daniel Barenboim würde als Musiker weit überschätzt. Welche Einspielungen vom bleibenden Wert hätte er hinterlassen?


    Unter seinen frühen Aufnahmen als Pianist sind die Beethoven-Klaviersonaten - mit wenigen Ausnahmen – recht spannungsarm (vulgo langweilig), die Mozart-Klavierkonzerte (EMI) überzuckert-verniedlichend. Den Tiefpunkt jener Zeit markieren vielleicht die Beethoven-Klavierkonzerte unter der Leitung von Otto Klemperer. Da passt aber auch gar nichts zusammen, schon gar nicht die Temperamente und Auffassungen von Pianist und Dirigent. Das berühmte fünfte Klavierkonzert Beethovens, eines der herausragenden Klavierkonzerte aller Epochen, ist in dieser Version schlichtweg eine Katastrophe. Man sollte es mal in dieser Aufnahme gehört haben, um es glauben zu können.


    Was hat er als Dirigent hinterlassen? Beethoven-Sinfonien mit der Staatskapelle Berlin, die von der Fachpresse kurz gehypedt wurden („Furtwänglersches Fernhören“) und von denen heute keiner mehr spricht. Belanglose Brahms-Aufnahmen in Chicago (Sinfonien, Dt. Requiem). Bruckner-Aufnahmen, immerhin mit den Berliner Philharmonikern, wo es in puncto Intonation schon mal weh tut und wo es rhythmisch auch manchmal arg wackelt. Man höre die vierte Sinfonie Bruckners und man versuche, angesichts des Ranges des Orchesters dabei die Fassung zu bewahren.


    Immerhin ist dieser Musiker GMD und Künstlerischer Leiter der Staatsoper „Unter der Linden“ in Berlin, immerhin war er Chef beim Chicago Symphony Orchestra (in den großen Fußstapfen von Reiner und Solti), immerhin war er neben Sir Simon Rattle der einzige ernst zu nehmende Kandidat als Nachfolger Claudio Abbados bei den Berliner Philharmonikern. Aber warum? Was rechtfertigt diese hohen und höchsten Positionen aus künstlerischer Sicht?


    Ich bewundere uneingeschränkt sein politisches Engagement. Er verwendet seine musikalischen Möglichkeiten und seinen Einfluss im Kulturleben des Abendlandes, um Dinge im (Nah-)Ost-West-Dialog zu bewegen. Das finde ich wichtig und nachahmenswert. Aber als Musiker wird er meines Erachtens weit überschätzt.


    Was meint Ihr? Habt Ihr auch nur eine einzige Barenboim-Aufnahme, die Ihr zu den führenden Aufnahmen des jeweiligen Werkes zählen würdet, sei es als Pianist oder als Dirigent?

  • Lieber Wolfran ,


    bei D. Barenboim , dessen Eltern aus der UdSSR gekommen waren , und der als Wunderkind galt kann man es einfach sagen :


    1. Dirigent : sehr schwach .


    Extrem schlecht sind seine 4 Brahms - Symphonien ( Anfang der 1990er Jahre live mit dem CSO in Köln ) ;


    2. als Pianist in seinen jungen Lebensjahren als grosse Hoffnung schon weit überschätzt .


    Tendenz : es ging weiter bergab .
    Die von Dir erwähnten Klavierkonzerte mit Klemperer sind eine Katastrophe .


    Gute Nacht !



    Frank

  • Ich kann schwer sagen inwieweit er ÜBERschätzt wird, denn persönlich habe ich ihn nie besonders geschätzt - ich habe eine natürliche Aversion gegen Pianisten, Geiger und Sänger die ins Dirigentenfach wechseln.....


    Ähnlich sah das auch die Kritik, als er die ersten Aufnahmen als Dirigent auf einem gelben Label veröffentlichte....


    Sein pianistischer Ruhm begann allmählich zu verblassen, ohne daß er als neuer Stern am Dirigentenhimmel wahrgenommen wurde.....


    Anschließend habe ich ihn kaum je beachtet, und ich kann nicht beurteilen ob er "gut" ist oder nicht.
    Mir sind Künstler mit politischen Ambitionen - welcher Richtung auch immer - stets ein wenig suspekt. WIRKLICHE Künstler sind zumeist derart weltfremd, daß sie kein Interesse an derlei Dingen haben.



    mfg aus Wien


    Alfred

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Ich kann schwer sagen inwieweit er ÜBERschätzt wird [...]


    Das bringt auch meine Haltung gegenüber dieser Fragestellung auf den Punkt.
    Allerdings weniger aufgrund eigener geringer Wertschätzung als vielmehr aufgrund mangelnder Wahrnehmung klarer Beurteilungen von maßgebender Seite.
    Mir scheint Barenboim abseits seines politischen Engagements und seiner gezielten, aus meiner Sicht meist sehr lobenswerten Provokationen auf diesem Gebiet, kaum Gegenstand irgendwelcher Diskussuionen zu sein, abgesehn von gelegentlichen Erwähnungen seiner mittlerweile wohl nicht mehr allzu konkurrenzfähigen technischen Präzision im Klavierspiel liegt der Fokus stets auf anderen Persönlichkeiten.
    Dass er sich um Furtwängler verdient gemacht hat, rechne ich ihm positiv an. Seine Aussage (sinngemäß), es sei nicht möglich, Furtwängler durch Imitation seines Stils gleichzukommen (nicht qualitativ zu verstehen, sondern wirklich in bezug auf die Ähnlichkeit des Dirigats), man müsse vielmehr seinen Ansatz hoher Subjektivität bei gleichzeitigem tiefsten Werkverständnis zum Vorbild nehmen, kann ich nur unterstreichen.
    Ihn selbst empfinde ich als Dirigenten nicht unbedingt als ein Mitglied im Reigen der ganz Großen, doch er hat durchaus die eine oder andere sehr gute Aufnahme vorgelegt. Persönlich schätze ich seine Tschaikowsky-Orchesterstücke.


  • Zu den ganz großen Dirigenten würde ich Barenboim auch nicht zählen; aber ein Totalverriß ist sicherlich übertrieben. Dafür legte er dann doch einige sehr gute Aufnahmen vor. Daß er auch live gut sein kann, zeigen die Bayreuther "Meistersinger" von 1996, wo er ein "spritzig-leichtes" Dirigat, am ehesten nach meinem Empfinden dem von Kempe oder Jochum in den beiden Studio-Aufnahmen ähnlich, vorlegt. Sein Tschaikowsky mit dem CSO, insbesondere die IV., gefiel mir auch sehr gut.

  • Zunächst hat Barenboim einige sehr gute Wagner-Aufnahmen gemacht, auch wenn nicht alle Besetzungen erstklassig sind:



    Auch seine "Parsifal"-Aufnahme ist sehr gut gelungen. Sein "Ring" zusammen mit H. Kupfer in Bayreuth auf die Bühne gebracht, ist die wirklich letzte herausragende "Ring"-Produktion auf dem grünen Hügel überhaupt.


    Sein "Tristan"-Dirigat an der Mailänder Scala in Zusammenarbeit mit Patrice Chereau war ausgezeichnet.


    Seine Einstudierungen der Bruckner-Sinfonien mit den Berliner Philharmonikern sind von unterschiedlicher Qualität. Aber seine Interpretation der 5. aus diesem Zyklus muss als herausragend bewertet werden.



    :hello: LT

  • Oh Gott, Daniel Barenboim - da muß ich schon wieder aufpassen, daß ich mich verbal nicht vergreife!


    Nur eine Frage dazu: Mit welcher Berechtigung dominiert jemand wie er den heutigen klassischen Musikbetrieb und zwar als Dirigent und Pianist???


    Offenbar hat er ein perfekt funktionierendes Netzwerk in viele Orchester und Opernhäuser hinein, hat sich in Berlin eine unangreifbare Machtstellung gesichert und eine sehr aktive PR-Abteilung. So funktioniert das heute.


    Substanz? - Fehlanzeige.

  • Zitat

    Original von Agon
    Offenbar hat er ein perfekt funktionierendes Netzwerk in viele Orchester und Opernhäuser hinein, hat sich in Berlin eine unangreifbare Machtstellung gesichert und eine sehr aktive PR-Abteilung.


    Wenn dem so wäre, würde er wohl kaum seit 1978, als Karajan zeitweise erkrankt war und erste Nachfolgediskussionen aufkamen, darauf warten, in die Fusstapfen seines Idols Furtwängler zu treten und Chef der Berliner Philharmoniker zu werden - vergeblich, wie man weiß.


    Und ob Rattle nun eine bessere Wahl ist, sei mal dahingestellt

  • Zitat

    Original von Liebestraum
    Sein "Ring" zusammen mit H. Kupfer in Bayreuth auf die Bühne gebracht, ist die wirklich letzte herausragende "Ring"-Produktion auf dem grünen Hügel überhaupt.


    Das scheinen viele Forianer nach dem Erscheinen des Thielemann-"Rings" etwas anders zu sehen. :D

  • Zitat

    Wenn dem so wäre, würde er wohl kaum seit 1978, als Karajan zeitweise erkrankt war und erste Nachfolgediskussionen aufkamen, darauf warten, in die Fusstapfen seines Idols Furtwängler zu treten und Chef der Berliner Philharmoniker zu werden - vergeblich, wie man weiß.


    Nun, dies spricht ja nicht dagegen, dass er ein sehr gut funktionierendes Netzwerk hat.
    Chef der Berliner Philharmoniker zu werden ist ein Ziel, das viele Dirigenten nicht erreicht haben (z.B. Muti, Levine, Maazel).
    Und insgeheim wissen die BP natürlich auch, dass ein Chef Barenboim das künstlerische Profil nicht schärfen würde (weil er keins hat), sondern dass er eher langweilige Massenware abliefern würde. Und da bietet Rattle dann schon mehr.


    Die jahrzehntelange Freundschaft von Barenboim und Mehta ist bekannt. Hier profitieren Beide stark voneinander. Barenboim ist mittlerweile Hauptdirigent an der Scala, dirigiert an der MET, kontrolliert die Staatsoper UdL, leitet ein PR-trächtiges Jugendorchester, hat das Neujahrskonzert der WP dirigiert, war Chef in Chicago, hat eine mittlerweile ins Stocken geratene Karriere als Pianist hinter sich, hat eine unüberschaubare Anzahl an Platten produziert, ist Dauergast in Talkshows, wird mit Preisen aller Art überhäuft und absolviert unzählige Gastspielreisen. Wann schläft dieser Mann eigentlich mal, atmet durch, studiert Partituren?


    Er ist der Liebling der Oberen Zehntausend. Herzlichen Glückwunsch, Daniel Barenboim, endlich angekommen!

  • Ich habe mich immer gefragt, ob der Start von Barenboims Dirigenten-Karriere in direktem Zusammenhang mit seiner Beziehung und Ehe zu Jaqueline duPré zu sehen ist? Hat er ihre Musikalität benutzt um sich als Dirigent ins Gespräch zu bringen? Ich denke an gelungene Aufnahmen von Haydn- Elgar- und Boccherini-Cellokonzerten. Wenn ich anderen Beiträge hier lese, gründet sich sein erfolg wohl auf das Netzwerk in der Musikszene, das er sich schuf!


    Ansonsten kann ich nur noch etwas zu seinen Beethoven-Symphonie-Einspielungen sagen. Durch Barenboim habe ich Beethoven kennengelernt. Lieben gelernt habe ich die Beethoven-Symphonien allerdings durch Karajan und Christopher Hogwood.


    :hello: Steffen

  • Agon hat in allen seinen Ausführungen Recht !


    Im übrigensei bezüglich Barenboim auf das enstprechende Kapital von NOMAN LEBRECHT verwiesen in "Der Mythoos vom Maestro" ( "The Maestro Myth" , aktuelle Auflage ) .


    Da finden wir dann auch Zubin Mehta wieder .


    Es gibt sogar eine CD , auf der diesen beiden Grössen gemeinsam vertreten sind ( DECCA ) . Und der Dritte im Bunde ist? Domingo .


    Ronald Wilford, New York , war d e r oberste Strippenzieher des ganzen Klassikzirkuses gewesen .


    In dessen Büros wurden Karrieren gemacht und vernichtet .


    So funtioniert die "New York Times" , in der der Chefmusikkritiker A. Tomassini , einen Artikel über eine Opernpremiere in Covent Garden schreiben konnte , obwohl er nie dabei gewesen ist !


    So einfach funktioniert das .



    Frank

  • Jetzt wollen wir die Kirche aber mal im Dorf lassen.


    Ich habe ja neulich mal eine du Pré-Biografie gelesen. Und mir daraufhin ja die du Pré-Box von EMI gekauft.
    Du Pré und Barenboim waren in den 60ern DAS Traumpaar der klassischen Musikszene, aber auch darüber hinaus. Da sind Netrebko/Villazon nix dagegen, abgesehen davon, dass die ja kein Paar sind.
    Die Aufnahmen aus den 60ern sind leidenschaftlich und man spürt, dass da aus tiefen gemeinsamen Gefühlen heraus musiziert wird. Klar war da PR dabei. Auch hier frage ich wieder: Wo waren denn ähnliche Klassik-Stars, jung, gutaussehend, begabt, in den 60ern?
    Barenboim war in seiner Jugend ein sehr guter Pianist. Ob er jetzt überragend war, sei dahin gestellt. Aber haben wir nicht neulich über David Fray diskutiert? Wird man über den in 30 Jahren noch sprechen? Oder über Stadtfeld?
    Als Barenboim dann ins Dirigentenfach gewechselt ist, war es mit dem Klavier natürlich vorbei. Solist und Dirigent ist nicht zu machen, zumal in den 60ern und 70ern Klassik ein vielleicht größerer Markt als heute war (mal abgesehen von Russland und China), das Reisen aber zT noch etwas anstrengender war.
    Seine Aufnahmen mit dem ECO sind für die damalige Zeit recht gut.
    Dann war da die jahrelange Tragödie mit du Pré und ihrer Krankheit, die auch ihn belastete. Immerhin waren die beiden verheiratet und er hat sie bei aller künstlerischen Egozentrik wohl bis zum Schluß geliebt.
    Als er Solti in Chicago beerbte, galt er als einer der großen jungen Dirigenten. Wir erleben solche Diskussionen doch auch jetzt ständig und können fragen, ob da alle Ansprüche erfüllt werden: Dudamel, Nelsons, K Järvi, letztlich auch ein anerkannter Mann wie Welser-Möst. Wie, in welchem Feld hätte Barenboim denn den "Übervater" Solti herausfordern sollen? Was hat Solti denn nicht aufgenommen bzw welche seiner Aufnahmen zählen denn nicht zu den jeweiligen Top 5? Wenn man dann noch das amerikanische Publikum und die politischen Verhältnisse (Schostakowitsch wäre damals wohl undenkbar gewesen) berücksichtigt, muss man schon fragen, über was wir eigentlich diskutieren.
    Dann begann die "europäische Phase" seiner Karriere (natürlich war er auch zuvor schon in Europa als Dirigent tätig gewesen), als er an die Staatsoper kam, zusätzlich dirigierte er in Bayreuth. Seine Wagner-Aufnahmen - und das wurde ja schon oben bestätigt - sind sehr gut.
    Es stimmt, dass er in den letzten Jahren wenige herausragende Aufnahmen gemacht hat. Aber immerhin Bruckner mit dem BPO, da hätten sie sich auch einen anderen suchen können, haben aber mit Barenboim gearbeitet. Übrigens sind die Mozart-Klavierkonzerte sehr schön.
    Die Tatsache, dass er das Neujahrskonzert der WPO geleitet hat, zeigt ja, dass die ihn anscheinend auch schätzen. Nichts gegen Pretre, aber von dem kenne ich überhaupt keine Aufnahme, die man unbedingt haben müsste und doch fand ich seine Auftritte schön.
    Barenboim ist dick im Geschäft und kennt alle und jeden. Ist das ein Fehler?War das bei Karajan anders? Und wäre ein Chef Barenboim tatsächlich das größere Unglück für die BPO als ein Chef Rattle? Wo sind denn eigentlich dessen bahnbrechende Neuaufnahmen der letzten Jahre?


    Hier nun derm Klassikzirkus vorzuwerfen, er würde nur über Namen funktionieren, ist - Verzeihung - lächerlich. Ein Veranstalter will Karten verkaufen und das tut er mit bekannten Namen und nicht mit Lieschen Müller und John Doe. Und dann wird hier schnell auf sehr hohem Niveau geschimpft. Gäbe es tatsächlich eine so große Zahl an Alternativen, dann frage ich mich, wo die denn alle geblieben sind? Hatten die alle Pech im Leben und keine gute PR-Abteilung? Konnten die sich nicht am Seil ihrer Seilschaft festhalten?


    Und noch ein Wort zu Solisten turned Dirigenten: Die pauschale Behauptung, dass das nicht funktioniert, weise ich mit folgenden Beispielen zurück: Szell, Levine, Marriner, Eschenbach, Solti.


    Und dann kommt - das war ja zu erwarten - natürlich der jüdische Weltverschwörungsvorwurf. Klar, die waren ja ohnehin immer schuld und ohne die würde ja alles piccobello laufen, nicht nur sauber, sondern (juden?-)rein. Ich fange jetzt keine politische Diskussion an, aber Furtwängler wurde sicherlich nur auf Grund seiner künstlerischen Ausnahmestellung wieder zum BPO geholt, gell?
    Es ist nunmal so: Ohne Juden kein Kulturbetrieb. Und wenn da der eine den anderen kennt und fördert, dann kann man das wohl kaum zum Vorwurf machen.
    Wer gern seine antisemitischen Ressentiments loswerden möchte, sollte sich ein hierfür geeignetes Forum oder einen Stammtisch suchen. Gerade im Bereich klassische Musik sollte man sich aber sehr zurückhalten, sonst wird das CD-Regal schnell ziemlich leer. Man schaut ja auch nicht Basketball und schimpft gleichzeitig über die "Neger".

  • Nun ist mir bislang allerdings auch noch nicht aufgefallen, dass Barenboim in einem Maße gehypede würde, wie das bei anderen Stars der Fall ist. Seine frühen EMI-Einspielungen leiden vor allem unter dem sehr verwaschenen EMI-Sound der 1970er Jahre. Teilweise wurde er auch in Konkurrenz zu DGG-Produktionen positioniert (Klaviertrios Beethoven, GA der Mozart-Klavierkonzerte), jeweils Altstars (DGG) vs. Neustars (EMI).


    Mir selber liegt sein Musizieren nicht. Ich habe aber auch nicht den EIndruck, dass er sich als Deutungsmessias begreift. Vielmehr nutzt er Bekanntheit und gesellschaftliche Position geschickt, um für andere etwas zu bewirken. Diese Seite macht ihn sehr schätzenswert (zumal ich durchaius der Auffassung bin, dass renommierte Künstler ihre Position gesellschaftspolitisch ausnutzen sollten).


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:


    PS: Ich sehe gerade, dass sich mein Beitrag mit dem von Louis überschnitten hat. Mit den Mehrfachbegabungen (Instrumentalist und Dirigent) habe ich ebenfalls kein Problem. Fritz Rieger nenne ich da nun meinerseits (Louis könnte den in München noch erlebt haben), Gustav Leonhard, Nikolaus Harnoncourt, Rostropowitsch. Und als Privateinschub: Der GMD der Jenaer Philharmonie, Niclas Milton, hat als Sologeiger begonnen.

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Vielen Dank an Luis Keuco und Thomas Pape für die hilfreichen grundsätzlichen Ausführungen, denen ich mich anschließe.


    Man muß einen künstlerischen Vielzweckkünstler wie Barenboim, der mir persönlich wegen seiner nachdenklichen Art sehr sympathisch ist, sicher nicht rauschhaft überhöhen, wie man das bei Monomanen der Sorte Karajan gerne tat - Barenboim begreift sich m.E. selbst auch nicht als der beste Pianist, Dirigent, Impressario und Weltverbesserer, sondern als jemand, der aufgrund der ihm zu Gebote stehenden Talente -künstlerischer, finanzieller und organisatorischer Art- aus ethisch-humanitärer Überzeugung heraus etwas zum Wohle der Gesellschaft bewirken kann. Das ist mehr, als andere Künstler in vergleichbarer Position tun.


    Grüße!


    Honoria

  • Zitat

    Mit den Mehrfachbegabungen (Instrumentalist und Dirigent) habe ich ebenfalls kein Problem.


    Vollkommen richtig, warum sollte man damit auch ein Problem haben. Jeder fängt mal klein an ..... und es gibt so viele weitere herausragende Beispiele für Dirigenten, die mal mit einem Soloinstrument angefangen haben. Diese haben dann später für sich erkannt in welcher Form sie sich besser ausdrücken können und wollen.


    Zu Barenboim:
    Die Konkurrenz ist für Barenboim einfach zu groß, es gibt von so ziemlich jedem klassischen Repertoire, das Barenboim "anpackt" einfach bedeutendere Aufnahmen ...
    Auch die Livekonzerte (zum Beispiel das letzte Waldbühnen-Konzert in Berlin mit Barenboim) sind zwar ganz nett anzuhören, aber die Klasse die zum Beispiel der junge Dudamel bei seinem Waldbühnenkonzert einbrachte, sucht man bei Barenboim vergeblich. Vor kurzem hörte ich ihn auch wiedermal am Klavier mit Metha am Pult Brahms KK Nr.1 - so eine spannnungslos konservativ langatmige Aufführung habe ich lange nicht mehr gehört ....
    (die hatte ich noch auf FP mitgeschnitten).


    Jetzt Ende 2009 03.Oktober in Berlin leitete er das Festkonzert zum Mauerfall - das war soweit OK, aber das Programm war IMO daneben und am Ende mit Domingo, der diese Berliner Luft-Schnulze singen mußte - das war eigendlich peinlich so einen Käse den Staatsgästen aus aller Welt darzubieten ...



    Ich habe sehr wenige CD´s mit Barenboim. Aber es wäre unangebracht ihn vollkommen als unakzeptablen Dirigenten zu bezeichnen. Sein anzuerkennendes politisches Engagemant wurde bereits besprochen.
    :) Es gibt, wie überall, auch Highlights -
    Herausragend und wirklich TOP finde ich diese Aufnahmen:



    DG, 1995, DDD



    DG, 1987, ADD
    Neben der Orgelsinfonie sind auch die unbekannteren Kurzwerke, wie u.a. Danse macabre unter ihm "erste Sahne".



    ERATO/APEX, 1993, DDD
    Besonders hervorzuheben die Lutoslawski-Sinfonie Nr.3 (vom KfO gibts es wiederum stärkere Konkurrenz.)

  • Zitat

    Original von Luis.Keuco
    Und dann kommt - das war ja zu erwarten - natürlich der jüdische Weltverschwörungsvorwurf. Klar, die waren ja ohnehin immer schuld und ohne die würde ja alles piccobello laufen, nicht nur sauber, sondern (juden?-)rein.


    Wo denn? Habe ich was mit den Augen?


    :hello: Steffen

  • Also ich kann da nichts finden was anfechtbar wäre.
    Das Bestreiten einer "Verschwörung" die gar nicht genannt wurde, lässt allerdings tief blicken - DENNOCH: Ich möchte dieses Thema im Forum nicht erörtern.


    Zitat

    Es ist nunmal so: Ohne Juden kein Kulturbetrieb


    Auch das halte ich für eine nicht haltbare Behauptung, ja Anmaßung,
    Diskriminierunge aller nichtjüdischen erfolgreichen Künstler.
    Und sie ist Wasser auf die Mühlen aller die die Existenz eines "einschlägigen Netzwerks" behaupten. geradezu eine Bestätigung oder Herausforderung - Je nachdem wie man es sehen will
    Sorry - aber dieser Aspekt des Themas ist mir zu heiß


    Deshalb möcht ich auch dieses Thema nicht durchdiskutieren, weil sich - man sieht es in InternetPolitforen - hier ein Streit von unabsehbaren Ausmaßen entwickeln könne,


    Die Moderation ist daher aufgerufen, jedes Statement zu diesem Thema zu löschen


    Es ist natürlich eine interessante Frage, wievile Dirigenten und Interpreten einen "Negativthread" über sich ergehen lassen müssen.


    Es ging ja primär auch nicht um die Frage, ob Barenboum ein schlechter oder ein guter Dirigent sei, lediglich ob seine Medienpräsenz und seine Posten im Einklang mit seinem "künstlerischen Potential" stünden.


    Wie schon Eingangs erwähnt, habe ich nicht den Eindruck, er wäre als Dirigent sehr hoch bewertet. Bei mir ist es so, daß ich seine Aufnahmen weder suche- noch ihnen ausweiche. Ein bekannter Name gewiss . und es schadet nicht wenn man was von ihm im Schrank hat. Aber es nicht so, daß ich eine Aufnahme mit ihm geradezu suche, oder warte ob er was neues augenommen hat.


    Seine politischen Aktivitäten interessieren mich schlicht und einfach nicht, und sie sind auch taktisch ungeschickt. Zwar verbessert sich dadurch die Medienpräsenz, aberseine Gegener bekommen dadurch das schwer entkräftbare Argument in die Hände gespielt, es sei alles Kalkül....


    Ich bitte persönliche Insuiltationen, sowohl von Forianern, als auch von Herrn Barenboim zu unterlassen - und sachlich zu bleiben.


    Zurück zum Thema


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Was ich an Barenboim auch schätze, ist, daß er versucht, Wagner wieder in Israel zu etablieren. Und hier muß man wohl einfach dazu sagen: Wäre er nicht selber jüdisch, wäre dieses Unterfangen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Aber selbst er hat es sehr schwer. Der Eklat wegen der "Tristan"-Auszüge im Jahre 2001 spricht Bände ...


    Kein weiterer Kommentar dazu, es driftet sonst zu sehr ab.

  • Lieber Alfred ,


    lieber Agon !



    Ich teile aus vielfältiger Erfahrung mit diesen Nebenthemen Eure Meinungen .


    Das Buch von Norman Lebrecht habe ich extra deswegen erwähnt , damit sich jeder in der deutschen Version wie der aktuellen enlischsprachigen Originalausgabe selbst ein Bild über Zusammenhänge machen kann .


    Dazu sollte man schon dieses Buch ganz gelsen haben .


    Karajan hat im dem französische Streit um die Bestille-Oper Barenboim mit eigenhändiger unterschrift unterstützt . Das war weltweit beachtet worden .


    Es geht auch nicht um die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion , sondern um Barenboims Aufnahmen als Dirigent und Pianist und ob die Mitglieder diese Forums ( wie übrigens anderswo auch ) Daniel Barenboim vielleicht auch persönlich im Kozertsaal oder Opernhaus erlebt haben und welche Eindrücke sie von dessen Interpretationen hatten .


    MEHTA .
    Hier in Düsseldorf lebt mit seiner Familie ein Arzt namens Dr. Mehta , den ich 2001 im Sommer kennengelernt ahbe . Es lag nahe , ihn auf den Dirigenten Zubin Mehta anzusprechen , weil der Name nicht so häufig vorkommt . Er hat das bestätigt ,was Lebrecht schreibt über die Herkunft des Dirigenten Zubin Mehta .


    Und der Schwiegervater des Arztes Mehta war im diplomatischen Dienst Indiens tätig gewesen .


    Während unserer Gespräche , auch mit seinem Schwiegervater , gab es nie Aufgeregtheiten .
    Mehta bewunderte Mehta nicht wegen der Namensgleichheit , sondern weil er dem Dirigenten Zubin Mehta ein ganz bestimmtes Können über viele Jahre hinweg bescheingt hat .


    Nie ging es um etwas anderes als die im Leben eben üblichen geschäftlichen Verflechtungen ( Konzernen ähnlich ) und persönlichen Freundschaften .


    Wenn Barenboim und Mehta Freunde sind, dann ist das doch für bedie wohl auch etwas Persönliches . Beide haben ihre Freundschaft aus persönlichen Übereinstimmungen begonnen .


    Zubin Mehta ist seit inzwischen mehreren Jahrzehnten als Künstler sehr erfolgreich . Und Barenboim halt auch .


    Ich denke , dass man mit Herrn Barenboim sehr wohl eine sachbezogene Diskussion führen kann über seine Mozartauffassung , seinen Wagner , seinen Beethoven . Er wird dies selbst natürlich am besten darstellen können .


    Persönlich kenne ich nur zwei Persönlichkeiten , die Daniel Barenboim sehr gut und lange kennen . Beide schätzen ihn ob seiner vielseitigen Begabungen sehr . Links von mir leigt sogar ein Foto auf dem Barenboim mit einem von beiden abgelichtet ist ( aus Israel ) .


    Dennoch steht es mir zu , zu schreiben, dass und arum ich Barenboim als Pianisten vor allem wie auch als Brahms-Interpreten nicht sehr schätze . Viel übler wäre eine geheuchelte Lobsehymne , die B. weder als Dirigent noch als Pianist nötig hat . Auch dazu hat Nomran Lebrecht interessante Anmerkungen gemacht in seinem zitierten Buch .


    Karl Böhms Wagnerinterpretationen oder die durch Karajan , Keilberh überzeugen mich unendlich mehr . Dies ist eine Frage des Werkzuganges , des subjektiven Hörens wie auch der mitgelesennen Klavierauszüge , der Bestzungslisten der Opern .


    Daniel Barenboim , der gerade mehrere deutsche Symphonie-Komponisten stets besonders hervorgehoben hat , hat meines Wissens niemals einen deutschen Kollegen abqualifiziert .


    Dass er sich bei den den interpreten von bestimmten Symphonien aus dem Schaffen deutschsprachiger komponisten dann bezüglich der Qualität auf seine italienischen Kollegen als besonders "deutsche Interpreten" gestützt hat ( u n d sich selbst nich einmal erwähnt hat ! ) das ist dann seine Hörweise und Bewertung .


    Diese respektiere ich selbstverständlich .


    Sein Privatleben ist dabei so unwichtig für mich wie die Frage, wieviele Sprachen er spricht (jedenfalls sehr gut Hebräisch und Deutsch ) und vieles aus dem Bereich "Persönliches" .


    Wer das Bedürfnis hat , Herrn Barenboim seine Meinung mitzuteilen , der kann sie ihm schreiben .


    Beste Grüsse



    Frank

  • Ich muss hier einigen Aussagen widersprechen:


    Zitat


    Original von Agon
    Und insgeheim wissen die BP natürlich auch, dass ein Chef Barenboim das künstlerische Profil nicht schärfen würde (weil er keins hat)


    Barenboims künstlerisches Profil ist durchaus vorhanden, aber aufgrund seiner erstaunlichen Vielseitigkeit nicht mit wenigen Schlagworten zu beschreiben.
    Wenn wir vom Dirigenten Barenboim sprechen, ist mir eine Vorliebe für einen vollen, "furtwänglerischen" Klang und gemessene Tempi aufgefallen, wenn man das so ungenau und pauschal einmal sagen kann.
    Er ignoriert etwa bei Beethoven die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis durchaus nicht, aber verbindet Einiges davon mit diesem sattem und schwelgenden Klangbild.
    Vieles klingt so, wie "Klassik" früher klang. Wenn es einen Dirigenten gibt, der in seiner interpretatorischen Ausrichtung ähnlich klingt, dann ist es m.E. Thielemann.
    Obwohl man Barenboim in vieler Hinsicht als Weltbürger bezeichnen könnte ( war da nicht auch eine Verbindung zu Argentinen...?) ist Vieles an seiner Spielweise sehr deutsch und konservativ im guten Sinne.


    So wie ich ein nicht ganz unähnliches, sich vom Mainstream absetzendes Interpretationsprofil bei Thielemann durchaus spannend und schätzenswert finde, bewerte ich so etwas im Falle Barenboim ebenfalls sehr positiv.
    Wer den von mir hier angestellten Vergleich nun geradezu absurd oder abenteuerlich findet, der sollte vielleicht einmal sich selbst überprüfen, ob er tatsächlich gewillt ist, Künstlerpersönlichkeiten ausschliesslich musikalisch zu beurteilen, oder mehr oder weniger bewusst sehr aussermusikalische "Aspekte" einfliessen lässt.


    Also: Es gibt das künstlerische Profil sehr wohl.
    Barenboim arbeitete und arbeitet mit vielen internationalen Orchestern und Musikern zusammen. Glaubt man wirklich, dass der Hauptgründe hierfür darin liegen, dass da irgendwelche Leute incl. Barenboim hinter den Kulissen Strippen ziehen?
    Nein, es hat selbstverständlich mit seinen überdurchschnittlichen musikalischen Fähigkeiten und seiner Persönlichkeit als Musiker zu tun.

    Zitat

    Was hat er als Dirigent hinterlassen? Beethoven-Sinfonien mit der Staatskapelle Berlin, die von der Fachpresse kurz gehypedt wurden („Furtwänglersches Fernhören“) und von denen heute keiner mehr spricht. Belanglose Brahms-Aufnahmen in Chicago (Sinfonien


    Finde ich so nicht, ich spreche auch noch davon und habe das auch u.a. hier lobend getan (Beethoven)


    Seine Aufnahme der Brahms-Symphonien kenne ich nicht, allerdings habe ich vor nicht allzu langer Zeit eine TV-Übertragung eines Konzerts mit einer Brahms-Symphonie gesehen. Für mich, der ich die Musik sehr gut kannte, war das eine warme, emotional mitreissende und einfach schöne Interpretation.


    Einiges von seinen Wagner-Interpretationen habe ich mir ebenfalls angehört. Mir hat es jedenfalls zugesagt. Der Referenz-Status der Tannhäuser-Ouvertüre unter Karajans-Leitung wurde dadurch zwar nicht gefährdet, aber es war schon ziemlich gut.



    Zitat


    Original von Wolfram
    Daniel Barenboim - weit überschätzt!? Ich meine, Daniel Barenboim würde als Musiker weit überschätzt


    So wie ich es sehe, wird er hier von Einigen ganz schön unterschätzt.
    Ich bewundere zunächst einmal die Vielseitigkeit und die Quantität seines Arbeitspensums. Hier Symphonien dirigieren, da Kammermusik spielen, als Pianist z.B. das wahnsinnig schwere 1. Klavierkonzert von Brahms auf hohem Niveau spielen, an einer Wagner-Oper arbeiten und dann noch Gala-Konzerte oder ein Neujahrskonzert zwischendurch. Fast hätte ich es vergessen: Schnell noch das WTK und die Beethoven-Sonaten für Piano-Solo aufnehmen...Der Mann muss erst einmal ein absoluter Notenfresser sein. Dann hat er die Fähigkeit, in relativ kurzer Zeit anspruchsvolles Material im Gedächtnis zu behalten und es auf immer noch hohem technischen Niveau abzuliefern.
    Allein schon, dass er das alles überhaupt hinbekommt, zeigt bereits, über was für einen aussergewöhnlichen Musiker wir hier reden.


    Ehrlich gesagt frage ich mich, wie das von der Arbeitsdisziplin und der Zeiteinteilung her zu schaffen ist.
    Er ist ein Vollmusiker, der m.E. mehr als Generalist und weniger als Spezialist anzusehen ist. Beide Musikertypen haben ihre absolute Daseinsberechtigung.
    Ich höre Spezialisten ( z.B. Brendel für Beethoven-Sonaten) meistens wesentlich lieber, finde aber den Überblick, und die Breite eines Repertoires an einer Persönlichkeit wie Barenboim durchaus auch sehr faszinierend.
    Es werden aus unterschiedlichen Bereichen Erfahrungen gesammelt, die sich gegenseitig befruchten können.

    Wenn man das nicht in Betracht zieht, dann tut man ihm m.E. schnell Unrecht.
    Dass unter diesen Voraussetzungen in einer Live-Situation, bei der er vom Klavier aus dirigiert, auch einmal Ungenauigkeiten vorkommen können, wenn nicht müssen, kann man sich denken, denn irgendwann stösst selbst ein Barenboim an menschliche Grenzen.
    Zwar wünscht sich jeder Musiker für sich selbst und um des Werkes willen immer absolute Perfektion. Live gibt es aber dafür keine Garantie und man sollte da nicht zu ungnädig werden.
    Die hohe Erwartungshaltung liegt darin begründet, dass man heutzutage eben die Perfektion von CDs gewohnt ist.
    Zu den Entstehungszeiten der Werke hätte man den ein oder anderen Patzer wahrscheinlich nicht als so tragisch angesehen, wie man es heute, mit durch Tonkonserven verwöhnten Ohren tut.


    teleton : ich kann mich Deinen ausgewogenen Aussagen im Grossen und Ganzen anschliessen.


    Gruss :hello:
    Glockenton

  • Bei aller Kritik an diesem Thread ist es doch interessant wie unterschiedlich ein Dirigent - im speziellen Fall Barenboim - wahrgenommen werden kann. Es sei an dieser Stelle festgestellt, daß es nicht Aufgabe eines Forums sein kann ein allgemein gültiges Werturteil im Sinne einer Kritik zu fällen, sondern es werden hier lediglich subjektive Meinungen gepostet.
    Egal wie dieselben letztlich ausfallen, profitiert der "Besprochene" in letzter Konsequenz von diesem Thema, da er in den Focus des Interesses gerückt wird, und zahlreiche "Neutrale" sich ein Bild machen wollen, was in der Regel zu erhöhtem CD. Umsatz führt....


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Lieber Alfred :



    so sehe ich es in etwa auch .


    Der Gewinner auch von "Negativthreads" über die Bedeutung eines Interprten ist hier immer der Leser und Mitleser . Er wirsd dadurch in vielen Fällen angeregt , sich zumnidest einige der erwähnten Aufnahmen zu kaufen .


    Ich erinnere mich sehr genau an eine Korrespondenz über Daniel Barenboim mit einem professionellen Muiskritiker , der mir etwa 2000 schreib, dass sein Zugang und Verständnis für eine Reihe der Mozartwerke für Klavier durch ein längeres gespräch mit Mr. Barenboim sich deutlich verändert habe , weil dieser ihm eben seine Sicht auf Moazert dargelegt habe .


    Dass ist in einem Klassikforum wohl rein technisch kaum möglich - oder ?


    Barenboim ist hier ja nicht willkürlich zerrissen worden . Es sind , soweit die Beiträge die Musik als Inhalt hatten, eben persönliche , also rein subjektive Wahrnehmungen niedergeschreiben worden . Mehr nicht.


    Man könnte in dann anderem Zusammenhang durchaus über vieljährige Aktivitäten von Herrn Barenboim - idealerweise mit ihm - diskutueren .


    Barenboim ist n i c h t der Mann, der einer noch so in der Sache hart geführten Diskussion ausweichen würde . Das ist erfreulicherweise so .


    Mr. Barenboim hat nie zu den vielen "Schweigern " gehört .


    Das schätze ich an ihm sehr .


    Bin sicher , ginge dies, dass
    Daniel Barenboim zu einem Gespräch bereit wäre .


    Da gibt es ehr viel unbedeutendere Namen, die dies niemals machen würden und auch nicht könnten.


    Daher war dieser Thread durchaus auch erfolgreich - vor allem auch für diesen Künstler mit einer enormen Erfahrung .


    Und wie ich die in Zusammenhang mit Karl Böhm vor kurzem geschreiben hatte : Böhm ist nicht umsonst von der UNO seinerzeit eingeladen worden anlässlich der Menschrechte ein Konzert zu dirigieren .


    So wird Mr. Barenboim eben auch als ein Musik-Botschafter aufgefasst .


    Dir einen schönen Abend in Wien !


    Frank

  • Ich möchte mich dem langen und sehr verständnisvollem Beitrag von Glockenton uneingeschränkt anschließen.


    Ganz kurz zum Einfluß hinter den Kulissen. Sicherlich gibt es den bei Barenboim - wie bei allen anderen Musikern, die wir kennen, auch. Man muss die richtigen Agenten kennen, die die richtigen Personen in den Theatern kennen, die die richtigen in den Plattenfirmen kennen, die die richtigen in Medien kennen usw. Klar! Ein intelligenter und ehrgeiziger Musiker plant seine Karriere, genauso wie ein entsprechender Schauspieler, Politker, Manager, Sportler oder was weiß ich. Natürlich hat B. das auch gemacht und das ist auch sein gutes Recht.


    Ich habe B. verschiedentlich im Konzert und in der Oper gehört. (Schubert 8., Bruckner 7., Fidelio, Ring, Lohengrin, Verdi-Requiem, Tristan). Er hat mich nie so überzeugt, dass er an die erste Stelle meiner Beliebheitsskala gerückt wäre, aber ich war immer mit dem Gesamteindruck zufrieden. In jeder seiner Aufführungen gab es für mich gute und auch weniger gute Stellen. Aber immer konnte ich sicher sein, dass ich wenigstens ein gerüttelt Maß an Qualität zu hören bekam. Das ist nicht immer der Fall.


    Interessant übrigens der Vergleich von Glockenton B. mit Thielemann, der sicher zutreffend ist. Während ich Thielemann durchaus sehr schätze, ist das bei B. nicht in dem Ausmaß der Fall. Warum weiß ich gar nicht genau.


    Vorletztes Jahr konnte ich B. nun das erstemal als Pianist erleben. Brahms 1. und 2. an zwei Abenden mit Dohnanyi in Hamburg. Ehrlich gesagt war ich begeistert. Mag er technische Probleme gehabt haben, das kann ich nicht beurteilen, aber es war eine menschlich berührende und sehr flüssige Interpretation.


    Übrigens konnte ich ihn nach seinen Auftritten beobachten. Er kam nämlich in den Saal, um Dohnanyi bei seinem Schumann zu verfolgen. Ich war erstaunt, mit welch einer Bescheidenheit er um Platz bat und auch während der Aufführung, die er sehr intensiv verfolgte, immer wieder bemüht war, niemandem die Sicht zu nehmen. Das hatte ich in dieser Form noch nicht erlebt.


    Vielleicht sollte man auch nicht seine Erfolge um die Berliner Staatsoper vergessen. Sicherlich ist nicht alles Gold was glänzt und Barenboim hat wohl auch eine Machtposition inne, an der man nicht leicht vorbei kommt. Das haben andere in ähnlichen Positionen übrigens auch. Er hat es aber geschafft, die Staatsoper wieder zu einem der führenden und beachteten Häuser zu machen, mit einem übrigens hervorragenden Ensemble.


    :hello: Gustav

  • Zitat

    Original von novecento
    man müsse vielmehr seinen Ansatz hoher Subjektivität bei gleichzeitigem tiefsten Werkverständnis zum Vorbild nehmen,


    Was für eine schöne Formulierung - das sollte meiner Meinung nach bei jeder Interpretation, egal ob Orchester, Soloinstrument oder Gesang für den /die Interpreten das erstrebenswerte optimum sein.


  • Hallo Wolfram,
    Ich würde mich dem anschließen.....allerdings kann ich ja nur von meinem persönlichen Geschmack ausgehen und meine "Laien-Kriterien" in die Waagschale werfen. Ein Beispiel : vor ca drei Jahren habe ich zwei Abende in der Staatsoper verbracht. 1. Vorstellung MACBETH mit Gielen: das Dirigat ging mir unter die Haut, es war Spannung von der 1. bis zur letzten Sekunde---2. Vorstellung DON GIOVANNI mit Barenboim: ich habe gelitten, zwar hatte ich einen eher "romantisches" Dirigat erwartet ......aber nicht mit soooo viel Blei im Hintern, die Tempi waren extrem langsam. M.E. hatten es die Sänger mit diesen Tempi auch schwer. Kurze Zeit davor oder danach habe ich den Mozart-Zyklus an der "Komischen Oper" mit Kyrill Petrenko gehört............Welten lagen zwischen seinem exakten, federnden, teils feurigem und trotzdem fein ausgeleuchtetem Dirigat und Bareboims doch eher gleichmacherisch, teils lautem, für meine Ohren eher undifferenziertem Dirigierstil.


    Gruß..............."Titan"

  • Lieber Luis,


    erst mal vielen Dank für Deinen leidenschaftlichen Beitrag zum Thema!


    Interessant fand ich den Vergleich mit den jungen Dirigenten und Pianisten unserer Tage (Stadtfeld, Frey; Dudamel, P. Järvi u. a). Bei diesen ist uns der weitere Weg noch unbekannt.


    Bei Barenboim ist uns der weitere Weg aber bekannt. Und man kann sich eine Meinung darüber bilden, ob der auf Tonträgern vorliegende Output des Daniel Barenboim auf einem Niveau ist, das zu seinen hohen Positionen im Musikleben passt.


    Hier meine ich, dass dem nicht so sei. Einige Beispiele habe ich genannt. Weitere könnte ich anfügen. - An Liveerlebnissen kann ich nur ein im TV übertragenes Saisonabschlusskonzert der Berliner Philharmoniker von der Berliner Waldbühne anfügen ("Lateinamerikanische Nacht" oder so ähnlich), wo man sehen konnte, wie grandios sich Herr Barenboim auch mal verschlagen konnte. Mehrmals in diesem Konzert geschehen. Ein Zeichen unprofessioneller Vorbereitung. Den Philharmonikern sei Dank, dass sich das nicht schlimmstmöglich auf das akustische Ergebnis ausgewirkt hat.


    Ich bestreite nicht die Ausnahmebegabung des Herrn Barenboim und kenne durchaus (wenige) exemplarische Einspielungen. Bruckner 5. mit BPO ist ein Beispiel - grandios, wie auch in diesem Thread und im Thread zu diesem Werk beschrieben. (Bruckner 4. ist ein krasses Gegenbeispiel, das man neben der fantastischen 5. kaum fassen mag.)


    Diese exemplarischen Einspielungen belegen seine außergewöhnliche Begabung. Ein "durchschnittlicher" wird nie eine außergewöhnliche Einspielung vorlegen, genauso wenig wie ein durchschnittlicher Sprinter aus Versehen Weltrekord über 100m läuft. - Potenzial und Arbeitseinsatz müssen sich ergänzen. Barenboim liefert trotz größten Potenzials meistens Durchschnittliches, manchmal Inakzeptables, siehe Waldbühnenkonzert mit BPO. Darum scheint mir eine Divergenz zwischen seinen Positionen und seinem Output vorzuliegen.


    Der Hinweis auf Solti ist stichhaltig - Dutzende von Einspielungen hat er vorgelegt, bei vielen davon gehört er zu den empfehlenswerten Interpreten des jeweiligen Werken. Eben! Solti! Bei Barenboim ist es halt leider nicht so. Ich meine, dass dieses Argument eher meine Position untermauert.


    Ich finde Barenboim vergleichbar mit Placido Domingo. Beide absolvieren ein fast übermenschliches Arbeitspensum, beide sind irrsinnig hochbegabt, so dass sie mit geringem Arbeitseinsatz bereits sehr, sehr viel erreichen, wofür andere viel härter arbeiten müssten. Meine Hypothese ist, dass sie sich mit diesem dann zufrieden geben und nur selten danach streben, das zu erreichen, was wenigen zu erreichen vorbehalten ist. Das mache ich den beiden auch nicht zum Vorwurf. Es ist deren eigene Entscheidung, bei 150 Terminen pro Jahr eben nur 80% ihrer Möglichkeiten abzuliefern anstatt bei 20 Terminen jeweils 100% (zumindest meistens). (Carlos Kleiber behandelte dieses bekanntlich genau entgegen gesetzt - seine CDs sind fast durchweg Referenzeinspielungen.)


    Der Verweis auf Barenboims Religion ist aus meiner Sicht off topic. Dieses Thema wollte ich nicht anschneiden und distanziere mich von dieser Diskussion. Ich wollte nur meine Wahrnehmung einer Divergenz zwischen Barenboims Positionen und seinem Output hinweisen und dazu den Diskurs - zugegeben mit provozierendem Unterton - anstoßen.

  • Zitat

    Original von Gustav


    Übrigens konnte ich ihn nach seinen Auftritten beobachten. Er kam nämlich in den Saal, um Dohnanyi bei seinem Schumann zu verfolgen. Ich war erstaunt, mit welch einer Bescheidenheit er um Platz bat und auch während der Aufführung, die er sehr intensiv verfolgte, immer wieder bemüht war, niemandem die Sicht zu nehmen. Das hatte ich in dieser Form noch nicht erlebt.




    Eine interessante Begebenheit, die ein Licht auf den Mensch Daniel Barenboim wirft, nachdem bislang - bis auf wenige, leider auch fehlegeleitete Einwürfe - hauptsächlich dem Musiker Aufmerksamkeit geschenkt wurde.


    Für mich zeigt dieses für berühmte Solisten (die im Normalfall noch vor der Konzertpause verschwinden, so sie nicht aufgrund iherer Jugend und damit noch nicht ausreichenden Bekanntheit auf eine Autogrammstunde angewiesen sind) ungewöhnliche - sehr menschliche - Verhalten auch eines:



    Herr Barenboim überschätzt sich selbst wohl nicht.


  • Genauso habe ich es auch empfunden. Dazu passt auch:


    Zitat

    von Titan:
    1. Vorstellung MACBETH mit Gielen: das Dirigat ging mir unter die Haut, es war Spannung von der 1. bis zur letzten Sekunde---2. Vorstellung DON GIOVANNI mit Barenboim: ich habe gelitten, zwar hatte ich einen eher "romantisches" Dirigat erwartet ......


    Gielen habe ich an der Staatsoper auch schon erleben dürfen (Lulu), aber auch Abbado. Was wäre man in Hamburg froh, wenn man Dirigenten solchen Schlages einmal erleben würde. Albrecht hatte noch keine Angst, Thielemann dirigieren zu lassen. Seit Metzmachen und Young kommt mögliche Konkurrenz nicht mehr ins Haus. Barenboim scheint da keine Probleme zu haben.


    :hello: Gustav