Schicksalsschläge für Komponisten und Dirigenten

  • Hallo Forianer,


    ich bin heute bei der Arbeit auf folgendes gestoßen:


    Zitat

    Schlimmer als bilnd sein ist nicht sehen wollen!


    Mir kam dazu einiges in den Sinn und ich entschloss mich, dieses Thema zu starten.


    Ich dachte nach und da kam mir der Gedanke, den Spruch etwas abzuwandeln:


    Schlimmer als taub sein ist nicht hören wollen!


    Da kam mir doch glatt Beethoven in den Sinn, der ja bekanntlich taub war.


    Auch mit Stummheit ist dies ja Möglich:
    Schlimmer als stumm sein ist nicht reden wollen!
    Also dachte ich mir, dass auch wir mal über solche Schicksalsschläge in der klassischen Welt reden sollten!


    Leider ist mein Horizont nicht sehr groß auf diesem Gebiet und deshalb hoffe ich auf euch!


    Denn jetzt die Frage:


    Welche Komponisten und Dirigenten lebten wie Beethoven mit solchen Belastungen und eigentlich auch Hindernissen? Schafften sie es wie er ihre Liebe und ihr Talent weiter zu leben? Brachten sie ihre Gefühle auch in ihren Werken zum Ausdruck?


    Viele Fragen die man auch noch weiterführen könnte...


    Gruß Maik

  • Georg Friedrich Händel erblindete 1751/52 auf dem linken Auge ganz, auf dem rechten fast - sicherlich auch ein Schicksalsschlag für solch einen genialen Menschen!


    Gruß
    Don Felipe

  • Hallo Felipe,


    Händel hat nach dieser fast kompletten Erblindung ja noch gut 7Jahre gelebt.
    Weißt du, ob er dennoch weiter komponierte oder damit seine Karriere als Musiker beendet war?
    Oder hat er sich danach andersweitig mit Musik auseinandergesetzt?


    Gruß, Maik

  • Mir kommt da Schumann in den Sinn, der in seinen letzten Jahren immer stärker unter Wahnvorstellungen litt. Ich glaube, er hörte im Kopf himmlische Musik, aber dann auch wieder Musik, die aus der Hölle zu kommen schien und ihn in tiefe Verzweiflung stürzte. 1854 musste er sein Amt als Musikdirektor in Düsseldorf aufgeben und versuchte Selbstmord zu begehen. Deswegen verbrachte er danach den Rest seines Lebens in einer Nervenklinik, wo er 1856 starb.

    Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die Menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.
    - Albert Einstein (1879-1955)

  • Zitat

    Original von Maik
    Hallo Felipe,


    Händel hat nach dieser fast kompletten Erblindung ja noch gut 7Jahre gelebt.
    Weißt du, ob er dennoch weiter komponierte oder damit seine Karriere als Musiker beendet war?
    Oder hat er sich danach andersweitig mit Musik auseinandergesetzt?


    Gruß, Maik


    Hallo Maik,


    Zitat aus Wikipedia:


    "Händel komponierte sein letztes neues Oratorium Jephtha im Jahr 1752. Im Verlaufe der Arbeiten daran zeigt sich, wie er mehr und mehr erblindete. Dennoch wandte er sich noch Ende 1756 dem Oratorium The Triumph of Time and Truth zu, das zwar im Wesentlichen eine Überarbeitung eines älteren Werks ist, aber dennoch eine große Menge neuen Materials enthält. [...] Die Uraufführung fand am 11. März 1757 im Covent Garden Theatre statt [...]"


    "Er unterzog sich erfolglosen Operationen, eine davon durch den gleichen Chirurgen, der Bachs Augen operiert hatte. Es gibt Hinweise, dass er während seiner letzten Jahre zeitweise sehen konnte, aber nach Mai 1752 gewann er sein Augenlicht praktisch nicht mehr zurück. Er beaufsichtigte weiterhin Aufführungen seiner Werke und spielte zwischen den Akten seine Orgelkonzerte, die er teilweise improvisierte. Weiterhin schrieb neue Arien oder überarbeitete ältere. Das Oratorium The Triumph of Time and Truth benutzt zu einem wesentlichen Teil Material aus dem früheren italienischen Il Trionfo del tempo. Händel besuchte noch eine Woche vor seinem Tod eine Aufführung des Messiah."


    Gruß
    Don Felipe

  • Zu Schumann kann man aber auch etwaige Gründe sagen, wodurch er diese Wahnvorstellung bekam...oder wodurch er eben in den Wahnsinn getrieben wurde!


    So war es für ihn eine furchtbare Demütigung, dass er NUR als Begleiter seiner Gattin Clara auf Konzerttourneen der europaweit bekannten Pianisten fungierte...dabei steckten ihm manche diskret Geld zu, was ihn zutiefst kränkte! Auch wenn er große Geldsorgen hatte.


    Auch fühlte er sich nicht für ernst genommen...denn es gab immer wieder Streitigkeiten und Unstimmigkeiten mit seinem Orchester, dass ihm teilweise regelrecht auf der Nase rumtanzte!


    Gruß, Maik

  • Salut,


    zum Thema "Blindheit" fällt mir eigentlich in erster Linie Johann Sebstian Bach ein:


    Bach war von Kind an kurzsichtig. Da es zu seiner Zeit noch keine geeigneten Gegenmassnahmen gab, verschlechterte sich sein Sehvermögen "zusehens". 1749 unterzog sich Bach dem sogenannten Starstechen und wurde damit wohl einer der berühmtesten "gestochenen" der Geschichte. Es gibt glaube ich darüber eine spezielle Anekdote. Eine gefürchtete Komplikation des Starstechens war eine sehr schmerzhafte Entzündung des Auges, welche bei Bach eintrat und ebenfalls zur fast vollständigen Erblindung führte.


    Wenn ich vor die Wahl gestellt würde, nicht mehr Hören oder nicht mehr Sehen zu können, so würde ich mich derzeit für Letzteres entscheiden.


    cordialement
    Ulli

  • Lieber Maik ,
    Schumanns "Wahn" ist ei Prozess im psychiatrischen Sinne ( s.: K Jaspers : Allgemien Psychopathologie ; C. Scharfetter : Allgemien Psychopathologie ; K. Schneider : Klinische Psychopathologie ; H-J Möller u.a " Psychiatrei ; 3. A. 2005 ) und keine "Entwicklung" . Die Krankheitsurasachen in Schumanns frühere Lebenspahase sind nach wie vor umstritten . Schizophrenie , manisch-depressive endogene Psychose ; schwere Persönlichkeiststörunng im Sinne der heutigen Klassifikationen nach ICD-10 oder DSRM-IV . Später propfte sich die aus einer Syphilies hervorgegengene Progressive Paralyse auf ( also eine sogenannte organische Psychos ebzgl. ihre psychopathologischen Bildes ; ansonsten ist die P.P. eine neurolgische Krankheit -vgl.: W Scheid : Neurologie , 5. A; 1983 und Brandt / Dichgans / Diener : Verlauf und Therapie neurolgischer Krankheiten -.
    Diese schseren Krankheiten waren auch Ursache für Schumanns Selbsstötungsversuch durch sein "Gehen" in den eiskalten Rhein in Düsseldorf ( Er konnte nur knapp durch Schiffer vor dem Ertrinken gerettet werden ) .
    Der dritte Punkt Deiner Ausführungen beruht auch vor allem darauf , dass Schuman als Musikchef hier in Düsseldorf - verglichen mit seinen Vorgängern - kein ebenso guter Dirigent war . I übrigen war er ein sehr schwer kranker Mann .
    Viele Grüsse
    Frank

  • Hallo,


    Ich habe mir (anlässlich des Threads "War Robert Schumann zum Tode verurteilt ?) die alten Diagnosen herausgesucht.
    Als Laie kan man fast JEDE Vermutung über Schumanns krnakheit äussern, ohne damit in Konflikt zu kommen: Fast jede mögliche Diagnose wurde damals gestellt. Von der Schizophrenie (damals noch unter dementia praecox bekannt, die Bezeichung "Schizophrenie wurde erst 1908 von Eugen Bleuler eingeführt) über die Manisch- depressive Psychose, bis hin zu Hysterie - wurde so ziemlich alles diagnostiziert.


    Angeblich war die Prognose bei Schumann von Anbeginn an schlecht, weil große Ausbrüche (die als günstiger beurteilt wurden) fehlten, und stattdessen eine psychische Abstumpfung eintrat..
    Man konnte damals die Krankheiten schlecht einteilen , bessern und heilen. Der voraussichtliche Verlauf war aber bekannt.


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

  • Zitat

    Ulli fragt


    welche Rolle spielt Johannes Brahms in diesem Zusammenhang?


    Hallo Ulli,


    ich finde, das ist eine sehr interessante Frage! Hast du dazu eventuell eine eigene Theorie?


    Ich könnte mir einerseits schon vorstellen, daß Brahms deutlich zur Verschärfung der Ehekrise der Schumanns beigetragen hat. Andererseits war aber ausgerechnet Brahms einer der ganz wenigen - wenn nicht der Einzige - der Roberts Musik wirklich verstanden hat. Meiner Meinung nach hat Clara von Roberts Musik nicht wirklich viel verstanden. Man muß nur mal die Variationen über das Albumblatt aus op. 99 von Brahms mit denen von Clara vergleichen. Nicht nur ist Brahms der bessere Komponist - was ja auch niemand wundern dürfte - Brahms erfaßt auch kongenial die tiefe Trauer und den tiefen Schmerz dieses Albumblatts, während das Thema bei Clara nur den Hintergrund bildet für wuchernde Arabesken und Efeuranken.


    Liebe Grüße
    Heinz

  • Hallo Frank,


    Zitat

    Schumanns "Wahn" ist ei Prozess im psychiatrischen Sinne


    Da stimme ich dir voll und ganz zu, aber alles hat Ursachen.
    Denn auch Psychische Störungen treten nicht urplötzlich auf, sondern haben Grund und Ursache. Diese sind immer unterschiedlich und auch bei ein und der selben Person sehr vielseitig.
    So gehört auch die nervliche Belastung hinzu...die körperlichen oder besser die geistigen Krankheiten werden zumeist von solchen nervlichen Belastungen hervorgerufen und sind letztendlich Resultat vieler Dinge, die auf einen einwirken.
    Ich bin der Meinung, das der frühe Ursprung schon dort anfängt und sich mehr und mehr steigert...letztendlich von den Krankheiten oder "Störungen" zum "Wahn".



    Zitat

    dass Schuman als Musikchef hier in Düsseldorf - verglichen mit seinen Vorgängern - kein ebenso guter Dirigent war


    Das ist richtig und eben dies war ja auch der Grund für seine dortigen Probleme.
    Danke für die Ergänzung :jubel:


    Gruß, Maik

  • Zitat

    ich finde, das ist eine sehr interessante Frage! Hast du dazu eventuell eine eigene Theorie?


    Salut,


    Theorie wäre übertrieben und eigentlich anmassend... dazu kenne ich Schumann und Brahms wirklich zu wenig. Das, was ich in Baden-Baden erfahren habe, lässt jedoch darauf schließen, daß Brahms irgendwie nicht "nur" Familienfreund und "Betreuer" war. Stichhaltiges gibt es darüber jedoch nicht unbedingt und Spekulieren halte ich nicht für sonderlich angebracht. Ich denke schon, dass hier auch die künstlerische wie zwischenmenschliche "Eifersucht" mit im Spiel war... Brahms war eben der physisch und psychisch stärkere, zumindest zu Lebzeiten Schumanns. Wenn man allerdings die Bilder aus den letzten Lebensjahren Brahm's betrachtet [es handelt sich bereits um Photos!], so kommt mir doch der Gedanke an eine Art "Reue", die sich in Form des "Vollaufenlassen" geäußert hat.


    Zur Verteidigung Clara Schumanns übrigens: Sie war zwar [auch] Komponistin, in erster Linie jedoch eine ganz herausragende Pianistin. Darin hat sie sicherlich auch ihren Mann weit übertroffen. Das spiegelt sich natürlich in ihren Werken wieder, ganz klar - die Technik brilliert hier, sonst wenig. Ähnlich kann ich den Werken Fanny Mendelssohns musikalisch relativ wenig abgewinnen - ich habe Werke von ihr gehört, ohne zu wissen, dass sie "von einer Frau" komponiert wurden - also völlig unvoreingenommen.


    Schumann, denke ich, stand musikalisch etwas hinter Brahms, pianistisch weit hinter seiner Frau und war gesundheitlich schon immer angeschlagen. Nicht gerade gute Vorzeichen [#b]. Welche Erfolge hatte denn Schumann zu Lebzeiten neben dem großen Brahms zu verzeichnen?


    bien cordialement
    Ulli

  • Hallo,


    Bedrich Smetana erlitt ebenso den Beethoven'schen Schicksalsschlag.
    1874 wurde er taub und schwer krank.
    Er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, komponierte aber, soweit es ging, weiter.
    Wenn ich mich nicht irre, ist auch das "Vaterland" in dieser Zeit entstanden. ?(
    Smetana hatte zudem einen starken Tinnitus und wurde kurz vor seinem Tod noch in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.


    Er hat es demnach auch nicht gerade leicht gehabt...



    Gruß, Peter.

  • Hallo Peter,


    Smetana vollendete im Jahre 1874 "Die Moldau" zusammen mit dem ersten Teil „Vyšehrad“.
    Die Uraufführung fand am 4. April 1875 in Prag statt.
    Das heißt also, dass er "Mein Vaterland" unter den erschwerten Bedingungen vollendete.


    Gruß, Maik

  • Hallo,


    mir ist zu Beethoven noch was eingefallen...


    Es war ja meist so, dass die Komponisten, besonders ihre Werke, auch selbst dirigierten. Denn wer anders könne sich besser hineinversetzen, als der "Macher" selbst?
    Er weiß, wie ihr das Musikwerk zu interpretieren hat und wie und wo gefühlvoll betont werden muss und wo das Orchester aus sich herausgehen muss!


    So hat ja auch Beethoven, trotzdem er ja schon längst taub war, darauf bestanden, seine Werke zu leiten.
    Dies jedoch nicht immer mit Erfolg...oder besser meist. Seine "Assistenten" legten ihm sehr häufig während des dirigieren einen Zettel auf den Pult auf dem dann in etwa stand:
    Es hört sich grauenvoll an. Das Orchester spielt nicht zusammen und harmoniert nicht!
    Beethoven hatte dies ja gar nicht mitbekommen...wie auch, er war ja taub.


    Danach ging Beethoven voller Wut und Traurigkeit ruckartig aus dem Saal...
    Verständlich.


    Das Orchester konnte nicht das umsetzen, was er verlangte, er aber dachte, sie schaffen das und in seinen Gedanken, in seinem musikalischem Gehör, klang es immer grandios...


    Gruß, Maik

  • Ich habe mal über das Thema nachgedacht und mir ist das Requiem von Brahms eingefallen. Er hat es meines Wissens nach dem Tod seiner Mutter geschrieben. Vielleicht war diese Tatsache auch für ihn - wie für jeden Menschen - ein herber Schicksalsschlag und Verlust, der ihn zu so herausragender Leistung anspornte. Alles scheint in dieser Partitur so natürlich zu sein und schlägt einen Zirkel. Auch Mozart setzte sich in sein Kämmerlein und schrieb die einzige Moll-Violinsonate, als seine Mutter in Paris starb. Anne Sohpie Mutter spielte sie an jenem Tag, als ihr erster Mann starb. Sie hatte das Programm an diesem Tag plötzlich abgeändert. So gibt es viele Kompositionen, die einen Schicksalsschlag voraus haben. Auch das Berg-Violinkonzert zählt dazu. Im April bis August 1935 unterbrach Berg seine Arbeit an der Oper Lulu, tief erschüttert über den Tod der erst 18 -jährigen Manon Gropius, mit welcher er eine kindlich-freundschaftliche Beziehung unterhielt. Der Genius und das reine Mädchen, ein Topos der Kunst aus dem wiederum höchste Kunst entstand. Schließlich wurde die Musik zu seinem eigenen Requiem und "schöpft die Späre letzter Gedanken aus", wie "F.S. (Wer ist das ?) im Vorwort der Philharmonia Taschenpartitur schreibt. Wie merkwürdig...Auch Smetana passt in diesen Thread. Er schrieb sein wahnsinniges Klaviertrio g-Moll, nachdem seine Tochter gestorben war.

  • Zitat

    Auch Mozart setzte sich in sein Kämmerlein und schrieb die einzige Moll-Violinsonate, als seine Mutter in Paris starb.


    Salut, fuchsbuhl,


    dies ist ein Irrglaube: Mozart komponierte zwei Mollsonaten in dieser Zeit, das wird - eigentlich immer - vergessen oder der Schönheit der Anekdote wegen unterschlagen:


    1) Klaviersonate a-moll KV 310 [diese meinen die meisten]
    2) Violinsonate e-moll KV 304 [wird immer vergessen]


    Beide wurden im Frühsommer 1778 in Paris komponiert und daher auf KV 300c und 300d "umsortiert". Mozart Mutter starb am 3. Juli 1778...


    bien cordialement
    Ulli

  • Zitat

    Es war ja meist so, dass die Komponisten, besonders ihre Werke, auch selbst dirigierten. Denn wer anders könne sich besser hineinversetzen, als der "Macher" selbst?
    Er weiß, wie ihr das Musikwerk zu interpretieren hat und wie und wo gefühlvoll betont werden muss und wo das Orchester aus sich herausgehen muss!


    Salut, Maik,


    vergiss nicht Schumann in Düsseldorf... als Dirigent - es war offenkundig grauenhaft... man muss ihm allerdings anrechnen, dass er zu dieser Zeit bereits hochgradig krank war.


    Liebe Grüße
    Ulli

  • Hallo,


    auch Béla Bartók schied nicht mit einem wünschenswertem Tod von der Welt.


    Er starb im September 1945 an Leukämie. Diese Krankheit ist immer mit viel Leid verbunden.
    Trotzdem vollendete er 1945 sein Bratschenkonzert sowie sein 3.Klavierkonzert. Wann genau weiß ich nicht, aber vielleicht einer von euch...
    Da ich kein Datum vom Ausbruch der Krankheit habe oder wenigstens der Diagnose, ist es auch eher eine Vermutung, dass er diese Werke noch im Krankheitsstadium vollendete.


    Gruß, Maik

  • Salut,


    es liest sich wie fließendes Wasser, was Béla Bartók am 17. Dezember 1944 an Wilhelmine Creel schreibt:


    [...] Sie schreiben in einem Ihrer Briefe, daß meine Genesung ein wahres wunder sei. Das ist nur mit einigem Vorbehalt wahr: bloß ein hemisemidemi Wunder. Jene Infektion in der Lunge verschwand allerdings auf eine genau so rätselhafte Weise, wie sie gekommen - das wissen Sie bereits aus meinem letzten Brief. Es gibt aber - und das fast ununterbrochen - eine Art von kleinerern Unannhehmlichkeiten, die man vielleicht nie völlig heilen kann und die jedwedes systematische Arbeiten oder Konzentrieren usw. unmöglich machen. Im April letzten Jahres z.B. begann mir die Milz zu revoltieren. Mein Arzt in Asheville dachte an eine Brustfellentzündung. Sehr zuvorkommend, wäre er bereits gewesen, mich zu behandeln, doch zu meinem Glück mußte ich na New York, wo man das Übel gleich erkannte und meine Milz mit einer brutalen Röntgenbehandlung bestrafte. Nachher entdeckten sie irgendeine Anomalie im Blutbild, weshalb sie mich dementsprechend mit Arsen vergifteten. Soll ich fortfahren? Vielleicht doch nicht.


    Vor einigen Wochen sagte ich: "Herr Doktor, verraten Sie mir endlich, was eigentlich meine Krankheit ist. Wählen Sie ein schönes lateinisches oder griechisches Wort und sagen Sie es mir." Nach einigem Zögern erklärte er: "Polyzythämie". Da sind wir ja wieder! Vor nur 2 Jahren bedeutete es zu viele rote Blutkörperschen, jetzt aber zu viele weiße.


    Wahr ist, daß ich mich nicht mehr so aktiv und agil fühle wie vir 4 Jahren und daß ich mich sehr schonen muß, besonders bei schlechtem Wetter usw. Aber ich arbeite - meist "Hausarbeit" - und könnte dabei auch unterrichten. [...]


    Béla Bartók starb am 26. September 1945 in New York.


    Ulli

  • Lieber Ulli ,
    die Frage ist sehr delikat . Meine Meinung ist , dass Johannes Brahms sehr wahrscheinlich der Vater von Felix Schumann ist ( dies lässt sich sehr gut mittels vorliegender Daten und den Berechnungen in der Geburtshilfe berechnen . Felix war sicherlich von allen Kindern Clara Schumanns das in jeder Beziehung ärmste Kind !!! ) .
    An Robert Schumanns Krankheitebn war Brahms natürlich nicht "Schuld" .
    Er wohnt eine zeitlang in der Post-Strasse , die exakt parallel zur Bilker-Strasse verläuft . Dort hatten die Schumanns in der heutigen Nr. 15 gewohnt ( übrigens nach hinten raus ! ) .
    Dass Clara und Johannes eine intime Beziehung hatten , wird von niemandem merh bestritten . Ausser vielleicht von Eva Weissweiler in ihren Büchern .
    Herzliche Grüsse
    Frank

  • Lieber Heinz ,
    der junge Johannes Brahms , der sehr gut ausgesehen haben soll , war nicht der "Ehebrecher" als den ihn einige dazustellen versuchen .
    E r hat sich wie kaum jemand um seinen grossen Mentor Robert Schumann gekümmert . Und später auch um dessen Kinder .
    Irgendwann sollten wir die Akte über die drei protagonisten schliessen .
    Es nutzt niemandem .
    Beste Grüsse
    FRank
    PS.: ich empfehle den Essay von Philip Weiss in dem New York times Magazine , das auch 1999 in DIE ZEIT ausschnittsweise veröffentlicht worden ist :"Mythen werden Menschen" . Erhältlich übder Thomas Kleine-Brockhoff , Die Zeit , Hamburg . F.

  • So,
    mal ein ganz anderer Schicksalsschlag, der nicht´s mit körperlichen Veränderungen (sprich Krankheiten etc.) zu tun hat! 8o


    Dmitri Shostakowitsch (geb. 25.September 1906, gestorb. 9.August 1975) war ein russischer Komponist und erlitt folgenden Schicksalsschlag:


    Da er zur Zeit von Josef Stalin lebte und diesem seine unkenventionelle Musik nicht gefiel, griet er unter Druck. Und zwar höchst persönlich durch Stalin. Denn dieser leitete den Zeitungsartikel "Chaos statt Musik" ein, nachdem er die Uraufführung von Schostakowitschs Oper Lady MacBeth besucht hatte.
    Weil sein Leben danach stark durch stalinistische Verfolgung bedroht war, stellte er sich um. Eine volksnahe und leicht verständliche Musik (nach kommunistischem Vorbild) wurde gefordert!


    Ich finde, wenn man politisch so unter Druck gerät, dass einem der Stil aufgebrummt wird und man sich letztendlich nicht mehr frei entfalten kann, ist das ein derber Schicksalsschlag... ;(
    ...Es gelang ihm 1937 mit seiner 5.Sinfonie sich von dieser "Fesselung" wieder zu "lösen".


    Gruß, Maik

  • Zitat


    der junge Johannes Brahms , der sehr gut ausgesehen haben soll , war nicht der "Ehebrecher" als den ihn einige dazustellen versuchen . E r hat sich wie kaum jemand um seinen grossen Mentor Robert Schumann gekümmert . Und später auch um dessen Kinder .



    Hallo Frank,


    Brahms' Variationen op. 9 über ein Thema von Robert Schumann aus dem Jahre 1854 haben eine Widmung, die lautet folgendermaßen:


    "Kleine Variationen über ein Thema von ihm, ihr zugeignet."


    Brahms war da 20 Jahre alt, Clara 35 und Robert saß im Irrenhaus in Endenich, 44 Jahre alt.


    Man muß sich die Situation nur mal bildlich vorstellen, schön ist das alles nicht.


    Gruß
    Heinz

  • Salut, fuchsbuhl


    manchmal dauert es etwas länger mit dem Denken bei mir... Ergebnis:


    Im Falle Mozart würde ich den Tod der Mutter nicht zwingend als Schicksalsschlag betrachten, wenn man vergleicht, wie er mit dieser Situation seinem Vater brieflich gegenüber umgegangen ist. Als schicksalhaft mag da eher die Situation gewesen sein, als 22jähriger in Paris "die Alte mit umherschleifen zu müssen"...


    :D


    Liebe Grüße
    Ulli

  • Zitat

    Brahms war da 20 Jahre alt, Clara 35 und Robert saß im Irrenhaus in Endenich, 44 Jahre alt.


    Man muß sich die Situation nur mal bildlich vorstellen, schön ist das alles nicht.


    Ich nehm's halt gleich wörtlich:



    Meiner Ansicht nach war die Lage ernst...


    Liebe Grüße
    Ulli

  • de gern an dieser Stelle auch Bilder vom jungen Brahms hier zeigen:



    Das ist aber wohl die Schmeichelei eines Malers ?
    Oder eine Verwechslung ?
    Das Bildnis des Dorian Gray?


    MITNICHTEN !! :D


    ......


    Grüße aus Wien


    Alfred

  • Zitat

    Original von Maik
    Ich finde, wenn man politisch so unter Druck gerät, dass einem der Stil aufgebrummt wird und man sich letztendlich nicht mehr frei entfalten kann, ist das ein derber Schicksalsschlag... ;(
    ...Es gelang ihm 1937 mit seiner 5.Sinfonie sich von dieser "Fesselung" wieder zu "lösen".


    Aber dieser Schostakowitsch hat es so genial verstanden, die Machthaber reinzulegen. In seinem musikalischen Stil nimmt er das sowjetische Regime so dermaßen aufs Korn, dass es schon fast auffällig ist. Die haben aber nichts gemerkt und wenn, konnte Schostakowitsch sagen: "Was denn? Das ist doch genau die Musik, die ihr von mir verlangt?" Dass er sie dabei aber auf sarkastischste Weise hinterging, war den meisten überhaupt nicht bewusst.
    So hat er versucht, Widerstand gegen das totalitäre Sowjet-Regime aufzubauen.



    Gruß, Peter.