Die schönsten Balladen - ihre Dichter und Komponisten

  • Man könnte bei grober Betrachtung meinen, es habe ja nur einen wirlich gropen Komponisten gegeben, der sich den Balladen widmete, nämlich Carl Loewe. Das ist natürlich falsch, heute hat Engelbert einen interssanten Thread über den Komponisten Zumsteeg gestartet, der übrigens VOR Loewe geboern wurde, also kein Epigone ist. Aber auch Schubert und Brahms haben Balladen geschrieben.


    Wurden unlängst in einem anderen Thread Lieder mit Opern verglichen, so trifft dieser Vergleich in besonderem Maße auf Balladen zu. Ich meine natürlich "Ballade " in unserem Sinn des Wortes, denn ursprünglich war die Ballade ein Tanzlied, wie sich unschwer aus dem Wortstamm des Begriffers erkennen lässt.


    Was macht also die Ballade einerseits so interessant, anderseits so selten - nur wenige Komponisten haben sich dem Genre gewidmet (?)
    Vielleicht aber kommen wir im Laufe des Threadverlaufs zu der Erkenntnis, daß es gar nicht sooo wenige waren ??


    Welche Bedeutung haben also Balladen für Euch ? Welches sind Eure liebsten und WARUM. Es sollte jeweils nur EINE Ballade pro Thread bearbeitet werden, aber maximal FÜNF prp mitspieler im gesamten Thread. Da die meisten Teste bereits ausserhalb des Copyrights sind, kann der Text einer Ballade auch veröffentlicht - oder noch besser teilweise zitiert und erläutert werden. Der Gestaltung der Beiträge ist somit keine Grenze gesetzt.


    Es empfhielt sich jedoch - nicht den gesamten Text einer Ballade abzudrucken, um das Interesse wach zu halten, schliesslich soll der Mitleser ja dazu angeregt werden sich dem vorgestellten Genre im allgemeinen und der vorgestellten Ballade im Besonderen mit Interesse oder Neugier zu nähern und sie letztlich zu hören...


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Darf ich - statt eine bestimmte Ballade zu benennen - auf ein wundervolles Buch eines herausragenden Sängers hinweisen, der sich ausführlich mit den Balladen befasst hat:


    Der Bariton Thomas Quasthoff hat in seinem Buch "Ach hört mit Furcht und Grauen - Mein Brevier der schönsten Balladen" eine sehr persönliche Auswahl von Balladen vorgelegt:



    Darin enthalten sind nicht nur die Texte der Balladen selbst, sondern auch seine überaus klugen und oftmals sehr privaten Anmerkungen dazu.


    Viele Grüße,


    Bernd

  • Lieber Alfred ,


    lieber Bernd :



    zunächst ein gesegnetes un d frohes Osterfest in dieser rauhen Zeit .



    Ich darf auf die 4 Balladen für Klavier von Frédéric Chopin hinweisen,
    die bereits Thomas ( Pape im Rahmen seiner Bemühungen um Sanson Francois erwähnt hatte ; EMI ) .



    Das Buch von Quatshoff , einem der hochintelligenten Sänger unserer Zeit wird beald auch zu meiner Lektüre gehören ; danke Dir Bernd !


    Beste Grüsse


    Frank

  • Im Jahre 1986 brachte EMI eine herrliche Kassette mit dem Titel
    Sämtliche Balladen für Soli, Chor und Orchester von Robert Schumann heraus:


    DER KÖNIGSSOHN, op 116, (mit Soffel, Protschja, Grönross, Berry, Meven)
    DAS GLÜCK VON EDENHALL, op. 143, (mit Protschka, Berry, Grönross)
    DES SÄNGERS FLUCH, op 139, (mit Moser, Berry, Grönross, Protschka, Soffel)
    VOM PAGEN UND DER KÖNIGSTOCHTER, op. 140 (mit Audrey Michael, Soffel, Berry, Gramatzi, Lindner, Protschka, Meven, Andreas Schmidt)


    Der Dichter der erstgenannten drei Balladen ist Ludwig Uhland, die verbleibende dichtete Emanuel Geibel.


    Es dirigieren Bernhard Klee und Heinz Wallberg die Düsseldorfer Symphoniker.


    Cover-Bildchen habe ich nicht mehr gefunden.
    Man Kann davon ausgehen, dass zum Schumann-Jahr 2010 EMI die Werke neu auflegt.


    X(


    Bei diesen Balladen, handelt es sich schon um kleine Oratorien. Typisch für die Balladendichtung der Romantik ist ihr schauriger Inhalt. 'Das Klagende Lied' von Gustav Mahler gehört eigentlich auch in diese Kategorie, doch der Komponist hat das Werk als Kantate verpackt.


    X(


    Bei der Klavier-Ballade wird nur in Tönen erzählt, dem Zuhörer ist es überlassen, sich einen literarischen Inhalt auszudenken.


    Die Ballade mit Klavierbegleitung kommt über das Volumen eines Liedes in einer oder mehreren Strophen nicht hinaus. Eventuell gesellt sich noch eine Klarinette hinzu.


    Die Chorballade ist orchestral meistens üppig ausgestattet.


    :angel:
    Engelbert

  • Ob grob oder fein betrachtet - Carl Loewe ist in diesem Genre schon eine Klasse für sich.
    Archibald Douglas - das ist ja schon fast "große Oper", wenn es gut gesungen wird, zum Beispiel so, wie es Dietrich Fischer-Dieskau vorträgt.


    Von diesem Stück habe ich etwa 30 Interpretationen (sogar mit einemTenor), also oft gehört, aber ich bin immer wieder gespannt, wie die Geschichte denn ausgeht...


    Und noch eine Frage an Fachleute:
    Warum wird mal "Duglas" und mal "Dagles" gesungen?
    Der Sänger wird doch bestimmt entsprechend beraten, denk ich mir...

  • Zitat

    Und noch eine Frage an Fachleute:
    Warum wird mal "Duglas" und mal "Dagles" gesungen?
    Der Sänger wird doch bestimmt entsprechend beraten, denk ich mir...


    Ich vermute, daß es sich einmal um die ENGLISCHE, das andere Mal um die SCHOTTISCHE Aussprache handelte (?)
    DUglas wäre demzufolge Schottisch !


    Wers besser weiß soll mich berichtigen



    mfg aus Wien


    Alfred

  • Für Balladenfreunde:
    Es muss nicht immer große Oper sein, aber das ist fast große Oper!
    Durch den Tipp eines Taminos kam ich heute in den Besitz einer etwas außergewöhnlichen Balladen-CD. Das Besondere ist, dass diese Platte nur zwei Musikstücke enthält.


    Der Komponist ist Johann Rudolf Zumsteeg
    Es singt Bernd Weikl / Piano Wolfgang Sawallisch
    Die aufgeführten Stücke:


    Die Entführung Text Gottfried August Bürger (Spieldauer 25:13)
    Des Pfarrers Tochter von Taubenhain Text Gottfried August Bürger (Spieldauer 20:57)

  • Auch ich halte Carl Loewe für einen der herausragenden Balladenkomponisten.


    Eine sehr schöne Aufnahme gibt es auch vom jungen Hermann Prey aus dem Jahre 1962, begleitet von Günter Weissenborn, seinem seinerzeit ausgezeichneten Liedbegleiter.
    Auf dieser CD sind Herr Oluf (Herder), Erlkönig, Die wandelnde Glocke, Hochzeitslied, Der getreue Eckard (alle Goethe), Tom der Reimer (Altschottisch), Heinrich der Vogler (Vogl), Graf Eberstein (Uhland), Prinz Eugen (Freiligrath) und eben auch Archibald "Duglas" (Fontane).
    Sehr empfehlenswert!
    EMI CDZ 25 3065 2


    Liebe Grüße


    Willi ;)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber William,


    Du schreibst in Deinem Beitrag
    Dein Zitat:
    Auch ich halte Carl Loewe für einen der herausragenden Balladenkomponisten.


    Aus meiner Sicht war Carl Loewe der Balladenkomponist, wer ragte denn aus Deiner Sicht noch heraus? Dass auch andere Komponisten mal die eine oder andere herausragende Ballade geschrieben haben steht außer Frage, aber die Menge der ganz bekannten Balladen, die Loewe in Musik gesetzt hat ist erstaunlich und bewundernswert, ja einmalig!


    Übrigens möchte ich auch die Loewe-Einspielungen von Dietrich Fischer-Dieskau wärmstens empfehlen (1969 / 1982)

  • Carl Loewe, der Balladen Spezialist und selber ein Sänger, schrieb über 400 Balladen.


    Heute hörte ich im Radio Kurt Moll mit der Ballade "die Uhr", dieser Text ist wunderschön und macht sehr nachdenklich.


    Ich trage, wo ich gehe,
    Stets eine Uhr bei mir;
    Wieviel es geschlagen habe,
    Genau seh ich an ihr.


    Es ist ein großer Meister,
    Der künstlich ihr Werk gefügt,
    Wenngleich ihr Gang nicht immer
    Dem törichten Wunsche genügt.


    Ich wollte, sie wäre rascher
    Gegangen an manchem Tag;
    Ich wollte, sie hätte manchmal
    Verzögert den raschen Schlag.


    In meinen Leiden und Freuden,
    In Sturm und in der Ruh,
    Was immer geschah im Leben,
    Sie pochte den Takt dazu.


    Sie schlug am Sarge des Vaters,
    Sie schlug an des Freundes Bahr,
    Sie schlug am Morgen der Liebe,
    Sie schlug am Traualtar


    Sie schlug an der Wiege des Kindes,
    Sie schlägt, will's Gott, noch oft,
    Wenn bessere Tage kommen,
    Wie meine Seele es hofft.


    Und ward sie auch einmal träger,
    Und drohte zu stocken ihr Lauf,
    So zog der Meister immer
    Großmütig sie wieder auf.


    Doch stände sie einmal stille,
    Dann wär's um sie geschehn,
    Kein andrer, als der sie fügte,
    Bringt die Zerstörte zum Gehn.


    Dann müßt ich zum Meister wandern,
    Der wohnt am Ende wohl weit,
    Wohl draußen, jenseits der Erde,
    Wohl dort in der Ewigkeit!


    Dann gäb ich sie ihm zurücke
    Mit dankbar kindlichem Flehn:
    Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben,
    Sie blieb von selber stehn.

  • ......war selbstverständlich Carl Loewe; kein anderer hatte sowohl pianistisch als auch sängerisch einen so hohen Anspruch an sich selbst, wenn er sang und sich dazu in hinreissender Weise am Flügel begleitete. Wenn es um Lieddarbietungen geht, trauen sich viele nicht an Loewe heran, weil er technisch (z.B. im Nöck), darstellerisch (Odins Meeresritt, Edward, Archibald Douglas, Elvershöh u.v.a.m.) oder emotional (Süsses Begräbnis) einem Sänger alles abverlangt. Sie sind noch heute die beste Vorbereitung und Schule zur Einführung in das dramatische, besonders in das Wagner-Fach. Wie kein Anderer zauberte Loewe Atmosphäre in jeden noch so kleinen Salon und sein Bann zieht die Menschen nach wie vor in den Focus ernster Betrachtung, hautnahen Erlebens, traumsüssen Dahinschwelgens und herzzerreissenden Empfindens.


    Die Aussprache "Duhglas" ist übrigens nicht schottisch, sondern deutsch, fussend in der Annahme aus dem Altgriechischen, wo omikron und ypsilon zu einem gedehnten U verschmelzen. Im Schottischen Gälisch entspricht das u dem deutschen.

  • Wenn hier schon über Balladen gesprochen wird, sollte man auch auf Heinrich Marschner hinweisen. Selbst Publikationen, die das Liedschaffen Marschners eher negativ beurteilen, attestieren, dass dem Komponisten hier "Schöpfungen von packender Dramatik" gelungen sind, die sich durchaus mit Balladen Loewes messen können.
    Wer noch nie ein Lied von Marschner gehört hat, kann diese Lücke - zumindest teilweise - bei YouTube schließen.
    Dort ist ein sieben-Minuten-Fragment von "Der Sänger", op.7 (das gesamte Lied hat eine Spieldauer von 13:34) mit der Stimme von Peter Anders zu hören.


    Wer mehr über den Lied-Komponisten Marschner wissen möchte, kann sich im speziellen Thread informieren.

  • Bei den Balladen geht es eigentlich in den meisten Fällen um höchst ernste Dinge: Haupt- und Staatsaktionen, menschliche Konflikte, Fragen von Ehre und Gewissen, Liebe, Not und Tod. Eine Ballade, bei der das durchaus nicht so ist, die ganz von Heiterkeit, geistvollem Witz und feiner Ironie lebt, ist Goethes „HOCHZEITLIED“.


    Ein Mann des niederen Adels, er nennt sich selbst ein „Gräflein“, kommt von einem Kreuzzug zurück und findet „sein Schlösslein“ in Trümmern, „Diener und Habe zerstoben“. Und jetzt kommt die erste schöne Stelle in dieser Ballade:


    Da bist du nun, Gräflein, da bist du zu Haus,
    Das Heimische findest du schlimmer!
    Zum Fenster, da ziehen die Winde hinaus,
    Sie kommen durch alle die Zimmer.
    Was wäre zu tun in der herbstlichen Nacht?
    So hab ich doch manche noch schlimmer vollbracht,
    Der Morgen hat alles wohl besser gemacht.
    Drum rasch bei der mondlichen Helle
    Ins Bett, in das Stroh, ins Gestelle.“


    Er legt sich in sein Stroh, verfällt in einen Halbschlaf und hört plötzlich ein Geräusch. Eine Ratte, denkt er, und will endlich einschlafen. Da steht ein kleiner Zwerg vor ihm. „Mit Rednergebärde und Sprechergewicht“ erklärt er dem Grafen, dass man mit seiner Ankunft eigentlich hier nicht gerechnet habe. Die Zwergengesellschaft möchte gerne in dieser Nacht eine große Hochzeit feiern. Der Graf hört sich das an und erwidert, „im Behagen des Traumes“: „Bedient euch nur immer des Raumes“.


    Und jetzt entfaltet sich eine Zwergenhochzeit, die Goethe mit unvergleichlichem Sprachzauber erstehen lässt.


    Da kommen drei Reiter, sie reiten hervor,
    Die unter dem Bette gehalten;
    Dann folget ein singendes, klingendes Chor
    Possierlicher, kleiner Gestalten;
    Und Wagen auf Wagen mit allem Gerät,
    Daß einem so Hören und Sehen vergeht,
    Wie´s nur in den Schlössern der Könige steht;
    Zuletzt auf vergoldetem Wagen
    Die Braut und die Gäste getragen.


    Was dann sich ereignet, klingt in Goethes Sprache so:


    Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt,
    Da ringelt´s und schleift es und rauschet und wirrt,
    Da pispert´s und knistert´s und flüstert´s und schwirrt;
    Das Gräflein, es blicket hinüber,
    Es dünkt ihn, als läg er im Fieber.


    Und das Ende der zauberhaften Geschichte? Das „Gräflein“ feiert selbst seine eigene Hochzeit, dort auf diesem wieder aufgebauten „Schlösslein“, Jahre später.


    Ich kannte (und liebte) diese Ballade schon, noch bevor ich Loewes Vertonung kennenlernte. Ich mochte nicht glauben, dann man solch einen geistvollen Sprachzauber überhaupt angemessen in Musik setzen kann. Als ich dann aber diese Loewe-Ballade zum ersten Mal hörte, war ich tatsächlich überrascht: Sie traf genau diesen Ton der unernsten Ernsthaftigkeit, der den Zauber dieser Ballade ausmacht.


    Mit den beiden ersten Versen entfaltet sich das musikalische Thema der Ballade: Melodisch überaus einprägsam, in ariosem Strahleton. Und das Verblüffende ist, - dieses Thema wird durchgehalten bis zum Schluss. Allerdings in vielfältiger Weise modifiziert und variiert. Manchmal erkennt man es kaum wieder, so verwandelt ist es, aber es prägt weiter den Grundton der Ballade.


    Hierin, in der Fähigkeit der Situationsschilderung mit musikalischen Mitteln, liegt eine der großen Stärken Loewes. Das macht ihn als Balladen-Komponisten wohl einmalig. Wenn das Gräflein „im Behagen des Traumes“ spricht, bewegt sich die Singstimme in tiefen Lagen und das Klavier folgt ihm ganz bescheiden dorthin. Setzt aber die Schilderung der Zwergenhochzeit ein, dann tanzt die melodische Linie der Singstimme lebhaft in hohen Lagen und das Klavier entfaltet einen wahren Feuerzauber an elfenhaften Klängen.


    Und am Ende, wenn es um die eigene, in ihrer Prächtigkeit höchst reale Hochzeit geht, ist der ganz große Ton der Ballade wieder da. Großartig, - das alles!

  • Vielleicht ist zu dieser Ballade noch eine kleine ergänzende Anmerkung von Interesse. Sie stellt an ihre Interpreten nicht unerhebliche Anforderungen. Heikel ist besonders eine solche Stelle wie diese:


    Da ringelt´s und schleift es und rauschet und wirrt,
    Da pispert´s und knistert´s und flüstert´s und schwirrt;…


    Da gerät ein Sänger, wenn er sich nicht höllisch konzentriert, sehr schnell ins Stolpern. Selbst bei einem Sänger wie Dietrich Fischer-Dieskau, der allergrößten Wert auf sorgfältige Artikulation legt und diese auch perfekt beherrscht, meint man an dieser Stelle zu hören, welche Anforderungen sie sprachlich an den Interpreten stellt.

  • Wäre ich nicht im Urlaub gewesen, hätte ich diese Anmerkung gemacht. Eine Meisterleistung des Komponisten und eigentlich nur von Dietrich Fischer-Dieskau singbar!
    Das ist unbeschreiblich, man muss es einfach gehört haben!


    Seit vielen Jahrzehnten besitze ich diese Aufnahme mit Jörg Demus am Piano als Langspielplatte (inzwischen natürlich auch als CD).
    Die Informationen waren damals recht dürftig: Aufnahmeleiter Reiner Brock, Toningenieur Hans-Peter Schweigmann - das Aufnahmedatum wird nicht verraten, aber Dietrich Fischer-Dieskau war hier auf dem Höhepunkt seines Schaffens, es könnte eine Aufnahme um 1970 herum sein. Was sagt Monika Wolf dazu?

  • Also, - erstens freue ich mich, dass der Name hart hier wieder auftaucht. Ich freue mich tatsächlich, denn mich plagte immer mehr die Angst, hier auf dem Liedforum würden sich inzwischen nur noch drei Taminoaner aufhalten und miteinander über Lieder sprechen und schreiben. Keine schöne Vorstellung, wenn ich an das bunte Treiben zurückdenke, das ich vorfand, als ich selbst das Liedforum betrat. Hoffentlich hängt das eine nicht mit dem anderen zusammen. Keine neue Befürchtung, die ich da habe!


    Nun aber zu der Frage nach dem Aufnahmedatum der Fischer-Dieskau/ J. Demus-Platte: Das Aufnahmedatum ist Juli 1968, der Aufnahmeort München. Fischer-Dieskau hat zusammen mit J. Demus zwei Schallplatten bei der DG mit Loewe-Balladen aufgenommen. Neben der erwähnten gibt es auch noch eine Lp, die im November 1979 erschien. Beide Lps wurde dann später als Doppel-CD veröffentlicht. Das könnte 1996 gewesen sein (bin aber nicht ganz sicher!).


    Von Fischer-Dieskau gibt es auch noch Loewe-Interpretationen zusammen mit Gerald Moore (September 1967) und Hartmut Höll ( 1987). Vom "Hochzeitlied" gibt es aber nur diese eine Aufnahme.


    Und die ist der Tat ein sängerisches Meisterwerk. Ich kenne noch zwei andere Interpretationen: Die von Hermann Prey in seiner Lied-Edition (Bergleitung: Karl Engel) und Klaus Mertens ( Begleitung: Norman Shetler), letztere auf einer CD von NCA, 1996.


    Ich habe mir eben alle drei Aufnahmen des Hochzeitlieds noch einmal hintereinander angehört, und das Ergebnis ist eindeutig. Die Fischer-Dieskau-Aufnahme ist mit Abstand die beste! Nur er bringt den feinen Witz dieser Ballade voll zum Ausdruck, das, was ich die "unernste Ernsthaftigkeit" nannte. Und er nimmt die Ballade deutlich schneller als die beiden anderen, so dass sich beim Auftritt der Zwerge eine wahrer Ton- und Sprachzauber entfaltet, - so wie Loewe das auch gewollt hat.


    Klaus Mertens trägt die Ballade aus meiner Sicht viel zu behäbig vor. Er braucht eine ganze Minute mehr als Fischer-Dieskau. Dabei hat er zwar keine Probleme mit der von mir erwähnten neuralgischen Stelle ( die Prey übrigens auch hat! ), aber der Interpretation fehlt der spritzige Ton, den ich bei dieser Ballade für unabdingbar halte. Im Vergleich zu Fischer-Dieskau wirkt die Interpretation nichtssagend, vielleicht sogar ein wenig langweilig (Mertens möge mir verzeihen!).


    Hermann Prey bemüht sich durchaus, den geheimen Witz dieser Ballade zum Ausdruck zu bringen. Er versetzt sich in die jeweilige Situation, und man hört, wie er beim Singen lächelt oder schmunzelt. Auch um den Zwergen-Ton bemüht er sich, aber man hört deutlich, dass seine Stimme etwas zu schwer ist, nicht flexibel genug, um diesem lebendigen Zauber des nächtlichen Hochzeitsgeschehens voll gerecht zu werden. Beser als die Aufnahme von Mertens ist die von Prey aber allemal.


    Bleibt als Bilanz dieses Interpretationsvergleichs: Fischer-Dieskau ist - wieder einmal - singulär! Und singulär ist natürlich auch die Komposition von Loewe. Diese Ballade hat es in sich! Übrigens: Das könnte sehr wesentlich auch mit der lyrischen Sprache Goethes zu tun haben. Aber ich will nicht schon wieder mein Steckenpferd reiten.

  • Still ist es hier! Eben sehe ich: Fünfundsiebzig Benutzer sind zur Zeit hier im Forum zugange. Hier aber, im Liedforum herrscht Stille. Vor mir liegt jede Menge an Beiträgen, die ich in verschiedenen Threads einzubringen hätte. Was aber hält mich davon ab, das zu tun?


    Hier zum Beispiel könnte ich noch einiges sagen zu der Inspiration, die ganz offensichtlich von Goethes Sprache auf Carl Loewe ausgegangen ist, - im Falle des "Hochzeitlieds". Der Beitrag ist fertig formuliert. Aber ich habe das dumpfe Gefühl: Das interessiert wahrscheinlich niemanden.


    Dabei klingt das so schön:


    "Da dappelt´s und rappelt´s und klappert im Saal
    Von Bänken und Stühlen und Tischen …"


    Loewe hat diese Verse wirklich ganz wunderbar in Musik gesetzt! Kennt denn niemand sonst hier auf diesem weiten Forum diese Ballade und könnte etwas dazu sagen?

  • Zitat

    Kennt denn niemand sonst hier auf diesem weiten Forum diese Ballade und könnte etwas dazu sagen?


    Also ich kenne die Ballade - und hatte sie eins auf LP mit Prey und Fischer-Dieskau. Ich habe noch in Erinnerung, daß Fischer Dieskau - seinem Naturell entsprechend . die Stelle mit der Zwergenhochzeit - spritziger , pontierte gestaltete, die Stimme war vermutlich flexibler.
    Aber das Besondere an der Vertonung der Ballade ist meuines Erachtens, die Fähigkeit Loewes, den Intentionen des Dichters zu folgen - ja sie vielleicht sogar zu übertreffen. Wie aristokratisch doch der Beginn, welche gräfliche Erhabenheit schon vom ersten Ton an. Dann jene stillere Stelle, wo der Graf mit dem derzeitigen Zustand seines Schlösschens konfrontiert ist - und das Gegebene gelassen hinnimmt.
    Interessant die stelle wo das Zwergenvolk erscheint. Von Goethe exakt gezeichnet, von Loewe sogar an Detailreichtum übertroffen,


    Zitat

    "Da dappelt´s und rappelt´s und klappert im Saal
    Von Bänken und Stühlen und Tischen …"


    Hier ist nichts majestätisches mehr, hier ist das quirlige Leben geschildert
    noch dazu en Miniature
    Eine ähnliche Beschreibung gibt Jonathan Swift in seinem Buch
    Gullivers Reisen, als Gulliver bei den Zwergen landet.


    Ich konnte mich in meiner Jugend nie ganz festlegen, ob der Graf die Geschichte nun geträumt hatte
    ("der Graf im Behagen des Traumes...")
    oder ob hier "Realität " - als Traum getarnt dargestellt werden sollte
    Ich meine hier unter "Realität" beispielsweise jene, die wir im "Riesenspielzeug"
    von Adalbert von Chamisso vorfinden - hier wird kein Traum geschildert, sondern eine
    (angebliche) vergangene Realität....
    Wie dem auch sei, als die Vision vorbei ist -
    finden Goethe und Loewe wieder zurück auf den Boden der Realität
    - und genauso aristokratisch wie die Ballade begonnen hat - so endet sie auch.


    Eine weiter Frage die sich mir stets stellte, war, ob hier eine hübsch, wirkungsvolle Geschichte erzählt werden sollte, oder ob es noch eine versteckte Botschaft gibt, beispielsweise, daß jener, der die "kleinen Leute" leben lässt - selbst auch "belohnt " wird - Aber das gehört schon in den Bereich der Spekulation



    Interessanterweise habe ich bei meiner Recherche derzeit kaum erhältliche Aufnahmen von ihr im Netz gefunden


    mit freundlichen Grüßen in Wien


    Alfred

  • Aber ja, -


    es ist zunächst einmal ein Traum. Goethe war viel zu sehr poetischer Realist, um sich in - romantische - Phantasmagorien zu verlieren. Es heißt ja: "im Behagen des Traumes". Was Goethe sagen wollte, enthüllt sich am Ende der Ballade: Dieses Leben birgt in sich die Möglichkeiten, die der Mensch sich in Form von phantastischen Wunschträumen ausmalen mag. Und manchmal werden sie Realität. Im "Faust" heißt es: "Am farbigen Abglanz haben wir das Leben". "Abglanz" ist aber immer etwas, hinter dem ein ungleich Größeres steht.


    Zu der Frage (Zitat): ... ob hier eine hübsch, wirkungsvolle Geschichte erzählt werden sollte, oder ob es noch eine versteckte Botschaft gibt, beispielsweise, daß jener, der die "kleinen Leute" leben lässt - selbst auch "belohnt " wird - "


    Dieser Gedanke schwingt in der Ballade durchaus mit. Denn er entspricht ja dem Grundton: "Bedient euch nur immer des Raumes". Dieser Aristokrat war einer so recht nach Goethes Sinn. Deshalb hat er auch eine Ballade über ihn geschrieben.


    Es ist eine, die mich immer schon in Bann geschlagen hat. Ich glaubte nicht, dass man sie vertonen kann. Loewe hat mich eines Besseren belehrt, und das ist gar nicht verwunderlich!


    Ich freue mich über die Grüße aus Wien, - und das, was damit einherging!

  • Es sind nicht die sich in den Höhenregionen eines Adorno ergehenden Kommentare, die einen hier im Liedforum zum Nachdenken anregen, nein, - es sind solche gedanklichen Erwägungen, wie sich einen in dem Beitrag von Alfred Schmidt gefunden habe. Dort heißt es:


    „Aber das Besondere an der Vertonung der Ballade ist meines Erachtens, die Fähigkeit Loewes, den Intentionen des Dichters zu folgen - ja sie vielleicht sogar zu übertreffen.“

    Stimmt das denn, - habe ich mich gefragt? Dass Loewe den Intentionen des Dichters zu folgen vermag, ist wohl unbestreitbar. Aber kann er ihn – vielleicht - sogar übertreffen? Ich muss zugeben, dass sich beim Hören der Ballade dieser Eindruck einstellen mag. Woran liegt das?


    Ich glaube, es liegt daran, dass Loewe sich nicht nur in die spezifische Eigenart der dichterischen Sprache einzufühlen vermag, es liegt hier im besonderen daran, dass er von dem Sprachspiel Goethes mit Lauten und Konsonanten, wie es in den folgenden Versen zu lesen ist, fasziniert war und sich kompositorisch angeregt und herausgefordert fühlte:


    Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt
    Da ringelt´s und schleift es und rauschet und wirrt,
    Da pispert´s und knistert´s und flüstert und schwirrt,
    Das Gräflein, es blicket hinüber,
    Es dünkt ihn, als läg er im Fieber.
    Da dappelt´s und rappelt´s und klappert im Saal
    Von Bänken und Stühlen und Tischen …



    Die Singstimme bewegt sich zunächst abwärts und wird von herunterpurzelnden Läufen im Klavierdiskant verfolgt und umspielt. Dann aber deklamiert sie auf jeweils ansteigenden Tonebenen jeweils einen Vers silbengetreu und erreicht bei dem von dem Vokal „i“ und den Dentallauten geprägten Vers den Höhepunkt.


    Bei dem Vers, der von dem Vokal „a“ und den Labiallauten geprägt ist, setzt die Stimme in tiefer Lage neu an und vollzieht denselben Anstieg auf jeweils einer Tonhöhe. Und immerzu vollführt das Klavier seine irrwitzigen Läufe im Diskant, die ganz offensichtlich das Gewusel der vielen Zwerge musikalisch abbilden soll.


    Die Meisterschaft Loewes besteht eben in genau dieser Kunst, eine Situation mit musikalischen Mitteln zu schildern und vor dem Auge des Hörers erstehen zu lassen. Es ist nicht so, dass er Goethe in seinen dichterischen Intentionen übertreffen würde, er erschließt eher mit seinen musikalischen Mitteln das, was in der dichterischen Sprache virulent ist, was man aber beim stillen Lesen nicht ohne weiteres erfasst.


    Ich habe, um das einmal zu überprüfen, eine alte Schallplatte mit von Schauspielern gesprochener Goethe-Lyrik auf den Plattenteller gelegt und Ernst Ginsberg gelauscht, wie er das „Hochzeitlied“ Goethes spricht. Und siehe: Loewes Musik klang im selben Augenblick mit auf, Wort für Wort, Vers für Vers. Er hat musikalisch erschlossen, was ich beim stillen Lesen der Verse nicht vernahm, sondern erst bei einer deklamierenden Realisation der Sprache Goethes hören konnte.


    Ähnlich ging mir das vor kurzem übrigens mit den Gedichten der „Winterreise“. Schon seit längerer Zeit besaß ich eine CD, auf der Gert Westphal diese Gedichte Wilhelm Müllers liest (auch die der „Schönen Müllerin“ übrigens). Al sich sie aus einer reinen Laune heraus vor kurzem auflegte, um die Gedichte der „Winterreise“ von einem großen Könner gesprochen zu hören, war ich auf der Stelle in Bann geschlagen und lauschte buchstäblich mit offenem Mund.


    Mehrere Gedanken gingen mir danach durch den Kopf. Der erste: Das ist tatsächlich die ganz erstaunliche lyrische Leistung eines Mannes, der ansonsten als Lyriker recht wenig zu sagen hatte.


    Der zweite: Ich hörte immer wieder Schuberts Musik aufklingen. Nicht weil sie mir nun einmal vertraut ist, sondern weil ich meinte, diese Verse, die ich da eben gesprochen hörte, können gar nicht anders klingen, als Schubert sie in Musik gesetzt hat. Es ist das nahezu unglaubliche Einfühlungsvermögen Schuberts in lyrische Sprache, das mir in diesem Augenblick wieder einmal bewusst geworden ist.


    Den dritten Gedanken muss ich nicht näher ausführen. Er drehte sich um die hier im Liedforum von anderer Seite verschiedentlich vertretende Auffassung, Müllers Lyrik sei im Grunde minderwertig.

  • Einen kleinen Nachtrag möchte ich noch zu meinem letzten Beitrag machen. Er betrifft die von Alfred Schmidt angeschnittenen Fragen.


    Wenn ich, von der Ballade „Hochzeitlied“ ausgehend, einen Blick auf das werfe, was ich ansonsten noch von Loewe kenne, dann glaube ich folgendes feststellen zu dürfen: Die Größe des Balladen-Komponisten Loewe wurzelt letzten Endes in seiner Fähigkeit zu szenisch-imaginativem Denken. Es ist diese Fähigkeit, die er in seiner Autobiographie selbst als ursprüngliche Naivität bezeichnet hat. Er kann sich musikalisch ganz unmittelbar in das szenische Geschehen einer Ballade versetzen.


    Wer wissen möchte, was ich damit meine, möge sich einmal die Ballade „Der Nöck“ anhören, insbesondere die musikalische Gestaltung der „Szene“ „Die Nöck erhebt die Augen, / Sieht an die Kleinen…“.


    Man kann das hier im „Hochzeitlied“ schon bei den ersten Versen erkennen. Bei Goethe ist das so eine Art epische Exposition. Und genau dieses macht auch Loewe daraus. Mit einer Art Quartsprung setzt die melodische Linie der Singstimme ein, und sie entwickelt in den folgenden Takten einen strahlend feierlichen Ton, der wie ein Hinweis auf die Bedeutsamkeit dessen wirkt, was jetzt folgend wird.


    Und ähnlich ist das dann am Schluss der Ballade. Auch hier wieder dieser episch breite, bedeutsame Grundton. Und wenn Goethe mit einer raffinierten rhythmischen Störung des Versmaßes dem Wort „Unzählige“ (…“selige Leute“) besonderes Gewicht gibt, dann setzt sich Loewe souverän darüber hinweg, weil es ihm, aus musikalischen Gründen, um die Gestaltung des letzten Verses geht. Der muss seine Komposition abschließen und sie rund machen. Und das tut er ja dann auch, und zwar auf eine musikalisch beeindruckend lapidare Weise.


    Goethe wäre damit voll einverstanden gewesen.

  • Es ist ja nicht nur dieses "Hochzeitslied"; es ist eine Fülle bester musikalischer Einfälle in beachtlicher Qualität und Quantität, die uns dieser Komponist hinterlassen hat.


    Loewe war ganz nahe bei seinem Publikum; er durfte kein "Langweiler" sein!


    Es fehlt mir jedes Verständnis dafür, diesen Mann als "bieder" zu bezeichnen, nur weil er in einer anderen Zeit gelebt hat. Tier- und Fabelballaden (es gibt eine LP aus dem Jahre 1973 mit Wolfgang Anheisser mit diesem Titel) hatten eben zu Loewes Zeit eine andere Bedeutung als heute.
    Elfen und Heinzelmännchen haben natürlich inzwischen allerhand an Attraktivität verloren. Loewes vokales Werk ist so gewaltig, dass es schmerzt, dass diese Kunstwerke einem breiteren Publikum verborgen bleiben.
    Es fällt schwer, die "besten" Stücke zu nennen, weil es so viele sind ... und welche Spannweite der Gefühle ...


    Ja, ich stimme zu - Carl Loewe hat manchmal die Texte übertroffen und er hat sich an vielem versucht ... Da ist Fontanes "Archibald Douglas", ein Stück von hoher Dramatik (die manche fragwürdige Operninszenierung weit übertrifft) oder Rückerts "Der Papagei" (op. 111) ein völlig anders Stück.


    Natürlich brauche ich den Nöck nicht anhören (der Loewe-Freund hat ihn drauf) - ein großartiges Stück mit exzellenter Gesangslinie ...


    Sollte man nicht den Versuch machen, einige Loewe-Stücke näher zu beleuchten - so wie das "Hochzeitslied"?

  • Immer noch habe ich die Hoffnung, dass man mich in meiner Auffassung, dass Klaus Mertens diese Ballade, wie ich meinte, sängerisch "zu behäbig" vorträgt, bestätigt oder mir widerspricht. Selbst für letzteres wäre ich dankbar, weil ich längst fest davon überzeugt bin, dass der Aspekt des Singens, was das Lied betrifft, hier im Forum inzwischen viel zu kurz kommt.


    Allmählich bekommt man hier im Forum den Eindruck, Lieder bestünden primär aus Worten, die mal so oder so in Musik gekleidet sind. Über Musik redet man ja auch. Aber erst einmal wird ein gewaltiger Hickhack um Worte gemacht.


    Kurioses Verständnis von Lied! Es scheint aus dem Bewusstsein geraten zu sein, dass Lieder dazu da sind, gesungen zu werden. Und dass man sie nur als gesungene wirklich erfassen und verstehen kann.

  • Da haben sich zwei Beiträge buchstäblich überschnitten. Vielleicht hätte ich nicht geschrieben, was ich eben gerade zum Ausdruck gebracht habe, hätte diese Überschneidung nicht stattgefunden. Obwohl, - in der Sache habe ich nichts zurückzunehmen.


    Ich bin dankbar, harts Ausführungen über Loewe hier lesen zu können und werde darauf antworten, wenn ich darüber nachgedacht habe!

  • Kurioses Verständnis von Lied! Es scheint aus dem Bewusstsein geraten zu sein, dass Lieder dazu da sind, gesungen zu werden. Und dass man sie nur als gesungene wirklich erfassen und verstehen kann.

    So eine Überraschung zu dieser späten Stunde!
    Dies von dieser Stelle zu hören, hat mich doch sehr erstaunt ...


    Zu Klaus Mertens: Der Sänger hat sich große Verdienste erworben und die NCA-CD "Lieder und Balladen nach Goethe" ist für den Loewe-Liebhaber erfreulich, weil sie gute Musik verbreiten hilft, aber das 18. Lied ist eben was ganz Besonderes - gegen Fischer-Dieskau "verliert" wohl jeder andere Interpret, wenn man das "Hochzeitslied" zum Maßstab nimmt.

  • Hart meint: "So eine Überraschung zu dieser späten Stunde!"

    Was ich in besagtem Beitrag äußerte, klingt nur vordergründig überraschend, weil ich meine Haltung zuvor noch nicht mit dieser Radikalität artikuliert habe. Ich vertrete sie aber schon immer!


    Nach wie vor bin ich der Meinung, dass Liedanalyse eine sinnvolle Sache ist, weil sie den Sinn schärft für das, was ein Kunstlied zu sagen hat. Ich bin sogar der Überzeugung, dass liedanalytische Kenntnisse dabei hilfreich sind, die Qualität einer sängerischen Interpretation zu beurteilen. Wie ich das meine, ist in einem Beitrag zum Thread „Winterreise. Zyklus der Verzweiflung“ nachlesbar, das Lied „Die Post“ betreffend.


    Allerdings musste ich auch lernen, dass eine Verabsolutierung dieser Art des Umgangs mit dem Kunstlied äußerst negative Folgen für das Liedforum hat: Es führt zu einer sinnlichen Verödung desselben. Wenn Liedanalyse mit einer gewissen Ausschließlichkeit betrieben wird und zudem noch in der Form, dass sie mit einem hohen Abstraktionsgrad und damit einhergehender gedanklicher Komplexion erfolgt, dann hat das zur Folge, dass viele Taminoaner gar nicht mehr am Dialog über das Lied teilnehmen können und sich vor allem diejenigen abwenden, die sich in erster Linie von der sanglichen Seite aus mit dem Kunstlied beschäftigen.


    Meine diesbezüglichen Befürchtungen, die ich bereits vor längerer Zeit im Thread „Schumanns Opus 39“ äußerte, haben sich bestätigt. Wir sind hier im Liedforum zur Zeit nur noch zu viert!


    Zum letzten Mal habe ich meine Bedenken im Thread „Die Winterreise in liedanalytischer Betrachtung“ vorgebracht, und zwar in meinem Beitrag „Gedanken während der Rast“ (Nr.247, vom 17. Mai). Dort nahm ich wie folgt Bezug auf einen Beitrag von hart:


    „Hart fragte, mit Blick auf unseren Winterreise-Thread“: „Wie soll ein junger Sänger an dieses Stück herangehen, wenn er das alles gelesen hat? Und wie soll und muss ich die Winterreise hören?“ Mit dem Unterton von Beschwörung fügte den Appell hinzu „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“


    Ich fügte an:
    Dieses „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“ entspringt doch letzten Endes dem Gefühl, von all dem liedanalytischen und interpretierenden Wortschwall, auf den man in diesem Thread stößt, in der Offenheit einer rezeptiven Haltung dem musikalischen Werk gegenüber beschränkt und eingeengt, wenn nicht sogar gegängelt zu werden. Wenn der Inhalt eines Threads solche Reaktionen auslöst, hat das dann noch einen Sinn, was da zu lesen ist?


    Die Antwort, die ich darauf bekam, liest sich wie folgt (Zitat farinelli, Betrag vom 18. Mai):


    „Das allgemeine Desinteresse an ästhetischer Analytik ist ein hoffnungsloses Ideal für den Analytiker; die Theorielosigkeit der Masse der Rezipienten kein methodischer Leitfaden für eine Theorie.“


    Es steht mir nicht zu, die aus dieser Äußerung sprechende Grundhaltung zu kommentieren oder zu kritisieren. Allerdings kann ich sie in gar keine Weise nachvollziehen, was Konsequenzen für ein eigenes Verhalten hier im Lied-Forum hat.

  • "Theorielosigkeit der Masse" - so etwas muss man sich auf der Zunge zergehen lassen ...


    Wer ist denn das, diese theorielose Masse? Sind das 500 Leute, die einen Liederabend besuchen?


    Eine Analyse kann in bestimmten Bereichen sehr sinnvoll sein, aber wenn nach einer Analyse nur noch aufgelöste Teile herumliegen, ist die ursprüngliche Schönheit mitunter nicht mehr erkennbar.

  • Ich bin mal wieder hoffnungslos zu spät dran und kann zudem nur einge Gedankenfetzen beitragen, ohne dafür garantieren zu können, daß sie hierher passen.


    Zunächst "Hart":


    Zitat

    Es fehlt mir jedes Verständnis dafür, diesen Mann als "bieder" zu bezeichnen, nur weil er in einer anderen Zeit gelebt hat.


    Das Problem m ist hier, daß - ähnlich wie beim Wort "Elite" oder "brav" sich die Bedeutung gewandelt hat. Aus dem ursprünglichen Positivbegriff ("rechtschaffen") wurde ein Negativbegriff ("Spießbürger", bzw "hausbacken, langweilig"


    und hier Helmut Hofman


    Zitat

    Ich habe, um das einmal zu überprüfen, eine alte Schallplatte mit von Schauspielern gesprochener Goethe-Lyrik auf den Plattenteller gelegt und Ernst Ginsberg gelauscht, wie er das „Hochzeitlied“ Goethes spricht. Und siehe: Loewes Musik klang im selben Augenblick mit auf, Wort für Wort, Vers für Vers. Er hat musikalisch erschlossen, was ich beim stillen Lesen der Verse nicht vernahm, sondern erst bei einer deklamierenden Realisation der Sprache Goethes hören konnte.


    Es stellt sich (mir) an dieser Stelle jedoch die Frage, ob Ginsberg die Texte nicht in einer Schallplatte gehört hat - und somit von ihnen beeinflusst war........