Rossini: Il Barbiere di Sivigliia - Schwetzingen 1988

  • Rossini: Il Barbiere di Siviglia


    Libretto von Caesare Sterbini nach Pierre Augustin Caron de Baumarchais


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    Aufzeichnung aus dem Rokokotheater Schwetzingen (Festspiele 1988 )


    Inszenierung und Ausstattung: Traditionell



    Generelle Beurteilung : SEHR GUT



    Dauer 157 Minuten


    Graf Almaviava: David KUEBLER
    Figaro: Gino QUILICO
    Rosina: Cecilia BARTOLI
    Doctor Bartolo: Carlos FELLER
    Don Basilio: Robert LLOYD
    Fiorello: Klaus BRUCH
    Berta: Edith KERTESZ-GABRY
    Ambrogio: Paul KAPELLER
    Offizier. keine Angabe
    Notar: keine Angabe


    Chor der Oper Köln – RSO Stuttgart


    Dirigent: Gabriele FERRO
    Regie: Michael HAMPE
    Bühnenbild: Ezio FRIGERIO
    Kostüme: Mauro PAGANO



    Ich habe diese Aufzeichnung als eine von drei gekauft, als Alternative zut
    Pappano Einspielung – eine weitere Aufnahme wird demnächst folgen



    Der Vorgang hebt sich und man fühlt sich ins nächtliche Sevilla des 18. Jahrhunderts versetzt, genau wie man es auf alten Gemälden immer wieder dargestellt findet.
    Die Szene ist in nächtliches Dunkel gehüllt, die Musiker desgleichen. Sie tragen
    Laternen mit sich um die nächtliche Szene wenigstens einigermaßen zu beleuchten.
    Die Realitätsnähe ist kaum zu überbieten. Man fühlt sich in der Tat in die Zeit des Geschehens hineinversetzt- so suggestiv wirkt die Szene mit dem nächtlichen Ständchen


    Die Kostüme von Mauro Pagano sind farblich dezent einheitlich in beige, braun gehalten und unterstreichen den Anspruch der Realität noch.
    Graf Almaviva, der als Lindoro seiner geliebten Rosine ein Ständchen bringt, bzw bringen lässt. Ist jeder Zoll ein Edelmann, mit seinem Dreispitz, seiner eleganten, aber dennoch dezenten Kleidung, und seinen eleganten Bewegungen. Man sollte meinen, es wäre nachdem ich zwei Tage zuvor Florez gehört habe, unmöglich dieser Qualität nahezukommen, aber dem ist nicht so. Küblers Tenor ist dunkler, weniger metallisch, aber sehr angenehm, Von ihm lässt man sich gern ein Ständchen bringen.



    Die Protagonisten sind eigentlich eher sympathisch gezeichnet, es gibt weder eine Dicke Haushälterin Berta mit einer Knollennase, noch einen alten Deppen Bartolo, sondern eine ältere Dame, die den Haushalt führt und den durchaus durch seine Würde beeindruckenden Dr. Bartolo, der zumeist ein leicht grantiges Gesicht macht, jedoch hier weder als Bösewicht, noch als lächerliche Figur an sich präsentiert wird,


    Rosina, die Bartoli war noch keine 25 als sie die Rolle spielte, ist eine der berühmtesten Rosinas der letzten Jahre überhaupt. Ich empfand sie als reifer, als sie dem Alter nach sein konnte, und es fehlte ihr das spitzbübische, das ich in dieser Rolle erwarte (Reri Grist).
    Stimmlich natürlich perfekt, es handelt sich bei meiner Bemerkung um eine sehr persönliche,,,


    Figaro. Kann Quilico seinem Kollegen Pietro Spagnoli Paroli bieten ?
    Stimmlich nicht unbedingt, wobei ich mir hier nicht ganz sicher bin, denn die etwas kleinere Stimme (was vor allem bei der Auftrittsarie auffällt) passt gut zur Person. Während Spagnolis Figaro ein eher derber, kumpelhafter ist , betont Quilico hier das „Leporello“ – Element,
    ein wenig listig, quirlig und verspielt, aber auch mit Wirkung auf Frauen, der er sich sehr wohl bewusst ist. Die Bewegungen sind anmutig und gezielt – vermutlich aber alles Kalkül….
    Allein die gezierte Verbeugung nach der „Faktotum“-Arie ist ein Kabinettstück der Galanterie – das schreit geradezu nach Applaus. (den das Publikum auch gerne spendet)


    War Florez als betrunkener Soldat eigentlich sehr gut, so übertrifft ihn Kübler um Längen.
    Allen dieses immerblöde grinsende Gesicht eine halbe Stunde lang durchzuhalten verdient Respekt. Vom Grafen Almavivia ist in dieser Szene nichts mehr zu sehen…-eine perfekte Verwandlung.


    Fantastisch auch die Rolle des „Basilio Schülers“ Don Alonzo, der schmierige schleimig mit verstellter Stimme agiert, und kaum als Graf zu erkennen ist. Küebler ist ein wahres Chamäleon.


    Die Verleumdungsarie ist hier völlig anders angelegt als in der Alternativaufnahme aus London. Es wird das Bedrohliche betont. Allerdings bleibt auch der Witz nicht auf der Strecke: Die Funktion einer Verleumdung wird demonstriert, wobei sich Don Basilio eines Regenschirms bedient. Mir ist übrigens noch nie , wie gerade bei dieser Aufnahme bewusst geworden über welch interessante Stimme Lloyd verfügt.



    Die Szene, wo die Wache durch den betrunkenen Soldaten angelockt wird ist auch hier
    sehr lustig dargestellt, der Offizier hat mindestens 50 Kilo zu viel und agiert äußerst ulkig, Fast hätte ich vergessen zu erwähnen, dass in dieser Inszenierung viele Gruppenauftritte mehr oder wenig choreographisch durchorganisiert sind, ein tänzerisches Element sich durch das gesamte Stück zieht…


    Die Gewittermusik ist sehr eindrucksvoll gestaltet, man sieht (beinahe!!) echte Blitze und der Regen rinnt , der Wind stößt die Fenster auf und wirbelt die Gardinen auf..


    In Finale zeigt Kübler erneut seine Verwandlungsfähigkeit , wo natürlich Maskenbildner und
    Kostümdesigner das ihrige dazugetan haben.


    In die Inszenierung wurde auf Atmosphäre Wert gelegt, mit Akribie und Liebe zum Detail wurde die Story gestaltet,heitere Akzente gibt es genügend, sie sich jedoch niemals grell oder vordergründig.. Die Ton in Ton Farbgestaltung erzeigt zudem den Eindruck eines geschlossenen Ganzen. Die Bewegung der Charaktäre scheint an einigen Stellen choreografisch aufbereitet worden zu sein.



    Das Ensemble besteht aus versierten Mozart- und Rossini- Sängern und lässt kaum Wünsche offen. Weder gesanglich noch schauspielerisch. In dieser Inszenierung wurde auf
    „historische Treue“ und feine Klinge des Humors Wert gelegt – Klamauk und Skurilles wird man hier vergeblich suchen. Ich empfand die Aufnahmen als sehr vergnüglich, jedoch ein wenige „leiser“ als die Aufnahme aus Covent Garden.
    Wer das Werk jedoch noch nie gehört oder gesehen hat, dem empfehle ich diese perfekt in Szene gesetzte Aufnahme, da man hier das Werk offensichtlich so präsentiert bekommt, wie es die Autoren geplant hatten.


    Das relativiert keineswegs meine positive Kritik der Londoner Einspielung,
    sie ist für ein anderes Publikum gedacht, nämlich für Leute die diese Oper schon recht genau kennen, und „mal was anderes „ sehen wollen…


    In Kürze werde eine weiter Version des Werkes besprechen, eigentlich wollte ich mir das für „später“ aufheben – aber ich wurde heute um meine Meinung gefragt…


    Mit freundlichen Grüßen


    Alfred SCHMIDT
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